»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

12.5.

Es war wohl die gemeinsame Lektüre in L‘ art de la comédie von Eduardo De Filippo, einem Stück für zwei Damen und neun Herren, das Brigitte und Emmanuel Macron zusammengeführt hat. Elf Rollen, das ist freilich frugal für eine Aufführung des Schultheaters. Es müssen sehr viel mehr Kinder mitspielen, und so mussten Chöre hinzuerfunden werden, stumme Rollen erfunden (ich selbst war in jungen Jahren auch einmal als Ameise besetzt). Ich las das auf dem Gehsteig vor der Bäckerei, zum ersten Mal in diesem Jahr im Sonnenschein, zum letzten Mal wohl dann vor dieser Bäckerei, denn die Redaktion zieht um, nach Moabit; ausgerechnet jetzt, wo ich mich so langsam eingelebt hatte.

Moabit freilich auch endlos faszinierend, allein schon des schauerlichen Gefängnisses dort wegen, aber auch vom Namen her der beste Stadtteil. Und es gibt diese Legende, dass der Industrielle Borsig dort versucht haben soll, eine deutsche Seidenproduktion anzusiedeln. Es wurden damals ganze Haine von Maulbeerbäumen angelegt, weil die Seidenspinnerraupe diese Maulbeerblätter braucht, aber gescheitert ist es halt am Wetter – wie so vieles. Doch ich kenne eine Backsteinkirche in Moabit, die wird von vorne und von hinten vom Verkehr umströmt, so als stünde sie auf einer Insel, und in deren kleinem Garten sind noch ein paar Maulbeerbäume übrig aus der Ära Borsig. Und in dem Blumengeschäft ein paar Schritte weiter, es ist eines der besten der Stadt, werden im Frühling junge Maulbeerbäume angeboten – aus Tradition.

Ich telefonierte mit Timo Feldhaus, der mich fragte, ob er sich darauf verlassen könnte, dass ich das Tagebuch unendlich fortschriebe, für immer also, und ich sagte ja, versprach es ihm also, woraufhin er sagte, dass er es dann auch nicht mehr schlimm fände, wenn nicht an jedem einzelnen Tag ein Eintrag erscheint. Jetzt, wo er wüsste, dass es dann trotzdem noch weitergeht. Na klar.

Als ich abends über den Kurfürstendamm ging, unbedingt noch einmal über den Kurfürstendamm, denn das macht man ja nie, und von daher würde ich es so bald auch nicht wieder machen, saßen dort die Menschen in Dreierreihen vor den Cafés, und es war tatsächlich warm. Das konnte keiner so richtig fassen, wie es mir schien, ich selbst ja auch nicht, und wahrscheinlich war auch noch ein Misstrauen da, ob es nicht gleich morgen wieder kalt und fürchterlich wird. An der Ecke zur Uhlandstraße standen wieder die beiden Werbebeauftragten des griechischen Restaurants: Die müssen in Ponchos arbeiten, die aus einer Art Wachstuch, aber wattiert zusätzlich, geschnitten sind und bis auf den Boden herunterreichen. Auf die Vorder- und Rückseite dieser Ponchos, deren Grundfarbe einst Dunkelblau war, sind ausgewählte Tellergerichte aufgedruckt. Aber halt wie gesagt: griechisches Restaurant. Und die Farbe ist teilweise schon abgeblättert. Sieht mega aus. Ich prophezeie mal: übernächste Saison (SS 18) Vetements.

Zum Abendbrot gab es Huhn mit Salat und Vladimir saß vor einem Bild von Gilbert und George aus dem Jahr 1996, auf dem die beiden Künstler selbst abgebildet sind, wie sie, nackt und bloß, aber George hat seine Brille auf, von einem unsichtbaren Fingerzeig aus dem Paradies verjagt werden. Klassische Pose. In der rechten unteren Ecke stand »Blood and Piss«.

Als ich nach Hause ging, war es immer noch warm. Kaum Vögel zu hören. Auf den Straßen war es irgendwie lauter als sonst.

10.5.

Im Oktober erhält Jonathan Franzen nach Houellebecq und Hans Magnus Enzensberger den Frank-Schirrmacher-Preis. Die Laudatio hält Sascha Lobo. Wie Frank Schirrmacher selbst einst festgestellt hat, wird in Deutschland jeden Morgen der Neid begossen, wie in Holland die Tomaten. So auch meiner, denn ich lebe ja hier.

