»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

24.4.

Die Sonne scheint, der ewige Kalender meldet, dass heute der Tag des Versuchstiers ist und ich hätte große Lust, jetzt gleich zum Frühstück in ein Hasencafé zu gehen. Seit über einem Jahr schon frage ich mich, warum ausgerechnet hier in Berlin noch keiner dieses sehr schöne und nebenbei auch sehr innovative Konzept, wie es heißt, umgesetzt hat. Auf Twitter folge ich einem Hasencafé im Großraum Tokio (aber die in Nagoya sind bestimmt mindestens genauso schön, wenn nicht sogar schöner, weil etwas naturbelassener, traditionsbewusster, rauher), die posten ständig Fotos, Serien von Fotos, kleine Szenarien, die an kawaïness nicht zu überbieten sind. Von Friederike, die im Gegensatz zu mir schon einmal im Land der aufgehenden Sonne war, weiß ich, dass man in einem Hasencafé eine Stallgebühr bezahlt – dazu kommen freilich noch Verzehrkosten für die Dauer des Stallaufenthaltes, aber damit erhält der Besucher des Hasencafés dann auch das uneingeschränkte Recht, mit einer wasserabweisenden Schürze angetan (die geht aufs Haus), sich eine halbe Stunde lang in dem von einer in etwa kniehohen Trennwand vom hasenfreien Cafébetrieb geschiedenen Hasenspielparadiesgärtleins zu ergehen. Mit den dort eingepferchten Hasen. Und kaum, so Friederike, man in der Schürze die Hasenmauer überschritten hat, werfen sich die Hasen des Hasencafés auch schon auf ihre zweibeinigen Besucher. Zum einen wollen sie etwas vom am Tresen des Hasencafés erstandenen Kraftfutters erheischen, viel dringlicher aber ist ihnen das Anliegen, möglichst viel von ihren Hasencaféurin abzuschleudern. Dafür ist die Schürze da, beziehungsweise, wie es in Hamburgs Elendsviertel Mümmelmannsberg beim Anblick eines mümmelnden Hasen noch heute und ganz richtig heißt: »Da sei mîn Schürze vor!«

Davon abgesehen, und es gibt halt auch keine schlechten Hasen, sondern nur zu kurze Schürzen, gibt es kaum denkbare Orte auf der Welt – von Menschen erschaffen, von Menschen gemacht – die noch angenehmer sein dürften als ein Hasencafé. Oder, um es mit den Worten des leider früh verstorbenen Helmut Dietl zu sagen: »Den gesunden Menschen, der nicht mit einer Schürze sich von Hasen vollpinkeln lassen will, den gibt es nicht.« Und, so denke ich, als Schürzenfreund und Entrepreneur nun mal: Der Haustiergedanke ist halt doch noch stark dem 20. Jahrhundert verhaftet. Darin überwintert ein Relikt des kleinbäuerlichen Lebensstiles, der mit der flächendeckenden Versorgung durch Bio-Supermärkte obsolet geworden ist. Wie Car2Go und ähnliche Sharingkonzepte erfolgreich gezeigt haben, ist mieten zu recht beliebter als besitzen. Denn Besitz besitzt. Mieten macht mobil und (sorgen-)frei. Das willige Nuttenauto schlägt den pflichtschuldigen Hausfrauenporsche. Hier liegt der Hase auf der Straße, beziehungsweise: das Geld. Haustiere, die in einer gastronomisch angenehm gestalteten Umgebung (Stichwort creature comfort) gegen eine geringe Sharinggebühr gestreichelt werden können, wann auch immer der Hasenuser das will. Und nicht etwa umgekehrt, also streicheln, wann immer der Hase will, selbst wenn der User dazu gar keine Lust verspürt, wie das im Haustiermindset Usus war.

Das Hasencafé, von dem ich heute noch träume, auch jetzt gerade, das es aber übermorgen in Berlin schon geben wird, hätte 24/7 geöffnet. Den Hasen wäre das nur recht, denn sie haben rund um die Uhr Appetit. Und sind von Natur aus ohnehin nachtaktiv.

22.4.

