»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

SCHALL UND WAHN

Wer hat den Laubbläser erfunden

Die ganze Menschheit ist davon geschunden

GÜLDENTHAL

Im Hohlweg am Nymphenufer ist der Boden ganz mit gelbem Laub bedeckt, hier liegt der Sommer in all seinen lichten Stunden und fault vor sich hin. Am Wegesrand ein Strauch mit Bischofshütchen, das Blattwerk hat er schon abgeworfen und zeigt jetzt seine zierlichen Blüten einzeln her wie an einem eigens für sie angefertigten Gestell. Kein Baum oder Strauch aber hat derzeit schönere Farben als dieser Ahorn, zart von Wuchs, mit seinen scharlachroten Fingern.

Wenn kein Frost kommt, bliebe das alles so in diesem Bild. Die letzten Blätter blieben hängen, bunt wie sie jetzt sind. Vor, ich habe nachgeschaut, 14 Jahren habe ich versucht einen Roman zu schreiben, Liebesgeschichte im Kunstsammlermilieu, der mißriet. Wahrscheinlich sogar mußte. Der war jedenfalls angesiedelt in einem dünn maskierten Umland à la Uckermark und dort Schorfheide in der fiktiven Gemarkung Eibenthal. Zur Erzählzeit dieser Mortadella sollte eben genau dies Naturereignis eingetreten sein: ein ewiger Nachsommer. Die Blätter waren gefärbt, aber sie fielen nimmermehr. Da war dann freilich alles möglich. Jedenfalls zu viel des Guten.

Ich habe heute morgen, nur mal so, die Heizkörper wieder abgestellt. Weil es mir zu warm war. 

Mir!

NOCTURNAL CREATURES

Kay ist tot. Sagt M. (am Telephon.) Auffindesituation: in der eigenen Wohnung. Kennengelernt hatten wir uns bei M. im Laden. Er wollte unbedingt etwas machen. Wie mir bald schien: irgendetwas. Er schien dafür kompetent. Und, wie es heißt: getrieben. Sanfte Phasen wechselten für mich unvorhersehbar in jähe Abstürze. Dann zog er sich zurück in seine Jagdgründe, eben diese Wohnung, die dunkel war, Tage waren dort wie Nächte, Wochen wurden ungeschehen gemacht. Wodka und Tavor. Alles stand voller Lilien. Den Wohlgeruch hielt ich nicht lange aus. Einmal stand ich dann allein in Bonn vor einem Verantwortlichen der Telekom, mit dem wir fest verabredet waren. Kays Sätze am Telefon, weshalb er nicht hatte kommen können, waren kaum zu verstehen. Er hatte sich halt verirrt zwischen den Lilien.

Zwei Jahre später habe ich ihn noch ein Mal gesehen, durch die Scheibe eines Cafés am Wasserturm. Dort saß er mit wieder anderen am Tisch und redete auf die ein. Weil er mit denen etwas machen wollte, irgendetwas. So lebte er seine Tage. Die Nacht war eine andere Geschichte. Starless and bible black.

IM RESTAURANT DER ZUKUNFT

Ausflug ins Brandenburgische. Das mir nächstgelegene Restaurant der Zukunft findet sich laut der Findefunktion auf der Website von Mc Donald‘s nahe Teltow, unmittelbar hinter der ehemaligen Zonengrenze. Mit dem Regionalbus dauert die Fahrt über eine Autobahn lediglich fünf Minuten bis dorthin. Es geht vorbei an der verlassenen Zollstation von Dreilinden, einer Ansammlung schöner Gebäude, deren roter Anstrich mittlerweile ins Himbeer verwaschen ist. Das Ensemble steht unter Denkmalschutz. Wahrscheinlich wird darin bald schon ein Accelerator eröffnet; oder der Skulpturenpark einer Kunsthandlung. Eine steht dort ja schon: aus dem gegenübergelegenen Waldufer ragt eine Rampe aus Beton über den Wipfeln. An deren Klippe ist ein lebensechtes Modell jener Räumfahrzeuge befestigt, mit deren Hilfe dort einst die Mauer wieder abgebaut wurde. Man hat es rosafarbend angestrichen—wohl um es herauszuheben aus den Naturfarben der Umgebung aber wohl auch, um es nicht zu weit zu treiben, mit der Lebensechtheit des Modells.

Die Restaurants der Zukunft, es gibt derzeit schon mehrere hundert auf Bundesgebiet, sind daran zu erkennen, dass die Golden Arches, das »Mc Donald‘s M« dort auf tanngrünem Untergrund steht. Auch das Gebäude unter dem Schild erinnert mit keinem Merkmal mehr an die berühmte Corporate identity: Tanngrün statt Rot, Eichbraun statt Gelb. Gleich im Eingangsbereich tritt man vor mannshohe Touchscreens, mit denen das Menü bestellt und auch noch an diesen Bildschirmen bezahlt werden kann. Diese Bildschirme gibt es zunehmend auch schon in den Filialen, die noch in rot gestrichenen Gebäuden der ersten Generation firmieren. In den Restaurants der Zukunft aber, Grund meiner Reise, werden auch neuartige Speisen angeboten: die Burger der sogenannten Signature Collection. Es handelt sich, so zeigt es die wie gewohnt appetitanregende Produktfotografie des Konzerns, um Burger, die mit dem inzwischen deutschlandweit etablierten State of the Art der Burgerherstellung mithalten wollen: schwellende Buns, muskulöse Patties, strotzend vor gemüsigem Beiwerk. Dazu kommt das für Mc Donald‘s ungewöhnliche Angebot, vermittels eines Multiple-Choice-Menüs auf dem Touchscreen die Zusammensetzung eines Burgers nach gusto zu verändern. Einzelne Spezialzutaten lassen sich sozusagen hinzubuchen, Standards können weggebucht werden. Der Garungsgrad des ungefähr doppelt so dicken Pattys (à la medium, well done, black and blue) läßt sich allerdings nicht wünschen. Aber das kommt sicherlich noch. Im Lichte der Konzerngeschichte geradezu maschinenstürmerisch erscheint die Option, sich im Restaurant der Zukunft sein am Bildschirm bestellt und bezahltes Menü von einem Menschen an den Sitzplatz servieren zu lassen.

