»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

7.7.

Joachim Meisner, der Kardinal, war angeblich im Sitzen gestorben, mit dem Gebetbuch in der Hand, also quasi lesend, behauptete Adson. In unserem Disput war es ursprünglich um das Aussterben meines Vornamens gegangen und um den von Joachim Lottmann, den wir beinahe zufällig vor dem Lokal in der Uferstraße getroffen hatten, in dem die von Anne und Holm Friebe veranstaltete Talkshow Nun – Die Kunst der Stunde anberaumt worden war – und das nicht zum ersten Mal. Also keine Premiere, aber wieder war es so voll, dass wir gezwungenermaßen durch weit geöffnete Fenster vor dem Gebäude stehend in den mit zahlendem Publikum gefüllten Raum hineinlauschten und ab und an auch schauten. Wobei, das fiel dem Novizen freilich nicht so stark auf, das Geschehen dort auf der niedrigen Bühne vergleichweise unspektakulär geworden war. Verglichen mit dem Premierenabend vor allem, als Holm selbst dort in einem schwarzen Morphsuit aufgetreten war.  Jetzt gab er, der bei den Zukunftsforschern Horx und Urch das Handwerk von der Pike auf gelernt hatte, den Routinier. Joachim Lottmann gefiel das sehr gut. Vor allem wohl, weil das alles gut zu seinem allerneuesten Textvorhaben passte, einem Roman, der vom Stillstand unserer Tage erzählen würde. Der Titel stand schon fest: Die Welt von Gestern. Es gab da wohl tatsächlich auch eine leibhaftige Begegnung von ihm mit dem Sterbezimmer von Stefan Zweig und von dort aus, durch die weit geöffneten Fenster des Sterbezimmers von Stefan Zweig, würde sich die Erzählung dann entrollen bis in unsere Gegenwart und somit auch vor dieses weit geöffnete Fenster des Lokals mit dem Namen Dujardin.

Ich war mit meinen Gedanken wie immer weit weg. Nämlich eben dort: in Gedanken. Beispielsweise fragte ich mich, wie Lottmann sich das alles merken konnte, was an diesem Abend erzählt und auch bloß geredet wurde. Es würde sich ja einst in Der Welt von Gestern wiederfinden. Dabei machte er sich offenbar niemals Notizen. Ein Gedächtniskünstler? Oder, schauderhafte Vorstellung: fing er wie manisch an zu notieren, sobald er außer Sichtweite war – ein noch schlimmeres Heimlich wohl, als hinter vorgehaltener Hand; sitzend in seinem Wartburg bei ausgeschalteter Kabinenbeleuchtung. Und dann lange ausatmend bis er den Zündschlüssel umdrehte.

Für Adson, den Novizen, war es die erste Begegnung mit Joachim Lottmann gewesen. Als drin auf einer Leinwand ein bis dato unbekanntes Bild projeziert wurde vom auf seiner Mitte gespaltenen Hochbunker im Volkspark Friedrichshain, dessen Ruine heute von einem überwachsenen Schuttberg verborgen wird, machte er davon eine Aufnahme mit seinem Telefon. Ein aus Friesland stammender Künstler mit dem Vornamen Menno mischte sich ein und so entstand dann das Gespräch über Vornamen, weil es jetzt außer Gauck, Lottmann, Sauer und Bublath nur noch mich gab mit dem Namen vom Großvater Christi. Früher war ich weit und breit der einzige Joachim gewesen. Schon als Kind hatte ich mich deshalb wie ein Greis gefühlt.

5.7.

Der Mond stand neben dem Fernsehturm, so als sei er ein Trabant der silbernen Kugel. Kleine Wolken hatten sich darum geschart. Der übrige Himmel schien blau und leer. Es war kurz nach 18 Uhr.

