»2020 – Sing Blue Silver«

»2020 – Sing
Blue Silver«
Tagebuch

6.1.2019

Gestern abend ging es ins «Wild Palms» — endlich, wie ich sagen muss. Den Wunsch, dieses, von aussen betrachtet, obskure Restaurant auszuprobieren, haben wir seit dem vergangenen Sommer gehegt, seitdem Martin Mosebach uns damals von seinem Besuch dort in der für ihn typischen Farbigkeit erzählt hatte. Zwar konnten wir seinem Bericht auch entnehmen, dass er nicht unbedingt häufig sich in asiatischen Restaurants hatte bekochen lassen, doch gab es in seinem Redefluss des generellen Staunens schon einige wie bizarr daraus hervorragende Details, die er, Mosebach, noch während er selbst zu uns sprach, an uns, an unseren innerlichen Augen wie es heisst, vorüberschippern liess.

Und gestern dann, wie gesagt: Nichts wie hin. Das «Wild Palms» befindet sich im Souterrain eines Bürogebäudes gegenüber des Hauptbahnhofes. Von dem für diese Gegend typischen Lärm und Gewese kriegt man aber dort unten in dem fensterlosen Kellergeschoss nichts mit. Darüberhinaus ist die weiträumige Fläche geschickt beleuchtet und mit unauffälligem Mobiliar in eine einzige Sitzlandschaft strukturiert, wo Gruppen von zwei, bis gut und gerne zehn Personen eine für sie jeweils wie massgeschneidert wirkende Insel der Abgeschiedenheit finden sollen. In die Tischplatten ist dann jeweils ein unauffälliges Ceranfeld eingelassen, dessen Heizkraft man allerdings nicht unterschätzen sollte. Kaum nämlich dass einer der leis in Tennisschuhen auftretenden Kellner einen Topf mit zwei Brühen diesem Felde aufgestellt und im Kontrolldisplay mit der Fingerspitze die Leuchtziffer 5 aktiviert hat, fangen diese in des Topfes Rund gehegten Brühen auch schon lebhaft an zu sprudeln (Der Topf ist auf seiner Mitte durch eine eiserne Wand in zwei Hälften unterteilt wie diese sprichwörtlich gewordenen Öltanks, oder, platt gesprochen: die deutsche Hauptstadt einst in West- und Ostberlin).

Man geht dann besser rasch hinüber zu dem silbrigen Regal, in dessen kühlen Fächern die von Meister Mosebach bestaunten Meeresbewohner ausgebreitet lagern. Auf gonghaft flachen Blechtellern, die selbst bloss sparsam dekoriert sind, eher schlichten, trägt man dann, wozu man Lust hat es zu munden, zurück zum Topfe, der mittlerweile, auch weil er, gleich wie gross die Gruppe sein mag, gleich wie gross der Tisch, doch stets auf diesem dort im Zentrum steht, zu einer Art Lagerfeuer, zu dessen Abglanz immerhin geworden war in unseren Augen (den äusseren wie innerlichen). Hier liess es sich vortrefflich plaudern. Unablässig steckte man mit den Stäbchen eine Garnele, eine (Wähl-) Scheibe von der Lotusblüte, auch mal ein paar Froschbeine, die speziell auf Fotos danach ausschauten, als läge dort der gehäutete Hinterteil eines muskulösen Menschen, in die würzig brodelnde Suppe. Es schmeckte alles vortrefflich und je mehr und je vielfältigeres Zeugs man in den Brühen garte, desto köstlicher mundete die Brühe, die man freilich am Schluss erst ausschlürfen darf.

Ob Mosebach wohl tatsächlich schon einmal dort gegessen hat? Dafür könnte sprechen, dass das «Wild Palms» zwölf Stunden aufhat, bis tief in die Nacht, und man für einen verblüffend geringen, auch nur einmalig zu entrichtenden Betrag während diesen Stunden nonstop essen und trinken, aber halt auch lediglich in dem Souterrain verweilen darf, ohne dass einem die Kellner dieses Nachtasyls karierte Fragen stellen. Und Mosebach war doch den grössten Teil des vergangenen Jahres als Australier des Herzens so gut wie obdachlos.

