»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

25.3.

Thing is, it all seemed a bit far-off; the equipment was expensive and cumbersome, and hardly accessible to the majority of masturbators. Mit diesem schönen, vor allem auch die Zukunft, in der ich bereits lebe, konstituierenden Satz der Autorin Hannah Ewens, Jungredakteurin bei meiner Leib- und Magenseite vice.com, begann der besondere Tag, den ich ja eigentlich nicht mögen wollte, denn ich mag die besonderen Tage nicht.

Ich finde es schon eine Zumutung, wenn Sonntage sich da draußen so anders gestalten. Feiertage sind naturgemäß noch schlimmer in meinem Empfinden. Das ist, klar, asozial, aber ich will im Grunde keine Rücksicht nehmen, vor allem will ich halt nicht zu sogenannten Hamsterkäufen gezwungen werden. Das Landleben erzwingt diese aber, denn verhungern will ich ja auch nicht. Wütenden Herzens also zum Supermarkt. Die Zustände waren dort gestern früh, wie noch nicht einmal insgeheim befürchtet, milde chaotisch: Kaum war ich drin, fiel dem dorfeigenen Alkoholiker eine Flasche Rotkäppchen aus dem Korb. Wie es der Gattungsbegriff Schaumwein schon ankündigt, e x p l o d i e r t e das Glas und die tiefgrünen Scherben wurden auf Knöchelhöhe bis vor das Chipsregal gefegt. Aus der ecrufarbenen Lache stieg ein Duft auf, der mich an die Weinproben meiner Kindheit erinnerte; also die, die ich bezeugen musste, ohne leibhaftig an ihnen teilnehmen zu können. So war es nun kurzfristig wieder. Dann bezahlte ich.

Ich hatte beim Apfelsonderangebotsständer zugegriffen. In der formschönen und hübsch bedruckten Schale aus Pappe befanden sich unter der Vakuumfolie sechs Exemplare der Sorte Pink Lady, vor allem aber, und darauf hatte ich es eigentlich abgesehen, ein rätselhafter Gegenstand aus pinkfarbener Wolle, dessen Zweck zu ergründen mir den eigentlichen Anreiz zum Kauf dieser Packung geliefert hatte. Kaum Zuhause, packte ich aus. Die Äpfel: na gut, Äpfel eben. Ich esse so wenig Obst und Gemüse wie nur irgendwie möglich, weil ich die Ergebnisse ihrer Zubereitung meistens extrem unbefriedigend finde. Also der dabei nötige Aufwand steht doch in keinerlei Verhältnis. Finde zumindest ich. (Vermutlich gefiel mir auch aus diesem Grund dieser Satz von Hannah Ewens, wobei sie sich dabei auf die Masturbation mit VR-Sexbrillen bezog).

Andererseits kann man sich zwar, sollte sich aber nicht ausschließlich, von den extrem befriedigenden und leicht zuzubereitenden Traditionsgerichten Cornflakes mit Milch, Babybel, Cornichons, Laugenbrezelchen und/oder Frankfurter Würstchen mit Senf ernähren. Spaghetti mit Tomatensoße nicht zu vergessen. Da hat die Muse sehr recht möglicherweise, wie so oft wahrscheinlich, deswegen halt an Karfreitag Pink Lady, das klingt ja auch schon ganz anders. Vor allem: Seit wann gibt es Gimmicks seitens der Obsthersteller? Damit kriegt man mich halt verlässlich und schon. Bei besagtem Gegenstand handelte es sich um eine Art Socke aus synthetischer Wolle, die durch und durch hübsch gemacht war. Allerdings war mir der Anwendungszweck dieser Protosocke schleierhaft und das blieb auch so. Ringsum waren die Zeichen für I,♥️ und U eingestrickt (in Weiß), aber das half nicht eben viel weiter, um das Einsatzgebiet dieses flauschigen Beutels zu ergründen. Ganz oben, an der Mündung sozusagen, war zudem noch ein kleines Herz aus Kunststoff angestickt, in das Pink Lady graviert war. Das Rätselhafteste aber überhaupt an diesem ganz und gar rätselhaften Gegenstand war das Loch an seiner Seite. In Pink und Weiß umstickt, also gekettelt, befand sich dort eine Öffnung – wozu? Probehalber versuchte ich einen der mitgelieferten Äpfel in diese Socke einzuführen, denn da es auf der Packung nirgendwo einen Hinweis gab (und am Verkaufsständer ebenfalls nichts), worum es sich bei dem Gimmick handeln würde, war ich mittlerweile auf die für uns Wissenschaftler tradierte Methode des Trial and Error angewiesen. Wie die Dinge lagen, war die Protosocke jedoch derart eng dimensioniert, dass ein Einführen auch nur eines der mitgelieferten Äpfel zu seiner Gänze den kurzen Strickschlauch gesprengt haben täte.

