»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

DAS SOMMERMÄRCHEN

Es ist Modewoche in Berlin. Die Sonne scheint, und der salzlettenhafte Antennenstab des Fernsehturms sticht in ein makelloses Blau. Das ist jene Jahreszeit, in der man als Einwohner sich die Wachspropfen aus der Illias wünscht, aber, da es die außerhalb der Fiktion nicht gibt, dann Satzfetzen mitanhören muß á la »und aus dem Kundenzimmer, wird dann irgendwann ein Kinderzimmer…«

Eine Versprechung. Ein Versprechen war es, im Nachhinein aber nicht wirklich, als ich, 1996 aus Hamburg kommend, dort aus St. Pauli, hierher zog. Eine Weile lang hatte man uns Zugezogenen versprochen, dass sich Berlin ändern würde, sobald etwas Geld investiert würde; dann, in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, anläßlich der Krise in den Medien nach dem 11. September hieß es, dass die Veränderung mit den sogenannten Startups der digitalen Wirtschaft zu erwarten stünden; als die Startups sich in Berlin niedergelassen hatten, hieß es, man müsste nun nurmehr noch abwarten, bis diese wirtschaftlich erfolgreich würden.

All dies ist, aus meiner Sicht, schon sehr lange her. Und der Bürgermeister von Berlin, nach einer Reihe von Bürgermeistern wie Diepgen, Momper und Wowereit, schaut nicht nur so aus wie er heißt, er wirkt sich auch genau so aus.

Vermutlich freut es ihn nicht einmal; wahrscheinlich versteht er das auch nicht, die sogenannte Dimension dessen, dass es nun, zur Modewoche, langbeinige Männer in Radlerhosen gibt aus dem Ausland, die sich vor einem Altenheim in Mitte fotographieren lassen in neonfarbenen Plateauschuhen. Er kennt die Geschichte Berlins seit der Loveparade wahrscheinlich nur von dem her, was ihm als politisch gewichtig erschienen war; die Loveparade als Event (jetzt ist es halt der Karneval der Kulturen.) Den Stoß ins Muschelhorn von Dr. Motte hat er nicht vernommen. Auch nicht nachgearbeitet—warum auch! Höchstwahrscheinlich ist Michael Müller nicht einmal auf Instagram angemeldet, um die Hashtags seiner Stadt, #Berlin checken zu können. Zuzutrauen wäre es ihm.

Sohn eines Druckers. Immerhin!

Einst, als ich in diese Stadt zog, war die Torstraße noch die unschönste im Zentrum. Heute hat dort Rafael Horzon, den Bürgermeister Müller normalerweise zum Ehrenbürger ernennen müßte, seine angebliche Aufnahme in das Designmuseum von Vitra zu Weil am Rhein begiessen lassen. Das ist doch eigentlich ein Vorgang für diese Stadt. Doch waren außer dem Bürgermeister nur alle möglichen anderen Bürger vor Ort.

Jan nennt, wannimmer ich über die Stadt klage, »die Menschen« als einen Grund für mein weiteres Hiersein. Und am vergangenen Samstag, als wir dort rings um ein Lagerfeuer saßen, war das auch so. Da fielen goldene Sätze, und ich konnte mir ein Leben ohne die Zusammentreffen mit Claudius, Thilo, Irina und Malakoff auch nicht vorstellen. Dies aber nur momentan und von daher kurz, denn wir treffen uns ja so gut wie nie; im Grunde sind es zwei Male im Jahr.

Später holte ich die Urlaubsbilder ab, es waren erstaunlich viele gelungene dabei. Es bringt doch viel, wenn man auf Film fotographiert und sich von daher auf wenige Aufnahmen beschränken muß. 36 Motive in zwei Wochen: So also war das. So schauten wir aus.

PAUCA SED MATURA

Beinahe eine ganze Woche hatte es dauern sollen, bevor meine Seele zu mir heimgeflogen kam. Sie schwelgte dort wohl noch in den Wäldern und Gassen, im Gefieder der Kirschbäume und auch im Holunderbusch, in der Mähne des nassgeregneten Pferds.

Gestern dann, vor dem eigentümlichen Lokal an der Skalitzer Straße, wohin Götz eingeladen hatte, um seine Zusammenarbeit mit einem sogenannten Tuner zu feiern, fühlte ich ihr allmähliches Eintreffen. In den Pissoirs dort lagen Skorpione aus dunklem Kunststoff. Aus den Lautsprechern des Waschraumes tönte Motorengeräusch. Als ich meine Tischdame fragte »Why did you travel so much«, sagte sie: »I was raised in a religious cult.«

Ich sehnte mich nach der schönen Armut.

