»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

31.5.

Ein zu allen drei Seiten bis oben hin gekachelter Raum – alles in Blau, auch der Boden: Gar nicht so schlecht als Bühnenbild für Ghetto und Greise. Das Publikum würde, abwechselnd, mit den Düften von Waldbeeren-Shisha, Chlor, frisch gemähtem Rasen und warmer Sonnenmilch angeweht. Dazu Dichtergespräche im Elysium.

APHEX TWIN: Schon Alexander von Humboldt hat gesagt, dass man sich vor den Weltbildern fürchten soll bei Menschen, die ein Weltbild haben, aber die Welt selbst noch gar nicht gesehen.

WASH&GO: Ich hab mir jetzt das teuerste Handy gekauft, was es gibt auf der Welt.

LÖFFEL: Und, wo is‘?

WASH&GO: Net dabei.

Sieht natürlich gleich wieder supergut aus, in der schönen Schrift gesetzt und mit den Rollen und so fort. Aber es müsste halt schon noch irgendwohin führen. Ich weiß auch schon wohin. Zum Fischstein natürlich. Am Fuße des Mahnmales dort für die alte BRD auf dessen Gipfel in schönen silbernen Lettern steht HAUS DES STRASSENVERKEHRS. Drei Greise saßen dort auf einer Bank beim letzten Mal, biertrinkend, vorgestern Abend, als es schon hieß, man müsse sich beeilen, denn das Hitzegewitter sei gleich soweit. Man kann dort, von der Bank vor dem Fischstein aus, bis zu den blauen Zacken des Taunus schauen. Dort dräute es dunkel. Und die Rückseiten der Holunderbuschblätter zeigten sich silbrig. Daheim blitzte es dann auf der Hausener Seite des Bildes noch stundenlang träge vor sich hin. Dazu die Schwalben, wild entschlossen. Erst sehr viel später, als wir die Drohung schon wieder vergessen hatten, fing es zu regnen an.

Meanwhile in der großen Stadt Berlin hingegen: aber hallo! Das wird es freilich geben, eine richtig schöne, klassische, ganz traditionell in den Text hineingearbeitete Mauerschau. Die glücklichen Greise erhalten Lieferungen. Sie erfahren also, dass es in Berlin zu Überschwemmungen gekommen war währenddessen. Von Feuerwehreinsätzen in den Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain-Kreuzberg, derentwegen die Bahnen nur äußerst unregelmäßig verkehren zwischen Hauptbahnhof und Ostbahnhof. Es kommt im Verlauf des Nachmittages noch zur Ausrufung des Ausnahmezustandes.

GHETTO

Und immer so weiter und immer so fort. Als ich nach Hause heimkehrte nach langer Irrfahrt ans Ende der Ghettowelt, atmeten die Fliesen im Badezimmer (nicht blau!) noch die Wärme aus von einer Reihe von sonnigen Tagen. Es roch nach Hitze. Man erinnerte sich daran. Es gibt Bewohner der Innenstädte von Frankfurt, aber auch in Berlin sicherlich, die glauben, dass sich in ihrem Innenhof ein Kuckuck angesiedelt hat. Aber sie missverstehen dann lediglich das Gurren der Tauben. Deren Gurren hört sich, das gebe ich zu, wenn die Windrichtung stimmt und es drumherum still ist, auch irgendwie nach einem Kuckucksruf an — also wie man sich den halt vorstellt, wenn man schon längere Zeit keinen veritablen Kuckuck mehr rufen gehört hat (live oder vom Band). Ich aber sage euch: Ein Kuckuck hört sich in Wahrheit und in der Wirklichkeit noch einmal ganz anders, noch verblüffend viel kuckuckshafter an. Klarer. Eindeutiger. Bezwingender somit auch. I can’t believe it’s not butter!

Oh doch, it is.

Er ruft aber nur in der Abendzeit.

30.5.

Auch weil ich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung saß, die Stadt vor dem Fenster, die Türme wurden kleiner und kleiner, kam es mir bald so vor, als könnte ich das im Freibad Erlebte dort zurücklassen und es bliebe dort alles so, wie mit einer Pausentaste angehalten, bis zu meiner baldigen Wiederkehr. Am Tisch gegenüber saß ein agiler Greis im blauweiß karierten Hemd mit kurzen Ärmeln, die Klimaanlage dieses Großraumwagens war ausgefallen, zunächst wurde es vertuscht, dann wurde stilles Wasser verteilt, dann eine rasche Evakuierung des betroffenen Wagens, unserem, über Lautsprecher angeordnet; wieso, wozu, das wurde nicht verraten, weshalb im Hintergrund bald Streit ausbrach unter denjenigen, die sich weigerten, ihre angestammten Sitzplätze aufzugeben – es war ja auch nicht »viel zu warm« – und den, nun, da sie einen klaren Befehl erhalten hatten, diesen gnadenlos exekutierenden Stewards und auch Stewardessen der Bahn, eine davon fackelte schon mit rotem Absperrband. Hier bei uns allerdings, die wir uns um den agilen Greis herum geschart hielten wie um ein flackerndes Lagerfeuerchen in finsterer Nacht, herrschte noch Frieden, denn auch wenn sich die Jüngeren dafür nicht eigens die weißen Stöpsel aus den Ohren gezogen hatten: Wir lauschten doch alle seinen Geschichten. Theodor Heuss hatte er noch persönlich gekannt.

