»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

14.4.

Vier Mädchen, Schülerinnen vielleicht noch? Jugendliche, Teengirls – wie nennt man sie eigentlich, wie spricht man sie an, wenn sie dazu, also zudem sie noch mädchenhaft wirken, auch noch in Ganzkörperanzügen aus rosafarbenem Plüsch gekleidet durch die Gänge des ICE schlendern? Das eine hat mit dem anderen freilich nichts zu tun, verwirrend wirkte es trotzdem auf mich, zumal die Anzüge auch Kappen hatten, ebenfalls rosa, aus demselben Material, an deren Oberseiten jeweils zwei puschlige Ohren mittlerer Länge angesetzt waren. Jedoch trugen die Mädchen, die vielleicht ja doch keine Schülerinnen mehr waren, also eventuell sogar ohne Unterwäsche in diesen Plüschoveralls über mich drüberstiegen, der ich in dem überbuchten Zug leider keinen Sitzplatz mehr hatte ergattern können, diese Kapuzen, die ihrem Auftritt etwas nur noch hasenhaftes, etwas obszön Österliches hätten aufgesetzt wie ein Kreuz auf einen Gipfel, ganz im Stile ihres laisser faire nach hinten über die Schulterlinie geklappt. Zwischen Bordbistro und Sitzplatz, wo sie aus mitgebrachten Plastikschüsseln stark riechende Salate aßen mit Gabeln aus Privatbesitz, ging es häufig hin und her. Woran man halt bei fortgeschrittenem Alter in dahinjagendem Zuge so denkt: Bäume aus der Froschperspektive bei 250 km/h.

In Frankfurt dann nächtlicher Fliederduft. Alles scheint hier schon weiter, selbst der Rasen wirkt samtiger, geschlossener als oben bei uns in Berlin, wo ein kalter Wind von allen Seiten heranwehte und zwischendurch auch immer wieder mit seinen Regenschauern ankam, wie etwas Übriggebliebenes, das er endlich loswerden will, das niemand braucht oder will.

Vor dem Haus traf ich auf die Mume. Keuchend stand sie dort im Dunkeln. In mindestens sieben Röcken wie einst von Günter Grass beschrieben. Sie kann wirklich kein einziges Wort Deutsch, kann also nicht einmal grüßen. Fliederfarbene Kopftücher, auch mindestens drei oder vier Stück. Sie öffnete einen weitgehend zahnlosen Mund. Aus der Sprechanlage kommen Geräusche, la mystère des voix bulgares, der Türsummer geht, sie wandelt in ein dunkles Treppenhaus hinein.

In der Bar im Nachbarhaus, die Müllstall heißt, legten zwei ohne Traktor mit zwei Plattenspielern auf, aber es klang so, als hätten sie Traktor und sie bedienten die kleinen Drehknöpfe an ihrem Mischpult mit der international etablierten Fingerstellung silent duck. Es sah alles aus wie im Bilderbuch vom Auflegen, auch dass der Müllstall so klein war, die Straße draußen so friedlich. Und Berlin sehr weit weg. Die Diskokugel ist golden verspiegelt.

Am nächsten Morgen dann für deren Verhältnisse früh am Café Laumer, wo eine Kellnerin an der Frühstückskarte herumwischte, die dort vor dem Haus auf dem Trottoir aufgestellt zu stehen hat. Die drei Frühstücksvarianten sind mit den Nachnamen der Philosophen Adorno, Horkheimer und Habermas gekennzeichnet wie andernorts mit Städtenamen (Paris=Croissant). Mich hatte schon bei unserem letzten Besuch dort gewundert, dass unter den Namen von Adorno und Horkheimer in Klammern die Zusammensetzung des jeweiligen Frühstücks angeschrieben stand, unter dem Frühstück namens »Habermas« aber stand nichts. Jetzt hatte dort wohl einer mit fragwürdigem Humor in Klammern HASENSCHARTE drunterkommentiert, wo bei Adorno (Lachs, Rührei) und bei Horkheimer (Bauernfrühstück mit Gurke) seit eh und je stand.

Müsste man freilich diskutieren, schlugen wir vor. Beziehungsweise: könnte man das, ob es dem Stile Max Horkheimers tatsächlich gerecht wird, ihn mit dem Bauernfrühstück symbolisch quasi gleichzusetzen, wohingegen dann der feine, weltläufige Herr Adorno durch die erwiesenermaßen kanonisierte Exquisitkombi Ei mit Lachs ins Gedächtnis der Cafébesucher eingehen darf.

