»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

MIT EZRA POUND AM FENSTER

In meinem Traum sah ich Jean–Paul Belmondo von hinten, und er war, bis auf eine kurze Hose, die blau war, nackt. Das blieb die ganze Zeit im Traum über so, dass er nackt war. Und dennoch wußte ich, dass es Jean–Paul Belmondo war, den ich da sah. Er machte mehrmals, immer wieder einen Trick, da ließ er sich aus einer breiten Schachtel Gitanes eine der filterlosen Weißen zwischen die Lippen schnalzen. Auch das sah ich, doch weder die Lippen, noch sein Gesicht. Er hatte Haare auf den Schultern, die waren rötlich. Und einen Flaumkreis dort, auf der gegenüberliegenden Seite des Nabels, wo bei den Menschen einst das Schwänzchen war.

Als ich erwachte, war mir schwindelig. Dies aber nicht von dem Traum. Ich erinnerte das Tiefdruckgebiet aus Skandinavien, das in der Wettervorhersage angekündigt worden war. Jetzt werde ich also auch noch wetterfühlig.

In der Stadt war es warm. Ein Kind raschelte mit Lindenblüten und sagte »Leider ist jetzt Herbst.« Igor begrüßte mich mit »Endlich. Nach sieben Jahren.« Ich war ja tatsächlich zum ersten Mal seit seiner Eröffnung im Café Giro zu Gast.

Am Samstag hatte mir Jan ein neues Reich gezeigt. Es liegt am Priesterweg, wo es eine sehr schöne Bahnstation gibt, die wie eine verkleinerte Ausgabe des Bahnhofs Wannsee ausschaut und gerade deshalb, ihrer Kompaktheit wegen, so schön. Und dahinter, es kostet Eintritt, also liegt das Reich, das aus einem ehemaligen Rangierbahnhof der Reichsbahn besteht und nun hat man dort über die Jahre Birken und Robinien durch die Gleise und Schwellen hindurch wachsen lassen. So ist ein dichter Wildwald entstanden und auf dessen Lichtung steht eine Lokomotive in all ihrer Kolossalität, auf der man herumklettern kann, obwohl es laut einem Schild streng verboten ist. Aber das merkt niemand, denn das Eintrittsgeld für das Reich entrichtet man bei einem Automat.

In dem Biergarten dort, schon wieder draußen, wurden wir von einer jungen Frau bedient, die hatte eine helle Haut mit sehr vielen Sommersprossen. Sie verstand alles falsch und brachte immer irgendwas, und aufgrund ihres Akzents hielten wir sie obendrein für eine Dänin, aber sie war, wie sie uns auf Nachfrage hin sagte: aus Namibia. Später saßen wir noch lange im Garten und verfeuerten so ungefähr einen halben Baum in der eisernen Schale, weil es ja kalt war. Und kalt leuchteten die Sterne, vor denen Wolken vorüber getrieben wurden vom Nachtwind. Und alles übrige war schwarz. Am Tag darauf wurde in Klagenfurt diskutiert, ob man einen Sternenhimmel nun als kristallin beschreiben durfte, oder. Und draußen rauschten schon wieder die Bäume.

Vor dem Giro sitzend sprachen wir über Wolken und Augen. Über Wetterfühligkeit, James Mason und die Studio-Theorie von Claudius, She Tied a Yello Ribbon, Struktur, Mahler in der Kirche, wie Leute sich zu sterben wünschen und warum. Und setzten so ein Gespräch einfach fort, das beim Spaziergang durch den Wald, am Feuer und am Telephon angefangen ward; eigentlich geht es doch bloß um Unaufhörlichkeit.

Berlin so groß, auf manchen Strecken läuft die Gültigkeit einer Fahrkarte noch vor Erreichen der Endhaltestelle ab, weil die Gültigkeitsdauer auf eineinhalb Stunden in Fahrtrichtung begrenzt ist. Kurz vor Schluß fährt der Zug ohne Zwischenhalt acht Minuten durch den Grunewald, draußen nur Grün, noch.

