»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

23.12.

Am Hauptbahnhof, dessen bis weit in die Kuppel hineinragender Weihnachtsbaum in diesem Jahr einen eigenen Hashtag hat (in der Anfangszeit des Hauptbahnhofes bestand die Attraktion des damals schon imposanten Baumes jahrelang in seiner Geschmücktheit mit den Glaskristallen von Swarovski), ließ sich zu meinen Füßen ein Star nieder, der sich auf das Aufpicken der vor dem panasiatischen Imbiss dort zu Boden gepurzelten Reiskörner spezialisiert zu haben schien. Seit neuestem gibt es dort auch einen würfelförmigen Container aus Pressholzplatten, der von der Deutschen Bahn an wechselnde Beitreiber sogenannter Pop-up-Konzepte verpachtet werden soll. Den Anfang macht, in der Weihnachtszeit, die Filiale einer Systemgastronomie, die sich auf Haferschleim mit diversen Toppings spezialisiert hat (die kleine Schale für 3 Euro 50, eine Banane zum Mitnehmen kostet 80 Cent). Der Haferschleim wird mit dem Attribut des Handgemachten beworben – was sich doch eigentlich von selbst verstünde: von Robotern gerührt would raise a brow. Aber dergleichen Gedanken verbat ich mir zwar nicht, erstickte aber deren Fortgang haferschleimhaft in ihrem Keim, da ich mir die vorweihnachtliche Stimmung nicht selbst noch verderben wollte durch ein galliges Denken, dessen ungestüm überschießende Variante ich am Morgen in einer unangenehmen, weil auf peinliche Weise als unnötig empfundenen Kolumne im Feuilleton hatte zur Kenntnis nehmen müssen. Dort war es um Locomore gegangen, beziehungsweise also gegen das mir sympathische Unternehmen einer zweiten Bahnstreckenbewirtschaftung auf der Strecke zwischen Stuttgart und Berlin et vice versa. Was es dagegen zu sagen gibt? Nun, nicht eben viel, aber das lässt sich verdünnen (absichtlich vermeide ich eine Konnotation zum handgecrafteten Pop-up-Schleim, um nicht in ein ähnliches Fahr»wasser« zu steuern, aber ziemlich ungefähr so). Nach einigem Hin und Her, vor allem aber Her, schloss der Verfasser dieser Zeilen mit seiner Prognose, dass die von ihm als alternativlos empfundene Deutsche Bahn und so weiter, beziehungsweise Locomore sowieso und genau bald schon wieder pleite gegangen und vorrüber sein wird wie ein Spuk. Unterzeichnet mit einem Kürzel, das mir nichts sagte. Seinen Ansichten zufolge handelte es sich dabei um einen entweder unendlich alten oder noch viel zu jungen Menschen. Was ihn zum Hass auf Locomore und vor allem auf Einhörner angestachelt haben könnte, blieb somit schleierhaft. Nachdenklich geworden, zerteilte ich beim Warten auf meinen ICE einen Apfel, warf, da es die Zeit der Barmherzigkeit war, einer dahergehüpften Taube ein Stück vom Kernhaus hin, dessen Samenkörner sie geschwind herauspickte, den Rest aber verschmähte und an der Bahnsteigkante liegen ließ.

Diese, die Bahnsteigkante, wurde am Bahnhof von Wolfsburg, wo man ja viel zu selten innehält, vom Künstler Daniel Buren, einem Franzosen, in ein Kunstwerk verwandelt. Man liest das zunächst auf einem Hinweisschild, dann sucht man etwas und schließlich konnte es gar nichts anderes sein, als dass die weißen Streifen, die, diagonal zum Verlauf der Bahnsteigkante gesetzt, dort auf ganzer Länge des Bahnsteiges verliefen, also dass sie es waren, die aus dem Bahnsteig nun einen Träger oder auch schon einen Teil des Kunstwerkes Daniel Burens gemacht hatten. Im weihnachtlich geschmückten Fensterchen des Bahnaufsichtsgebäudes klebte ein Fahndungsplakat in Din A5 auf dem der Attentäter auf den Weihnachtsmarkt von Berlin gesucht wurde. 100.000 Euro Belohnung für Hinweise. Zwei Sternchen, zwei Disclaimer. Mit in diese Collage hinein war erschienen das blau leuchtende Symbol der Volkswagenwerke. Die drei Schornsteine waren rötlich angestrahlt über dem schwarzen Wasser des Mittellandkanals.

