»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

PUSSY DELUXE

Erst seitdem ich Wolken fotographiere ist mir die Flüchtigkeit ihrer Erscheinungsform, das Ephemere möglicher Motive bewußt. Am Morgen sehe ich eine reizende Konstellation aus winzigen scharf voneinander abgesetzten Sahnehäubchen, wie umflossen von musivischem Blau: dann heißt es annähernd blitzschnell zum Telephon greifen, denn zwei Augenblicke später könnten die schon ineinander gelaufen sein. Gestern, die Bäume rauschten unisono, war dort oben ein zügiges Treiben. Strebsam. Es ging westwärts dahin. Der See zeigte sich dunkelgrau und hatte sogar Schaumkronen. Gelockt von einer kuriosen Plakatserie, mit der für einen sogenannten Katzendrink in den Geschmacksrichtungen Huhn, Thun, Ente oder Kaninchen geworben wurde, machten wir einen ausgedehnten Spaziergang zum Tierfuttersupermarkt. Das ist ja, wenn man kein Haustier hält, eine unentdeckte Welt vergleichbar der Autozubehörsupermärkte, wenn man kein Auto besitzt. Der Unterschied besteht dann freilich darin, dass ein Auto keine Augen hat. Wobei meine Mutter ja die Beliebtheit jenes Modells das auch sie ihr eigen nennt damit erklärt, dass ihr Fiat 500 »so freundlich aus der Wäsche schaut.« Und das stimmt, denn dieser Kleinwagen hat runde Scheinwerfer im Gesicht. Wie einst der sogenannte Käfer. Oder gar der Porsche 928, der aus seiner flapsigen Breitmaulfront zwei Froschaugen emporklappen konnte to much applause. Die überwiegende Zahl der mittlerweile beliebten PKW hat jetzt Schlitzaugen und schaut wie aus Zorros Maske geradezu feindselig, zumindest zum Äussersten entschlossen in die Welt. Die Katze auf dem Werbeplakat für den Drink aber liegt wie lasziv ausgestreckt da und nimmt die Passanten aus dunkelblauen Augen ins Visier.

Geruchlich geht es im Tierfuttersupermarkt erfreulich weniger streng zu, als ich befürchtet hatte. So lange man sich von der Hundesektion fern hält, die natürlich die ganze andere Hälfte der erstaunlich weiten Verkaufsfläche einnimmt. Die Rechtsführung der Kunden bringt zuerst einige Regalwände mit Futtermitteln für freilebende Wildtiere, die damit zur Beobachtung gelockt und dabei versorgt werden sollen. Vögel selbstverständlich, aber eben auch eine Palette von Trockenmischungen für Eichhörnchen und Igel. Dabei ein sogenannter Igelschmaus, der zur Hälfte aus als Meeresfrüchte angepriesenen Shrimps besteht. Wir versuchten uns in das Bewußtsein eines auf Berliner Territorium aufgewachsenen Igels hinein zu versetzen, der seine Schnauze in eine Porzellanschüssel gefüllt mit dem Igelschmaus hineinwühlt, um dann die ihm völlig unbegreiflich mundenden Meeresfrüchte zu schmausen. Ob ihm das bewußt werden kann, dass er da beim Schmausen etwas schmeckt, was es in seiner Welt gar nicht geben darf?