CHÀO SOFIA

Dieses Mal wohnen wir nicht im Stadtzentrum, sondern im Viertel der eurasischen Botschaften mit Blick auf den Hausberg. Von den Fenstern aus sind Einblicke in das Leben der anderen möglich, weil hier viele die Küche in den von mit Scheiben verglasten Balkon verlegt haben. Eine Nachbarin von gegenüber schaut am Samstagabend lange in das innere Weiß ihres Kühlschranks und schließt dessen Türe dann wieder, um in einen Topf auf der Herdplatte zuerst etwas Milch, dann den Rest aus einer Tüte Zucker zu schütten. Mit dem Topf in Händen schlurft sie in den schattigen Teil der Wohnung zurück. In der Küche schräg darüber thront eine Katze in ägyptischer Pose auf dem Kühlschrank und blickt mich an. Ein Empire State Building ragt vor dem Waldrücken auf. Seine Kantigkeit wird bei Sonnenuntergang mit einem Haufen dunkelroter Glühbirnen hervorgehoben. Drunten in den Straßen ist es schattig und grün. Elstern streiten sich in den Linden. Beim Überqueren der langen Hauptstraße zeigen sich aus der Ferne die goldenen Kuppeln der Kathedrale.

Seltsam, dass mir diese Welt des Wenigen vielfältiger vorkommt, nicht reicher, als das, was ich vom Leben in Berlin verinnerlicht habe. Trotz tagelangen Herumstreunens in Sofia und Bansko keinen vernünftigen Buchladen gefunden. Und der Besuch im angeblich besten Plattenladen war unerfreulich. Der Besitzer zögerte auch, uns überhaupt hereinzulassen. Als wir uns kauflos verabschiedeten, schien er direkt erleichtert. Auf dem Markt gibt es Himbeeren und riesige Pilze.

Für das Museum der Militärgeschichte sollte man mehrere Stunden einplanen. Die Ausstellung zeigt Exponate aus sämtlichen Epochen. Es geht im Ergeschoss los mit ersten Versuchen, aus Stein und Holz tödliche Waffen und Rüstungen herzustellen, dann gibt es bald schon Dolche und Schwerter, erste Uniformen aus Wolle und Filz. Ausladende Schlachtengemälde aus der Zeit des siegreichen König Boris, dann liefert Krupp aus Deutschland vernünftige Kanonen. Beim Betreten des Saales, der den Verlauf des zweiten Weltkrieges nachzeichnet, gesellt sich eine Museumspädagogin zu uns, um die Rolle Bulgariens speziell vor und nach dem 6. September 1944 zu erklären: Dem König gelingt es da nämlich, inmitten der letzten Schlachten, sein Land aus dem Pakt mit den Faschisten zu befreien, und Bulgarien auf die Seite der Sowjets zu schlagen. Es sind Fahnen zu sehen, auf denen die Hakenkreuze mit kreisförmigen Stücken aus weißem Fahnenstoff übernäht wurden, auf die wiederum der rote Stern appliziert wurde. Die in die Griffschalen der Dolche, auf die Schäfte der Bajonette, auf die Holme der Gewehre eingeprägten oder -gravierten Hakenkreuze mussten freilich in der Hitze des Rückzugsgefechtes bleiben, wo sie waren. Vorangegangen war eine Bombardierung Sofias durch die allierte Luftwaffe. An der Wand des Museums sind Abbildungen eingestürzter Gebäude in körnigem Schwarz-Weiß angebracht. Und um das Geschehene drastisch zu verdeutlichen, wurde an dieser Stelle des Raumes die tatsächliche Deckenverkleidung dramatisch heruntergerissen, so als habe sich der Qualm einer Phosphorbombe erst gestern verzogen. Kurz vor zwölf Uhr am Mittag werden die Besucher zum Verlassen des Gebäudes aufgefordert, weil dann die Angestellten zu Mittag essen. Nach einer halben Stunde darf man aber wieder hinein.

Draußen geht man unter freiem Himmel zwischen sämtlichen Panzern und Pontonlegern, Flugabwehrkanonen und Boden-Boden-Raketen, Hubschraubern und Schützengrabenbaggern, mobilen Radarstationen, Torpedogeschützen und Seeminen herum, die jemals vom bulgarischen Militär eingesetzt wurden. Das gefällt freilich den Kindern, die hier von ihren Vätern herumgeführt werden. Das Klettern auf dem von der deutschen Bundeswehr gestifteten Düsenflieger Tornado, Schrecken meiner Kindheit mit seinem Schallmauerknall, ist aber verboten. Look don’t touch, wie bei Schmetterlingen – sollte generell für alle Zeit und alle Menschen, insbesondere aber für die Erwachsenen gelten. 

