»2020 – Sing Blue Silver«

»2020 – Sing
Blue Silver«
Tagebuch

18.1.2020

«Real milk comes from cows». Direkt wohltuend, bei vielem, dem ich ansichtig werde, mich ahnungsvoll zu finden, aber nicht mehr genau zu wissend, worum es sich handelt. Telefon und Uhr liegen hier beisammen in einer Schublade. Ich will wieder lernen, durch Anschauung zu verstehen.

«Unser Auftrag: Abbruch des Philosophierens» steht in den Beton gegossen über dem Portal in der Amphitheatre Parkway, Mountain View. Zitat freilich von Heidegger, Martin.

Ich weiss noch immer nicht, wie dieser grosse Vogel heisst, von dessen Art tagsüber immer wieder einer über mir segelt, schwebend steht: Schnabel orangerot, Kopf und Rumpf sind schwarz, ein schmaler, auch kürzerer Teil seiner Flügel auch, vergleichbar mit dem inneren, dem Docht der Kerze nächsten Teil der Flamme, wobei es sich mit der Farbgebung an den Flügelunterseiten dieses Vogels umgekehrt verhält, denn ausserhalb der schwarzen Bezirke ist diese eintönig hell, sodass es, von mir hier unten aus betrachtet, den Eindruck macht, als ob dort ein kleiner schwarzer Vogel einen weissen Wingsuit trägt.

Und ist der gelbe Schmetterling ein grösserer Verwandter unseres Zitronenfalters? Und der weisse, original gross ausgegebene, ein Kohlweissling?

Callaloo heisst eine Pflanze mit grünen Blättern, die, in Streifen dünn geschnitten und gedünstet aufgetragen, durchwachsen schmecken wie Spargel, wie Brokkoli und wie Spinat. Nicht gleichzeitig, aber je nachdem; je nachdem, woran ich mich durch meinen Geschmackssinn erinnert fühle beim Abgleich dieser neuen Information.

Real milk comes from cows: Der Satz steht in weissen Buchstaben einer serifenlosen Schrift auf einer schwarzen Werbetafel am Strassenrand. Nichts weiter. Keine zusätzliche Information, kein Logo. Die Werbetafel ist so lang wie der Satz. 

17.1.2020

Wahrscheinlich kann ich nie wieder eine Palme im Wind, überhaupt nie wieder die im Wind wedelnden Wipfel oder Zweige irgendeines Baumes auf der Welt anschauen, ohne mich an den verwehten Refrain von Blackman’s Word erinnert zu fühlen. Seitdem ich zum ersten Mal Nightlife gesehen habe von Cyprien Galliard. Scheint unvergesslich. Hat meine Wahrnehmung verändert, wie es scheint. Ich glaube nicht, dass das an dem besonderen Umstand der 3D-Projektion liegt, oder weil man das Video nur zu weihevollen Gelegenheiten zu sehen bekommt, aushäusig, weil es Kunst ist; vor allem ist dieser Teil von Nightlife, in dem noch andere, weit aufwendiger produzierte Bilder zur Musik von Alton Ellis geschnitten wurden, ein ideales Musikvideo in dem die Musik die Bilder illustriert und die Bilder wiederum die Musik. Das Amalgam ist von seiner Gestalt wie eine Erinnerung für mich: vage und präzis zugleich — ohne einschränkendes «dabei», der kognitive Vorgang geschieht auf der selben Bahn. Streng genommen handelt es sich um eine false memory, die Cyprien Galliard in meinem Fall programmiert hat. Wenn ich es nicht, wie es heisst: besser wüsste, könnte ich sie von meinen wahren Empfindungen nicht unterscheiden.

16.1.2020

Zwei einander zugeneigte Schirme, als müssten sie einander stützen, der Meeresfarbton dahinter streng abgesetzt zu dem  des Himmels und genau eine einzige, von unten her noch pflaumenweich vom Sonnenaufgang angeleuchtete Wolke in des Panoramas Breite war das erste, was ich heute früh, nach schwarzem Schlaf und dem elf Stunden langen Flug davor, zu sehen bekam. Man hatte mich inzwischen nach Jamaika gebracht. 

Hier leben wir abgeschieden in einem grossen Garten, der von Hibiskushecken umgeben wird, die in voller Blüte stehen (rot). Viele kleine Katzen. 

