»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

31.10.2019

Die Kastanienwirtin erzählt, sie habe für heute abend zwei Wachleute von einem Sicherheitsdienst bestellt. Halloween sei ja beileibe kein harmloses Kinderfest mehr. Im vergangenen Jahr waren ein paar Halbwüchsige hereingekommen und hatten kommentarlos die Gäste mit körbeweise Hühnereiern beworfen. Damals war unter anderem ein Laptop beschädigt worden und ein wertvolles Kleid. Die Polizei müsste man da gar nicht erst rufen, die könnten ja sowieso nichts tun.

In der NYT schreibt Thomas L. Friedman: «Weder während des Kalten Krieges, noch während des Krieges mit Vietnam, oder zu Zeiten von Watergate habe ich mehr um mein Land gefürchtet.»

Die Tagebücher von Patricia Highsmith sollen im übernächsten Jahr veröffentlicht werden. Sind wohl mehr als 8000 Seiten, versteckt im Wäscheschrank.

«No writer would ever betray his secret life. It would be like standing naked in public.»

30.10.2019

Der Nachbar schreit seine Frau an. Direkt durchdringend. Dabei sind die noch ganz jung, keine dreissig. Ich nicke ihnen zu, wenn sie Samstags vom Einkaufen (bei Lidl) kommen. Freitagnachts immer späte Heimkehr; regelmässig gegen vier?

Ist einer der Nachteile an diesem Haus, dass es derart hellhörig ist. In Frankfurt haben wir es besser: Die Mume wäscht bloss heimlich, still und leise, und die Etagennachbarn machen grösstenfalls mal Heavy Metal an.

Am Ende der Ladenstrasse standen die Wolken quer in der Lücke zwischen den Häusern. Wie ein Gebirge aus Schaum. Als ob da jemand (grosses) badet.

Kurios auch, dass ich da nie hingehe, an die nachbarliche Glocke, um mal anzuläuten, wie es der trauten Gattin ginge, die, so war zu hören, gar plötzlich verstummte. Könnte ja jederzeit soweit sein, dass er die um die sogenannte Ecke gebracht hätte. Man, also ich, liest ja so allerhand (im Vermischten).

Für heute Nacht ist Frost angekündigt.

29.10.2019

Der Uhu ist ungewohnt zähflüssig dieser Tage. Ob das mit dem Wetter zusammenhängen könnte, wie bei Milch? Das Barometer steckt ja auch schon seit Tagen fest (bei 1010 Hektopascal). Ein Tief lastet über Deutschland.

Friederike schrieb gestern in ihrem TB, sie habe einen eigenen Musikgeschmack! Kann man wohl sagen. Ist mir neulich erst wieder aufgefallen, als wir die neu veröffentlichte Fassung von Abbey Road durchgegangen sind. Hätte es ahnen können, aber sie will nun «Maxwell’s Silver Hammer» hören. Wenn ich sie mir dann anschaue, wie sie von ihrer Sänfte aus vergnügt dirigiert: Joan was quizzical usf.

Kurios, dass man den Musikgeschmack des Anderen nicht tragisch nimmt. Ungleich dazu verhält es sich mit der Liebe zur Literatur. Scheint tiefergehende Einblicke zu liefern.

Wildgänse überfliegen das Stadtgebiet (darüber das Tief nicht vergessen!) Warmwärts. Heute hört man sie bloss, sind nicht zu erblicken durch den Dunst. Im Gegensatz zu den Stubenhockern, die, da die Kronen lichter worden, nur immer noch lauter zu vernehmen sind mit ihrem Zwetschen und Schnarzen. Einsam ist die Leserin und: Der Mutist.

Vorschriftsmässig in die dafür bereitgestellten Säcke aus kompostierbarem Kunststoff verpackt, steht das Laub am Wegesrand. Einer Kompostierung harrend gemacht. Die Stadtreinigung hat neulich eine «Wurfsendung an alle Haushalte» verteilen lassen. Ging um Kompost. Überschrift des wertig gedruckten Folders: «Schälen Sie auf uns». Nun ja. Irgendwo müssen sie ja hin, die ganzen arbeitslosen Journalisten. Da lobe ich mir freilich den Slogan des Türenherstellers Herholz: «Hat Türen im Griff».

Alles Geschmackssache. Und nicht wenig auch von Talent. Das prägt die Eigenheit ja aus.

28.10.2019

Dass man jetzt morgens schon Licht anzumachen braucht, um lesen zu können. Künstliches Licht, bezeichnenderweise. Mir kann es ja nie gedämpft genug sein. Die Waffen des Lichts? Nichts für mich. Ich glaube an Andy Warhol «I believe in low lights and trick mirrors». Für die korrekte Durchführung der Uhrenumstellung ist, brauchte nicht nachzuschauen, weil ich es ahnen konnte: der Verkehrsminister zuständig. Ich kann mich nicht erinnern, welchen Minister ich schon mal derart abstossend und verderbt fand. Glaube gar keinen. Ganz interessant ist freilich, dass das Verkehrsministerium seit seiner Gründung am häufigsten von allen umgezogen ist. Knapp dreissig Postanschriften mussten in die Annalen der bundesrepublikanischen Geschichte eingetragen werden. 99 % davon natürlich zu Bonn.