Hier wohne ich.

EIN GEDICHT VON BOBBY KONDERS

So langsam habe ich mich auch von dem Schock erholt, auf den Straßen und überall sonst auch jedes Wort verstehen zu können. In Bulgarien waren wir beinahe immer von einer Sprache umgeben, die wir weder lesen noch verstehen konnten. Man ist nicht allein, aber es geht einen nichts an. Von daher klingt das interessant, was Diedrich Diederichsen in Spex von der Platte Jan Jelineks schreibt, die wohl ausschließlich auf den Lauten zwischen zwei Worten aufbaut, die er aus Gesprächsaufnahmen herausgeschnitten hat (und zu denen er dann auf dem Synthesizer improvisiert.) Aber auch, was Klaus Walter auf der nächsten Seite zur Funktion von Titeln in der Musik schreibt: Das Aufschließende, daß der Titel ein Bestandteil der Musik sein kann. Ein Bestandteil des Textes zumindest. Ein Teil des Textes aus Klängen und Worten.

Das Lied von der Erde habe ich mir bis heute nicht angehört, weil ich es mir monströs vorstelle. Als ich mir Disintegration kaufte, konnte ich mir unter dem Titel überhaupt gar nichts vorstellen, ich kannte die Bedeutung des englischen Wortes nicht und damals konnte man ja noch nicht im Laden, dem Schallplattenhaus Lerche auf der Königsstraße von Stuttgart, vor dem Regal stehend googeln. Aber das Cover zeigte Blumen im Dunkeln und dazwischen ein altersloses Gesicht. Als ich Stunden später daheim angelangt war mit dem mysteriösen Wort in der Hülle, war die Musik dann genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Und wie sie, glaube ich zumindest, dem Buch Hysteria zugrundeliegt.

Musste danach erst einmal ein Kilo Kirschen entsteinen. Heute geht ein schöner Wind.

FRIVOLITÄTEN

Aber immerhin kann ich mit Büchern mein Fernweh stillen und »wenn beim Lesen die Augen sich weiten, die Ohren sich spitzen« die Eintönigkeit dieser Stadt ausblenden. Einer meiner Spürhunde hatte angeschlagen, um mir das Eintreffen des schon seit Langem gesuchten Bandes von Werner Fischer zu vermelden. Und zwar, doppelte Freude, in der Erstausgabe und vom Verfasser signiert.

Auf Fischer war ich durch Vincent Klink aufmerksam gemacht worden. Der hatte in einem Absatz von seinem Vater geschrieben, dass der für ein einziges Essen in Fischers Ritz nach Berlin gefahren war. Eines von drei Vorworten in »Köstlichkeiten Internationaler Kochkunst« stammt von Rudolf Katzenberger, bei dem wiederum Klink gearbeitet hatte (in Rastatt) und so weiter und so fort.

Am Rande der Übergabe erhielt ich vom Antiquar die Information, das Fischer zwar längst tot sei, aber in den achtziger Jahren noch ein Rezept entwickelt hatte für die Lufthansa. Es handelte sich um eine Sauce Béarnaise, die mikrowellentauglich war.

Da war seine Kochkunst schon aus der Mode gekommen, das Ritz geschlossen. Was, wie ich seit neuestem wirklich weiß, sehr bedauerlich ist. Es sind nicht unbedingt nur die extremen Rezepte, für die Fischer berühmt war und für die er, wie es heißt, die Zutaten von Zoodirektoren zugeschanzt bekam. Der mit über hundertfünfzig ganzseitigen Farbtafeln illustrierte Band zeugt geradezu von einer unvorstellbaren, einer atlantidischen Opulenz, die selbst das legendäre Selbstportrait mit zwölf Laiben Brot und einer Wanne Walderdbeeren vor offenem Kamin des Paul Bocuse aus seinem zur ähnlichen Zeit veröffentlichten La Nouvelle Cuisine beinahe zwinglianisch wirken läßt.