Wie eine Dame, die obenrum Bikini trägt und ab den Hüften einen Flokati umgewickelt hat, zeigt sich dieser Tag mit blauem Himmel und einem aufgewühlten See, der mit seinen Wellen eine Menge Schaum in die Bucht getrieben hat. Die Zweige biegen sich, die Weide wallt. Die Mahonien blühen in dichten gelben Trauben und wenn der Wind richtig steht, weht er den Honigduft der vielen Blüten bis zu mir heran. Am Strandbad stehen die weiß lackierten Standkörbe dicht an dicht und in den Nachrichten hieß es, dass sich in einem Freibad in der Pfalz eine Frau umgebracht hat. Angeblich befanden sich zum Zeitpunkt des Selbstmordes 25 Personen in ihrer nächsten Nähe. Die Zahl wird exakt gemeldet, aber nicht wie, auf welche Weise die weibliche Person vor den 25 Augen-, vielleicht ja teilweise auch nur Ohrenzeugen darunter, sich selbst ermordet hat. Das soll, klar, geheim bleiben, um niemanden auf falsche Gedanken zu bringen. So als gäbe es Geheimrezepte, die wie Anleitungen zum Bombenbauen oder Drogenkochen sind, und wenn die erst in Umlauf gerieten, dann brächten sich bald viel zu viele weibliche Personen um.

Ganz in Gelb, zumindest obenrum, und wenn sie ihr Haar nach vorne über die Schultern fallen ließe, erinnerte sie an eine zeitgenössische Gioconda: Pinar Atalay moderiert die Tagesthemen hinter einem von zwei biomorph geformten Pulten stehend, die palettenhaft geschnittene Tischplatte leuchtet blau. Im Hintergrund ist eingeblendet die vergrößerte Aufnahme einer Hecke zu sehen, deren Sträucher zur Seite gebogen erstarrt sind wie auf einem Gemälde von Vincent van Gogh. Auf einem kahlen Stamm steht in weißer Handschrift die Zahl 10. Das ist die Kulisse. So sieht das Bühnenbild aus in dem Frau Atalay erscheint, um über den Hintergrund des Bombenanschlages auf den Mannschaftsbus des Dortmunder Ballspielvereins Borrussia zu berichten.

Aber ist es denn wirklich eine so unfassbare Tat? Ist es denn tatsächlich so unbegreiflich, dass eine Person, um an Geld zu kommen, andere Menschen, die sie gar nicht persönlich kennt, ermorden will? Und diese Methode mit der Kursmanipulation, die als besonders perfide beurteilt wird – perfider als Kindesentführung, perfider als Schokoladenhasen vergiften und den Discounter erpressen, perfider als Banküberfall eventuell – hat nicht schon Gert Fröbe als Goldfinger mit dem Geschwader von Pussy Galore versucht, den Staatsschatz von Fort Knox mit einer Kobaltbombe zu verseuchen, um dann vom manipulierten Goldpreis profitieren zu können? Ging es im Reich der Fiktion nicht überhaupt schon ziemlich oft um böse Personen, sogenannte Bösewichte, die andere Menschen, die sie gar nicht persönlich kannten, ermorden wollten, um an viel Geld zu kommen? Ich wusste bis dahin gar nicht, dass ein Fußballverein Aktien ausgibt. Ich wusste auch nicht, dass man bei der Comdirect Bank, die andauernd vertrauensvoll Werbemails an potenzielle Kunden, die man bei Comdirect gar nicht persönlich kennen kann, verschickt, ohne selbst Geld zu haben, auf Kredit übers Internet Anteile an Unternehmen kaufen kann, deren Unternehmer man gar nicht persönlich kennt. Und ich wusste auch nicht so ganz genau, dass es Unternehmer gibt, denen es gleichgültig ist, wer sich eventuell kreditfinanziert Anteile an ihrem Unternehmen kauft, und ob das Geld, mit denen diese Anteile an ihrem Unternehmen gekauft wird, diesen wildfremden Anteilseignern in spe gehört, oder nicht. Wo es herkommt. Wodurch es erzeugt wurde. Womit.

21.4.

Am Nachmittag trafen die Handtaschen ein in einem Karton, in dem man auch einen Kühlschrank mit drei Gefrierschubladen hätte verschicken können, ein leis‘ sprechender und bedächtig formulierender Slowake in der braunen Uniform des United Parcel Service (UPS) hielt mir den elektronischen Quittungsblock hin, aber als ich unterschreiben wollte, rupfte ich, weil ich gedanklich schon einen nur sogenannten Schritt weiter, nämlich beim Auspacken der Handtaschen war, heftig an dem mit einem zu kurz bemessenen Spiralkäbelchen mit dem Gerät verbundenen elektronischen Stift, sodass der mir aus dem Griff flog und an seinem Spiralkabel pendelnd auf- und ab hüpfend zwischen uns hing. Der Bote, vermutlich halt doch ein Bulgare, sagte: »Oh«.

