»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

YOUR PUSSY‘S GLUED TO A BUILDING ON FIRE

Roehler überrascht mich als Froschmann. In einem dreiteiligen Anzug in der Primärfarbe Grün und es ist sofort so, als hätten wir dieses Gespräch nie unterbrechen müssen. Es geht, einfach so, weiter, und ich empfinde das als angenehm, mehr noch: beglückend. Man vergißt die Kameras und die Leute vom ersten Moment an, es darf intim werden; man ist intim miteinander geworden.

Verrückt auch, also schön, wie er, Roehler, es hinkriegt, dass selbst in den Pausen, wo die Kameras schlafen, er diese Atmosphäre hält. Es ist alles, jeder Schnupfentalk, filmenswert. Er lebt auf diesem Set, das alle anderen das Leben nennen.

Erschöpfend freilich—ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt derart viel und am Stück von mir gegeben habe. Nach Drehschluß dann: vollkomen leer.

Und die Hölle für tote Kinder war voll, weswegen die Untoten durch den Prenzlauer Berg gingen, um, mit Blut um die Lippen, ihre Forderung vorzubringen: Süßes oder Saures, Trick or Treat. Und eine, ein Mädchen, ging mich an, sie hatte sich das Kunstblut in dünnen Linien über die Innenseiten ihrer Handgelenke gemalt.

Neue Bräuche

»STARLESS« BY COSMATOS

Kemp hat recht: Der Anfang ist das Beste, was man seit langem, seit Shining vielleicht gesehen hat, vor allem halt wegen der roten Schrift auf den Baumkronen im Nebel und dem Lied Starless von King Crimson darunter. Aber dann ist es halt schon bei diesem Lied so, dass es nur so lange gut ist, bis der Sänger (bei King Crimson unübersichtlich; Kemp wird wohl wissen, wer) seine Stimme erheben muß zum Refrain (und später—vermutlich hatte Sting seine Inspiration für den Englishman in New York daher; von dieser teuflisch harmonischen Kombination aus Gitarre und Klarinette—wenn die sogenannte Improvisationen losgehen, wird es unhörbar für mich;) und was die schönen Farben angeht: kaum kommt der gelbe Greifer des Baumbaggers ins Feld (man sieht ihn tatsächlich nur wenige vierundzwanzigstel einer Sekunde lang), steht dort Nicolas Cage. Und wie zum Beweis, kippt in dem Moment ein jahrzehntelang gewachsener Baumstamm um, tot.

Wobei das vermutlich beabsichtigt ist, dass ich bei Mandy noch immer an die Nase von Barry Manilow denken muß.

Anyway, das mit den Drohnen: Noch können wir uns dem Effekt nicht entziehen.

LOVE LIKE BLOOD

In der deutschen Übersetzung von Already Dead, die ich bei Erscheinen in der schönen Buchhandlung am Isartorplatz kaufte, steht bei Denis Johnson eine seltsame Wendung für das Sterben: »er ging durchs Rohr.« In der Originalsprache habe ich Schon Tot dann nie gelesen, dachte es mir aber immer als entweder down, oder up the drain. Je nachdem. Bis ich dann gestern die berühmte Duschszene in Psycho schaute, und da werden die letzten Blutwirbel mit dem Wasser in eine Nahaufnahme des Badewannenabflussloches gespült. Das Blut lebt noch, biologisch gesehen, wenn es ins Rohr gesaugt wird. Entweder also er selbst (Johnson), oder seine Übersetzerin, haben dabei an Hitchcocks Bilder gedacht. Kann es, parallel dazu, überhaupt anders gewesen sein?

Im Theater ist der Zuschauer frei, hinzuschauen, wohin er will. Da kann es am Duschvorhang heftig zur Sache gehen, aber einer vielleicht unter all den anderen schaut währenddessen auf seine Armbanduhr, oder auf das grünleuchtende Schild zum Notausgang; die Kamera erzwingt, genau dorthin zu schauen. Vielleicht finde ich aus dem Grund allein Filme unfair.

Kurz draußen, die Feuchtigkeit in der kalten Luft fühle ich nadelspitz im Gesicht. Schneien wird es aber nicht. Der Geruch der abgefallenen Blätter hat sich von Teesatz hin zu gebranntem Zucker verändert.

DEUTSCHLANDS ERSTER INSEKTENBURGER

Friederike hatte die hübsch bedruckte Schachtel neulich aus dem Supermarkt mit nach Hause gebracht, wir legten sie dann in die Tiefkühlschublade, wo sie in Vergessenheit geriet. Heute, durch die herrliche Fischsuppe in Frenzy hungrig geworden, fielen mir die Bug Burger ein. Den Slogan Deutschlands Erster finde ich eher abschreckend. Interessant hingegen, daß die eher zierlich geformten Frikadellen von einem Start-Up aus Osnabrück hergestellt werden (vertrieben über die Edeka.)

