»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

PLANET HASE

Also sind meine Ohren, die ansonsten für Schmerz so empfindlich sind, ebenso meine Einfallstrichter für den Trost. Ich habe die vergangenen zwei Tage mit dem Abhören des Bandes verbracht, auf dem Malakoff Kowalski mit Chilly Gonzales über die hölzerne Muschel mit dem in schwarz und weiß gestreiften Saume spricht. Das war wie eine Zuflucht, aber dann, gegen Ende des Textes fiel es mir ein: weshalb ich das so beherzt übersetzen konnte. Weil die sich ja annähern wollten in ihrem Gespräch! Suche nach Verwandschaft. Ein Ursprung der Philosophie. Wo ich doch ansonsten nur mit Künstlergesprächen zu tun habe, wo es um Abgrenzung, um das gegenseitige Herausarbeiten der feinen Unterschiede geht. So also Freundschaft. Größe. Und das Lauschen von Solo Album 3 versagte ich mir bis zum Abschluß der Arbeit—wie einst als Kind, wenn ich mir die besten Bestandteile des Tellers bis zum Schluß aufgespart hatte.

Morgen geht es um fünf Uhr in der Frühe dorthin zurück: zur Familie. Von freudiger Erregung kann ich leider nicht sprechen.

Dabei leuchtet es hier golden aus dem Gebüsch.

IN DUBIO OREO

Dann, doch und leider, sehr ernstes Telephonat mit dem Vater. Er spricht von seinem Bett aus, ich kann ihn dabei nicht sehen, weil die Versorgung mit Internet dort im Strohgäu noch immer zu dürftig ist für Skype. Wenn man, wie er jetzt zwangsläufig, den Chirurgen zuhört, kann man ja gar nicht anders, als den Eindruck zu gewinnen, dass das Innenleben des menschlichen Körpers größtenteils verzichtbar ist und im Zweifelsfall folgenlos entfernt werden kann.

Indes hatte ich, innerlich quasi am anderen Ohr wiederum andere, die sich beklagen mussten, dass auf dem sogenannten Shooting von Suçuk und Bratwurst die Credits für Balenciaga, meinem Beisein zum Trotz, nicht deutlich genug herausgekommen sind auf den Bildern. Dadurch entstehen freilich druckterminliche, wie sogar darin eingeschriebene, finanzielle Probleme.

Mein Vater, dabei wohl aus dem Krankenhausfenster schauend, berichtete dann von einer Joggerin, die derart langsam vorankommen würde, dass selbst er noch »auf seinen Händen« schneller sein. Würde.

Und er fragt mich: Warum machen wir das alles eigentlich?

Ja.

AN BACHES RANFT

Am Freitag noch standen gleich hinter der Stadtgrenze die Weizenfelder im Wind. Die Halme neigten sich mit der Fahrtrichtung, so als zögen sie mit. Jetzt, kurz nach dem Sonnenaufgang, nur drei Tage später sind alle schon abgemäht. Ballen liegen über den bleichen Flächen verteilt.

Ich kann den Duft der staubenden Süße noch durch die Scheibe des Wagenfensters riechen. Aus der Erinnerung an soundso viele Sommer im Garten am Rand eines Feldweges. Die Felder dort waren freilich geschwungen. Vom Feldweg an, ging es, gefurcht wie Cord, über Hügel hinweg bis an den Waldrand, wo, von Kiefernschatten vor der Sonne beschützt, Wiesen möglich wurden.

So dachte ich eben auch an den lichten Platz an der Bockenheimer Laube, den Friederike mir am Sonntagabend gezeigt hatte: in einem Souterrain im Lofthouse-Stil mit eisernen Sprossenfenstern, der Innenhof überdacht von Geißblatt-Winden und Wein. Es hatte geregnet, am nächsten Morgen würde es wieder regnen: so war das Licht in dem Moment. Kein Strahl der nicht grünte, oder zumindest golden war. Und im Hintergrund, nur wenige Meter entfernt, alles schon dunkel, beinahe schwarz. 

In der Nacht war ich um kurz nach drei Uhr aufgestanden, um die Jalousien herunterzulassen, da war der Himmel eintönig himbeerfarben und es leuchtete einzig die von Neonröhren umrissene Pyramide auf dem Messeturm. Das Dach gegenüber hatte Mickeymouse-Ohren, Silhouetten der Parabolantennen dort auf dem First.

