»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

23.7.

Vom späten, vielleicht war es auch der mittlere Georges Bernanos, gibt es die Anekdote, dass er, wenn er sich dann mal von seinem Schreibtisch weg in das kleine Café gegenüber geschlichen hatte, nach einem halb ausgetrunkenen Milchkaffee schon eine seiner Töchter zu ihm hinlaufend sah. Die war gekommen, um ihn zu ermahnen: »Vater, denken Sie doch bitte an ihr Pensum«.

Dieses kleine Mädchen kam seit dem vergangenen Sonntag an jedem Tag zu jeder Zeit zu mir gelaufen. Und ich saß doch nie in einem der Cafés. Ich war tief eingesunken in die sogenannte Produktion der Septemberausgabe. Ich las und schrieb. Dann las ich das Geschriebene wieder. Schrieb etwas dazu, oder löschte von den geschriebenen Sätzen gerade so viel, dass ein ausgeglichenes Zeilenbild entstehen konnte. Dann dachte ich über eine sinnvolle Bildunterschrift nach. Oder über eine appetitliche Überschrift. Ab und an sprach ich mit anderen am Telefon. Und stets stand dabei vor mir das Mädchen. Die Tochter von Georges Bernanos, die mich an mein Pensum erinnern sollte. Das Mädchen war natürlich ich selbst.

Nachts, wenn ich träumte, dann träumte ich von formlosen Formen, die so gewaltig waren, dass sie den Raum, in dem ich mich mit ihnen befand, gleichwohl bilden konnten. Ich träumte die Träume von Anish Kapoor.

Tagsüber fühlte ich mich schlecht. Nicht direkt übel, aber so, wie einer der ausblutet. Hilflos schaute der sich dabei zu, ohne auch nur das Geringste dagegen tun zu können. Ich hätte dem Mädchen gegenüber sehr gern etwas entgegengehalten, aber ich hatte doch nichts. Ich dachte an mein Pensum. Aber um es erfüllen zu können, fehlte mir nun endlich wohl die Kraft.

Ich saß oft, oder stand, und wartete auf eine seelische Regung, aber das Feld lag niedergedrückt wie nach einem heftigen Regen. Violette Farben ballten sich dahinter am Horizont.

Nach den Tagen im Wald, wo ich mich von Beeren und Pilzen ernährt hatte (zu Trinken gab es Morgentau und das Wasser aus einem Trog auf der Weide) wurde die Situation aber leider nicht besser. Vor mir lag zwar der Text des Gespräches mit Roehler, aber nun war ich von dem Verdacht wie infiziert, dass er es war, Roehler, der mich mit seiner Schwächung angesteckt hatte, weil auf dem Band ja andauernd von der Hinfälligkeit und der Erschöpftheit die Rede gewesen war. Vor allem waren es aber wohl seine schonungslosen Worte gewesen, die in mir eine Art von psychotischem Erdrutsch ausgelöst hatten, der mir nun das nichtmechanische Schreiben für immer unmöglich gemacht hatte. Das Schreibtier, ein weißer Hase, lag verschüttet unter diesem Haufen. Er war vollends verdeckt worden und atmete nicht mehr.

In der Frühe, längst überwunden geglaubte Sätze tauchten in mir wieder auf und hatten die alte Bedeutung zurückerobert. Vor allem jener aus Faserland, das Buch selbst besaß ich schon seit Jahren nicht mehr, worin sinngemäß stand, dass eines Tages alles aufhören würde, ohne jeglichen Hinweis darauf, warum; ohne einen Grund. Aber auch Thomas Melle, dessen Bild ich in der Zeitung fand, weil er in Bergen-Enkheim zum Stadtschreiber ernannt worden war. Und seine Erzählungen aus dem Reich von Selbsttherapie und Verausgabung, insbesondere seine Zeilen aus einer E-Mail, in der er mir von den Verstopfungen der Kanäle schrieb, durch die der Schreibfluss geleitet werden kann, verfolgten mich jetzt bis in den Schlaf.

