»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

Reformation

Enter Sandman. Und die Welt zählt laut bis zehn.

Von der indischen Küche liebe ich insbesonders die Salate und dies, freilich, vor alledem weil die indische Küche gerade nicht für ihre Salate berühmt ist. Der Kapitalismus hat uns jetzt bis in die Fasern durchdrungen. In dem indischen Restaurant auf der Königsallee begrüßt man mich freudig, herzlich, ich bekomme zu dem Salat eines der Aufblasbrote, ein Bhatura, geschenkt mit der Begründung, dass man sich freue, mich wiederzusehen. Im Effekt hat der Kapitalismus also vor allem Freudlosigkeit produziert, denn ich kann mich über den Willkommenssegen nicht freuen, nicht wirklich, weil ich ja weiß, dass sich diese Inder vor allem über das Geld freuen werden, dass ich ihnen hinterlasse.

Gestern dann zum ersten Mal seit langem auch wieder in Kreuzberg gewesen, um mit Hendrik ein paar Dinge zu besprechen. Am Görlitzer Bahnhof ausgestiegen und es geht dort ja mittlerweile zu wie ich weiß gar nicht wo sonstwo – ich stieg aus dem gelben Waggon und fand mich sofort umringt von den dunklen Gestalten, die Hiphop-Gesten machten und mir ins Gesicht sagten »Gras?«

Was macht man da, als Fledermaus? Wie erwidert man diese Signale? Wird jedenfalls Zeit, dass die Legalisierung endlich kommt. Hendrik meinte, dass es an der Warschauer Straße noch etwas drangsalierender zur Sache geht. Falls.

Snack dann im Imren, wo es ein sehr großes Aquarium gibt, vor dem ich sehr gerne sitze, während ich allein mein Brot wie es heißt: zu mir nehme. Das Aquarium, es leuchtet bläulich wie ein Telefon, enthält nur einen einzigen Fisch. Er ist sehr klein. Ein Clownsfisch, und Kinder stehen gern davor, weil sie diesen Fisch ja aus den Filmen kennen. Sie rufen »Nemo«. Die Kinder sind natürlich auch erstaunt, dass ein Clownsfisch in Wirklichkeit ganz klein ist. Im TV kommt er ihnen sehr viel größer vor.

In der schönen Bar mit dem unschönen Namen brannten Kerzen aus schwarz gefärbtem Wachs. Später kam noch Adriano dazu, was schön war, wir hatten uns ewig nicht mehr gesehen. Wie lange wir uns nun schon kennen? Wahnsinn eigentlich: Es sind weit mehr als 22 Jahre. Gespräche mit Demna und später auch mit Lieselotte über die sogenannte Fashion. Es gibt wohl niemanden mehr, der noch an irgendetwas glaubt.

Auf dem Heimweg schaute ich lang, sehr lange aus dem Fenster und da ging über der Stadt bereits die Sonne auf. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Tagebuch im nächsten Jahr »Strahlungen« nennen soll, oder »Arbeit und Struktur«.

29.10.

In der Nacht mehrfach vom Sturm geweckt worden, gewaltiges Dröhnen aus einem langen, gebogenen Rohr. Der See ist grau und treibt schäumend weiße Wellen in die kleine Bucht am Jadebusen. Ein Anblick wie das Gemälde von August Strindberg mit dem Titel Inferno, das trotz seiner geringen Abmessungen, selbst noch auf Briefmarkengröße, als Thumbnail, gewaltig auf mich wirkt.

