»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

VON BERLIN ÜBER HAMM NACH BAD GODESBERG UND ÜBER BONN UND KÖNIGSWINTER ZURÜCK II

In Bonn war es nicht bloß vergleichsweise ruhig. Schön war bei der Einfahrt nach Bad Godesberg aber noch der Ausruf einer Passagierin gewesen, die aus dem Fenster schauend die Graffiti an den Fassaden bewundert hatte »Die haben hier überall diese Wandmalereien!«

Im Kanzlerhotel, wo wir im Vorjahr schon abgestiegen waren, fanden wir alles unverändert. Die beiden in Gold gerahmten Gesichtsaufnahmen der Altkanzler Kohl und Schmidt: unbebrillt hingen sie als Kustoden zu beiden Seiten der silbrigen Aufzugstüre. Man nickt ganz unwillkürlich. Kurios, dass es in diesem Themenhotel an dem Glas der Duschkabinen einen ätzgravierten Bundesadler hat.

Der Rhein ist mir ja zu breit. Oder zu flächig? Jedenfalls gefallen mir die Proportionen nicht. Der Neckar hingegen wirkt schlank, geradezu sehnig auf mich (was auch daran liegen kann, dass ich an einem Nachmittag im Teestüble am Brückenkopf bei Ludwigsburg beinahe im Neckar ertrunken wäre, weil mir beim skinny dippin‘ für den Rückweg vom anderen Ufer schlagartig die Kraft ausgegangen war, und wenn mich nicht der starke Marcus kraft seiner starken Arme ans Land gerettet hätte.) Die Spree wiederum — man mag es sich denken.

Klare Sache, dass wir nach dem Arbeitstag den Abend in jenem in ganz Deutschland einmaligen Restaurant verbrachten, das in Form eines altkaiserlichen Pagodenschiffs, einer veritablen Dieseldschunke, am linksrheinischen Ufer ankert. Der mit einem speziellen Humor begabte Ober dort liess uns am sogenannten Table Number One platznehmen. Worauf ihn der Fotograph als Brother Number One begrüßte (und diese Anspielung auf die jüngere Geschichte des mit China in absolut keinerlei Art und Weise auch nur irgendwie in Verbindung zu bringenden, aber halt zumindest ebenfalls asiatischen Zwergenstaates Kambodscha kam anscheinend gut an.) Später dann, beim Pflaumenwein, erzählte uns der Chinese von seinen Zuchterfolgen mit den Koikarpfen, von denen die teilweise kindsgroßen Prachtexemplare in einem unverdrossen sprudelnden Indoor-Teich gleich hinter meiner Lehne dümpelten. Besonders einer, dessen schwarzer Leib mit pikant orangenfarbenen Schuppen gemustert war, hatte es mir angetan und während ich noch mit Appetit das Schweinefleisch nach dem Rezept von Paul Newman mit Stäbchen in mich hineinschaufelte, bekam ich die Anfangsszene aus Eat Drink Man Woman nicht aus dem Sinn, in der ein ähnlicher Fisch in aufrecht stehender Haltung mit siedendheißem Erdnußöl arosiert wird.

Selbst auf dem Heimweg ins Hotel — der Fotograph erzählte mir, da wir unter bedecktem Nachthimmel über den schwarzen Rhein wandelten, von dem Sternenschauspiel über der Toskana, wo selbst die Milchstraße zu sehen ist wie sonst nur in Ostafrika — dachte ich an dieses herrliche Fischgericht, das mir entgangen war — wieder einmal, weil ich mich nicht zu fragen getraut hatte. Dabei war ich ihm, an Bord des Pagodenschiffs mit dem schönen Namen Ocean Paradise am Table Number One so nah gewesen wie noch nie zuvor.