Ich machte mir Notizen. Einmal sah ich einen in Stücke gesägten Baum. Die Stücke lagen aufeinandergestapelt am Rand einer Kreuzung. Ein anderes Mal regnete es blitzartig stark, sodass ich gerade noch meine Hand vor den Augen erkennen konnte, aber der Rest von der Welt war wie weggewaschen von einem einzigen Schleier aus Grau. Dann trat ich hinaus vor die Tür und überall waren Menschen, die von einem Festival im Olympistadion in die Innenstadt gespült worden waren. Jeder von ihnen, ob Mann oder Frau, war über und über mit rosafarbenem und hellblauem Pigmentstaub – wie überbacken. Das Festival war des Regnens wegen abgebrochen worden und nun irrten sie, das MDMA noch im Blut, über die Bahnsteige. Ich hatte ein weißes Hemd zu weißen Hosen an und musste sehr darauf achten, dass mir keine dieser schwankenden Gestalten zu nahe kam. So landete ich bald in einem wie verlassen wirkenden Zug aus Waggons, dem im Depot durch den Regen die Kippfenster aufgedrückt worden waren, dergestalt, dass dort auf dem Boden eine dünne Schicht Wasser schwappte, während die Sitzbänke sich vollgesogen hatten mit den Regentropfen wie Schwämme. Aber keine dieser Beobachtungen löste bei mir die ersehnte Folge von Sätzen aus. Das Feld lag weiterhin wie niedergedrückt. Der Hase hielt still.

Ich dachte, dass ich mich von der Literatur fernhalten müsste. Das war dann ein Gedanke von La Rochefoucauld, den ich mit einem Mal als verinnerlicht erkannt hatte. Kracht Roehler Melle: egal wie ich diese Worte auch hintereinander gestellt vor mich hindachte, sie ergaben doch stets einen auf fürchterliche Weise mich behexen wollenden Spruch. Und dann war da ja noch Rainald Goetz, der einst in der Münchner Schellingstraße 48 zu mir gesagt hatte: »Du darfst auf gar keinen Fall jemals herausfinden, wer Du bist! Sonst ist es mit dem Schreiben vorbei.« Das fiel mir ein in meiner Not und ich dachte: Ist es jetzt soweit? Weiß ich nun endlich wer ich bin, um den scheußlichen Preis, alles, alles andere verloren zu haben?

Gebraucht zu werden ist eine schöne Idee für den Menschen. Wenn man selbst unbrauchbar geworden ist, freilich ganz und gar nicht.

15.7.

Vor der Abfahrt, dieser langen Reise meines Tages an das Ende der Nacht, aß ich bei Gosch Sylt im Berliner Hauptbahnhof ein Fischbrötchen, während auf dem großen Bildschirm hinter uns die Pressekonferenz des französischen Präsidenten und seinem Gast, Donald Trump, gezeigt wurde. Ohne Ton.

Die Verspätung war mittlerweile mit einer halben Stunde angegeben, also, so dachte ich, konnte ich mir das in Ruhe anschauen. Macron, so nennt man ihn, wirkte auf Anhieb ziemlich verzwergt im Vergleich zu dem geföhnten Giganten. Aus dessen Revers quoll ja auch eine Krawatte aus blau schimmerndem Gewebe, wie Seide, das wirkte auf mich wie ein Wasserfall, wie der endlose Brunnen in einer Inszenierung der Nibelungen, von der mir Beate einst erzählt hatte, also: einfach märchenhaft. Dazu aber noch seine Gesichtsveranstaltungen. Donald Trump kann ja anscheinend nicht einfach sprechen wie ein Mensch. Das macht nichts, wirkte auf mich aber verstörend, dass dieser Mensch, immerhin Präsident, wenn er, was er andauernd tat, seine Mundwinkel bis zum Äußersten seines Gesichtskreises hin verziehen ließ. Denn, ja, so wirkte das dort auf mich: es gab in ihm noch andere, die ihn bewegten. Wollte er aus dieser Position des Bis-zum-äußersten-Lächeln-gespannt-seins dann wieder zurück in eine neutrale Mundposition, so kam es mir vor, während ich dort vor dem Bildschirm bei Gosch Sylt schauend mein Fischbrötchen aß, dann musste er den Knechten seiner Mimik den Befehl erteilt haben, ihm das Lippenmaterial über die bekannte Position »Trötmündchen« hinweg wieder auf »Normal« zurückzuziehen. Einiges aber, so schien es mir, war noch nicht genügend einstudiert: So gab es bei Donald Trump, wenn er Zuhören signalisieren wollte, nur eine wenig überzeugende Routine, bei der seine Augen urplötzlich haselnusshaft und wie vom Klappern der Kastagnetten begleitet auf und zu klickerten.