Werner Fischer ist zu einer Zeit, als das noch extrem teuer war, viel gereist. Seine Kochkunst hat Einflüsse aus Asien und Afrika. Vor allem aber konnte er schreiben. Herrliches Dokument.

DAS SOMMERMÄRCHEN

Es ist Modewoche in Berlin. Die Sonne scheint, und der salzlettenhafte Antennenstab des Fernsehturms sticht in ein makelloses Blau. Das ist jene Jahreszeit, in der man als Einwohner sich die Wachspropfen aus der Illias wünscht, aber, da es die außerhalb der Fiktion nicht gibt, dann Satzfetzen mitanhören muß á la »und aus dem Kundenzimmer, wird dann irgendwann ein Kinderzimmer…«

Eine Versprechung. Ein Versprechen war es, im Nachhinein aber nicht wirklich, als ich, 1996 aus Hamburg kommend, dort aus St. Pauli, hierher zog. Eine Weile lang hatte man uns Zugezogenen versprochen, dass sich Berlin ändern würde, sobald etwas Geld investiert würde; dann, in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, anläßlich der Krise in den Medien nach dem 11. September hieß es, dass die Veränderung mit den sogenannten Startups der digitalen Wirtschaft zu erwarten stünden; als die Startups sich in Berlin niedergelassen hatten, hieß es, man müsste nun nurmehr noch abwarten, bis diese wirtschaftlich erfolgreich würden.

All dies ist, aus meiner Sicht, schon sehr lange her. Und der Bürgermeister von Berlin, nach einer Reihe von Bürgermeistern wie Diepgen, Momper und Wowereit, schaut nicht nur so aus wie er heißt, er wirkt sich auch genau so aus.

Vermutlich freut es ihn nicht einmal; wahrscheinlich versteht er das auch nicht, die sogenannte Dimension dessen, dass es nun, zur Modewoche, langbeinige Männer in Radlerhosen gibt aus dem Ausland, die sich vor einem Altenheim in Mitte fotographieren lassen in neonfarbenen Plateauschuhen. Er kennt die Geschichte Berlins seit der Loveparade wahrscheinlich nur von dem her, was ihm als politisch gewichtig erschienen war; die Loveparade als Event (jetzt ist es halt der Karneval der Kulturen.) Den Stoß ins Muschelhorn von Dr. Motte hat er nicht vernommen. Auch nicht nachgearbeitet—warum auch! Höchstwahrscheinlich ist Michael Müller nicht einmal auf Instagram angemeldet, um die Hashtags seiner Stadt, #Berlin checken zu können. Zuzutrauen wäre es ihm.

Sohn eines Druckers. Immerhin!

Einst, als ich in diese Stadt zog, war die Torstraße noch die unschönste im Zentrum. Heute hat dort Rafael Horzon, den Bürgermeister Müller normalerweise zum Ehrenbürger ernennen müßte, seine angebliche Aufnahme in das Designmuseum von Vitra zu Weil am Rhein begiessen lassen. Das ist doch eigentlich ein Vorgang für diese Stadt. Doch waren außer dem Bürgermeister nur alle möglichen anderen Bürger vor Ort.

Jan nennt, wannimmer ich über die Stadt klage, »die Menschen« als einen Grund für mein weiteres Hiersein. Und am vergangenen Samstag, als wir dort rings um ein Lagerfeuer saßen, war das auch so. Da fielen goldene Sätze, und ich konnte mir ein Leben ohne die Zusammentreffen mit Claudius, Thilo, Irina und Malakoff auch nicht vorstellen. Dies aber nur momentan und von daher kurz, denn wir treffen uns ja so gut wie nie; im Grunde sind es zwei Male im Jahr.

Später holte ich die Urlaubsbilder ab, es waren erstaunlich viele gelungene dabei. Es bringt doch viel, wenn man auf Film fotographiert und sich von daher auf wenige Aufnahmen beschränken muß. 36 Motive in zwei Wochen: So also war das. So schauten wir aus.

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