Es gibt da kein Zeremoniell. Aber: Jeff Koons, der Meister. Es steht einfach fest. Drei Handtaschen hat er für Louis Vuitton geschaffen, so standen sie vor mir: Wie Jeff Koons sie gedacht hatte, waren sie gemacht worden. Mithin als schönster Beweis, dass Abbildungen nur einen schwachen Eindruck vermitteln können, lediglich Gedächtnisstützen sind. Wobei ich selbst beispielsweise, als ich diese Handtaschen auf Abbildungen sah, zunächst insgeheim dachte, es könnte sie unmöglich in Wirklichkeit geben. Geben dürfen! Aber gut, es sind nun halt solche Zeiten, in denen nichts mehr als gesichert gilt. Abends nach dem Unboxing sah ich einen Bericht über die Weinbauern in Rheingau und Pfalz, die zwischen ihren Reben kleine Eimer mit Brennpaste aufstellen, um die Stöcke über Nacht zu wärmen bei den unüblichen Minustemperaturen. Was übrigens, wenn es nicht so dramatisch um die vom Ausfall bedrohte Weinernte stünde, sehr hübsch aussieht, wenn einen nächtlichen Weinberg hinauf diese Gassen aus bläulichen Flämmchen reichen (oder hinunter, ganz wie man es betrachten will, aber die Kamera schaute in diesem Bericht zum Gipfel hinauf); andernorts, da ging es um Äpfel, ließen die Obstbauern zwei Hubschrauber über ihrer Plantage kreisen, damit die Rotoren die warme Luft aus den höheren Schichten zu den Pflanzen am Boden wirbelten. Ein Maschineneinsatz, der sich als vergeblich erwies, leider. Im Verlauf der betreffenden Nacht wurde es einfach zu kalt. Braunfleckigkeit an den Fruchtknoten der Apfelblüten: 90 Prozent Ernteausfall.

Und was macht Jeff Koons? Er lässt das Leder der Handtasche mit der Mona Lisa bedrucken (die Martin Mosebach jetzt korrekt mit La Gioconda bezeichnen würd‘, aber Martin Mosebach hat, wie ich in der Zeitung las, noch nicht einmal ein Handy, auch lehnt er die Häresie sozialer Netzwerke ab und wird es von daher auch nie erfahren, dass ich gar nicht weiß, wie man Mona Lisa richtig schreibt), also Vollgas Pop, und dazu kleben (eventuell sind sie genietet) goldene Buchstaben drauf, die zusammengenommen bedeuten: DA VINCI. Dazu kommt noch ein Layer ultraplastischer Metallic-Aufdrucke, die das legendäre Logo von Louis Vuitton – in China bekannter als das Hakenkreuz – zeugen und wenn man genau hinschaut, was ich freilich getan habe, denn ich konnte es ja kaum fassen, was dort aus dem Großkarton gehoben ward, entdeckt man auch noch als Dreingabe die erste Umschrift in der Geschichte des Hauses: Jeff Koons hat nämlich auf dieser Handtasche von Louis Vuitton auch noch deren Logo appropriiert und mit seinen Initialen überschrieben. Aus LV wurde JK. Kann gut sein, dass all dies in China und Nigeria, für diese Absatzmärkte scheint die Neverfull Da Vinci konzipiert, noch einmal ganz anders gelesen wird. Kann aber auch genau so gut nicht sein. Man kennt ja kaum noch Chinesen und noch weniger Nigerianer, mit denen man sich über Jeff Koons oder Handtaschen austauscht, wie es so schön heißt.

Der Kirschbaum hat die kälteste Nacht gut überstanden. Die Forsythien blühen 1a und auch in den tieferen Schichten, wo abwechselnd Walderdbeeren und Waldmeister (a hell of a combination) knospen, sieht es vielversprechend aus.

20.4.

