»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

31.7.

Um das Freibad drängten sich die Menschen in Schlangen, die reichten bis zum Easy Rider. Andreas als Shiva: rechts Biere, links Würste — ich hoffte, er würde den versäumten Umsatz noch an diesem einzigen Tag reinholen.

Ich zog mich zurück. Durch den Wald, wo Flecken von Sonnenlicht zwischen die Reifen der Radfahrer fielen. Und über uns rauschte es gewaltig. Die ganz in Knallrot gekleideten waren die von der DLRG.

Anders als im letzten Jahr ließ sich Max Goldt nirgendwo blicken. Ich befürchtete, dass er bald sterben würde, vermutlich, denn im vergangenen Jahr wurde er hier noch, und das war täglich, von einer Vertrauten herumgeführt – damals schon heftiger Tremor– nun entweder Toskana, Ostsee, oder es hatte sich eben erfüllt.

Bei der Schützenkönigin brachte das Sonnenlicht die Blätter der Kirschlorbeersträucher zum Leuchten. Und ich fragte mich, zeitungslesend, warum es in Deutschland nur eine einzige Tracht gibt, die für das Zünftige steht; für die Biergartenkultur: Warum in jedem Biergarten Deutschlands sich alle Bedienkräfte als Bayerinnen verkleiden müssen (wobei ich die hochgeschobenen Brüste im Ausschnitt ja gerne sehe.) 

Ich träume von Schwarzwaldstuben überall, wo sie alle den Bollenhut tragen müssen.

Bei der Schürzenwirtin, tief im Wald, ist es zudem so, wobei das Lokal wohl einem Mann gehört, weswegen sich obendrauf noch die Genderfrage stellt, dass dort im Hintergrund die Geräusche von Maschinenpistolen und Pumpgun-Gewehren ertönen – ich schrieb darüber –, während man, als nicht schießender Gast, dort im Garten der sogenannten Schützenkönigin seinen Durst stillt.

Shisha-Düfte, Waldfruchtaroma, zogen derweil durch das Unterholz.

Mir gegenüber saß eine Familie, während ich den süffig geschriebenen Text von Lars Jensen las über den neuen Pressesprecher von Donald Trump. 

Diese mir gegenüber sitzende Familie, sie bestand aus Gesichtern, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, wenn es um Überschuldung geht, oder um Auswanderungswünsche, hatte offenbar einen Urlaub in Frankreich geplant. Die Frau forderte ihren Sohn, ihren Mann, ihre Männer dazu auf, eine App herunterzuladen, um die französische Sprache ins Deutsche übersetzen zu können. 

Der Sohn fragte daraufhin demonstrativ den Vater ab:

Gabel?

La Fourchette.

Messer?

Couteau.

Usf.

Woraufhin der Vater, der offenbar in Frankreich stationiert worden war, sagte: »Ich bin für den Dienst an der Waffe ausgebildet worden; um Menschen zu töten.«

Als die Burger serviert worden, kam seine Frau auf ihr Thema zurück: »Ich glaube trotzdem, das reicht einfach nicht.«

30.7.

Nach zwei langen Nächten in der Obhut der Höhle verspürte ich erste Gedanken; am Neocortex tat sich etwas; minimal zwar, aber immerhin. Ich zog den Vorhang beiseite, öffnete die Tür und setzte mich, die Dunkelheit im Rücken, vor das leuchtende Bild, das vergleichbar schön anzuschauen war wie diese Fotografie von Günther Förg, die den Ausblick durch das große Fenster der Casa Malaparte zeigt.

Casa come me: freudvoll, sanft und heiter. Ich dachte an Enea, der, das zeigte mir die Armbanduhr, nun schon wieder seinen Wohnsitz in der Toskana erreicht haben würde. In einer Pause hatten wir neulich noch über sein mögliches Vorgehen gegen die Stachelschweine gesprochen. Es gibt dort sehr viele. Seine Frau benutzt deren abgefeuerten Stacheln, die wohl so hart und auch aus einem durchscheinenden Horn wie unsere Fingernägel sind, als Haarnadeln; sie steckt die durch ihren Dutt.

