»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

20.6.

Am Haus von Auguste Renoir bleiben die Läden an der Westseite den ganzen Tag über geschlossen. Am Abend, wenn es etwas kühler wird, während die Sonne hinter die Berge sinkt, hat das Museum geschlossen. Zu ihm gehört auch der abschüssige Olivenhain, die Bäume sind mehr als 120 Jahre alt. Es muss schön sein, dort auf dem Rasen unter einem der Bäume zu liegen, nachts, wenn von Weitem der Leuchtturm von Antibes seine Lichtstrahlen abschickt, aber das ist nicht gestattet; auch der Garten wird mit dem Einbruch der Dämmerung abgeschlossen. Mit dem Fernrohr kann ich aber sogar den Giebel des Bauernhofes erkennen, in dem Renoir seine Hauswirtschafter untergebracht hatte. Die Waren des täglichen Bedarfs wurden von seinen Angestellten auf seinem Stück Land hergestellt. Eine malerische Idee. Am Abend nach getaner Arbeit schlendert man durch den Olivenhain und schaut, was die Bauern dort so treiben. Wie sie buttern oder Eier in Körbe legen. Karotten aus der Erde ziehen. In Kassel, im Höhenpark, ließ eine der hessischen Fürstinnen sich ein ganzes Bauerndorf anlegen, das zu ihrer Erbauung unter ein chinesisches Motiv gestellt wurde. Weil sich aber keine Chinesen auftreiben ließen, die dort in der Mühle und in den Küchengärten auf malerische Weise ihrer angeblichen Arbeit nachzugehen bereit waren, nahm man damals kurzerhand ein paar Neger, die ja ebenfalls exotisch wirkten. Marie-Antoinette hatte angeblich auch so ein künstliches Bauerndorf, mit Schäfern und allem. Die Frühform des Bio-Supermarktes war damals in.

Ich kann es verstehen, im Renoir’schen Sinne. Wie er neige ich zu höfischem Denken. Vermutlich eine milde Ausprägung meines Strebens nach Harmonie. Kaum bin ich hier angelangt, und alles ist schön und die Sonne scheint, vermisse ich natürlich die Mume. Obwohl ich ich ja mit ihr nicht unterhalten kann, weil ich von ihrem Bulgarisch kein Wort verstehe; und vermutlich auch nur, weil ich sie gern dabei beobachten würde, wie sie mit einem Fernrohr hinüberspäht zum Garten von Auguste Renoir, wo dann gerade, also jetzt, jemand auf malerische Weise etwas Müll verbrennt. Wie ich durch mein Fernrohr erkennen kann. Die Mume selbst besitzt natürlich gar kein eigenes Exemplar. 

Abends träfen wir sie dann in der Petit Bar, wo sie, mit ihrer vom Henna karottengelb gefärbten Fingerspitzen dem Polizeipräfekten a.D. die Nüsschen aus dem Aschenbecher stibitzte, die der dort immer für die von ihm gezähmte Taube, die auf den Namen Céline hört, hintut. Und ab und an, wenn alle hinschauten, spuckte sie dort für alle hör- und sichtbar auf den Boden vor der Petit Bar aus, wie sie es sonst daheim in Frankfurt bloß von ihrem Balkon herunter wagt. 

So wäre das Reisen schön, also noch schöner, als es sonst schon ist: Es wäre himmlisch, wenn ich mit allem, an dem ich um mich herum Gefallen gefunden habe, verreisen könnte. Beziehungsweise wenn die Heimat einfach viel größer sein könnte.

Erste Innovationen im Start-up Grande Nation lassen übrigens aufhorchen: Oreo-Kekse mit Himbeerfüllung! Direkt aus dem Kühlschrank genossen, idealerweise bei offenstehender Kühlschranktüre vor dem Kühlschrank stehend, sind die ziemlich möglicherweise geeignet, den disruptiv umkämpften After-Eight-Markt zu rasieren.

19.6.