Ähnlich fühlt sich auch ein Hase, der aus seinem Wasserspender einen abgekühlten Tee schlürft Marke »Zahnwohl«. Die Verpackung der Teebeutel, deren Zubereitung auch für Katzen unbedenklich scheint, ähnelt sehr denen eines Biotees für Menschen. Eventuell könnten auch Menschen am Zahnwohl genesen, da die Teemischung laut Packungsangabe vor allem aus Birkenblättern besteht. Besinnt man sich, als in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geborener darauf, dass es einst lediglich Brekkies gab und Whiskas, so müssen die Ansprüche der Katzen inzwischen exponentiell gestiegen sein. Denn es gibt, das wurde uns in der Gestalt von vier doppelseitig eng befüllten Regalwänden vor Augen geführt, mittlerweile dutzende Katzennahrungsspezialisten, die mit veritablen Kollektionen um die heiklen Schleckermäulchen zu buhlen verstehen. Der Katzendrink selbst war in einer deutlich kleineren Dose abgefüllt, als auf dem Plakat abgebildet. Im Grunde selbstverständlich, da ja auch die abgebildete Katze keine zwei Meter fuffzig lang ausgestreckt gewesen sein dürfte in der Realität. Und Katzen mit dunkelblauen Augen dürfte es ja auch keine geben, da kann sich ihre Art auch noch so sehr verfeinern wollen. Es waren, leider, bis auf Huhn und Thun schon alle Sorten ausverkauft. Wir kauften sämtliche Restbestände auf. Eine uniformierte Angestellte beglückwünschte uns zum Kauf, da es sich bei diesem innovativen Produkt um einen wohl selbst für die Betreiber des Tierfuttersupermarktes höchst unerwarteten Verkaufsschlager handelte. Es gab sogar Beschaffungsprobleme.

In der Bio-Corner machte ein akzentuiert modisch gestaltetes Unternehmen namens Pussy Deluxe auf seine Création aufmerksam. Dabei handelt es sich um dildohaft geformte Würste in silberner Folienverpackung mit neonfarbenen (pink) Aufdrucken. Unter anderem in der Geschmacksrichtung Oktopus—aus reinem Tentakelfleisch. Die Wurst wird wohl, wir kauften sie nicht, in Scheiben geschnitten serviert. Auch ein Carpaccio wurde denkbar.

Mit zugeklemmter Nase nahm ich der Vollständigkeit halber noch die Hundesektion im Spurt. Wie in einem Retrokrämersladen werden dort die abartigsten Kadaverteile aus großen Schütten zum Selbstzusammenstellen feilgeboten. Ich dachte an die Schinderhütte hinter den Marmorklippen. Unter anderem mußte ich dort die Luftröhren von Straußen schauen (luftgetrocknet), die an die Elendströte Vuvuzela denken lassen. Oder, für die Freunde von Leatherface: Rindsfellschnauzen. Das sind, unfasslicherweise, die samt Fellumgebung abgerissenen Nasen von toten Kühen. Es muß schon einiges schief laufen in der persönlichen Entwicklung eines Menschen, dass er seinem Hund einen Sack mit solch barbarischen Leckerli füllt.

Gut gekühlt, meint Friederike, schmeckt der Katzendrink wie eine gute Fleischbrühe ohne Salz. Sie genehmigte sich allerdings nur den ersten Schluck aus der Stewardessendose (Methode Feuerzangenbowle.) Nun heißt es warten auf eine Katze. Also dass eine vorbeistreunt. Auf dass sie etwas kosten darf, was es in ihrer bescheidenen Welt bislang noch nicht gegeben hat.

DAS BLAU DES HIMMELS ÜBER BERLIN

Wenn der Wind falsch steht, also richtig, duftet es am Morgen vor der Station Zoologischer Garten nach Tier. Warum halten wir Tiere in Zoologischen Gärten? Mittlerweile, bei einem Eintrittspreis von 18 Euro, freilich um mit ihnen Geld zu machen. Aber ist das nicht die ständige Antwort auf alles?

Ich finde das enttäuschend, gleichzeitig zieht es mich hin zu einer perversen Haltung gegenüber meiner Gesellschaft. Ausbeuten und sich ausbeuten lassen — irgendwie ergibt sich daraus eine 69, was dann ja wiederum meinem Sternzeichen entspricht.

Abends saß ich im Palmschatten—eines Kastanienbaums—mit Henning, und wir sprachen unter anderem über diesen Dokumentarfilm, der ihm in den Räumen der Brasilianischen Botschaft vorgeführt ward, der hauptsächlich von Marc Fischer handelte. Dann, aus der vergangenen Nacht, der grandiose Auftritt von Dirk von Lowtzow als Sänger vom Sunshine Reggae mit schief aufgesetzter Blondhaarperücke in dem Bio-Pic über Rudolph Moshammer.

Um 19 Uhr 30 sagte ich »So, jetzt muß ich arbeiten.«

Und er: »Ich auch!«

Wir gingen verschiedene Wege. Ganz gut, wenn man weiß, was man zu tun haben sollte. Es verleiht einem Struktur.