Im Ersten Weltkrieg, die waren auf der zweiten Etage ausgestellt, gab es Gasmasken für Pferde und Hund.

Nah bei unserem Haus in dem Viertel gibt es eine Kindertagesstätte in der gleichen Bauweise, wie ich sie aus dem grünen Viertel hinter dem Alexanderplatz Friedrichshain kenne. Im Spielgarten hier ist ein kleines Schiff aufgestellt, in dessen gelb lackierter Kabine zwei Steuerräder nebeneinander angebracht sind. Damit sich die Kinder nicht streiten, weil beide Kapitän sein dürfen. Und trotzdem fällt mir dazu ein, wie sich beide dann anschreien und hauen, weil der einer von beiden bestimmt in die falsche Richtung lenkt.  

EUMOLPIAS FILIPPOPOLIS THRIMONZIUM PLUNDIV FILIBE PLOVDIV

Muss sich diese Stadt, die für das kommende Jahr zur Kulturhauptstadt Europas gewählt wurde, denn eigens zu diesem Anlass herausputzen? Wir finden: nein. Grün wie Sofia, dabei aber straßenweise mit Obstbäumen bestanden, die gegenwärtig zum Backen von knusprigen Mirabellenkuchen, zum Einkochen von Marmeladen oder Kompotts aus Maulbeeren, Mispeln und diversen Sorten von Kirschen einladen, dazu eine wie das Volk der Bulgaren selbst aus verschiedenen Einflüssen zusammengeführte Architektur, die teils noch römische Ruinen zeigt, zwischen barocken Fassaden, dann wieder Renaissance, Wienerisch anmutender Jugendstil, bloß halt ohne die florale Ornamentik, sowie zeitgenössisch Verspiegeltes und immer mal wieder dazwischen die schlecht gealterten Reste der Zweck- und Prachtbauten (die also auch bloß zweckdienlich gemeint waren), der 1989 zum Ende gebrachten Diktatur. 

Weil Plovdiv vor über 8000 Jahren am Ufer der breit und träge fließenden Maritza errichtet wurde, segeln noch heute die Möwen über den Dächern der Innenstadt. Sie sind zu erstaunlich unterschiedlichen Lautäußerungen im Stande. Vom scheinbar panischen »Oh! Oh!« und einem trötenden Klagelaut, als würde eine Gans mit dem Trichter gemästet, bis zum, so scheint es uns: höhnischen Gelächter – und dies übrigens, vielleicht ja zum ehrenden Andenken Fitzgeralds: sogar im Dunkeln. Selbst nachts fliegen die Möwen durch das schlafende Plovdiv. Wenn zuvor aber die Sonne untergeht, sitzt man am Besten auf jenem Hügel inmitten des ältesten Teils der Altstadt am Boulevard Septemvri, wo seit 5000 Jahren die Reste einer Tempelanlage herumliegen, auf denen man gut sitzen kann. Dann geht der Blick weit über die schöne Stadt, und hinter dem neu gebauten Teil fängt sehr bald schon das Grasland an. Der Himmel ist hoch und weit zugleich. Mit den letzten Strahlen der Sonne fängt sich in den Flügelspitzen der Möwen das Gold. Dann will man selbst lossegeln, notfalls mit einem Drachen oder an einem Gleitschirm, um über den Dächern die eigenen Kreise zu ziehen, so wie sie. Rot blinkend steigen sogar hier, in der künftigen Kulturhauptstadt Europas und der Kulturhauptstadt von Europas ärmstem Land die Drohnen auf. In Banskos Wäldern waren sie verboten. So haben wir uns schließlich den Traum vom Fliegen dennoch so einigermaßen erfüllen können, 2000 Jahre nach Ikarus; halbwegs, oder wie es jetzt heißt: virtuell. 

Gestern, am späteren Abend, vermischte sich das jammernde Tröten, ihr Kreischen und Lachen mit einem aus dem antiken Stadion herüberwehenden Klagelaut, dem im regelmäßigen Abstand von ein paar Minuten vielhundertfach applaudiert wurde. Was sich für unsere Ohren zunächst anhörte wie eine Coverband, war aber der veritable Sänger Sting, der hier ein Konzert unter freiem Himmel gab. Und damit schloss sich wiederum ein Kreis, denn als wir im vergangenen Nachsommer im Schwarzwald die sandsteinerne Klosterruine besucht hatten, war dort gerade alles vorbereitet und eingerichtet worden für ein Open Air in der Klosterruine feat. Sting. Er ist ja von Haus aus Gymnasiallehrer. Vermutlich von daher seine Vorliebe für kulturhistorisch aufgeladene Kulissen. Die Katzen von Plovdiv jedenfalls zeigten sich heute früh ungewöhnlich scheu, geradezu verschreckt, als wir ihnen unsere Futtergaben darbringen wollten. Wir erklärten es uns dann aber so, dass sie noch durch das Gejaule des jazzenden Greises verstimmt waren. Durch gutes Zureden und beharrliches Aufhäufen der Trockenfutterpellets der Marke Clever gelang es Friederike dann bald, die Blockaden zu lösen. Auch bei Katzen kommt der Appetit mit dem Essen. Und es kann halt nicht jeder wie Orpheus singen. Davon wissen Katzen nichts. 