Es war die Zeit der Bougainvilleenblüte. Schon als die Maschine sich in die Landeschleife über das weit in die Wellen hinausgebaute Rollfeld von Nizza legte, schauten wir aus dem Kabinenfensterchen die vielen weißen Segel, von Schäumen umkränzt. Die Soldatinnen trugen Sonnenbrillen zur scharf geschnittenen Uniform, eine Hand lässig über dem Holm des umgehängten Sturmgewehres präsentiert, es war Wahltag, und angesichts der an den Bäumen reifenden Orangen, der zig Meter hohe Blütenstände treibenden Americana und den in jedes Armaturenbrett eines Omnibusses eingebauten Alcometer, ohne deren Betätigung pustenderweise sich kein öffentlicher Bus starten ließ, erschien es einfach unvorstellbar und beinahe unmöglich, dass auch die Côte d’Azur bald schon so handeln, aber vor allem auch denken wollen würde wie ein Start-up. 

Gut, seitdem die Eigentümer der Petit Bar derart oft gewechselt hatten, schien nun eine Phase der Konsolidierung eingetreten, indem nämlich die allerdubiosesten Stammgäste selbst dort den Betrieb übernommen hatten. Insbesondere Marcel, der, sobald es einem gelungen war, ihn zum Lächeln zu bringen, eine seltene südfranzösische Variante des sogenannten Grills, eine silbern glänzende Leiste aus Gussstahl, entblößte, die bei ihm sämtliche Zähne des Oberkiefers ersetzt, wie ähnlich, aber dann doch wieder anders auch jener Neuzugang, der, mit glatt rasiertem Schädel und einigen im Elendsknast von Les Baumettes ihm zugefügten Tätowierungen, an den Roger Chapman der mittleren Werkphase erinnerte: Sie schienen beide a priori zunächst dazu geeignet, etwaige Neuzugänge zu der ausgehärteten Gemeinde der Stammgäste abzuschrecken; kaum aber hatten wir dort Platz genommen, um das klandestine Treiben zu studieren, stellten wir bald schon mit Erleichterung fest, dass auch die neue Petit Bar noch ganz die alte geblieben war.

Das Konservierende, das die südfranzösische Lebensqualität vermittels ihrer Waffen des Lichts, des Rosés, der Molkereiprodukte und des Brotes bis tief in die zu integrierenden Teile der Gesellschaft versprüht, lässt sich kaum je irgendwo besser studieren, als aus einem Korbstuhl vor der Petit Bar heraus: ob Muselman, ob kohlrabenschwarzer Fidget-Spinner-Verkäufer, ob als als Veteran in Ehren gehaltener Greis, ob mit dem Vollbart geschmückter Brillenträger: Keiner kommt am Geschäft der Bäckersfrau vorbei, ohne sich von ihr ein Baguette unter den Arm klemmen zu lassen.  

Als wir, zu Hause eingetroffen, dort zum ersten Mal die Läden aufgestoßen hatten, um die Sonne nun auch dorthin einzuladen, saß auf dem Nachbarsfirst eine weiße Taube. Die war mir unbekannt, die hatte ich in all den Jahren hier noch nie zu Gesicht bekommen. Ein wunderschönes Tier, zierlich, mit appetitlich leuchtendem Gefieder. Wie ein leeres Blatt.

16.6.

Lustige Idee von der Bundesbank, einen Schein in Umlauf zu bringen, für dessen Besitz man wie ein Krimineller behandelt wird.

»Der Fünfhunderter ist zum Transportieren von Geld da«, sagt die Kellnerin vom Probierstübchen, »nicht zum Bezahlen.«

Haftbefehl: »Seit es den Euro gibt, habe ich eine neue Lieblingsfarbe: Lila!«

Die Capulets waren draußen. Und am Roseneck blühte der Salbei. Wir trafen uns dort, um Twin Peaks noch eine weitere Chance zu geben. Aßen Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat, und was gibt es in einer Freundschaft denn Förderlicheres, als gemeinsam einen langweiligen Film anzuschauen – kommt man doch endlich mal wieder dazu sich zu unterhalten.