AND ALSO THE TREES

Am Nachmittag ein erholsames Gespräch mit meinem unsichtbaren Zweiten, dem ich gratulieren konnte, dass er zum Verleger des Jahres erkoren ward. Ob er auch zum Verleger meines Jahres werden wird: das soll sich weisen. Naturgemäß konnte er wiederum mich überraschen mit seiner wie harmlos gestellten Frage, wann ich ihm den Text liefern würde. Ich machte auf Künstler, und kündigte allfällige wie handelsübliche Überschreitungen der von ihm gesetzten Frist an. Da sagte er mit ein und demselben Lächeln »Kommt freilich überhaupt gar nicht in Frage, wir haben doch einen Vertrag«. Beim Griff zur ortsüblichen Rhabarberschorle verhängte er mir ein zweiwöchiges Ausgehverbot. Endlich! So einen Verleger hatte ich mir womöglich noch nicht einmal insgeheim, sondern recht offen, schon immer gewünscht.

Ging danach schnurstracks mit dem Fotografen und Anne vors Souterrain, wo wir das Ende meiner selbstverschuldeten Freiheit in gebührlichem Maße feiern konnten. Kebapträume wehten durch die Stadt.

Am Morgen dann stand das Update auf iOS12 bereit – leider ohne das versprochene Seifen-Emoji. Aber es gibt eine irre App, die Maßband heißt, und mit der ich, das darf der Zweite, der gottseidank unsichtbar ist, nicht wissen: den ganzen Tag vertrödelt habe. Auf dem iPad Pro ist es eine Lust, damit Räume zu kartographieren. Geradezu ein Hammer (sic) ist dabei die Funktion, dass die Darstellung sich sozusagen merkt, was man schon abgemessen hat. Und wenn ich dann, wie in einem Film, durch den Raum schwenke, sehe ich auf dem Bildschirm die zuvor abgemessenen Strecken graphisch dargestellt. Der Prozessor erkennt auch automatisch meßbare Flächen. Und somit weiß ich jetzt endlich, dass ein leeres Blatt in Din A 4 einen Flächeninhalt von 660 Quadratzentimetern beschreibt.

AUS DEM DACHSBAU

Mittags war es dann soweit: Umgeben von den an der Schattenmauer in der Russenhocke schmausenden Arbeitern, die machten eine Pause mit AU, hatte der Vorarbeiter meinen Lino auf die Mitte des Rasens geführt, um ihm die Premiere des Wunderwerks vorzuführen. Ich verfolgte das Geschehen von einer höheren Neugierde geleitet und wartete freilich auf das Kommando »Wasser marsch‘!«

Doch blieb es still, während dort ringsum aus den in die Grasnarben vergegrabenen Düsen die Strahlen zu parabelförmigen Kurven in die Luft gepresst wurden. Als Mann hegt man ja zum Spritzen aller Art ein freundliches Gefühl. Walfischphantasien kamen auf.

Lino hingegen kratzte sich am Hinterkopf—was täte ich anderes? Vom Oknophilen heißt es bei Michael Balint, dass »er selbst seinen Henker noch umarmt.« Nehme mal an, sein Gefühl war dementsprechend dem meinen, als mir 1997 eine der drei Sekretärinnen von Franz-Josef Wagner ein eierkartongroßes Modem des Fabrikats Robotics mit auf die Dienstreise gab, zusammen mit der Weisung »Dann brauchen Sie mich nicht mehr anrufen, um mir ihren Text zu diktieren«. Kurz nur währte die Freude über die technologische Neuerung. An den Spätfolgen laboriere (und oriere) ich heute noch umso mehr.

Dann aber fing ein Zweitaktermotor an, ganz grässlich sägende Geräusche von sich zu geben. Das war die kabellose Zweigschere, mit der sich ein malerisch schwitzender Gärtner im Holzfällerhemd an den Formschnitt der Heckenbuchen geschickt hatte. Warum nicht gleich nackt, bei dem schönen Wetter?