Die Kellnerin wägte ab, blieb aber dabei, dass die Hasenschartenschmiererei nicht ginge und von der Frühstückskarte getilgt werden muss. Da stimmten wir ganz selbstredend zu. Im Übrigen, dies nur als Hinweis beziehungsweise Anreiz für die Betreiber, sich das mit Horkheimers Bauernfrühstück doch noch einmal im Guten zu überlegen: der, also Max Horkheimer war ja bereits von Eckhard Henscheid mit einem Anwurf bedacht worden. Bezeichnenderweise in den »Vollidioten«, wo er (Henscheid) ihn (Horkheimer) als greisen Münzspielautomatenjunkie in der Kneipe des Herrn Mentz auftreten lässt: »Herr Mentz behauptete nachdrücklich, dass der Alte nur deshalb immer so viel gewinne, weil er – ›und jetzt habe ich es selbst gesehen‹ – immer von oben durch einen Schlitz Bier in den Automaten schütte und so den Apparat vollkommen beherrsche – ›und ich, die Wirtschaft, muss jetzt einen Automaten kaufen!‹. ›Wer ist denn dieser Alte eigentlich?‹, fauchte der junge Herr Mentz nach einer kleinen Pause, während der er hektisch mit einem Lappen den Thekentisch rieb, als wollte er das unsittliche Verhalten des Alten gleichsam aus seinem Lokal fegen, – niemand kenne diesen Mann, niemand wisse seinen Namen, mit niemanden rede er an der Theke, immer nur spiele er am Automaten…

›Aber das sei doch‹, raunte Herr Domingo nun fast beschwörend, ›das sei doch der alte Max Horkheimer‹.

›Wer? Was? Hockenheim?‹, fragte der junge Herr Mentz scharf und ungnädig zurück.«

»Tja«, sagte die Kellnerin und hielt, den Blick auf ihre gesäuberte Tafel gerichtet, die Hände in die Hüften gestützt. Übrigens, das fiel mir ein: eine Körperhaltung, für die es im Englischen den wunderschönen und zugleich mysteriösen Ausdruck arms akimbo gibt. Möglicherweise bedingten sich wundersame Schönheit und Mysterium auch gegenseitig. Ziemlich wahrscheinlich war dem sogar wirklich so.

13.4.

Österliche Gefühle vom Suchen und Finden. Es gibt derzeit viel nächtlichen Aufruhr in den Schlafgebieten der Wassertiere, die bei Sonnenaufgang in Kleinarbeit zu Brutstätten umgebaut werden. Ich erinnerte mich an das vergangene Frühjahr, als bis in den Sommer hinein das in den Schatten unter dem Steg plazierte Nest der Blässhühner dreimal zerstört und dreimal an derselben Stelle auf ein Neues errichtet wurde. Von denselben Hühnern. Jedenfalls nahm ich das an. Sie sahen für mich ja allesamt identisch aus. Dummheit oder unermüdlicher Glaube an die Richtigkeit ihrer ursprünglichen Entscheidung, dass dort der ideale Ort wäre, um ihre Brut aufzuziehen. Am Ende wurde daraus dann gar nichts, und sie fuhren sinnlos geworden, Nahrung aufnehmend und sich selbst erhaltend, dem herbstlichen Dasein entgegen (im für ihre Art typischen Zickzack). Ihr Leben »erst recht« genießend, sorglos wahrscheinlich schon; dafür einfach fett werdend, fetter als die anderen Hühner und Hähne, die mit ihren Nistplätzen ein besseres Gespür bewiesen hatten, oder einfach bloß Glück gehabt, das ist einem Blässhuhnpaar double income no kids nicht möglich.

