»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

25.3.2019

Es lief nicht gut. Es lief gar nichts, und ich hatte mich mit Lina und Christian auf meinem Lieblingsflohmarkt verabredet. Wahrscheinlich, weil ich mir den Trost im Angesicht alter Dinge versprach. Aber das war eine schlechte Idee. Ich bekam ungewohnt schlechte Laune. Was nicht daran lag, dass ich den Kauf dreier identisch modellierter Hasen aus rot glasiertem Porzellan verschoben hatte, um mir zunächst einen Überblick auf das gesamte Angebot zu verschaffen—als ich eine Viertelstunde später wieder an jenem Stand vorbeikam, waren sie weg. Verkauft, und das auch noch einzeln, wie der Verkäufer mir erzählte. Dabei war das der Grund gewesen, der mich hatte zögern lassen (weil ich unausgesprochen angenommen hatten, die würden nur ensemble verkauft.)

Es war viel zu voll, so war es doch längst nie gewesen, und insbesondere die Männer dort, die mehrheitlich aufgezäumt wie Karusselpferde herumgingen und -standen gingen mir auf meinen Sack. Woher die schlechte Laune, so will ich doch gar nicht sein—und so fiel mir die Fahrt in der Straßenbahn ein, der Weg dorthin, als mein Abteil geflutet wurde mit schlanken jungen Frauen aus vermutlich den Vereinigten Staaten, die angetan und behängt mit dem latest shit ihre Rollkoffer um mich herum zusammengeschoben hatten, um sich blasiert zu unterhalten, was sie demnächst zu tun gedächten, hier, nach Ankunft in dieser Stadt. Das war ein altes Gefühl, das ich dabei hatte. Ein Re-Run, wie als ich vor ein paar Jahren zum letzten Mal nachmittags in der Panorama Bar war und dort beschließen mußte: Das war es jetzt also. Mit dem normalen Ausgehen hat es sich für Dich. Denn ich fühlte mich wie aus Glas, ich wurde nicht mehr wahrgenommen oder beachtet. Ich war anscheinend herausgewachsen aus der Gruppe, meine Codes waren veraltet.

Und so gingen wir in ein Restaurant, aßen Nudeln, ist ja auch ganz schön. Ich hatte das wundervolle Lied von Barbara Morgenstern im Ohr: Come to Berlin.

24.3.2019

Auf dem Markt einen Händler entdeckt, der sehr kleine Mengen divers zusammengestellter Gemüsesorten in appetitlichen Schalen aus schwarzem Kunststoff anbietet. Mit seinem Angebot wendet er sich ausdrücklich an Singles. Ich nahm ein paar mit je drei Dolden Radicchio und Radieschen und zwei mit jenen winzigen Artischocken, die man in dieser Zeit des Jahres in Rom alla giuda zubereitet. Nun brauchte ich bloß noch einen Corriere della Sierra, um das Frittat authentisch (wenn nicht autochthon!) abtropfen zu lassen. Notfalls tat es auch eine Gazetta dello Sport. So ziemlich das einzige also, was es auf diesem phänomenalen Markt nicht gab im ansonsten tadellosen Angebot: Zeitungen. Am Kartoffelstand dafür Sieglinde, aus denen ich mir dann später am Mittag ein Salätle bereiten würde können. Im Vorübergehen kriegte ich mit, wie eine bis auf das Gesicht verhüllte Frau skeptisch an einem Bündel Bärlauch schnüffelte, wobei der Händler ihr ermutigend zusprach »Wie Knoblauch«, und sie, nachdem sie eines der Maiglöckchenlaubhaften Blätter in der Mitte geknickt und über die Bruchstelle geleckt, glückselig: »Ja!« Da könnte man ganz gut etwas Satirisches herausschlagen, dachte ich (und war längst weiter.) À la »Kopftuchayşe, mein erster Bärlauch«. Doch froh, dass ich kein Satiriker bin.

