»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

Das Flimmern der Tage

Mit den Wurstbroten und einem Stück vom Apfelkuchen gab ich Friederike am Morgen auch den Text für die Metamorphosen mit in der guten Hoffnung, dass sie mir ein Redigat gönnen wird. Wird sie. Schmidt hat, das war freilich zu einer anderen Zeit, die ideale Ehefrau des Schriftstellers als Kombination aus Schreibmaschine und einem Geldautomaten definiert; those were the days.

Ein Redigat unter Liebenden ist natürlich eine heikle Angelegenheit; heiklissimo sozusagen, in dem Geist meiner Zeit. Und aber dennoch bin ich gespannt auf ihre Striche. Meiner Erfahrung nach findet der sehr gute Lektor ja exakt diese Stellen, die ich selbst schon beim Wiederlesen verzichtbar fand, oder schlampig geschrieben, aber dann, aus Schlampigkeit, sozusagen stehenließ, allein aus dem Grunde, weil sie dort schon so schön stehen wollten. Aus Entkräftung auch oft. Nicht zuletzt weil das im Feuilleton und in artverwandten Sektoren geforderte Durchgearbeitetsein von Texten mir halt zu bäckersmäßig klingt im Hirn.

Apropos: ich werde am Nachmittag ein Hefezöpfle anfertigen, das sich, wie es heißt, gewaschen haben soll. Aus den Teigresten wird für die Mume ein dies noch von mir einzufärbende rote Ei umkränzender Sockel gebacken, den wir ihr dann am Sonntag vor unserem Kirchgang nebst einer kyrillisch beschrifteten Karten überreichen wollen. So will es der bulgarische Brauch, angeblich. So soll es denn sein in unserer Wirklichkeit.

Im Geäst des Kirschenbaums, heute früh, als niemand dort war, den Tau von den Wiesen zu lesen: Annäherung eines Amselpaares. Lohn des Gesangs eines Amselhahns in der Frankfurter Innenstadt.

Orra Perkins

Karfreitag in Frankfurt: Im Hinterhof schallt leise Rapmusik. Und es dröhnen die Flugzeuge.

Zum Frühstück brieten wir uns die aus Zürich mitgebrachten Enteneier (eingeführt klingt schräg.) Wie kann es sein, dass eine solche Köstlichkeit nach einer Verordnung in der Europäischen Union nicht gehandelt werden darf? Der Geflügelhändler auf dem Wochenmarkt schüttelte darob mit dem Kopf; aber nur milde, freilich, denn er freute sich ja gleichermaßen über diese ihm dadurch eröffnete Möglichkeit eines, wenn auch kleinen, Exportgeschäfts.

Gleich als ich zum ersten Mal, das war im Brown‘s Hotel in Mayfair, dem ältesten Hotel in der Stadt, wo auch schon Agatha Christie nota bene ihren High Tea einzunehmen gepflegt haben soll, gebratene Enteneier zum Frühstück bekam, war mir klar, dass die Eier von Enten nicht allein von ihrer Füllmenge her denen von Hühnern sozusagen haushoch überlegen sind. Der Grund liegt vor allem in einem bei den Enteneiern vergleichsweise höheren Fettgehalt in der Masse des Dotters (12%.) Die Eierspeise mundet ungleich cremiger (im Brown‘s werden sie mit Portulakgemüse und in Nussbutter gewendeten Shrimps serviert.)

Den restlichen Tag über werde ich einen Text abfassen über das Tagebuchschreiben, der in den Metamorphosen erscheinen soll. Herr Müller-Schwefe wartet schon. In beinahe weiser Vorraussicht habe ich mir dieses Mal schon im Vorwege die maximale Textlänge schriftlich bestätigen lassen. Nicht dass es wieder Ärger gibt wegen Übersatz.