Beim Schneiden eines Petersilienbüschels, mit nobler Geste, wie schon ein Adliger im 14. Jahrhundert seine Petersilienbüschel schnitt (allerdings gab es da noch keine Spaghetti in diesen Breiten), schnitt ich mir recht bäurisch, aber irgendwie auch passend als Zutat zu einem herzhaften Mahl, in den ländlichen Daumen, ganz vorne an der Kuppe, woraufhin dort von meinem Daumennagel fortan ein halbmondförmiges Stück fehlte. Aber darunter blutete es kaum. Das nahm ich als Zeichen für die beginnende Nacht zum Gründonnerstag, die für mich ja auch eine Nacht des Anfangens, des Heilens und die einer Zusammenführung ist. Außerdem wurde ich abgelenkt, weil im Anschluß an die Dauerwerbesendung für die Tagesschau-App ein Brennpunkt, wie es noch immer heißt: ausgestrahlt wurde, in dem ein Terrorexperte des Ersten Programms das Bombenattentat auf den Fußballbus analysierte. Der Sportchef des WDR erläuterte, dass im Fußballsport der letzte (oder einzige) Kitt bestanden habe, der die deutsche Gesellschaft zusammenhält. Ungefähr da passierte mir das Malheur mit dem Petersilienbüschel und mir fiel eine Szene für einen Krimi ein, in dem der Hauptdarsteller sich versehentlich sämtliche Fingerkuppen abtrennt. Er will Hilfe anrufen, aber es geht nicht, weil er mit den Fingerstümpfen hilflos auf dem Glas seines Smartphones herumglitscht. Eventuell bittet er Siri um Sprachassistenz, aber sie versteht ihn immer falsch.

Spannend! Es müsste halt noch geklärt werden, wie genau er seine Fingerkuppen alle auf einmal verliert. Eventuell auch kurz nacheinander. In einer Kaskade unglücklicher Zufälle (Tarantino). Oder durch einen Psychopathen (wie in dem Traum vom irren Kutscher bei Proust, der ihm die Fingerspitzen erst abzubeißen versucht und sie schließlich einfach absägt).

Am Morgen dann Sonnenschein, der in grellgrünen Streifen schräg auf dem Rasen lag. Aus tiefem Heilschlaf erwacht, die Wundoberfläche hatte sich wie von allein verschlossen. Das Nachwachsen des Daumennagels, das ein Wahrheit ja ein Absterben bedeutet, wird aber deutlich langsamer vor sich gehen.

12.4.

Zwei Tage energisches Wehen und sämtliche Kirschblütenblätter liegen abgerissen, vom kalten Regen durchweicht und unansehnlich geworden im Gras. Was soll das? Bei Magnolien ist es dasselbe: Wenn die schönen Blüten sich erst entfaltet haben, darf es nie regnen, sonst ist der Zauber nach wenigen Tagen vorüber. Bei den Magnolien sind sogar die großen Knospen schon empfindlich. Sie bekommen von im falschen Winkel auf die Dolde knallenden Regentropfen und auch schon vom zu hart Angewehtwerden in Windeseile Druckstellen, die sich zu hämatomartiger Fäulnis verbreitern. In Köpenick neulich, die junge Magnolie dort, die ich in einem Vorgarten sah, an der ist jetzt alles hin.

Der Kirschbaum hält hier nun wenigstens büschelweise junge Blätter bereit, die, gerade entrollt auf ihrer Oberfläche, schillern zwischen rötlich und grün. Und es gibt noch einen Trost: Die Sonnenuntergänge sind derzeit besonders schön. Gestern beispielsweise, das Tageslicht schien einzig noch durch einen langen Schlitz, der quer über dem Waldsaum sich spannte wie eine goldene Kette, wie ein Faden aus flüssigem Glas, der immer dünner wird und doch niemals reißt; am Himmel zerliefen die in Tusche notierten Wolken.

Und freilich die Vögel. Nun singen sie nicht mehr nur, sie tirillieren. Auch dass es schlimm weht und kaltes Wasser regnet, kann ihnen keinen Einhalt gebieten. Es sind simpel konstruierte Apparaturen, die hüpfen, äugeln und tirillieren. Es geht vor Sonnenvorgang, vier Uhr fünfzig los, wenn in die winzigen Äuglein die ersten Wellen des blauen Spektrums eindringen. Dann sind sie eingeschaltet. Das Vogelfrühlingsprogramm spult sich ab und am Abend, wenn die blauen Wellen wieder überhandnehmen, legt der Amselhahn den lyrischen Gang ein und bringt das lange Lied. Stand ja am Sonntag in der Zeitung im Text von Cordt Riechelmann, dass die Amselmännchen das im Frühling regelrecht üben müssen (nicht im Keller, aber unter Bäumen oder hinterm Busch), bevor sie ihre Arie in gewohnter Qualität zur Aufführung bringen können. Abendliedsänger: für den apparathaft hüpfenden, äugelnden, pickenden Vogel, für Nestbaumaterialspediteure und Nestbaumaterialflechter ein Zweitberuf.

8.4.