Warum Start-Up? Nun, die Firma nennt sich »Bugfoundation«. Jeder andere Hersteller von Wurmfleischfrikadellen, jeder hundsgewöhnliche Insektenfleischer würde vom Namen her bei seinen Leisten bleiben. Interessant freilich das mit Osnabrück, von den deutschen Städten eher eine der selten ins Gespräch gebrachten, wenngleich freilich mit einem gut situierten Umland gesegnet, weshalb es dort, ich glaube noch immer, ein gepriesenes Restaurant von Thomas Bühner gibt (oder gab.) Auch erinnere ich mich noch gut an die Eröffnung des Hannoveraner Schützenfestes, des größten in Europa, wie die Hannoveraner es gerne hervorheben, durch Christian Wulff im September des Jahres 2003, als der gerade Sigmar Gabriel besiegt hatte und zum Niedersächsischen Ministerpräsident gewählt worden war. In dieser Funktion hielt er seine Festrede vor den versammelten Schützen und Lüttje-Lage-Trinkern und sagte unter anderem »Hannover ist schön. Noch schöner finde ich eigentlich nur Osnabrück.«

Die Bahnhofshalle dort—in O-Town, wie die Osnabrücker vermutlich zu sagen pflegen—ist übrigens wirklich schön. Die Insektenburger bestehen zu 45% Prozent aus dem extrem fein gewolften Fleisch sogenannter Buffalowürmer, über die man kaum etwas anderes sagen könnte als über Mehlwürmer zum Beispiel. Oder die vom Besuch südostasiatischer Nachtmärkte vertrauten Bambuswürmer: weißes Insektenfleisch halt (Regenwürmer, Schlickwürmer, Tauwürmer et cetera zählen so gesehen zu den Rindern des Erdreiches, ihr Leib scheint rot.)

Man hat in den Osnabrücker Büros und Laboratorien der Bug Foundation übrigens lange an der Gewürzmischung getüftelt—das Wurmfleisch an sich schmeckt ja nach noch weniger als nach Kalbfleisch; als Texturspeise in Südostasien geschätzt, kann der Wurm aber nach Osnabrücker Rezeptur seine Knusprigkeit schlecht entfalten, wenn man ihn, um sein Fleisch zur Frikadelle umarbeiten zu können, derart sandhaft fein wolft. Nach einer im Auftrage der Bug Foundation durchgeführten Marktforschung hat sich ein durch alle Schichten hindurch breit akzeptiertes Aroma für die intensiv orange gefärbten Frikadellen aus je ne sais quoi  herauskristallisiert.

Weswegen der Deutschlands Erster Insektenburger aus Osnabrück nun wie Falafel schmeckt.

GANZE TAGE IN DEN FELDERN

Nachdem ich ungefähr zwei Drittel (die ersten) meines Experimentes im Dauerfilmeschauen hinter mich gebracht habe, kann ich folgendes Zwischenergebnis, wenn auch vorläufig, zu Protokoll geben: Mein Bewußtsein scheint nach tagelangem, 12 bis zu 15-stündigem Filmeschauen unverändert. Das Bedürfnis allerdings, nach den Sitzungen noch etwas zu schreiben, sei es auch nur eine Art von Gedächtnisprotokoll der Filminhalte, Namen von Schauspielern, Ausstattern oder Komponisten et cetera, ja noch nicht einmal die Filmtitel wollte ich aufschreiben. Mir ist, als hätte ich das Bedürfnis, das alles bloß, wie es heißt, hinter mich zu bringen.

Wobei ich das Schauen selbst nicht unangenehm finde. Doch frage ich mich schon, was mit den Leuten los ist, die vom Binge-Watching schwärmen. Früher nannten die sich noch Couch Potatoes, und ich fand das damals schon blöd.

Ein veritabler Flow, ein Zustand von Zeit und Seinsvergessenheit wie ich ihn vom, wenn es gut läuft, Schreiben im Zustand der Gnade kenne, will sich bislang auch nicht einstellen; nicht auf vergleichbare Weise. Andauernd werde ich von Gedanken herausgerissen. So dachte ich beispielsweise beim frühmorgendlichen Schauen von Caligula—der übrigens auch Cunnilingula heißen könnte—an Fritz J. Raddatz bei jener Szene, in der Peter O‘Toole, der den greisen Kaiser Tiberius spielt, mit einem schwarzen Schleier erdrosselt wird dergestalt, dass sein zum minutenlangen Bühnentod verzerrtes Gesicht unter der dunklen Gaze deutlich zu sehen bleibt. Hatte Raddatz womöglich diesen grottenschlechten Film gesehen und sich diese Szene vor Augen gehalten, als er in sein Tagebuch des Jahres 2011 schrieb, er fühle sich wie eingewickelt (oder -gehüllt?) in einen schwarzen Schleier des Vergangenen, durch den er mit nur noch einem Auge seine Gegenwart wahrnähme?

Robert Smith erzählt von den Aufnahmearbeiten zum Album Blue Sunshine seines Soloprojektes mit The Glove, dass sie seinerzeit um die 600 Filme angeschaut haben werden, um sich in psychedelische Stimmung zu bringen. Es kann also sein, dass sich der Filmgenuß musikalisch ausbeuten läßt, schreiberisch, so scheint es mir zumindest, wird die Transfusion blockiert.