Ein ganz kleiner Handschuh also? Das zumindest hätte geholfen, das magische Loch an der Seite zu erklären. Ich konnte mir aber keine Kinderhand vorstellen, die dort hineinpasste, ohne die unbegreiflich zierliche Gestalt des Gimmicks ebenfalls, zumindest bald, zu zerstören.
Auf der Website des Apfelherstellers pinkladyeurope.com wurde zudem eine speziell für Kinder erhältliche Kleinstzüchtung der Apfelsorte Pink Lady angepriesen, die, ja nun, eben kleiner ausfallen sollte und von daher, wie es dort hieß: »mundgerecht für die Kleinen«. Dazu reichlich Disneyfiguren.

Aber kein Wort von der Socke. Von daher sei mir der Rückfall verziehen (Ich heiße Joachim Joachim und ich bin schlimmstens süchtiger Foren-Voyeur), aber ich konnte nicht anders, als Siri zu befehlen, die Begriffe »Pink Lady« und »seltsamer Gegenstand« zu recherchieren.

Ich schenke diesen Cliffhanger Tilman Rammstedt, aber es ging dann exakt so weiter: Auf utopia.de hatte sich anscheinend seit Monaten schon eine Gruppe gebildet, die insbesondere die Natur, in diesem Falle eine Un-Natur, also die Künstlichkeit oder Synthetizität der Apfelsorte Pink Lady diskutierte. Die Ausschlusskriterien, weshalb diese Äpfel nicht zu den essbaren und von daher als gut gezählten Äpfeln genommen werden sollten, waren bizarr. Ein Beispiel:

»Ich versuche seit kurzem einer guten Freundin diesen Apfel auszureden. Sieht immer makellos aus, schmeckt immer gut und verdirbt extrem langsam. Da kann was nicht stimmen!«, findet ein User namens Eloy.

Ich weiß nicht, sind dies doch allesamt Gründe, die ich als Apfelfreund von einem Apfel fordern täten würde. Die Antworten darauf sind dementsprechend. Also eher dem Protestgestus entsprechend. Ich musste mich losreißen, verbrachte aber dennoch, klassisch bei Rückfall, extrem viele Sonnenstunden durch Scrollen in diesem Stream.

Was den Gimmick anbetrifft, so habe ich die rätselhafte Socke bisweilen neben die weiß-blaue Wedgewood-Platte gelegt, auf der ich die Äpfel aufbewahre. Sieht insgesamt sehr dekorativ aus. Bald ist ja Ostern. Wahrscheinlich war es sogar so gedacht.

24.3.

Im sechsten Kapitel seines Liebesbuches Er Roud el âater ip’nezaha el khater, zu Deutsch: Dem Duftenden Garten zur Erholung der Seele, erklärt Scheich Nefzaui die Bedeutung des Küssens und gibt zugleich technische Hinweise »Über Dinge, die der Liebe günstig sind«. Das Buch ist aus dem 16. Jahrhundert überliefert. Was er zum Unterschied zwischen Frauen und Männern, zur »Bekämpfung von Achselgeruch«, aber eben auch insbesondere über das Küssen schreibt, würde man heute nicht mehr so schreiben. Was schade ist. Weil es die Fantasie anregte, weil es einen nachdenklich machen kann sogar, über vielerlei Dinge und Sachverhalte übrigens, nicht ausschließlich übers Geküsstwerden und Küssen, sondern beinahe schon über das ganze eigene Sein, wenn er beispielsweise etwas so Schönes schreibt:

»Ohne Kuß gibt es kein Verfahren in der Liebe, das einen wirklichen Genuß verschafft, und was die Verfahren anlangt, bei denen es nicht möglich ist, sich während der Vereinigung zu küssen, so ist kein wirklicher Genuß darin zu finden, in Anbetracht dessen, daß der Kuß eines der stärksten Liebesreizmittel für den Mann wie für die Frau ist.