In der Neuen Zürcher Zeitung wurden die auf der New Yorker Tefaf gezeigten Kunstwerke als langsam bezeichnet. Ein trotz aller Schweizer Bizarrerien merkwürdig treffender Begriff. Im Rahmen der Vorberichterstattung wurde ein Gemälde von Louis Maurice Boutet de Monvel beschrieben, La Dame Blanche, das wohl auschließlich in Nuancen von Weiß gemalt wurde. Der Artikel erschien ohne Bebilderung im Blatt. Auch auf der Website der Kunstmesse wird dieses Gemälde zwar beschrieben, aber es fehlt die zu der Beschreibung gehörende Bilddatei. Eine Bildersuche bei Google fördert unterschiedliche Abbildungen von Gemälden aus dem Internet hervor, darauf sind überwiegend in Weiß gekleidete Frauenfiguren zu erkennen, aber dieses eine, bestimmte Bild wird nicht aufgespürt. Je weiter ich in diesem unendlichen Strom von Bildern nach unten scrolle, desto abstrakter sind die Lieferungen zusammengestellt. Es sind dann nicht mehr bloß Frauen in Weiß zu sehen, sondern auch Armbanduhren und eine Tischlampe. Doch werden alle diese Bildersuchergebnisse unter meinem ursprünglich eingegebenen Suchbegriff subsummiert. Google sucht hier nicht mehr zu dem Begriff zugehöriges, die Maschine stellt die Ergebnisse nach ästhetischen Gemeinsamkeiten zusammen, analysiert Formen und Farbwerte nach Ähnlichkeit.

Diese neue Funktion von Google, die mir in Paris im europäischen Headquarter vorgestellt wurde im Rahmen einer Party, die dort von der Oligarchentochter Mira Duma sozusagen geschmissen wurde, sorgt dafür, dass es keine ergebnislose Bildersuche mehr geben kann. Wird die spezielle Datei nicht gefunden, organisiert der Algorithmus einen unendlichen Strom aus Ähnlichem, in dem der Suchende sich verlieren kann. Eine dazugehörige App mit dem Symbol eines antiken Tempels soll, deshalb wurde diese Anwendung während der Pariser Modewoche vorgestellt, insbesondere Kreative ansprechen. Mir wurde das erklärt von einer jungen Frau aus Dänemark, die Google-Mitarbeiterin ist. Sie erläuterte mir die endlos inspirierende Wirkung dieser App an dem Beispiel, dass ein Modedesigner auf der Suche nach einer Idee zum Beispiel gelbe Hose eingibt und schon färbt sich das Ergebnisfenster in eine gelbe Mannigfaltigkeit von tausenden Bildern, auf denen etwas gelblich scheint, oder hosenförmig. Da kann er scrollen soviel er will, die Bilder quellen unerschöpflich nach. Gefällt ihm Gelb dann doch nicht mehr so gut, kann er in der beigefügten Farbleiste auf einen anderen Ton umschalten. Und schon sortiert sich der Bilderstrom auf ein Neues, dieses Mal etwa bläulich, oder ganz so, wie er sich das wünscht.

28.10.

Gelockt von Sein und Greis, einer apokryphen Schrift aus einer obskuren Heidegger-Ausgabe, betritt der namenlose Ich-Erzähler das Antiquariat einer Ortschaft in Cornwall. Es handelt sich offenbar um ein auf deutschsprachige Bücher spezialisiertes Geschäft. Vom Buchhändler selbst ist nichts zu sehen. Am hinteren Teil des zu beiden Seiten von Regalen flankierten Raumes ist ein Durchgang zu einem Hinterzimmer mit einem Samtvorhang im typischen Dunkelrot abgeteilt. Von dort, aus dem nicht einsehbaren Teil, sind Schlürfgeräusche zu hören. Jemand trinkt Tee.

Bei näherem Hinsehen stellen sich sämtliche der Bücher in den Regalen als ihm unbekannt heraus. Waren sie beim flüchtigen Scannen der Buchrücken noch vertraut erschienen, so stehen dort in Wahrheit nebeneinander sortiert Greis und Frieden, Der Greis ohne Eigenschaften, Greis und Vorurteil, Fasergreis und Der Greis im Roggen, sowie Die Greisenharfe, Der Greis erscheint im Holozän, Der englische Greis, Ein Greis wird älter, Auf der Suche nach dem verlorenen Greis in drei sehr schönen, lilafarbenen Bänden sowie ein Folioformat im Kartonschuber Greis mit Goldrand, für die Kleinen Puh der Greis und Unter Greisen, dann natürlich Die unerträgliche Leichtigkeit des Greises und Die Liebe in den Zeiten des Greises, Greisendämmerung, Mein Jahr in der Greisenbucht und viele, viele Paraklassiker mehr.