Draußen zeigte sich indes ein wenig appetitliches Bild einer Landschaft unter verwaschenem Himmel mit diesigem Licht. Von daher dachte ich liebevoll an den gestrigen Nachmittag, als wir dort unter dem herrlichen Blau und konkret dort unter dem Sonnensegel vor dem Kaffeebüdchen einen wunderbar anzuschauenden Mann kennenlernten, also im Grunde lediglich beobachteten, aber dabei lernten wir ihn eben auch kennen, bloß er uns halt wahrscheinlich eher nicht, und dieses einseitige Erlebnis seiner Person war auf unserer Seite, die ja eine gemeinsame ist, derart wirkmächtig und von dieser Wirkung her stark, dass wir uns mehrfach in aller Stille anstupfen mussten gegenseitig, so schön war das Bild, das er uns anzusehen gab. Mit freiem Oberkörper, comme d’habitude, der unter anderem einen imposanten Brustkorb hatte, auf dem Kopf hingegen einen Fischerhut mit einem Muster ganz ähnlich wie Gucci, verzehrte er in rascher Folge eine Bratwurst und dazu zwei fleischsalatschachtelgroße Plastikschachteln gefüllt mit Auberginenpaste; hauptsächlich mit einem Löffel, teilweise benutzte er auch das mit der Bratwurst gelieferte Brötchen zum Auswischen dazu. Das ging zackzack, aber wer die Betreiber des Kaffeebüdchens, es sind Griechen, kennt, der wird dieser Leistung den ihr gebührenden Respekt zollen, denn diese Auberginensalat genannte Paste ist eine ziemlich ölige Angelegenheit. Danach gab es noch Kaffee und einen mit Quark und Rosinen gefüllten Blätterteigstrudel. Sagenhaft. Nach einem kurzen Aufenthalt im Schwimmbecken kehrte dieser Löffelgreis schon wieder zurück, um mit den Freunden Biere zu trinken. Ganz zufällig, weil wir uns da gerade in der Nähe aufgehalten hatten, bekamen wir einen Fetzen der dabei sich entspinnenden Unterhaltung mit. Ein anderer, der einen in ein hübsches Grün verwaschenen Fischerhut mit eingerollter Krempe trug, auf dem das Werbeschild besagte Wash & Go, tat kund: »Ich hab‘ mir jetzt das teuerste Handy gekauft, das es gibt auf der Welt.«

Da brauchte es eigentlich nicht den Anblick jenes monumentalen Mannes, der quer über beide Schulterblätter »Frankfurt« tätowiert hatte. Wobei der Schriftzug nur von Weitem oder flüchtig angeschaut in Frakturbuchstaben sozusagen gesetzt worden war. Wer näher hinsah, so wie wir, erkannte: Die Schriftzeichen waren aus blitzscharf geschliffenem Klingenstahl. Und damit noch nicht genug. Sogar noch lange nicht, denn um den Hals hing ihm, ebenfalls tätowiertes Trompe-l’œil, eine Kette aus bockstarken Gliedern bis auf den Bauch herab, daran schien zu baumeln ein Medaillon von Flavour-Flav-Dimensionen, darauf ward geprägt ein ihm liebes Antlitz (seiner Mutter?).

Schon klar, in dem Fall war es aber halt wirklich so, dass seinem Freunde dort die Füße in zwei Badelatschen steckten, auf deren Zehentunnel in kupferfarbenen Straßsteinchen jeweils das Wort Ghetto appliziert war.