Ich dichtete folgende Verse:

Die schmachtenden Blicke
Setzen eine Seele mit einer anderen in Verbindung,
Und die zärtlichen Küsse
Dienen als Vermittler zwischen der gegenseitigen Liebe

Man behauptet, daß der Kuß einen wesentlichen Teil der Vereinigung bildet. Der beste Kuß ist der auf die feuchten Lippen gedrückte, mit einem Saugen an Lippen und Zunge. Diese kleine List bewirkt beim Mann ein Erbeben, das sein ganzes Sein durchläuft und sich durch heftigeres Erschauern kundgibt, als die durch Wein hervorgerufene Trunkenheit.

Ein Dichter hat gesungen:

Als ich sie küsste, trank ich an ihrem Munde
Wie das reich aufgezäumte Kamel an dem Wasserloch trinkt.
Ihre Umklammerung und ihres Mundes Frische
Verleihen mir ein tödliches Liebessehnen.«

So weit so sehr gut. Aber jetzt wird es umwerfend, ich wollte sofort Arabisch lernen:

»Der Kuß soll wohlklingend sein. Sein leichtes und lang anhaltendes Geräusch entsteht zwischen der durch den Speichel schlüpfrig gewordenen Zunge und dem Rand des Gaumens. Es entsteht durch die Bewegung der Zunge im Innern des Mundes und gleichzeitig durch die Verschiebung des Speichels, die das Saugen hervorruft.

Der auf die äußeren Lippen gegebene Kuß, der mit einem lauten Geräusch verknüpft ist, das demjenigen gleicht, mit dem man die Katzen ruft, bereitet keinen Genuß. Er ereignet sich nur, um Kinder und die Hand zu küssen.«

(Übersetzt von Jan-Pieter Hooft)

23.3.

Um die übliche Zeit aufgewacht, Stunde der Amsel, Zeit des grauen Lichts, und dann nach der Arbeit tatsächlich Sehnsucht verspürt, bei Markus Kaffee zu trinken. 45 Minuten in der S-Bahn, dann zehn Minuten den Hügel empor gestürmt, und ich war exakt zum Glockenläuten da, die Tür war schon offen: acht Uhr am Morgen, und aus der abgesenkt gelegenen Küche schaut zufällig Frank mir entgegen - »Ja, hallo!«, dann streckt auch Markus seinen Kopf ins Sichtfenster, es ist so, dass mir die Tränen kommen, aber das darf jetzt nicht sein, denn es war ja schließlich meine Entscheidung, aufs Land zu ziehen und von daher auch weit weg von Markusens Einflussbereich, aber es tut gerade sehr gut, mal wieder in der Stadt zu sein. Und der Kaffee ist so hervorragend, wie ich ihn in Erinnerung behalten hatte.

»Sag, hast du meine weißen Hosen noch und die 80 Schachteln Streichhölzer mit dem Aufdruck von Ronja von Rönnes Romantitelbild, die ich bei euch vergessen habe?«

»Klar«, sagt Markus und dann bringt er das alles aus diesem unergründlichen Backstage, das es in seinem Betoncafé eben auch noch gibt und es fehlt zwar eine Hose, aber Katharina, die später dazukommt, ist sich sicher, dass die noch irgendwo bei ihnen zu Hause rumliegt und dann hole ich die eben ein andermal ab, wenn ich wieder in der Stadt sein werde. (Und ich schenke Katharina 75 Schachteln Streichhölzer für ihr Geschäft und behalte selbst fünf als Souvenir).

In der Stadt.

Und dann kommt Anne und wir reden ganz kurz übers Geschäftliche und dann fragt sie nach der Natur meiner Anreise, ich sage: »Kaffee, ich hab doch bloß Nespresso zu Hause«, aber natürlich hat sie Recht: Es ist vor allem eine Art von Liebesbeweis für Markus. Und sie gibt mir einen USB-Stick und sagt: »Schau dir doch beizeiten mal bitte mal diesen irre tollen Film an, ich verstehe den nicht ganz.« Und ich schaue ihn mir später an, aber ich verstehe auch nicht, worum es dem Regisseur bei diesem Film gegangen sein mag, obwohl er, dieser sein Film also, The Lobster heißt. Vermutlich wäre das exakt gleiche Drehbuch mit exakt diesen Darstellern von Wes Anderson verfilmt ziemlich gut. Ziemlich wahrscheinlich sogar.