Ich war wider Willens in Wolfsburg gestrandet, wie es heißt, da mein Zug von Berlin nach Hannover in kurzer Zeit bereits so viel an Verspätung akkumuliert hatte, dass es dem Zugchef als zu riskant erschienen war, noch den Anschlusszug von Hannover aus erreichen zu wollen. Damit war meine Platzreservierung für die Weiterfahrt perdu. Immerhin aber, so hieß mich der Zugchef des in Wolfsburg einlaufenden ICE nach Basel willkommen, würde ich nun überhaupt mein gebuchtes Ziel noch erreichen. Außer mir waren nun allerdings noch viele, viele andere Umsteiger wider Willens an Bord und es hob sich der Vorhang sozusagen über einem Tanztheater, das allweihnachtlich auf den südwärts führenden Strecken in engen Röhren aus Blech seine Aufführung findet, während die Bühne selbst mit bis zu 230 Kilometern pro Stunde durch Deutschland rast. Im Stehen, die Hoffnung auf einen der Sitzplätze am Boden hatte ich aufgegeben, lauschte ich der Musik aus meinen Kopfhörern, Carrot Rope von Pavement, die mir die Szenerie mehr als angemessen, geradezu vorteilhaft zu untermalen schien und tat. Und schon nach wenigen Stunden lief unser train of fools in den heiligen Hallen des Frankfurter Bahnhofs ein. Draußen war es beinahe Nacht.

Noch wurden die Hochhäuser im Nebel des herrlich milden Klimas verborgen.

22.12.

Das Spätwerk Mark Rothkos lässt sich ganz ordentlich mit Bügelperlen rekonstruieren. Jedenfalls beschloß ich dann nach einigen Stunden mikroskopischer Bastelei, dass es ganz ordentlich geworden sei. Gerade wenn man zur Detailverliebtheit neigt, besteht beim Arbeiten mit Bügelperlen die Gefahr, sich zu verpuzzeln (dabei hatte ich die Abmessungen des Originals von 2,3 Metern mal 1,75 Meter bereits im Maßstab 3:1 geändert, schließlich musste ich es ja noch einwickeln und dann vor allem noch mit der Bundesbahn transportieren).

Heute früh besah ich mir das Ganze dann noch einmal und war leider nicht ergriffen. Das, was an den Gemälden Rothkos reizend ist, das Brummen der Farbfelder, geht bei der Übersetzung in das Medium der Bügelperlen anscheinend kaputt. Was aber wohl nichts mit der Verkleinerung des Formats oder der Abbildung einer Abbildung zu tun haben wird (ich habe selbstverständlich nicht von einem Original abgebastelt, ich kenne leider niemanden, der einen Rothko besitzt), weil die Postkarten mit Abbildungen aus dem Spätwerk Mark Rothkos brummen auch. An den Bügelperlen an sich kann es kaum liegen. Wenn Kinder mir Reklame von Ingeborg Bachmann darbringen, aufsagenderweise, ergreift mich das auch. Oder die Mondscheinsonate auf dem Klavier. Aber ob sie dann selbst davon gerührt werden? Ich kann mich leider so gar nicht mehr daran erinnern, wie das war (unzählige Auftritte in Schultheaterstücken, Gedichtvorträge vor der ganzen Klasse, Referate und das Stellen der Frage »Willst du mir mir gehen«: Es wird alles gelöscht). 

21.12.

Yalda, die Feier der Wintersonnenwende (in einem Schaltjahr fällt sie auf die Nacht vom 20. auf den 21. Dezember): Heute ist der kürzeste Tag in diesem Jahr (weil diese Nacht die längste war). Lang und leuchtend, mit einem roten Blinklicht hinten drauf, zieht ein Personentransporter über den See. Keiner drin bei 55 Sitzplätzen. Mahlendes Rauschen des Straßenverkehrs von der Brücke her, von der Autobahn weit dahinter, als Echo aus den Wäldern ringsum.