Ghetto und Greise: Wie geht das zusammen? Im Freibad entsteht diese utopische Welt. Auch extrem Dicke, die man auf Reisen im Zug oder per Flugzeug nie zu Gesicht bekommt, weil sie schon lange nicht mehr in die Sitze passen: Im Freibad genießen sie das Wunder der Schwerelosigkeit im gechlorten Blau. Und dürfen dort auf den Schattenbänken wie hingegossen schambefreit snacken wonach ihr Herz begehrt. Weil alle dort das tun: rasten, snacken, schlafen, schwimmen, Blödsinn verzapfen, Schachspielen – und am nächsten Tag wieder von vorn. Auf dem Badelaken sind alle Menschen gleich. Sogar der eine, der wie der frühe Aphex Twin ausschaut und tatsächlich Alexander von Humboldt zitiert. Auf der Herrentoilette beim Händewaschen. Ich war dabei. They came from the stars, I saw them.

Großes Mitgefühl mit Eva und Adam. Wenigstens hatte dann Jens Riewa beim Verlesen der Nachrichten sein schlumpffarbenes Jackett an. Farblich nicht wirklich abgestimmt auf seine blauen Moderationskarten. Und dazu die blau in blau karierte Krawatte. Das komplette Ensembleu naturallement vor blauem Hintergrund. So konnten wir wenigstens noch am Bildschirm im magischen Blau des imaginären Schwimmbeckens schwelgen. Ein gar nicht mal so schwacher Trost. Und von dem Flimmern dort ging es hinüber in einen anderen Traum.

29.5.

Zwei Tage lang hatte die Stadt unter dem Joch von 30° Celsius gelegen. Am Samstag hatte ich, auf meinem Rückweg vom Erzeugermarkt, eine längere Pause einlegen müssen auf dem schattigen Streifen vor dem Café Plank, aber außer mir selbst und der Bedienung, die es im Inneren des aus Sandstein gemauerten Hauses noch etwas angenehmer hatte, war dort auf der Kreuzung von Münchner und Moselstrasse, wo es an allen anderen Samstagen bisher, vor allem im Winter, so belebt wie nur irgendwo hergegangen war, nichts los. Theoretisch war mir das klar, aber nun hatte ich es in der Anschauung vor Augen geführt: Heroinkonsum und Hundstage vertragen sich nicht.

Dann, als ich schlurfenden Schrittes, gerade so, als hätte ich selbst am lahmlegenden Saft der Schlafmohnkapsel genippt, die dritte Etappe meines Heimweges angebrochen hatte, kam ich weiter vorn auf der Moselstrasse in das temporäre Freiluftbüro eines Telefonshops, dessen Besitzer sich einen auf Rollen montierten Chefsessel in den Schatten vor seinem Geschäft hatte fahren lassen, um dort noch vor dem Eingangsbereich zu seinem Laden Anbahnungsgespräche mit potentiellen Kunden zu führen, als dieser gerade sein Ohr einem wie wild schwitzenden Mann sozusagen lieh, der immer wieder von neuem den goldenen Satz auszusprechen sich nicht nehmen ließ: »Ich habe ein halbes Gramm gedrückt«. Und alle dort schauten sie wie gelähmt auf die Fassade des gegenüber gelegenen Eros-Schlösschens, an dessen gutbürgerlich ausgeformten Spitze weit oben sich ein Türmchen befand, das nun mit einem Geröllfanggitter eingewickelt worden war. Der sogenannte Elefantenrüssel, eine aus ineinandergesteckten Eimern gebaute Röhre war installiert und die unsichtbaren Schuttladungen brandeten dort hindurch in einen Container, aus dessen rostiger Klappe dann in Schwaden der Staub quoll. Für die Zuschauenden im Freiluftbüro ward dies zum schönen Sinnbild geworden für die Möglichkeiten einer Aktivität an jenem Maienmorgen.

Wehmütige Erinnerung an all die herrlichen Sommer meiner Kindheit und Jugend, die, in meiner Erinnerung natürlich, sämtliche genau so bullenheiß, wie es dort hieß, und prächtig gewesen waren. Als Sinnbild dieser Sommer sehe ich dann immer einen einzelnen Stuhl vor mir mit einer Sitzschale aus orangefarbenem Kunststoff, die durchlöchert war, sodass im Schatten dieses Stuhles auf dem steil bergan führenden Trottoir längs der Forststrasse im Stuttgarter Westen ovale Sonnenflecken lagen. Der Stuhl stand dort vor einem Geschäft, in dem es Bananen gab, aber auch eine Kühltruhe mit Stieleis und eine auf den Tresen gesetzte Vitrine mit belegten Brötchen, die damals freilich noch ganz anders waren als heute, also ohne Salatblätter, auch ohne Tomatenscheiben, ohne Saucen, sondern lediglich mit den einmalig frischfarbenen Scheiben einer rosa Wurst, die dort Lyoner genannt wird, Fleischwurst in Frankfurt und im Rest von Deutschland Kinderwurst. Oder mit einem Blatt gelben Käses. Saures Gürkle optional.

