»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

10.9.

Der Absturz des Redaktionssystems sorgte für einen unerwartet freien Samstag. In etwa wie Hitzefrei. Was macht man da? Im Kühlschrank hatte ich die Zutaten für den Pistazienkäsekuchen nach dem Rezept von Eyal Jagermann, von dem ich nur Gutes gehört hatte. Teilweise waren diese Zutaten schwer zu beschaffen gewesen. Andere, vor allem Mascarpone und die vielen Eier, lebten dort in meinem Kühlschrank in der ständigen Gefahr, noch vor der ihnen ursprünglich zugedachten Verwendung aufgegessen zu werden.

Bei Martina und Moritz ging es in dieser Folge um Schönes aus Hackfleisch. Beeindruckend fand ich eine Roulade aus ganzen Mangoldblättern, belegt mit Schinken und darauf noch eine Schicht Käse, in die das Hackfleisch eingerollt wurde. Die Roulade selbst wurde dadurch so lang und auch von ihrem Umfang her wie ein Frauenarm. Es gab dann in der ansonsten gut sortierten Teleküche der beiden nur eine einzige Reibe, in die der dunkelgrün glänzende Stumpf hineingepasst werden konnte (und das auch nur diagonal). Im Anschnitt zeigte sich dann ein appetitliches Schneckennudelmuster – bravo! Ich sehe es übrigens nicht ohne Besorgnis, dass der WDR seit einigen Wochen ein, wie es heißt, Ökosystem, um diese herrliche Sendung, ein Klassiker seit über dreißig Jahren immerhin, drumherumbaut. Vorher, was da zuvor immer lief, weiß ich gar nicht, kommen jetzt auf jeden Fall immer die Cocktailtipps eines Barkeepers. Seit neuestem werden die auch noch durchmischt oder aufgelockert mit zwei kochenden Frauen, die in Schürzen ohne viel drunter Rosenkohl kneten und alles lecker finden. Als Fan und Kenner von Martina und Moritz finde ich dieses Umfeld herabwürdigend. Wahrscheinlich will man sie aus dem samstäglichen Vorabendprogramm gentrifizieren.

Der Kuchen musste dann über Nacht eingefroren werden. Kam mir abstrus vor, hat aber funktioniert. Er ist außen extrem knusprig, im Anschnitt zeigt er sich von innen grün. Die Farbe bekommt er von dem erwähnterweise schwer zu beschaffenden Pistazienmark. Schmeckt tatsächlich so genial, wie von den Gästen des Barbary behauptet wurde. Musste allerdings sofort mit Leberwurstbroten gegensteuern.

Schade, dass die Amseln um diese Zeit im Jahr verstummen. Geräusche machen nun vor allem die Blaumeisen. Eine, ich kenne sie nun schon im zweiten Jahr – zumindest bilde ich es mir ein, dass es dieselbe ist, die im vergangenen Winter an mein Schlafzimmerfenster geklopft hatte, empört, weil ich keine Meisenknödel zur Verfügung gestellt hatte –, hüpft gerne ins zentrale Gelenk der Äste des Kirschbaumes, wo sie noch von den Blättern verborgen sitzen kann, um minutenlang vor sich hinzuschimpfen. Mit einer Stimme, die nicht etwa blau klingt, sondern silbern.

8.9.

Gestern traf ich im Aufzug den alleinstehenden Herrn, der in den Räumen über der Redaktion das sogenannte Pfötchenhotel betreibt. Ein freundlicher Mann. Die Tiere werden allerdings nicht bei ihm auf der Etage aufbewahrt, er nimmt sie dort lediglich von ihren Besitzern entgegen und fährt sie abends dann in einem Sammeltransport nach Brandenburg. Die Hunde, das hat er mir einmal erzählt, spielen auf ehemaligen Weideflächen. Er hat dort für sie eine Ballwurfmaschine aufgebaut. Manchmal wird für ihn Paketpost in der Redaktion abgegeben. So kamen wir ins Gespräch.

Während der Aufzugfahrt fragte ich ihn, welches Tier sein bislang ungewöhnlichster Gast war: »Eine Blaukrabbe (Callinectes sapidus)«. Die war im Gepäck eines Heimkehrers vom Zoll aufgespürt worden. Bis ein geeigneter Pflegeplatz in einem zoologischen Aquarium gefunden war, brachte die Behörde den Meeresbewohner im Pfötchenhotel unter. Der Hotelier erzählte, dass sie sich dafür erst kundig machen mussten, wie sie die Krabbe für die Dauer ihres Aufenthalts im Haus artgerecht verpflegen konnten. Nach einer Woche wurde sie dann in ihr neues Heim, einem Sammelbecken für westatlantische Krustentiere im Aquarium des Zoologischen Gartens umgezogen, das sich am Fuße des Interconti befindet.