Endlich wieder mit Socken schlafen. Es ist halt einfach das Gemütlichste auf der ganzen Welt! Und dann beim Aufwachen zwar Kälte, aber zum Ausgleich blitzblauer Himmel und gleich herrlichster Sonnenschein. Der New Yorker veröffentlicht die geheimen Tagebücher von David Sedaris. Seit vierzig Jahren schreibt er sie in von ihm selbst gemachte Ringbücher, 153 Stück gibt es mittlerweile davon, der New Yorker veröffentlicht freilich nur in Auszügen daraus. Ich las und schaute mir auch die Einbände der geheimen Tagebücher an, die, ebenfalls in Auswahl, abgebildet wurden. Das war während meiner Fahrt durch die Bilder einer Landschaft mit Schnee vor frühlingsgrünen Bäumen. Ich kann mich nicht erinnern, das schon einmal erlebt zu haben. Gar nicht sattsehen konnte ich mich daran. Die Kinzigtalsperre: en forme.  Und kurz zuvor der zweitschönste Industriekomplex aus Backstein auf dieser Strecke: die Dreiturmwerke in Steinau. Seit 1835 in Familienbesitz. Seit 1835 wird hier Seife hergestellt. 1945 wurde die Fabrik vollkommen zerstört. Seltsam eigentlich, wo die doch bloß Seife hergestellt haben. 1950 steht nicht nur alles wieder, es wird expandiert. Heute ist die Dreiturm GmbH auf die Veredelung (von Reinigungsmitteln) ausgerichtet, stellt außerdem (milde) Pharmazeutika her. Der Slogan lautet nach wie vor: »Für alles die richtige Lösung«. Platz Eins auf der Strecke behält freilich VW. Nicht allzuweit hinten dann Fulda, die siffige Rückenansicht der Papierfabrik dort. Mehr weiß ich bislang nicht, muss halt ein paar Mal noch fahren.

Ausgesucht schöner Sonnenuntergang, der in drei Phasen gezeigt wurde, weil kurz vor der Bildkante noch ein blauschwarzes Wolkenband horizontal verlief, hinter dem der Sonnenpunkt für zehn Minuten verschwand, den Untergang an sich quasi antäuschend, um dann darunter durchgeschlüpft noch einmal kurz loszustrahlen, dann Waldsaum und damit auch »Ende Gelände« wie es unter den Freunden des Endreims heißt. Die Vögel machten kundige Geräusche, so als verstünden sie nur irgendetwas davon – aber wer weiß? Evolutionspsychologisch ist es doch wahrscheinlich, dass gerade Amseln beispielsweise oder Nachtigallen, die mit ihrer Liedproduktion so ganz wesentlich mit der Tag-/Nachtscheide verbunden scheinen wie infrarotsensorgesteuerte Lichtschalter, über Tausende von Jahrhunderten eine seelische Empfänglichkeit für die Qualität dieser Licht aus-/Licht an-Momente ausgeprägt haben dürften. Just saying.

Dazu aß ich Spaghetti mit Tomatensauce nach einem alten Rezept aus den fünfziger Jahren. Seit es viel aus London zu berichten gibt, ist in der Tagesschau nun erfreulich oft auch die Großbritannien-Korrespondentin des Ersten zu sehen. Hanni Hüsch. Sie hat einen ganz eigenen Stil, sich während ihrer Kommentare in Pose zu stellen. Auch was sie dazu anzieht, bleibt bei mir haften. Seit Gabriele Krone-Schmalz ist sie die erste Kommentatorin im Deutschen Fernsehen, deren Namen ich korrekt auswendig weiß. Wobei sie eigentlich Johanna heißt. Auch das weiß ich schon. Hanni ist eine Art Künstlername. Es soll kalt bleiben, auch über das Wochenende. Na ja.

Eine Frau vom Bayerischen Rundfunk, sie trägt ein Strickkleid aus goldglitzerndem Lurex, wünscht einen angenehmen Abend. Es folgt die Dokumentation über den NSU.

19.4.

