»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

IM RESTAURANT DER ZUKUNFT

Ausflug ins Brandenburgische. Das mir nächstgelegene Restaurant der Zukunft findet sich laut der Findefunktion auf der Website von Mc Donald‘s nahe Teltow, unmittelbar hinter der ehemaligen Zonengrenze. Mit dem Regionalbus dauert die Fahrt über eine Autobahn lediglich fünf Minuten bis dorthin. Es geht vorbei an der verlassenen Zollstation von Dreilinden, einer Ansammlung schöner Gebäude, deren roter Anstrich mittlerweile ins Himbeer verwaschen ist. Das Ensemble steht unter Denkmalschutz. Wahrscheinlich wird darin bald schon ein Accelerator eröffnet; oder der Skulpturenpark einer Kunsthandlung. Eine steht dort ja schon: aus dem gegenübergelegenen Waldufer ragt eine Rampe aus Beton über den Wipfeln. An deren Klippe ist ein lebensechtes Modell jener Räumfahrzeuge befestigt, mit deren Hilfe dort einst die Mauer wieder abgebaut wurde. Man hat es rosafarbend angestrichen—wohl um es herauszuheben aus den Naturfarben der Umgebung aber wohl auch, um es nicht zu weit zu treiben, mit der Lebensechtheit des Modells.

Die Restaurants der Zukunft, es gibt derzeit schon mehrere hundert auf Bundesgebiet, sind daran zu erkennen, dass die Golden Arches, das »Mc Donald‘s M« dort auf tanngrünem Untergrund steht. Auch das Gebäude unter dem Schild erinnert mit keinem Merkmal mehr an die berühmte Corporate identity: Tanngrün statt Rot, Eichbraun statt Gelb. Gleich im Eingangsbereich tritt man vor mannshohe Touchscreens, mit denen das Menü bestellt und auch noch an diesen Bildschirmen bezahlt werden kann. Diese Bildschirme gibt es zunehmend auch schon in den Filialen, die noch in rot gestrichenen Gebäuden der ersten Generation firmieren. In den Restaurants der Zukunft aber, Grund meiner Reise, werden auch neuartige Speisen angeboten: die Burger der sogenannten Signature Collection. Es handelt sich, so zeigt es die wie gewohnt appetitanregende Produktfotografie des Konzerns, um Burger, die mit dem inzwischen deutschlandweit etablierten State of the Art der Burgerherstellung mithalten wollen: schwellende Buns, muskulöse Patties, strotzend vor gemüsigem Beiwerk. Dazu kommt das für Mc Donald‘s ungewöhnliche Angebot, vermittels eines Multiple-Choice-Menüs auf dem Touchscreen die Zusammensetzung eines Burgers nach gusto zu verändern. Einzelne Spezialzutaten lassen sich sozusagen hinzubuchen, Standards können weggebucht werden. Der Garungsgrad des ungefähr doppelt so dicken Pattys (à la medium, well done, black and blue) läßt sich allerdings nicht wünschen. Aber das kommt sicherlich noch. Im Lichte der Konzerngeschichte geradezu maschinenstürmerisch erscheint die Option, sich im Restaurant der Zukunft sein am Bildschirm bestellt und bezahltes Menü von einem Menschen an den Sitzplatz servieren zu lassen.

Das Mobiliar, hell war es ja schon immer gehalten, wirkt im Restaurant der Zukunft freundlich. Die Sitzbänke und Stühle sind mit tanngrünem und eichbraunem Kunstleder aufgepolstert. Der Signature-Burger wurde in eine voluminöse Schachtel aus mattschwarzer Recyclingpappe verpackt. Im Inneren befindet sich ein vermutlich von Andrée Putman entworfenes Wachspapier, das mit einer Art-Deco-Grafik bedruckt ist. Der Burger selbst sieht verblüffenderweise exakt so aus, wie auf der Produktfotografie am Schirm. Er leuchtet von innen heraus. Schmeckt allerdings dann haargenau so, wie ein klassischer Burger von Mc Donald‘s. Was ja andererseits auch etwas beruhigendes hat.

Die Fritten, noch gibt es keine aus Süßkartoffeln, werden auf Wunsch mit einem Dip in der neuartigen Geschmacksrichtung Hot Chili serviert. Das Töpfchen ist mit einer Lasche verschlossen, die, um auf die Schärfe noch extra hinzuweisen in jenem Farbton gehalten ist, der auf der Pantoneskala als Warm Red C ausgewiesen wird. Es ist dies jener alarmrote Farbton, mit dem der Suhrkampverlag aktuell das Büchlein »Gegen Judenhass« von Oliver Polak einbinden läßt. Hüben wie drüben wirkt das aber irreführend. Der im Restaurant der Zukunft servierte Dip schmeckt marmeladig und kein bißchen hot.

