»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

14.3.

Das Geräusch der Tulpenstengel. Innerhalb des Fleurop-Kartons ist der Bund mit einer Schlaufe arretiert. Ein gewachstes Papier, weiß, umgibt in einer eng anliegenden Schicht den Bund, sodass ein konisches Paket entstanden ist, an dessen Basis die Blütenfarben nur vage durch die Papierschicht schimmern. Es sind verschiedene. Zusätzlich werden die Enden der Stengel mit einem Säckchen aus neuartigem Material geschützt, es ist ein gepolstertes Gewebe, das mich an die Versandtüten erinnert, die als besonders reißfest angepriesen werden (als ob es darauf beim Versenden ankäme!), und deren besonders leichtes Papier aus perlmutthaft glänzenden Spänen gemacht scheint. Das Stengelsäckchen erinnert mich zudem an das Apfel Cosy (im letzten Frühjahr), das mir mit dem genmanipulierten Apfel zusammen verkauft worden war. Aber nur von seiner Form her. Das Apfel Cosy war aus synthetischer Wolle gestrickt. Eine Vase liegt auch bei (im Fleuropkarton), sie besteht aus zwei Papptafeln, die mit einem Tiermotiv (Vogel) bedruckt sind, zwischen denen sich eine schwarze Folie zu einem Behälter aufspannen läßt.

Das Geräusch der Tulpenstengel, während ich sie in der transportablen Vase zurechtstecke. Es dauert zwei Stunden, bis sie sich von den Strapazen des Verschicktwerdenseins erholt haben. Als letzte erhebt eine weiße Blume ihren großen Kopf. Am Abend muss ich bereits Wasser nachfüllen. Am Morgen werde ich es wieder tun. Dass die in der Vase noch weiterwachsen wie die Fingernägel von Toten.

12.3.

Das Leben eines Mensches in Ketchup gemalt mit den Enden kalter Fritten: Es ist 2.30 Uhr, als ich verschwitzt aus einem Traum erwache, in dem mir diese Idee eines Ketchup-Sgraffito als genial präsentiert wurde. Im Dunkeln liegend fällt mir bald der eine von den Schweizern ein, den ich am Sonntagnachmittag in der Küche traf, wo er im Stehen, aber konzentriert ein Stück Erdbeerkuchen aß. Im Hintergrund lief der Farbdrucker. Er läuft nicht rund um die Uhr, aber so um die zwölf Stunden. Der Schweizer erklärte mir, dass er fünfzig Entscheidungen zu treffen habe am Tag. Könnte hinkommen. Ich schaute ganz bestimmt viel zu aufdringlich hin, aber ich hatte den Schweizer noch nie zuvor ein Stück Kuchen essend gesehen. Ich frage mich auch, ob sie das eigentlich komisch finden, wenn ihre deutschen Kolleginnen am Morgen Haferflocken und ähnliches mit Apfelstücken und Weintrauben löffeln. Die Schweizer kommen ja nicht mit dem Frühstück in die Redaktion. Einer von ihnen hat mir erzählt, dass sie sich in einem kleinen Lokal ganz oben am Kurfürstendamm treffen, um Milchkaffee zu trinken. Was sie dazu essen, habe ich ihn nicht gefragt. Müsli jedenfalls ist doch eine der wenigen original Schweizer Erfindungen. Es gibt ein gutes Buch zu dem Thema Die Moral auf dem Teller, über Maximilian Bircher und John Harvey Kellogg, die etwa zur gleichen Zeit ihre Frühstückslehren verbreiteten. Ich stelle mir vor, dass ich vielleicht in Indien arbeiten müsste, und meine Kollegen kämen morgens herein und alle packten ihre Thüringer Bratwürste aus. Alle außer ich.

Der Sonnenuntergang kam mir auch wie ausgeschnitten und aus Farbkopien zusammengeklebt vor. Orange vor grau und weiß.

10.3.