In einem italienischen Rezeptbuch aus dem Seicento fand ich ein Rezept für die Zubereitung der Nagetiere: man hölt sie aus und reibt sie mit Schmalz und irgendwelchen Gewürzen reichlich ein – vermutlich, um den Eigengeschmack des Stachelschweinfleisches zu überdecken. Wobei Enea erzählte, dass die Stachelschweine sich rein vegetarisch ernährten. Weswegen er überhaupt bloß gegen sie vorgehen muss, weil sie sich nachts in seinem Gemüsegarten mit Salat und Tomaten vollfressen. Das Schmalz übrigens, so stand es in dem Rezept, müsste aus den Vorderläufen des zum Grillen vorgesehen Stachelschweins gekocht werden. Warum ausgerechnet aus denen, war uns beiden nicht klar. Wahrscheinlich gibt es dort ein Fettdepot.

Der Himmel heute ist in Weiß und Blau gestreift, so gleichmäßig wie ein Zebrastreifen im Limonadenland. Der See liegt wie gestrichen da, über den dunkler erscheinenden Untiefen kräuselt es sich, sobald es in den Baumkronen rauscht. Die Nachbarn sitzen en famille an einer Riesentafel auf dem Rasen. Es wird, in der Unterhaltung der Männer, mit Riesensummen hantiert. Auf einem sarghaften Holzkasten steht eingebrannt »Crocket«.

Im Zauberberg gab es für mich immer nur diese eine Stelle, die rätselhaft blieb. Wenn Hans, während Joachim stirbt, zu der verborgenen Stelle im Wald hinaufsteigt, um »zu regieren«. Heute früh, am Fenster sitzend, habe ich begriffen, was damit gemeint ist.

29.7.

Es entspricht meiner Lebenserfahrung, dass sich Menschen mit Geld zwangsläufig zu absolutistischen Herrschern entwickeln, wie im Geschichtsbuch beschrieben. In meiner Klasse gibt es das nicht. Obwohl ich das wie auf den Zehenspitzen federnde Abwarten dort bei dem einen oder der anderen schon spüren kann. In dem Sinne also, dass bei ihnen der Moment schon herbeigesehnt wird, dass es passiert. Der Moment, an dem man sich vom bloß Befehlenden zu jemandem, der durch seine Befehle auch tatsächlich nach eigenem Wunsch gestaltet, aufschwingen wird.

Und wenn man Glück hat, dann landet man als einer von Nicht-Ihnen bei einem, der sein Gebäude nicht bloß zur Selbstverherrlichung aufrechterhält, nicht bloß zur weiteren Bereicherung; man landet bei einem, der sich sein Leben einfach nicht anders vorstellen kann, als so: inmitten eines Hofstaates – gleichwas ihn der kosten mag.

Sehr still war es geworden. Aus dem hinteren Teil der Redaktionsräumlichkeiten, wo die Grafiker saßen, war bloß noch das Klicken der Mäuse zu hören. Selbst das Rauschen des Vierfarbenkopierers war verstummt. Nichts mehr übrig, das zu layouten war. Sämtliche Ideen umgesetzt. Ein Wind, überall standen die Fenster offen, blies durch die beinahe menschenleeren Räume der Denkfabrik. Die Rückseiten der davon über den Fußboden gewehten Ausdrucke leuchteten weiß. Sie waren unbrauchbar geworden. Vor ein paar Tagen noch standen darauf eventuell wertvolle Informationen – in den Formen von Schrift oder Bild –, die in das Gestaltungssystem eingezogen worden waren, manche auch nicht. Was gedruckt würde, zählte. Selbst Google schwieg.

Irgendwann, ich weiß es genau, es war 23 Minuten nach fünf, konnte ich das Gebäude verlassen. Und dass es nicht regnete, schien wie ein Fehler. Da waren Menschen auf der Straße, Menschen in der S-Bahn. Ich hatte gelebt als ein schreibendes Tier.