»Und«, fragte er den Buchhändler, der sich nun nicht mehr schlürfend, dafür halt schlurfend an seinen Platz hinter dem Verkaufstischchen verfügt hatte, um dort und unter Mithilfe seiner abschließbaren Blechschatulle die zu erwartenden Käufe abzuwickeln: »Haben Sie auch den Kaukasischen Kreidegreis von Bertolt Brecht?«

»Nein«, erwiderte der Antiquar. »Kenne ich auch gar nicht. Hier, das lesen die Leute gern: Der Zaubergreis

»Und das hier: Unterm Greis – von Malcolm Lowry, nehme ich an?«

Mit auf die Nasenspitze heruntergezogener Brille schaute ihn der Höker kopfschüttelnd an: »Von Hesse. Malcolm Lowry hat Unter dem Greis geschrieben. Kennen Sie das etwa nicht?«

27.10.

Gestern wurde ich zum ersten Mal mit Diedrich Diederichsen verwechselt. Das war in einem Lokal mit dem Namen Walhalla, in das ich mit Adson, dem Novizen, eingekehrt war. Man sitzt dort an einem langen Tisch, es gibt nur den einen, zusammen mit den anderen Gästen und trinkt Biere. Wir unterhielten uns über Quasi-Monopole und über einen auffällig bunt lackierten Sportwagen von BMW, ein sogenanntes Art Car, das wir auf dem Weg ins Walhalla am Straßenrand vor der ehemaligen Milchfabrik Bolle hatten parken gesehen, weil dort, in der ehemaligen Milchfabrik, der vom Burda-Verlag veranstaltete Digital Life Day abgehalten wurde. Der Novize fragte mich, ob sich dieses Art Car im Licht des digitalen Zeitalters als dreidimensionales GIF verstehen ließe. Ich hatte gerade den Zeigefinger erhoben, um ihm zum einen anzuzeigen, dass er sich da auf einer meines Dafürhaltens nach heißen Spur befand, andererseits aber auch aus einem ganz praktischen Grund, nämlich um noch zwei Biere zu bestellen. Da sagte der uns gegenübersitzende Greis ganz laut und deutlich: »Er erinnert mich an Diedrich Diederichsen«.

Sein Tischgenosse, nur wenig jünger, hatte genickt. Noch immer schauten mich die beiden an – wie ein Fernsehbild. Als liefe dort die Trauerprozession für den thailändischen König Bhumibol.

Ich bat um eine Erklärung. »Na ja, das ist doch klar, dieses gewollt lange Haar, dieser Bart.« »Die Brille vor allem«, gab der andere zu bedenken, der bis dahin geschwiegen hatte, nur geschaut. »Ja, die Brille«, sagte der Greis. »Die vor allem.« Und dann, noch einmal, wie nach längerem Nachdenken: »Die Brille«.

Meines Wissens nach trägt Diedrich Diederichsen gar keinen Bart. Ich übrigens auch nicht. Wenn ich – oder Diederichsen – als Bartträger bezeichnet würden, dann müsste auch Christian Lindner beispielsweise als Bärtiger charakterisiert werden. Wird er aber nicht. Und seltsamerweise war es mir in diesem Augenblick nicht vorstellbar, dass ich noch eine Ära erleben würde, in der Männer wie Diederichsen oder Lindner als Bärtige charakterisiert werden.