Ich kann mir keinen Kuss vorstellen, der lang genug ausgeführt wird, oder innerhalb seiner Dauer intensiv genug empfunden, um tatsächlich das transportieren oder injizieren zu können, was sich der Küssende gewünscht hat. Ein Liebesbeweis kann doch nur eine Gedächtnisstütze bleiben, er wird aussagen: Schau, mehr bleibt mir nicht an Mitteln, um dir, meiner Geliebten, meinem Geliebten, andeuten zu können, was du mir bedeutest vor dem Hintergrund der faktischen Welt. Dies alles, gleich wie angenehm oder verführerisch, gleichwohl wie schön oder wie glitschig, wie hinreißend, soll auf der Matrix der Liebe, die in Wahrheit unendlich sich nach allen Dimensionen hin sich ausdehnen sollte, winzlingshaft, geradezu unbeholfen wirken. Auf dieser Matrix sollten wir beide als unbedeutende Punkte erscheinen. Derart winzig, von daher so eng beieinander, dass wir aus der Perspektive der Matrix, also aus Liebe heraus betrachtet, erscheinen werden als ein einziger Punkt

22.3.

Früh am Morgen, während auf dem Baum vor meinem Fenster noch die Amsel sang, hatte ich das Haus verlassen und war erst entlang der Schnellstraße, dann durch den Wald an den Strand gelaufen. Im grauen Licht Muscheln aufgesammelt für das Forschungsprojekt der Muse. Es gibt nicht viele, es sind entweder Süßwassermuscheln, deren Außenseiten in hellen Beigetönen quer gestreift sind und auf der Innenseite zeigen sie eine dünne Schicht Perlmutt, oder winzige Miesmuscheln, so klein wie der Fingernagel meines kleinen Fingers und noch kleiner teilweise. Von denen nehme ich nur eine einzige mit - als Objekt der Anschauung und weil hier die Schale nicht harmonisch aufgewölbt ist, sondern dreieckig zu den Kanten hin verläuft, jeweils ausgehend von der unmuschelig scharfen Kante eines Mittelgrates. Während ich da am Ufer hin und her ging, mich ab und zu bückte, setzte nah am Paravent eines diese kleine Bucht umgebenden Gebüsches ein Mann im Neoprenanzug die Seile und übrigen Bestandteile seines Drachensegels zusammen. Später, ich stand gerade an einem Zaun, der die Brutgebiete der Wasservögel im Schilf vom öffentlich zugänglichen Teil des Strandes abschirmt, und ließ in meiner Tasche die Muscheln klappern, da sauste er weit draußen auf dem See durch mein Blickfeld. Es hatte zu regnen begonnen, aber der auffrischende Wind war genau das, worauf er gewartet hatte. Er hielt sich auf einem kurzen Surfbrett aufrecht und ließ sich von dem Segel über die Wasseroberfläche ziehen. Der Wind war so laut, dass sein Surfen geräuschlos wirkte, und elegant. Er fuhr einfach immer hin und her. Der See ist ja auch nicht gerade groß.

Zu Hause machte ich mir dann Notizen für eine Novelle. Darin sollte es um die Stunde der wahren Empfindung gehen, also um diese Momente, die dazu geführt hatten, dass Salah Abdeslam sich dazu entscheiden konnte, sich nicht zu sprengen, sondern zu desertieren und weiter zu leben. Das einzige, was mir dazu einfiel, waren die Grillwalker aus Berlin, die als Marketender der Deutschen Nationalmannschaft im Stade de France durch die Ränge gehen und Rostbratwürste anbieten. Und Salah Abdeslam bittet um solch eine Wurst, vertilgt sie, und auch weil er vorher Haschisch geraucht hat, kommt ihm das exotische Aroma der Thüringer einfach bloß himmlisch vor. Es ist der Wohlgeschmack der Bratwurst, der ihn zur Vernunft bringt. Er spürt Lebenslust, vor allem will er noch viel mehr davon: Würste, aber auch von allem anderen. Er schaut sich nach dem Bruder um, um ihn ebenfalls am Genuss dieser Würste teilhaben zu lassen, aber der ist in der jubelnden Menge verschwunden.