VON BERLIN ÜBER HAMM NACH BAD GODESBERG UND ÜBER BONN UND KÖNIGSWINTER ZURÜCK

Freitags in der Frühe los in einem überraschend gut gefüllten Zug in Richtung Westen. Ich reiste mit dem Fotographen und im Grunde bedeuten solche Reisen im Gespann vor allem einen erhöhten Betreuungsaufwand, denn Fotographen sind ja, geradezu im Gegensatz zu Schreibenden nicht andauernd mit ihren Gedanken an die Arbeit beschäftigt; die entstehen bei ihnen situativ, also wenn sie auf der Suche nach Motiven sind. Und dann, im direkten Gegenüber branden sie auf. Während einer Fahrt dorthin aber haben sie sozusagen frei und können sich über alles mögliche Gedanken machen. Dass sie unterwegs aus dem Fenster schauen und ab und an etwas aufnehmen mit ihren Fotoapparaten, kommt anscheinend nicht in Frage. Vielleicht hat das mit ihrem professionellen Anspruch zu tun, weil sie halt besser einschätzen können, dass sich ein Schnappschuß nur selten rentiert. Vielleicht aber machen sie auch innerlich Aufnahmen, von denen ich dann nichts mitbekommen kann, weil der gehirnliche Auslöser nicht klickt. Ich bin schon mit verschiedenen Fotographen unterwegs gewesen und sie alle hatten unter anderem gemeinsam, dass die anfallsartig unter Appetit zu leiden hatten, der dann umgehend gestillt werden mußte, sonst bekamen sie schlechte Laune. So aß der Fotograph zuerst ein Hörnchen, dann ein mit Schinken und Käsecreme gefülltes Baguette, aber wie die kleine Raupe war er noch immer nicht zufrieden; seine Laune beschrieb er lakonisch als Melancholie.

Als das Zugfenster ihm Bilder aus seiner Geburtslandschaft zeigte, brachte das nur kurzfristig eine Aufhellung seiner Gemütslage, woraufhin er bald noch tiefer in seine beredte Schwermut versank. 

In Hamm wurde es kritisch. Da stieg unter Krakehlen eine Gruppe alternder Männer zu uns ins Großraumabteil und besetzte die verbliebenen Plätze. Es war erst halb zehn Uhr, aber die Männer waren schon ziemlich betrunken. Da sie in heftigem Dialekt ihren Frohsinn verbreiteten, sagte der Fotograph, dass er sich der Situation nicht mehr gewachsen fühlte. Es handelte sich nämlich, so erklärten mir das die Beschwipsten unter reichlichem Schultergeklopfe, um eine von ihnen sogenannte »Frühstücksrunde.« Aus zwei gewaltigen Kühlkoffern wurde gleich flaschenweise Weißwein ausgepackt, den sie aus ganz kleinen Gläsern, kaum größer als ausgeblasene Hühnereier, kippten. Von einem ins Gepäckfach geschobenen Rollkoffer baumelte eine erstaunlich leistungsfähige Boombox über unseren Köpfen herunter, die über Bluetooth mit einem der Mobiltelephone aus der Frühstücksrunde verbunden war. Die Musik, ich hielt es für einen Bootleg des Clan of Xymox rieb den Fotografen nur noch zusätzlich auf.

»Ist das Helene», rief er in die Runde, woraufhin der mindestens zweihundert Kilogramm schwere Truchsess der Truppe, den wir insgeheim das Monster nannten, mit der ihm eigenen Fröhlichkeit eine Bestätigung ausstellte, indem er mir durch bloßes Antippen das rechte Schlüsselbein zerbrach wie einen Zweig.

»Ich halte das nicht mehr aus«, sagte der Fotograf sotto voce. Die mittlerweile lautstark und aggressiv vorgetragenen Beschwerden der übrigen Passagiere perlten ebenfalls ab an der sauerländisch grundierten Trutzburg rheinischen Frohsinns. Der Beschwerdeführer, ein Hänfling mit Hornbrille und Undercut à la Joko Winterscheidt, drohte mit einem Hubschraubereinsatz der Bundespolizei. 

Ziemlich geschafft von dem psychischen Streß liefen wir um die Mittagsstunde im Bahnhof von Bonn-Bad Godesberg ein.

Dort schien freilich die Sonne.

»WENN DAS SCHÖNE NICHT WEHTUT, KANN MAN ES KAUFEN«

Am Morgen hatte der See erste Nebel. Die Sonne geht früher unter, das merke ich jetzt, es scheint mir plötzlich. Karin, die lange Jahre vor allem lang meine Agentin war, verriet mir einst, als ich noch nicht bereit dafür war, eine ihrer Lebensweisheiten: »Männer fallen die Stufen des Alterns hinunter, Frauen gleiten über das Geländer hinab.«