Im Volkshaus am Helvetiaplatz in Zürich-Aussersihl

Dort sitzt es sich natürlich sehr gut. Beda präsentierte und währenddessen es draußen eher lustlos zu regnen schien (der Wochenmarkt auf dem Helvetiaplatz war des Karfreitags wegen vom Freitag auf den Gründonnerstag zurückverlegt worden außer der Reihe), besprachen wir, die wir drinnen und dort auf dem wärmenden Heizungskasten am großen Fenster Sitzenden, die direkt anstehende Fotoproduktion. Denn es ist ja nicht mehr lange hin bis zum Sechseläuten, dem einzig autochthonen Feiertag der Schweiz. Dann wollen wir – mittlerweile sind unsere Kunden auch der Meinung: müssen wir die Sprengung des sogenannten Böögg, einer Art Schweizer Burning Man Spektakel – bloß halt viel älter; von daher auch traditioneller (»währschaftig«) –, konkret: eines mehrere Stockwerke hoch aufgeschichteten Scheiterhaufens mitsamt dem an dessen Spitze montierten Mannes aus Rinde, der in seinem Inneren aber ganz und gar mit Pyrotechnik ausgestopft wird – vermutlich handelt es sich also um ein mit Farid Bang vergleichbares Modell – in noch nie zuvor dagewesener Weise von Fotografen fotografieren lassen.

Gut, als das dann vom Tisch war, die im Volkshaus natürlich sehr schön sind, weil dort, im Volkshaus ja sogar die Flurwände mit schottisch kariertem Flanell bespannt sind, sprachen wir beim Stanser Ziegenragout (»Giggli«) noch lange über die Osterhasen. Die Schokoladenhasen sind ja in der Schweiz ein veritabler Wirtschaftsfaktor, eine Commodity, von daher kennt sich jeder Schweizer damit aus wie bei uns in Deutschland unter Deutschen vergleichbar mit dem Kurs der Deutschen Bank, oder dem Preis für einen VW.

Beda nun, als Innerschweizer, dort aus Stans, ist nun freilich ein eher untypischer Schweizer. Er riet mir zum Kauf des ultraklassischen Hasens bei Max Chocolatier. Die von mir favorisierten Häsli bei Läderach kannte er gar nicht — oder wollte sie nicht erst wahrhaben! Die Studiohilfe pflichtete mir allerdings, wenn auch verstohlen bei. Auch sie wußte also das formschöne und irgendwie animierend wirkende Modell »Cleo« von Läderach zu schätzen, das es in diesem Jahr obendrein noch in dem Sonderaroma Himbeere gibt.

Worauf sich alle einigen können: Sprüngli*. Na gut, wenig überraschend. Aber so ist es halt dort, unter Eidgenossen. In der Schweiz.

*Die in dieser Saison mit einem weißen Hasen mit Maracuja-Geschmack gegen den Läderachschen Himbeerbomber zu punkten trachten. Da rätsche ich freilich: »Hopp Sprüngli!«

Im Café Grundmann

Durch Leipziger Wesen sollte ich schlußendlich genesen. Am Palmsonntag war dort das Wetter genau so, wie es der Brauch verlangt. Die Stadt hatte sich seit meinem letzten Besuch vor einem Jahr, der von seinem Charakter her mit einer Stippvisite vergleichbar gewesen war, stark verändert. Vieles, vor allem die Atmosphäre und wie die Einwohner sich kleiden, erinnerte mich jetzt an ein Berlin vor zwanzig Jahren, das ich noch gekannt habe, das aber seit nachfolgend dem Jahr 2008 unwiederbringlich verschwunden scheint.

Auf Fahrrädern fuhren wir durch den Clara Zetkin-Park, wo auf der Brücke viele Menschen saßen, bis hinunter nach Connewitz, wo wir uns auf der Laderampe des legendär gewordenen Rewe-Markts eine Vita Cola teilten. Die schäumte lebhaft und hatte ein zitrisches Aroma. Von den Gebäuden her ist vieles schon fertig, manches aber zum Glück noch nur halb, so dass ich noch gedankenlösende Lücken fand im Text dieser Straßen; dort wieselte meine Fantasie hinein. Ganz leer, es war schließlich Sonntag, war der Platz vor dem imposanten Tempel des Bundesverwaltungsgerichts. Verwaltung mit L—als Eselsbrücke, dass Du nie mehr vergisst, wo das Bundesverwaltungsgericht seinen Sitz hat.