Losgehen würde die Novelle mit dem Erwachen der Brüder in einem Doppelzimmer in der Rue de Navarin. Bilder einer Überwachungskamera zeigen die kleine Straße. Alles ist leer und an der Fassade des Hotels, in dem die Brüder geschlafen haben, steht in schönen Neonbuchstaben »Amour«. Sie waschen sich, dann beten sie. Das Frühstück im kleinen Restaurant des Hotels würde relativ ausführlich geschildert, weil damit der Wendepunkt der Geschichte, der ja durch die Bratwurst ausgelöst wird, symbolisch vorbereitet würde. Den Brüdern werden Radieschen serviert, comme d’habitude in diesem Hotel, und sie diskutieren diese Radieschen, die von außerordentlich guter Qualität sind, das dazu gereichte Brot ebenfalls extrem gut, und an den Radieschen sind die Blätter noch mit dran, sauber abgewaschen, all das gefällt ihnen gut. Das Tischgespräch dreht sich dann, nachdem die Radieschen aufgegessen sind, noch um ein Poster, das dort an einer Wand hängt. Darauf sind lauter berühmte Künstlernamen untereinander gereiht und jedem dieser Namen ist ein Stilmittel zugeordnet, das dieser Künstler geprägt hat und das seitdem ihm gehört - zumindest steht das dort in einer immerselben Formulierung auf diesem Plakat, also: »Margiela owns white« beispielsweise, »Yves Klein owns blue«, »Georg Baselitz owns upside down«, »Vermeer owns Light« und so weiter. Es wird keine einzige Künstlerin aufgezählt. Sie zahlen das Zimmer, gehen hinauf, um sich vollends anzukleiden, und verlassen das Haus.

21.3.

Riesige, wahrlich riesenhafte Enttäuschung beim Anlesen eines beinahe ganzseitigen Vorabdrucks des so lange schon angekündigten Größten Romans aller Zeiten meines absoluten Lieblings-Schriftstellers Maxim Biller in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Gegen Sexszenen als solche habe ich ja rein gar nichts, ja, ich halte sie sogar für die Extremkür des Gewerbes, aber derart schlecht - beziehungsweise: Solchen Judenkitsch will man doch echt nicht vorgehalten bekommen am Gerichtshof der toten Künstler (also ich speziell bitte nicht!!!).

Ich spare mir hier die insbesondere und sogar für Maxim Biller selbst peinlichen Zitate aus diesem »Entwicklungs-, Liebes-, Künstler-, Familien-, Wende-, Spannungs-, Heimat- und Holocaustroman Biografie«, den er da verfasst hat. Gute Nachrichten gibt es aber auch, denn das iPad Pro hat eine Split-Screen-Funktion und endlich kann ich verkrampfungsfrei Interviews von Youtube abtippen, beispielsweise halt das von Maxim Biller aus dem Jahr 1996, als er zum beinahe allerersten Mal bei Harald Schmidt zu Gast war.


HARALD SCHMIDT
Meine Damen und Herren, jetzt kommt ein Mann. Er war vor – vier Wochen, glaube ich, hier, Anfang Juni, mit seiner jungen Frau, die er kurz zuvor in Las Vegas geheiratet hatte. Heute, wir haben es ganz am Anfang gezeigt: große Schlagzeile »Scheidung nach vier Wochen!« Wie ist sowas möglich? Exklusiv vom Ehemann selbst: der Tarzanbericht. Herzlich willkommen, Maxim Biller!

(Applaus)

Ich weiß gar nicht, ob ich dich so fröhlich begrüßen kann. Wie ist denn deine Stimmung?

MAXIM BILLER
Gut. Ziemlich gut.

HARALD SCHMIDT
Wirklich?

MAXIM BILLER
Ja, ein bisschen erleichtert, was?

HARALD SCHMIDT
Inwiefern erleichtert?

MAXIM BILLER
Na ja, so eine Ehe ohne Ehevertrag ist ja immer ein Pfad ins Ungewisse. Und ich hatte schon so meine Probleme, nachts und so.

HARALD SCHMIDT
Inwiefern?

MAXIM BILLER
Na, wenn ich so überlegt habe: Wie geht das alles weiter und so. Es war ja so, wir kannten uns ja erst nur im Urlaub. Wir kannten uns ja vorher nicht. Ich bin nur mit ihr in den Urlaub gefahren, die Sonne schien - im Gegensatz zu hier. War alles wunderbar und so, wir sind die ganze Zeit nur schwimmen gegangen, ganz spät aufgestanden morgens, und Fun gehabt, Disko und so. Ja, und das war eben auch alles ziemlich lustig, aber als ich dann nach Hause gekommen bin, und das Alltagsleben losgehen sollte - ich war gerade dabei, einen neuen Roman zu verfassen -, da wurde das alles so ein bisschen enger.

HARALD SCHMIDT
Wir haben den Ausschnitt! Falls sie die Sendung am 13. Juni nicht gesehen haben, da haben wir das Thema schon ein Mal angesprochen. Ich meine: Im ersten großen Verliebtsein ohne Ehevertrag geheiratet - wir zeigen noch kurz den Ausschnitt, als Maxim Biller am 13. Juni hier war. Bitte!

(Videoeinspielung)

Harald Schmidt
Ist die Liebe so groß, so wahnsinnig, dass ihr keinen Ehevertrag habt?