Meine Freilassung feierte ich vor dem Easy Rider, dessen Wiederaufrichtung ich verpasst hatte – es war wohl vor einer Woche gewesen. Ist schön geworden, beinahe wie vor dem Niederbrennen, aber halt doch ein bisschen anders. Veränderungen mag ich ja eigentlich nicht. Ich bestellte bei Andreas eine Rote als Bratwurst und zwar extra dunkel, er fragte »Wo kommst Du eigentlich her«, weil nur Schwaben die sogenannte Curry mit Darm als Bratwurst bestellen. Und ich erklärte, dass es ein Festessen würde, unter anderem auch aus der Vorfreude heraus auf die Reise nach Hause, ins gelobte Land am nächsten Wochenende. Aber so wie die von mir als Königin der Würste gerühmte Stuttgarter Rote schmeckte seine »Curry als Bratwurst« dann doch nicht bis in die Feinheiten hinein.

Ich saß unter dem schwankendem Baldachin eines Ahorns mit Blick auf das flirrende Grün der alten Akazien, das ich so liebe. Dahinter stand unverrückbar eine weiße Wolke am Himmel. Schwalben kreisten in großer Höhe. Meine Pläne für morgen waren: viel einkaufen, viel essen, bis ich wieder müde bin. Think Orlando.

Auf dem Heimweg ging ich durch die Hintertür durch das alte Viertel. Hier war ich schon wochenlang nicht mehr gewesen, nicht bloß aus Zeitgründen, es hatte ja andauernd geregnet. Was ich, was wir alle hier währenddessen verpasst hatten! Mir kam es so vor, als war ich grünblind gewesen. Technicolor hatte ich in den vergangenen Wochen reichlich gesehen.

Auf dem Trottoir traf ich auf Markus, der seit kurzem ja mein Nachbar hier ist. Er sah erschöpft aus. Ich auch vermutlich, einen Spiegel gab es hier nicht. Aus der Buche sang, hochdroben, der Amselhahn. Er hatte ein Gefrierpaket mit Grillfleisch in den Händen, also Markus, und einen Kasten Bier. Damit ging er rein.

Frau Fröse, im letzten Sommer noch Dame, die sich von ihrem Psychiater Slash Chauffeur im Porsche Panamericana vor dem Café hatte vorfahren lassen, lebt mittlerweile in dem Wärmehäuschen auf dem Bahnsteig. Neulich traf ich sie im Supermarkt, wo sie Ansprachen an die Kassierer hielt. Sie breitet die Arme aus und ruft: »Nicht alle sind hier willkommen, aber er hier trägt oben Rot, Weiß und an seinen Füßen Blau!«

Es heißt, sie habe das Elternhaus in Heckeshorn versucht niederzubrennen.

Man zeigt Bilder herum.

Was aus ihrem Chauffeur geworden ist, das weiß niemand.

Frau Fröse geht barfuß. Sie ist sehr intelligent. Ihr neuer Begleiter trägt drei Armbanduhren am linken Handgelenk. Sie fuchtelt mit einem Schuhlöffel.

23.7.

Vom späten, vielleicht war es auch der mittlere Georges Bernanos, gibt es die Anekdote, dass er, wenn er sich dann mal von seinem Schreibtisch weg in das kleine Café gegenüber geschlichen hatte, nach einem halb ausgetrunkenen Milchkaffee schon eine seiner Töchter zu ihm hinlaufend sah. Die war gekommen, um ihn zu ermahnen: »Vater, denken Sie doch bitte an ihr Pensum«.