Von daher brachen wir dann in der Frühe nächsten Tages auf, um über eine Brücke hinter das Messegelände zu gelangen, um nach einer anfallsartigen Episode postmoderner Architektur in das in einem duftenden Holunderhain gebettete Hausen zu gelangen, wo es das schönste Freibad gibt. Dort war der Rasen stellenweise noch kühl und feucht vom Tau und die Planschgeräusche aus dem sprungturmlosen Becken ließen sich verhalten an. Doch gleich am Eingang hatten schon am großen Tisch mit den aufgedruckten Schachfeldern die herrlichsten Greise ihre Plätze eingenommen. Mit freien Oberkörpern, comme d’habitude, die über ihren prächtigen Leibern straff gespannte Haut mit Tiroler Nussöl auf seidenmatten Glanz poliert. Als Anführer konnten wir mühelos einen bestimmen, der zum noch üppig straff gebürsteten Silberhaar auf seinem Kopf eine dazu farblich abgestimmte Brille trug, und um den faltenfreien Nacken eine Muschelkette, die ihm etwas Hawaiianisches verlieh. Ein veritabler Player in jedem nur denkbaren Sinn. Er spielte freilich simultan sowohl gegen den sogenannten Vize, einen herrlichen Koloss mit rotem Schildmützchen, auf dessen Front ein Blitz mit dem charakteristischen Schriftzug für das Elektrolytgetränk Gatorade Werbung machte. Auf dem zweiten Brett spielte er in rascher Folge gegen die ständig wechselnden, da von ihm blitzhaft Schachmatt gesetzten Novizen, die sich den gesamten Tag über anstandslos in einem Gänsemarsch vor dem Tisch der Wundergreise bewarben, um dann ihr Glück im Spiel auf die Probe stellen zu dürfen. Die kurzen Pausen absolvierten diese Alten Meister freilich unter dem Sonnenzelt gleich bei der Frittenluke, wo eine Freiluft-Cafeteria die interessantesten Persönlichkeiten von Liegewiese, Schattenbank und eben Schachtisch zueinander führte. Dort herrschte, bei Kakao und Schöfferhofer aus der Flasche, eine souverän entspannte Atmosphäre unter Gleichen wie ich sie sonstwo vielleicht gerade noch am Club 55 in Saint-Tropez beobachtet hatte.

Die von mir vermissten Brötchen, delikat gerade in ihrer Schlichtheit, sie waren leider Gottes auch dort, im ansonsten aufs angenehmste von konservativen Vibes geprägten Freibad von Frankfurt-Hausen längst abgeschafft. Auch wurde, was mich schon verblüffte, verblüffend wenig bis gar kein Apfelwein konsumiert. Dafür gab es dort so ziemlich alles andere zu sehen und zu belauschen, was mir den Sommer zur liebsten Phase im Jahreskreisel macht. Einige meiner Studien sind aber noch nicht abgeschlossen. Von daher zieht es mich erneut dorthin.

27.5.

Von jeder Pflanze wollen wir wissen können, wie sie heißt. Doch was ist mit den Industriegebäuden? Gefällt mir eines gut, zum Beispiel im Vorübergehen oder -fahren, oder wie vorgestern, als wir am Abend noch im Strandbad Griesheim, am Mainufer dort unter der Eisenbahnbrücke gesessen hatten, durch Beobachtung, Anschauung, ganz einfach, weil es mir unnahbar (in jenem Falle durch den Strom des Flusses zwischen uns) bleibt, ich aber später schon noch wissen will, wie denn die stille Dame, der verstockte Herr, also um wen es sich gehandelt hatte. Und im Falle Griesheim und im Gegensatz zu Damen, Herren oder Pflanzen: was dort im Inneren hergestellt?

Ein Kraftwerk war es sicher nicht. Obwohl dort auf dem Dach des Hauptgebäudes zentral ein feister Schlot, gedrungen, durch die Decke ging. Davor aber ein Bottich, von seinen Ausmaßen her im Klärwerksformat, dafür bloß einer, wohingegen für ein Klärwerk braucht es deren zwei (getreu dem Spruch im Lutherjahr: »Wenn zwei von Euch Bottichen in meinem Namen auf einem Grundstück beieinander stehen, dann bin ich, ist Euer Klärwerk hier«). Es half alles nichts. Zudem die Fassade von Bottich wie Bau in den mutmaßlich Achtzigerjahren mit einer pudrigen Grafik nach Fernand Léger besprüht worden war; perfiderweise in genau den Pastelltönen und sogar exakt solchen Farbverläufen, wie wir sie dann an jenem Frühsommerabend am Himmel hoch über Griesheim bei schwindendem Tageslicht erkennen konnten. Es handelte sich bei dieser Fassadenbemalung also um eine saisonale Camouflage?