Maxim Biller
Wir haben keinen, stimmt.

Harald Schmidt
Heißt das, wenn die Frau nach vier Stunden feststellt, man hat sich auseinandergelebt: Ist dann die Hälfte des Vermögens weg?

Maxim Biller
Nee. Dann ist das eine Kurzehe, dann war das ein Joke. Und dann muss man nichts zahlen.

Harald Schmidt
Aber wir sollten gar nicht so reden, wo die Liebe noch so frisch ist!

(Ende der Videoeinspielung)

MAXIM BILLER
Harald, du hast prophetische Fähigkeiten. Das wusste ich gar nicht.

HARALD SCHMIDT
Ja, ich meinte vier Stunden, es waren dann vier Wochen - jetzt: »Kurzehe«, »ein Joke«, »man muss nichts zahlen«. Ist das wirklich so?

MAXIM BILLER
Ein bisschen was zahlen muss ich bestimmt. Ich hoffe, nicht so viel. Aber ich meine, wenn man es locker sehen würde: Das war die Sache mir echt wert. Das war ja eine attraktive Frau. Ich meine: Die sieht hübsch aus und so. Und das war am Anfang auch echt toll. Nur als dann das ganz normale Leben anfing… ich muss unheimlich viel arbeiten, und das ging einfach nicht. Ich mache meine Literatur, wollte morgens eben schreiben und sie meinte: »Spiel jetzt mit mir«!

HARALD SCHMIDT
»Lass uns was unternehmen«?

MAXIM BILLER
Ja, sie wollte eben beschäftigt sein. Und ich konnte das einfach nicht. Also ich wollte schreiben, und das dauert eben auch ein bisschen. Und ich stehe da natürlich auch ein bisschen unter Leistungsdruck immer - nein: beruflich. Beruflich! Literatur ist mir einfach sehr wichtig, und das hat einfach nicht zusammengepasst. Weil sie, also: Ich hatte mir das ein bisschen anders vorgestellt.

HARALD SCHMIDT
Hast du mal versucht, mit ihr darüber zu reden? Also: »Schatz, wie wäre es, wenn Du mal vor 14 Uhr aufstehst«? Das steht ja heute in der Zeitung. Ist das so?

MAXIM BILLER
Also alles, was da heute in der Zeitung steht, ich kann’s ganz ehrlich sagen: Das stimmte total. Das wurde total richtig wiedergegeben, das habe ich auch gesagt. Aber nur das Problem ist, wenn ich zum Beispiel am Arbeiten war oder so, vergisst man ja auch so ein bisschen was drumherum. Und ich wollte dann mal ein bisschen was zu essen haben oder so. Wenn dir deine Frau dann sagt… Weißt du: Wenn dir deine Frau dann sagt: »Fahr ins Nachbarsdorf und hol‘ Dir was zu essen«…

HARALD SCHMIDT
Ja, stimmt. Da hört der Humor einfach auf.

MAXIM BILLER
Man könnte es auch abwandeln. Manche sagen ja: Liebe geht durch den Magen. Aber wenn du nie was zu essen kriegst, wird es echt eng irgendwie.

HARALD SCHMIDT
War es so, dass du zu ihr gesagt hast »Jetzt reicht’s«, oder ist sie von sich aus abgehauen?

MAXIM BILLER
Nein, es war so, ich dachte, abends würde sie kommen…

(Mega-Applaus)

MAXIM BILLER (contnd)
…nach Hause kommen! Also ich hatte gedacht, sie würde abends nach Hause kommen! Ja, ich lag dann abends um zwölf Uhr im Bett und habe gewartet, dass meine Frau jetzt endlich nach Hause kommt, und da sagte sie »Schatzi, hast du schon in den Schrank geguckt?«, und das tut man ja nicht, normalerweise. Und da waren gar keine Kleider mehr drin. Und da war sie also in der Zwischenzeit ausgezogen und da dachte ich: Na ja, wenn sie auszieht, dann reiche ich eben die Scheidung ein.

HARALD SCHMIDT
Das sieht aber doch nach einer Sache aus, die juristisch noch ein bisschen - läuft das schon über Anwälte?

MAXIM BILLER
Ja, klar.

HARALD SCHMIDT
Du musst ja dann, glaube ich, auch als Ehemann den Anwalt der Frau bezahlen.

MAXIM BILLER
Das macht besonders viel Spaß!

HARALD SCHMIDT
Und was kann da an Kosten auf dich zukommen?