Augenblicke vor Sonnenaufgang war ich erwacht von einer jäh wie in die Nachtstille eingeblendeten Wall of Sound der Vogelstimmen. Alle gänzlich unbekannt, bis auf den Mocking Bird (den kennst du aus Los Angeles), der auch hierzueilande die Alarmanlagentöne diverser Fahrzeughersteller imitiert. Die Düfte erinnern mich zugleich an Cagnes sur Mer und an Sri Lanka. Synästhesie, die durch das Rauschen der Wogen instrumentiert wird. Es ist die Stunde zwischen Bird Songs und Reggae.

Der Platz, an dem ich schreibe, ist den zwei Schirmen gegenüber. Ich kann Ian Fleming sehr gut verstehen.

14.1.2020

Gestern beim Zahnarzt: Ich hatte schon wieder vergessen, in welchem Ton die praktischen Mediziner mit ihren Kunden sprechen. Dem für Sprache Sensibilisierten kommt er unweigerlich sadistisch vor, dabei jedoch lustlos, beziehungsweise ultra aufgeklärt, unverblendet, rationalistisch, mega nüchtern: all soetwas kann freilich in kleiner Dosis erheiternd wirken — bis es einem dann tatsächlich schlecht geht und dann jemand in diesem Ton über einen selbst als Fall zu einem spricht. Kenne ich sonst nur von Anwälten. Wahrscheinlich kommt das von dem tiefen Einblick in den Zusammenhalt — Physis, Rechtsstaat. Machen wir uns keine Illusionen. In Wahrheit ist es doch so.

Denn es kann allzeit vorüber sein, und am Ende ist nichts: Roger Scrutons Tagebuch ist im Spectator veröffentlicht worden, das von Alan Bennett in der London Review of Books. Bennett lebt noch. Aber beide haben in ihren Tagebüchern des vergangenen Jahres 2019 ihre Bodychecks mit dem Tod festgehalten. Beides Mal kommt er plötzlich. Wie aus dem Nichts. Gerade hat Alan Bennett am 30. März noch über die Zeitschrift, die sein Mann herausgibt, nachgedacht, datiert der folgende Satz aus dem Juli. «A big hole in this year’s diary when in April I was found to need an open heart operation: leaking aorta, aneurysm and blocked artery. With no symptoms to speak of, it came as a complete surprise…» Bennett überlebt das Jahr («Blame the anaesthetic»). Die Zeitschrift heisst World of Interiors.

Roger Scruton, der vorgestern verstorben ist, will sich im September von seinem Rheumaspezialisten untersuchen lassen, sie plaudern über eine Rezension des Parsifals. Der Arzt rät zu einer Computertomografie, es übernimmt der Onkologe. Scruton schreibt ins Tagebuch «That week has been extended, but for how long? This question naturally dominates my life and the life of my family.»

In welchem Ton die Mediziner sich wohl ihre eigenen Diagnosen stellen? Mir fiel gestern der Anfang von The Emperor of all Maladies ein. Da wacht die Tumorspezialistin morgens auf mit einem neuen Gefühl im Kopf «and I knew something was terribly wrong.»

12.1.2020

Im Prospekt des ältesten Gasthauses Deutschlands sind die Fotos von den Zimmern der diversen Kategorien wie zusätzlich illustriert mit darin sitzend abgebildeten Männern und Frauen, die, auf jedem dieser Bilder ist das so: wie überrascht von ihrer Lektüre aufblickend, ihren Betrachter anlächeln. Da frage ich mich: Wird das Lesen bald eine dekorative Geste sein, vergleichbar etwa mit den blinden Büchern in den Regalen der Möbelhäuser? 

Auch Prokrastinieren macht gemeinsam noch mehr Spass. Vermutlich aber bloss dann, wenn beide vom Fach sind. Nachdem wir gestern abends festgestellt hatten, den heutigen Tag arbeitsam (gibt man dies wohlklingende, aber wohl ausrangierte Wort ein, um noch mehr von seiner ursprünglichen Bedeutung in Erfahrung zu bringen, schlägt Google anstelle dessen vor «Meintest Du: arbeitsamt») verbringen zu wollen, jeder für sich, überraschte mich Friederike beim Betreten meines Stübles, wo ich derzeit die Zeitungslektüre hinter mich zu bringen versuchte, um gleich darauf die Arbeit anzugehen, mit ihrem mein Herz erfrischenden «Na, diese Zeitung hat dir wohl heute viel zu bieten!» Was ich nicht anders konnte als zu bejahen, denn es lag ja tatsächlich eine mich auf fatale Weise mit interessierenden Texten von der Arbeit fern haltende Ausgabe vor. Nicht gerade eine Seltenheit, das muss ich zugeben, aber am heutigen Tage der Arbeitsamkeit eine das Pensum gefährdende Koinzidenz. Cord Riechelmann über den Stichling — so ein Fischle habe ich mir als Kind auch gehalten …

«Hast Du denn auch schon die Doppelseite zu den lateinischen Graffiti im Wissenschaftsteil gelesen», fuhr Friederike fragend fort, «Das ist doch etwas für dich!»