Und noch während ich vor der Bodega dort am Rande des Marktgeschehens saß, liess eine sehr weit über mir auf dem Rand der Regenrinne hockende Taube ihren schwarzen Strahl auf mich herunterfallen. Das spritzte und ich war von Kopf bis Fuß versaut. Vom Ekel einmal abgesehen, konnte ich dermaßen besudelt wohl kaum dort sitzenbleiben in der Sonne. Aber ich blieb heiter gestimmt, denn ich hatte doch neulich erst gelesen (in der Schirrmacher-Biographie), dass es Glück bringen soll, von Tauben angeschissen zu werden. Und außerdem hat meine neue Waschmaschine ein Programm, das preist sich an mit »Hygiene«. Gerade so, als ob dies eine Zusatzleistung wäre, die man sich eigens wünscht. Wie die Geldautomaten in Amerika, die flöten und blinken, wenn sie Cash aufblättern. Damit man glaubt, dass man etwas gewonnen hat, und nicht bloß schnöd vom eigenen Bestand abgehoben.

23.3.2019

Die Stunde zwischen halb zwei und halb vier in der Nacht, ich wache dann häufig auf und kann nicht mehr einschlafen, gebe den Versuch also bald auf und versuche das Beste daraus zu machen. Am geöffneten Fenster sitzend lausche ich dem Klang dieser Stunde: kein Rauschen, es ist viel weniger, es gibt kein Wort dafür; der Klang ist so wie die Musik, die bei dem Musikverlag A Strangely Isolated Place seit Jahren auf sehr schön ausschauende Platten in farbiges Vinyl gepresst wird (und die Hüllen sind ebenso.)

Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Mein Schneuzen sticht heraus.

Bis auf diesen Klang der Welt, der seine Stunde hat—zu jeder anderen am Tag, beispielsweise, wüßte ich sofort, es ist etwas Furchtbares geschehen—, regt sich nichts. Abgesehen, im Wortsinne, von dem automatischen Lichtlein an der Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes, das sich arhythmisch ein und dann wieder ausschaltet, weil der darin eingebaute Sensor auf das wenigste zu reagieren scheint, vielleicht sogar auf Wind, auf dessen Hauch?, gibt es dort draußen jetzt keine Regung. Keine Nachtmaschine vor dem Bild des Mondes, kein Sonnenaufgangsbegrüßungslied eines Vogels. Die Tauben sitzen zum Greifen nah in dem blattlosen Baum vor meinem Fenster; hingegossen als nachtschwarze Kleckse. Ganz selten nur ertönt für kurz ein Martinshorn.

Um diese Stunde auf den Straßen ist die Stadt vollkommen menschenleer (bis auf die Autos.) Man fürchtet sich nicht. Sollte aber wahrscheinlich.

Als ich bei meinen Eltern war, schlief ich so lange und so ununterbrochen wie sonst kaum. Meine Mutter meinte, das liegt an der Stille des Landes. Ich sagte »Weil die Familie zusammen ist.«

In New York City schlafen sie jetzt unter Schwerkraftsdecken. In die Steppdecken sind in deren Quadratstaschen winzige Glasperlen eingenäht. Der Schläfer wählt die Füllung nach seinem Körpergewicht. Bis zu 15% davon sind angeraten für ein Schlafgefühl, als ob er von jemandem umarmt würde. Raving revues. Ursprünglich stammt das Prinzip einer lastenden Zudecke aus der Psychiatrie.

22.3.2019

In Zürich war Sommer. Schon den ganzen Flug über war es in der Kabine strahlend hell gewesen. Halbvolle Maschine (von Bombardier, das hört sich mit einem Mal weniger bedrohlich an als Boeing.) Die Zeit war, nun ja, wie im Fluge vergangen, weil ich den hervorragenden Text in der New York Times lesen konnte, der die Kredit-Saga von Donald Trump und der Deutschen Bank erzählte. Mikroskopisch betrachtet und dabei in diesem angenehmen Ärzte-Ton vorgetragen, den Reporter dort einfach draufhaben, weil sie sich im Vollbesitz der interessanten Fakten wissen.

Ich war irrigerweise viel zu warm angezogen, konnte aber nicht ablegen. Auf den Vorplätzen saßen die Greise unter kahlen Kastanienbäumen und rauchten ihre Villinger. In Zürich wird ab fünfzig Zigarre geraucht.