An der Liebesgeschichte von Brigitte und Emmanuel Macron begeistert mich freilich die Anekdote, dass die beiden während der gemeinsamen Lektüre eines Textes, also in der von mir als heilig erachteten Schrift, zueinander gefunden haben. Als Lesende – zunächst der Schrift an sich, und dann auch einander. Ich selbst kann mir wie schon gesagt nicht mehr vorstellen, wie Menschen noch einander auf anderem Wege kennenlernen sollten als von innen nach außen.

Las das und stellte beim Verlassen des Cafés leider fest, dass dies dem Creamcheese benachbarte Restaurant Florian nun geschlossen ward. Das Schild war schon ab und auf den Tischdecken sammelte sich Staub. Dort wurde ich vor nun 20 Jahren von Franz Josef Wagner in die Tradition der Blauen Zipfel eingeführt. Also einer fränkischen – Wagner ist, wie Ulf Poschardt und Juergen Teller ein aus Schlesien vertriebener Franke – Sitte, vor Mitternacht die bekannten Rostbratwürste allerdings zunächst roh belassen in einem sauer angemachten Sud gar gezogen aufzutragen. In Westberlin, insbesondere in dieser Gegend um den einst als Intellektuellenrevier geradezu verschrieenen Savignyplatz, war diese ungewöhnliche Spezialität unter dem Kampfnamen Apo-Zipfel bekannt.

Na gut. Jetzt gibt es die hier halt nicht mehr. Die Nachbarswirtin weiß, dass es an einem Fehlverkauf seitens der Ursprungsbesitzerinnen gelegen haben wird. »Soziale Marktwirtschaft, I know every inch of you«, wie Jochen Diestelmeyer einst so richtig gedichtet hat. Infolgedessen nun: Insolvenz. Vielleicht, nein: ganz sicher bin ich auch deswegen kein Fan der Salonliberalen. Es geht ja schon längst nicht mehr um eine Befreiung vom Ballast der Bürokratie und um ein Mehr an einer noch zu gewinnenden Freiheit für das alles dann richtende Unternehmertum. Ich habe im größten Pressehaus Europas gearbeitet, festangestellt, da stand auf den von der Aktiengesellschaft für die Redaktion spendierten Tassen (es handelte sich um sogenannte mugs) aufgedruckt: »Bei Anruf Kunde« – krasses Statement zur Pressefreiheit. Vermutlich steht da jetzt »Free Deniz« drauf. Ist ja auch egal.

Die Ideologie ist doch längst nichts weiter mehr als »ein kraftloses Rühren im Brei kapitalistischer Verwesung« – um jetzt mal Thomas Mann möglichst ungenau und dazu noch schräg zu zitieren.

Dieser Zauberberg, anfang des sogenannten Milleniums noch besungen, hat sich als der Sitz des Alten vom Berge entpuppt (sorry!!!). Statt Haschischöl gibt es nun die Versprechung vom Frischen Geld (oh jemine). Was Thomas Mann, dem Rostocker, gefallen dürfte, ist aber sein Endsieg der Ironie (awww!).

Frank Schirrmacher, Friede seiner Asche, hat zu Lebzeiten unter anderem behauptet, es lebte sich nirgendwo anders, nirgends so angenehm, nirgends so reich als Schreibender, denn hier, bei den Neidlandwirten in Deutschland. Angeblich hatte er Zahlen vorliegen.

Ich habe bis heute noch nichts davon mitbekommen, was wohl an mir, was an meiner Schreibkraft liegen wird. Aber ich kenne Sascha Lobo. Und ich habe die Bücher Jonathan Franzens gelesen.

Ich liebe, und allein deshalb gibt mir der Wahlsieg Emmanuel Macrons auch Hoffnung – für die Grande Nation, die ich liebe; für Deutschland, Land der Dichter und Denker – ich liebe die von mir als heilig betrachtete Schrift.

Und wer sich in diese Schrift vertiefend verliebt, der kann nur einer von meiner Art sein. Ein hoffentlich guter Mensch.

9.5.