Den ausgezeichneten Bilderwitz von Rattelschneck über den Miniatursetzkasten aus abgebrochenen Streichhölzern in Diedrich Diederichsens Ohr in der Wochenendsausgabe der Süddeutschen Zeitung hatten die Greise, von denen der jüngere der beiden als Violinist bei den Kölner Philharmonikern arbeitete, auch nicht mitbekommen. Ich musste gleich wieder sehr lachen, auch laut, als ich ihn versuchte wiederzugeben, beschreibenderweise. Der Initiativgreis behauptete, er sei Privatier. Nur aus Langeweile betreibe er in Berlin, auch er vom Ursprung her ein Kölner, eine Schule für Köbise. Lauernd, beinahe listig forderte er meinen Novizen heraus: »Wissen Sie denn überhaupt, warum der Köbes so heißt, wie er heißt?«

Doch hatte er sich da verschätzt, denn freilich konnte Adson die komplette Herleitung samt Jakobsweg herunterbeten. Daraufhin sah sich der Greis, die beiden tranken freilich Kölsch und zwar vom Brauhaus Früh, herausgefordert, uns seine Kompetenz in Sachen Diedrich Diederichsen vorzuweisen. Es handelte sich bei ihm tatsächlich um den Bruder des früh verstorbenen Gründers der Zeitschrift Spex.

Am Morgen dann rosenfarbenes Licht für wenige Minuten. Vor dem Haus war der gesamte Boden gescheckt mit welken Blättern. Dazwischen lagen, vom Dagegengetretenwerden halbiert, hell die Pilze herum.

25.10.

Alkopolis, die Stadt der Abgetauchten, empfing mich mit dem hier üblichen Hauch. Sie saßen dort beisammen in einem von mir insgeheim auf Souterrain getauften Café, den Namen hatte ich von Clemens Setz. 

Sie saßen dort und redeten von Orten. Anderen natürlich. Es ging um Distinktionsgewinn. Und ich, ich dachte, es ist doch gar nicht schwer in dieser Stadt, beispielsweise lade ich dann in ein griechisches Restaurant. Ich sage: »Kommt mit, ich kenne einen Griechen«, das sorgt verlässlich für Distinktionsgewinn, denn griechische Restaurants sind mittlerweile so gut wie ausgestorben. Einst war es noch ganz bis sehr üblich – man bedenke die Lindenstraße –, doch »Zum Griechen«, heute, jetzt, im Berlin des 21. Jahrhunderts? 

Es war gerade kurz vor 18 Uhr und bereits stockdunkel. Nachtkrabbenschwarz war es dort draußen vor dem großen Fenster an jener Straßenkreuzung, an deren Rändern in der lichten Jahreszeit die Kirschenbäume blühen. Auf meinem Weg war ich am blöden Kollwitzplatz an einem neu eröffneten Geschäft vorbeigekommen, das den Namen Spooning hatte. Klingt ja an und für sich und zunächst angenehm, aber dann fand ich heraus, dass die Geschäftsidee darin besteht, dass man dort mit tiefen Löffeln aus eiscremehaften Wannen heraus diverse Mischungen ungebackenen Kuchenteigs essen darf. Es hatte sich eine kleine Warteschlange vor dem Tresen gebildet. Und mir fiel, perplex ist ja ein schönes Wort, und der vordere Teil des Löffels heißt Laffe, schlagartig ein, dass mit der frühen Dunkelheit nun auch die anstrengende Vorweihnachtszeit ins Land ziehen wird. Wehmut beschlich mich lautlos und von hinten; schob mich sanfterweise fort.

Distinktionsgewinn durch Regression – möglich? Wenn nein, wie heißt das Gegenteil? Die Sprache des Vierten Reiches: Spooning, The Empire of Schlürf.

Mit meinem neuen Shampoo bin ich unzufrieden. Mein Haar hängt kraftlos herunter, es schaut auch so aus, als sei es weniger geworden von seiner Gesamtfülle her. Insgesamt eine Strukturkrise. Dabei habe ich die Flasche ausgewählt, gerade weil auf deren Etikett hervorgehoben wurde, dass dieses Shampoo für kraftloses, ausfallendes Haar entwickelt ward. Als sei ich nicht gewarnt worden!

24.10.

