»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

16.5.

Noch schöner als hier ist es zu dieser Zeit nur noch in Baden-Württemberg, vor allem genau dort, im lieblich geschwungenen Strohgäu, wo ich aufgewachsen bin. Es ist jetzt ja die Zeit der Apfelblüte. »Unsere Obstkultur ist seit vielen Jahren durch ihre Ausdehnung berühmt und unsere Obstwälder, welche die Städte und Ortschaften umgeben, unsere Obstalleen, welche die Landschaften durchziehen und sie so malerisch machen, werden von allen Fremden, besonders von den Besuchern aus dem Norden Deutschlands, mit Bewunderung und Freude betrachtet.«, heißt es in einer Festschrift aus dem Jahr 1871*. 

Diese Obstwälder und Alleen, vor allem aber die in mehr oder weniger gradlinigen Reihen die Hügel hinauf und hinunter wachsenden Blütenbäusche, gibt es dort zwar immer noch, aber sie bestimmen das Bild heute nicht mehr in dem Maße, wie damals, als ich dort noch durch die Gegend gefahren wurde und später auch selbst mal am Steuer saß. Das Schnellstraßensystem hat sich enorm entwickelt. Um jeden Ort, und selbst die kleinsten unter ihnen sind mittlerweile schon groß, führt man die Straße in einer Schleife herum, bevor man vor dem Ortsausgang, wo heute eine Ladenscheune von Netto zu stehen hat, in einem Kreisverkehr scheinbar beschleunigt wird, um auf einer landeinwärts führenden Schnellstraße voran sich schleudern zu lassen. Was dann links und rechts an einem vorbeifliegt, enthält diese blühenden Apfelbäume. Sie sind eingegangen als Sprenkel und Saum in die flurbereinigte industrialisierte Landwirtschaft. 

Im Traum, so komme ich überhaupt darauf, ging es noch einmal in einem Bus über Land, an dessen niedriger Decke die mit Apfelblüten beladenen Zweige an den Oberlichtern entlangstreiften, sodass ich von unten her die feinen gelblichen Striche auf den duftenden Blütenblättern erkennen konnte. Scharf wie gestochen. Das Gefühl im Traum war Herrlichkeit. Auch als wir, was es in Wirklichkeit ja gar nicht gibt, unter einem Baum hindurch fuhren wie durch die Puschel einer Waschanlage, bloß halt dass dieser Baum über und über mit den Dolden von Holunderblüten vollhing (und damit segnete er sämtliche Scheiben des Traumgefährts ringsum).

Eine blitzhafte Nachricht aus der Kindheit, darauf gepfropft ein Wunsch nach Herrlichkeit. Wie in dem Text zur Festschrift von 1871 berichtet wird, hatte der pomologische Verein damals eine Ausstellung mit den 3000 wichtigsten Apfelsorten organisiert. In der Ortschronik meines Heimatsortes Heimerdingen erzählt Otto Schwarz: »Einige gebräuchliche Apfelsorten waren: Rote und blaue Luiken, Fleiner, Postmichel, Bittenfelder, Pratzel- und Holzäpfel«. Ich selbst kann mich noch an das Ernten erinnern von Gewürzluiken, Blutstreiflingen, Schafsnasen und Jakob Fischer. Die Bäume blühen ja nicht bloß schön. Sie treiben aus den Blüten auch zentnerweise Früchte. Das Gemälde Mittagsgebet in der Ernte von Theodor Schütz wirkt vorzeitig, aber noch in den frühen Achtziger Jahren, bevor sich der Palisadenschnitt und die Plantage bei den schwäbischen Obstbauern durchgesetzt hatten, wurde dort so geerntet: Die krummen und hohen Bäume wurden mit langen Leitern umstellt. Die zentnerschwer in den Kronen hängenden Früchte wurden in Körbe gepflückt, die Körbe in Säcke gefüllt, die Säcke auf Anhänger entleert. Die Anhänger abends von Traktoren weggeschleppt. Und in jedem neuen Frühling fangen die Apfelbäume wie von sich aus wieder von vorne an mit dem Blühen.