MAXIM BILLER
Ja, ich hoffe möglichst wenig. Ich hoffe ja, dass wir wenigstens Freunde bleiben.

HARALD SCHMIDT
Das hältst du für möglich! Hältst du das für möglich?

MAXIM BILLER
Wir haben uns am Anfang ganz toll verstanden. Und ich hoffe, wie gesagt, dass man ein bisschen wenigstens befreundet bleibt. Ich meine, klar, von mir aus: auf alle Fälle.

HARALD SCHMIDT
Und jetzt stand in der Zeitung auch, deine ehemalige Freundin sei wieder zu dir zurückgekommen und würde wieder bei dir wohnen. Ist das richtig?

MAXIM BILLER
Sonst wäre ich ja ganz alleine jetzt.

HARALD SCHMIDT
Die hat das so weggesteckt. Die wurde ja auch ziemlich schnell abserviert, und -

MAXIM BILLER
Stimmt überhaupt nicht! Ich hab sie damals angerufen und… Ich meine, ich habe mich damals sehr fair verhalten. Ich habe gesagt: Komm‘ ich geb‘ dir erstmal ‚ne Wohnung, ich geb‘ dir Geld, damit du auskommst - also, damit du dir keine Sorgen machen musst. Wir sind eben seit sieben Jahren sehr gut befreundet auch. Sie ist wirklich mein Freund auch.  Und als ich sie angerufen habe und sagte: Ich brauche jetzt irgendwie auch jemanden, der sehr zu mir steht, und bei mir ist und so, weil so lustig ist das ja auch alles nicht - ja, und dann also da sie mich noch ganz gerne mag, ist sie gleich zu mir gekommen und hat mich eben getröstet.

HARALD SCHMIDT
Das ist aber eigentlich eine große Leistung von ihr!

MAXIM BILLER
Finde ich auch. Ja. Das werde ich ihr auch nie vergessen.

HARALD SCHMIDT
Wirklich?

MAXIM BILLER
Wirklich.

HARALD SCHMIDT
Bis zur nächsten Heirat, oder wie? Das ganze dauert jetzt sicherlich. Wie ganz normale Ehepaare, die sich nach dreißig Jahren oder so scheiden lassen, müsst ihr ein Trennungsjahr machen?

MAXIM BILLER
Nein, das hoffe ich eben nicht. Ich hoffe, das geht ganz schnell jetzt über die Bühne.

HARALD SCHMIDT
Ja.

MAXIM BILLER
Weil ich will jetzt auch wieder ledig sein, und frei sein und so. Und ich hoffe, das mit der Scheidung geht jetzt ganz schnell.

HARALD SCHMIDT
Ich drücke dir wirklich in beider Interesse die Daumen. Dass es sauber abläuft und auch einigermaßen kostengünstig.

MAXIM BILLER
In Zukunft werde ich das so machen wie du.

HARALD SCHMIDT
Sei vorsichtig!

MAXIM BILLER
Ich werde das so machen wie Du. Du bist jetzt mein großes Vorbild, Harald.

HARALD SCHMIDT
Wirklich? Jeden Tag zur Arbeit gehen und immer was auf die Seite legen, ja? Ich finde es klasse, dass du hier warst. Alles Gute, mein Lieber.
Tschüß…
Viel Erfolg!

20.3.

Am Nachmittag war Anne gekommen und hatte in einer weißen Schachtel zahlreiche Arten von Kuchen mitgebracht. Einer davon sah aus wie eine rosa Kugel und Anne sagte: »Ich esse die alle auf.«

Später dann standen wir unten am Steg und bewegten uns ganz vorsichtig, doch die Enten hüpften trotzdem in den See. Wir schauten aufs Wasser, das nun dunkelblau schien in der Weite und wenn man direkt vor sich nach unten schaute, durchscheinend gelb und Anne holte ihren Lippenstift raus, während sie sagte: »Morgen wird es den ganzen Tag lang regnen«.

Ich habe zwei Regenzeiten in Addis Abeba überstanden. Selbst wer schon einmal den Monsun erlebt hat, wird sich kaum vorstellen können, wie deprimierend die Regenzeit in Äthiopien ist. Sechs Wochen lang Regen, vom Sonnenaufgang bis in die Nacht. Das klingt zwar irgendwie machbar, aber dazu kommt noch folgendes: Wenn es dabei warm ist - okay; wenn das Bett zumindest warm hält - genug; wenn es Strom gibt, so dass man Musik hören, sich einen Tee machen, Licht zum Lesen anknipsen, Geräte aufladen kann. Wobei: wozu Geräte? Es gibt ja noch nicht einmal Telefon.