Der Nachmittag lief vergnüglich, wie beinahe immer im Studio Achermann, weil man sich dort im Vollbesitz der interessanten Themenzugänge weiß. Kurz nur kam es zum Stocken, weil mir aufgefallen war, dass wir nichts zum Themenkreis des Geistigen Lebens, der Schriftstellerei in Planung hatten. Man kramte im inneren Gesellschaftsverzeichnis der Willensnation, bei der es mir manchmal so vorkommt, als ob es für die gesamten Schweizer nur circa vierzehn Nachnamen hat. Jeder dritte heißt Fischer oder Fischli (und kein Schweizer heißt Bergli oder gar Berg.) Warum dieser Ort in Graubünden aber Susch heißt? Keine Ahnung, angeblich. Ich bekam wieder große Lust, mir dieses ominöse Idiotikon zu kaufen, das Wörterbuch des Schwyzerdütschen, an dem seit Jahrzehnten gearbeitet (geschafft) wird, das aber wohl niemals für vollständig erklärt werden wird. Es fielen ihnen dann, außer Lukas Bärfuß und Martin Suter, keine weiteren Schriftsteller ein. Die anderen waren alle schon tot.

Mit dem Rückflug hätte ich beinahe noch Gewinn gemacht, weil die Maschine überbucht war (bis heute weiß ich noch immer nicht, wie es dazu kommen kann.) Man hatte mir angeboten, die Nacht im Flughafenhotel zu verbringen und dazu als Prämie noch 280 Franken. Ich sagte freudig zu. Dann aber erschienen ein paar Umsteiger aus dem Thailandurlaub doch nicht, und ich mußte zurück nach Berlin. Las im Wannsee-Buch von Helmut Krausser, das sich nach den widerborstigen ersten Seiten zu einem veritablen Pageturner aufrichtet.

Vollmond. Der Luftdruck liegt um Mitternacht bei 1025,1 Hektopascal.

21.3.2019

Die Wikipedia streikt. Der Computer tut erst so, als würde er sie aufschlagen können, aber dann erscheint ein Plakat mit weißer Schrift auf schwarzem Grund. Man soll sich beim zuständigen Europaabgeordneten beschweren. Eine Schaltfläche führt zum Verzeichnis der Abgeordneten Deutschlands. Der erste, den ich seines Gesichts wegen anwähle, heißt Reimer Böge. Er stammt aus Hasenmoor. Momentan hat er eine Eingabe verfasst, die sich gegen den innereuropäischen Handel mit Haustieren wendet.

Interessehalber wäre ich dafür, dass der Streik der Enzyklopädisten noch ein paar Monate andauert. Auf die Stellungnahmen und Anweisungen aus dem Deutschen Bundestag wäre ich gespannt. Dass ich das noch erleben darf!

20.3.2019

Die Dampfsäule stand dort freilich zum Zeichen der Sedisvakanz bei den Herausgebern dieser Zeitung. Ein Exemplar zum Sammeln war die gestrige Ausgabe, weil dort unter dem schönen Schriftzug auf der Seite Eins bloß noch drei Namen (D‘Inka, Kaube, Kohler) präsidierten. Holger Steltzner, so wurde innerhalb eines quadratischen Textfeldes vermeldet war aus der Gruppe der Herausgeber ausgeschieden. Ich glaube, es war Steltzner, der 2002 auf dem Weg in die Zeitungskrise zu Protokoll gegeben hatte »In der ersten Runde wurde viel Fett abgeschnitten, jetzt geht es ans Fleisch.« Ich fand das damals widerlich und es schaudert mich noch immer, wenn ich daran denke. Wie man seine Redaktion als einen Rollbraten betrachten kann.

Als ich die Zeitung gestern kaufte, stand dort in dem Laden eine Frühstücksrunde, allerdings am Nachmittag schon in extremer Auflösung begriffen. Deren Sprache und Zungenschlag war mir fremd. Ich sagte »Excuse me, what ist this beautiful language that you are using?« Eine der Damen antwortete »It‘s norwegian.« Tatsächlich hatte ich noch niemals zuvor jemanden Norwegisch sprechen gehört. Und kenne eigentlich bloß Mari Kvien Brunvoll aus Norwegen, und auch die bloß vom Hören. So also war die Sprache von Hamsun in Wirklichkeit.