*Zitiert nach: Eine Württemberger Apfelgeschichte von Bernd Neuner-Duttenhofer

15.5.

Am Nachmittag gingen wir in den China Club. Von der Terrasse dort hat man einen schönen Blick bis hinüber zum Potsdamer Platz. Leider fing es, kaum waren die Kaffeetassen serviert, zu tröpfeln an. Der Kellner, angetan in seiner von Anne Maria Jagdfeld entworfenen Barjacke mit chinoisen Knebelverschlüssen, bedauerte: Bei den Schirmen auf der Terrasse handele es sich um Sonnenschirme, bei Regen würden sie nicht aufgespannt. Also verfügten wir uns in die Bibliothek und saßen dort noch kaum, da fing es aber derart krachend zu plattern an – auf dem Platz unten hasteten die Denkmalstouristen mit über die Köpfe gezogenen Pullovern und Shirts zwischen den von den herabstürzenden Wassermassen glänzend gemachten Betonblöcken herum wie Mäuse im Käsekästchenlabyrinth auf der Suche nach dem Ausgang.

Auf der Fahrt durch das Regierungsviertel, meiner ersten seit einigen Monaten, war mir schockhaft aufgefallen, wie viele exakt gleich aussehende Bauten dort seit meinem letzten Spaziergang durch die Straßen hinter dem Hauptbahnhof entstanden waren. Beziehungsweise, dass es da selbst diese Straßen noch gar nicht gegeben haben konnte, von daher auch nicht diesen Spaziergang, diese öden Straßen waren mit diesen Häusern einfach mitgekommen wie Helmut Lang das einst über seine Mode gesagt hatte, bloß halt, leider, dass diese Häuser nicht schön waren. Der Stil nennt sich Schlitz- und Spaltarchitektur. 

Das Gute am China Club ist freilich, dass man dort seine Ruhe hat. Es ist also in etwa so wie zu Hause, bloß teurer. Und dass einen zu Hause auch keiner sieht, während man wohnt. Aber es hält sich, verglichen mit dem Soho House zum Beispiel, noch in Grenzen. Im Soho House wohnt man von den Fremden umtost. Im China Club kann es gut sein, dass man den Tag über nur ein, zwei Seelen begegnet, die einem das wohnende Dasein bezeugend versichern. 

Köstlich sind allerdings die Nüsse. Das hat sich herumgesprochen und ausnahmsweise stimmt alles, was man sich über die Nüsse im China Club erzählt. Von den Snacks im Soho House weiß man ja eher nichts.

Leider hörte es dann zwar zu regnen auf, aber dann kamen, wir hatten es beinahe schon vergessen, die ersten Notifications von der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen rein. Schlechte News, die SPD hatte versagt. Frau Kraft tritt ab. AfD über 5 Prozent: Es ging immer so weiter. Der Tag war gelaufen. Irgendwie lustlos geworden tranken wir noch etwas Weizenbier, das in extrem kleinen Gläsern serviert wurde, sodass es beim Selfiemachen so aussah, als ob wir zu große Hände bekommen hätten. Eine Gruppe maoistischer Kämpfer aus Beton im Hintergrund (Kunst). 

Tja. Schlimm, wenn man, wie Martin Schulz, sich dann noch nicht einmal mehr besaufen kann. Zumindest konnte ich die frische Bettwäsche aufziehen, die den Duft von Dash, Wind und Sonne verströmte. Im TV sagte Hannelore Kraft einen Satz, der auf »sachgrundlose Befristung« endete. Noch nie gehört. In der Wikipedia hieß der zugehörige Artikel »Befristetes Arbeitsverhältnis«, ich fing zu lesen an, aber es war wie in einem Traum, weder gut, noch alb-: ich scrollte und scrollte, es hörte nie wieder auf.