Was habe ich gemacht an dem Spezialtag dieses Schaltjahres 2016, am 29. Februar? Da wohnte ich wohl noch in der Stadt, war gerade aus Cagnes-sur-Mer zurückgekehrt, hielt mir zwei Hummer und dachte über Rezepte gegen Liebeskummer und Vermissen nach. Ganz praktisch, so ein Tagebuch. Noch interessanter wird es freilich dann in zehn oder noch mehr Jahren nachzulesen, was ich vor zehn oder noch mehr Jahren an einem bestimmten Tag gedacht habe. Jetzt schon kommt mir einiges davon wie von fremder Hand geschrieben vor. Und wird für mich dadurch erst interessant.

Erik, der mich gestern anrief, schreibt derzeit an einem Tagebuch des Jahres 2012, das er auf Kalendereinträge gestützt aus seinen Erinnerungen zu konstruieren sucht. Es hat mit seinem Leben heute, 2016, nur noch wenig zu tun, oder ganz viel – im Moment rekonstruiert er aus seiner Perspektive in der dunkelsten Phase des Winters 2016 die Tage im Sommer 2012. Und sagte, gestern: Ich nähere mich jetzt dem Tag, als wir uns in Weimar trafen. Ich freue mich schon darauf, seine Beschreibung unserer Begegnung lesen zu können, an die ich, wie es mir gerade erscheinen will, nur noch einige standbildhafte Erinnerungen habe (aber wenn ich damit anfinge, die aufzuschreiben, fielen mir noch mehr und andere, auch falsche Erinnerungen, beziehungsweise ungenaue, und dazu gedichtete, Wunschvorstellungen und Geschöntes ein; das Sprunghafte der Erinnerung würde umflossen von erzählerischen Notwendigkeiten, erzeugt durch Erklärungsbedarf, aber auch durch Formvorstellungen; obwohl ein Tagebuch vor allem die wesentlichen Ereignisse enthalten sollte, dazu noch Sonnenstand, Windgeschwindigkeiten, Korrespondenz). Wenn das dann alle oder viele so machten, wäre man – also ich zumindest – viel beschäftigt, bei anderen nachzulesen, wie vielfältig ein Tag, an dem man selbst zwei Hummer kaufte und ansonsten Suppe aß und die Waschmaschine lief im Hintergrund, von anderen erlebt worden war. Also gedanklich vor allem. Wie in der tollen Schlussszene in dem Film von Wim Wenders, wo ein Paar in einer Höhle lebt und seine Träume mit einem Traumvideorekorder aufzeichnen lässt, die sie sich nach dem Aufwachen auf Bildschirmen, die auf der Innenfläche von Skibrillen montiert sind, vorführen lassen. Entweder die eigenen, oder die des anderen, das geht aus der Inszenierung nicht klar hervor, bleibt selbst traumartig, wahrscheinlich handelt es sich dabei um ein mise en abyme.

Ein zweites Projekt von Erik besteht aus kiloweise Zinn, das er in einem Kupferkessel schmilzt und dann in ein eigens konstruiertes Abkühlbecken auskippt. Und das immer wieder und immer wieder von Neuem, bis er in dem schockhaft erstarrten Zinn eine Figur erkennen wird, die ein für ihn akzeptables Sinnbild seiner Zukunft darstellt. Im Galerieraum sollen dann die möglichweise extrem zahlreichen Mutationen und frühen Formen seiner Zukunft nebeneinander ausgestellt werden. Die reine Gestalt seiner Zukunft dann natürlich auf besondere Weise hervorgehoben präsentiert (auf einem Sockel, angestrahlt, in einem eigens hierfür hergerichteten Raum o.ä.)

20.12.

Gestern, es war schon kurz vor 16 Uhr und das Café beinahe geschlossen, schaute ich noch bei Markus vorbei. Wenn er sich freut, dann glänzen seine Augen immer noch einmal besonders schön. In der Küche wurden gerade die letzten Pfannen in die Geschirrspülmaschine geräumt, die Tische alle noch besetzt mit Gästen, die, so schien es, einfach nicht nach Hause oder weiter wollten, obwohl die Tassen längst ausgetrunken waren. Erschöpft, aber glücklich, alles verkauft, was zu essen vorbereitet worden war. Wir sprachen über die spezielle Stimmung kurz vor den Festtagen, wenn alle sich noch einmal mit allen treffen wollen, im Notfall auch nur kurz, gerade so, als ob dann nicht bloß ein Jahr zu Ende ginge, sondern das letzte aller Jahre überhaupt.