Insgesamt wirkte das Mein-des-amerikanischen-Präsidenten-ansichtig-werden aufgrund dessen Mienenspiels so, als ob unter seinem Gesichtsfleisch kardanische Stangen ihren Dienst versehen müssten, um ihrem Herrn das für die Verständigung mit Außenstehenden nötige Mienenspiel zu ermöglichen. Dann wiederum schien es, aber es war ja unmöglich, dass sogenannte Hacker sich nun eines Menschen bemächtigt hatten. Gerade so, als ob er nicht mehr Herr seiner selbst war.

Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron hingegen: tadellos. Nein: tadellöser! Was eventuell auch schlicht daran lag, dass ich ein Europäer war wie der Franzose, wohingegen Trump, als Ami, ein für unsere althergebrachte Kultur halt noch immer einen Artefakt repräsentierte. Ein Produkt. Na gut, im Zweifel ist halt Space doch The Place.

Um mein durch Television niedergedrücktes Empfindungsfeld wieder aufzurichten, lernte ich dann auf der Zugfahrt die Farbnamen meiner Buntstifte auswendig. Die stehen bei den Polychromas von Faber in goldener Prägeschrift auf dem jeweils in der Minenfarbe passend lackierten Zedernholz und sind, auf Deutsch zumindest, auch noch überwiegend interessant:

Fleischfarbe Hell / Light Flesh

Krapplack Rosa / Pink Madder Lake

Alizarinkarmesin / Alizarin Crimson

Warmgrau IV / Warm Grey IV

Van-Dyck-Braun / Van-Dyck-Brown

Und immer so fort. 120 Stifte später sah ich die leuchtenden Türme von Frankfurt, deren Namen ich längst im Herzen bei mir hatte.

14.7.

Am Morgen traf ich auf Oskar Roehler. Das war, als ich gerade die Treppe zu einer U-Bahnhaltestelle hinunterhüpfte. Wir erkannten uns wieder, erschraken, und er sagte: »Wohin des Wegs?«. Woraus sich wiederum ein die Stunden verstreichen lassendes Gespräch entspinnen sollte – wie zur Feier unseres Wiedersehens; zur Feier des Unverhofften an sich. Andy Warhol hat über die Eigenartigkeit des Stadtlebens im Manhattan seiner Zeit geschrieben: »Wenn Du jemandem 20 Dollar schuldest, triffst Du ihn an jeder Ecke. So lange, bis Du ihm deine Schulden zurückgezahlt hast. Um ihn dann niemals wiederzusehen.«

Wir schuldeten uns nichts. Ich ihm allenfalls noch den Text. Er zeigte mir eine antiquarisch erworbene Kiste kostbarer Zigarren, die er zusammen mit einer noch zu kaufenden Flasche Whisky zu seinem Produzenten zu bringen beabsichtigte. Es war kurz nach zehn Uhr am Morgen. Die Selbstverfickung würde verfilmt.