Post von den Jadehase™ Ultras, meiner Fanseite auf Twitter. Ich bin mir gar nicht sicher, ob sich allzu viele Twitterfreunde zusätzlich zu ihrem Grind noch mit der Post verschickte Postkarten schreiben. Wäre ja schön. Insbesondere auch, wenn sie dafür einen wiederum noch einmal ganz anderen Lingo verwenden würden. Geschrieben werden kann ja gar nicht genug, es wird noch immer viel zu wenig geschrieben auf Erden, wie Rainald Goetz das in einem ähnlichen Zusammenhang völlig zu Recht festgestellt hat. Schon vor Jahren (Abb. Emoji »Index Pointing Up: Light Skin Tone«).

In der ausgezeichneten Arte-Dokumentation über das Leben Arno Schmidts gibt es zum Ende hin diese Szene, in der seine Ausschnitte aus Zeitschriften gezeigt werden. Er sammelte Bilder von Frauen in der Mode jener Zeit, was sie anhaben, wie sie geschminkt und frisiert sind, um seine Figuren entsprechend auszustaffieren. Kontakt zur Außenwelt hatte er da längst keinen mehr und vom Fernsehbildschirm abfotografieren ging ja schlecht. Die Kamera zeigt, wie er die kleinen Kärtchen in seine Kästen einsortiert, um sie später wie Tweets in den timelinehaften Spalten seiner großen Buchseiten untereinander und parallel miteinander korrespondierend zu montieren: für den Zuschauer (mich, jetzt) sieht das so aus, als ob da einer in den siebziger Jahren ein Modell des Internets aus Papier angefertigt habe, oder ein Modell seines Gehirns. Auf jeden Fall ist es ein Modell, an dem er schafft; in einem Haus auf dem Feld, Blickrichtung Waldrand. Wie er selbst schrieb: Mond, Nebel & Regen erste Qualität. Es gibt eine kurze Aufnahme einer Nachbarin von damals, die Frau spricht so, als müsste sie währenddessen eine unendliche Nudel einsaugen. Womöglich heißt dieser Gesichtsausdruck süffisant.

Ich bin vor vielen Jahren selbst einmal nach Bargfeld gefahren, um mir das Haus anzuschauen, dass von der Stiftung als Museum erhalten wird. Nachbarn habe ich da keine zu Gesicht bekommen, womöglich wohnt da heute gar kein nicht mit Arno Schmidt beruflich befasster Mensch mehr. Das Haus selbst war ein verblüffend kleines Haus, veblüffend auch, weil ich ja wußte, dass Arno Schmidt ziemlich groß war. Solche Häuser gibt es heute gar nicht mehr, das waren Altbauten aus einer Zeit, die nie wieder in Mode kam.

Größer als ein Display war das Haus freilich schon.

8.5.

Das Wetter drückt sehr auf mein Gemüt. In der rostigen Feuerschale springt eine Blaumeise in der braunen Brühe herum, der Vogel badet, es regnet, also duscht er auch und immerhin ergibt sein blauer Federbusch mit dem Rostbraun eine aparte Farbharmonie. Auch weil es drumherum, trotz Regen, trotz Himmel, so appetitlich grün ist an den Zweigen und am Gebüsch.

Vermutlich war es ein Fehler, der Nachtigall durchs offene Fenster eine Aufnahme eines anderen Exemplars seiner Art vorzuspielen. Zwei Nächte lang war in der Folge gar nichts mehr von ihr zu hören, das waren die Morgende von Mittwoch und Donnerstag, als dichter Nebel quer auf dem See lag (von daher wohl »Bank«), ich konnte das gegenüberliegende Ufer nicht sehen. Am Abend, in einem türkischen Restaurant, das wie eine Grotte eingerichtet war mit Gipszapfen, die aus der Decke nach unten in den Raum hinein wuchsen und gewölbten Wänden – wir saßen dort wie in einem gemauerten Faß – erzählte mir Bernd von einer Gartenparty, auf der für die Gäste ein sogenanntes Erdschwein zubereitet worden war. Man nimmt dazu ein ganzes Schwein und füllt es mit Kartoffeln und Zwiebeln und reichlich Kräutern. Ganz wichtig ist, dass man dem Tier zuerst den Bauchraum mit Kochsalzlösung auswäscht, um Infektionen vorzubeugen, denn wenn es gefüllt und wieder zugenäht wurde, wird es in einer mehrere Meter tiefen Grube ins Erdreich gesenkt. Am Grund dieser Grube hat man zuvor ein Feuer aus Buchenscheiten abbrennen lassen. Danach wird die Glut mit Mauersteinen bedeckt, in ihnen wird die Hitze gespeichert. Darauf senkt man das Schwein. Es wird mit einem großen Blech abgedeckt und dann eingegraben, bis von der Grube nichts mehr zu sehen ist. Alle gehen zu Bett. Am nächsten Tag, wenn die Party beginnt, wird das Schwein exhumiert. Durch das stundenlange Garen unter den Erdschichten erhält sein Fleisch angeblich einen unvergleichlichen Geschmack.