Gestern Mittag, wir saßen im Restaurant des Main Tower und schauten dort aus den Fenstern, wurden wir plötzlich von Schneeflocken umweht. Wir konnten, man sitzt dort auf beinahe 200 Metern Höhe zwar hinter Glas, aber doch wie im Freien, weit ins Land bis hinter den Stadtrand Frankfurts schauen. Dort, wo es aus den Meilern des Kernkraftwerkes dampfte, schien schon wieder die Sonne aufs Grün. Und die dunkle Wolke, die wohl noch über uns hing, aber man sah ganz deutlich den Saum ihres Schattens, der über Sachsenhausen hinweg gezogen wurde: Sie hatte den Schnee mit sich gebracht – jedenfalls war der hier oben in den höheren und kälteren Schichten als Schnee noch in Flockenform angekommen, ob es weiter unten, die Stadt erschien noch von den Osterfeiertagen wie leergepustet, dann geschneit oder doch eher geregnet hatte – um das noch erkennen zu können, dafür wiederum saßen wir zu weit von der Erdoberfläche enthoben.

Nachts dann geträumt, bunt und wild, nicht gerade von allem, aber beinahe von allem. Müsste ich aufzählen, was noch gefehlt hatte, würde das aber vermutlich doch lange Zeit in Anspruch nehmen. Eben gerade so geträumt, wie ich immer nur dann träume, wenn; und tatsächlich war es dann heute früh kurz nach halb acht auch soweit. Zunächst kam ein Windstoß. Den hörte ich nicht, aber ich konnte es trotzdem fühlen. Durch die geschlossenen Fenster hindurch. Als minimale Verstörung des molekularen Gefüges. Und noch lange Zeit später schwebten dicke weiße Flocken unter scheckigem Himmel herum. Wie ich noch einmal hinsah, war schon alles wie neblig, das Licht so grau und trübe: Es schneit.

16.4.

Im Übrigen hatte Martin Mosebach hierzu alles Wesentliche in seiner Häresie der Formlosigkeit ausgeführt, doch waren uns am Samstagabend schon entlang der Bahnstrecke die teils nur qualmenden, teils auch lodernden Stapel aus den Abschnitten alter Bäume und Gebüsche aufgefallen. Der traditionelle Tag für das Anfachen des Osterfeuers war aber einfach der Sonntag. Den Nachmittag über beobachteten wir aus einem dem Hügel zugewandten Fenster eine gewisse Konzentration von Einheimischen, die in regenfester Kleidung sich um die beiden Stapel scharten.

In der Nacht hatte das Schaf ein Lamm zur Welt gebracht. Mit schwarzem Fell, was keine Ausnahme darstellte, da sämtliche Lämmer in dieser Herde, bis auf eines, schwarz waren. Dies eine war grau meliert. Am Zaun hatte ich in die Hände geklatscht und die Schafe waren samt ihren Jungen auf uns zugestürmt unter lautem Blöken. Dann Übersprungshandlungen, sie standen und kauten auf irgendetwas herum, manche wohl auch lediglich vorgeblich, als sie erkannt hatten, dass wir ihnen nichts anderes anzubieten gedachten als unsere Aufmerksamkeit. Hinter dem Apfelbaum, der blühte, stand die abgesonderte Mutter mit ihrem frischen Lamm, dessen Beine noch arg lang wirkten. Ein Rest der abdörrenden Nabelschnur war noch zu sehen. Das Neugeborene stöberte unter dem Fell der duldsamen Mutter, das in Würsten wie Dreadlocks herabhing.

Entlang der Weißdornhecken, die voller Blüten steckten, ging es an der künftigen Lungenheilanstalt links vorbei bergan. Ein schönes Schild in Schwarz auf Gelb wies uns darauf hin, dass dieser Park ein Park war und kein Hundeklo. Wir nahmen das hin, obzwar wir hundelos gingen. Am Himmel, dessen Erscheinungsbild uns von Cupertino her als regnerisch prophezeit worden war, kreiste ein Lämmergeier.

Als wir den Hügel erreicht hatten, brannten die Stapel dort auf der Anhöhe. Ging man ganz nah heran, wurde einem bald ziemlich warm. Es waren weit weniger Menschen gekommen als gedacht. Aber insbesondere den jungen Einheimischen war es deutlich anzumerken, dass dieses am Osterfeuer stehen und sich vom Osterfeuer wärmen lassen und die ausgetrunkenen Plastikbecher ins Osterfeuer werfen und den dort im Osterfeuer schmelzenden Plastikbechern beim Schmelzen zusehen für die rings um dies Osterfeuer Versammelten etwas Identitäres bedeutete oder ganz einfach war. Ja, ich konnte mir sogar auf einmal sozusagen plastisch vorstellen, wie einer wie der Österreicher Martin Sellner vor einem solchen oder ganz ähnlich aufgeschichteten und plazierten Osterfeuerholzstapel stehend seine Berufung zur Identitären Bewegung erfahren hatte. Nämlich ganz wirklich als Ruf. Nicht von anderswo her, sondern aus ihm tief innen heraus, erweckt vom Anblick der Flammen und der beständig ineinanderzusammenkrachenden Glut, die Wärme dazu, freilich, aber auch die einfachen Gesichter der Einheimischen herum, denen man in der behaglichen Wärme des Osterfeuers stehend in die Gesichter schaut, man braucht dabei gar nicht viel zu reden, um Einverständnis zu fühlen. Es ist halt, wie es ist. Es ist identitär.