Ich war etwas wund, gedanklich, von der Arbeit an einem think piece zu Blorange, einem zwischen Blond und Orange rangierenden Farbton für Haare, der in den Sommermonaten das Straßenbild bereichern wird. In den Forumsbeiträgen auf Kleiderkreisel und GoFeminin wurden die schiefgegangenen Heimfärbeversuche bereits intensiv diskutiert. Als das vielfach beschriebene – vieles auch wieder durchgestrichen vor allem – Blatt, das ich nun war, wurde ich am oberen Ende der Kantstraße in einen schmalen Imbiss geweht, in dem es sehr voll war (und warm). Als Schreibender fühle ich mich oft wie ein Kaffeefilter: Es muss alles in mich hinein und durch mich hindurch und dabei kommt in Schwarz der Text heraus.

Beim Studium des Angebots, das auf einer hinterleuchteten Fläche über der Dunstabzugshaube montiert war, entdeckte ich mich selbst, mein Gesicht auf einer dort zu Werbezwecken aufgedruckten Seite aus der BZ aus dem Jahr 1999, als ich über den Betreiber dieses Imbisses geschrieben hatte. Mittlerweile nannte sich sein Laden Superhahn, vor 18 Jahren noch Mustafas Gemüsekebab. Damals auch noch am Breitscheidplatz, wo er dann irgendwann durch diverse Neubauten verdrängt worden war. Der Kebab, ich beschrieb das damals recht ausführlich, wie es mir dann beim Wiederlesen meiner eigenen Zeilen auffiel, schmeckte noch immer ganz ausgezeichnet. Verändert hatte sich aber, dass auf dem Tresen mittlerweile zwei Gefäße mit Chilipulvermischungen, Biber im Türkischen, aufgestellt waren, deren Schärfegrade auf daran geklebten Heftpflastern handschriftlich notiert waren: »Rambo« entzifferte ich auf dem einen, auf dem anderen stand »Justin Biber«.

9.3.

Solche Gespräche lassen sich mittlerweile nur »schwer noch« zum Abdruck bringen. Wenn ich mich mit jemandem zu einem sogenannten Interview verabrede, bekomme ich dabei seltener und seltener ein Gespräch. Oft halt tatsächlich bloß ein Interview. Ob das an Facebook liegt, an Twitter, daran, dass sich nun wirklich sehr viele Menschen schon wie ihr eigenes PR-Department fühlen können, müssen, oder bloß sollen? Dass sie ihr jeweiliges Produkt pushen – in meinem Bereich oft nur ein Thema – und sich selbst lieber raushalten aus einem sogenannten Medium, dem man, solange man es noch nicht vollends kontrollieren können wird, auf sicher misstraut?

Geführt werden die Gespräche ja weiterhin – privat, wie es heißt. Darin lag für mich der Zauber bei Bohrer und Kaube: Es war seinem Klang nach privat. Und das kann sich, ebenfalls meine Privatmeinung: dadurch verändern. Die ganzen Privatpressemitteilungen rühren mich nicht.

Manchmal denke ich, dass es auch sehr zum Verständnis unserer Zeit beitragen würde, wenn sich geschätzt ein Viertel bis Drittel der Menschheit in ein Volontariat aufmachte, um an den verschiedensten Orten, zu den üblichen Zeiten, die Gespräche von anderen zu transkribieren, um sie danach für alle anderen zugänglich machen zu können. In einer elektrisch gestützten Version transkribierender Mönche. Aus dem Glauben an die Schönheit des flücht’gen Hauches heraus, dem Gestalt zu verleihen ist. Der menschlichen Sprache. Dem interessantesten Ding unter der Sonne so to say.

Für mich wurde diese Phantasie von Wim Wenders wahr gemacht; vermutlich war es eine von Peter Handke, die in den Neunzigerjahren im Film Bis ans Ende der Welt gezeigt wurde: Sie hatten sich Videobrillen gemacht, ein ausgedachter Rekorder zeichnete nachts ihre Träume auf. Tagsüber saßen sie, die Brillen über den Augen, in ihrer Höhle (draußen war es eh zu heiß mitten in Australien, wo das Ende des Filmes traditionellerweise inszeniert ward), und schauten sich ihre Träume an.

Beim Abtippen von Gesprächen geht es mir ähnlich. Das Belauschen, beispielsweise gestern, im Haus am Bayernbrunnen, ist aber auch schon nicht schlecht.