Gut wäre es, meinte Markus, wenn es so eine Zeit der Milde auch noch im Sommer gäbe; wenn, wie in Frankreich oder Italien, einfach so gut wie alles für ein paar Wochen lang zumachte wegen allgemein verordneter Ferien. Dann entstünde auch im Sommer so eine alle und alles umfassende Stimmung der Losgelöstheit vom Machen und Müssen. In der Illusion, dass das sogenannte Leben nicht einfach immer weitergeht. Sondern neben Tiefen auch wirkliche Höhen enthält. Und erzählte mir dann noch von seinem Forschungsaufenthalt bei einem Fischzüchter am Chiemsee, mit dem er vor dem Morgengrauen in einem Boot aus verchromtem Stahl in die Dunkelheit gefahren war: Nach dem Sonnenuntergang blieben die Nebel auf dem Wasser liegen, und, so Markus, er bekam die Energie des Ortes zu spüren, wo schon im Jahre fünfhundertirgendwas ein Kloster errichtet worden war, das es heute noch immer gibt. Dahinter die Berge. Und damals schon Dunkelheit und dann Nebel auf dem See. Spiritualität.

Auch Orte wollen dann noch ein letztes Mal im Jahr besucht werden. Auf dem Heimweg kam ich am Souterrain vorbei, da war es längst dunkel und der Platz, auf dem ich so oft und lange dann immer auch gesessen hatte, war frei, als sei in seinem Buch für ihn nichts anderes vorgesehen. Ich unterhielt mich dort mit Wolfgang Ullrich über die Galerie als Tatort, und ihm war eine Folge von Der Alte eingefallen, in der das vorgekommen war. Und wie von allein kamen wir nach ein zwei diesbezüglich ausgetauschten Nachrichten dann auf die Möblierung der Wohnungen von Siegfried Lowitz und Horst Tappert als Kommissar Derrick zu sprechen, wie unterschiedlich die eingerichtet und vor allem unterschiedlich aufgeräumt die inszeniert worden waren. Man könnte beispielsweise einen Tumblr machen mit den Screenshots aus sämtlichen Szenen, in denen die Kommissare beim Wohnen gezeigt worden waren. Und diesen Tumblr, so Wolfgang Ullrich, dann zusätzlich bestücken mit den Abbildungen aus den historischen Versandhauskatalogen, in denen diese Möbel der Filmwohnungen angeboten worden waren. Könnte man alles machen. Man könnte noch so viel.

19.12.

Wetter weiterhin scheußlon. Gestern ist nichts passiert. In den wachen Stunden, von denen es nur wenige gab, mit radio.garden auf dem Erdball herumgefahren und in die Radioprogramme hineingehört. Die anzapfbaren Stationen werden als grüne Punkte dargestellt. Man bewegt eine Zieloptik drüber und wählt dann das jeweilige Programm aus (die Website verbindet sich mit dem jeweiligen Stream). Radio Sada aus Damaskus verbreitet Bestlaune. Da läuft nonstop diese Musik aus meinem Friseursalon. Der Sri Lankesische Greisenkanal Gold FM sendet Weihnachtslieder im Calypsorhythmus. Aus dieser (lauschenden) Vogelperspektive auch Interessant: Afrika, der Radiokontinent. Wäre auch sehr schön, wenn es das mit Fernsehsendern gäbe. Also wenn man die fremdartigen Einfälle und Dialoge aus anderen Kulturen sich mit befremdetem Blick beäugen könnte. Im Tatort kam gestern eine ferngesteuerte Schneeeule vor. Desweiteren: Stromausfall in Frankfurt (Hackerangriff) und ein explodierender Learjet. Der an der Unterlippe gepiercte Startupmillionär wohnte in einem Bungalow direkt am Main, im Hintergrund das apfelweinglasförmige Gebäude. An den Sichtbetonwänden seiner Wohnung hingen gleich mehrere fixed gear bikes. Vor dem Panoramafenster eine in Nagellacktönen lackierte High-End-Stereoanlage. Als der Kommissar ihn um eine Hörprobe bat, schaltete der ein bluesig grundiertes Gegniedel an, woraufhin beide schlangenhaft sich an der Glasscheibe auf und ab bewegten wie Go-go-Boys. Allerdings ohne die Einstellung, wo man von außen her gefilmt zu sehen bekommt, wie sie mit ihren Zungen diese Fensterscheibe ablecken. Dafür kam dann auf der Weihnachtsfeier im Kommisariat noch ein Pulp Fiction-Zitat. Huiuiui! Na ja, some like it halt hot.