Im Mittelgrund waren nun Wolken erschienen, die ganz tief über dem weißen Steinbruch hingen, der dort am Horizont zu erkennen war. Weshalb er weiß war? Nun, weil dort Gips angebaut wurde. Und zwar – man denkt dann Gips ist Gips, wird aber vom Volk eines Besseren belehrt (und zwar auf eine schöne, weil stolze, weil aufrechte Weise): der beste im ganzen Land. Jetzt aber soll die Renaturalisierung kommen. Indem man ausgerechnet den Abhub von Stuttgart21 dort ablagert. In Thüringen! Fremde Muttererde aus Württemberg – was soll das? Desweiteren ging es um die Ecstasy-Preise in der Kneipe, weil die Zeiten, als MDMA noch als Königin der Substanzen bezeichnet werden durfte (unter anderem von mir), die sind jetzt vorbei, auch Ecstasy ist jetzt Volksdroge. Es ist identitär.

Nach Einbruch der Dunkelheit saßen wir lange noch am Fenster und schauten zum Hügel hinüber. Die Flammen sprangen empor in die Nacht. Man konnte sich, und das taten wir freilich, ganz schön ausmalen, es wären dies verfeindete Dörfer. Gehöfte, die wir niedergebrannt hatten. Den roten Hahn auf den First gesetzt. Es regnete beinahe die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen. Als die Sonne aufgegangen war, schwelten die Reste ja immer noch.

15.4.

In einer Sondersendung von Kochen mit Martina und Moritz, die am Samstag kurz vor Mittag gezeigt wurde und in der es monothematisch um eine mögliche Zusammenstellung von Köstlichkeiten für einen Brunch am Ostersonntag ging, kam es, vor allem für mich, als so langjährigen wie regelmäßigen Zuschauer, zu einem überraschenden Moment der taoistischen Erotik. Allerdings nicht zwischen Martina und Moritz selbst, denn es war Moritz solo, der ganz plötzlich in einer ungewöhnlichen Einstellung, wie auf einer Nebenbühne gefilmt, sein Rezept vorstellte, das er dem Zuschauer als morgendliche Erquickung für die Frau empfehlen wollte. Es ging um einen arabischen Kaffee. Der wurde wieselflink in einem speziell geformten Gefäß zubereitet, enthielt neben dem Kaffeemehl noch viel Zucker sowie arabische Gewürze. Aber als Zuschauer faszinierte mich, wie gesagt, der Einblick in die Liebeskultur dieses mir seit langem vertraut gemachten Paares, das ich zwar nur von ihrem aquarienhaften Leben in meinem Bildschirm her kannte, dabei aber stets kochend, sich dabei unablässig unterbrechend, unerbittlich zurechtweisend, einander zum gegenseitigen Probieren nötigend: so war über viele Folgen dieser mir lieben Sendung ein Gefühl von Intimität entstanden. Ich und die asexuell lebenden, dafür umso heftiger kochenden und auftischenden Martina und Moritz kannten uns gut.

Ein Trugschluss, wie ich am Samstag feststellen durfte, denn zum Müssen gehört für mich eine Empfindung des Widerstrebens, und die hatte ich eben gerade nicht. Denn außer diesem winzigen Signal des Taos hatte es ja an den vertrauten und mein Vertrauen hervorlockenden Elementen nicht weiter gemangelt. So hatte sich beispielsweise Moritz gleich zu Beginn dieser Sendung beim Ausblasen von sehr vielen Eiern falsch angestellt, beziehungsweise hatte er die zum Ausblasen der Eier nötigen Löchlein, von Martina als zu umfangreich empfunden, in die Schalen gebohrt, und war dafür zurechtgewiesen worden. So musste das sein.