Adson von Melk, Novize der Modewoche, hatte mich vom Hotel Adlon, das sein zwanzigstes Firmenjubiläum seit der Wiedereröffnung mit einer Modenschau von Anja Gockel, einer Pfälzerin, gefeiert hatte, bis hierher, auf die von frühabendlichen Sonnenstrahlen beschienenen Terrassenplätze vor dem mythischen St. Oberholz, begleitet. In wenigen Minuten würden wir zur Präsentation von Herbert Grönemeyers T-Shirt-Kollektion aufbrechen, und wie es sich für einen mythischen Ort gehört, tauchte gerade in dem Augenblick, als ich dem Novizen die essentiellen Informationen zur Person des Gründers Ansgar Oberholz sowie freilich auch zur Geschichte des Hauses – dass sich in den Räumen ursprünglich ein Burger King befunden hatte et cetera – in freier, launig gestalteter Rede diktierte, stand eben dieser, Ansgar Oberholz selbst, vor uns und hieß uns dort willkommen. Er trug einen schwarzen Fischerhut, an dessen Seite er ein A aus silbernen Lochnieten zeigte. Wir hatten uns, seitdem ich an den See hinaus gezogen war, nicht mehr gesehen. Er war im vergangenen Jahr erneut Vater geworden, sein Lokal hatte sich farbthematisch etwas verändert, aber noch immer saßen dort dicht an dicht die Surfer und Entrepreneure an ihren Laptops. Nebeneinander aufgereiht, aber wie träumend: ein jeder für sich.

Wir sprachen über die Seelenhaftigkeit von Twitter. Dass es unmöglich ist zu erklären, was man dort erlebt, obwohl einem, sobald man dort wieder eintaucht, klar ist, dass man etwas erlebt. Aber was, das entzieht sich der Vermittelbarkeit. Merkwürdigerweise. Ein Zwiegespräch, das uns bis zur Ankunft bei dem temporären Laden für die T-Shirts von Herbert Grönemeyer in Atem halten sollte. An dem kleinen Platz vor der Einmündung zur Weinmeisterstraße saßen die Essenden zu Hunderten auf kippeligen Plastikstühlen, die dafür aus Thailand importiert worden waren. Zusammen mit den originalgetreuen Plastiktischen aß man hier nicht nur wie auf einem Nachtmarkt in einem subtropischen Entwicklungsland, man saß auch so.

In der Mode, führte ich aus, und der Novize machte sich Notizen in einer App auf seinem Telefon, einem älteren Modell von Samsung, ist es nicht immer möglich, so andauernd etwas Neues zu präsentieren, wie es der sogenannte Kollektionsrhythmus zu den Modewochen vorgibt. In Paris beispielsweise, wo zur Stunde die Haute Couture gezeigt wurde, war es an diesem Tag wohl um den Farbton Grau gegangen (dies hatte uns eine bayerische Bloggerin berichtet, die selbst wiederum in einem Polohemd mit aufgestickten Logos der Supermarktkette Lidl gekleidet war; darauf hatten wir sie angesprochen. Und es stellte sich heraus, dass dieses Polohemd tatsächliche Berufskleidung für die Angestellten von Lidl war. Die Bloggerin verfolgte durch das zweckentfremdende Tragen von Berufskleidung ein journalistisches Projekt. Am nächsten Tag stünde Ikea an, am Tag darauf Foodora usf.) An der Bar von Herbert Grönemeyer gab es zwar keine grauen T-Shirts, aber dafür einen neuartigen Drink aus Gurkensaft und Gin, der mit einem Dillsträußchen verziert wurde. Und Christ Stricker trägt ihr Haar neuerdings mit Indigo gefärbt. Im schattigen Hinterhof relaxte Herbert Grönemeyer. Sein Händedruck war angenehm fest, dabei trocken und warm.

Es würde Regen geben, erklärte ich jetzt Adson von Melk, da am Himmel sich ein Vlies von Wolkenfasern gebildet hatte, für das ich, obwohl ich den Anblick dieses Phänomens liebe, noch immer keinen Fachbegriff wusste. Es sieht dann so aus, wie die Gewelltheit des Sandes in der Sahara kurz vor Sonnenuntergang. Bloß halt aus Wolken und in weiß, dann aprikosenfarben, dann hellgrau auf zunehmend dunkelblauem Grund. Sehr gern hätte ich ein Dictionary of Clouds, einen dicken Band aus Wolkenbildern, wie das Dictionary of Water von Roni Horn. Gibt es aber nicht.

3.7.