Unvorstellbar, eigentlich. Vorstellen kann ich mir hingegen Länder, da würfe der Zollbeamte so einen Fremdling einfach weg.

7.9.

Abends standen am Ende des Fußgängertunnels zur Heimatseite vier Polizisten nebeneinander aufgereiht. In schusssicheren Westen, mit Waffen und allem. Für mich sah das so aus, als ob in dem kleinen Hotel gegenüber wieder einmal die AfD tagte, und dass nun in der sogenannten heißen Phase sogar die Unterführung durch Polizisten bewacht würde, um eine Wiederholung der Auseinandersetzung mit der Antifa, wie im Mai und Juni geschehen, zu verhindern. Aber dann löste sich aus der Mitte des Viererriegels ein Kameramann, die Formation fiel auseinander, weil die Einstellung beendet worden war. Es handelte sich um wirkliche Polizisten, keine verkleideten Darsteller. Gedreht wurde ein Werbespot für den Polizeidienst mit dem Slogan »Stark für Dich«. In der Dämmerung, draußen, war ein Cateringzelt aufgebaut. Der Mann am Suppentopf sah aus, als könnte er bei der Antifa mitspielen. Vor dem kleinen Hotel war, wie immer, wenn die AfD dort nicht tagte, nichts los.

In dem Sommer der Riots am Wannsee war an einem Abend auch der uns bislang unbekannte Bruder des hotelbetreibenden Russen aufgetaucht, er nannte sich Boris. Es war sein Geburtstag, er trug eine Flasche mit Schnaps auf einem Holzbrett herum und lud Wildfremde ein, mit ihm ein Glas Wodka zu trinken, der sich jedoch als Nordhäuser Doppelkorn, eisgekühlt, herausschmecken ließ. Von Boris erfuhren wir an diesem späten Abend, da war es noch hell gewesen bis zehn, dass er die Zimmer des Hotels auch stundenweise vermietet, und dass er die Kellnerinnen in seinem Restaurant, das immer leer ist, wenn die AfD dort nicht tagt, ebenfalls stundenweise vermietet. Vorzugsweise im Doppelpack mit einem der Zimmer. Und dazu machte er, das Tablett hierzu auf einen der Tische des kleinen Cafés nebenan abgestellt, eine Pantomime eines sich durch eine gelatinöse Atmosphäre bewegenden Astronauten, der einen mit Wackersteinen beladenen Einkaufswagen mit blockierten Rollen allein durch die mächtigen Stöße seines Beckens vorwärtsschieben muss, ohne dabei den Griff seiner behandschuhten Hände von der Griffleiste des imaginären Einkaufswagen zu lassen.

Seitdem ich nun weiß, was hinter den mit geklöppelten Stores verhängten Fenstern des kleinen Hotels im denkmalgeschützten Ensemble meines Bahnhofs, wie es heißt: vor sich geht, nehme ich den Tunnel. Der übrigens, so gar nicht wannseehaft, eine derart siffige und zwielichtige Atmosphäre hat, dass er den Location-Scouts der Agentur, die mit den Werbespots für die Polizei beauftragt wurde, als noch streetiger erschienen sein musste als beispielsweise der berüchtigte am Kottbusser Tor.

6.9.

Am Ende der Bahnstrecke stieg ich aus auf einen unüberdachten Bahnsteig inmitten der Ortschaft, umgeben von Baustellen. Hier wurde heftigst gebaut. Wie der Taxifahrer mir später erklären würde, handelte es sich bei seinem Heimatort um die am schnellsten wachsende Kleinstadt in Brandenburg. Einst überwiegend von Villen bestanden, die für die Ingenieure der Siemenswerke in Spandau errichtet worden waren, hat sich die Einwohnerzahl nun in wenigen Jahren verdoppelt. Und es ist, davon zeugen reihenweise Rohbauten im Betongussverfahren mit ihren in gelb daraus aufragenden Kränen, kein Ende abzusehen. Die AfD hat üppig plakatiert. Das Ortsbüro der Partei residiert auf der Hauptstraße in einem ehemaligen Ladengeschäft. Erst sehr viel später würde ich am Ortsausgang noch ein Plakat der CDU zu sehen bekommen. Ansonsten ist es hier vor allem unheimlich flach und weit, das betrifft auch den Himmel.