Dieses kleine Mädchen kam seit dem vergangenen Sonntag an jedem Tag zu jeder Zeit zu mir gelaufen. Und ich saß doch nie in einem der Cafés. Ich war tief eingesunken in die sogenannte Produktion der Septemberausgabe. Ich las und schrieb. Dann las ich das Geschriebene wieder. Schrieb etwas dazu, oder löschte von den geschriebenen Sätzen gerade so viel, dass ein ausgeglichenes Zeilenbild entstehen konnte. Dann dachte ich über eine sinnvolle Bildunterschrift nach. Oder über eine appetitliche Überschrift. Ab und an sprach ich mit anderen am Telefon. Und stets stand dabei vor mir das Mädchen. Die Tochter von Georges Bernanos, die mich an mein Pensum erinnern sollte. Das Mädchen war natürlich ich selbst.

Nachts, wenn ich träumte, dann träumte ich von formlosen Formen, die so gewaltig waren, dass sie den Raum, in dem ich mich mit ihnen befand, gleichwohl bilden konnten. Ich träumte die Träume von Anish Kapoor.

Tagsüber fühlte ich mich schlecht. Nicht direkt übel, aber so, wie einer der ausblutet. Hilflos schaute der sich dabei zu, ohne auch nur das Geringste dagegen tun zu können. Ich hätte dem Mädchen gegenüber sehr gern etwas entgegengehalten, aber ich hatte doch nichts. Ich dachte an mein Pensum. Aber um es erfüllen zu können, fehlte mir nun endlich wohl die Kraft.

Ich saß oft, oder stand, und wartete auf eine seelische Regung, aber das Feld lag niedergedrückt wie nach einem heftigen Regen. Violette Farben ballten sich dahinter am Horizont.

Nach den Tagen im Wald, wo ich mich von Beeren und Pilzen ernährt hatte (zu Trinken gab es Morgentau und das Wasser aus einem Trog auf der Weide) wurde die Situation aber leider nicht besser. Vor mir lag zwar der Text des Gespräches mit Roehler, aber nun war ich von dem Verdacht wie infiziert, dass er es war, Roehler, der mich mit seiner Schwächung angesteckt hatte, weil auf dem Band ja andauernd von der Hinfälligkeit und der Erschöpftheit die Rede gewesen war. Vor allem waren es aber wohl seine schonungslosen Worte gewesen, die in mir eine Art von psychotischem Erdrutsch ausgelöst hatten, der mir nun das nichtmechanische Schreiben für immer unmöglich gemacht hatte. Das Schreibtier, ein weißer Hase, lag verschüttet unter diesem Haufen. Er war vollends verdeckt worden und atmete nicht mehr.

In der Frühe, längst überwunden geglaubte Sätze tauchten in mir wieder auf und hatten die alte Bedeutung zurückerobert. Vor allem jener aus Faserland, das Buch selbst besaß ich schon seit Jahren nicht mehr, worin sinngemäß stand, dass eines Tages alles aufhören würde, ohne jeglichen Hinweis darauf, warum; ohne einen Grund. Aber auch Thomas Melle, dessen Bild ich in der Zeitung fand, weil er in Bergen-Enkheim zum Stadtschreiber ernannt worden war. Und seine Erzählungen aus dem Reich von Selbsttherapie und Verausgabung, insbesondere seine Zeilen aus einer E-Mail, in der er mir von den Verstopfungen der Kanäle schrieb, durch die der Schreibfluss geleitet werden kann, verfolgten mich jetzt bis in den Schlaf.

Ich machte mir Notizen. Einmal sah ich einen in Stücke gesägten Baum. Die Stücke lagen aufeinandergestapelt am Rand einer Kreuzung. Ein anderes Mal regnete es blitzartig stark, sodass ich gerade noch meine Hand vor den Augen erkennen konnte, aber der Rest von der Welt war wie weggewaschen von einem einzigen Schleier aus Grau. Dann trat ich hinaus vor die Tür und überall waren Menschen, die von einem Festival im Olympistadion in die Innenstadt gespült worden waren. Jeder von ihnen, ob Mann oder Frau, war über und über mit rosafarbenem und hellblauem Pigmentstaub – wie überbacken. Das Festival war des Regnens wegen abgebrochen worden und nun irrten sie, das MDMA noch im Blut, über die Bahnsteige. Ich hatte ein weißes Hemd zu weißen Hosen an und musste sehr darauf achten, dass mir keine dieser schwankenden Gestalten zu nahe kam. So landete ich bald in einem wie verlassen wirkenden Zug aus Waggons, dem im Depot durch den Regen die Kippfenster aufgedrückt worden waren, dergestalt, dass dort auf dem Boden eine dünne Schicht Wasser schwappte, während die Sitzbänke sich vollgesogen hatten mit den Regentropfen wie Schwämme. Aber keine dieser Beobachtungen löste bei mir die ersehnte Folge von Sätzen aus. Das Feld lag weiterhin wie niedergedrückt. Der Hase hielt still.