Die Wanderung zum babylonischen Bier war sehr lang, sie führte ja bis an den Fluss namens Dahme im Südosten der Stadt. Bis dahin war ich stundenlang unterwegs und dieser Weg führte vor allem an Wohnhäusern entlang. Das ist, selbst nach Einbruch der Dunkelheit, kein besonders abwechslungsreicher Wanderweg. Hier und da sah ich zusammengedrängt ein Pärchen sitzen, die Laptops leuchtend im Schoß jeweils, auf den Stufen vor einem Backshop, der geschlossen hatte (das WLAN bleibt nach Ladenschluss an). Ansonsten nur wenige Menschen, wenn, dann in Autos. Die Stimmung war Industriegebiet.

Im New Yorker hat Bianca Bosker einen Text geschrieben über die geruchliche Verwüstung ihrer Stadt, sie erzählt von einem Teil, den sie zufällig entdeckt hatte, der schon nach gar nichts mehr riecht. Sie zählt die Summen auf, die von der Stadt New York in neue Müllkippen investiert wurden, es sind Hunderte Millionen. Ich weiß gar nicht, wo in Berlin die Müllkippen sind. Die müssen ja auch ganz schön groß sein. Die Müllabfuhr hier funktioniert tadellos. Es liegt nie irgendwo etwas herum. Das war einmal anders. In New York allerdings auch.

Die Dahme ist unspektakulär. Im Dunkeln vor allem nicht von der Spree zu unterscheiden, mit der sie, so wird die Lage Köpenicks auch definiert: hier zusammenfließt. Auch das Gebäude, in dem das babylonische Bier ausgeschenkt werden sollte, sah jetzt nicht einmal so ähnlich aus, wie ich es mir vorgestellt hatte (wie einen Sandberg oder wie einen Tempel). In anderen Städten wäre es eine Bushaltestelle. Erstaunlich aber dann doch, dass darin nicht nur die Gäste Platz fanden, sondern das Bier auch gebraut wurde. Der Braumeister selbst war allerdings nicht da. Aber die Legende, wonach er im diplomatischen Dienst der DDR tätig gewesen sein soll, und im Zuge dessen, während er in Österreich stationiert war, das Handwerk des Bierbrauens erlernt haben soll, diese Geschichte wurde mir auch hier erzählt. Wobei meiner Recherche zufolge es sich um einen Anlagenbauer handelte, der in den siebziger Jahren in einer Patentschrift als Mitinhaber eingetragen wurde (da ging es um Reaktorbau). Und diese Version erschien mir angesichts der vertikal in den engen Gastraum eingebauten Brauapparatur auch sozusagen nahestehender.

Das babylonische Bier hingegen: ganz interessant. Mich erinnerte es an das Weltenburger Barock. Auch ein altes Bier, gewiss, aber gegen das babylonische chancenlos, weil dessen Rezept aus der Keilschrift übersetzt wurde und mindestens 1500 Jahre alt war. Ich fragte mich schon, weshalb ausgerechnet hier, wo Dahme und Spree zusammenfließen, etwa drei Stunden Wanderung von der Innenstadt entfernt in einer ehemaligen Bushaltestelle, ein Bier nach einem aus der Keilschrift übersetzten Rezept ausgeschenkt wurde. Ich war ja auch der einzige, der eigens deswegen angereist war. Die übrigen Gäste waren aus der Nachbarschaft gekommen. Für die war das ganz normal.

6.4.

Aufwachen und vor dem Fenster sind Kirschblüten. »Ich schäme mich nicht.« Es ist Zeit vergangen, seit Bertolt Brecht das gesagt hat und entweder ist die Welt schon ein bisschen besser geworden, oder ich nur ein bisschen egoistischer, aber beides gefiele mir nicht schlecht.

Die Kinder sind auch früh auf, sie hüpfen auf dem Trampolin wie im vergangenen Jahr. Es ist jetzt, als ob es den Winter nie gegeben hätte, eine Apokatastasis der schönen Zeit, auf dem Trampolin ist sie wohl nahe der unbeschwerten. Sie rufen: »Endlich ist der Blumenbaum wieder da!«

Die dicken Hummeln kriechen in die Kirschblüten hinein. Der Landevorgang ist schwierig, diesen im Kontrast zur Kirschblüte schweren, schwarzen Wesen fällt es nicht leicht, an den zarten Kelchen anzudocken. Ich empfinde größten Respekt vor den Leistungen der Natur.

Das Boot liegt noch immer umgedreht unter der Weide, die pudrige Knospen bekommen hat wie Sommersprossen. Noch ist es zu kalt, aber vor etwa einem Jahr habe ich hier in dieses Internet gemeißelt, dass für mich das nächste Jahr erst am Ostersonntag beginnt. Und so wird es sein.

