»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

30.11.

Tell Me Baby — Ijoma liest aus seinen Lieblingsbüchern in Katharinas Buchhandlung, der letzten dieser Art, wie es heißt, unter den Gleisen der Hochbahn. Eines der vier* ist Das Flimmern des Herzens und es, wie unterschiedlich wir Menschen doch sind, macht mich natürlich rasend: Es ist der reine Quatsch, den er den vielen Menschen, die ihn zu hören gekommen sind, erzählt (vorlesenderweise natürlich nicht, daran kann er ja nichts mehr machen). Trotzdem ein schöner Abend, und beim Fleischessen reden wir noch viel und lange über Kalifornien und dann kurz vor Schluss noch über Kenzaburo Ōe.

Wahrscheinlich weil ich den Tag zuvor im Büro von Google in Berlin verbracht hatte (Google gehört jetzt in Kreuzberg nicht nur Martin Kippenbergers SO36, denen gehört jetzt zu beiden Seiten der Straße der gesamte Komplex). Ich frage mich: Was, wenn Marcel Proust jetzt noch am Leben wäre, alterslos, und so dann bei uns? Die ganze Zeit.

*Der Erwählte von Th. Mann, die übrigen habe ich vergessen.

29.11.

Powerfrühstück (Joghurt, Feigen, schwarzer Kaffee) mit Erik im Birdhouse. Der vogelhausförmige Imbißbau ragte hier noch im letzten Jahr monolithisch auf aus einer sich vom Hauptbahnhof aus betrachtet bis hin zum Flughafen entrollenden Brache. Mittlerweile wirkt er wie eingesunken zwischen den ringsum in die Höhe wachsenden Gebäude, aus denen das Europaviertel entsteht. Und dennoch, seltsam, stellt sich bei mir nicht das Gefühl ein, ich würde hier zum Zeugen einer historischen Entwicklung, wie ich es vom Betrachten alter Aufnahmen vom Rohbau des Flat Iron Building kenne. Was hier im Europaviertel gebaut wird, ist weder Avantgarde noch ist es retro, auch nicht abstoßend, es ist zweckhaft, fad, ein riesengroßes Ärgernis. Das architektonische Vorbild des künftigen Wohnviertels ist ein Industriegebiet.

The System Only Dreams in Total Blandness – wie man es wohl hinbekommt, dass eine elektrische Gitarre so klingt, als ob ein eiserner Schopf gekämmt wird? Vor einer Mauer stehen auf dem Rasen auf der einen Seite lauter Nebelkrähen, auf der anderen, die beiden Flächen sind durch einen auf die Mauer zuführenden Fußweg unterteilt, in etwa gleichviele Saatkrähen. Jede Sorte bleibt auf ihrer Fläche, als ob sie, obwohl gleich groß, gleich schwer, gleich große und gleich geformte Schnäbel et cetera, wüssten, wer zu wem gehört. Die Nebelkrähen wirken im Vergleich mit den schwarzen, als ob sie Uniformen trügen.

Ich wartete um die drei Stunden lang, ob ich dann noch immer darüber schreiben wollte, denn manchmal klingt es ab und es verliert sich meine Lust. Oder nach einer Weile fällt mir nichts mehr ein zu etwas, das mir zuvor noch bedeutend erschienen war. Aber die Krähen blieben. Scheint mich interessiert zu haben.

28.11.

Geblieben sind: ein kleiner Stapel neuer Bücher (teils alt, aber von mir noch ungelesen), ein Tütchen mit den Basler Brunsli, ein ganzer Käse (Vacherin), der unprobiert geblieben ist. Geblieben ist aber vor allem das Gefühl der Harmonie, für das es ein Emoji gibt, die Revolving Hearts. Wobei, wo ich nun mit dem letzten Update des iOS meinen langgehegten Wunsch erfüllt bekommen habe in Gestalt eines Gehirnsymbols, ich mir auch hier noch eine Präzisierung erhoffe: zwei davon, beständig einander umkreisend als planetarisches System: Revolving Minds. 

Farbe egal.

27.11.