In der Moabiter Kirchstraße, sie mündet auf der einen Seite ans Holsteiner Ufer, auf der anderen Seite öffnet sie sich in einer gedachten Linie dem nicht nur sogenannten Sommergarten von St. Johannis, folgen nicht nur auf ein- und derselben Straßenseite, sondern auch noch in direkter Nachbarschaft drei Cafés aufeinander. Bei den vom Sommergarten aus betrachtet hinteren zweien sind die Stühle und Tische stets besetzt, obwohl die Plätze dort die meiste Zeit über im Schatten liegen. Das erste Café wiederum hat schon ab acht Uhr morgens vollen Sonnenschein, aber dort sitzt kaum je irgendjemand davor. Der Grund dafür ist einfach: Es ist der Kaffee, der hier unglaublich scheußlich schmeckt. Und zwar, ich habe es ausprobiert, über sämtliche Spezialitäten dieses auf Kaffeespezialitäten angeblich sogar spezialisierten Cafés. Woran es liegt, ist so schleierhaft, wie es dem Neuling in der Kirchstraße schleierhaft erscheinen wird, weshalb dort ausgerechnet alle im Schatten Kaffee trinken wollen. Bis er dann auf einem Sonnenstuhl Platz genommen haben wird, um einen Cortado, einen Cappuccino oder, den im Sonnenschein Sitzenden erscheint diese Spezialität ja besonders verlockend: den seltenen Affogato zu sich zu nehmen. Ein Vorhaben, das er zwar nicht direkt bereuen wird, aber je nach Geldbeutel halt schon, denn billig ist es dort ebenfalls nicht; obwohl man das zumindest annehmen wollen würde. Wobei: Der Begriff Spezialität an und für sich bedeutet vielleicht auch noch nicht von vorneherein, dass es sich bei einer Spezialität um etwas Angenehmes handeln muß. Eine Kaffeespezialität darf auch besonders scheußlich schmecken, dann ist das eben das Spezielle daran. Der Barrista dort, ein übrigens extrem freundlicher Mensch, was den Besuch dort noch unangenehmer macht, weil man sich nicht traut, ihm die Meinung zur miserablen Qualität seiner Kaffeespezialitäten ins freundlich lächelnde Gesicht zu offenbaren, verkauft sozusagen den Sonnenschein teuer.

Es ist eine auch ansonsten besondere Straße, an deren hinter der Brücke gelegenem Ende das historische Baumkuchencafé liegt, dann kommt ein kroatisches Grillrestaurant und hinter der S-Bahnstation die im Grünen gelegene Akademie der Künste. Früh am Morgen und in der Mittagszeit dann auch wieder wird die Straße zudem von besonders gekleideten Menschen frequentiert und, weil es jeden Morgen dieselben sind, die hier rauchen und stehen, bevölkert. Die T-Shirts, die sie tragen, sind gut geschnitten, dunkelblau und quer über die Rückenpartien steht in weißen Versalien das Wort Justiz. Ein buzz word zum einen, man will gleich Vetements-Witze machen, aber hier in der Kirchstraße handelt es sich bei den T-Shirts mit Potential um Berufskleidung. Denn in der zierlichen Kirchstraße ist, je nach Betrachtungswinkel, auch noch oder vor allem das große Strafgericht untergebracht. Obwohl es sich bei den auf der Straße cornernden Justiz-T-Shirt-Trägern vorrangig um Frauen handelt, spricht man sie freilich nie an. Es ist ja klar, weshalb sie diese T-Shirts tragen. Es steht ja groß hinten (und etwas dezenter auch auf der Vorderseite über der linken Brusthälfte) drauf. Dort, also unterhalb des dezenteren Justizlogos auf der Vorderseite des T-Shirts ist übrigens noch eine ebenfalls in Weiß, ebenfalls in dieser klaren, supremehaften oder vetementshaften Type in serifenloser Schrift eine fortlaufende Nummer aufgedruckt, die dem gesamten T-Shirt-Konzept den Flair einer limited edition verleiht. Heute, als ich hinschaute, war beispielsweise 100026 eine rauchen mit 100027. So etwas merke ich mir, seltsamerweise. Die Namen der beiden wohl kaum.