IN BANSKOS WELT

Ursprünglich hatten wir nicht vorgehabt, nach Bansko zu reisen. Aber seitdem wir von dem Whirlpool in Jakoruda aus auf die schneebedeckten Gipfel des Piringebirges geschaut hatten, war der Wunsch, dort auch sein zu dürfen, stark. Bansko, der Ort, ist zudem die vorletzte Haltestelle der Rhodopenbahn. Und das milde Bier, das uns an dem ersten Abend vor dem Kiosk an der Autobahnbrücke in Sofia ausgeschenkt ward, das Bier von den Bergen, wird auch dort gebraut.

Durch die Lage direkt am Fuße des dramatisch aufragenden Massivs, der vielen Steilhänge wegen, ist Bansko vor allem unter Wintersportlern beliebt. Doch zumindest die Altstadt ist auch spirituell aufgeladen. Die Häuser im Ortskern rings um die Kirche zur Dreifaltigkeit, auf deren schlichtem Turm aus Feldsteinen gemauert ein Storchennest eher hängt als steht, sind im sogenannten Bulgarischen Wiedergeburtsstil erbaut. Der Begriff bezieht sich auf die Epoche nach der Befreiung von der osmanischen Herrschaft, die mit der Wiedervereinigung Bulgariens im Jahre 1848 (diese Zahlenkombination sieht man häufig und überall im Land als Graffiti) ihr endgültiges Ende fand.

Zu unserem Glück hatten wir ein Zimmer in der direkt der Kirche gegenübergelegenen Pension Dedo Pene erhalten. Als wir dort eintrafen, fand auf dem Kirchplatz gerade eine Hochzeitsfeier statt. Und zwar mit ganz ähnlicher Musik von Trommeln und Klarinetten, wie sie uns im vergangenen Jahr auch von dem Garagenhof in Frankfurt zu Ohren gedrungen war, als dort bekanntlich in der weiteren Verwandschaft der Mume eine Hochzeit gefeiert ward. Nun schloss sich hier in Bansko damit ein Kreis. Es schließen sich hier sowieso andauernd Kreise. Und manchmal kommt es mir schon so vor, als ob ich vielleicht doch vom bulgarischen Blute bin. Vieles hier rührt mich auf eine tiefgehende Weise. Anderes scheint mir auf seltsame Art vertraut, verständlich, dabei verstehe ich noch immer kaum ein Wort und kann mir auch das Wort für Danke nicht merken, weshalb ich mit dem ebenfalls zulässigen, noch aus der Osmanischen Zeit verbliebenen Merci antworten muss.

Das Zimmer im Dedo Pene zum Beispiel war mir vom ersten Augenblick das Zimmer schlechthin. Mir war, als ob ich solch ein Zimmer schon immer gesucht hätte; als ob ich viele Jahre lang auf dem Weg war in dieses Zimmer zurück: ein niedriger Raum aus verschiedenen Hölzern. Mit Fenstern am Boden, deren Scheiben in klaren Farben zu einfachen Mustern gefügt. Die Bohlen rings um das niedrige, feste Bett mit dem bestickten Kopfteil waren mit Lammfellen belegt. Ein uralter, von seinem multifunktionalen Aufbau her raffinierter Ofen (und zwei Steckdosen) als einziger Hinweis auf die technische Welt. Der Baustil der Bulgarischen Renaissance sieht hinter dem Wohnhaus einen von Mauern umfassten Innenhof vor. Sämtliche Gänge des Hauses münden in überdachte, die Fassade umlaufende Balkone aus schlicht beschnitztem Holz, von denen aus man bei Regen in wollene Decken gehüllt in den Innenhof hinein und auf die dunstigen Berge schauen kann. Die Atmosphäre ist tibetanisch. Es gibt viele Katzen. Da in Bansko in der grünen Jahreszeit eher so gut wie kaum etwas los ist, kauft man sich eine Tüte Katzenfutter der Marke Jungle und füttert die in den Gassen und Gärten streunenden Katzen, was nicht nur nicht verboten, sondern von den Einwohnern gern gesehen wird. Ein bulgarisches Pendant zum in unseren Städten populär gewordenen Urban Gardening