Auf der Kantstraße holte ich in einem Fachgeschäft für Bonsaibedarf eine Sukkulente ab, die dort über ein Jahr lang nach der Vorlage meiner Zeichnung in eine Form gebracht worden war – mit den Mitteln von Schlinge und Klinge nach altjapanischer Tradition –, mit der ich Friederike zum Geburtstag beschenken würde. Das Ergebnis war, frei nach D’Arcy Wentworth Thompson, seltsam geraten, konnte sich aber total sehen lassen. Dass die Zeichnung, dernach das stoisch vor sich hin wachsende Geschöpf in Form geschnitten und gebunden worden war, in Wahrheit nicht von meiner Hand stammte, es handelte sich um den Toten Maulwurf von Peter Handke, musste ich dem Japaner nicht preisgeben. Er nahm das Geld und lächelte, natürlich geheimnisvoll, in sich hinein. Dort hielt er wohl auch den ursprünglich lateinischen Namen des Gewächses, aus dem er seine Bioskulptur geschaffen hatte, verborgen. Und gab ihn, selbst auf Nachfrage hin, nicht heraus.

In Frankfurt dann, am Morgen nach der langen Fahrt durch die sommerliche Heide hinter Braunschweig: strahlender Sonnenschein. Es ist so warm hier, auch ganz unfeucht – ich war völlig falsch angezogen in meiner Berliner Kluft mit schweren Schuhen. Ein blauer Kran hievte stapelweise Dämmstoffplatten von der Straßenseite her auf das abgedeckte Dachgebälk des gegenüberliegenden Hauses, vor dem kürzlich erst die tote Akazie gefällt worden war. Immerhin dann doch bloß eine Maßnahme zur Wärmedämmung und nicht, wie ursprünglich befürchtet, ein Ausbau des Dachgestühls zum Penthouse mit Blick auf die Türme der nahen Innenstadt. Also würde die Gentrifizierung dies schönen Viertels noch ein paar Jährchen auf sich warten lassen.

Bei der Mume gibt es heute Frittiertes. Auf dem Balkon drängt sich rauchend Verwandtenbesuch.

13.7.

Im Treppenhaus des Ullstein-Verlages hängt eine Galerie der Autoren, sie windet sich, der Beschaffenheit des Treppenhauses gemäß, spiralförmig den darüberliegenden Geschossen entgegen und dort oben, weil es keine Lichthöfe mehr gibt, ist es dunkel. Zu Anfang der Reihe, ganz unten, wo Licht aus dem umgebenden Garten durch das salathafte Laub von den Hortensien dringt, hängt ein Portrait von Gerhart Hauptmann. Ich blieb davor ein paar Augenblicke lang stehen. Wie der aussah! Eingefangen in einer späten Periode mit sowohl zerzaustem Backenbart als auch von imaginären Windstößen aufgewühlter Frisur (beides blendend auf einer Schwarzweißfotografie), bekleidet in einer Art von Talar mit breiter Kröse, der ihm, dem Dichter der Weber, dem Schöpfer des Alten Hilse, der mit geweiteten Augen etwas außerhalb des Bildes mit seinem nackten Blick zu zähmen scheint, etwas Mythisches schenkt. Kein Wunder, dachte ich, dass, wer solche Figuren um sich wusste, auf Sätze kam, die mit Wendelin beginnen und im gleichen Atemzug darauf: Tamtam.

Ein Thema übrigens, auf das ich mit Oskar Roehler in der ein paar Stockwerke über dem Bildnis Gerhart Hauptmanns eingerichteten Interviewsuite des Verlages zu sprechen kam. Es wurde, sowieso, ein angenehmes Gespräch. Animiert, wie man zu Hauptmanns Zeiten wohl geschrieben hätte. Was gar nicht mal unbedingt bloß am Titel seines Buches lag, das auf einem kleinen Tisch, der zwischen unseren tiefen Sesseln stand, aufgebaut war, sodass ich mich, was ursprünglich so nicht geplant gewesen war von mir, mit Bezug auf dieses zwischen uns aufgestellte Buch und dessen herrlichen Titel, zu meinem Aufnahmegerät, der Olympussy, hinlehnen konnte, um Satzanfänge wie »In ihrer Selbstverfickung schreiben Sie«, oder »In der Selbstverfickung geht es ja«, aber auch »Selbstverfickung — das ist doch« dort hineinzusprechen.