Im Feuilleton der Sonntagszeitung schreibt Andreas Kilb auf einer Seite über die Obstdiebin; er setzt, so habe ich das empfunden, das Buch ins Recht. Durch den Hinweis auf seine Natur, die Poesie. Ohne gleich Naturschutz beantragen zu wollen. Und doch, das ist der Beigeschmack, weil in den ersten Absätzen auf Botho Strauß, den anderen Solitär der deutschsprachigen Literatur verwiesen wird, geht es um aussterbende Künste – wie es im amerikanischen Filmdialogbuch heißen könnte »They don‘t make poets like this anymore.«

Wer ist sie? Die Verlagslandschaft. Sie kann solche Sonderformen nicht mehr hervortreiben. Dazu fehlt die Fantasie. Unternehmerische in dem Fall, aber auch dazu könnte die Poesie helfen. Der Briefwechsel Strauß/Krüger ist nicht veröffentlicht (und ich würde ihn vermutlich auch nicht lesen wollen; na ja, vermutlich aber doch!), der von Handke/Unseld steht abgedruckt in einem meiner allerliebsten Bücher The Making of a Poet by S.U.

Handke, der, ich weiß nicht mehr genau wo (in seiner auf einem Kartonstreifen, der der Obstdiebin beigelegt ist, angekündigten Gesamtausgabe in Leinen gebunden umfasst allein sein Werk der Poesie über 7000 Seiten, dazu noch 3000 Seiten Tagebuch), einmal geschrieben hat »Schreiben heißt auch wirtschaften« meinte damit freilich nicht, was mittlerweile üblich geworden ist in deutschen Verlagen und selbst in den Verlägchen: dass der Lektor als ein nach dem Vorbild dieser Funktion in den Werbeagenturen sogenannter Kontakter des Unternehmens Verlag oder Verlägchen auftritt, um mit dem als Unternehmer in Sachen Content auftretenden Autoren ein Geschäft anzubahnen. Das Wirtschaften, von Handke rein auf das Haushalten mit dem zu Erzählenden bezogen, hat nun selbst den Bereich der Poesie durchdrungen. Da muss »gemeinsam geschaut« werden, wie »man auf seine Kosten kommen kann«. Der Autor selbst wird dabei wie ein Patient betrachtet, der in einer Bringschuld ist und froh sein dürfte, wenn man ihm seine schwierig zu vermarktende Last zu gleichwelchen Konditionen endlich abnähme. Auch mit den Fragestellungen der sogenannten Vertreter des Buchhandels, dem Problem der schwer zu kalkulierenden Preise auf dem Papiermarkt, der postability und der instagramability, Lesungen auf VR, Kosten für Events hat er sich zu beschäftigen. Das ist nun alles zum Teil gemacht des Aufwands, den es kostet, das Reich der Poesie zu bewahren.

Nicht etwa zu beschirmen oder gar gießen. Weil Schreiben jetzt tatsächlich Wirtschaften bedeutet.

Totensonntag

Ich bin noch unentschieden, ob Kranz oder Wurst. In meiner Kindheit gab es zweierlei: mal einen Adventskranz, in anderen Jahren ein längliches Gesteck aus Zweigen, intern Die Wurst genannt, aus dem die Kerzen hintereinander angeordnet ragten wie Schlote. Der Vorteil des nicht traditionellen Modells besteht darin, dass sein Besitzer nicht überlegen muss, welche Kerze er am ersten Advent anzünden muss. Entweder links oder rechts. Beim traditionellen Kranz kann, das habe ich mit mir selbst schon erlebt, der halbe Adventsvormittag schon vergangen sein, und diese wichtige Frage war dabei unbeantwortet, das Problem der Anzündreihenfolge dadurch unentschieden geblieben.

Mein Großvater Hermann Anton, längst verstorben, hatte in den späten Achtzigerjahren eine noch weitgehendere Form der Innovation des Christbaumes erfunden. Mittlerweile würde man sie als disruptiv bezeichen: An einem ersten Weihnachtsfeiertag betraten wir dort bei ihm das Wohnzimmer, das aufrgund seiner enormen Deckenhöhe eher eine veritable Halle war, und von dieser Hallendecke herab hing an einer goldenen Kordel befestigt ein Gesteck aus teilweise enorm auslanden Nadelzweigen bis beinahe hin zu dem weit darunter aufgestellten Gabentisch; die Zweige freilich wie üblich mit Kerzen und Kugeln geschmückt, insgesamt aber eine freie Interpretation des Konzeptes vom Baum. Eine Abstraktion des Klassischen. (Wobei ich dieses Wort zunehmend als abgegriffen und kaum noch etwas aussagend befinden muss, seit ich neulich in einer Kochsendung einen Koch hörte und sah, der auf die Frage des Moderatoren, wie er den Sud für das Garen der Grießklöße hergestellt habe, antwortete »Mit Wasser. Also ganz einfach mit klassischem Wasser«, und ich dann dadurch ins Nachdenken kam, was wohl mit nicht klassischem, was mit modernem Wasser gemeint sein könnte.)