Am darauffolgenden Abend, ich hatte gerade dem Eichhörnchen eine Schale mit Erdnüssen und Pinienkernen gebracht, schallte ein irres Gelächter durch den Hof. Das steigerte sich noch, und als ich oben in der Wohnung angelangt war, hatte das Geräusch schon die Form einer Wehklage angenommen. Weibliche Stimme, wir dachten an einen Verkehrsunfall. Womöglich ward ein Kind überfahren, und die Mutter brüllte den Himmel an. 

Als wir, dem Geräusch folgend, am Spielplatz eintrafen, saß dem dort gegenüber die Mume im Kreis der Leute vom bulgarischen Supermarkt. Die diskutierten etwas und hatten sich von dem nun schon sehr deutlich vernehmbaren Schreien scheinbar nicht aus der sogenannten Ruhe bringen lassen. Es wurde ausgestossen, das konnten wir nun sehen, von einer sehr dicken, weiblich wirkenden Person, die seltsam wulstig deformiert auf dem höchsten Plateau eines Klettergerüstes wie drapiert lag. Direkt vor der Mündung einer von dort oben abführenden Rutschröhre aus Blech, in deren dunkle Mündung sie hineinschrie, was ihrem ohnehin durchdringenden Kreischen noch zusätzliche Resonanz verlieh. Der Eindruck des wulstig Deformierten, dessen wir uns bei ihrem Anblick nicht erwehren konnten, wurde vor allem durch die Beschaffenheit ihrer Lagerstätte bedingt: es handelte sich nämlich um ein Klettergerüst aus Kunststoffseilen, die miteinander verknüpft waren dergestalt, dass sich daraus insgesamt ein Gebilde in Form und auch von der Struktur des Eiffelturmes ergibt. Ich kletterte gemeinsam mit zwei anderen Männern dort hinauf, was gar nicht einfach war. 

Als wir die Schreiende erreicht hatten, zeigte sich diese nicht ansprechbar. Auch nicht, als wir sie mit Wasser aus den zu uns heraufgereichten Flaschen bespritzten. Erst als ich eine dieser Flaschen über ihren Oberkörper entleert hatte, fing sie an, um sich zu schlagen. Dann schlug sie mit einem Mal ihre Augen auf, wurde ganz still und beantwortete unsere Fragen. Mittlerweile war auch der Notarzt eingetroffen. Seiner Aufforderung, zu ihm herunterzusteigen, kam sie nicht nach. Auch als die bald darauf eintreffenden Polizistinnen die noch immer dort in dem Seilgeflecht Liegende aufforderten, nun das Gerüst zu verlassen, rief sie denen zu, sie würde es vorziehen, dort oben zu bleiben. Auf die Frage des Notarztes, was es mit dem Schreien auf sich hatte, antwortete sie: »Klettergerüst, es mußte sein.«

Später, da war es schon dunkel, hörten wir noch einmal ihr Schreien. Dieses Mal aber brach sie ihr befreiendes Ritual schon nach wenigen Minuten ab.

ALARMSTUFE GELB

Aber jetzt war es so, dass es tatsächlich diese Gelbfärbung seines Körpers war, die meinem Vater das Leben gerettet haben wird. Denn bei einer mehrstündigen Durchsuchung unter Narkose wurde dann doch ein Tumor entdeckt, der, hätte er nicht eine von seiner Galle abgehende Leitung blockiert, unbemerkt hätte weiter wachsen und womöglich ins umliegende Gewebe hätte streuen können.

In der Nacht wachte ich bald nach Mitternacht auf. Draußen rauschte der Regen, das ging bis zum Morgengrauen so weiter, und als ich um acht Uhr auf die Bahn wartete, strömte das Wasser breit über die Bahnsteigkanten als Wasserfall. 