TEQUILA IN YOU IS TEQUILA IN ME

Jetzt ist die schönste Phase der Laubfärbung. Der Grunewald lockt flauschig gelb und golden, teils in wächsernen Tönen, der Ahorn ist mit Puppengliedern behängt. Erntedank auch im Verlag, wo ich heute zur zehnten Stunde mit dem Fotographen zu Gast sein durfte. Es gab von der Praktikantin gebackene Kekse in Fledermausform, die waren, laut C. komplett verbrannt (ich habe sie nicht versucht.) Tee aus einer Kaffeekanne. Alle Tassen unterschiedlich geformt. Draußen war freundlich, wie es bei Sensorama einst so schön hieß. Dann große Lust, mich zu bewegen, bis ich dem müde bin. Vom Helmholtzplatz bis ans Ende der Kaiserin-Augusta-Allee. Tausende von Stolpersteinen pflasterten meinen Weg. Mancherorts Blumen. Kerzen, Grablichte. Kurz vor Sonnenuntergang, langer Fünfuhrtee meiner Seele: die Wolken, gedühnt.

HOMESICK (REMASTERED)

Und am dritten Tage erfand Gott den Wrap. Ein Stelldichein bei Cola und Broten. Es wurden Fotos gemacht, denn es gibt ja seltsamerweise keine Standfotographie mehr. Dafür wird dann im Nachhinein ein Fotograph eingeflogen und man stellt das Geschehene dann natürlich stumm nach, und das wird begründet mit veränderten Produktionsbedingungen, mit der auktoriellen Perspektive des Fachmannes für Standbilder und—mir direkt einleuchtend: mit einem anderen Licht.

Tja, und das wars dann (damit hatte es sich.)

Und ich, ich fragte mich selbst, weil wie plötzlich niemand anders mehr da war: wohin soll ich jetzt?

Da fiel mir dann als letztmögliche Option mein liebes Zuhause ein, mein Heim, der Bau mit seinen vielen Fenstern. Der Kirschbaum war ganz feurig geworden. Lohfarbend. Und die Sonne färbte die Wolken am Himmel golden. Es wurde still.

Erinnerungen, wolkenhaft, an die gestrige Nacht, als wir im Elaine’s saßen und Cornelius zu mir sagte »Joachim, Du bist ein unerträglicher Mensch, aber ich lese Deine Texte so gern.«

Da schwankte ich noch zwischen dem Impuls Nein zu sagen; ihn sozusagen förmlich anzubetteln, mich doch erträglicher finden zu müssen.
Aber jetzt ist es endlich wieder so, daß ich mich ausgesöhnt habe mit ihm und seinem Urteil in der Abwesenheit. Und daß ich einsehen kann, dass er recht hat. Dass es egal sein darf, wie man mich empfindet als Mitmensch.

YOUR PUSSY‘S GLUED TO A BUILDING ON FIRE

Roehler überrascht mich als Froschmann. In einem dreiteiligen Anzug in der Primärfarbe Grün und es ist sofort so, als hätten wir dieses Gespräch nie unterbrechen müssen. Es geht, einfach so, weiter, und ich empfinde das als angenehm, mehr noch: beglückend. Man vergißt die Kameras und die Leute vom ersten Moment an, es darf intim werden; man ist intim miteinander geworden.

Verrückt auch, also schön, wie er, Roehler, es hinkriegt, dass selbst in den Pausen, wo die Kameras schlafen, er diese Atmosphäre hält. Es ist alles, jeder Schnupfentalk, filmenswert. Er lebt auf diesem Set, das alle anderen das Leben nennen.

Erschöpfend freilich—ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt derart viel und am Stück von mir gegeben habe. Nach Drehschluß dann: vollkomen leer.

Und die Hölle für tote Kinder war voll, weswegen die Untoten durch den Prenzlauer Berg gingen, um, mit Blut um die Lippen, ihre Forderung vorzubringen: Süßes oder Saures, Trick or Treat. Und eine, ein Mädchen, ging mich an, sie hatte sich das Kunstblut in dünnen Linien über die Innenseiten ihrer Handgelenke gemalt.

Neue Bräuche

»STARLESS« BY COSMATOS

Kemp hat recht: Der Anfang ist das Beste, was man seit langem, seit Shining vielleicht gesehen hat, vor allem halt wegen der roten Schrift auf den Baumkronen im Nebel und dem Lied Starless von King Crimson darunter. Aber dann ist es halt schon bei diesem Lied so, dass es nur so lange gut ist, bis der Sänger (bei King Crimson unübersichtlich; Kemp wird wohl wissen, wer) seine Stimme erheben muß zum Refrain (und später—vermutlich hatte Sting seine Inspiration für den Englishman in New York daher; von dieser teuflisch harmonischen Kombination aus Gitarre und Klarinette—wenn die sogenannte Improvisationen losgehen, wird es unhörbar für mich;) und was die schönen Farben angeht: kaum kommt der gelbe Greifer des Baumbaggers ins Feld (man sieht ihn tatsächlich nur wenige vierundzwanzigstel einer Sekunde lang), steht dort Nicolas Cage. Und wie zum Beweis, kippt in dem Moment ein jahrzehntelang gewachsener Baumstamm um, tot.