Ich habe ein wunderschönes Buch auf der Straße gefunden. Es stand da, möglicherweise für mich, zwei Morgende und Abende schaute ich es im Vorbeigehen an. Heute traute ich es mir, es mitzunehmen. Niemand schaute mir hinterher. Es handelt sich um ein Schulbuch aus den Sechzigerjahren, hergestellt, vor allem gestaltet in einem Großgraphischen Betrieb aus dem Besitz der Lübecker Nachrichten. Allein das, diese Information ficht mich an. Denn jetzt, wo Print angeblich schon komisch riecht, nicht mehr funky ist, ist mein Appetit auf die Hochzeiten schier unermesslich geworden. Wie schön man damals noch schrieb! In dem Buch werden Lehrinhalte vermittelt über Asien und Afrika. Es macht mir eine riesige Lust zu reisen, denn der Rest der Welt scheint auf eine maßlose Weise unbekannt. Neger sind dort Neger, ihre Lebensweise wird mit sprachlicher Pinzette geschildert. Dies alles ist noch nicht lange her. Beim Absatz über Äthiopien kamen mir die Tränen. Den Verfall dort habe ich ja bezeugt und mein Gefühl beim Anblick war damals wie bei einer heruntergefallenen Schüssel. Dann, beim Wiederlesen des Zeitzeugnisses wurde es noch mehr so.

Im dunstigen Licht, das im schönsten Buch von Hermann Lenz schlicht als Herbstlicht beschrieben ward, kam ich an einem geparkten Polizeiwagen vorbei. Einem Mannschaftstransporter. Und vor dem standen zwei Beamte in Riot gear, umspielt von einer Art Schäferhund mit schwarzer Maske. Das hat mich schon immer interessiert, also probierte ich aus dem Stande ein kurzes Interview. Zunächst gaben sich die Männer aggressiv, dann aber hatten sie wohl festgestellt, dass ich mich wahrhaft für ihr Tier interessierte. Und also ist es dann so, dass ein Polizeihund ganz jung schon aquiriert wird, um für seine Aufgabe ausgebildet zu werden. Diese ist, bei diesem Fall »beißen, wenn man es ihm sagt; außerdem schnüffelt er Sprengstoff«. Als Belohnung bekommt er dann einen Ball, um zu spielen. Und nicht etwa Leckerli, wie ich es angenommen hatte. Daraufhin fragte ich, ob das Tier, das währenddessen befehlsgemäß brav auf dem Pflaster lag mit gefalteten Pfoten, auch ein Privatleben habe. Der Hundeführer – das ist ein besoldeter Beruf offenbar – sagte: »Ja, selbstverständlich! Ich nehme ihn nach Feierabend mit nach Hause, dort lebt er. Wir gehen dann Gassi, ganz normal, wie mit allen anderen Hunden auch«.

Ich fragte auch noch dem großen weißen Hund, von dem meine Mutter uns erzählt hatte, der aus Anatolien stammt und extrem aggressiv sein soll. Die Profis lehnen den aber ab: das ist ein Hütehund, für den Dienst bei der Bundespolizei nicht zu gebrauchen.

Der andere hält sich eigener Aussage nach zwei Chihuahuas. Rein privat, zum Vergnügen.

DJELEM, DJELEM

Ein Lebenszeichen des Regierenden Bürgermeisters von Berlin: Durch die Bild-Zeitung lässt er verkünden, dass er, Michael Müller, außerirdisches Leben für möglich hält.

Meine Mutter hingegen lässt mich wissen, dass Frieder, ein sogenannter Kater, der meiner Ansicht nach eine Katze ist, wobei er vermutlich durch eine Kastration wahrlich bisexuell gemacht ward (von Dr. Money im Johns Hopkins Hospital gar?), jetzt täglich ins Haus eindringt, um nach uns, den abgereisten Gästen, die ihn trotz Verbots mit Ei und Sahne bewirtet hatten: schreit.

Ich habe endlich die verborgene Website entdeckt, auf der die Interviews von André Müller zur Verfügung gestellt sind. Ich will sie für Waahr gewinnen, aber seltsam war es schon, an die AOL-Adresse eines Verstorbenen zu schreiben. Wobei ich ja, als Marc Fischer gestorben war, also als er schon tot war, noch eine Freundschaftsanfrage von ihm auf Facebook bekam. Sollte André Müller mir antworten: wundern täte es mich nicht.

Abends wird es jetzt allmählich schon zu kühl für kurze Hosen.