Heute früh sind wir im Frühtau mit der Seilbahn bis weit in das Gebirge hinein auf 1800 Meter gefahren. In der Regenzeit fährt diese Seilbahn nur einmal am Tag hinauf. Außer uns waren damit nur die Waldarbeiter unterwegs. Nach einer knappen Stunde des Wanderns erreichten wir die berühmte Schlangenkiefer, ein Solitär der Pinus Heldreichii, deren Alter von den Bulgaren auf 1300 Jahre geschätzt wird. Es ist der älteste Baum in Bulgarien. Er ist so alt wie das Land selbst. Eine Schulklasse hatte sich um den Stamm des greisen Riesen versammelt. Ein Kind nach dem anderen wurde vom Lehrer vor dem Nationalnaturdenkmal fotografiert. Bald darauf fing es zu regnen an. 

In der enorm gemütlichen Taverne am Kirchplatz, die 1720 errichtet wurde, wo man bei Sonnenschein unter einem üppig tragenden Kirschbaum sitzt, wurde uns neulich ein für diese Gegend typisches Gericht serviert: eine Art Raclette aus geschmolzenem Käse, darauf ein Kompott aus den Kirschen vom Baum im Hof. Der Kellner, in der mit rot und weiß bestickten Tracht auftretend, dabei seiner Persönlichkeit mit einem Orden, dessen Plakette das Gesicht Stalins zeigte, Ausdruck verleihend, raunte uns beim Servieren noch zu: »It’s more of a gourmet thing.« Trifft im übrigen auch auf ein Hauptgericht auf der fantasievoll zusammengestellten Speisekarte zu: Ein Hase, in einem ganzen Kürbis gegart.

Morgen geht es nach Plovdiv. Dort soll es um 30° Grad haben. Dann werden die fernen Erinnerungen an ein städtisches Leben wiederbelebt.

MIT CARL FRIEDRICH GAUß BERGAN ZU DEN POMAKEN VON SVETA PETKA

An Bord der Rhodopenbahn fuhren wir bis zur Station von Sveta Petka, die am Saum eines Hochwaldes an einer Wiese lag. Dort stand ein braunes Pferd unter einem Holunderbusch. Von der namensgebenden Siedlung war nichts zu sehen, also folgten wir dem einzigen anderen Fahrgast, der hier mit uns vom Zug abgestiegen war. Er war uns schon während der knapp einstündigen Fahrt aufgefallen, weil er die Seiten seines Oktavheftes mit den immergleichen Zeichen gefüllt hatte – anscheinend denen der Ziffer Neun – bis er von einer der mitreisenden Pomakenfrauen, die vom Markt in Velingrad nun mitsamt der ihnen verbliebenen Fantaflaschen, gefüllt mit Ziegenmilch, zurück in ihre Dörfer reisten, darauf angesprochen ward, ob er ein Musikant sei. Diese Frage hatte er, so dachten wir, bejaht. Und bei seinen Ziffern würde es sich demzufolge um Noten gehandelt haben. Wobei: Ganz sicher konnte man sich da nie sein, da die Bulgaren ja mit dem Kopf wackeln, um ein Ja zu bekräftigen und umgekehrt mit dem Kopf nicken, wenn sie verneinen; manchmal, so hatten wir es auch schon erfahren, wollten sie einem mit ihrem Wackeln und Nicken aber widerum das Umgekehrte bedeuten. Eindeutig wurde es nie.

Nun, da wir gemeinsam von den schmalen Gleisen der Bahnstrecke, vorbei an dem einsamen Pferd, rasch in den steilen Wald hinein strebten, fragten wir unseren Wanderkumpanen, ob er als Musiker dort in das Pomakendorf eingeladen war. Er widersprach leicht empört: »Ein Musikant? Nein. Ich bin Mathematiker.« Und zog, wie um sich auszuweisen, eine in Blau eingebundene Broschüre hervor, deren Titel ein Porträtbild von Carl Friedrich Gauß hatte. Hiervon entspann sich nun, dabei wir feste bergan liefen, ein längerer Vortrag seinerseits, von dem wir kein Wort verstehen konnten, da er auf Bulgarisch gehalten wurde. Zeit, den Übersetzer aus dem Beutel zu kramen, hatten wir keine, denn es ballte sich schon seit unserer Ankunft eine bleierne Wolkenschicht über den Wipfeln der Kiefern des Waldes um uns herum. Und unserer Erfahrung nach würde das in wenigen Minuten zu einem deftigen Gewitter führen – nicht umsonst war es in den Rhodopen so unnachahmlich saftig und grün. Unseren Begleiter focht das aber nicht an. Unsere erschreckten Gesten gen des ballenden Graus wischte er weg, bloß um uns dann wieder eine anders aufgeblätterte Seite seiner Broschüre vor Augen zu halten, um so auf eine weitere Delikatesse im reichen Werk des Princeps hinweisen zu dürfen. Einmal, das war vor einem steinernen Waldbrunnen, aus dem direkt aus dem Fels entspringendes Mineralwasser geschöpft werden durfte, nutzte er die eilige Trinkpause sogar dazu, mit einem Stöckchen jenen Stern mit 17 Strahlen in den Waldboden zwischen unseren Füßen einzuzeichnen, für dessen Berechnung Carl Friedrich Gauß unter anderem gerühmt ward. Und gleich nach der nächsten Biegung des steilen Weges kündeten erste Müllberge vom Beginn der pomakischen Siedlung. 