War es tatsächlich. Ulf von Rauchhaupt ist halt ein wahrer Gott. Selten hatte ich mich beim Lesen so gut unterhalten gefühlt. Bald schon war die Zeit für die Teestunde gekommen. Ich teilte mein letztes Schaumküssle mit Friederike, die arbeitsam auf dem Sofa lag, sinnierend. Widerstand aber meinem Drang, sehr oft hintereinander «Mr. Walker» von Lord Creator hören zu wollen — Reisevorbereitungen hin und her. Der Luftdruck, über Nacht leicht gefallen um drei Striche, mittlerweile bei 1028 Hektopascal.

11.1.2020

Sonnenschein am frühen Morgen gab mir ein, die Goldberg Variationen beim Toasten zu hören. Das ist Musik, dachte ich, die ganz in der Tastatur entstanden ist, auf der sie gespielt werden sollte. Ich kann da keine anderen Einflüsse hören, nichts von ausserhalb der Tastatur. Zumindest so, wie Glenn Gould sie spielt: Als Gesang der Tasten.

Liess mich dann freilich vom Wetter verlocken, doch einen Ausflug auf den Markt zu machen — entgegen der Vernunft. Der Ausflug war herrlich, auf dem Markt war es allerdings nicht so gut. Man hatte mein Ziel an ganze Hundertschaften verraten. Selbst vor den Salatmönchen, die wie an jedem Samstag aus ihrer umländlichen Klause angerückt waren, hatte sich pantomimisch eine Schlange aus Wartenden formiert. Dito vor dem Grill des Wiesener Rindswurstgurus … Ich nahm es als Strafe (und als solche auch an). Im Café Mozart ein wenig die Leute studieren kam mir beinahe ebenso recht.

Dort (ich sass innen) schäumte es schon recht ordentlich. Ein Greis im Stile Scholl-Latours verstand sich darauf, eine um ihn gescharte Damenrunde in Atem zu halten mit seiner Erzählung einer Landpartie mit Hindernissen: «Mit diesen ganzen Eingemeindungen kommt das Navigationssystem natürlich überhaupt nicht zurecht.»

«In München gibt es auch das Café Mozart», stellte eine Frau neben mir fest. «Bisschen wilder», sie sprach es englisch aus, um die noch andere Wildheit der Atmosphäre im Café Mozart Münchens im Vergleich zu dem in Frankfurt, in dem sie, in dem wir alle nun sassen, herauszustellen. Danach, nach diesem vielversprechenden Eröffnungssatz kam aber sehr lange nichts mehr von ihr.

Ein älteres Paar fotografierte sich gegenseitig für Whatsapp. Er zeigte ihr, wie sie es machen soll. Dabei sah ich ihn in Grossaufnahme auf ihrem Bildschirm, wie in seinem eigenen Erklärvideo auftretend. Währenddessen draussen vor den Fenstern die Jünglinge auf Elektroscootern durch die Töngesgasse rauschten. Und Jan schickte ein Foto des abschliessenden Peanuts-Panels aus der New York Times, mit dem der nun schon seit zwei Wochen währende Streit zwischen dem Vögelchen Woodstock und Snoopy versöhnt wurde: Die beiden schütten auf dem Dach von Snoopys Häuschen sitzend ein paar Dosen Root Beer in sich hinein. To quaff heisst also in sich hineinschütten.

Das von ihr aufgenommene Portrait von ihm im Café Mozart ist indes noch immer nicht so, wie er es sich vorstellt. Sie kann es ihm nicht rechtmachen. Darüber geraten sie in Streit. Und an ihrem Nebentisch essen drei starke Männer mit kugelrunden Köpfen (Bulgaren) den gedeckten Apfelkuchen, der auch mir am besten im Mozart mundet. Dabei zeigt der eine ein Foto von einem Mann in die Runde, nachts aufgenommen. Und gleich darauf zahlen sie eilig und brechen auf. Der Mann auf dem Foto ist mittlerweile vermutlich schon tot.