Dort saßen – ganz nah an den Kälte und Feuchtigkeit abstrahlenden Scheiben zum Platz hin – zwei Greise. Beide redeten, aber es war die Stimme des mit seinem Gesicht mir zugewandt Sitzenden, die tragend war. Der andere murrte seine Zeilen, wie es mir schien, in sich hinein. Der Laute brachte dann in die scheinbaren Gesprächspausen des von mir abgewandt Sitzenden seine Vorwürfe. Es ging, das war nach wenigen seiner Repliken klar für mich, um eine Frau. Bald schrie er schon beinahe ein auf seinen Freund – ich musste annnehmen, dass der ihm einer war, denn er zuckte nicht zusammen, ließ es sich gefallen. Offenbar befand sich der vom Umgebungsgeräusch Ausgeblendete in einer Trennungssituation.

Auf der Speisekarte wurde erzählt, vermutlich im Scherz, dass einst ein Stammgast, mit dem im alten Westberlin gern genommenen Pseudonym Nante, in diesem Lokal nach dem Trinken von 24 Gläsern Fernet Branca einen Reim auf das Wort »Orgasmusschwierigkeiten« gefunden habe, sich aber am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnern konnte. Das Ganze steht eingedruckt auf dem Deckblatt des Leporellos. Es handelt sich also todsicher um eine Fiktion.

»Du musst«, schrie nun beinahe schon der Laute auf den Gemuteten ein, »diese Zitterpartie beenden – heute ist der 9. März! Sonst bist du nächstes Jahr immer noch hier!«

Um ihm – da war sein Freund bereits aufgestanden, um sich zur Toilette hin aufzumachen – eins noch mit auf den Weg zu geben: »Wenn Du das Rauchen aufgeben willst, gibst du es ganz auf.«

Der andere, es war deutlich: »Du hast ja recht.«

Alleine am Tisch zog der Wartende nun eine Plastikschachtel aus seiner Hosentasche und streute sich daraus Schnupftabak in die Beuge zwischen Zeigefinger und Daumen. Verkehrte Welt: Der eine geht aufs Klo, der andere zieht was offen am Tisch, aber es wirkt bei ihm anscheinend umgekehrt: Er wurde ganz still. Der andere blieb es. Zahlen, gehen.

Re: Alexander Kluge, Ich

Ich: »Aber wenn Sie doch selbst schon sagen, dass nur wenige noch ihr tausendseitiges Buch mit kurzen Geschichten kaufen werden – was wird denn dann mit dem modernen Roman?«

Alexander Kluge: »Ich halte ja das, was ich mache, für den modernen Roman.«

8.3.

Was für ein Genuss es es gewesen sein muss, dieses Gespräch mit Karl-Heinz Bohrer abzutippen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da auch nur ein Satz irgendwie anders gesagt wurde, als der dann gestern so im Feuilleton gedruckt stand (und eben nicht »Welch ein Genuss«, oder »abtippen zu dürfen«). Wie er, ohne ein obskures Wort zu verwenden, von der vergangenen Zeit erzählt: Allein, dass die Menschen, mit denen er im Frankfurt der späten sechziger Jahre verkehrte, dort in weißen, symmetrisch eingerichteten, in seiner Erinnerung wie Mathematikheftseiten karierten Wohnungen lebten, bevor sie sich in den späteren Jahren erst wieder zutrauten, die Altbauten zu besiedeln. Und dass es bei seinem Arbeitgeber zuvor in Hamburg einen Feuilletonchef gegeben hatte, der in der Mittagszeit mit Rotwein gurgelnd durch die Redaktionsräume lief – ich las das und sah vor der Scheibe auf dem Bürgersteig draußen einen Mann, der seelenruhig in einen städtischen Abfalleimer urinierte. Wohl auch, weil der in einer für seine Körpergröße angenehmen Höhe am Laternenpfahl angebracht war. Diese Zeit, von der Bohrer erzählt, hatte ich selbst nicht erlebt, aber nun war mir so. Als wäre zu der Zeit in den neunziger Jahren, als ich zum ersten Mal in eine Redaktion gedurft hatte, noch ein kleiner Rest von diesem Zauber übrig gewesen. War es denn überhaupt einer gewesen? Damals wohl nicht, aber in der Erinnerung. Nachmittags hatte mir Romuald Karmakar, den ich um ein Gespräch gebeten hatte, freundlich geschrieben. Er erinnert sich sogar noch an unser allererstes Treffen, es ist bestimmt schon zehn Jahre her oder neun und er schreibt, dass er noch heute einen Gedanken daraus immer wieder bei sich habe. Angeblich hatte ich gesagt, dass im Hinblick auf das Verständnis von künstlerischer Arbeit meist das Begreifen in die Zukunft projiziert würde, als seien wir gar nicht real im Hier und Jetzt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich das zu ihm gesagt hatte.