Er, Hermann Anton Bessing, ein Westfale, oft mürrisch und so manches Mal polternd und grob, konnte in seinen Werken mit Blüten und Pflanzen – er legte Parks an und Gärten von Beruf – eine uns allen verborgene, seine feinfühlige und ästhetische Seite zum Vorschein bringen. Sie offenbarte sich eigentlich nur da, vornehmlich im Freien. An Weihnachten auch drinnen. Und er kochte und backte sehr gut, alles ohne Rezeptbücher, wie er, der schon seit ich denken konnte so gut wie taub war, es nannte: »nach Gehör«. Außerdem behauptete er, das zweite Gesicht zu besitzen. Angeblich gab es das unter seinen Vorfahren schon seit vielen Generationen: die Begabtheit zur Spökenkiekerei.

Außer ihm gedenke ich heute seiner Frau Margharete, meiner Tante Elisabeth Symietz, meiner Urgroßmutter Rosa Neuppert, meinen Großeltern Hildegard und Rudolf Sauber, meinem Cousin Jan Bessing und Katrin Fichtner.

23.11.

Das Buch wird mit jedem Tag nur noch dicker. Wie Borges sich das für sein unendliches Sandbuch erträumt hatte. Fahrscheine und Quittungen, ausgeschnittene Abbildungen und Textstellen aus den Zeitungen lege ich ein zwischen die Seiten an den jeweiligen Stellen, wo ich für etwas anderes die Tätigkeit meiner Lektüre unterbrochen habe. So wächst Die Obstdiebin in ihrem Umfang nur noch weiter an, anstatt, wie es Bücher eigentlich an sich haben, allmählich aufgezehrt zu werden von meinem Lesen darin. Und ich mache viele Pausen. Ich komme nur in kurzen Etappen voran, muss oft verschnaufen. Offenbar handelt es sich um einen Aufstieg, und das Plateau ist noch nicht erreicht. Aber es wird eines erreicht werden. Always Ascending heißt die neue Platte von Franz Ferdinand.

Pause nach der »Halle der verlorenen Schritte« wie die Bahnhofshalle bei Handke heißt. La salle de pas perdu. Wie schön kann Sprache sein? So schön. 

Seltsam, dass Ijoma Mangold lange, ungefähr vier Buchseiten lang; sechs würden es sein im entgegenkommenden Satzbild der Obstdiebin mit ihrer entschiedenen Type und dem lüftenden Durchschuss (man schaue sich zu Studienzwecke hier bitte mal Plexus von Henry Miller zu Rowohltzeiten an), über die Obstdiebin schreibt, aber kein Wort verliert zur Sprache des Buches. Nicht stattdessen, aber dafür erfährt man als Leser seiner Kritik, was es bei ihm an dem Lesewochenende zu essen gab und womit geheizt wurde. Literaturkritik an der Schwelle zum Produktetest.

22.11.

Spät am Abend saß ich mit einer Tiefkühlpizza in der Bahn. Das war auf dieser letzten Etappe zwischen den Haltestellen Grunewald und den Seen, auf denen der Zug ununterbrochen durch den Wald fährt. Angeblich ist es die längste Etappe im ganzen Streckennetz der Stadt. Ich war allein in dem Waggon. Den Karton mit der Pizza hatte ich auf dem Sitz neben mir abgesetzt, behutsam, wei ein Haustier, das in einer Schachtel verkauft wurde. Draußen war es dunkel und in der Scheibe sah ich auf mein eigenes Gesicht. Spät am Abend mit noch in meiner eigenen Wohnung eine Pizza zuzubereiten, das war mir, als ich noch jung war und von einem Leben in einer Stadt phantasierte, als Verheißung erschienen. Ein Traum vom Dasein als Erwachsener. Von Freiheit auch.

Seltsam, dass man sich seine Zukunft vorstellt wie ein Gefäß, in dessen Form man hineinwachsen wird wie eine Williamsbirne. Diese Form gibt es nicht.

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