Über dem Frankfurter Hauptbahnhof kreist ein Strudel von Krähen. Ein Hochhaus, der Turm von Price Waterhouse Cooper steckt ab der Hälfte im Nebel, man sieht seine Spitze nicht. Dass der sichtbare Teil in etwa der Hälfte des Gebäudes entspricht, weiß ich aus Erfahrung. Eigentlich sieht es momentan so aus, als könnte es dort in der vom Nebel verhüllten Zone noch ewig nach oben hinaus weitergehen.

Beinahe eine volle Woche auf Reisen geht mit dieser Heimfahrt zuende. Mal war ich in Flugzeugen, mal in Zügen, dazwischen in Bussen und U-Bahnwaggons, auch wenige Male auf dem Rücksitz oder, wie es einst so schön hieß: im Fond des einen oder anderen Taxis unterwegs. Auf einem Fahrrad hingegen oder gar selbst am Steuer? Kein einziges Mal. Dafür aber viel zu Fuß. Gemessen, präzise, habe ich die Strecken zwar nicht, aber innerlich und von daher irgendwie schon (anhand, beziehungsweise -fuß des Gefühles, wenn ich spät abends dann endlich lag und dem lauschte, empfindungsmäßig, was meine Sohlen noch von sich gaben an Widerhall vom über Asphalt und Teppich, Parkett, Kopfstein und federnden Brückenbelägen, Stufen aus gerilltem Holz und solchen aus glitschig abgetretenen Platten zurückgelegten des Tages.)

Allmählich kam dann, so in etwa ab dem Sonntagmorgen, auch der Widerhall des Erlebten zu Wort, mischte sich ein und stellte so Verbindungen her zwischen dem, was ich gerade sah und hörte, und dem, was ich vor drei, zwei Tagen oder gestern erst gesehen und gehört hatte. Angeblich – zumindest war mir danach und wird von daher wohl auch so gewesen sein. 

Als wir im Zelt an der Rennbahn von Frauenfeld saßen, ein Herrenchor stimmte die Thurgauer Hymne an und einen Tisch weiter war der Bundesratspräsident der Schweiz aufgestanden, um diesem Lied seine Ehre zu erbieten, da dachte ich im Stillen an den vorangegangenen Samstagabend in Frankfurt, als wir im Bahnhofsviertel zu Gast waren bei den Brüdern Arbogast und bei Yossi Elad, der dort in einem improvisierten Restaurant im ersten Stock über der Münchner Straße für etwa hundert Menschen gekocht hatte (man bekam ganz viele kleine Tonschälchen hintereinander serviert, alles war koscher zubereitet, das schmeckt man aber nicht heraus), und schon nach dem zweiten Schälchen sprangen immer wieder Männer auf und dann auch ihre Frauen, um zu der Musik zu tanzen, zu jubeln, am Schluss wurden Teller zerschmissen, ganz feierlich. Ein herrlicher Abend mit vielen Umarmungen und ganz und gar nicht ein Restaurantbesuch, eher, viel eher, die Vereinnahmung eines Restaurants durch die Gäste und umgekehrt (in beiderseitigem Einverständnis, wollüstig, wodurch es schön ward.)

Dies eingedenk, dann die gedämpfte Feierlichkeit der Thurgauer bei ihrem Rennfest, wo es Butterspätzli gab mit einem ausgezeichneten Rindsgulasch und einem beinahe noch besseren Kotelett. Sie haben ja keine Adeligen dort in der Schweiz, offiziell, aber durch das Geld und die Familiengeschichten hat sich halt dann doch so etwas ähnliches herausgebildet (unausgesprochen). Den Bundesratspräsidenten hätte man da nicht unterscheiden können von seiner Kleidung her oder von der Art seines Auftretens, wenn der nicht in Begleitung eines sogenannten Weibis erschienen wäre. Also einer ziemlich kräftig gebauten Dame in einer grünlichen Uniform mit reich verzierten Epauletten, die auf dem von den blonden Locken umflorten Haupt einen dieser schwarzen Hüte trug, wie man ihn von der Form her nur von Napoleon kennt. Also von Zeichnungen und Stichen und Gemälden. Definitiv ein ultraklassisches Modell. Die oder das Weibi freilich unbewaffnet. Die pure Repräsentation. Comme des japonais

Abends dann lange Gespräche mit unserer Gastgeberin Simona über eben diese Unterschiede: kulturell, somit gesellschaftspolitisch, zwischen Deutschen und Schweizern. Im Prinzip scheint es unvereinbar. Trotz der sogenannten Nachbarschaft von den geografischen Landesgrenzen her, sind wir ziemlich sehr weit voneinander entfernt.