Bald darauf fing es zu regnen an. Kalt und silbrig lappte das Wasser über den Rand der Markise und mir fiel ein, dass es ja die Einladung gab von Andreas, der die Jubiläumsausgabe der Von Hundert in der Bar Babette feiern wollte. Aber vom Savignyplatz bis an den Strausberger Platz, diese Reise kam mir nun wie nicht mehr zu bewältigen vor. Und das lag vielleicht am Regen.

7.3.

Gedacht wird Hermann Pedro Blumenau, die Anzeige steht isoliert auf einer Seite mit vermischten Meldungen. Über dem Namen, den sich Borges ausgedacht haben könnte, steht mittig ein Signet aus einem Stern mit konkav ausgezogenen Spitzen, ein Seestern, in dessen Zentrum ein Schmuckstück eingelegt ist – ein Orden? Das Geburtsdatum fällt mir erst auf, nachdem ich die biographischen Zeilen gelesen habe: »Träger des Eisernen Halbmonds und der Liakat-Medaille, Technischer Direktor der Kriegsrohstoffabteilung in Konstantinopel, Beratender Ingenieur für Bergbau und Hüttenwesen in Europa und Übersee, Bergwerksdirektor in Pachuca, Mexiko«.

Geboren 1868, »starb am 7. März 1917 im Rang eines Majors in Konstantinopel. Als ›Kriegsfreiwilliger‹, Teilnehmer der ›Expedition Klein‹, erschloss er Kohlevorkommen zur Versorgung der darniederliegenden Schifffahrt auf Euphrat und Tigris.«

Sein Sohn gründete eine nach ihm selbst benannte Stadt, Blumenau in Brasilien. Auch das rufen die unterzeichnenden Nachfahren in Erinnerung mit dieser Anzeige, die anlässlich des einhundertsten Todestages von Hermann Pedro Blumenau in der Zeitung erscheint.

Alles in diesem Text wirkt so ausgedacht auf mich wie dieses Signet eines Seesterns. Sogar der Name, wie gesagt. Alles ist über einhundert Jahre ganz langsam zu Literatur geworden. Geburtsjahr und Todestag anzuführen wäre nicht nötig gewesen. Wozu die Zahlen? Nichts davon existiert: Konstantinopel, Schifffahrt auf Euphrat und Tigris, Hüttenwesen, Blumenau. Noch nicht einmal die Liakat-Medaille will ich googeln. Die Worte stehen für sich da und bleiben, schön wie sie sind, isoliert wie die Anzeige selbst.

6.3.

Freitagnacht kaufte ich beim Umsteigen (ich war aus Neukölln zurück und hatte in der Wilmersdorfer Straße das indianische Mosaik entdeckt) im russischen Supermarkt ein kleines Brot. Der Supermarkt hat an allen Tagen an deren sämtlicher 24 Stunden offen, die Betreiber könnten also auch »Hat immer offen« auf ihre Tüten drucken lassen, sogar ohne »hat« würde das noch verstanden, aber dann wiederum wahrscheinlich auch nicht; jedenfalls scheint diese Zahl 24 dann doch wichtig als Hinweis. Sie zieht die Aufmerksamkeit potentieller Kunden auf sich, die dort selbst noch nicht eingekauft haben, aber in Anbetracht der 24 auf den Tüten von Passanten denken: Aha, der russische Supermarkt hat immer offen – das merke ich mir.