Anfänglich noch zu jeder halben Stunde, nach zweimaligem Abwinken roehlerseits dann in weiteren Abständen, öffnete eine Betreuerin des Verlages die Tür, um an das Verstreichen der Zeit zu gemahnen. Den zwischen uns ebenfalls aufgestellten Snackteller rührten wir beide kaum an. Ich hatte dafür einen guten Grund. Denn an den Abenden und Morgen zuvor hatte ich aufgrund einer anstehenden Reise sämtliche leicht verderblichen Nahrungsmittel aus meinem Kühlschrank noch aufessen wollen. Wie Peter Handke es einst in seinem Tagebuch schrieb: »Kindergeburtstag. Ich esse die Reste nicht aus Hunger, sondern um aufzuräumen«.

12.7.

Im Traum war ich in aller Munde. Man sprach von mir, untereinander, innerhalb einer sich in Bewegung befindlichen Gruppe von Personen, mit denen ich mitging. Man strebte einem Ziel entgegen, wo, als der Pulk zum Stehen gekommen war, angeblich ich betrachtet werden konnte bei dieser Tätigkeit, von der uns bis dahin nur berichtet worden war.

Ich saß dort und flocht aus vielleicht Stroh das Dach eines niedrigen Hauses. Das goldgelbe Material war fein und glänzte wie junger Draht in dem Licht, das so warm leuchtete wie ein Widerschein der untergehenden Sonne auf dem Spiegel eines Sees. Und es schien ebenso flüssig, es rann dem, der angeblich ich sein sollte, von oben herab durch seine flechtenden Finger. Und war es geflochten, schien es erstarrt.

Der duldsame Waldboden, auf dem wir standen, reichte bis über die Klippen, an deren Rand das Haus erbaut worden war. Ob die Lichtung von Kiefern gesäumt war, ob dort Heidelbeeren wuchsen, daran konnte ich mich nicht nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern. Die Frage danach aber, die Suche nach Hinweisen auf diese Details in meiner Erinnerung, wie genau dieses letzte Bild beschaffen war oder eingerichtet, beschäftigt mich intensiver als die Frage nach der geteilten Perspektive. Dass ich, von anderen angesteckt oder transportiert, zu einem Schauplatz gebracht worden war, wo ich mich in Selbstvergessenheit flechtend anschauen konnte. Vom Traum bleibt ein unergründliches Glücksgefühl.

11.7.

Diese regnerischen Wochen sind wie eine neuartige Jahreszeit, mit einem angenehmen Klima, das die Innerlichkeit ermöglicht: ein grüner Winter. Ich sitze gern am offenen Fenster und schaue in den tropfenden oder dampfenden Garten. Ich friere nicht, trotzdem habe ich keine Lust, hinauszugehen, mich unter dem Himmel zu bewegen, wenn sich dort schon die Wolken ineinanderschieben. Ich sehe das aus einer Perspektive wie am Grund eines Sees liegend, es sind große Schiffe, die dort oben treiben.

Im Bett liegen, kühle Himbeerspeise löffeln und sich gegenseitig aus dem Buch mit den Straßenportraits von Hermann Lenz vorlesen: Stuttgart – Geheimnisse einer Stadt. Mit welcher Hingabe er da nur zum Beispiel die gar nicht wechselvolle Geschichte der Markthalle beschreibt (und das einzig spektakuläre Detail, nämlich dass den Marktleuten dort früher die Waren mit einer Spezialstraßenbahn auf Schienen bis in die Halle hinein angeliefert worden waren – letzte Spuren der dafür dorthinein verlegten Schienen findet der Kenner bis heute –, verschweigt). Nicht um Werbung zu betreiben, oder um, wie es leichtfertig hieße, »Denkmäler zu setzen«; die Denkmäler stehen ja bereits, sondern als Liebesdienst.