Vor dem Maître sitzend, einer Leipziger Paris Bar, und später dann eben auch noch im Café Grundmann sprachen wir beim Schnitzel über die Zeitumstellung. Warum hat die, wenn schon, im Schlaf stattzufinden? Tags müßte das angesagt werden, mitten im Tag. Beispielsweise zur elften Stunde. Wie eine Schweigeminute dergestalt, dass es beinahe jedem, der dann das Zurückspringen seiner Displayuhr vor Augen geführt bekommt, oder gar noch selbst am Kronrädchen schrauben muß, bewußt gemacht wird, dass in diesem Moment nun die Zeit von uns neu eingerichtet wird. Und wenn es einem dann abends noch fühlbar anders licht erscheint, dächte man an den Moment, da die Stunde geraubt wurde, anders zurück.

生き甲斐

Malakoff sollte mich heilen. Doch als die Stunde seines Konzertes unwiederbringlich nahe gerückt war, fühlte ich meinen Körper noch immer nicht annähernd hergestellt an meine Form. So blieb ich, obschon des Liegens müde, hier.

Nachdenken, so gut es ging, über den Zauber des live. Könnte ja »My First Piano« einlegen, abspielen lassen, hören — simultan zu der Stunde, da er es den anderen vorspielte — doch würde das nicht das selbe; warum? Zeitigen war hier ein passendes Wort. Manchesmal hatte ich die Tagesschau um 20 Uhr verpasst, um sie mir dann, zu einem nachgerückten Zeitpunkt, aus der Mediathek vorführen zu lassen. Ungleich schal war dabei mein Genuß gewesen. Gefühl der Konserve allein durch mein Wissen, dass mir all dies vor soundso vielen Minuten noch live gesendet worden wäre, wenn nicht. Hätte können — ich als ein Satellit war zu spät aus dem Kernschatten aufgetaucht für das Signal.

In Der Stunde zwischen Frau und Gitarre erzählt Clemens J. Setz von der natürlichen Faszination seiner Protagonistin für Livesendungen. Ich habe das Phänomen damals, bei meiner ersten Lektüre, als zwar fremdartig, dabei aber nicht unangenehm, als ein zukunftsweisendes empfunden. Mittlerweile, es hat sich etwas verändert, verstehe ich.

Ich legte dann Horace Silver ein, That Heelin‘ Feelin‘, während Malakoff, gar nicht weit weg, sein Konzert spielte. Und wachte auf, die sogenannte Playlist lief ununterbrochen bis zum Sonnenaufgang durch meine nächtliche Bewußtlosigkeit mitsamt ihren Träumen hindurch zu: Kenny Rankin »Like a Seed«.

22=III

Endlich mal sieht es draußen so aus wie ich mich fühle: Nasse Flocken treiben durcheinander im großen Grau. Um die Augen herum schaue ich so aus wie der Zentralbankspräsident. Doch die Krise scheint überwunden. Meine Reparatur hat 14 Stunden gedauert. Man hatte mich eigens dazu in einen ungewöhnlichen Tiefschlaf versetzt. Könnte gerne noch weiterschlafen, aber was soll das! Ein Vogel, der Fieber bekommt, muss weiterfliegen und Körner finden, sonst wird er verhungern; bei dieser Temperatur kann es vor Anbruch des nächsten Tages so weit sein (zu spät).

Bisschen Ephedrin wäre schön.

Inner engineering

Es fing mitten in der Nacht an, genau nach vier Stunden: ich wachte schwitzend auf, dazu kam das Gefühl eines eingeschränkten Sichtfeldes (obwohl es dunkel war). In der Frühe dann ein Weh in den Knochen. Spannen der Haut. Wenn ich nichts zu tun hätte, wäre es gar nicht so unangenehm. Man schleppt sich. Fern vertraut, woran es liegt. Bin kein Kind mehr.

Aufwärts aus der Grube, kurzer Höhenflug dann zu Mittag, mit dem Genuss einer Knochensuppe mit Bandnudeln und Chili. Zwei Stunden später aber lagen mir die Lider wiederum schwer auf den Linsen. Es ging nicht mehr. Kurios, dass mich dann am meisten beschäftigt, von wem ich es wohl haben könnte; wer mich angesteckt hat. Scheint für mich ein Verbrechen, krank gemacht zu werden. Und dass ich mir nie Sorgen mache, weil ich davon ausgehe, am nächsten Morgen wieder gesund zu sein. Bloß schlafen müsste ich, dann wird garantiert alles wieder wie vorgestern sein. Und wehe, wenn nicht. Wehe wem? Mir.

Heumilch und Birkensäfte sollen mich heilen.

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