So recht konnte ich ihn mir im «Wild Palms» aber doch nicht vorstellen. Vielleicht hatte er ja auch ein ganz anderes Restaurant gemeint.

4.1.2019

Erquickt durch eine abendliche Blutspende — ein halber Liter bloss, aber irgendwie macht sich das doch bemerkbar. Meine Nachbarin auf dem Schragen nutzte die Minuten an der Zapfstelle, um Sprachnachrichten einzusprechen. Später trafen wir uns wieder an der Tafel mit den Erfrischungen, da wurde ihr von einer Laborantin, zum Dank für ihre zehnte Spende, eine Anstecknadel in Form des Roten Kreuzes in Gold, besteckt mit einem tropfenkleinen Rubin, überreicht. Genau diese Auszeichnung hatte mein Vater einst in Silberfarben nach Hause gebracht. Und ich hatte, erpicht auf diesen Friedensorden — friedlich wie sonst bloss noch das zierliche Christuskreuz, das Professor Splett an seinem Revers zu zeigen pflegt — von dem Abend an die Jahre gezählt, bis ich selbst einst würde spenden dürfen.

Gelobt worden war ich gestern dafür, wie rasch mein Blut den Beutel füllt: 500 Milliliter in 5 Minuten und 15. Kurios, das ich darüber dann einen Stolz verspürte. Wir optimieren uns zu Tode heisst ein Aufsatz im neuen New Yorker, hatte ich zuvor noch beim Durchwühlen meines Spam gesehen.

Schön dann heute die frische Energie, wahrscheinlich bilde ich sie mir ein, mit der ich durch das neu gebildete Zwölftel meines Blutes ans Werk gegangen bin. Analogien von Akku aufladen, neuer Prozessor und so. Noch weit vor seiner Stunde aber, die üblicherweise um 16 Uhr beginnt, traf ich den braunen Hasen an, der am Rand meines Weges zum Skyline Plaza in einem Garten unter Wäscheleinen lebt. Heute wagte er sich also schon am Vormittag hervor. Mir zur Freude. Das trug freilich noch bei zu meinem Weltgefühl eines besonderen Tages. Und dann machte er auch noch Männchen, um vom Cotoneaster zu knabbern. Ich drehte ein Video. Im Hintergrund ist das Rotkehlchen zu hören.

3.1.2020

Dass auch musikalisch abgeschmückt werden soll, stimmt mich melancholisch. Die Tage und Abende mit dem Vince Guaraldi Trio sind die schönsten für mich im Jahresverlauf. Glitzerndes Perlen des Kinderchors — sollte man besser nicht abrupt absetzen, sondern ausschleichen, wie es in der Fachsprache für Seelisches heisst. Abnadeln lassen. Bis man sich am Dreikönigstag mitsamt dem Baum am Strassenrand findet. Wohin soll es nun gehen, weihnachtlichs Selbst? Wo drückst du dich, unbehaust geworden, von Tür zu Tür herum, die nächsten 350 Tage?

Jürgen Dollase hat neulich im Interview erklärt: Bei ihm bleibt der Baum noch stehen bis Lichtmess. Auch bis in den März soll in manchem Jahr schon vorgekommen sein. Ein Messie der Festlichkeit. Meine Grossmutter hat die Ostereier teilweise derart gut versteckt, dass sie nur zu einem kleinen Teil wieder aufgespürt werden konnten. Sympathisch. Wahrscheinlich bewohnt Dollase ein Gehöft, ehemaliges Schulhaus und dergleichen, da kommt es auf einen Baum mehr oder weniger nicht an.

In seiner Zeit für Briefe beantwortet Nick Cave in dieser Woche eine Frage nach der Entstehungsgeschichte von Hollywood — offenbar nicht nur für mich das Lied des vergangenen Jahrzehnts, das ich mir wieder und wieder zu Gemüte führen will wie sonst bloss eines meiner seltenen Bücher. Er schreibt, dass ihm die Bilder für die Feuerbrunst in Malibu, den rastlosen Puma, die Tiere am Strand, bei einer Fahrt durch das nächtliche Oslo eingefallen sind. Aufgenommen wurde das Lied mit diesem Text dann im Jahr 2018 in Malibu, in einem Studio, das von einem Garten umgeben war, den man wohl durch grosse Fensterscheiben während des Singens und Spielens sehen konnte. Kurz darauf kam es dort tatsächlich zu einem Flächenbrand und der Garten und die übrigen Gebäude auf diesem Grundstück, sowie alle umliegenden Häuser sind verbrannt. Einzig das Haus, dass dies Aufnahmestudio enthält, blieb stehen wie von den Flammen verschont. Cave stammt ja aus Australien. Er hat ein Foto aus dem Jahr 2018 an seinen Antwortbrief gehängt, auf dem ist ein Alpaka zu sehen, das am Strand von Malibu an eine Hütte angeleint im Sand steht. Im Hintergrund ein angeleintes Pony. Die Luft ist tief orange getönt. Ohne Gelatinefilter.