Jetzt habe ich all das und zudem alles im Überfluß: Enten, Strom, Netz, Wärme. Es gibt kaum eine schönere Nachricht zum Frühlingsanfang für mich als: »Heute wird es den ganzen Tag lang regnen.«

19.3.

Im letzten Teil seines Liebesbuches führt José Ortega y Gasset den wahnsinnig schönen Gegenstand einer Saugpumpe ein. Das heißt, sein Übersetzer tut es. Ich kann kein Spanisch und besitze von diesem Buch auch nur eine deutsche Ausgabe. Es war 1933 zuerst in der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart erschienen – »vor der spanischen Buchausgabe«, wie es im Vorsatz heißt.

Er schreibt: Daher trägt jede Verliebtheit den Keim einer Besessenheit in sich. Sich selbst überlassen, steigert sie sich automatisch bis zur äußersten Möglichkeit. Das wissen die ›Eroberer‹ beider Geschlechter sehr gut. Ist die Aufmerksamkeit einer Frau einmal durch einen Mann fixiert, so ist es diesem sehr leicht, all ihre Gedanken zu erfüllen. Es genügt das einfache Spiel des Haltens und Lassens, des Verwöhnens und Vernachlässigens, der Gegenwart und Ferne. Das Auf und Ab dieser Technik wirkt wie eine Saugpumpe und entleert sie schließlich von der ganzen übrigen Welt.

Im anschließenden Kapitel »Verliebtheit, Ekstase und Hypnose« wird es noch irrer. Johannes vom Kreuz wird zitiert, der gepredigt haben soll: darum befahl Gott, daß der Altar, auf dem das Opfer dargebracht wurde, innen hohl sein sollte, damit die Seele begreife, wie leer von allen Dingen Gott sie wünscht!. Um dann, man merkt es kaum beim Lesen, derart freundlich und auch mit angenehm sonorer Stimme wird es einem erzählt, die Verscheuchung der Dinge vom Altar des Herrn mit der Saugpumpe zusammenzudenken. Die Liebenden saugen sich gegenseitig den Verstand ab, um jeweils im Bewusstsein des anderen Platz füreinander zu schaffen. Nicht etwa nur für sich, auf dass der vom einen Besessene nur noch an den anderen denken müsste; füreinander. José Ortega y Gasset argumentiert, dass es sich bei Liebe nicht um einen Zustand handelt, sondern um ein beständiges Quellen und Überfließen: Die Seele fühlt sich beunruhigt und zart verwundet durch einen Stachel, der sich vom Objekt her auf sie richtet. Eine solche Anstachelung hat also eine zentripetale Richtung; sie kommt zu uns vom Objekt her. Aber der Liebesakt beginnt erst nach der Erregung, besser: Reizung. Aus der Wunde, welche der aufreizende Pfeil des Objekts geöffnet hat, quillt die Liebe und wendet sich aktiv dem Objekt zu; sie bewegt sich im umgekehrten Sinn wie der Reiz und wie jeder Wunsch. Sie geht vom Liebenden zum Geliebten – von mir zum anderen – in zentrifugaler Richtung. Dieser Charakter, sich seelisch in Bewegung zu befinden, auf dem Weg zu einem Objekt, dies unaufhörliche innere Hinwandern vom eigenen Sein zu dem des anderen, ist der Liebe wesentlich.

Das würde man heute anders schreiben. Manchmal geht es auch um physische Vorgänge und dann ist von einer dritten Hirnkammer die Rede, oder von Säften. Überhaupt kann man heute kein Buch mehr über die Liebe finden, in dem es nicht um Hirnfunktionen und Hormone geht. Die meisten davon habe ich zumindest durchgesehen, aber wirklich weiter ist die Forschung und insbesondere die Philosophie noch immer nicht. Von daher fand ich es zum einen verständlich, dann aber schon auch superdämlich, als im Stream von der Buchmesse gestern diese Moderatorin in der gelben Lederjacke (auf einem blauen Sofa!!!) Johanna Adorján fragte: »Und, Frau Adorján, jetzt, nachdem sie dieses Buch geschrieben haben, sind sie eine Expertin für Liebe und anverwandte Fragen?«

Was hätte sie da sagen sollen – klaro, fragen sie mich ruhig, ich weiß jetzt Bescheid?

Die Antwort war viel besser, denn selbst Helen Fisher weiß ja in Wahrheit noch immer gar nichts. Also lächelte Johanna Adorján und sagte, dass die Liebe ein Rätsel für sie ist.

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