Ich war etwas abgelenkt, weil zur gleichen Zeit am Nebentisch ein Geburtstag gefeiert wurde. Die Tafel dort wurde präsidiert von einem herrlichen Greis, der diesem längst verstorbenen Finanzgenie total ähnlich sah, der Name wollte mir leider nicht mehr einfallen, aber der Mann am Nebentisch trug ebenfalls ein Brillengestell mir gigantisch großen und nebenbei seine Augäpfel gigantisch vergrößert darstellenden, quadratisch gerahmten Gläsern. Und er sagte gar nichts, als die Kellner die Torte samt flackernden Kerzen heranbrachten und Happy Birthday von Stevie Wonder lief dann noch minutenlang.

Als ich nach Hause kam, war es schon Nacht, und es regnetete gerade mal nicht. Ich schaute an den Stämmen der Buchen nach oben, der Himmel schien blau und von weither hörte ich das Schluchzen der Nachtigall. Von meinem Schlafzimmer aus war die Melodie noch klarer zu verstehen. Der Vogel gibt ja Klänge von sich, die scheinen flüssig zu sein und dabei kristallklar, wie aus Wasser geblasen (wenn so etwas ginge). Er war wohl nur ein paar Bäume weiter, den Hang abwärts ans Ufer gezogen. Ich fragte mich, ob es die anderen Vögel, die ja alle schlafen, während dieser eine dann singt, eigentlich stört, wenn einer unter ihnen vom Schlage der Nachtigallen ist. Oder hören die Vögel nur jeweils den für sie bestimmte Gesang und nehmen die Lieder der anderen nicht wahr?

Heute Nacht jedenfalls, wo ich mehrfach aufwachte, weil sich ein Tiefdruckriegel oder -keil ankündigte und ich mich selbst zum Liegen zu schwach fühlte, fand ich heraus, dass es nur eine einzige Nachtstunde gibt, in der es still ist: von halb vier bis halb fünf. Dann schweigt die Nachtigall, es fahren auch nicht einmal mehr Autos, und kurz darauf erst fangen die Amseln zu singen an.

Unbedingt nachschauen, wie die Maurerforelle zubereitet wird.

5.5.

Manchmal wünsche ich, ich wäre von einer anderen Art. Wie Woodstock zum Beispiel. Ich würde in Strichen sprechen und der Einzige, der mich verstünde, wäre stumm.

1.5.

Am Nachmittag wehten Grilldüfte durch die offenen Fenster herein, die Verkehrsschiffe liefen im Viertelstundentakt, dabei stets auf die Minute pünktlich, in den Hafen ein und aus dem Hafen aus, auch konnte man durch die Hecke und hinter den Bäumen schon die Parkbesucher hören, wie sie es sich dort auf den von der öffentlichen Hand gepflegten und zur Verfügung gestellten Grünflächen am Ufer gemütlich machten. Ihnen lachte die Sonne. Das wollten wir auch.

Gesagt, getan. Tatsächlich waren nur Augenblicke verstrichen, da lagen wir bereits auf einem Sarong am Hang, der Rasen war schon etwas angewärmt von der vormittäglichen Sonnenbestrahlung, vielleicht war es auch die restliche Körperwärme von anderen Menschen, die vor uns dort auf diesem herrlichen Fleckchen Erde gesessen hatten – oder gelegen, gelagert: Uns focht’s nicht an.