Die Hauptstraße zog sich ziemlich in die Länge, dabei wurde sie schmaler und mündete schließlich, nach einer Kreuzung zur Straße der Einheit, in eine mit einhundert Jahre alten Bäumen bestandene Allee. Vor dem Haus, in dem sich angeblich die Firmenzentrale von Rammstein befinden sollte, gab es hinter einem schwarz lackierten Zaun einen düsteren Garten. Ansonsten deutete nichts weiter darauf hin, dass hier Geschäfte mit Musik gemacht wurden. Es war also passiert, ich habe im letzten Jahr schon einmal darüber geschrieben, was in Berlin ab und an vorkommen kann - manche Straßennamen existieren zweifach, aber Google führt davon nur eine im System, weil seit der letzten Erfassung die eine von beiden entweder verlängert oder verkürzt, umgeleitet oder gleich überhaupt noch nie erfasst worden war. Man verlässt sich ja nicht allein auf ein Telefon, das aus Glas besteht, sondern auch auf die Autorität eines Navigationssystems für dessen Angaben keinerlei Gewährleistungspflicht besteht.

Mit einem Anruf - exotischerweise - lies sich meine Irrfahrt schnell aufklären. Auch die Schuldzuweisung erfolgte einstimmig, bloß half das nichts zu der Tatsache, dass ich mich wenige Minuten vor dem vereinbahrten Gesprächstermin etwa eine Stunde Autofahrt vom entgegengesetzten Ende der Stadt, dort im Norden befand. Wobei die freundliche Managerin der Rammstein GbR zugab, dass es durchaus wahrscheinlich sein könnte, dass sich die Firmenzentrale in einem unverputzten Einfamilienhaus in Brandenburg befindet. So kam ich zumindest zu einer Spazierfahrt durch die Landschaft um Spandau, sowie durch Spandau selbst, wo dann bald wieder die Plakate sämtlicher Parteien aufgestellt waren, auch die von der FDP mit den stimmungsvollen Schwarzweißaufnahmen Christian Lindners, die beim Hausfotograf Rammsteins, Olaf Heine, in Auftrag gegeben worden waren.

Das Gespräch mit Flake fand dann in einer Fabrikhalle statt, die Hochregale mit dem Merchandising reichten bis an den Horizont. Wir saßen dort auf schwarzen Ledersesseln und tranken Cola Zero, später dann auch Cola Light. Ich kann mich nicht erinnern, jemals mit einem derart sanftmütigen, empfindsamen und, ja: zartfühlenden Mann gesprochen zu haben, dessen Kunst ja für das komplette Gegenteil steht. Wie einfach es scheint, die Wahrheit sagen zu können, wenn man sich seiner Mittel bewusst ist.

5.9.

Das iPad weckt mich um kurz vor halb sechs. Draußen ist alles noch bläulich. Damit geht eine herrlich ereignislose Zeit zuende, von mir aus gesehen: zu früh. Wobei ich nicht untätig war. Um mich auf mein Gespräch mit Flake vorzubereiten, hatte ich mir, gewissenhaft wie ich bin, sämtliche Konzertaufnahmen angeschaut, derer ich habhaft werden konnte. Das waren, auch dies trug bei zu meinem Gefühl einer ereignislos vergangenen Zeit, unendlich viele. Das iPad, um hier einen legendär gewordenen Satz des frühen Helge Timmerbergs zu zitieren, stöhnte wie eine rollige Elefantenkuh. Wobei es dann doch erstaunlich war für mich, wie korrekt und pünktlich, wie im besten Sinne bürokratisch und seriös die Organisation von Seiten der Rammstein GbR abgewickelt wurde: Zack kommt ein wasserdichter Vertrag, den man zu unterschreiben hat und danach zurückschickt; postwendend kommt der paraphiert und als Bestätigung zurück. Kann abgelegt werden. Wurde er, im Original dann auch auf der Gegenseite, also dort, im Brandenburgerischen hinterm Stadtrand. Vom Apparat her und auch sonst eine Weltklasseband. Vergleichbar am ehesten noch mit dem Cirque de Soleil, bloß lauter.

Ich bin nun vor allem auf das Örtchen gespannt, den lauschigen Weiler, in dem sich der Sitz der GbR befindet. Auf der Karte ist außer Häusern nichts weiter verzeichnet als eine Autoreparaturwerkstätte. Die Fahrt dorthin dauert angeblich etwas mehr als eine Stunde, dabei geht es einmal quer durch die Stadt, dann in einer Haarnadelkurve wieder zurück und hinaus ins Grüne. Die Erinnerungen an die Uckermark sind noch frisch. Ich mag das Umland von Berlin nicht. Kaum vorstellbar, dass es ausgerechnet dort, wo Rammstein verwaltet wird, schön sein könnte. Durch meine Anschauung vielleicht.

3.9.