Jan meint zu wissen, dass David Lynch seinen Schauspielern jeweils nur ein Blatt aus dem geheimen Buch ausgehändigt hat, damit sie die jeweilige Szene sozusagen vom Blatt spielen, ohne jemals zu wissen, worauf das im Ganzen hinauslaufen wird. Und genau so sieht es ja aus: irgendwelche Personen machen irgendwo irgendwas. Irgendwann, das fehlte ja noch, fing es dann in der Wirklichkeit, in der wir saßen, zu regnen an. Und ich zeigte auf eine Stelle hinter der Markise, das Offene, wo sich die Kiefern in Zeitlupe schüttelten wie in dem Film von Cyprien Gaillard. Wiederum hatte der Dirigent eine Pause eingeräumt. Ich sah V förmlich vor mir, auf das kleine Gemälde in seinem Wohnzimmerwinkel hinweisend: »That’s a Caravaggio«.

Ob es für Schauspieler denn tatsächlich von Wichtigkeit ist, über den Fortgang der Handlung Bescheid zu wissen, fragte ich später meinen Freund. Betrifft das dann auch den Pianisten, muss der wirklich wissen, wie die gesamte Partitur verläuft, oder spielt er einen daraus entnommenen Teil des Ganzen vom Blatt? Macht das einen Unterschied?

»Schauspieler: Nein, Pianist: Ja«, sagte Jan (comme d’habitude), »ausführliche Begründung mündlich«.

Ich kann sie kaum erwarten. Wird allerdings zwei Wochen lang dauern. Im Café gegenüber läuft eine gefühllose Version von Love the one you’re with, die mich trotzdem zu Tränen rührt. Am 26. Juni wird im Babylon Kino die restaurierte Fassung von Space is the Place präsentiert. Im Hause Chanel bereitet man sich derzeit auf den Abschied von Karl Lagerfeld vor, die Abschiedskollektion heißt angeblich: Der weiße Sun Ra. Auch bei Steidl in Göttingen in der Düsteren Straße sind alle schon recht aufgeregt. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, was ein deutscher Modejournalist ohne Lagerfeld-Zitate noch machen soll – vielleicht folgt ein Massensterben à la Jonestown. Außerdem verpassen werde ich die Vernissage der Zeichnungen Peter Handkes. In Anwesenheit des Künstlers von 19 bis 21 Uhr, in Abwesenheit von mir 24/7. Wer die Texte liebt, der besehe sich besser nicht den defekten Rest, laut Arno Schmidt. Right on, fight on. I am going south.

15.6.

Fernweh – gestern am Abend saß ich noch mit V im Café Pinguin und er erzählte mir highspeed eine Geschichte nach der anderen aus dem Fürstentum Monte Carlo, wo man ja, also ich zumindest glaube, dass es dort unfassbar uninteressant ist. Doch falsch geglaubt. Zumindest wird es anscheinend selbst dort, zumindest wenn man, wie V angeblich, zehn Jahre lang gewohnt hat, beinahe unsagbar interessant. Vor allem wohl im Café Sass, das ich mir, so V, in etwa so vorzustellen habe wie das Café Pinguin – bloß anders. Same same but different, wie es unter Reisenden in den Neunzigerjahren hieß, jener Erzählzeit seiner Geschichten. Doch habe sich dort in Monaco bis gestern noch nichts geändert. Monaco konserviert, auch wenn durch die Erschießung von Hélène Pastor vor ein paar Jahren sich auch einmal kurzfristig eine Veränderung angekündigt hatte. Man könne dort im Café Sass noch immer sein Portemonnaie und die Armbanduhr, die man zum Essen abgenommen hat, auf dem Tisch liegen lassen, während man zur Toilette geht, und wenn man dann zurückkehrt, liegt alles noch genau so da. Das zum Beispiel geht im Café Pinguin natürlich nicht. Noch nicht einmal im Hotel Adlon sei das zu empfehlen.

Kann man das Telefon auch auf dem Tisch im Café Sass liegen lassen, wollte ich wissen.