Ich dachte, dass ich mich von der Literatur fernhalten müsste. Das war dann ein Gedanke von La Rochefoucauld, den ich mit einem Mal als verinnerlicht erkannt hatte. Kracht Roehler Melle: egal wie ich diese Worte auch hintereinander gestellt vor mich hindachte, sie ergaben doch stets einen auf fürchterliche Weise mich behexen wollenden Spruch. Und dann war da ja noch Rainald Goetz, der einst in der Münchner Schellingstraße 48 zu mir gesagt hatte: »Du darfst auf gar keinen Fall jemals herausfinden, wer Du bist! Sonst ist es mit dem Schreiben vorbei.« Das fiel mir ein in meiner Not und ich dachte: Ist es jetzt soweit? Weiß ich nun endlich wer ich bin, um den scheußlichen Preis, alles, alles andere verloren zu haben?

Gebraucht zu werden ist eine schöne Idee für den Menschen. Wenn man selbst unbrauchbar geworden ist, freilich ganz und gar nicht.

15.7.

Vor der Abfahrt, dieser langen Reise meines Tages an das Ende der Nacht, aß ich bei Gosch Sylt im Berliner Hauptbahnhof ein Fischbrötchen, während auf dem großen Bildschirm hinter uns die Pressekonferenz des französischen Präsidenten und seinem Gast, Donald Trump, gezeigt wurde. Ohne Ton.

Die Verspätung war mittlerweile mit einer halben Stunde angegeben, also, so dachte ich, konnte ich mir das in Ruhe anschauen. Macron, so nennt man ihn, wirkte auf Anhieb ziemlich verzwergt im Vergleich zu dem geföhnten Giganten. Aus dessen Revers quoll ja auch eine Krawatte aus blau schimmerndem Gewebe, wie Seide, das wirkte auf mich wie ein Wasserfall, wie der endlose Brunnen in einer Inszenierung der Nibelungen, von der mir Beate einst erzählt hatte, also: einfach märchenhaft. Dazu aber noch seine Gesichtsveranstaltungen. Donald Trump kann ja anscheinend nicht einfach sprechen wie ein Mensch. Das macht nichts, wirkte auf mich aber verstörend, dass dieser Mensch, immerhin Präsident, wenn er, was er andauernd tat, seine Mundwinkel bis zum Äußersten seines Gesichtskreises hin verziehen ließ. Denn, ja, so wirkte das dort auf mich: es gab in ihm noch andere, die ihn bewegten. Wollte er aus dieser Position des Bis-zum-äußersten-Lächeln-gespannt-seins dann wieder zurück in eine neutrale Mundposition, so kam es mir vor, während ich dort vor dem Bildschirm bei Gosch Sylt schauend mein Fischbrötchen aß, dann musste er den Knechten seiner Mimik den Befehl erteilt haben, ihm das Lippenmaterial über die bekannte Position »Trötmündchen« hinweg wieder auf »Normal« zurückzuziehen. Einiges aber, so schien es mir, war noch nicht genügend einstudiert: So gab es bei Donald Trump, wenn er Zuhören signalisieren wollte, nur eine wenig überzeugende Routine, bei der seine Augen urplötzlich haselnusshaft und wie vom Klappern der Kastagnetten begleitet auf und zu klickerten.