Da ist er mein Vorbild. Wenn ich, wie am Sonntag, am späten Vormittag aus dem Fenster schaue und auf dem Rasen hat sich eine Gruppe von elf Nebelkrähen niedergelassen, andere Vogelsorten gibt es nicht zu sehen weit und breit. Diese Großen gehen umher und beackern den Rasen. Es waren wenige Minuten, nach denen es aufgehört hatte zu regnen, anscheinend würde es bald wieder losgehen und in dieser trockenen Phase steckten die Regenwürmer ihre Hinter- oder Vorderteile, da sie keine Augen haben, war das nicht entscheidend, an die frische Luft. Die Schnecken, nackte, von denen es in diesem Juli enorm viele gibt, hatten sich aufgemacht, einen Fleck mit ihrer Erfahrung nach noch zarteren Halmen oder noch schattigerem Grün zu erreichen. Jetzt wurden sie allesamt abgeerntet und vertilgt von den Krähen, die mit ihren fingerlangen Schnäbeln die dafür ideal ausgebildeten Gartengeräte besitzen. Wasserscheu sind sie aber trotzdem. Sobald es anfängt zu regnen, verziehen sie sich in die Bäume und warten dort ab.

Es scheint, wenn ich mich an den letzten Sommer zurückerinnere und die entsprechenden Einträge nachlese, ein Juli für Krähen. Krächzen am Morgen, Krächzen zur Nacht. Kurz nach vier in der Früh flattern sie von den Schlafplätzen herunter, um sich zu laut zu streiten. Vielleicht ist es auch kein Streit, vielleicht ist es eine Art Triumphgeheul, ein Besatzergesang, denn der Garten gehört seit geraumer Zeit ihnen, weil kein Mensch dort sitzen will oder Federballspielen, so lange es andauernd regnet (oder auch bloß bewölkt und diesig ist). Am Samstagmittag hatten die Nachbarn schon alles für ein langwieriges Sommerfest vorbereitet. Es gab einen belastenden Soundcheck und ich befürchtete schon, der kostbare Abend und die Nacht könnte uns verhagelt werden durch solche Musik, wie sie bei dem Soundcheck vorgeführt worden war wie ein Folterinstrument. Dann aber, kaum standen die Stühle und waren behusst, fing in den Bäumen das schöne Rauschen an und ein schlanker Kahn mit bleigrauer Unterseite trieb seitwärts heran. Perlgraue Schleier wehten vor der Freilichtbühne im Wind. Aus dem notdürftig bereitgestellten Zelt auf der Terrasse war ein Grummeln zu hören. Grimmiges Gläserklirren. Ansonsten blieb es lauschig. Und wir schliefen sehr lang in der Vorfreude auf einen Tag, an dem man beim besten Willen nicht vor die Tür gehen können würde.

8.7.

Gestern Abend traf ich mich mit Jan vor einem Supermarkt. Er hatte mir vor einiger Zeit schon einen Spaziergang versprochen als Geschenk, jetzt war die Gelegenheit. Damals war ich noch in Cagnes und es schien mir fast unglaublich, dass angeblich erst knapp zwei Wochen vergangen sein sollten, seitdem ich dort gewesen war. Damals schrieb er mir, er könnte mir eine Welt in Charlottenburg zeigen, in der alles anders ist.