14.5.

Auf dem Küchentisch steht jetzt ein Strauß von kleinen gelben Blüten, die ich heute früh beim Zeitungholen unter dem Felsenbirnenbaum gebrochen habe. Die Rasenflächen sind in Weiß und Gelb getüpfelt, Gänseblümchen, ganze Felder, ringsum ragen Pusteblumen auf. Das in meinem Aug‘ so liebliche Blühen bedeutet in Wirklichkeit die Verbreitungsoffensive der Arten. Das ist mir zum Glück aber erst dann klar, wenn ich daran denke, also lasse ich es gleich wieder und wähle mit Bedacht eine winzige Vase aus Japan, deren eingekerbte Form etwas von einem Fruchtbarkeitskelch hat – aber subtil natürlich, da von japanischem Väsner geformt – und gebe mich meinen Frühlingsempfindungen hin. Die Fenster stehen offen, die Wäsche trocknet, ich lasse mich anwehen von der herrlichen Duftnote von Dash Color plus Sonne plus Wind. Bei den Nachbarn sind die Großeltern zu Besuch, ein Greis wurde in der Früh schon auf einem Stuhl sitzend in den Garten getragen, wo er mit Blick auf die Verkehrsschifffahrtsszene im Halbschatten verharrt. Seine Ohrmuscheln leuchten freundlich. Er schien mir auf Empfang gestellt.

Teller, die auf einen Holztisch ohne Tischtuch abgestellt werden. Das Wetzen des Bestecks an Besteck.

Am Freitag waren mittags auch plötzlich die Computer verschwunden. Dann die Tische. Nie wieder wird eine Wohnung je wieder so schön sein wie vor dem Hineintragen der Möbel. Aber schon halb ausgeräumt wirkte alles viel größer und weiter, und es könnte hier, so schien es mir, so viel mehr noch möglich gewesen sein. Seltsamer Gedanke, dass diese Räume, in denen sich zuvor eine Praxis befunden hatte, davor eine Wohnung mit immer wieder wechselnden Bewohnern bis in die Zeit vor den Zweiten und den Ersten Weltkrieg noch, nun wieder zu einer Wohnung umgebaut würden. Wie wenig Gedanken man sich selbst macht, wie wenig man weiß, worin man da eigentlich wohnt. Wie so ein Einsiedlerkrebs, der von der Muschel ja auch nicht mehr wissen will, auch kapazitätsmäßig bedingt natürlich, als wie hoch, wie breit, wie tief – beziehungsweise: Passt mein des Schattens bedürftiger Hinterleib hier hinein?

Es gab eine große Flasche Helium und zweihundert Ballons aus silberner Folie, die nach den Silver Clouds von Andy Warhol gestaltet waren. Und so verbrachte ich die Zeit bis zum Eintreffen der Gäste mit dem Aufpusten dieser spiegelnden Kissen und ließ sie eins nach dem anderen an die hohe Decke steigen. Es wurde heller und heller im Raum, die Spiegelkissen fingen das schwindende Licht ein, und bei jedem Windhauch machten sie, aneinander reibend, über die Zimmerdecke treibend, ein kraspelndes Geräusch.

Eine befriedigende Tätigkeit übrigens, wie ich herausfand. Man lässt das Gas in den Ballon, man lässt ihn steigen, schaut ihm nach, nimmt den nächsten. Hätte ich tagelang so vor mich hinmachen können. Irgendwann war freilich die Flasche leer. An den letzten band ich eine Karte aus silbernem Karton mit einer Botschaft, trat ein letztes Mal dort auf den Balkon und überließ ihn den Krähen und der Laune des Abendwinds.

12.5.