Das Mobiliar, hell war es ja schon immer gehalten, wirkt im Restaurant der Zukunft freundlich. Die Sitzbänke und Stühle sind mit tanngrünem und eichbraunem Kunstleder aufgepolstert. Der Signature-Burger wurde in eine voluminöse Schachtel aus mattschwarzer Recyclingpappe verpackt. Im Inneren befindet sich ein vermutlich von Andrée Putman entworfenes Wachspapier, das mit einer Art-Deco-Grafik bedruckt ist. Der Burger selbst sieht verblüffenderweise exakt so aus, wie auf der Produktfotografie am Schirm. Er leuchtet von innen heraus. Schmeckt allerdings dann haargenau so, wie ein klassischer Burger von Mc Donald‘s. Was ja andererseits auch etwas beruhigendes hat.

Die Fritten, noch gibt es keine aus Süßkartoffeln, werden auf Wunsch mit einem Dip in der neuartigen Geschmacksrichtung Hot Chili serviert. Das Töpfchen ist mit einer Lasche verschlossen, die, um auf die Schärfe noch extra hinzuweisen in jenem Farbton gehalten ist, der auf der Pantoneskala als Warm Red C ausgewiesen wird. Es ist dies jener alarmrote Farbton, mit dem der Suhrkampverlag aktuell das Büchlein »Gegen Judenhass« von Oliver Polak einbinden läßt. Hüben wie drüben wirkt das aber irreführend. Der im Restaurant der Zukunft servierte Dip schmeckt marmeladig und kein bißchen hot.

TEQUILA IN YOU IS TEQUILA IN ME

Jetzt ist die schönste Phase der Laubfärbung. Der Grunewald lockt flauschig gelb und golden, teils in wächsernen Tönen, der Ahorn ist mit Puppengliedern behängt. Erntedank auch im Verlag, wo ich heute zur zehnten Stunde mit dem Fotographen zu Gast sein durfte. Es gab von der Praktikantin gebackene Kekse in Fledermausform, die waren, laut C. komplett verbrannt (ich habe sie nicht versucht.) Tee aus einer Kaffeekanne. Alle Tassen unterschiedlich geformt. Draußen war freundlich, wie es bei Sensorama einst so schön hieß. Dann große Lust, mich zu bewegen, bis ich dem müde bin. Vom Helmholtzplatz bis ans Ende der Kaiserin-Augusta-Allee. Tausende von Stolpersteinen pflasterten meinen Weg. Mancherorts Blumen. Kerzen, Grablichte. Kurz vor Sonnenuntergang, langer Fünfuhrtee meiner Seele: die Wolken, gedühnt.

HOMESICK (REMASTERED)

Und am dritten Tage erfand Gott den Wrap. Ein Stelldichein bei Cola und Broten. Es wurden Fotos gemacht, denn es gibt ja seltsamerweise keine Standfotographie mehr. Dafür wird dann im Nachhinein ein Fotograph eingeflogen und man stellt das Geschehene dann natürlich stumm nach, und das wird begründet mit veränderten Produktionsbedingungen, mit der auktoriellen Perspektive des Fachmannes für Standbilder und—mir direkt einleuchtend: mit einem anderen Licht.

Tja, und das wars dann (damit hatte es sich.)

Und ich, ich fragte mich selbst, weil wie plötzlich niemand anders mehr da war: wohin soll ich jetzt?

Da fiel mir dann als letztmögliche Option mein liebes Zuhause ein, mein Heim, der Bau mit seinen vielen Fenstern. Der Kirschbaum war ganz feurig geworden. Lohfarbend. Und die Sonne färbte die Wolken am Himmel golden. Es wurde still.

Erinnerungen, wolkenhaft, an die gestrige Nacht, als wir im Elaine’s saßen und Cornelius zu mir sagte »Joachim, Du bist ein unerträglicher Mensch, aber ich lese Deine Texte so gern.«

Da schwankte ich noch zwischen dem Impuls Nein zu sagen; ihn sozusagen förmlich anzubetteln, mich doch erträglicher finden zu müssen.
Aber jetzt ist es endlich wieder so, daß ich mich ausgesöhnt habe mit ihm und seinem Urteil in der Abwesenheit. Und daß ich einsehen kann, dass er recht hat. Dass es egal sein darf, wie man mich empfindet als Mitmensch.

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