Casa Dentalis (als Name für die Praxis eines Zahnarzts – kleiner haben die es hier nicht. Was kommt als nächstes? Palazzo Vaginae für den Frauenarzt?). Ich kam an dem Gebäude rein zufällig vorbei. Am Ende einer Wanderung, zu der mich die Wirtin des Cafés aufgefordert hatte, das einstmals noch Creamcheese hieß. Ich saß dort drin unter einem der Reliefs von Schinkel und versuchte, auf Empfehlung von Moritz von Uslar, den Text Maxim Billers zu lesen, in dem er einen neuen Level von Excitement erreicht: Es sind jetzt allesamt Antisemiten, die seine Bücher nicht kaufen, oder am Nichtkauf seiner Bücher direkt oder indirekt mitbeteiligt sind. Mir ward gleich die Schuldhaftigkeit meiner Existenz siedendheiß eingefahren, denn auch ich leide als Unbeschnittener noch immer ziemlich nachhaltig an meinem Trauma, das mir Maxim Biller, der Jude, einst in Tutzing beigebracht hat, als er mich vor versammelter Mannschaft als »Sklaven der Industrie«™ bloßgestellt hat wie eine unbeschnittene Eichel am Strand von Haifa zur Mittagszeit.

Ob ich mich ins Fenster setzen könnte, um diesen sinistren Text zu beenden, fragte ich die Wirtin, die ihre Krawatte an diesem Abend in Pralinéetönen ausgesucht hatte.

Sie schaute mich an: »Na gut, Du siehst wenigstens nicht so aus wie die anderen alten Männer in Deinem Alter.«

»Wie sehen die aus?«

»Na, anders. Bedürftig. Die schauen stundenlang aus dem Fenster, ob sie eine Frau anspricht.«

»Lass ich sein, ich versprechs«, woraufhin sie mir empfahl, doch nach Köpenick zu gehen, um mir dort diese Mikrobrauerei zu gönnen, wo es, das behauptete sie tatsächlich, ein Bier gäbe, das nach einem zweitausend Jahre alten Rezept gebraut wird. Es hieße »Babylonisches Bier«. Der Braumeister, ein ehemaliger Diplomat der DDR, hätte sich das aus der Keilschrift übersetzen lassen und verfahre danach.

Ließ sich nicht ignorieren. Ich dachte von da an andauernd nur noch an dies Bier. Und freilich auch an den Braumeister. Fürchtete mich allerdings etwas vor der Wanderung. Denn die Bahnhöfe meide ich in Berlin, so viel und so gut es nur geht. Bei dem Sicherheitspersonal, das die BVG einstellt, brauche ich Sicherheitspersonal, das mich vor dem Sicherheitspersonal in Sicherheit nimmt.

Kurz vor dem Sonnenuntergang ging ich dann aber los.

5.4.

Die ungute Leere, die mancher verspürt und derentwegen er sich auch schämt, weil es ja Frühling wird, soll, glaube ich Felicitas Mogler, in einer seelischen Widerspiegelung der Konstellation am Sternenhimmel im April begründet sein. Sie schreibt, auch wenn ich es ungern zugebe, noch schöner über den Sternenhimmel als Herr Marx in der Frankfurter Allgemeinen. Im April dominiert ein Schwarzes Loch ihren Text: »Zentrales Objekt des Virgohaufens ist eine elliptische Riesengalaxie mit der Bezeichnung Messier 87. Sie lässt sich mit einem guten Feldstecher auffinden, wirkt aber darin recht unscheinbar.« Sie führt dann extrem lehrreich aus, wie und unter welchen Umständen diese unscheinbare Riesengalaxie vor zweihundert Jahren entdeckt wurde, wie über die zweihundert Jahre die Astrologen an der Erforschung des »Nebelfleckchens«, als die ihr Entdecker, ein Franzose, sie bezeichnet hatte, drangeblieben sind, dass sie niemals aufgegeben haben, sie zu beobachten und immer weiter in sie zu gehen, währenddessen die Feldstecher nur langsam immer besser und besser wurden (aber noch lange nicht sind sie schon gut genug). Und so bleibt es bei der Vermutung, auch heute noch, dass im Zentrum dieser Galaxie Messier 87 ein Schwarzes Loch mit einer Masse von 6,6 Milliarden Sonnenmassen rumort. »Im Vergleich dazu besitzt das Schwarze Loch im Zentrum der Milchstrasse nur 4,3 Milliarden Sonnenmassen. Doch während sich das Schwerkraftmonster in unserer Galaxie ruhig verhält, fungiert jenes in M87 als Motor und treibt einen Materiejet an, der mindestens 5000 Lichtjahre in den Raum reicht.«