»Wer klaut denn bitteschön ein Telefon«, sagte V, »es hat doch jeder eins.«

Am Himmel zeigte sich die Abendfarbe, sommerlich und wie ein grauer Film, dahinter war ein dunkles Blau gespannt. Zwei nadelfeine Streifen überkreuzten sich in etwa über jener Stelle, von der ich wusste, dass dort der Flughafen zu finden ist. Ganz kurz wurde es ganz still. Eine Pause im Straßenverkehr. Wie vom Dirigenten eingeräumt.

14. 6.

Auf dem kleinen Platz vor der Schaubäckerei im Bergischen Viertel, wo, wie ich vor ein paar Tagen schrieb, die Leute noch so leben, wie es ihnen gefällt, sitzt ein Paar Wandervögel und hält eine frühe Brotzeit ab. Allerdings ohne Brot: Jeder der beiden hält die Hälfte einer Schlangengurke in der einen Hand, eine halbe Fleischwurst in der anderen. Die untere Hälfte der Pelle aus orangefarbenem Kunststoffschlauch noch unabgeschält, als Griffschale. Und heißhungrig, so als äßen sie nicht, sondern müssten die Nahrungsmittel schleunigst in sich verschwinden lassen, beißen sie unaufhörlich und in einem ungefähr aufeinander abgestimmten Abbeißrhythmus, dabei aber jeder für sich gleichmäßig, abwechselnd in die grüne Stange, dann wieder in die orange-rosafarbene, dann wieder in die grüne, und immer so fort.

Ob es an dem ansprechenden Gegensatz der Farben dieser stangenförmigen Nahrungsmittel liegt, an der Choreographie? Es sieht jedenfalls kultiviert aus. Eine idyllische Szene. Ein Genrebild des 21. Jahrhunderts (des orangefarbenen Kunststoffschlauchs und ihrer Funktionskleidung wegen). Die Schaubäckerei bäckt übrigens ausgezeichnete Brötchen, die, mit Kümmel bestreut, dort als Römerle verkauft werden. Schwaben also. Ich sagte es ja bereits.

Nur wenige Meter von hier, auf der anderen Seite der Straße, wo es rasch sehr laut wird, leben die Leute ganz anders. Nicht unbedingt so, wie es ihnen nicht gefällt, aber es fällt schon sehr schwer, daran zu glauben, dass es. Ich saß dort gestern mit Ingo zum Mittagstisch vor einem Imbiß, der unter anderem ein Gericht auf der Speisekarte stehen hat »10 Knackwürste« und in Klammern dahinter: (kalt). Erinnerte uns beide natürlich an Äthiopien, wo es ein von allen Äthiopiern gerühmtes Restaurant gab, das in einem kreisrunden Zelt aus vorchristlichen Tagen untergebracht war und das so hieß wie die Stadt, in dem es stand: Addis Abeba. Dort gab es zum Honigwein, in dem stets noch halbierte Bienen und Fetzen von deren Waben zu schwimmen hatten, ein Gericht das nannte sich »1 Kilo Meat«. Und das war genau so.

Hinter dem Imbiß, daneben steht eine Kirche, wurden von der Bezirksverwaltung einige in ansprechendem gelb lackierte Schiffscontainer aufgestellt, die ausgerechnet zur Schnellstraße hin mit panoramafensterhaft dimensionierten Sichtlöchern versehen wurden. Da drin dämmern und wohnen nun die Heroinabhängigen, jedenfalls machten sie auf uns diesen Eindruck, wobei Ingo dann wiederum der Meinung war, das Morphinderivate eher geräuschempfindlich machen würde – von daher fragten wir uns, wie halten die es dort so nahe an der Schnellstraße aus? In Basel, wo Ingo lebt, wohnen die Heroinabhängigen angeblich in Wohnungen und zücken in der Straßenbahn ihre Umweltpässe. In den Küchen der Wohnungen von Heroinabhängigen in Basel liegen die Injektionsspritzen samt Nadeln in der Besteckschublade in einem Extrafach.

Mir fiel dann aber später noch auf, dass diese Moabiter Container halt schon wieder in Gelb gestrichen wurden, und nicht etwa in der Todesfarbe Schwarz. Was wiederum meine gestrige Theorie zum bösen Briefzentrum stützt.