Die Nachbarn hatten ihrem Rucksack eine orangefarbene Dose entnommen, die Propangas enthielt. Nach einer Weile war daraus eine Shisha gewachsen (wie eine Stadt). Sämtliches Zubehör für die am Ende beinahe mannshohe Apparatur hatte sich in diesem unauffälligen Rucksack verbergen lassen, unglaublich. Wobei: Weshalb denn verbergen? Das Genießen von Wasserpfeifendampf in öffentlichen Grünanlagen war in Deutschland ja nicht verboten – soweit kommt es auch nicht! Bald wurde angepafft und der Schmauch, der angenehm nach Walderdbeerchen mit Sahne duftete, trieb über den Rasen und direkt in meine vor Schläfrigkeit geblähten Nüstern hinein, die übrigens, darauf wurde ich schon des Öfteren von den im nahegelegenen Borussiapark herumstreunenden Kindern hingewiesen: den Nasenlöchern Otto von Bismarcks ähnlich sind. In diesem Borussiapark, der bekanntlich nichts mit dem Dortmunder Ballspielverein zu tun hat, sondern dem Wahrzeichen Preussens, der Borussia, gewidmet ist, die als einen Lorbeerkranz aufhabende nackte Frauenfigur dort präsentiert wird, wie eben auch eine Büste des Reichskanzlers aus weißem Stein und vor dieser stehend, schauen selbst erwachsene Betrachter und Parkbesucher, also beileibe nicht bloß Kinder unweigerlich in die auf ungewöhnliche Weise detailverliebt gearbeiteten Nasenlöcher dieser Bismarckstatue hinein. Von daher, beziehungsweise that’s why.

Ich schlummerte, und im Halbschlaf war mir bald schon die Buchstabenfee erschienen, nackt, und sie zeigte mir, von Girlanden des Satzbaus umweht, die Schönheiten deutscher Sprache. Danach glitt ich noch tiefer in den Schlaf und träumte dort an einem Geschehen fort, das ich neulich als ein längeres Gedankenspiel begonnen hatte. Nämlich als ich in der Zeitung las, dass in der Stadt Wittenberge nun von der Evangelischen Kirche ein Segnungsroboter aufgestellt worden war. In dieser Zeitung hatte man dem Artikel freilich kein Bild beigestellt und so konnte sich meine Fantasie, wie solch ein Segnungsroboter aussschauen könnte, ganz ungehemmt entfalten. Ich sah ihn natürlich ohne ein Gesicht, ganz ohne Augen vor mir. In dem Artikel stand, dass die Figur zum Segen ihre Arme mit roboterhaften Bewegungen hebe, und dass dann zum Segensspruch, der in einer von wahlweise fünf Sprachen, sogar Hessisch darunter, ertönt aus dem Inneren des Gerätes, dessen Hände aufglühen. Also wie bei E.T. So stellte ich es mir vor. Und kam dann von der glühenden Fingerspitze des Außerirdischen und Martin Luthers elektrischem Verkündungsknecht, gebenedeit sei die Steckdose, umflort vom Aroma des Waldbeerenschmauchs am Fuße des Borrusiaparks auf diese Vision zurück, die ich neulich als Wachtraum empfangen hatte, dass nämlich als Vorbereitung auf Industrie 4.0 und auch als Serviceoffensive in der einstmaligen Servicewüste Deutschland in sämtlichen Berufen, in denen im Dialog mit dem Kunden nicht unbedingt Freundlichkeit und Smalltalk vonnöten sind, als Arbeitskleidung eine stilistisch und auch ganz konkret an die Burka zumindest stark angelehnte Tracht obligatorisch wird. Ich dachte und denke hier speziell an beispielsweise Verkaufspersonal in Bäckereien, an Kundenberater in den Finanzbehörden, Verkäufer am Tankstellentresen, Tresenpersonal in Bars und Kneipen, in denen man sich sowieso nur besaufen will und in denen es so laut ist, dass man sowieso nur schreiend bestellt. Aber auch bei den Großen der Systemgastronomie: McDonalds, Maredo, Vapiano, Paulaner könnten die in der Burkatracht durch ein Sprechgitter kommunizierenden Servicekräfte den Grundgedanken solcher Unternehmen vollenden. Sie treten dort als Zwischenwesen auf, bis sie dann bald durch ähnlich geformte und gestaltete, aber noch etwas entschieden roboterhafter umhergleitende Roboter ersetzt werden. Halb Cosplay, halb gemeinschaftliche Einübung einer Servicegesellschaft hinsichtlich eines Künftigen, dessen Ankunft dadurch verkündet wurde. Durch sie.

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