Es war wohl die gemeinsame Lektüre in L‘ art de la comédie von Eduardo De Filippo, einem Stück für zwei Damen und neun Herren, das Brigitte und Emmanuel Macron zusammengeführt hat. Elf Rollen, das ist freilich frugal für eine Aufführung des Schultheaters. Es müssen sehr viel mehr Kinder mitspielen, und so mussten Chöre hinzuerfunden werden, stumme Rollen erfunden (ich selbst war in jungen Jahren auch einmal als Ameise besetzt). Ich las das auf dem Gehsteig vor der Bäckerei, zum ersten Mal in diesem Jahr im Sonnenschein, zum letzten Mal wohl dann vor dieser Bäckerei, denn die Redaktion zieht um, nach Moabit; ausgerechnet jetzt, wo ich mich so langsam eingelebt hatte.

Moabit freilich auch endlos faszinierend, allein schon des schauerlichen Gefängnisses dort wegen, aber auch vom Namen her der beste Stadtteil. Und es gibt diese Legende, dass der Industrielle Borsig dort versucht haben soll, eine deutsche Seidenproduktion anzusiedeln. Es wurden damals ganze Haine von Maulbeerbäumen angelegt, weil die Seidenspinnerraupe diese Maulbeerblätter braucht, aber gescheitert ist es halt am Wetter – wie so vieles. Doch ich kenne eine Backsteinkirche in Moabit, die wird von vorne und von hinten vom Verkehr umströmt, so als stünde sie auf einer Insel, und in deren kleinem Garten sind noch ein paar Maulbeerbäume übrig aus der Ära Borsig. Und in dem Blumengeschäft ein paar Schritte weiter, es ist eines der besten der Stadt, werden im Frühling junge Maulbeerbäume angeboten – aus Tradition.

Ich telefonierte mit Timo Feldhaus, der mich fragte, ob er sich darauf verlassen könnte, dass ich das Tagebuch unendlich fortschriebe, für immer also, und ich sagte ja, versprach es ihm also, woraufhin er sagte, dass er es dann auch nicht mehr schlimm fände, wenn nicht an jedem einzelnen Tag ein Eintrag erscheint. Jetzt, wo er wüsste, dass es dann trotzdem noch weitergeht. Na klar.

Als ich abends über den Kurfürstendamm ging, unbedingt noch einmal über den Kurfürstendamm, denn das macht man ja nie, und von daher würde ich es so bald auch nicht wieder machen, saßen dort die Menschen in Dreierreihen vor den Cafés, und es war tatsächlich warm. Das konnte keiner so richtig fassen, wie es mir schien, ich selbst ja auch nicht, und wahrscheinlich war auch noch ein Misstrauen da, ob es nicht gleich morgen wieder kalt und fürchterlich wird. An der Ecke zur Uhlandstraße standen wieder die beiden Werbebeauftragten des griechischen Restaurants: Die müssen in Ponchos arbeiten, die aus einer Art Wachstuch, aber wattiert zusätzlich, geschnitten sind und bis auf den Boden herunterreichen. Auf die Vorder- und Rückseite dieser Ponchos, deren Grundfarbe einst Dunkelblau war, sind ausgewählte Tellergerichte aufgedruckt. Aber halt wie gesagt: griechisches Restaurant. Und die Farbe ist teilweise schon abgeblättert. Sieht mega aus. Ich prophezeie mal: übernächste Saison (SS 18) Vetements.

Zum Abendbrot gab es Huhn mit Salat und Vladimir saß vor einem Bild von Gilbert und George aus dem Jahr 1996, auf dem die beiden Künstler selbst abgebildet sind, wie sie, nackt und bloß, aber George hat seine Brille auf, von einem unsichtbaren Fingerzeig aus dem Paradies verjagt werden. Klassische Pose. In der rechten unteren Ecke stand »Blood and Piss«.

Als ich nach Hause ging, war es immer noch warm. Kaum Vögel zu hören. Auf den Straßen war es irgendwie lauter als sonst.

10.5.