Dann wiederum – und auf diese Momente wartet man, warte zumindest ich, ihretwegen schalte ich unter anderem ein – musste das von Moritz aus den geschätzten zwei Dutzend Eiern herausgeblasene Innenleben irgendwie weiterverarbeitet werden. Und halt nicht irgendwie, sondern so sinnvoll wie köstlon. Es geht dann, in der vom one shot diktierten Dramaturgie der Sendung, immer derart Schlag auf Schlag, dass ich selbst noch mit dem Nachdenken beschäftigt war, was ich selbst mit 24 Dottern und Eiweiß anfangen könnte, als Moritz wiederum diese bereits in einem Standmixer zu einer orangefarbenen Masse verquirlt hatte, um diese dann – das überraschte mich dann doch, und wenn ich gekifft gehabt hätte, wäre mir vermutlich ein verblüffter Kommentar entfahren (»abgespaced«) – in eine mit Backpapier ausgelegte Fettpfanne zu gießen, die er »hernach«* bei 140 Grad (Ober- und Unterhitze) im Backofen »eher stocken als backen« ließ.

Da fragte ich mich auch unbekifft doch frei nach Edward Bulwer-Lytton: Was wird er damit machen?

Während er mir das erläutern wollte, schob sich vom rechten unteren Rand des Bildschirms her Martina ins Bild, die mit einem Handrührgerät (die Marke konnte ich nicht entziffern, da die Vibrationen des zeitgleich auch stark in der Schüssel herumfuhrwerkenden Rührhakengespannes den Anblick des Handrührers in Martinas Hand verwackelte) ihre eigene Stimme dazu anspornte, schrill und durchdringend gegen des Handrührgerätes Scheppern eisern anzugehen.

Währenddessen Moritz still eine Farce aus Hackfleisch mit Zwiebeln herstellt, die er dann einwickelt in den Eierfladen, den er zum Stocken in den Ofen geschoben hatte. Es entsteht so eine Art Biskuitrolle der pikanten Art, die er mit einem vorzüglichen Messer in zimtschneckenhafte Stücke zerschneidet, die dann mit einem frischen Salat garniert und auf dem Gabentisch des Osterbrunchbuffets präsentiert werden. Martinas Gugelhüpfe, mit kunterbunter Zuckerglasur und bunten Zuckereiern dekoriert, sind auch schon fertig. Dann zeigen die beiden kurz noch, wie man Eiersalat anfertigt, der in Nestern, gemacht aus Kresse, angerichtet wird (der Trick besteht darin, die hartgekochten Eier dreimal durch die Eierharfe zu quälen: dann werden die Eierwürfelchen besonders fein).

Kurz entsteht eine Pause, die beiden beschauen sich ihr Werk. Da steht es, alles sieht, wie beinahe immer, fantastisch aus, zum Anbeißen. Man will hineinbeißen, zumindest zum Probieren eingeladen sein (wie schafft man das, wie kommt man an die beiden ran?), da zaubert – er schafft das wirklich, Moritz the Man, dass dieser Eindruck entsteht, dass er zaubern kann, wie die von Wolfgang Niedecken besungene Mutter aller Kartenlegerinnen – hält also Moritz seiner Martina diese Tasse hin. Und sie erkennt schon gleich am Duft, der ihr in die ihm, Moritz – ihrem Kontrahenten wie Kompagnon am Herd so wie im Leben – kampfeslustig hingereckte Nasenspitze steigt, dass es sich bei dieser heißen Flüssigkeit in dieser Tasse, um den von ihr so geliebten arabischen Kaffee handelt. Die vierte Wand wird durchbrochen, wir, die Zuschauer, reisen für einen taoistischen Moment in ein bis dato über viele, viele Folgen dieser Sendung ausgespartes Zwischenreich. Nein, es geht hinauf zum Hauptschauplatz dieser Erzählung, denn auch im Privatleben von Martina und Moritz spielt das Genießen eine Hauptrolle, um die sich alles dreht, ist Kulinarik der King.

Martina probiert, beinahe gierig, sie pustet nicht. Moritz schaut. Sie macht »Mhm«, und sagt: »Ist der heiß!«

*Simon Strauss in seiner eher vernichtenden Rezension der Neuverfilmung des Doppelten Lottchens auf der Fernsehseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14. April 2017

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