Sonst freilich alles beim Alten. Es wird trotzdem immer schwieriger für mich allein schon beim Eierkauf die allgemein für richtig gehaltene  Entscheidung zu treffen. Das Eierregal, so kommt es mir vor, wird ja immer ausladender. Ökologisch—natürlich. Aber wie genau gehalten? Freiland, aber dann Brüderchen und Schwesterchen-Eier, bei denen die männlichen Küken nicht geschreddert werden, sondern pensioniert? Meine Eltern hatten diese Geschichte erzählt, als sie einen schottischen Hütehund zur Pflege hatten für ein paar Wochen und auf einem Spaziergang stürmte der auf das unumzäunte Gelände eines Hühnerhofes, um dort die Hühner einzukreisen wie eine Herde. Da kam wohl unter Protest eine Mume aus dem Haupthaus gelaufen und nahm die Hennen hoch auf ihre Arme, um sie zu beruhigen. Weil die, wie sie ausrief: sonst zwei Tage nicht mehr legen. Hühner sind ja wie Sparschweine, bloß umgekehrt.

19.3.2019

Beim späten Kippenberger gibt es diesen Satz, wo er es schon länger als eine halbe Stunde fertig gebracht hatte, nicht zu rauchen, um dann aber zu notieren »nach 43 Minuten endlich die HB.« Vergleichbar hinsichtlich Wohligkeit war unser Genuß, als uns kurz vor der Abreise noch zum Mittagessen die Stuttgarter Roten vom Grill serviert wurden. Bloß hatten wir diese Köstlichkeit schon seit der Vorweihnachtszeit im vergangenen Jahr, also viele Millionen Minuten lang entbehren müssen. Seit langem kennen Friederike und ich ein Spiel um die Frage »Welche Speise wähltest Du, wenn Du sie bis zum Lebensende ausschließlich essen dürftest.« Anfänglich antwortete ich »Butterbrote« und Friederike ebenso—glaube ich erinnern zu können, aber es kann auch sein, dass sie »Corn Flakes« gesagt hatte, oder ich war das, und sie nannte die Butterbrote; jedenfalls wußte sie jetzt, dass es bei mir Rote sind, die ich morgens, mittags und abends vertilgen möchte. Davor hatten wir einen langen Spaziergang gemacht über die Wiesen bis zu den Wellingtonien hin, die dort schon seit 1865 wachsen. Der Baumbeschnitt war schon erfolgt gewesen, und wir konnten viele grüne Zapfen einsammeln. In der Luft lag schon der Frühling. Man will sich nicht mehr beeilen. Darin macht es sich bemerkbar, auch wenn es noch nicht optimal ist, von der Wärme her. Eine Feldlerche hatte sich aufgeschwungen und sang hoch über unseren Köpfen. Mit einem Koffer, halb voll mit Brezeln, fuhren wir im Zug nach Frankfurt zurück.

Abends waren wir in den Salon von Frau Crüwell eingeladen. Die verstand meinen Namen erst wie Jobim, nach der Lesung nannte sie mich kurzfristig Jakob, stellte mir ihre Schwester Dorothee vor und rief, nachdem wir von unser Reise berichtet: »Sie sind Schwabe! Ich doch auch. Ja, und warum stehen wir dann hier und reden hochdeutsch?« Am Morgen hatte ich für Friederike ein Gedicht in unserer Mundart verfasst, das trug ich den Crüwellschwestern vor. Zu großem Wohlgefallen. Rest des Abends dementsprechend. Man versammelte sich in der Küche, wobei schon bald diverse Mobiltelephone zu klingeln anfingen, weil bei den anwesenden Satiregranden sogenannte O-Töne eingeholt werden sollten von einem Redakteur bei Focus Online, was denen denn zur Bekanntgabe der Scheidung von Thea und Thomas (Gottschalk) einfiele. Klar, es war das Rilke-Blatt, das in der Mühle von Malibu verbrannt. Fleischbällchen wurden serviert.

Am nächsten Morgen drangen um kurz nach fünf schon die Sonnenstrahlen durchs Fenster. Und über dem Fabrikdach ragte eine undurchdringlich weiße Säule aus Dampf ins endlose Blau. Ein Verkehrsflugzeug flog in einer waagerechten Linie darauf zu und wurde einen Augenblick lang vollends von ihr verdeckt.

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