Ich las das und hatte kurz zuvor noch Besuch von einer Handlungsreisenden in Sachen kosmetischer Fachtexte, die mir von einer neuartigen Hautpflegeserie aus Südkorea berichten musste, deren Wirkstoff in Schneckenschleim besteht. Doch doch, ganz wirklich, sie führte das aus, dass die Südkoreaner mittlerweile auf dem Kosmetikweltmarkt als Innovationstreiber beliebt sind. Das Schönheitsideal der koreanischen Frau ist es angeblich, nicht bloß jugendlich zu erscheinen, sondern kindlich. Also ganz, ganz zarte Haut. Von daher der Schneckenschleim, der den Schnecken auf riesigen Farmen abgewonnen wird, um dann in die Creme – die im Grunde aber nur als Ersatzdroge zu verstehen ist, denn im Land selbst, in Südkorea, setzen die Frauen sich die Schnecken live ins Gesicht. Angeblich soll der Schneckenschleim gut für die Hautzellen sein. Er hält sie zart.

Ich konnte freilich nur schlecht zugeben, dass ich ganz andere Erfahrungen gemacht habe mit dem Schleim meiner Schnecken. Gedacht habe ich an die zersetzende Wirkung des Schleims meiner beiden Lieblinge aber schon. Gut, es war halt Salat. Aber sind die Salatzelle denn wirklich derart krass empfindlicher noch als die Zellen meiner Haut?

Und schon fiel mir der scheußliche Arcimboldo ein. Und über uns allen rumort der Materiejet mit seiner Masse von Milliarden von Sonnen. Tag und Nacht.

4.4.

Stundenlang fuhr der Zug durch die lieblichen Landschaften Hessens. Auf den Wellen des Sees hinter der Kinzigtalsperre glitzerte das Sonnenlicht. Einmal hatte ein Bauer ein sehr großes Stück Erdboden bereits umgepflügt und geeggt, eben und rötlich lag die Fläche da, umgeben von unterschiedlichen Grüntönen. Wenn das jetzt zwei auf sich genommen hätten, zwei ganz in Weiß, mit weißen Hemden zu weißen Shorts, mit weißen Kniestrümpfen in weißen Schuhen, sich mit zwei Schlägern einen Tennisball über dieses ewig breite Feld gegenseitig zuzuspielen, ohne Netz, und ich hätte, daran vorbeifahrend, zufällig aus dem Fenster geguckt. Wie der winzige Ball aufschlägt und wie es dabei staubt.

Über Fulda standen die Wölkchen in Konstellationen. Die Sonne schien, es leuchtete wie eh und je der rot lackierte Netzwerksrettungszug der Deutschen Bahn. Ich sehe ihn oft an, auch gerne, und weiß noch immer nicht, wozu er da sein könnte. Stattdessen las ich in der Zeitung den Aufsatz des Albert von Treuenfels über die Scheidenschnäbel, eine fluffige Art mit papierweißem Gefieder, die, empörenderweise, entweder Scheißvögel genannt werden oder halt Friedenstauben. Dazwischen fanden und finden die Antarktisfahrer wohl keinerlei Maß. Na ja, Seefahrt stelle ich mir sowieso als ziemlichen Albtraum vor. Oder: als nicht enden wollenden Horrortrip. Nichts für mich, auf jeden Fall. Man ist ja immer nass, also ist einem auch immer kalt. Wundgescheuert vermutlich auch deswegen. Oder Hornhäute – auch kein Trost.

In Braunschweig wurde es finster und grau, so ließ Berlin sich ankündigen, das hat Tradition und tatsächlich: Es war dort auch ganze zehn Grad kälter, sogar in der U-Bahn hatten die Leute noch Mützen auf. Oder schon wieder. Hatte ich tatsächlich noch viereinhalb Stunden zuvor noch am Bahnsteig in der Sonne gesessen? Ja, hatte ich. Und nicht bloß vor viereinhalb Stunden, nicht bloß am Bahnhof, sondern überall dort und das tagelang.

Im Dunkeln nach Hause gekommen, ganz unzufrieden mit dem Duft des neuen Waschmittels (Fehlkauf), aber als ich erwachte, war vor dem Fenster alles rosa. Weil jetzt der Kirschbaum blüht.

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