In dem grossartigen Dokumentarfilm von Georg-Stefan Troller über Handke in Paris gibt es diese Szene, in der fährt Handke Bus und versucht zu erklären, wie seine Wahrnehmung funktioniert. Beispielsweise nämlich genau nicht, wenn er mit einem Stift aus dem Haus geht, um etwas wahrzunehmen (wie ich im Café Mozart). Dann, so erklärt es Handke im Bus: kommt er sich wie ein Polizist vor, der andere aufschreiben will. Und dann, für ihn ist das klare Sache: nimmt er natürlich überhaupt gar nichts mehr wahr.

Das ist bei mir kaum anders. Aber es kommt halt auf die feinen Unterschiede an. Jedenfalls kam dann draussen endlich das kleine Mädchen vorbei, das ich noch aus dem Berliner Sommer kenne, als ich noch ein Gefangener des Dogen von Moabit gewesen war. Jenes Mädchen also, das als Nachfahrin dieser Tochter von George Bernanos auftritt in meinem Leben, um mich an mein Pensum zu erinnern. Und ihr hatte ich mich zu zu fügen.

10.1.2020

Eine Freundin fragte mich gestern am Telefon, ob ich «das fantastische Datum 1.1.2020» auch genutzt hätte, um mich zu verloben. Wieso «auch»? Sie wechselte das Thema, beziehungsweise wurde sie aufgerufen beim Arzt, aus dessen Wartezimmer sie mich angerufen hatte, wie es mir nun klar wurde. Aus Langeweile?

Dass sich eventuell etwas Neues ankündigt, das Gefühl hatte ich zum letzten Mal vor circa zehn Jahren, als auf Instagram ein mir flüchtig bekannter Kurator, der mittlerweile längst Museumsdirektor ist, eine Nahaufnahme seines offenen Mundes im Licht eines ärztlichen Behandlungsraumes veröffentlichte mit der Unterzeile «Full day at the dentist». Wieviele Likes und Comments, habe ich mir nicht gemerkt, es waren damals noch nicht solche Massen wie heute, aber dieser Satz im Zusammenhang mit dem Selfie des Mundinnenraumes hat sich mir eingeprägt als Moment (wie in fashion moment). Es war ja nicht so, das der Kurator mitteilen wollte, dass er den ganzen Tag in der Obhut seines Zahnarztes verbringen musste, weil er schlechte Zähne hatte. Sondern weil er noch bessere wollte. Hellere, mit glänzenderen Oberflächen und optimierten Zahnzwischenräumen.

Dabei stammen wir noch beide aus einer Schule von Deutschen, für die gutes Aussehen und Intellektualität sich gegenseitig in Zweifel zu ziehen hatten. Intelligenz kannte eine andere Eitelkeit. Fiel mir heute wieder ein bei einem Aufsatz von Donald Keene, der im vergangenen Frühjahr gestorben ist. Er erinnert sich, wie Mishima «eine Ausstellung besuchte, in der man Fotos von Mumien aus dem 12. Jahrhundert zeigte. Zufällig wurde Mishima auf das Gesicht eines neben ihm stehenden Mannes aufmerksam. ‚Plötzlich‘, so berichtete er später, ‚packte mich eine wilde Wut, weil er so hässlich war. Ich dachte: Wie abstossend ist doch ein intellektuelles Gesicht! Was für einen widerwärtigen Anblick bietet ein intellektueller Mensch!‘ Wenn Mishima, der Prototyp eines Intellektuellen, so urteilte, dann musste sich seine Bewertung vor allem auf sich selbst beziehen. Er beschloss, vermittels drastischer Massnahmen seine äussere Erscheinung zu verbessern. Bald darauf begann er sich im Gewichtheben zu üben, und zwar mit solchem Eifer, solcher Ausdauer, dass er aus dem recht unzulänglichen Material seines Körpers den muskulösen Torso einer griechischen Statue schuf.»

Den Konflikt, der Mishima fünfzehn Jahre nach dem Besuch der Ausstellung dazu treiben sollte, seinen statuenhaften Torso mit dem Schwert zu zerstören, vermutet Keene zwischen «seiner wahren Natur» und dem oktroyierten Selbst (man würde heute Image sagen).

Später sah ich dann in der Tagesschau Frau Kramp-Karrenbauer in einer schockierend unvorteilhaft geschnittenen Kostümjacke vor die Kameras treten. Der Stoff hatte einen unseriösen Farbton. Wie eine Ladung Weisswäsche, in die sich eine lila Socke verirrt hatte. Sie schien sich keiner Schuld bewusst, beziehungsweise war sie eins mit sich und der Welt.

Subscribe to »2020 – Sing Blue Silver«