Ich stellte sofort Die Großen Weißen Vögel an, um das zu übertönen. Mein Nachbar machte sich nur von einer Jutetasche begleitet auf zum Steg, um auf seinem Boot das Weite zu suchen (und nicht zu finden, vermutlich, denn der Wannsee ist ja leider sehr klein.) Auf der Tasche stand in Kartoffeldruckbuchstaben DEINE MUTTER.

Wenn ich sterbe, soll meine Seele aber auch nicht zu den Sternen fliegen. Dort ist es furchtbar kalt. Wobei man seit Neuestem wissen sollte, dass das Weltall nach Petersilie duftet.

GRABUNGEN

Als Kind hat mich die Erzählung Ephraim Kishons vom Blaumilchkanal fasziniert und ich kann mich noch immer kaum bremsen, da es jetzt in der sogenannten Wirklichkeit direkt vor meinen Augen passiert: es kommen ja wirklich an jedem Morgen, kurz nach dem Aufgang der Sonne, wenn ich meine Augen aufklappe, jede Menge Männer, bewaffnet mit Vesperbroten, um dann mit viel Höho den unschuldigen Rasen mit Spaten und Motorfräsen zu attackieren. Denselben Rasen, den ich vor ein paar Tagen noch so liebevoll gepflegt. Lino selbst hingegen läßt sich so gut wie überhaupt nicht mehr blicken. Ist ja auch unschön, wenn einem die eigene Überflüssigmachungsmaschine so indiskret vor Augen geführt wird. Wobei die Männer wohl rufen würden, dass man erst mal schauen muss, ob es überhaupt klappt, wenn es denn mal fertig ist.

Und das interessiert mich: Was, wenn aus diesen kilometerlang im Erdreich verlegten Schläuchen nichts kommt, wie verlangt? Was, wenn sich, beispielsweise, der Rasen dann bloss bläht, schliesslich platzt und in den Himmel hinauf eruptiert?

Unappetitlich.
Mein Nachbar hat vorsorglich ein asiatisch anmutendes Kindermädchen eingestellt. Vermutlich eine Koreanerin. Sie schaut anmutig aus, wenn sie so, ganz in Schwarz, mit ihrer weitrandigen Nickelbrille die Terrasse fegt. Mit einem Reisstrohbesen, natürlich.

ARKTISCHE RADIESCHEN

Vor meinem Fenster fängt es sich an zu bewegen. Und zwar an jedem neuen Morgen, denn dort gräbt man jetzt den Blaumilch-Kanal. Sie attackieren die Grünflächen mit Fräsen. Angeblich soll so die neue Bewässerungsanlage entstehen. Ich bin ja leider keine Krähe, aber die Krähen hüpfen zwischen den platinenhaft in den Grundriß meines Lebensraumes gefrästen Bildes herum, so dass ich denke, dass es dort, in den Gräben für sie etwas zu holen geben muß. Vermutlich Würmer.

Im Vorübergehen entdeckte ich dann kurz vor dem schottischen Traditionscafé eine neue Möglichkeit, etwas andersartiges zu essen. Dort war nun in einem Häuschen am Straßenrand, wo in den vergangenen Jahren ein rotgesichtiges Schwulenpaar extrem überteuerte Flammkuchen feilgeboten hatte, ein polnisch grundierter Imbiß eingezogen. Ich fühlte mich vor allem von den prominent angepriesenen Bratwürsten direkt aus Polen angezogen.

Am Herd stand ein Greis, mit einer Frisur, wie man sie eigentlich nur von Perücken her kennt. Auf der von ihm betreuten Bratfläche lagen so einige der von mir begehrten Würste. Sie schauten extrem gut aus. Ich bestellte mehrere. Aber diese, meine, Bestellung schien in Vergessenheit geraten. Jedenfalls ließ mir die die Wartezeit genug an Muße, darüber nachzudenken, warum ich eigentlich nicht davon leben könnte, irgendetwas zu essen, um darüber zu schreiben. Weil das ja eigentlich exakt die Verwertungskette darstellt, der ich mich sehr gerne anheim geben würde. Neulich las ich anläßlich des unerwarteten Todes von Jonathan Gold, dass der wiederum eines Tages auf einer Busfahrt beschlossen hatte, sämtliche Snackpoints entlang dieser Buslinie abzufressen. Und daraufhin — Bang! —: Pulitzer Prize.