Insgesamt wirkte das Mein-des-amerikanischen-Präsidenten-ansichtig-werden aufgrund dessen Mienenspiels so, als ob unter seinem Gesichtsfleisch kardanische Stangen ihren Dienst versehen müssten, um ihrem Herrn das für die Verständigung mit Außenstehenden nötige Mienenspiel zu ermöglichen. Dann wiederum schien es, aber es war ja unmöglich, dass sogenannte Hacker sich nun eines Menschen bemächtigt hatten. Gerade so, als ob er nicht mehr Herr seiner selbst war.

Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron hingegen: tadellos. Nein: tadellöser! Was eventuell auch schlicht daran lag, dass ich ein Europäer war wie der Franzose, wohingegen Trump, als Ami, ein für unsere althergebrachte Kultur halt noch immer einen Artefakt repräsentierte. Ein Produkt. Na gut, im Zweifel ist halt Space doch The Place.

Um mein durch Television niedergedrücktes Empfindungsfeld wieder aufzurichten, lernte ich dann auf der Zugfahrt die Farbnamen meiner Buntstifte auswendig. Die stehen bei den Polychromas von Faber in goldener Prägeschrift auf dem jeweils in der Minenfarbe passend lackierten Zedernholz und sind, auf Deutsch zumindest, auch noch überwiegend interessant:

Fleischfarbe Hell / Light Flesh

Krapplack Rosa / Pink Madder Lake

Alizarinkarmesin / Alizarin Crimson

Warmgrau IV / Warm Grey IV

Van-Dyck-Braun / Van-Dyck-Brown

Und immer so fort. 120 Stifte später sah ich die leuchtenden Türme von Frankfurt, deren Namen ich längst im Herzen bei mir hatte.

14.7.

Am Morgen traf ich auf Oskar Roehler. Das war, als ich gerade die Treppe zu einer U-Bahnhaltestelle hinunterhüpfte. Wir erkannten uns wieder, erschraken, und er sagte: »Wohin des Wegs?«. Woraus sich wiederum ein die Stunden verstreichen lassendes Gespräch entspinnen sollte – wie zur Feier unseres Wiedersehens; zur Feier des Unverhofften an sich. Andy Warhol hat über die Eigenartigkeit des Stadtlebens im Manhattan seiner Zeit geschrieben: »Wenn Du jemandem 20 Dollar schuldest, triffst Du ihn an jeder Ecke. So lange, bis Du ihm deine Schulden zurückgezahlt hast. Um ihn dann niemals wiederzusehen.«

Wir schuldeten uns nichts. Ich ihm allenfalls noch den Text. Er zeigte mir eine antiquarisch erworbene Kiste kostbarer Zigarren, die er zusammen mit einer noch zu kaufenden Flasche Whisky zu seinem Produzenten zu bringen beabsichtigte. Es war kurz nach zehn Uhr am Morgen. Die Selbstverfickung würde verfilmt.

Auf der Kantstraße holte ich in einem Fachgeschäft für Bonsaibedarf eine Sukkulente ab, die dort über ein Jahr lang nach der Vorlage meiner Zeichnung in eine Form gebracht worden war – mit den Mitteln von Schlinge und Klinge nach altjapanischer Tradition –, mit der ich Friederike zum Geburtstag beschenken würde. Das Ergebnis war, frei nach D’Arcy Wentworth Thompson, seltsam geraten, konnte sich aber total sehen lassen. Dass die Zeichnung, dernach das stoisch vor sich hin wachsende Geschöpf in Form geschnitten und gebunden worden war, in Wahrheit nicht von meiner Hand stammte, es handelte sich um den Toten Maulwurf von Peter Handke, musste ich dem Japaner nicht preisgeben. Er nahm das Geld und lächelte, natürlich geheimnisvoll, in sich hinein. Dort hielt er wohl auch den ursprünglich lateinischen Namen des Gewächses, aus dem er seine Bioskulptur geschaffen hatte, verborgen. Und gab ihn, selbst auf Nachfrage hin, nicht heraus.

