»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

14.11.

Zwischen drei und fünf Uhr ist es komplett still. So still, dass ich das Rauschen eines weit entfernten Heizkörpers hören kann. Sonst nichts. Das andere Rauschen, das ich höre, wenn ich meinen Atem anhalte, ist mein eigenes Blut angeblich. Im Traum etwas Neues erfunden. Etwas kulinarisches, ein perfektes Produkt, vielleicht auch eine gute Geschäftsidee, aber sie wird sich nicht verwirklichen lassen. Obwohl im Traum alles fertig war und bereit, sogar das Personal. Besonderen Wert habe ich, das fand ich dann schon wieder weniger traurig, im Traum auf die Gestaltung der Verpackung gelegt. Die hält der Wirklichkeit stand.

Wobei ich neulich, gerade als ich wieder einmal im Stillen bei mir gedacht hatte, es gibt dann wohl leider nie mehr etwas Neues mehr, im Zufall ein kleines Café betrat, das es in der Woche zuvor noch nicht gegeben hatte, und dort gab es, groß angekündigt: Zuckerrohrsaft. Ganz köstlich. Der Mann dort nimmt einige der auf Unterarmlänge zurecht gesägten strohhaften Röhren und steckt sie in ein anscheinend eigens für diesen Zweck hergestelltes Gerät aus Portugal (oder Brasilien). In dem Gerät wird unter ziemlichem Getöse das Zuckerrohr in einen Wirbelwind aus Kieseln, Split, dann Sandkörnern verwandelt und aus der Schnaube rinnt derweil ein olivengrüner Saft über reichlich Eiswürfeln in ein Glas. Schmeckt wie die Flüssigkeit in einer Birnenkonserve. Von der Wirkung her aufputschend, dies aber sanft; nicht ganz so langanhaltend wie der grüne Matcha, da kann es ja rasch unangenehm werden. Ich fühlte mich jedenfalls angenehm beschert. Ungefähr so muss sich Ernst Jünger gefühlt haben, als man ihm in den siebziger Jahren tief im brasilianischen Wald die von ihm so bezeichnete Mangopflaume vorgesetzt hat.

Das war am selben Tag, als das Update auf iOS 11.1.1 mir 50 neue Emojis auf die Tastatur brachte. Und endlich wurde mir damit mein großer Wunsch erfüllt, weil es jetzt ein Gehirn gibt. Allerdings ist es rosa. Und man kann dies Rosa nicht, das finde ich nicht konsequent, anders als bei Händen, Gesichtern, ja sogar bei den Ohren und den Nasen kann man die Farbe des Symbols nicht in diversen Abstufungen von Dunkelbraun und Karamell über Lyonerfarben bis nach Gelb verstellen. Neu in der Sektion Nahrungsmittel: ein Brokkoli. Makkaroni fehlen noch.

Sankt Martin

Death of a diva: Der Kirschenbaum entledigt sich seiner letzten Blätter auf eine denkbar theatralische Weise. Ein Melodrama. Ich schaue ihm vom hinter den Scheiben dabei zu und es läuft Michelle Gurevich.

»I am a party girl. Look at me. I’m a natural.«

So ähnlich habe ich mir den Striptease-Akt vorgestellt, von dem Charles Aznavour singt, den damals, einst, Roberto Ohrt zu später Stunde. Am Ende steh’ ich völlig nackt. Es ist für mich entsetzlich lange her.

Heute teile ich meinen roten Mantel für all die, die nach dem Wissen von den Makkaroni dürsten.

Beispielsweise war ich einst, es ist noch nicht so lange her, zu Gast bei einem Greis, der wohnte Rive Gauche und gegenüber war das Grand Palais. Das konnte man von seinen Fenstern aus sehen, auch die Brücke davor. Es war um die Mittagsstunde, damals regnete es nicht. Ein in weißer Kellnerjacke auftretender Kellner hatte ein Büffet für zehn bis zwölf Skifahrer aufgebaut, wir, der Greis und ich, waren alleine zu zweit.