Im Oktober erhält Jonathan Franzen nach Houellebecq und Hans Magnus Enzensberger den Frank-Schirrmacher-Preis. Die Laudatio hält Sascha Lobo. Wie Frank Schirrmacher selbst einst festgestellt hat, wird in Deutschland jeden Morgen der Neid begossen, wie in Holland die Tomaten. So auch meiner, denn ich lebe ja hier.

An der Liebesgeschichte von Brigitte und Emmanuel Macron begeistert mich freilich die Anekdote, dass die beiden während der gemeinsamen Lektüre eines Textes, also in der von mir als heilig erachteten Schrift, zueinander gefunden haben. Als Lesende – zunächst der Schrift an sich, und dann auch einander. Ich selbst kann mir wie schon gesagt nicht mehr vorstellen, wie Menschen noch einander auf anderem Wege kennenlernen sollten als von innen nach außen.

Las das und stellte beim Verlassen des Cafés leider fest, dass dies dem Creamcheese benachbarte Restaurant Florian nun geschlossen ward. Das Schild war schon ab und auf den Tischdecken sammelte sich Staub. Dort wurde ich vor nun 20 Jahren von Franz Josef Wagner in die Tradition der Blauen Zipfel eingeführt. Also einer fränkischen – Wagner ist, wie Ulf Poschardt und Juergen Teller ein aus Schlesien vertriebener Franke – Sitte, vor Mitternacht die bekannten Rostbratwürste allerdings zunächst roh belassen in einem sauer angemachten Sud gar gezogen aufzutragen. In Westberlin, insbesondere in dieser Gegend um den einst als Intellektuellenrevier geradezu verschrieenen Savignyplatz, war diese ungewöhnliche Spezialität unter dem Kampfnamen Apo-Zipfel bekannt.

Na gut. Jetzt gibt es die hier halt nicht mehr. Die Nachbarswirtin weiß, dass es an einem Fehlverkauf seitens der Ursprungsbesitzerinnen gelegen haben wird. »Soziale Marktwirtschaft, I know every inch of you«, wie Jochen Diestelmeyer einst so richtig gedichtet hat. Infolgedessen nun: Insolvenz. Vielleicht, nein: ganz sicher bin ich auch deswegen kein Fan der Salonliberalen. Es geht ja schon längst nicht mehr um eine Befreiung vom Ballast der Bürokratie und um ein Mehr an einer noch zu gewinnenden Freiheit für das alles dann richtende Unternehmertum. Ich habe im größten Pressehaus Europas gearbeitet, festangestellt, da stand auf den von der Aktiengesellschaft für die Redaktion spendierten Tassen (es handelte sich um sogenannte mugs) aufgedruckt: »Bei Anruf Kunde« – krasses Statement zur Pressefreiheit. Vermutlich steht da jetzt »Free Deniz« drauf. Ist ja auch egal.

Die Ideologie ist doch längst nichts weiter mehr als »ein kraftloses Rühren im Brei kapitalistischer Verwesung« – um jetzt mal Thomas Mann möglichst ungenau und dazu noch schräg zu zitieren.

Dieser Zauberberg, anfang des sogenannten Milleniums noch besungen, hat sich als der Sitz des Alten vom Berge entpuppt (sorry!!!). Statt Haschischöl gibt es nun die Versprechung vom Frischen Geld (oh jemine). Was Thomas Mann, dem Rostocker, gefallen dürfte, ist aber sein Endsieg der Ironie (awww!).

Frank Schirrmacher, Friede seiner Asche, hat zu Lebzeiten unter anderem behauptet, es lebte sich nirgendwo anders, nirgends so angenehm, nirgends so reich als Schreibender, denn hier, bei den Neidlandwirten in Deutschland. Angeblich hatte er Zahlen vorliegen.

Ich habe bis heute noch nichts davon mitbekommen, was wohl an mir, was an meiner Schreibkraft liegen wird. Aber ich kenne Sascha Lobo. Und ich habe die Bücher Jonathan Franzens gelesen.