18.12.

Nichtsahnend eingeschlafen und im denkbar schlechtesten Wetter wieder aufgewacht: Himmel hinter grauen Wolken nicht zu erkennen, nackte Bäume, dazu Regen, dessen Tropfen von einem laschen Wind gegen das Fenster zur Seeseite hin geschlenkert werden. Mit einer Lustlosigkeit, die direkt ansteckend wirkt auf mich. Ich würde gerne sofort weiterschlafen, kann aber leider nicht. Dürfen schon.

Sofort erste Regungen eines schlechten Gewissens, weil ich gestern kein einziges Mal draußen gewesen war. Dafür habe ich die lichten Stunden des Tages damit verbracht, in dem Tagebuch von René Kemp zu lesen, das Marc Degens mir empfohlen hatte. Ausgerechnet in einem Tagebuch, und das auch noch im Internet! Das hätte ich auf heute verschieben sollen, als ideale Schlechtwetteraktivität. Und gestern dafür irgendwas mit Draußen und natürlichem Licht. Stattdessen auch noch Telefongespräche. (Wobei die ja in den letzten Tagen vor Heiligabend immer besonders schön werden, weil alle dann so milde gestimmt sind; oft auch noch betrunken von der letzten Weihnachtsfeier, oder schon wieder, auch schon wieder am hellichten Tag, ganz einfach weil das halt geht, möglich ist und erlaubt in der Weihnachtszeit. Was mir gar nicht fehlt, sind Weihnachtsscherze. Bei Rainald Goetz riefen vor 18 Jahren um diese Zeit noch andauernd welche an und riefen »Ja ist denn heut‘ schon Weihnachten« ins Rohr, weil das in einem Werbespot für E-Plus Franz Beckenbauer so aufgesagt hatte, mit seinem damals schon debil wirkenden Christbaumkugelgesicht und es in der Ära Harald Schmidts en vogue war, irgendwelche Werbefritzen, oder sich verhaspelnd habende Außenreporter, ironisch zu zitieren – quasi als Vorform eines Memes im Internet.)

Ich kenne, das fiel mir gestern während eines dieser Telefonate ein, gar keine ironischen Menschen mehr. Und empfand das als eine Wohltat. In der mir gemäßen Form, dem epischen Präteritum.

17.12.

Abschied von Daniel, dem Künstler, dessen Zeit nun um ist, er fliegt zurück nach Los Angeles. Ich kann mir kaum vorstellen, ihn dort einmal zu besuchen. Das eine Mal, das ich dort war, fand ich es zwar ganz schön, aber auch mit viel zu viel Autofahren verbunden. Die Stadt ist, textlich gesprochen: zu lang. Auch Daniel überlegt angeblich, aber aus anderen Gründen, nach Berlin umzuziehen. Und wie um ihn zu locken, gab es hier gestern ab neun Uhr bereits das idyllische Winterlicht wie auf den Fotografien von Philip Lorca Dicorcia*: auf der einen Straßenseite liegt alles im Schatten und dort ist es kalt, gegenüber sieht man alles angestrahlt vom Sonnenschein.

Auf dem Weg in die Stadt saß ich mit dem Rücken zu zwei Schülerinnen, deren Gespräch ich belauschte. Sie diskutierten den Fall dreier Mitschüler mit roten Haaren. Woher das wohl kam, ob da eine Absicht dahinter zu vermuten ist, dass es ausgerechnet in ihrer Klasse gleich drei davon gab, wo doch, so die eine nach Recherche bei Wikipedia: nur drei Prozent der Weltbevölkerung mit roten Haaren geboren würden. Gerade das, so die andere, machten die Rothaarigen aber in ihren Augen attraktiv: weil sie selten sind. Zum Abschied fragte die eine, was die andere denn werden wollte später einmal: »Schauspielerin oder Autorin«. Das kam prompt. Sie hatte es sich anscheinend gut überlegt.