Wie dann ein Strahl vom Heute auf den alten Text fällt (von 1978): Kempowski, Seite 179 «‘Die Herrn vom Stalag in Stettin … Handke — ein ganz grosses Arschloch.‘» Wie dieser Name, der bei mir die meisten Jahre nur die allerschönsten Gefühle ausgelöst hatte, wenn ich ihn las (von Buchrücken, aber auch in den Zeitungen, auf Websites), in den vergangenen Wochen derart verhunzt und verpeopelt wurde, dass ich ihn jetzt noch nicht einmal mehr out of context grossartig finden kann, sondern kopfscheu werde, wie es bei ihm selbst heisst. Wirklich vergällt und gallenbitter könnte ich werden, wenn ich allein an all die abgebrochenen, halbgaren Diskussionen denke, die ich im Keim ersticken musste wie die alte Kindermagd. Kaum jemand satisfaktionsfähig. Und wenn dann graut mir vor dem blöden Ritual.

«Kalt wie auf einer Brandstätte». Weiter unten kommen dann auch noch «Jugoslawen mit prachtvollen Schnurrbärten. Martialische Gestalten.» Hör mir bloss auf!

27.10.2019

Nach dem Sonnenaufgang ganz seltsam gedämpfte, gelbe und vermutlich deshalb auf mich giftig wirkende Lichtstimmung.

Ob ich es noch erleben werde, dass die verordnete Uhrenumstellung wieder abgeschafft wird? Es sind ja, das fiel mir gestern beim Lesen ein (Tadellöser& Wolff) schon ganz schön viele Gesetzesähnlichkeiten abgeschafft worden in der sogenannten Zeit meines Lebens (Telefonzelle, Mengenlehre, DDR). Am Ende reicht es etwa noch zu einem Comeback à la Vinylschallplatte. Bin jedenfalls auf alles vorbereitet und dementsprechend gespannt.

Im Buch wurde eine mir unbekannte Seife erwähnt. Man liest dieses Buch jetzt plötzlich ganz anders, vom Kontext umzingelt, ich tippte den Namen der verschwundenen Seife in das Suchfeld ein. Es gab sie wohl. Ich kann es nur knapp entscheiden, was mir lieber wäre: eine verschwundene Seife oder eine fiktive. Finde die verschwundene tröstlicher. Immerhin gab es sie schon. Andere als du haben sich an ihrem stillen Schäumen erfreuen dürfen. Fiktive Markenartikel, das geht mir nicht bloss bei Seifen so, finde ich latent albern. Auch erfundene Drogen und artverwandtes. Seife zählt ja im weitesten, einem früheren Sinne dazu (Drugstore, Drogerie).

Das Foto der verschwundenen Seife tauchte übrigens auf in der Sammlung des Museums der Domäne Dahlem («der einzige Bauernhof weltweit mit eigener U-Bahnstation»). Wird aber aktuell nicht ausgestellt. Man zeigt dort gerade eine Ausstellung aus dem Themenkreis Milchgewinnung aus Kühen. Sonst wäre ich gestern dorthin gefahren. Hatte sowieso eine unergründliche, nicht unbedingt tiefe Lust, einen Ausflug zu machen. Zog derweil sogar eine Fahrt nach Rostock in Erwägung, um dort, vor Ort im Buch zu lesen. Schien mir dann zu kompliziert. Das Wetter war auch zu schön, um den Tag in der Bahn zu vergeuden. Blieb am heimischen Fenster sitzen. Schaute mir abwechselnd historische Aufnahmen von Rostock an und die der verschwundenen Seife, las dann wieder ein paar Seiten. Hätte ich alles auch im Zugabteil machen können, aber da lassen sich ja seit einiger Zeit schon nicht mehr die Fenster öffnen.

25.10.2019

Der Mutist ist zurück.

Heute mit einem irren Herumgehüpfe in den Zweigen; ich hatte ihn tot erwartet. Im Vorsommer schaute er für mich völlig verbumfeit aus.

Manchmal denke ich an Simon Le Bon, und an den fürchterlichen Stress, dem er ausgeliefert gewesen sein musste, damals, als es noch kein Internet gab.

Der Mutist jedenfalls kam heute, besser: er fiel vom Himmel direkt in die Krone des Baumes vor meinem Fenster, um dort: herumzuhüpfen «wie gestört». Manchmal hatte ich, den Sommer über, an ihn gedacht. Er macht noch immer kein Geräusch.

Nick Cave hat ja, angeblich, Disco 2000 eingesungen.

Ich freue mich schon auf das Frühjahr, wenn der Mutist vielleicht The Chauffeur einsingen wird:

«Sing, Blue Silver»

24.10.2019

Hinter Braunschweig fängt das schlechte Wetter an

Auf den Wegen liegt das Laub in gelben Scheinen

Und in Berlin dann, endlich,

Haufenweise, jeder Ecke,

einfach so.

Die Frau in der U-Bahn sagt

Ich fühle mich nicht gut

Ich hasse Berlin

Später dann

In meinem Park

Angeblich

Kein einziger Pilz mehr

Das Gras wie von den Fans erwartet:

Gestreift vom Rasenmäher.

Und ich hatte geglaubt

Das waren Konfetti

In Deinem Haar

So lang

Der Weg

Zu Dir

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