Und eigentlich will ich doch nur wissen, wie das zu finanzieren wäre, dass ich um die Welt reisen könnte, um alles auszuprobieren; und um davon zu berichten; beziehungsweise: wo? Weil das ist ja das einzige, was mich interessiert. Anscheinend. Aber das in Echt.

Was Patrick Bahners heute in der Zeitung schreibt, anläßlich des morgigen Geburtstages von Jürgen Dollase, es ist der siebzigste: dass sie bei dem ersten Treffen auf dem Parkplatz gar keine Vorstellung haben konnten, wie der (Dollase) denn aussehen könnte, weil er ja, wie sie annehmen mußten, unendlich reich war.

However. Der Pole wiederum war um diese Uhrzeit herum schon zu stark angetrunken, um mir noch meine Bestellung erfüllen zu können. Als die Würste dann, nach einer halbherzig angedrohten Schlägerei, endlich vor mir abgesetzt wurden, waren sie freilich köstlich. Begleitet von lustlosen Spritzern aus Cocktailsauce und einem süßlichen Ketchup. Mayonaise und sogar etwas Senf waren auch dabei.

Bei Martina & Moritz ging es heute um Essen für Menschen mit nicht sehr viel Geld.

PS Neulich hatte ich das Geräusch, das die Schiffsrümpfe bei der von der Wasserbewegung verursachten Reibung an den Kaimauern als quietschend beschrieben. Das war nicht präzise. Das hierbei verursachte Geräusch ist vielmehr zu beschreiben mit den Worten Woody Allens aus seinem oskarprämierten Film »Manhattan«, wenn er dort, in der ersten Nacht seines Umzugs in eine vermeintlich preiswerte Wohnung sich gegenüber seiner noch minderjährigen Freundin beschwert: »Hörst Du das Stacey? Das klingt doch, als ob der Typ dort oben eine Posaune spielt; nein, als ob der seine Posaune zersägt!«

BANTEAI SREY

Es wird jetzt schon sehr früh dunkel. Und sehr früh werde ich müd.

In einem letzten Aufbäumen gegen das Regiment der nun kommenden Jahreszeit habe ich beschlossen, bis zum kalendarischen Jahreswechsel am 31. Dezember meine kurzen Hosen zu tragen. Ausschließlich!

Das ging auch ganz gut, bis ich dann heute am Nachmittag ausgerechnet Klaus Stockhausen begegnete, mitten auf dem Rosenthaler Platz, der natürlich mit mokantem Gesichtsausdruck mein sogenanntes Outfit kritisierte dergestalt, dass ich also entweder mir längere Strümpfe suchen sollte, oder aber etwas längere Hosen. Er selbst, Stockhausen, hatte einen flauschigen Pulli an, der ihn—overknees—das Strickbild eines Flamingovogels mit Schnurrbart spazieren führen ließ.

So ging ich weiter durch die—seitdem ich in Berlin lebe: mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit vergewaltigte Innenstadt. Der radikal unhöflich geführte Bioladen am Weinbergsweg macht jetzt, das ist einem Pamphlet an der Fensterscheibe zu entnehmen, auch bald zu (weil ihnen der Gewerbemietvertrag gekündigt wurde.)

Beinahe alles wurde schon entschieden, bevor wir geboren wurden. Einst hing ein Zeppelin aus Beton von Sarah Lucas an eisernen Kabeln über dem Innenhof in der Sophienstraße, wo in einer Wandecke noch immer ein Schild mit dem eingeprägten Zitat von Bazon Brock hängt. Über den Tod. Sie haben einen Werbefilm über all dies, über uns alle gemacht. Der war ein voller Erfolg. Aber nichts mehr von alledem existiert. Nichts mehr ist noch da.

Später sprach ich mit Katja Eichinger über all dies. Auch über Kubrick. Und über das Schreiben, das Spielen und über Carl Stone. Über den nicht mehr existierenden Zeppelin, und wohin er sich wohl verzogen hat.

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