Mittlerweile darf man offenbar selbst im Krankenhaus jederzeit Anrufe auf dem persönlichen Mobiltelephon empfangen. Das war vor ein paar Jahren noch anders. Aber so konnten wir am gestrigen Nachmittag ein sehr schönes Gespräch miteinander führen. Fachsimpelten dabei etwas über das Wundermittel Disoprivan, mit dem ich ja auch schon gezwungenermaßen meine Erfahrung hatte machen dürfen und mein Vater sagte, dass er es jetzt sehr gut verstehen könnte, warum »Michael Jackson und diese Jungs«, das zum Zeitvertreib eingenommen hatten. Man kommt halt so angenehm hypnotisch drauf und, so betonte mein Vater: es bleibt keinerlei Kater zurück von diesem Trip.

Dann schwärmte er von der mikroskopisch kleinen Sonde, die derweil tief in sein Innenleben vorgedrungen war, während er noch von der Substanz hypnotisiert gelegen hatte. Dass dort aus dem Sondenknopf des Winzlings noch eine weitere, noch feinere Spitze, die zudem noch mit einer  Kamera mitsamt Mini-Scheinwerfer ausgestattet, bis in den vom Tumor verstopften Kanal seines körpereigenen Röhrensystems vorausgeschickt ward—all dies gesteuert vom Operateur vor seinem Bildschirm, der den Apparat vermittels zweier Joysticks gesteuert hatte.

Das ist meinem Ingenieur, dem nie etwas zu schwör war, ein Vergnügen—zu recht—dass er nun selbst zum Nutznießer einer Spitze des technologischen Fortschritts wird. Obzwar der Anlaß ja alles andere als erfreulich ist.

STAMME ICH AM ENDE VON DEN SIMPSONS AB?

Meine Mutter schreibt, da war die Sonne gerade erst aufgegangen, dass sie meinen Vater ins Krankenhaus eingeliefert hat. Er ist wohl am ganzen Körper »so gelb wie eine Banane.« Schmerzen tut ihn das Gallenproblem aber nicht. Und bald steht ja auch schon das Fest der Goldenen Hochzeit an—ist das also, mit dieser seiner Gelbwerdung, ein Vorzeichen?

Ich mache mir trotzdem Sorgen. Auch wegen Andy Warhol. Matt Groening, das läßt sich googeln, behauptete angeblich, dass er seine Simpsonfiguren mit gelber Hautfarbe ausmalen ließ, um Aufsehen zu erregen inmitten eines Stromes von Fernsehbildern, die ja, Disney inklusive, sich bis dahin noch am RGB-Schema orientiert hatten.

Ganz in Gelb also im Real life—trippy! Wobei die Grundhautfarbeneinstellung der Emojis ebenfalls eine gelbe ist.
Man müßte gelb schreiben können.

MIT EZRA POUND AM FENSTER

In meinem Traum sah ich Jean–Paul Belmondo von hinten, und er war, bis auf eine kurze Hose, die blau war, nackt. Das blieb die ganze Zeit im Traum über so, dass er nackt war. Und dennoch wußte ich, dass es Jean–Paul Belmondo war, den ich da sah. Er machte mehrmals, immer wieder einen Trick, da ließ er sich aus einer breiten Schachtel Gitanes eine der filterlosen Weißen zwischen die Lippen schnalzen. Auch das sah ich, doch weder die Lippen, noch sein Gesicht. Er hatte Haare auf den Schultern, die waren rötlich. Und einen Flaumkreis dort, auf der gegenüberliegenden Seite des Nabels, wo bei den Menschen einst das Schwänzchen war.

Als ich erwachte, war mir schwindelig. Dies aber nicht von dem Traum. Ich erinnerte das Tiefdruckgebiet aus Skandinavien, das in der Wettervorhersage angekündigt worden war. Jetzt werde ich also auch noch wetterfühlig.

In der Stadt war es warm. Ein Kind raschelte mit Lindenblüten und sagte »Leider ist jetzt Herbst.« Igor begrüßte mich mit »Endlich. Nach sieben Jahren.« Ich war ja tatsächlich zum ersten Mal seit seiner Eröffnung im Café Giro zu Gast.