Richter muss es freilich auch geben. Man erkennt sie an der weißen Krawatte zum weißen Hemd, so überqueren sie die Schnellstraße, um in die Kirchstraße einzutreten. Den Talar dabei oft lässig über die Schultern gehängt.

2.7.

Ich war schon auf einigen, wenn auch wenigen Trauerfesten eingeladen gewesen. Doch ich nehme an, dass deren Zahl nun doch mit der zunehmenden Anzahl meiner Geburtstage ebenfalls zunehmen wird – »die Einschläge« und so weiter usf.

So dachte ich denn gestern an die Feier zu Ehren von Marc Fischer in dieser Aussegnungshalle in Hamburg: Heiß war es gewesen. Und Gerüchte sirrten durch den Busch: Wer, wo, wann, wieviel von was genommen hatte. Und vor dem Sarg aus Eiche, ohne jegliche Decke, lag ein Blütengesteck in Form des Logos von GQ, gesandt von seiner letzten Redaktion, aus München. Als über die Lautsprecher ein Bossa-Nova-Lied abgespielt wurde, schluchzte links hinter mir Bernd Begemann laut. Und weil niemand es verhindern wollte, hielt Otmar Jenner dann eine Rede; eine von vielen. Deren Inhalt war dyadisch konzipiert, es ging um einen von ihm, Otmar Jenner, als möglich gedachtes Wiedersehen mit dem Toten (Marc Fischer), der in einem Sarg, bekränzt mit dem aus Blumen geformten Logo der Zeitschrift Gentleman’s Quarterly dort zu seinen sogenannten Füßen vor ihm stand oder lag.

Die Übertragung aus dem Dom zu Speyer hat mich gestern so erfasst: also innerlich, so als ob sich da eine Faust um meine Innereien geklammert hätte – die blauen Lichtfinger, die sich entlang der Kathedralbögen empor und so weiter, besonders aber die sogenannten Handlungen der Leute, der Masters of Celebration, jenen mit den roten Käppchen auf: Ich hatte so etwas noch nie gesehen, es nie bezeugt als Protestant, der ich ja nun bin, diese Power of Love by the Church of the Catholics: einmal vor dem Straßburger Münster zur Osterzeit, als sie dort allesamt Grün trugen. Aber bei Kohl waren es dann die Gesänge, die funkelnden Geräte dann. Ich muss unbedingt Jan fragen, der bei seiner Inszenierung der Arabella in Leipzig ja dieses Funkeln der Geräte mir erstmals vorgeführt hatte, ob er, als Katholik, seine Inszenierungsidee eventuell von dieser Aufführung des sogenannten Hochamtes von päpstlichen Gnaden her und so weiter und so fort.

Jedenfalls musste ich weinen. Die Tränen kamen bei mir einfach so. Und als die Kaiserglocke schlug und es, wie es heute ja in der Berichterstattung noch einmal betont worden war, »still blieb«, strömten sie noch minutenlang und nur noch weiterlängs nach.

Ich musste mich, als ich erwachte – nachdem ich wider Erwarten traumlos geschlafen hatte –, zurückziehen in die Obhut der Mutter Fourage. Wo die Hochbeete blühten, die Greise in hellblauen Hemden und kurzgeschnittenem Haar ihr Lachen inwärts lachten; wo sie es verschluckten. Lavendel blühte dort neben der persischstämmigen Rose. Umrahmt von rotfarbigem Sandstein. Weiter vorne stand Kirschlorbeer, Cotoneaster, dazwischen wohl auch Oleander. An den Tannen hingen frisch und grün die Zapfen. Um das Stadion herum, das war der Grund meines Herkommens: die herrlichsten, krummsten, wettergeformtesten Kiefern. Das Europa, von dem Helmut Kohl geträumt haben mag: In den deutschen Vorgärten gab es das schon.

1.7.

»Kosmischer Staub lässt die Sterne erröten.«

Am Vorabend hatte mir Joachim Lottmann mitteilen müssen, dass er aufrgund der Pleite der Fluggesellschaft Air Berlin nun doch nicht und entgegen seiner Ankündigung nach Berlin kommen kann. Daraufhin schlief ich dann gut, wachte aber auf in dem Pflichtbewusstsein, teils auch aus Neugierde, wie denn dieser europäische Staatsakt zum Tode Helmut Kohls geprägt würde. Eine Feier des dyadischen Denkens: Bill Clinton zum Beispiel, im Gesichte bedenklich gerötet, wünschte dem Toten ein »sleep well«.