Und als ob der Tag nicht noch schöner werden könnte, wurde er es natürlich dann doch noch. Indem zuerst ein Mann mit Querflöte Hallelujah von Leonard Cohen spielte. Ganz ungewöhnlich, denn auf dieser stadteinwärts führenden Linie trat das ganze Jahr über immer und, wie meine Mutter zu sagen pflegt: »so sicher wie das Amen in der Kirche«, das immerselbe Trio auf, aus einem Trompeter, einem Trommler und dem Kleinen, der die Soundbox an und dann halt leider nicht mehr abstellt, die auch immer nur das immerselbe Lied zu bieten hatten: Hit the road, Jack. Was ich beim ersten Mal noch amüsant gefunden hatte, so von wegen themenbezogen (road/Schiene), dann aber ab dem zweiten, dritten und immer so weiteren Mal gar nicht mehr.

Dann Friseur, Licht immer nur noch schöner, ich wusste, das gibt einen Hammersonnenuntergang. Besah mich im Spiegel und sah dort einen anderen Aspekt meiner Person mit jeweils einem Wattestäbchen aus jedem Loch in Ohren und Nase ragen, während sich der ägyptische Greis mit einer Weihnachtsmannmütze auf mit meinem Nacken beschäftigte – schnipfelnderweise. Als ich erwachte, hatte er mir die Frisur unserer Bundeskanzlerin verpasst. Aber da mir alle drei Friseure im Salon Marwan, auch Marwan selbst, also vor allem er, glaubhaft versichern konnten, dass die mir stünde, war ich zufrieden. Mal was anderes. Und vor dem Radioempfänger ahnt niemand, dass du die Frisur der Bundeskanzlerin trägst. Was anderes, auch hinsichtlich des Programms im Hause Marwan, wo gestern freilich Hochbetrieb herrschte, und am Ende sehen alle Männer, egal wie alt, wie groß, wie dünn dann idealerweise gleich aus von ihren Frisuren her. Das geht so weit mit dem identischen Look, der im Salon Marwan mit einer beinahe schon industriell zu nennenden Präzision hergestellt wird, das einer, der sich dort gestern vor dem Spiegel posierend handvollweise Haargel in die briketthafte Tolle schmierte, von seinem Freund zur Ordnung gerufen wurde, mit dem freundschaftlich gemeinten Ordnungsruf aller Ordnungsrufe: »Hör auf damit, Bruder, Du siehst wie ein Neunzigerjahrekanack aus!«. Der einzige, der da nicht mitlachen konnte, war der kleine Vogel, der in seinem Käfig still auf seinem Platz hoch oben auf dem Kühlschrank saß. Seit neuestem ist nämlich sein Käfig mit Frischhaltefolie umwickelt. Gefragt, weshalb, erklärt Chef Marwan gerne, dass der Vogel zu viel und heftig mit den Hirsekörnern um sich schmisse, weswegen er nun diese Hirsekornrückhaltefolie um den Käfig zu ziehen angeordnet hat.

Dann so das Übliche, auch Berlin ist ja zu lang, aber das Studio, in dem die Radiosendung stattfand, war im sechsten Stock mit Blick über das Kanzleramt bis weit in den Westen (sogar der abgebrochene Turm der Gedächtniskirche und der weiß beleuchtete Mercedesstern aus Christiane F ragten ins Bild). Und während ich dort in ein Mikrofon der Marke Neumann sprach, ging dann auch die Sonne unter. Und übertraf noch meine Vorstellungen davon, wie es werden könnte. Wie beinahe immer. Wie an jedem Morgen, wie an jedem Abend, egal wo. Und vielleicht lag es an Frauke Petry, die währenddessen im Erdgeschoss vor Journalisten und Fotografen auftrat, vielleicht war aber auch noch etwas anderes los. Auf jeden Fall stand hoch am Himmel ein Hubschrauber und regte sich nicht auf der Höhe seiner Wacht. Dann färbte sich alles olivgrün ein und in der Weite zeigten sich letzte bunte Streifen. Hatte Daniel alles bestimmt nicht haargenau so mitbekommen. Aber es spielte zumindest in seine Überlegungen hinein, höchstwahrscheinlich.

Für Daniel Joseph Martinez

*»Moments cut loose from a narrative«

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