Immerhin spielt das Wetter mit, beziehungsweise: verlockt es mich nicht vom Bildschirm weg und nach draußen. Auf dem See findet die Saisonabschlußregatta statt mit sehr kleinen Booten. In der Mitte des Sees wurde ein Floß verankert, auf dessen Deck eine Dixie-Toilettenhäuschen steht. Vielleicht sogar ein Aschenbecher, ich kann es von hier aus nicht so gut erkennen (und das Fernrohr ist in Frankfurt.)

Na ja, jetzt noch das Farbwerk von Alfred Hitchcock, dafür brauche ich voraussichtlich bis Montag, dann greife ich wieder zum Buch.

ELEKTRISCHE SCHAFE

Back to Berlin. Natürlich war es hier noch windiger, noch kälter und noch regnerischer. Die Bäume beinahe nackt. Und in dem Tunnel von der Bahnhaltestelle zur anderen Seite der Straße, den ich immer gerne mochte, weil darin eine auf wundersame Weise konservierte Christiane-F.-Stimmung herrschte, waren zu beiden Seiten der Tunnelwände Erneuerungsarbeiten im vollen Gang. Auf der linken Seite war der herrlich taxifarbene Fliesenbelag schon mit einer Schicht Haftputz überdeckt (chipperfieldfarbend.) Auf der gegenüberliegenden war mit einigem Abstand zur Wand ein langes Gitter bis hinauf zur Decke aufgebaut, das mit einem Sichtschutz aus Planen verhängt war. Aus dem verhängten Raume, dem schmalen, war menschliches Sprechen und putzendes Schaben zu vernehmen. Ich klopfte am hinteren Ende des Gitterschlauches auf die Plane an. Stellte sich dann heraus, dass dies Kunstflieser waren, die nach einer Vorlage des im juste milieu beliebten Illustrators Christoph Niemann ein sich über die gesamte Tunnelwand bis zur Tunneldecke erstreckendes Wandmosaik aufbrachten. Und zwar aus, die Matrix, der Grid war gewißermaßen vorgegeben durch die Abmessungen der ursprünglich aufgebrachten Fliesen: rechteckigen, dafür aber aus sämtlichen Rosatönen rekrutierten Fliesen. Vom Motiv her ergibt sich da zwangsläufig etwas pixelhaftes. Ich empfand‘s, schaute aber bloß halbfertiges: als eine Verschlimmbesserung des Tunnelambientes (vor allem wenn man sich die erhaltenen Fliesenkunstwerke in den U-Bahnhaltestellen Berlins vergegenwärtigt zum Vergleich; Anspieltip: Wilmersdorfer Straße!)

Die Fliesenleger fanden‘s natürlich gut. Weil mal was anderes. Und ganz so diffizil wie das sogenannte Richter-Fenster im Kölner Dom, obwohl vom rechteckigen Grid her schon vergleichbar, war das Motiv des Niemann-Tunnels freilich nicht.

Bleischwarz aufgewühlt der See. Auf dem Rasen am Ufer zieht ein Gefährt seine Bahnen. Unermüdlich, obwohl es stürmt wie wild. Es ist ein Mähroboter. Wenn die Dunkelheit hereinbricht, schaltet er vorne zwei Scheinwerfer ein. Wozu er die wohl braucht? Um besser zu sehen ja wohl nicht. Einfach damit man sich nicht vor ihm fürchtet, weil er sich in der Dunkelheit zurechtfinden kann.

NORF BY NORTHWEST

Am Niederrhein, Klinkerfassaden soweit das Auge reicht, wie in Meran die Reben. Das amerikanische Pampasgras wächst in den Vorgärten am Straßenrand (im kommenden Jahr soll es in ganz Frankreich schon verboten werden, weil dieses Süßgras als invasive Pflanzenart, also eine, die als heimatlich charakterisierten verdrängt, gekennzeichnet ward.)

Die Gemeinde heißt Allerheiligen, die nächste heißt Gier, dann kommt Norf, dann Gnadental—das Land dahinter ist extrem flach in meinen Augen. Ich kann mich an keine derart flache Landschaft erinnern, die ich irgendwo anders auf der Welt schon gesehen haben könnte. Man kann sich zu dieser Ebene nicht in Beziehung setzen; kommt sich klein vor, entborgen. Nach allen Seiten hin ist es unendlich weit.

Am nächsten Morgen stand ich unter grauen Wolken. Und es vielen erste Tropfen. Wilde Papageien, grüne, die sich vor Jahren auf der Düsseldorfer Königsallee in den Baumkronen eingenistet hatten, es gibt sie jetzt auch hier. Exotische Schreie, dazu die von Krähen (wie daheim.)

In der Altstadt von Neuss steht ein Denkmal des Kardinal Frings, zu seinen Füßen, ebenfalls in Bronze gegossen: drei Briketts.

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