Zwei verschiedene Paar Stiefel, wie mein Vater zu sagen pflegt. Das Pflegen ist wichtig, denn er denkt dabei mitnichten an die Stiefelpaare zweier Armeen, die aufeinander zuzumarschieren befohlen sind, sondern an Stiefel aus unterschiedlichem Material, Leder mit unterschiedlichen Ansprüchen, für die er jeweils geeignete Bürsten heraussuchen muss aus seinem Arsenal.

22.10.

»Manchmal passiert auch ein paar Tage gar nichts«, so soll Peter Handke sein Leben als Tagebuchschreiber zusammengefasst haben. Zumindest stand das so in der Zeitung. In mittelalterlichen Erzählungen gibt es den Kunstgriff, dass tagelang nicht Erzählenswertes passiert. Steht dann aber freilich trotzdem da, wird sozusagen nicht unerwähnt gelassen. Das Nichterzählte scheint qualitativ unterschiedlich vom etwa Verschwiegenen. Das Nichterzählte bleibt liegengelassen. Aber nicht achtlos, sondern, im Gegenteil: nach eingehender Prüfung.

Grenzübertritt bei Basel gegen elf Uhr am Morgen in einem menschenleeren Eurocity-Express. Die Fahrt geht weiter nach Zürich, wo wir zu einem Galopprennen eingeladen sind. Also nicht als Teilnehmer. Ich mache mir nichts aus Pferdesport – glaube ich. Ich war noch nie auf einer Pferderennbahn. Am ersten Bahnhof füllt sich unser Waggon mit den Menschen, Schweizern, die viel miteinander reden, in Zeitungen lesen und vereinzelt sogar streiten. Das Wetter ist nicht gut. Wie es scheint, hat es seit Tagen viel geregnet und es geht wohl bald schon wieder los damit. Der Mischwald hat teilweise schöne Laubfarben. In den Dörfern ist nirgendwo auch nur irgendeiner zu sehen.

Nicht unerwähnt bleiben soll mein Besuch in einer Kofferfabrik. Ist auch schon wieder beinahe eine Woche her. Die Koffer werden in einem Fabrikgebäude produziert, das von seiner Architektur her so gestaltet ist, dass es genau so aussieht wie die Koffer, die im Inneren des kofferförmigen Hauses hergestellt werden. Bloß in größer. Beziehungsweise sind die Koffer halt kleiner als das sie umgebende Haus. Was mich dort aber viel mehr beeindruckt haben wird, das waren die Roboter, die Koffer zusammenbauen. Es sind eiserne Tentakel, orangefarben lackiert. Von der Grundausstattung sind sie alle vom gleichen Typ. Bloß hat dann ein jeder von ihnen andere Spezialwerkzeuge auf seine Tentakelspitze montiert. Der eine kann die Alubleche damit lochen, der andere schweißt mit blauem Lichtblitz etwas dran.

Stundenlang hätte ich den Maschinen bei ihrem ermüdungsfreien Ballett zuschauen wollen. Es war dort wie in einem begehbaren Björk-Video. Der Vorarbeiter, ein leitender Ingenieur, sagte mir, man könnte sie theoretisch Tag und Nacht und das über Jahrzehnte hinweg laufen lassen. Es gibt kaum Verschleiß.

Aktuell sind die Fragen freilich profaner Natur. Woraus beispielsweise wird der Holzmilchkäse gemacht, für den hier plakateweise geworben wird – aus einer Milch von Kühen, die mit Holz gefüttert werden?

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