Am Samstag hatte mir Jan ein neues Reich gezeigt. Es liegt am Priesterweg, wo es eine sehr schöne Bahnstation gibt, die wie eine verkleinerte Ausgabe des Bahnhofs Wannsee ausschaut und gerade deshalb, ihrer Kompaktheit wegen, so schön. Und dahinter, es kostet Eintritt, also liegt das Reich, das aus einem ehemaligen Rangierbahnhof der Reichsbahn besteht und nun hat man dort über die Jahre Birken und Robinien durch die Gleise und Schwellen hindurch wachsen lassen. So ist ein dichter Wildwald entstanden und auf dessen Lichtung steht eine Lokomotive in all ihrer Kolossalität, auf der man herumklettern kann, obwohl es laut einem Schild streng verboten ist. Aber das merkt niemand, denn das Eintrittsgeld für das Reich entrichtet man bei einem Automat.

In dem Biergarten dort, schon wieder draußen, wurden wir von einer jungen Frau bedient, die hatte eine helle Haut mit sehr vielen Sommersprossen. Sie verstand alles falsch und brachte immer irgendwas, und aufgrund ihres Akzents hielten wir sie obendrein für eine Dänin, aber sie war, wie sie uns auf Nachfrage hin sagte: aus Namibia. Später saßen wir noch lange im Garten und verfeuerten so ungefähr einen halben Baum in der eisernen Schale, weil es ja kalt war. Und kalt leuchteten die Sterne, vor denen Wolken vorüber getrieben wurden vom Nachtwind. Und alles übrige war schwarz. Am Tag darauf wurde in Klagenfurt diskutiert, ob man einen Sternenhimmel nun als kristallin beschreiben durfte, oder. Und draußen rauschten schon wieder die Bäume.

Vor dem Giro sitzend sprachen wir über Wolken und Augen. Über Wetterfühligkeit, James Mason und die Studio-Theorie von Claudius, She Tied a Yello Ribbon, Struktur, Mahler in der Kirche, wie Leute sich zu sterben wünschen und warum. Und setzten so ein Gespräch einfach fort, das beim Spaziergang durch den Wald, am Feuer und am Telephon angefangen ward; eigentlich geht es doch bloß um Unaufhörlichkeit.

Berlin so groß, auf manchen Strecken läuft die Gültigkeit einer Fahrkarte noch vor Erreichen der Endhaltestelle ab, weil die Gültigkeitsdauer auf eineinhalb Stunden in Fahrtrichtung begrenzt ist. Kurz vor Schluß fährt der Zug ohne Zwischenhalt acht Minuten durch den Grunewald, draußen nur Grün, noch.

Hier wohne ich.

EIN GEDICHT VON BOBBY KONDERS

So langsam habe ich mich auch von dem Schock erholt, auf den Straßen und überall sonst auch jedes Wort verstehen zu können. In Bulgarien waren wir beinahe immer von einer Sprache umgeben, die wir weder lesen noch verstehen konnten. Man ist nicht allein, aber es geht einen nichts an. Von daher klingt das interessant, was Diedrich Diederichsen in Spex von der Platte Jan Jelineks schreibt, die wohl ausschließlich auf den Lauten zwischen zwei Worten aufbaut, die er aus Gesprächsaufnahmen herausgeschnitten hat (und zu denen er dann auf dem Synthesizer improvisiert.) Aber auch, was Klaus Walter auf der nächsten Seite zur Funktion von Titeln in der Musik schreibt: Das Aufschließende, daß der Titel ein Bestandteil der Musik sein kann. Ein Bestandteil des Textes zumindest. Ein Teil des Textes aus Klängen und Worten.

Das Lied von der Erde habe ich mir bis heute nicht angehört, weil ich es mir monströs vorstelle. Als ich mir Disintegration kaufte, konnte ich mir unter dem Titel überhaupt gar nichts vorstellen, ich kannte die Bedeutung des englischen Wortes nicht und damals konnte man ja noch nicht im Laden, dem Schallplattenhaus Lerche auf der Königsstraße von Stuttgart, vor dem Regal stehend googeln. Aber das Cover zeigte Blumen im Dunkeln und dazwischen ein altersloses Gesicht. Als ich Stunden später daheim angelangt war mit dem mysteriösen Wort in der Hülle, war die Musik dann genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Und wie sie, glaube ich zumindest, dem Buch Hysteria zugrundeliegt.

Musste danach erst einmal ein Kilo Kirschen entsteinen. Heute geht ein schöner Wind.

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