Es war Starkregen angesagt worden. Am Himmel hing schon eine dunkelgraue Fläche und vor dem Imbissstübchen auf dem Parkplatz klappten die Betreiber ihren Sonnenschirm ein und umwickelten das Gestell zur Sicherheit mit Dönerfolie. Ein schmaler Weg führte hinter den Supermarkt auf eine Packstation zu und dann entlang des Bahndamms bis auf eine Anhöhe, von der aus wir die Fassaden der Häuser sehen konnten auf der einen Seite, auf der anderen die Haltestelle der S-Bahn und dazwischen, wie aufgespannt von Wohnen links und Fahren rechts, war alles grün und buschig – ein waldiges Tal. Eine Kleingartenkolonie. Aber was für eine. Wie vergessen. Mit krummen Wegen, die auch einmal vor ein Gebüsch führten, vor dem eine Bank stand und es also nicht weiter ging. Mit überwachsenen Schienen einer Kleinbahn, die immer wieder auch freigelegt waren. Mit Obstbäumen. Und nur in einem einizigen Garten waren überhaupt Menschen zu sehen. Sie saßen vor ihrem niedrigen Haus dort, vielleicht aßen sie etwas, das Gebüsch war verwildert. Es war sehr still. Bis auf die Vögel. Vom S-Bahn-Verkehr war hier nichts zu hören. Bald hatten wir einen Teil des Gartens erreicht, der grenzte an die Autobahn. Und dahinter ragte der absurd silberfarbene Block des Messehallengebäudes auf.

Das Vereinsheim, es lag auf einer weiteren Anhöhe, erreichten wir gerade noch rechtzeitig – auch hier nur drei Leute, zwei Hunde und die Wirtin, die im Inneren vor einem riesigen Bildschirm, der Angela Merkels Rede vor den G20 in Hamburg zeigte, Gläser sortierte. Kaum hatten wir unter der Markise Platz genommen, fing es zu regnen an. Man ist ja mittlerweile verwöhnt, was den Regen angeht. Starkregen war das jedenfalls nicht, denn durch den grauen Schleier waren noch immer die Fassaden der Stadt dort unten zu entziffern. Und ich fragte mich, weshalb ich von diesem Garten in all den Jahren nie erfahren hatte. Ich fuhr ja nun wirklich beinahe täglich mit der S-Bahn ganz nah dort vorbei.

Von unten her glich die Markise sozusagen zunhemend einem blau und weiß gestreiften Beutel der mit Hochdruck von Wasser gefüllt wurde. Es knarzte dort schon. Im Inneren drohte der laute Fernseher. Aber ansonsten? Es gibt ja kaum noch gemütlicheres, als bei Starkregen im Juli mit einem Freund unter einer Markise zu sitzen mit Ausblick über üppig grünendes Land mitten in der Stadt. In die man jederzeit zurück könnte. Und dies an einem Ort, für den das schöne Wort verwunschen erfunden wurde. Die Frau neben uns, vielleicht war sie einst Schauspielerin, erzählte uns von ihrem Gefühl, als sie zum ersten Mal die eiserne Pforte, die es damals wohl noch gab, aufgedrückt hatte, und dahinter die Gartenkolonie entdeckte: »Ich dachte, ich bin Alice im Wunderland«.

Nach dem Regen gingen wir heim auf gewundenen Wegen. Bald stieg nebliger Dampf auf zwischen den Hütten. Bäume und Boden schwitzten aus. Und immer wieder, da ist das Einmalige an dieser Anlage, im Hintergrund städtisches, oder auch mal geradezu ein Talblick und dort unten lag die Bahnstation. Mal war es Caracas, das wir dort sahen, mal war es wie dort, wo ich aufgewachsen war. Mittendrin auch eine Brücke aus verrostetem Eisen quer über ein vom Efeu erobertes Tal.

Und kaum steht man wieder auf der Straße, mit den Häusern im Rücken, und vor sich hat man nun eine nichtssagende Garagenwand, in der sich die kleine Pforte befindet, kann man es wirklich nicht glauben, dass auf derart wenig Land sich eine reichhaltige Welt verbirgt. Aber es war so: Hier drüben sieht man das Messegebäude, dort verläuft die Autobahn, das ist die Lautsprecherstimme vom Bahnsteig her.

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