Wobei das vermutlich beabsichtigt ist, dass ich bei Mandy noch immer an die Nase von Barry Manilow denken muß.

Anyway, das mit den Drohnen: Noch können wir uns dem Effekt nicht entziehen.

LOVE LIKE BLOOD

In der deutschen Übersetzung von Already Dead, die ich bei Erscheinen in der schönen Buchhandlung am Isartorplatz kaufte, steht bei Denis Johnson eine seltsame Wendung für das Sterben: »er ging durchs Rohr.« In der Originalsprache habe ich Schon Tot dann nie gelesen, dachte es mir aber immer als entweder down, oder up the drain. Je nachdem. Bis ich dann gestern die berühmte Duschszene in Psycho schaute, und da werden die letzten Blutwirbel mit dem Wasser in eine Nahaufnahme des Badewannenabflussloches gespült. Das Blut lebt noch, biologisch gesehen, wenn es ins Rohr gesaugt wird. Entweder also er selbst (Johnson), oder seine Übersetzerin, haben dabei an Hitchcocks Bilder gedacht. Kann es, parallel dazu, überhaupt anders gewesen sein?

Im Theater ist der Zuschauer frei, hinzuschauen, wohin er will. Da kann es am Duschvorhang heftig zur Sache gehen, aber einer vielleicht unter all den anderen schaut währenddessen auf seine Armbanduhr, oder auf das grünleuchtende Schild zum Notausgang; die Kamera erzwingt, genau dorthin zu schauen. Vielleicht finde ich aus dem Grund allein Filme unfair.

Kurz draußen, die Feuchtigkeit in der kalten Luft fühle ich nadelspitz im Gesicht. Schneien wird es aber nicht. Der Geruch der abgefallenen Blätter hat sich von Teesatz hin zu gebranntem Zucker verändert.

DEUTSCHLANDS ERSTER INSEKTENBURGER

Friederike hatte die hübsch bedruckte Schachtel neulich aus dem Supermarkt mit nach Hause gebracht, wir legten sie dann in die Tiefkühlschublade, wo sie in Vergessenheit geriet. Heute, durch die herrliche Fischsuppe in Frenzy hungrig geworden, fielen mir die Bug Burger ein. Den Slogan Deutschlands Erster finde ich eher abschreckend. Interessant hingegen, daß die eher zierlich geformten Frikadellen von einem Start-Up aus Osnabrück hergestellt werden (vertrieben über die Edeka.)

Warum Start-Up? Nun, die Firma nennt sich »Bugfoundation«. Jeder andere Hersteller von Wurmfleischfrikadellen, jeder hundsgewöhnliche Insektenfleischer würde vom Namen her bei seinen Leisten bleiben. Interessant freilich das mit Osnabrück, von den deutschen Städten eher eine der selten ins Gespräch gebrachten, wenngleich freilich mit einem gut situierten Umland gesegnet, weshalb es dort, ich glaube noch immer, ein gepriesenes Restaurant von Thomas Bühner gibt (oder gab.) Auch erinnere ich mich noch gut an die Eröffnung des Hannoveraner Schützenfestes, des größten in Europa, wie die Hannoveraner es gerne hervorheben, durch Christian Wulff im September des Jahres 2003, als der gerade Sigmar Gabriel besiegt hatte und zum Niedersächsischen Ministerpräsident gewählt worden war. In dieser Funktion hielt er seine Festrede vor den versammelten Schützen und Lüttje-Lage-Trinkern und sagte unter anderem »Hannover ist schön. Noch schöner finde ich eigentlich nur Osnabrück.«

Die Bahnhofshalle dort—in O-Town, wie die Osnabrücker vermutlich zu sagen pflegen—ist übrigens wirklich schön. Die Insektenburger bestehen zu 45% Prozent aus dem extrem fein gewolften Fleisch sogenannter Buffalowürmer, über die man kaum etwas anderes sagen könnte als über Mehlwürmer zum Beispiel. Oder die vom Besuch südostasiatischer Nachtmärkte vertrauten Bambuswürmer: weißes Insektenfleisch halt (Regenwürmer, Schlickwürmer, Tauwürmer et cetera zählen so gesehen zu den Rindern des Erdreiches, ihr Leib scheint rot.)

Man hat in den Osnabrücker Büros und Laboratorien der Bug Foundation übrigens lange an der Gewürzmischung getüftelt—das Wurmfleisch an sich schmeckt ja nach noch weniger als nach Kalbfleisch; als Texturspeise in Südostasien geschätzt, kann der Wurm aber nach Osnabrücker Rezeptur seine Knusprigkeit schlecht entfalten, wenn man ihn, um sein Fleisch zur Frikadelle umarbeiten zu können, derart sandhaft fein wolft. Nach einer im Auftrage der Bug Foundation durchgeführten Marktforschung hat sich ein durch alle Schichten hindurch breit akzeptiertes Aroma für die intensiv orange gefärbten Frikadellen aus je ne sais quoi  herauskristallisiert.

Weswegen der Deutschlands Erster Insektenburger aus Osnabrück nun wie Falafel schmeckt.

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