Ich liebe, und allein deshalb gibt mir der Wahlsieg Emmanuel Macrons auch Hoffnung – für die Grande Nation, die ich liebe; für Deutschland, Land der Dichter und Denker – ich liebe die von mir als heilig betrachtete Schrift.

Und wer sich in diese Schrift vertiefend verliebt, der kann nur einer von meiner Art sein. Ein hoffentlich guter Mensch.

9.5.

Post von den Jadehase™ Ultras, meiner Fanseite auf Twitter. Ich bin mir gar nicht sicher, ob sich allzu viele Twitterfreunde zusätzlich zu ihrem Grind noch mit der Post verschickte Postkarten schreiben. Wäre ja schön. Insbesondere auch, wenn sie dafür einen wiederum noch einmal ganz anderen Lingo verwenden würden. Geschrieben werden kann ja gar nicht genug, es wird noch immer viel zu wenig geschrieben auf Erden, wie Rainald Goetz das in einem ähnlichen Zusammenhang völlig zu Recht festgestellt hat. Schon vor Jahren (Abb. Emoji »Index Pointing Up: Light Skin Tone«).

In der ausgezeichneten Arte-Dokumentation über das Leben Arno Schmidts gibt es zum Ende hin diese Szene, in der seine Ausschnitte aus Zeitschriften gezeigt werden. Er sammelte Bilder von Frauen in der Mode jener Zeit, was sie anhaben, wie sie geschminkt und frisiert sind, um seine Figuren entsprechend auszustaffieren. Kontakt zur Außenwelt hatte er da längst keinen mehr und vom Fernsehbildschirm abfotografieren ging ja schlecht. Die Kamera zeigt, wie er die kleinen Kärtchen in seine Kästen einsortiert, um sie später wie Tweets in den timelinehaften Spalten seiner großen Buchseiten untereinander und parallel miteinander korrespondierend zu montieren: für den Zuschauer (mich, jetzt) sieht das so aus, als ob da einer in den siebziger Jahren ein Modell des Internets aus Papier angefertigt habe, oder ein Modell seines Gehirns. Auf jeden Fall ist es ein Modell, an dem er schafft; in einem Haus auf dem Feld, Blickrichtung Waldrand. Wie er selbst schrieb: Mond, Nebel & Regen erste Qualität. Es gibt eine kurze Aufnahme einer Nachbarin von damals, die Frau spricht so, als müsste sie währenddessen eine unendliche Nudel einsaugen. Womöglich heißt dieser Gesichtsausdruck süffisant.

Ich bin vor vielen Jahren selbst einmal nach Bargfeld gefahren, um mir das Haus anzuschauen, dass von der Stiftung als Museum erhalten wird. Nachbarn habe ich da keine zu Gesicht bekommen, womöglich wohnt da heute gar kein nicht mit Arno Schmidt beruflich befasster Mensch mehr. Das Haus selbst war ein verblüffend kleines Haus, veblüffend auch, weil ich ja wußte, dass Arno Schmidt ziemlich groß war. Solche Häuser gibt es heute gar nicht mehr, das waren Altbauten aus einer Zeit, die nie wieder in Mode kam.

Größer als ein Display war das Haus freilich schon.

8.5.

Das Wetter drückt sehr auf mein Gemüt. In der rostigen Feuerschale springt eine Blaumeise in der braunen Brühe herum, der Vogel badet, es regnet, also duscht er auch und immerhin ergibt sein blauer Federbusch mit dem Rostbraun eine aparte Farbharmonie. Auch weil es drumherum, trotz Regen, trotz Himmel, so appetitlich grün ist an den Zweigen und am Gebüsch.