VON HEIMERDINGEN NACH BAD MERGENTHEIM UND ÜBER BURTON-ON-TRENT ZURÜCK NACH FRANKFURT UND BERLIN

Die Amseln sind nicht verschwunden, erklärte mir mein Vater am Telefon. Sie haben sich derzeit in die Wälder zurückgezogen, weil sie in der Mauser sind.

Seinen Anruf nahm ich im Salon zur Goldenen Schere entgegen, der mir mittlerweile zum Stammfriseur geworden ist, obwohl ich viel zu selten in Frankfurt bin. Während mir dort das spärlich gewordene, dennoch wie unverdrossen sprießende Haupthaar in Form gebracht wurde, dachte ich an all meine Friseurbesuche an all den Orten auf der Welt nach, weil sie mir seltsamerweise prägnant und wie plastisch in Erinnerung erhalten waren. Möglich, dass es den Kunden von Prostituierten allüberall ähnlich geht. Das Haareschneiden ist ja ein intimer Vorgang. 

Einmal, das war in den Neunzigerjahren, als es in Manhattan noch ein veritables East Village gab, besuchte ich dort einen Salon, der wurde von armenischen Greisen betrieben. Die schäumten mir den Bart mit einem intensiv nach Lavendelöl duftenden, angewärmten Schaum ein, um mich zu rasieren – und bei ihnen selbst war das mit Blue rinse bishin ins Lila getönte Haupthaar wie eine synästhetische Entsprechung gewesen von diesem Lavendelduft.

Später dann, so fiel es mir ein, befand ich mich einst am östlichsten Zipfel des Hornes von Afrika, in der Stadt Harar, die unter anderem als Fourth Holiest City of Islam (nach Mekka und Medina und Jerusalem und so weiter) berühmt ist, auch als Wohnort des Dichters Arthur Rimbaud, aber vor allem und möglicherweise auch deswegen für das dort angebaute Rauschkraut Qat, ja: man nennt die Gegend dort sogar La Bordeaux of Qat.

Ganz plötzlich, die Straßenszenen waren ja dementsprechend abschreckend gewesen, verspürte ich den dringenden Wunsch, mich rasieren zu lassen. Begleitet von Eva und Ingo betraten wir einen dort ortsüblichen Stall mit Lehmwänden in der schneckenförmig angelegten Innenstadt. Der Barbier war schon drauf. Es stand ihm der Abschaum des grünen teehaft gekauten Rauschgemüses vor den Lippen, und über meinen ihm gegenüber geäußerten Wunsch, nämlich mich von ihm mit der Klinge rasieren zu lassen, erschien er uns selbst vor allem am meisten erstaunt.

Ernst Jünger hat hier von einer »höheren Neugier« gesprochen, die uns in eine solche Lage verlockt. Jedenfalls musste der Mann zunächst einen Buben schicken, um am nächstgelegenen Souk eine Rasierklinge zu kaufen. Für ihn wird die Rasur eine weit mehr psychedelische Erfahrung gewesen sein, denn für mich.

Auch gut war Istanbul. Überhaupt der arabische Raum, wo mir in Beirut, ausgerechnet beim Abschaben im Kehlbereich andauernd Ausschnitte aus der New York Times vorgezeigt wurden, in denen man die jüdischen Gewalttaten unter Kissinger dokumentiert sah.

Das dauerte Tage, während derer ich mich in meiner Heimat entspannen musste, um all dies vergessen zu können, was ich hier und dort schon gesehen und erlebt hatte.

Meine Mutter fürchtete sich – völlig zu recht – vor den Wespen, die allgegenwärtig waren. Bloß fragten wir uns: Wo kommen die her?

Dann, es war nach einem herrlichen Mittagsschlaf, fiel mir plötzlich die Erzählung von Poe ein; die mit dem Brief. Und mein Blick landete auf dem sogenannten Insektenhotel, das gleich über dem Springbrunnen an einem hölzernen Sichtschutz hing. Als meine Mutter dann, sie ist gegen das Gift von Bienen und Wespen allergisch, den Nebel aus der Sprühdose dort in den Eingangsbereich – die Lobby – hineinverströmen ließ, purzelten ihr Dutzende der schwarz-gelb gestreiften Spießgesellen entgegen. Manchmal ist es halt doch ganz leicht.