Wir erreichten das Zentrum des entlang einer Landstraße errichteten Dorfes, da fielen schon Tropfen. Der Mathematiker hatte sich von uns vor dem Tore des Schulgebäudes verabschiedet. Hastig war er dort die Stufen eines sich unter den Kiefern emporwindenden Weges hinaufgesprungen. Die blaue Broschüre in der Hand. Das Dorf schien ausgestorben. Rings um die Moschee, deren Minarett ungefähr sechs Meter aus dem Boden empor ragte, gab es einige kioskhafte Hütten aus Wellblech, an der Rückseite der eiförmigen Agora war die Terrasse eines Cafés, das geschlossen hatte. Doch unter den Sonnenschirmen, die in den Rhodopen auch verlässlichen Schutz vor dem Regen bieten sollen, fanden wir Platz. Nun war es an der Zeit, den vorbereiteten Satz auf dem Display des Übersetzers vorzuzeigen. Der Betreiber des Cafés las unseren dort auf Kyrillisch formulierten Wunsch nach einer Übernachtungsmöglichkeit heute, hier in Sveta Petka ab und machte direkt abwehrende Handzeichen. Unsere weiterführenden, im höflichen Tone eingetippten Bitten lehnte er durchgängig ab. Anstelle deren verwies er uns auf den Nachbarort Yundola. Dort gäbe es immerhin ein Hotel. So ging das einige Zeit hin und her. Mittlerweile wurden in dem Café die Fensterscheiben mit einem bunten Besen geputzt. Eine Pomakin legte uns mit sanfter Geste zwei Päckchen Salzletten auf den Tisch. Und als ein lautes Knacken aus den hoch oben an dem Minarett befestigten Megaphonen den Gesang des Muezzins ankündigte, fiel einem der vor dem Café sitzenden Männer der Kopf in den Nacken und seine Lippen klafften dunkel und weit. Hier würde sich, eventuell, übermorgen etwas in unserem Sinne ergeben. So aber blieb uns nach einem Blick auf den in weiser Voraussicht am Bahnhof von Velingrad abfotografierten Fahrplan der Rhodopenbahn nur noch den Weg zurück durch den tropfnassen Wald bergabwärts zu nehmen, um den letzten Zug nach Jakoruda noch erwischen zu können. Hier fanden wir Herberge im Hotel Sonnenschein, für dessen Buchung wir auf booking.com prompt beglückwünscht wurden, da es sich um ein Hotel in der Topkategorie der Hotels in Jakoruda handelte. Es war das erste und einzige Hotel am Platz. Der Ort selbst, das Hotel sollte sich eineinhalb Kilometer außerhalb befinden, war unauffällig. Beinahe schläfrig über die für rhodopische Siedlungen typische Lethargie hinaus. Auf der Suche nach einem regionalen Snack betraten wir eine von Zeltplanen überspannte Baracke, in der einige junge Frauen vor Blechtellern, überhäuft mit Pommes Frites, saßen. Unsere auf dem Übersetzer leuchtende Frage, ob es hier etwas Warmes zu essen gäbe, wurde vehement nickend verneint. Ich hielt einer von ihnen den Übersetzer hin, verbunden mit der Frage, wo wir denn hier etwas essen könnten. Ihre Spracheingabe wurde von unserem Gerät wie folgt übersetzt: »Unter der Brücke nach links unten sind die Wangen des Restaurants.« 