Vermutlich war es ein Fehler, der Nachtigall durchs offene Fenster eine Aufnahme eines anderen Exemplars seiner Art vorzuspielen. Zwei Nächte lang war in der Folge gar nichts mehr von ihr zu hören, das waren die Morgende von Mittwoch und Donnerstag, als dichter Nebel quer auf dem See lag (von daher wohl »Bank«), ich konnte das gegenüberliegende Ufer nicht sehen. Am Abend, in einem türkischen Restaurant, das wie eine Grotte eingerichtet war mit Gipszapfen, die aus der Decke nach unten in den Raum hinein wuchsen und gewölbten Wänden – wir saßen dort wie in einem gemauerten Faß – erzählte mir Bernd von einer Gartenparty, auf der für die Gäste ein sogenanntes Erdschwein zubereitet worden war. Man nimmt dazu ein ganzes Schwein und füllt es mit Kartoffeln und Zwiebeln und reichlich Kräutern. Ganz wichtig ist, dass man dem Tier zuerst den Bauchraum mit Kochsalzlösung auswäscht, um Infektionen vorzubeugen, denn wenn es gefüllt und wieder zugenäht wurde, wird es in einer mehrere Meter tiefen Grube ins Erdreich gesenkt. Am Grund dieser Grube hat man zuvor ein Feuer aus Buchenscheiten abbrennen lassen. Danach wird die Glut mit Mauersteinen bedeckt, in ihnen wird die Hitze gespeichert. Darauf senkt man das Schwein. Es wird mit einem großen Blech abgedeckt und dann eingegraben, bis von der Grube nichts mehr zu sehen ist. Alle gehen zu Bett. Am nächsten Tag, wenn die Party beginnt, wird das Schwein exhumiert. Durch das stundenlange Garen unter den Erdschichten erhält sein Fleisch angeblich einen unvergleichlichen Geschmack.

Ich war etwas abgelenkt, weil zur gleichen Zeit am Nebentisch ein Geburtstag gefeiert wurde. Die Tafel dort wurde präsidiert von einem herrlichen Greis, der diesem längst verstorbenen Finanzgenie total ähnlich sah, der Name wollte mir leider nicht mehr einfallen, aber der Mann am Nebentisch trug ebenfalls ein Brillengestell mir gigantisch großen und nebenbei seine Augäpfel gigantisch vergrößert darstellenden, quadratisch gerahmten Gläsern. Und er sagte gar nichts, als die Kellner die Torte samt flackernden Kerzen heranbrachten und Happy Birthday von Stevie Wonder lief dann noch minutenlang.

Als ich nach Hause kam, war es schon Nacht, und es regnetete gerade mal nicht. Ich schaute an den Stämmen der Buchen nach oben, der Himmel schien blau und von weither hörte ich das Schluchzen der Nachtigall. Von meinem Schlafzimmer aus war die Melodie noch klarer zu verstehen. Der Vogel gibt ja Klänge von sich, die scheinen flüssig zu sein und dabei kristallklar, wie aus Wasser geblasen (wenn so etwas ginge). Er war wohl nur ein paar Bäume weiter, den Hang abwärts ans Ufer gezogen. Ich fragte mich, ob es die anderen Vögel, die ja alle schlafen, während dieser eine dann singt, eigentlich stört, wenn einer unter ihnen vom Schlage der Nachtigallen ist. Oder hören die Vögel nur jeweils den für sie bestimmte Gesang und nehmen die Lieder der anderen nicht wahr?

Heute Nacht jedenfalls, wo ich mehrfach aufwachte, weil sich ein Tiefdruckriegel oder -keil ankündigte und ich mich selbst zum Liegen zu schwach fühlte, fand ich heraus, dass es nur eine einzige Nachtstunde gibt, in der es still ist: von halb vier bis halb fünf. Dann schweigt die Nachtigall, es fahren auch nicht einmal mehr Autos, und kurz darauf erst fangen die Amseln zu singen an.

Unbedingt nachschauen, wie die Maurerforelle zubereitet wird.

Subscribe to »2017 – Year of the Cat«