Der Greis, sein Name war Hubert, und er ist mittlerweile tot, hatte nach dem Ende des Weltkrieges eine Rezeptur für eine Gesichtscreme erfunden. Er war weder Chemiker noch Apotheker. »Der Kreative macht, was er kann. Das Genie, was von ihm verlangt wird.« Aus der Rezeptur war in den siebziger und sechziger Jahren ein Riesenunternehmen der Kosmetikindustrie gewachsen. Der Greis war unermesslich reich.

Von dem Büffet rührte er kaum eine der Schüsseln an. In einer winzigen Pfanne lag eine Schnecke aus Makkaroni, die zu einer den gesamten Boden des Pfännchens bedeckenden Spirale eingelegt worden waren. Dann in Butter gebraten und mit ein paar Flocken Butter bestreut. Der Nudelkuchen ließ sich, nun da die gartenschlauchhaft sich gebärdenden Makkaroni niedergehalten sich fanden, in Viertel zerteilen und somit leicht essen.

Schmeckte einfach nur wunderbar.

»Das hat er für mich erfunden«, rief der Greis von seinem Aussichtsplatz nahe der Fenster. Der Kellner der D’Ornanos verneigte sich still.

9.11.

Die Hecke zum Park ist durchlässig geworden. Abends sehe ich dort in Bodennähe blaue Lichter. Das sind die Jugendlichen mit ihren Telephonen. Sie schreiben Nachrichten und hören Musik. Mir fällt dann ein, wie ich als Kind, um diese Zeit vor dem Martinstag, im Dunkeln draußen durch die Straßen ging und immer gab es dort in jedem Haus, in jeder Wohnung noch einen Raum, der war vom bläulichen Flackern erfüllt. Weil sich Menschen vor dem Fernseher versammelt hatten, der, wie es hieß, lief. Das gibt es kaum noch. Und wenn ich es sehe, dann denke ich, hier wohnt ein alter Mensch.

Nachts wachte ich auf von einem grünlichen Schein, der sich über dem Boden ausgebreitet hatte wie schwebend. Der ging aus von den sechs Leuchtdioden am Router, die ähnlich den schwarzen Tasten einer Klavieroktave auf dem kleinen Kasten angeordnet sind. So dunkel war es draußen, dass dieses geringe Licht jetzt strahlend wirkte. Der Mond war nirgends zu sehen.

Von Jan erhielt ich Hinweis auf eine Nudelkritik. In der ersten Lieferung, ein Spiel, ging aus dem Textauszug nicht hervor, um wen es sich handelte, der da seine Makkaroni mit Käse derart missraten gefunden hatte. Anscheinend aber Ludwig van Beethoven. Es durchfuhr mich – zu Beethovens Zeiten sollte es schon Makkaroni gegeben haben? Die Erstausgabe dieser Biographie stammt aus dem Jahr 1860. Und zu der Zeit, von der die Anekdote berichtet, befand Beethoven sich in Wien, nicht in Bonn, was mich seltsamerweise etwas beruhigen konnte, aber nicht völlig. Die Herstellung von Makkaroni stelle ich mir auch unter heutigen Bedingungen nicht unproblematisch vor: Eine Maschine kann einen von Natur aus zähen und klebrigen Nudelteig zu langen und geraden Röhren formen, eine wie die andere. Und das erst von Hand! Wie kommt man bloß auf die Idee für eine solche Nudelform? Und das vor zwei, vielleicht schon dreihundert Jahren. Vor allem halt: warum. Es gibt keinerlei Vorteile für den Nudelfreund, die sich durch das Röhrenhafte ergeben. Meiner Ansicht und Erfahrung nach sogar im Gegenteil. Das Einschlürfen der Nudel wird dadurch noch weiter erschwert. Die, wie es bei den von mir geschätzten Spirelli heißt: Saucensüffigkeit ist nicht gegeben. Die aufgrund ihrer Röhrenhaftigkeit da noch am ehesten mit den Makkaroni vergleichbaren Penne lassen sich mit einem ins Loch eingefädelten Gabelzinken leicht aufnehmen; Makkaroni aber nicht. Und die sozusagen overblown Penne, die Canneloni, lassen sich füllen. Makkaroni nicht.