Und die hatte sich wer ausgedacht? Die Mume ja wohl nicht. Wobei: Auch den zweiten Tag verbrachte ich nahezu ununterbrechbar auf meinem Beobachtungsplatz, um ja keinen der raren Momente zu verpassen, in denen sich dieser seltene Vogel auf dem benachbarten Balkon zeigen würde. Und dafür, für meine in unermesslich vielen Stunden der Bläßhuhnbeobachtung geschulten Zähigkeit in Sachen Ausdauer und Geduld, wurde ich über den Lauf des gestrigen Tages hinweg auch dementsprechend belohnt. Nämlich reichlich. Und in der Üppigkeit nur mit der legendären Traube aus Kanaan noch zu vergleichen, die immerhin damals, laut Luther, von zwei Juden geschultert werden musste, so groß war die mit süßen Beeren überreich besteckte Staude. Wobei die Menschen halt damals auch noch nicht so groß gewachsen waren wie heute. Als legendenfähiger Maßstab könnte da dies Beweisfoto dienen, das die Axel Springer AG vorgestern vom Besuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten A.D., Barack Obama, beim CEO der Aktiengesellschaft, Mathias Döpfner, zeigte: Obama, auch von der Hautfarbe her, aber vor allem halt auch körpergrößenmäßig als Platzhalter für die von Luther beschriebenen Einwanderer an der Grenze Kanaans, Döpfner hingegen: ganz heutiger postlutherianischer Phänotyp, der in der Bibel nicht mehr beschrieben ward. Die mythische Traube selbst war freilich nicht mit abgebildet worden, aber man kann sie sich dazudenken. Oder mitten hinein.

Gut, aber was also geschah mit und um die Mume herum? Ich zitiere aus meinen handschriftlichen Aufzeichnungen: »Am Ende des Tages wurde fuhrenweise Sperrmüll im Hinterhof zerlegt, dass es nur so krachte (wenig überraschenderweise). Die Mume saß abseits auf einem Hocker, der ihr dorthin gebracht worden war. Vom Balkon herab hielt ihre Enkelin im säulenförmigen Kleid aus Batist, vielleicht war es auch ein Gobelin – auf jeden Fall ein in Vergessenheit geratenes und infolgedessen auch ungebräuchlich gewordenes Material –, die Verbindung zwischen der häuslichen Feuerstelle und dem Schauplatz des Geschehens – einer zerlegerischen Leistung! –, indem sie in der unverständlichen Sprache hin und wieder dort hinunter rief. Die Mume selbst, es war auch mit des Fernrohrs Hilfe nichts weiter zu entziffern, reagierte auf diese Rufe nicht.

Uns Übrigen, der Hinterhof ist ziemlich weit, die wir des Bulgarischen nicht mächtig waren, blieb davon lediglich der Ohrenschmaus. Und vom Zerspahnen der Sofagarnituren drang schon bald ein feines Rieseln bis an unsere Ohren hinauf, als deren Füllmaterialien sich auf den Zementbelag des Innenhofes ergießend zu verflüchtigen drohten, wie um zu flüchten vor den Schlächtern dieses Sofamonsters, das sie bis eben noch beherbergt hatte. Die Häscher der Sofagarniturenauspolsterungsfüllmaterialien freilich hinterher.

Sie suchten ihr Heil in der Flucht!

Wie aber waren diese Bulgaren hierher nach Frankfurt gelangt? Was trieb sie an? Auch hier wiederum, beziehungsweise: Erwies sich meine ursprüngliche Faszination für diese Dame, die vorzugsweise in Grün oder halt gleich ganz in Lila auftrat, von sozusagen schlafwandlerischer Treffsicherheit geleitet. Jahrzehntelange Erfahrung in der wenig vermittelbaren Kunst der Recherche haben mich sensibilisiert in meiner Fähigkeit zur Ahnung. Genau so war es nämlich: Die Mume stellte für viele solcher Rätsel den Schlüssel dar.

Und deshalb schweigt sie derart beharrlich und viel.«

Nachts fuhren wie so oft die hinfälligen Lastwägen vor, um die Früchte der zerlegerischen Leistung aufzuladen. Man kennt die Hersteller dieser Fahrzeuge nicht. Kein Autoquartett enthält ihre Karten. Teilweise waren die ausgeschlagenen oder -schossenen Scheinwerferhöhlen mit Kerzenlichtern besteckt. Blakend, natürlich.

25.5.