Brot gibt es dort rund um die Uhr, im direkten Vergleich zur benachbarten Fleischpalette ist die Auswahl aber bescheiden bis mono. Diverse Fladenbrotgrößen und Formen mit diversen Körnern bestreut. Mein Brot war anders, es war klein und braun. Außerdem wog es erstaunlich viel in Anbetracht seiner Größe, das versprach bang for the buck. Wie ich zu Hause angelangt dann feststellte, schmeckte es auch noch gut. Und das ist sogar noch untertrieben, ich formuliere hier bereits aus der Perspektive des enttäuschten Liebhabers dieses kleinen Brotes aus dem russischen Supermarkt, das, wie ich beim Auswickeln aus der Plastikfolie noch vor dem Anschneiden feststellen konnte – ich wendete es zu diesem Zweck in meinen Händen hin und her – in einer schmalen Kastenform gebacken worden war, sodass der überquellende Teig die Oberfläche des Brotes zu einer pilzhaften Verbreiterung geformt hatte, die auch nachts noch appetitlich glänzte. Im Anschnitt erinnerte die Krume des Brotes an den mit Kandiszucker bestreuten Honigkuchen, den es in Holland zum Frühstück gibt. Vage ging der Geschmack des russischen Brotes auch in diese Richtung. Also dunkel: ja, aber eben nicht säuerlich wie bei manchen Vollkornbroten, sondern ins eben eher Siruphafte weisend (dies aber ohne ausgesprochen süß zu sein). Extrem schmackhaft. Darüber hinaus handelte es sich um eine Wunderkruste, denn weder die anfängliche Folienumwicklung noch eine Aufbewahrung über das Wochenende konnten der Knusprigkeit dieses von außen klein, von innen undsoweiter Brotes aus dem russischen Supermarkt etwas anhaben. Ich aß, obwohl ich anders drauf war, stets nur wenige Scheiben. Und immer wenn ich von dem Brot gegessen hatte, freute ich mich nach einiger Zeit schon wieder darauf, mir bald wieder etwas mit Brot zubereiten zu können. Es schmeckte halt auch alles auf diesem Brot – ohne leider. Für Honig war es genauso geeignet wie für Fleischwurst. Perfekt zu Eiern. Genial auch nur mit Butter (gesalzener). Oder einfach mal, als mir eine Scheibe daneben ging und zu keilförmig geraten war, um noch mit etwas belegt zu werden: ohne irgendwas drauf, einfach nur ein Brot als Brot.

Ich war sogar schon drauf und dran mein Russlandbild zu korrigieren. Ich dachte, vielleicht hat sich dort etwas Entscheidendes getan, vielleicht gibt es dort einfach auch Orte, an denen es sich aushalten lässt; wo die Russen gut drauf sind und sich am Leben und an Broten wie diesem erfreuen. Da mein persönlicher Vorrat allmählich zur Neige ging, ich aß die vorletzte Scheibe mit Honig und plante den morgigen Einkauf im russischen Supermarkt, der mir mittlerweile schon als Delikatesshimmel à la Butter Lindner erschienen war in meinem vom Brot verblendeten Geist, da biß ich mit voller Wucht und einem von daher auch hässlichen Geräusch auf etwas hartes. Viel härter noch als mein Zahn – jedenfalls fühlte es sich so an. Es war ein Stein. Nichts besonderes, Rollsplit, Stück vom Straßenbelag, etwas in dieser Richtung. Ich versuchte noch, das Brot aufzuessen, aber die Schmerzen waren zu intensiv. Glücklicherweise war mein Zahn nicht zerbrochen, aber der mahnende Schmerz ließ nicht nach. Mir wurde dadurch sehr klar gemacht, wie wichtig der Erhalt meiner Zähne für mein Fortbestehen war. Der Schmerz warnte: Das darf nie wieder geschehen! Bitte in Zukunft Nahrung gründlich untersuchen. Und um mir diese Lektion noch gründlicher einzuprägen, wachte ich heute Nacht alle zwei Stunden auf und fühlte mit der Zungenspitze nach, ob mein lieber Zahn denn noch da war. Er war. Und tat dann auch noch ein bißchen weh. Sanft pulsierend. Vom Aufprall auf den wider Erwarten harten Stein war er tief ins Zahnfleisch gehämmert worden. Er hatte sich, um die Kausalkette aus dualistisch animierter Perspektive wiederzugeben: auf mich verlassen. Ein Zahn hat nun mal keine Augen. Ich war schuld.

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