13.6.

So dschungelhaft werden die Bahnraine bald schon nicht mehr bewachsen sein. Die Bahn fährt minutenlang durch das Grün zu beiden Seiten. Die Zeit-Leserin liest die Zeit in einem sommerlichen Poncho mit langen Fransen, die Facebook-Leserin öffnet einen längeren Post, der den Bildschirm ihres Senioren-iPhones auf ganzer Länge mit Buchstaben füllt. Die Bleiwüste beginnt mit den Worten »Ich freue mich schon auf heute Abend. Ein Streit ist im Anmarsch« und danach steht zentral ein mir unbekanntes Emoji vor dem ganzen Rest vom Schützenfest.

Auch dass die Bäume so schön rauschen werden wie gestern Nacht, also das Laub an den Ästen und Zweigen der Bäume, beziehungsweise; the wind in the willows, aber bald schon, bald stehen sie wieder nackt und leer. Es ist nichts, wirklich gar nichts mehr übrig in meinem Gedächtnis von Twin Peaks. Auch nicht im Angesichts rauschender Bäume. Was vermutlich vor allem daran liegen wird, dass es in den neuen Folgen kaum noch Waldcontent gibt, auch keinen Sägewerkcontent. Dafür mystische Hubschrauberflüge an nächtlich spiegelnden Hochhäusern vorüber. Leute die rückwärts sprechen, die in Steckdosen leben, und ein Würfel aus Glas. Wie ein englischer Magazinmacher mir einmal die Formel erklärte, mit der man ein erfolgreiches Independent-Magazin macht: »Make it strange. Make it less understandable.« Der hyperstilisierte Hinterwäldlercontent hingegen, den ich in den ursprünglichen Folgen (von denen ja auch lediglich etwa zehn gut waren) so bezaubernd fand, ist ebenfalls weggefallen. Selbst die wunderschönen Innenräume des Great Northern Hotel, in dessen Geheimgängen einst Audrey Horne ihr Unwesen trieb, sollen nun lediglich an ein »abgelebtes Futur« erinnern. Woher hat David Lynch diesen schröcklichen Begriff? Von Botho Strauß (Aus dem Jungen Mann).

Fürwahr mystisch finde ich hingegen den Fall einer von einer Postkarte verschwundenen Briefmarke, von dem mir Friederike berichtet. Es gibt ein Beweisfoto, der Poststempel hängt da nachgewiesenermaßen sozusagen in der Luft, dabei weiß ich genau, dass da eine Marke geklebt hatte, eine kleine, auf der eine Rispe Maiglöckchen abgebildet war, denn schließlich hatte ich diese selbst da draufgeklebt. Und wie auch sonst wäre die Postkarte zugestellt worden. Der Verdacht fällt hierbei zum einen auf die Muhme, doch ist sie ja hauptsächlich in der Wiederverwertung von Pfandflaschen und Kleinstmobiliar aktiv; dass sie gut erhaltene, heißt versehentlich nicht auf dem Motiv bestempelte Briefmarken von fremder Mieter Postkarten schält, kann, aber will ich mir nicht vorstellen. Bleibt, als wahrlich David-Lynch-hafter Kandidat: das Briefzentrum in der Gutleutstraße, das ich ja einst auf meiner Wanderung nach Griesheim und zurück in Augenschein genommen hatte. Als auf der Brachfläche nebenan noch jene im Regionalteil der Zeitung beschworenen Zustände herrschten angeblich, die einer Existenz unseres Sozialstaates zu spotten schienen. Gut, und da hatte ich damals schon den Eindruck eines unguten Brummens, das mir sich subkutan mitzuteilen schien, als ich mich dem fensterlosen und ansonsten komplett schachtelhaft gestalteten Bauwerks gegenüberstehend befand. Um ihre mystisch okkulten Dunkeltaten vor dem allzu Offensichtlichen zu verbergen, besteht der Trick der Post freilich im Einsatz ihrer Markenfarbe Gelb. Selbst das diabolisch fensterlose Briefzentrum in der Gutleutstraße mit seinen heruntergelassenen Läden schaut noch vergleichsweise vertrauenserweckend aus, weil hier und da in freundlichem Gelb verziert. Ganz anders freilich UPS.