Die Frau mir gegenüber hatte sich in eine Ausgabe von Zeit Wissen vertieft, auf deren Titel stand »Wie komme ich voran«, was dann freilich, wir saßen uns in einem Abteil im ICE nach Frankfurt am Main gegenüber, der fullspeed, also mit mehr als 200 km/h durch die leere Landschaft flog, insgesamt ein lustiges Bild ergab. Es war kurz vor halb neun am Abend, das Fensterglas ward gefüllt mit zwei Dritteln Schlachtschiffgrau oberhalb und einer zittrigen Lache aus Blattgold über dem Grund.

Stunden später, da war es längst dunkel, stieg ich aus der klimatisierten Büchs‘ auf den Bahnsteig herunter in das leicht schwüle, vielleicht nur mich an tropische Gefilde erinnernde Lüftchen, von dem ich angeweht wurde, das Leuchten der Türme um Mitternacht und die ein ums andere Mal aufs Neue verblüffend großen Mengen Sperrmüll, die hier in den barocken Gässchen und Gassen der Frankfurter Innenstadt ihrer Abholung harrend vor den Haustüren liegen. Der Spätverkauf hat schon geschlossen, vor der Tür stehen dort zahlreich die letzten Kunden im Dunkeln, ich kann nicht einmal mehr ihre Augen erkennen, es sind Silhouetten, sie unterhalten sich leis‘. Und all dies wird gerahmt oder gefasst von dieser Kulisse aus glitzernden Türmen, die nicht einfach bloß schweigsam sind, sondern majestätisch wirken. Das nächtliche Frankfurt: ein majestätisches Bild.

Am nächsten Morgen sitzt die Mume auf dem Balkon, mitsamt ihren Röcken, im Gesicht eine Sonnenbrille, darüber drei Kopftücher in Smaragdgrün, in Saphir, Quartz und artverwandt kostbaren Farben, sie sieht aus wie Sun Ra. Dem Licht der aufgehenden Sonne hält sie ihre flachen Hände entgegen. Sie betet in der unverständlichen Sprache. Die Mume hat sich den Zoroastern unterworfen. Vermute ich.

Bald wird es noch viel wärmer. Die Fahrt führt im Auto an Wiesbaden vorbei (Henkell trocken) nach Eltville, was sich eleganter liest als spricht (weil man es genauso spricht wie man es liest, also halt nicht français): Mariannenaue, die mythische Insel im Rhein, der sie vor 10.000 Jahren auf einem Bett aus Kalkfelsen geformt hat (aus von den Alpen angeschwemmtem Sand sowie Kies).

Der Kies scheint wichtig, aber auch das Mikroklima inmitten des Flusses. Die Weine werden auf nur 24 Hektar angebaut. Es stimmt übrigens nicht, dass der Jahrgang 2017 gefährdet war oder noch immer ist durch die ungewöhnlichen Fröste früher im Jahr. Der Kastellan des am Ufer errichteten Schloß Reinhartshausen kann darüber bloß noch lachen. Da wurden, so rückt er die Situation zurecht, von den Fernsehjournalisten zumeist einige Mikrogerüchte aufgebauscht und zu Katastrophenszenarien montiert. Doch die Weine des angeblich zur Gänze bedrohten Jahrgangs waren zumindest hier im schönen Rheingau in keiner einzigen der frostigen Frühjahrswochen in ernsthafter Gefahr. Die Natur war hier einfach schon viel weiter als beispielsweise in Berlin: Im Innenhof des Schloßgartens blühten die Pfingstrosen. Das Akaziengrün flirrte digital.

Gern ließen wir uns dort unter dem Sonnensegel nieder und tranken eins der uns empfohlenen Winzerbiere, die mit dem ebenfalls auf der mythischen Insel angebauten Klipphopfen gebraut wurden. Dazu passte eine Fleischwurst im Brotmantel, also mit Brotkrustenkrümeln paniert und in Butter ausgebacken. Dazu Kartoffelsalat. Später noch Tempura aus Holunderblüten. Vollkommener Stillstand am Himmel. Die Wolken lagen aufgereiht nebeneinander wie Zeppeline im Regal.

24.5.

Es gibt hier, in Moabit, noch ein Viertel, in dem die Menschen so leben, wie es ihnen gefällt. Zumindest sieht es für mich danach aus. Ein Nebendraußen des innerstädtischen Lebens, in das ich zufällig geriet, weil ich mich noch nicht auskenne (was noch möglichst lange so bleiben möge, denn wenn man sich erst auskennt, sieht man ja nichts mehr bis beinahe nichts. Dann ist es mit den Häusern und Läden und Straßen bald so, wie Peter Sloterdijk es über die Möbel gesagt hat: dass man die kauft, um sie nicht mehr sehen zu müssen.)