Zur späten Stunde noch mit Jan ins Tanztheater in der entweihten Kirche St. Elisabeth. Sasha Waltz inszeniert Women. Man sitzt, teilweise barfuß, um eine ebenerdig eingelegte Bühne. Vom Stück bleibt mir das erste Bild: Da stehen die Tänzerinnen eng umeinander geschart, sie sind noch vollständig bekleidet und machen mit ihren nackten Armen eine kontinuierlich um sie herum fließende Bewegung. Es wirkt tatsächlich so, als sei dies dort ein Leib des multipeden Wesens. Die Erinnerung an diesen Händebrunnen ist am Morgen sofort wieder da, hat sich eingebrannt.

2.9.

Eigentlich hatte ich den asiatischen Supermarkt nur besucht, um meine Seifenvorräte aufzustocken. Nur dort gibt es diese herrlich duftende Seife aus marineblauem Material, die nicht nur eigenartig geformt ist, sondern auch noch antibakteriell wirken soll. Worauf es mir aber nicht ankommt, mir geht es allein um den schönen Duft, den diese Seifenstücke auch im unaufgeschäumten Zustand verströmen. Das ganze Badezimmer atmet auf. Vor Jahren wurde diese Seife noch in England hergestellt, mittlerweile kommt sie aus Nigeria, der Firmensitz wurde nach Mauritius verlegt. Durch den mehrfachen Export ist sie freilich etwas teuer, aber immerhin kommt sie so überhaupt auf den deutschen Markt.

Der Supermarkt ist riesig. Die langen Wände sind gesäumt von Kühlregalen, in denen es die eigenartigsten Tier- und Pflanzenteile zu kaufen gibt. Ich schaue mir das alles gerne an und muss dabei immer auch an Roland Barthes denken, der viel zu früh verstorben ist, um noch in den Genuss der Globalisierung kommen zu dürfen. Mit Roland Barthes im asiatischen Supermarkt, das wäre die Idee für eine Fernsehsendung, die ich selbst gerne anschauen würde. Zum Beispiel entdeckte ich dort gestern beim absichtslosen Schauen ein hübsch verpacktes Produkt. Dabei handelte es sich um ganze Quallen. Die waren transparent und, von einer klaren Flüssigkeit umgeben, in einer durchsichtigen Tüte aus dickwandigem Gummi eingeschweißt. Die Verpackung war in leuchtendem Pink in einer Helvetica bedruckt. Sah aus wie von Helmut Lang, kostete aber nur 8 Euro 90 das Stück. Ich war nahe dran zuzugreifen, vor allem auch, weil sich die Qualle so angenehm anfühlte. Ich muss da schon einige Zeit mit der Qualle in den Händen, versonnenerweise darauf herumtastend, vor dem Regal verharrt haben, bis es mir auffiel, wie eventuell geistesgestört das auf die anderen Kunden wirken könnte. Sogleich fielen mir die Worte Jack Piersons ein, einem Künstler, dem ich am Vortage nach New York geschrieben hatte, weil er am kommenden Dienstag nach dem Labour Day Weekend ein paar Fotos machen soll von einem greisen Keramikkünstler, dessen Miniaturskulpturen (sie sind kaum größer als ein Tennisball, wirken aber gigantisch) ich endlos faszinierend finde. Also schrieb ich ihm in ein paar Zeilen, wie ich sie sehe, was ich beim Anschauen dieser Skulpturen empfinde, in der Hoffnung, ich würde ja leider nicht anwesend sein können, dass sich mein liebender Blick auf seine Wahrnehmung überträgt. Ich schrieb, die Teile wirkten auf mich, als schaute ich auf vergrößerte Aufnahmen von Moos. Am Morgen darauf erhielt ich seine Antwort: »Thank you for sharing your enthusiasm Joachim.«

Ich finde es selten leicht, mich mit Amerikanern zu verständigen. Ich weiß auch nicht genau, woran es liegt, aber ich finde den Umgangston der meisten Amerikaner, mit denen ich es zu tun habe, lustbremsend. Vielleicht ist meine Begeisterung aber auch wirklich daneben. Nachdenklich legte ich die Qualle zurück ins Regal.

Später dann noch kurz auf dem Sommerfest von Matthes & Seitz, das an einem sehr schönen Ort am Helmholtzplatz eingerichtet war. Machte mich auch ein bisschen nervös, weil ich der einzige war unter siebzig. Ein Dichtergreis mit blond gefärbtem Haar hielt ein Glas Weißwein in der Hand und fabulierte vom kulturellen Niedergang des Prenzlauer Bergs. Nach dem Mauerfall habe sich dort eine knospende Blüte befunden. 2008 wurde sie dann von den dänischen und spanischen Investoren überflogen zur tödlichen Befruchtung mit Kapital.

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