Arno Schmidt, das erfährt der Leser aus dem Prolog der ersten Szene von Julia, oder die Gemälde, aß sehr gerne Makkaroni mit Käse. Mir fallen immer nur noch mehr Anekdoten zu Makkaroni mit Käse ein.

7.11.

Beinahe vorwurfsvoll, aufrecht, wie innerlich versteift, so als wollte sie mir mit allem an ihr, mit ihrer Haltung sagen: Fass mich nicht an, steht die elektrische Zahnbürste nun wieder alleine an ihrem Platz. Alleine im Dunkeln. Blinkt trübe vor sich hin.

Vor ein paar Tagen noch, ich denke, es war der Donnerstag, da fuhr ich mit der Bahn durch den klirrend bunten Wald, das Herbstlicht zeigte schräg in die Bäume und das von Tau und Regen feuchte Laub leuchtete wie mundgeblasen. Das war der letzte schöne Tag. Den ich dann leider nicht im Wald verbrachte, und schon am nächsten Morgen fand ich mich umgeben von einem Spezialwetter, dem sogenannten Sprühregen, wahrlich etwas für Wettergourmets: Ich war von allen Seiten her eingehüllt von einem nicht sehr kalten Wasserdampf oder Dunst, ähnlich der Gischt, aber sanfter. Eigentlich tropisch von der Feuchtigkeit her. Aber unter der Brücke lag schwarz und still die Spree.

Gestern dann, am späten Nachmittag, der Herbst hat seine Methoden, um mich einzufangen, gab es kurz vor dem Einbruch der Dämmerung eine Lichtstimmung, in der die Fassaden golden wurden, besonders wärmend schien mir der Backstein am Kirchturm und darüber, wie eingefroren über allem, standen braune Kokons in Folie gewickelt.

Wer auch immer die Wolken mit Träumen verglichen hat; so sind Träume halt genau nicht.

Dass ich das Bild des Waldes am letzten schönen Tag zwar beschreiben kann, aber dabei nicht mehr sehen, auch nicht vor mir, wie es heißt, wundert mich.

5.11.

Wund – müde auch. Innerlich kaputtgearbeitet. Die vergangenen Tage, gering an der Zahl, waren hart.

In dem Bürogebäude, in dem sich die Redaktion befindet, ist vor kurzem eine Firma namens Violence Prevention Network eingezogen. Eines Morgens traf ich vor dem Aufzug eine junge Frau. Wir bestiegen die Kabine gemeinsam. Ich fragte, welchen Stockwerksknopf ich für sie drücken darf. Von ihrem Haltewunsch konnte ich darauf schließen, dass diese Frau eben dort, beim Violence Prevention Network, beschäftigt ist. Ich fragte, was diese Firma macht. Sie sagte, man kümmere sich dort um Jugendliche, die in Gefahr stünden sich zu radikalisieren. Und dann hielt der Fahrstuhl, sie ging einfach hinaus und sagte: »Einfach mal googeln.«

In der Zeitung lässt Claudius heute auf der ersten Seite des Feuilletons die englische Übersetzung von Irre abdrucken, die nun, 34 Jahre nach der deutschen Erstausgabe, erscheint. Ich frage mich, ob ich vielleicht noch dreißig Jahre mich gedulden muss, bis Untitled für den Rest der Welt zugänglich gemacht wird. Ein bisschen seltsam ist es ja schon, wenn ich mich mit Leuten stundenlang auf Englisch über alles mögliche unterhalten habe. Und sie mich dann immer, beinahe immer fragen, ob sie etwas von mir zu lesen haben könnten, bitte. Und ich dann immer sagen muss: »Leider nein.«

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