Das Viertel, möglicherweise wird es Bergisches Viertel genannt, weil eine breite Straße dort die Elberfelder ist, beginnt so unauffällig wie nur möglich, es wird zu zwei Seiten hin vom Autoverkehr umflossen, nur auf seiner Rückseite, wo kaum jemand geht, fließt die Spree. Dort entlang führt ein schattiger Spazierweg am Ufer entlang, der einst noch vollends als Hansa-Ufer bezeichnet war, seit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin hat man den das schöne Viertel von hinten beschließenden Abschnitt in Bundesratufer umbenannt. Das klingt weniger unschön als es sich liest auf den Straßenschildern, und wie zum Ausgleich krümmt sich der Fluss dort in einer darmhaften Schlinge als wönde er sich – oder wünde?

Ein herrlich in die Jahre und dabei heruntergekommenes Lokal, die Restauration und Buffet Zur Quelle stellt zur Straßenseite hin das Portal dar. Ein Schild wirbt für »Wein Schnaps Frühstück«, der Innenraum ist lang und mit dunklem Holz vertäfelt, es gibt ungefähr fünfzig Sitzplätze und selbst um neun Uhr morgens schon sitzen dort welche am Tresen, über dem noch Lampen in der traditionellen Form kupferner Kannen hängen, und haben kleine Pilsbiere vor sich stehen. Aktuell wird dort, die Anzeige ist neben der Reklame für das Frühstück befestigt, eine Tresenkraft gesucht, und weil ich gerade mit Gewinn meine Lektüre des Frühwerks von Eckhard Henscheid abgeschlossen habe, liebäugle ich mit einer Bewerbung, aber. Begibt man sich gleich nebenan in die Seitenstraße hinein, empfängt einen bald Ruhe, die Verkehrsgeräusche werden durch die Bäume mit üppigen Kronen gedämpft, von denen es hier noch so viele gibt wie einst nach der Zusammenlegung in Prenzlauer Berg, wo sie mittlerweile aber größtenteils gefällt wurden, sogar in der Pappelallee die Pappeln sind weg, um überall dort die Parkplatzgebühren so flächendeckend wie nur möglich, und so wenig wie nur möglich durch die dem flächendeckenden Parken hinderlichen Bäume gestört, einkassieren zu können. Die Strategie nennt sich Intensivierung der Parkraumbewirtschaftung. Das tönt sogar in Baumes Ohren friedlich und rustikal, nach rechtschaffenen Bauersleut‘, nach der alttestamentarisch abgesegneten Dreifelderwirtschaft et cetera, aber Bäume haben keine Ohren. Und kein Mensch hört es, wenn die Säge sich in den Stamm der Pappel frisst.

Die erste Quergasse ist zur Schattenseite auf gesamter Länge von alten Rotdornbäumen bestanden, manche Gebäude hier sind burghaft mit nur wenigen Fenstern, die schmal wie Schießscharten sind, die Fassaden geklinkert und gleich am nächsten wölbt sich aus der Beletage ein italienischer Balkon mit einem Fries gedrungener Säulen. Verhockte Kneipen mit winzigen Gastgärten, im Rücken die Mülltonnen für das gesamte Haus, wechseln sich ab mit Neugründungen, also beispielsweise einer Schaubäckerei, was auf eine Beliebtheit des Viertels unter Zugezogenen hinweist.

Insgesamt besteht dieses Viertel nur aus vier bis fünf solcher Straßen. Aus der Luft betrachtet, auf Maps beispielsweise, ähnelt es mit seiner an den Fluss geschmiegten Form einem Kuchenstück. Übriggeblieben, ein westliches Pendant zur Knorrpromenade in Friedrichshain. Die Stimmung ist durchgehend lieblich, aber das wird wohl auch am guten Wetter liegen. Und dass man dort, war man gerade noch am Rand der Hauptverkehrsstraße unterwegs, den zwitschernden Frieden genießt. Wenn erst die ganzen Kneipen und griechischen Tavernen mit Kindermodeläden und Schaubäckereien ersetzt wurden, oder im Winter, der in wenigen Wochen schon kommen wird, sieht es dort gleich ganz anders aus.

23.5.

Auf dem Wasser treibt eine Schicht Blütenstaub, seit dem Sturm hat er sich auch im Inneren des Hauses verteilt und es ist nicht möglich, ihn in den Staubsauger zu saugen, er lässt sich aber wegwischen (manuell). Offenbar ist Blütenstaub nur seinem Gattungsbegriff nach mit dem Hausstaub verwandt.