12.6.

Am Samstag hatte ich mich früh am Abend mit Jan verabredet, um endlich die auf Sky bereitgestellten Folgen von Twin Peaks anzuschauen. Aber wie das so ist mit etwas, an das man große Erwartungen stellt: Man fürchtet sich insgeheim auch schon vor der Enttäuschung. Und so schaute ich auf dem Weg durch den Grunewald noch auf der Terrasse des Bistro Floh vorbei, wo sich traditionell, aber im Sommer noch intensiver, die diversen Unternehmer im Ruhestand treffen, die sich übrigens gegenseitig mit den Namen ihrer Unternehmen ansprechen, also »Togal Werner« et cetera.

Die Sonne schien auf Kiefernstämme, die es in dieser Gegend überall gibt. Das Trottoir lag schon voller Zapfen, die knackten und knisterten auf dem warmen Belag. Auch das war natürlich schöner als Fernsehen: Gespräch über Kiefern, warum man die so schön findet (die orangefarbenen Stämme im Abendlicht; wie sie sich in den Himmel biegen; dass der Blick an ihnen entlang oben ins Blau fahren kann und dann erst kommt deren Krone; das Palmenhafte; dann die Details: die Zapfen, die Nadeln, die Borke, die Rindenhaut, die sich abziehen lässt und dann, hältst du sie gegen das Licht, entsteht dort ein Camouflagemuster in Orangetönen; nicht zu vergessen die Standorte, also wo man die Kiefer vorzugsweise vorfindet: auf sandigem Grund. In schönen Wäldern. An den Ufern von schönen Seen. An Wäldern, die zu einem Strand hinführen, an ein Meer).

Es gab dann die üblichen Probleme mit dem Decoder, dann, als die gelöst waren, hatten wir Hunger bekommen. Unkonzentriert durften wir uns das Werk nicht einverleiben. Im Auto lauschten wir der Stimme einer Albanerin, Ermonela Jaho, die etwas Regnerisches hatte und etwas vom Kiefernwald hatte sich in mein Hörerlebnis auch noch hineinverirrt, und so entstand auf der kurzen Fahrt also ein Hochgenuss. Wobei wir auch noch an einem erstaunlichen Bauwerk vorbeigefahren waren, es handelt sich um einen Baumarkt, der am äußersten Ende des Ku’damms errichtet wurde, an der Spitze sozusagen, aber das mit den Mitteln der zeitgenössischen Museumsarchitektur. Man fährt dran vorbei und glaubt, dort stünde die Kunsthalle Siegen oder eine dergleichen. Na ja.

Als wir dann nach dem Essen und der Rückfahrt, mittlerweile war es passenderweise dunkel geworden, auf der Terrasse den Serienapparat in Betrieb genommen hatten, war es ja im Grunde schon zu spät für eine objektive Kritik am Œuvre. Wir fragten uns aber schon, wenn auch nur kurz, weshalb eigentlich niemand im Feuilleton darüber geschrieben hatte.

Ich schlief lang und gut und, wie es mir schien, traumlos in einen Sonntag hinein, der warm war und den Wünschen von Hunderttausenden entgegenkommen sollte, die auf ihren Fahrrädern über gesperrte Autobahnen ins Berliner Stadtzentrum eindringen wollten. Ich sah einige Tausend von ihnen aus dem Fenster der S-Bahn. Sie stauten sich in eine Autobahnauffahrt hinein. Die Sonne heizte. Und überall war Polizei.

Am Abend dann wies einiges am Himmel hin auf ein anstehendes Hitzegewitter. Was gibt es schöneres, als dabei am offenen Fenster einzuschlafen. Man liegt dort geschützt und im Dunkeln und lauscht bei schwindenden Sinnen den Tropfen, die unablässig tropfen, wie um zu sagen: Schlaf du nur ein, wir kümmern uns derweil um die Arbeit.

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