In Frankfurt dann, am Morgen nach der langen Fahrt durch die sommerliche Heide hinter Braunschweig: strahlender Sonnenschein. Es ist so warm hier, auch ganz unfeucht – ich war völlig falsch angezogen in meiner Berliner Kluft mit schweren Schuhen. Ein blauer Kran hievte stapelweise Dämmstoffplatten von der Straßenseite her auf das abgedeckte Dachgebälk des gegenüberliegenden Hauses, vor dem kürzlich erst die tote Akazie gefällt worden war. Immerhin dann doch bloß eine Maßnahme zur Wärmedämmung und nicht, wie ursprünglich befürchtet, ein Ausbau des Dachgestühls zum Penthouse mit Blick auf die Türme der nahen Innenstadt. Also würde die Gentrifizierung dies schönen Viertels noch ein paar Jährchen auf sich warten lassen.

Bei der Mume gibt es heute Frittiertes. Auf dem Balkon drängt sich rauchend Verwandtenbesuch.

13.7.

Im Treppenhaus des Ullstein-Verlages hängt eine Galerie der Autoren, sie windet sich, der Beschaffenheit des Treppenhauses gemäß, spiralförmig den darüberliegenden Geschossen entgegen und dort oben, weil es keine Lichthöfe mehr gibt, ist es dunkel. Zu Anfang der Reihe, ganz unten, wo Licht aus dem umgebenden Garten durch das salathafte Laub von den Hortensien dringt, hängt ein Portrait von Gerhart Hauptmann. Ich blieb davor ein paar Augenblicke lang stehen. Wie der aussah! Eingefangen in einer späten Periode mit sowohl zerzaustem Backenbart als auch von imaginären Windstößen aufgewühlter Frisur (beides blendend auf einer Schwarzweißfotografie), bekleidet in einer Art von Talar mit breiter Kröse, der ihm, dem Dichter der Weber, dem Schöpfer des Alten Hilse, der mit geweiteten Augen etwas außerhalb des Bildes mit seinem nackten Blick zu zähmen scheint, etwas Mythisches schenkt. Kein Wunder, dachte ich, dass, wer solche Figuren um sich wusste, auf Sätze kam, die mit Wendelin beginnen und im gleichen Atemzug darauf: Tamtam.

Ein Thema übrigens, auf das ich mit Oskar Roehler in der ein paar Stockwerke über dem Bildnis Gerhart Hauptmanns eingerichteten Interviewsuite des Verlages zu sprechen kam. Es wurde, sowieso, ein angenehmes Gespräch. Animiert, wie man zu Hauptmanns Zeiten wohl geschrieben hätte. Was gar nicht mal unbedingt bloß am Titel seines Buches lag, das auf einem kleinen Tisch, der zwischen unseren tiefen Sesseln stand, aufgebaut war, sodass ich mich, was ursprünglich so nicht geplant gewesen war von mir, mit Bezug auf dieses zwischen uns aufgestellte Buch und dessen herrlichen Titel, zu meinem Aufnahmegerät, der Olympussy, hinlehnen konnte, um Satzanfänge wie »In ihrer Selbstverfickung schreiben Sie«, oder »In der Selbstverfickung geht es ja«, aber auch »Selbstverfickung — das ist doch« dort hineinzusprechen.

Anfänglich noch zu jeder halben Stunde, nach zweimaligem Abwinken roehlerseits dann in weiteren Abständen, öffnete eine Betreuerin des Verlages die Tür, um an das Verstreichen der Zeit zu gemahnen. Den zwischen uns ebenfalls aufgestellten Snackteller rührten wir beide kaum an. Ich hatte dafür einen guten Grund. Denn an den Abenden und Morgen zuvor hatte ich aufgrund einer anstehenden Reise sämtliche leicht verderblichen Nahrungsmittel aus meinem Kühlschrank noch aufessen wollen. Wie Peter Handke es einst in seinem Tagebuch schrieb: »Kindergeburtstag. Ich esse die Reste nicht aus Hunger, sondern um aufzuräumen«.

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