Wir fanden dort einen von zahlreichen Schirmen der rhodopischen Brauerei überdachten Bereich mit Tischen und Stühlen. An einem saß ein veritabler Zwerg. Der Mann war nur etwas über einen Meter hoch gewachsen, sprang aber behende umher und tauschte als erste Amtshandlung, die auf dem von uns ausgewählten Tische die feucht gewordenen Servietten gegen einen trockenen Stapel aus. Bald wurde uns von einer Frau aus dem Inneren des sagenhaft dekorierten Flachbaus eine Suppe serviert, aus deren würzig trüber Flüssigkeit, die obendrein auch noch nahrhaft, weil reich an tierischen Fetten war, unsere Löffel eine schier unendliche Vielfalt an in Stücken geschnittenen Innereien zu Tage schöpfen durften. Die Brotscheiben wurden mit 10 Cent pro Stück abgerechnet. Die Suppe war nur wenig teurer. Auch fand ich dort, im Inneren des Flachbaus, bald darauf einen starken Freund, der, selbst für einen Bulgaren, ungewöhnlich muskulös vom Wuchse war: sein Nacken allein durfte, wie ich es vor unserer Abreise noch in dieser Zeitung in einem ähnlichen Zusammenhang gelesen hatte, dazu geeignet sein, ein Passagierflugzeug zu ziehen. Und auf Vermittlung dieses bulgarischen Riesen, der Zwerg lauschte unserem Gespräch gebannt, fuhr alsbald, denn ein reguläres Taxigewerbe war in den Wangen dieser Stadt noch unbekannt, ein junger Mann in einem Passat vor, der uns dann zum Hotel Sonnenschein kutschierte.

Dort war schon ein Whirlpool aufgebaut, in dessen heiß blubberndem Mineralwasser wir mit Blick auf die schneebedeckten Gipfel hinter Bansko saßen. Bis zum Eintreffen einiger englischer Greise, die uns mit dem für diesen Menschenschlag leider üblichen Betragen den Aufenthalt im Sonnenschein vergällen würden, hatten wir fortan eine herrliche Zeit. Einmal, da wurden wir beim Botanisieren in den Sümpfen hinter dem aufgegebenen Wellnesszentrum vom Starkregen überrascht, mussten wir unter einer kleinen Brücke Zuflucht nehmen. Dort saßen wir dann beinahe zwei Stunden lang auf einer Schäferbank an einem beständig anschwellenden Strom, der mich am Schlusss die einzigen Schuhe kosten sollte, die ich für diese Reise mitgeführt’. Aber herrlich war’s, wie der Regen hier zu beiden Seiten wasserfallhaft herunterrauschte. Die gelben Dolden der Königskerzen leuchteten aus dem dunstigen Grau. 

MIT DER RHODOPENBAHN VON SEPTEMVRI NACH VELINGRAD

Sofia ist die grünste Hauptstadt in Europa. Dieser Eindruck ergibt sich interessanterweise nicht beim Flanieren entlang der mehrspurig befahrenen Boulevards, die es selbstverständlich gibt, sondern beim Blick in die davon beständig abzweigenden Seitenstraßen, die dicht mit alten Laubbäumen bestanden sind. Man fühlt sich dort hineinverlockt und geht dann unter Alleen zwischen den Häusern hindurch bis zur nächsten Verzweigung, wo es in alle drei Richtungen und scheinbar für immer so weiter geht. Bald hinter der Kathedrale des Heiligen Alexander Nevski, die mit ihren vergoldeten Kuppeln Zeugnis gibt vom einstigen Goldreichtum Bulgariens, wird es mit den Häusern links und rechts des Baumschattens noch einmal besonders schön. Das Viertel beherbergt in seinem Zentrum die Botschaft der Vereinigten Staaten, was sich unter anderem am wie plötzlich erscheinenden reichhaltigen Vorkommen teurer Limousinen und SUV erkennen lässt. Erste Schaubäckereien mit Kühlregalen voller aus Deutschland importierter Demeter-Produkte und den Fruchtsäften von Van Nahmen bedienen die Nachfrage einer gehobenen Käuferschicht aus Expats, deren Suche nach glutenfreiem Backwerk oder laktosefreien Milchersatzprodukten überall sonst in Sofia ergebnislos verlaufen müsste. Dabei sind es gerade die herrlichen Milchprodukte, insbesondere der sagenhaft sahnige, dabei stichfeste Joghurt, der für die bulgarische Ernährungsweise stehen könnte, sollte und steht. Nicht umsonst ist die oberste von drei Farbschichten der Landesflagge milchweiß.