Das Christsoziale zeigte sich, möglicherweise zum letzten Mal auf eine bizarre Weise (man fuhr den Leichnam nach Straßburg, flog ihn nach Ludwigshafen, schiffte ihn nach Speyer), an Bizarrität nur noch übertroffen von der Witwe des Altbundeskanzlers selbst, hier noch eventuell gleichgezogen habend mit Ulla Berkéwicz. Und ich lag im Bett, sah das auf Phoenix Live und es wurde mir deutlich gemacht: das mit der BRD ist nun endlich vorbei.

Antonio Tajani beginnt seine Ansprache zum europäischen Staatsakt für Helmut Kohl mit dem wunderschönen Wort Oggi. Das ja so viel schöner ist als unser »Heute«. (Silvio Berlusconi schlief kurz darauf ein.) Am Himmel war schon wieder diese Situation zu sehen, ich musste noch einkaufen, und in den See springen wollte ich auch. Da kreuzte ein Segelboot mit gewittrig farbenen Segeln. Und ein anderes, mit zwei roten Blockstreifen, fuhr schnittig vorbei.

In der Pause zwischen Krypta und Kondukt war ich im Supermarkt Schlachtensee einkaufen, währenddessen fing es zu regnen an. Der Himmel weinte Rotz und Wasser um den Vater Europas im Sarg. Die Offiziere in den gemischtfarbigen Uniformen, so machte es den Eindruck, hatten Mühe, ihn auf das ihm zugedachte Podest zu hieven – comme d’habitude.

Am Schlachtensee, wo man selbst in der Filiale von Butter Lindner die Feierlichkeiten auf Phoenix verfolgte, kaufte ich im Andenken an Helmut Kohl ein Bauernbrot, ein halbes Pfund Mondseer Käse und eine Scheibe Kaisersülze, wie sie Helmut Kohl selbst dort (in der Filiale Am Roseneck allerdings) stets für sich eingekauft hatte. Dann fing es wieder zu regnen an, ich schaute den Trauerzug auf Phoenix Mobile, und ein Ludwigshafener im himbeerfarbenen Langarmunterhemd ohne Jackett beklagte sich, dass der Konvoi viel zu schnell an den Ludwigshafenern vorbeigefahren worden war. Wider der Ankündigung.

Und draußen, die Fenster standen beide offen: grau und leer der See. Ewig rauschen die Wälder. Krähen singen. Das Leben (als Drohung für die Lebenden): it will go on.

30.6.

Als ich gestern am Morgen durch den kleinen Tiergarten ging, der in Moabit zwischen zwei stark befahrenen Straßen liegt, sah ich dort unter einem Baum eine Gestalt liegen, die hatte sich in eine weiße Steppdecke eingewickelt, so eng, dass ihr das Haar wie zu einem Bund Schnittlauch zusamengeschnürt aus der Rolle oben herauslugte. Die Decke war unbefleckt, der Baum eine zierliche Birke, die kaum Schatten geben würde – es handelte sich also um einen symbolischen Schlafplatz, so wie ein gezeichneter Hund auch stets einem Baumstamm entgegenpinkeln wird. Kurz darauf fing es zu regnen an.

Und zwar so, dass aus den stark befahrenen Straßen bald schon ganz schwach befahrene wurden. Ein Regnen, für das die Fenster überhaupt erst erfunden wurden, weil zuvor, bevor es Fenster gab, die Leute bei tagelangem Regen in ihren dunklen Häusern ausharren mussten, um durch ehrfürchtiges Lauschen herauszufinden, ob es denn bald schon wieder aufgehört haben würde mit dem Regnen, oder ob denn das Wasser noch immer und immer nur weiter vom Himmel fallen würde, fiele und fällt.