Ich kenne eine Stelle im Wald zwischen Försterei und der verlassenen Pferdekoppel, wo noch Maiglöckchen wachsen. Wobei die meisten davon bereits unansehnlich geworden sind. Trotz des vielen Mairegens. Ich musste jeweils die untersten drei, vier Blütenkelche abzwicken, die gelblich und trocken waren. Die Maiglöckchen an ihren kruckenhaft geschwungenen Stengeln klingelnd: Naturvorbild für die Designer der Gaslaternen – wann war das: früher als Jugendstil?

Seit gestern kenne ich eine Stelle am Lehrpfad zur Evolution der Gaslaternen in Deutschland, der von der Straße des 17. Juni bis zur Lehr- und Versuchsanstalt für Strömungswissenschaft durch den Tiergarten führt. Dort lag eine frisch geschlüpfte Amsel. Frisch gestorben war sie auch, ihr Körper noch ganz prall und unter der dünnen Haut, die rosig schien, konnte ich die bunten Eingeweide erkennen, die sahen aus als hätte das Vöglein ein Knäuel Gummibänder verschlungen und sei daran erstickt. Eine physiologische Frühgeburt, wie der Mensch, ohne Federn, blind und der Schnabel ist noch weich und stumpf und breit geformt wie ein Paar gelb angemalte Lippchen. Aus dem Nest gestürzt, wohl eher gestürzt worden. An einem Nachmittag im Mai.

Gleich hinter dem Schleusenkrug, der neben dem markant geformten und auch angemalten (in rosa und violett) Versuchsgebäudes der Anstalt für Strömungswissenschaften, das ob seiner Form allein (»Wozu dies mannshohe Rohr, das einmal durch den Klotz hindurch führt; und warum nur ist es pink?«) in den vorüberziehenden Waggons der S-Bahn verlässlich für Aufsehen sorgt, erstreckt sich unter eben diesen Gleisen ein Fundament aus Beton, das, weil es bis zum Bahnhof Zoologischer Garten reicht, bald als eine Mauer erscheint. Hier lagern, zwischen ein paar dürren Akazien, die aus dem Nest gestürzten Menschen. Sie leben noch. Und das, so ist der Eindruck im Vorübergehen an einem Nachmittag im Mai: gar nicht so schlecht. Auf eine perverse Weise scheint hier das Déjeuner sur l’herbe recht frei nach Manet inszeniert. Vielleicht von Anne Imhof? Jedenfalls wirkt es so: gestylt und gecastet und zumindest genial kuratiert, wie dort vor dem gefährlichen Zaun eine Frau lagert, auf einer punkig karierten Wolldecke, deren Unterseite, die umgeschlagene Ecke führt es ihrem Publikum vor Augen: mit einer aufgedampften Silberfolie gegen die Nachtfeuchte des Rasens isoliert. Ihr Kopfkissen besteht aus einem Plastiksack von Netto, der mit diversen Objekten gefüllt wurde. Sie trägt einige Kleidungsstücke übereinander, obwohl es noch sehr warm ist. Zuoberst ist zu sehen: ein geblümtes Kleid. Sie schmaucht an einer E-Zigarette. Und schaut in die Ferne, in Richtung des Parkplatzes, an uns vorbei.

Der ihr gegenüber Liegende, ein Mann, hatte am Morgen noch ein ziemliches Durcheinander in Gestalt vieler Tüten um sich. Das hat er nun geklärt und alles dort auf seinem Rasenplatz sieht vorzeigbar aus: er lagert, ganz klassisch, auf einem ausgebreiteten Schlafsack. Die vielen ausgespülten Glasgefäße – für einst Sardellen, Marmelade und Honig, Silberzwiebeln, Maiskölbchen, Cornichons, Marmite, Nutella, Frankfurter – hat er, nach Größen sortiert und gestaffelt, um sich herum arrangiert. Ein eher ausgekippt wirkender Sack halb ausgedrückter Tuben und Flaschen von Acrylfarbe und Plaka weisen auf eine entweder soeben unterbrochene, beendete oder bald schon im Entstehen begriffene Karriere als Künstler hin.

Dazu könnte man ihn, zu den jeweiligen Lebensphilosophien könnte man jeden von ihnen, es sind ja keine Amseln, befragen. Aber das tut freilich niemand. Ab und an findet sich in den Arrangements dieser Tableaux vivantes ein Becher oder eine Tasse integriert, in die man Kleingeld, auch Scheine, wobei ich das noch nie mitbekommen habe, fallen lassen kann.

Im Winter und früh am Morgen sieht die Szene dort natürlich ganz anders aus. Und über sehr lange Zeit betrachtet ganz sicher auch. Wie alles halt.

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