Und dann eben das Grün. Kaum hat der von einer Diesellokomotive angeführte Zug den selbstbewusst überdimensionierten Hauptbahnhof von Sofia verlassen, geht es an menschenleeren Bahnsteigen vorbei hinaus vor die Tore der Stadt. Hier gibt es in abwechslungsreicher Folge die monströsesten Industrieruinen aller Zeiten zu bestaunen. Einst, vor, wie es deren Verwitterungs-, Verrostungs-, Entfensterungs-  und Einsturzgrad nach scheint, sehr langer Zeit, müssen hier gewaltige Produktivkräfte nur eben noch so in Hallen gepfercht und dort unter Dampf gesetzt worden sein; heute schweigen sämtliche Räder nur still und dazwischen gedeiht der Essigbaum. Bald darauf tröpfelt die Architektur rasch aus und weite Flächen ozeanischer Getreidefelder oder solcher mit Mais rollen ins Bild vor den Fenstern. Die Traktoren oder auch Mähdrescher, die für die Ernte auf solchen Ländereien benötigt würden, kann man sich von ihren Dimensionen her kaum noch vorstellen. Eventuell werden dann hunderte von normalgroßen Fahrzeugen dicht an dicht nebeneinander einherfahrend eingesetzt – wer weiß. Was bleibt, ist der Eindruck eines mächtigen Bodens. Und durch die heruntergezogenen Abteilfenster weht heiße Luft herein. Am Horizont stehen die Berge im bläulichen Dunst.

Wofür steht das Rot?

Bei der Anfahrt auf Septemvri – die Stadt ist im Bulgarischen tatsächlich mit dem Namen des Monats benannt – lassen sich Störche sehen. Erst einige wenige Exemplare, die vereinzelt durch die Fluren staksen, dann, mit den ersten Industrieruinen, sind dort auch Nester, wie wir sie bloß noch aus Büchern kennen: dick und scheibenrund, vor allem stets in größtmöglicher Höhe auf erkalteten Schloten, auf dem Arm eines Krans, dessen Turm schon bis auf halbe Höhe von den Schlingpflanzen vereinnahmt ist. Hier, am Bahnhof von Septemvri, der genau so aussieht, wie man sich einen Bahnhof im bulgarischen Hinterland vorstellt, kann in die fabelhafte Rhodopenbahn umgestiegen werden. Eine der wenigen Eisenbahnen auf Schmalspurgleisen, die es noch gibt auf der Welt. Der Zug steht schon bereit: drei Waggons und eine Lokomotive rumänischen Fabrikats, von deren Karosserie die rote Lackfarbe in breiten Schuppen malerisch abblättert. Der Motor läuft sich warm. Vor dem Bahnhofsgebäude gibt es einen eindrucksvollen Ulmenhain, in dessen Schatten es sich angenehm auf die Abfahrt warten lässt. Ein Greis versucht, drei Gurken auf dem verbogenen Gepäckträger seines Fahrrades zu befestigen. Ansonsten ist es leer und still.

Bahnfreaks mag die Spurbreite der Rhodopenbahn begeistern. Uns gefiel daran, dass man zwischen den Abteilen auf den Trittbrettern stehend im Freien reisen darf. Es war außer uns beiden nur noch ein weiterer Passagier an Bord. Und der Schaffner, glücklicherweise nicht halb so streng wie der im Darjeeling Ltd. Auch beherrschte er das Kunststück, vor dem Halt an einer der kleinen Stationen unterwegs, bereits während der Einfahrt vom vorderen Teil des fahrenden Zuges aus auf den Bahnsteig zu springen, um dort dann schon eine Zigarette rauchend zum Stehen gekommen zu sein, bevor der Zug selbst es ihm erst gleichtun konnte.

Außerdem wird man während der eineinhalb Stunden von einem mal mehr mal weniger reißenden Gebirgsbach begleitet; es gibt steile Hänge, felsige Gipfel, und weitgehend haben mich die ersten Ausläufer der Rhodopen hier an Norditalien erinnert und ans Tessin. Der Baumreichtum ist enorm, vor allem gibt es aber Eichenwälder, so dass ich mich fragte, wie es mit dem Trüffelvorkommen in Bulgarien ausschaut. Wenn der Zug in einen Tunnel fährt, sollte man den Atem anhalten. Dann heizt sich die Atmosphäre um das Trittbrett herum blitzartig auf, als ob einer die Backofenklappe aufgerissen hat im Dunkeln und der Dieselqualm verpestet die Luft.

Vier Stunden würde der Zug auf diese Weise noch weiterfahren, um dann am Ende gerade etwas mehr als 100 Kilometer hinter sich gebracht zu haben. Das Haar voller Insekten stiegen wir von der Rhodopenbahn ab. Es war noch hell, und noch immer sehr warm. Velingrad, unser erstes Etappenziel und somit Basislager für die Expedition, schaute dann doch ziemlich genau so aus, wie man sich »The Spa Capital of The Balkans« vorstellt. Trotz der allgegenwärtigen Geranien. Und die Erinnerungen an die Straßen von Sofia, obwohl erst einen Tag alt, erschienen uns so farbig wie in die Ferne gerückt zugleich.

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