Ein Regnen, das freilich auch, für das man das Internet erfunden hat. Ich schaute gleich nach, ob es denn jemals in der Geschichte des städtischen Lebens schon einmal etwas vergleichbar grässliches gegeben hatte wie diesen Regen – ja, ich stieß sozusagen auf den Bostoner Sirupstrudel vom Anfang des 20. Jahrhunderts, im Symmetriejahr 1919 (noch vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust): gar kein Vergleich. Augenzeugen konnten oftmals gar nicht mehr erkennen, ob ein noch lebendes Lebewesen ein Tier war oder ein Mensch, wenn es sich, bis zur Unkenntlichkeit mit dunkelbraunem Sirup verkleistert, aus dem die Straßen von Boston erstickenden Melassestrom hatte befreien wollen, »woraufhin sie darin nur noch tiefer versanken«. Gottseidank, dachte ich im Stillen bei mir und schaute aus dem Fenster auf die von Menschen und Tieren befreite Natur des Parks nebst seiner Straße, hat Adalbert Stifter das nicht mehr mitbekommen. Der Bostoner Sirupstrudel hatte seine Sonnenfinsternis glatt in den Schatten gestellt.

Ähnliches schien auch Moritz von Uslar zu empfinden. Es kam ein Tweet mit seinem Lob des Regenschirms.

Und schon war wieder der Tag vorüber. Ich betrat nach den vielen Stunden des Zuschauens durchs Fenster zum ersten Mal selbst das Szenario und stellte fest: der Regen war ja ganz warm. Nass freilich auch, aber das fand ich nicht schlimm, denn ich war ja bereits verschnupft. (Und mehr als das würde nicht möglich sein. Superlativisch verschnupft sein – nichts, das nicht schwönde!) Ich wurde so nass wie schon lange nicht mehr, fühlte mich aber, nachdem ich die nassen Sachen zuhause abgelegt hatte, so trocken wie noch nie. Und dachte an die Worte von Justin Andre, der Dicken Bürste, wie scheußlich unser Leben doch wäre, wenn Wasser niemals trocknen würde.

Rasch zu Bett. Zuvor stellte ich aber eine Blechschüssel auf den Balkon, um darin das große Trommeln zu fangen. Und trank heute früh, da regnete es noch immer, meinen ersten Kaffee mit dem Wasser des Regens gebrüht. Er schmeckte natürlich himmlisch.

29.6.

Um 5 Uhr 11 in dem bestimmten Gefühl erwacht, dass sich draußen etwas Außerordentliches ereignet hatte. Der Garten hatte sich bis in die Wipfel hinauf mit Nebel gefüllt, so dicht, dass das Wasser des Sees nicht mehr zu erkennen war. Alles grau im Dunst, aus dem die tiefgrün und satt belaubten Zweige herausstachen teilweise, manche blieben nur sichtbar wie in einem beschlagenen Spiegel im Badezimmer.  Es fehlten nur noch ein paar Gorillas. Dazu die Vögel, es war dies ja ihre Morgenstunde, die schrien wie immer, aber nun klang es so, als schrien sie wie wild. Ich selbst war noch ganz müde und vom Träumen verklebt, es war ein Traum gewesen, der viel von den Raffinessen der französischen Backkunst erzählt hatte, die ja, insbesondere bei den kleinen Kuchen, eine auf megahohem Niveau ist – ganz nebenbei oftmals auch, und, selbst in randständigen Bäckereien: für alle verfügbar und einfach so; da hätte ich jetzt einerseits sehr gerne noch länger davon mir erzählen lassen, andererseits wusste ich aber, dass diese außerordentlich schöne Naturbildsituation sich mit jeder weiteren Viertelstunde würde auflösen in etwas weniger Außerordentliches. Es handelte sich also um einen bezwingenden Anblick. Also gab ich mich hin. Und wurde unter anderem belohnt durch das Keckern des Eichelhähers, irgendwo, unten links wie immer, aber heute in einem unscharfen Grünkleks treibend, im Schleier des einen Nebels. Selbst das Klappern seines Schnabels, das ich ansonsten nicht mag, klang nun irgendwie tropisch durch die Surround-Erfahrung. Ich lehnte mich weit aus dem Fenster und berührte den Film warmen Taus auf einem Kirschenblatt.

Als es hell geworden war, hatte sich das Mystische in dem Bild ins Gelbliche verflüchtigt. Und wieder einmal frage ich mich, warum ich meine Träume nicht fortsetzen kann.

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