Am Sonntag dann besuchten wir den Vater in seiner Kurklinik im Wald über Bad Mergentheim. Acht Wochen waren es nunmehr schon her gewesen, dass er aufgrund seiner anfänglich noch lustigen Gelbfärbung von uns entfernt worden war. Wir gingen zusammen was essen. Und es tat mir weh, ihn alleine dort zurücklassen zu müssen (so, wie es Eltern wohl weh getan haben muss, ihre Kinder bei anderen zurücklassen zu müssen, um sich um ihre eigenen Geschäfte kümmern zu können.)

Abends fuhren wir immer ins Stückle, und ernteten von den Mirabellen und Äpfeln so viel, dass er, bei seiner Heimkehr am Mittwoch, noch das Gefühl des Erntesegens erhalten würde, obzwar er in diesem Jahr nichts mehr selbst noch ernten können wird.

Als wir dann in Birmingham landeten und über die Landschaft der Grafschaft (vielleicht war’s auch umgekehrt,) fuhren, war mein Blick noch immer landwirtschaftlich geschärft. Also sah ich vor allem die herrlichen Wiesen und Rasen, die Hecken, das Strotzen der englischen Natur. Bei der Hochzeit in der Kathedrale von Leicester betete der Priester dann vor, dass die beiden sich in richer and in poorer times ertragen sollten.

Nehme mal an, dass letzteres eintreffen wird.

Burton after sunrise, Britain before brexit: wenn das Licht stimmt, ist das Land einfach herrlich. Ich habe noch nie solch schöne Szenen geschaut. 

Burton-On-Trent ist eine Brauerei-Metropole. Zudem wird hier angeblich die Aufstreichpaste Marmite abgefüllt. Von beiden, meiner Befürchtung nach extrem geruchsintensiven Prozessen, war an diesem zurückliegenden Wochenende nichts zu spüren. Glücklicherweise.

Im Junkspace, also in einer Shopping Mall, das war am Nachmittag des Sonntags vor dem Abflug, kauften wir einen bluetooth-fähigen Hasen aus weißem Gummi, der einen silbrig vergitterten Lautsprecher bleckt. Wir saßen dort in der Einkaufshalle und der Hasenlautsprecher spielte London Calling.

Es hat, obwohl viele der dort flanierenden Greise so auffällig wie primitiv an den Unterarmen tättowiert waren, außer uns niemanden sonst interessiert.

DAVID GUETTA ON DRUGS AT TOMORROWLAND

Lange Zeit war ich der Gefangene des Dogen von Moabit, aber jetzt endlich rollt der Zug hinaus in die Welt. Am Bahnhof warten die Stare auf Bestellungen. Sie singen um Burger wie Mister Bojangles.

Der Star, Vogel des Jahres 2018 und somit ein Punktpunktpunkt unter den Vögeln: Ich liebe seinen Gesang. In meinen Charts auf Platz zwei nach dem des Amselhahns, noch vor dem der Nachtigall. Neulich, es wird ja jetzt kühler und auch früher dunkel am Abend, sah ich sie (die Stare) bei ihren Herbstmanövern; noch erst in kleinen Geschwadern. Doch schon als pulsierende Wolke am Himmel zwischen den Bäumen. Die sind noch voller Laub. Alles noch.

Katja Eichinger hat ein schönes Album aufgenommen mit Rem Koolhas. Manchmal schadet Geld halt doch nicht. Mir übrigens keinesfalls. Als ich nachts mal anfallshaft sehr viele Filme von Rainer Werner Fassbinder hintereinander angeschaut hatte, dachte ich mir: Du findest die Filme von Rainer Werner Fassbinder ja doch gar nicht total schlecht, wie Du immer und andauernd behauptet hast. Du hast sie halt bloß zur falschen Zeit angeschaut. Und jetzt kommen sie Dir recht. Wenn Du damals schon gewußt hättest, dass man Textflächen auch auf Statuen laden kann, wäre Dir Tristesse Royale nicht missraten als Theaterstück.

Angeblich gibt es vielerlei Gründe, aus denen heraus ich mich privilegiert fühlen dürfte. Ich kenne einen: ich reise mit dem Prototypen einer Seife im Gepäck.

22. AUGUST 2018

Eine Feder schwebt durch das windstille Blau zwischen Baum und Fenster und ich weiß nicht, ob da jemand sein Kissen ausgeschüttelt hat oder ob die von einer Krähe stammt, die sich ihr Gefieder putzt.

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