2.1.2020

«Eine solche Schrägheit bekommt der gediegene literarische Handwerker nicht hin. Zwar wurde diese Schrägheit nicht bewusst eingesetzt, aber muss etwas bewusst sein, um bedeutsam zu werden? Kann schlechtes literarisch relevant sein, auch wenn es nicht bewusst als Zitat von Schlechtem eingesetzt wurde?»

Was Fichte zum Gedicht schreibt, auf die Gemälde des Kubaners wenden: Was will der mit seiner Malerei? Beziehungsweise: Was soll ich mit ihr? Die Bilder kosten, angefangen bei 450, bis zu 1000 Euro. Die sogenannte Preisgestaltung bewirkt, dass mich seine Werke nur noch mehr stören, wenn ich dort im Café Laumer sitzend auf sie schauen muss. Schlecht und teuer = unverschämt. In einer Kunsthandlung würde mich dieser Zusammenhang, den ich konstruiere, um mir die verstörende Wirkung dieser Leinwände zu erklären, wahrscheinlich kaum angehen. In der Galerie als Bestandteil einer Sphäre des Kunsthandels gelten spezielle Gesetze, die ich nicht kennen muss. Sie können mir egal sein, meine Lebensführung bleibt davon unberührt. Da ich kein Kunstsammler bin, suche ich ein Café in grundsätzlich anderer Absicht auf, als eine Galerie. In eine Galerie gerate ich grösstenteils eher zufällig, dabei stets absichtslos. Das müsste ich zwar auch von meinen Besuchen im Café behaupten, dafür ist meine Absichtslosigkeit beim Cafébesuch von einer anderen Qualität als die meiner absichtslosen Galeriebesuche. Das Café besuche ich vorgeblich absichtslos, also mit Hintergedanken. Zu diesen aber konnte ich im Laumer nicht durchdringen. Da hingen diese Gemälde des Kubaners davor (auf einem breiten Querformat durchbohrte eine in die kubanische Nationalflagge gehüllte Kurzstreckenrakete einen Fries von Baumwipfeln im Morgendunst — ungefähr so ging mein Leid).

Der Kubaner weiss von alledem vermutlich nichts. Sein Gemälde mit dem Titel Die Schuhe von Adam und Eva zeigt natürlich eine Sandalette mit hohem, bleistiftdünnem Absatz, die mit der Spitze einen Halbstiefel mit Schnallenverschluss berührt. Der modernisierte Schnabelschuh steht ebenfalls mit seiner Spitze der ihm gegenüber angeordneten Sandalette zugewandt. Wie auf sämtlichen Gemälden des Kubaners, die im Café Laumer ausgestellt werden, sind diese beiden Schuhe auf weissen Grund gesetzt und bestehen wieder aus den kamelhaarfeinen, dicht an dicht gemalten Baumwipfeln in leuchtenden Grüntönen. An einem ebenso aus Baumwipfeln zusammengesetzten Riemchen der Sandalette hängt übrigens ein roter Apfel, naturalistisch gemalt.

Spannt die Topflappen auf, ich quack den Panzen an die Wand! (Fichte)

1.1.2020

Neujahrsbrunch im Café Laumer. Das Licht draussen war besonders schön, der Himmel von einer schönen Bläue, die uns seidig vorkam. Friederike meinte, das käme vom Feinstaub. Es wird wohl ein erstaunlich grosser Teil der alljährlichen Menge von den Knallern und Raketen in der Silvesternacht verursacht. In Australien ist eine Feuersäule entstanden, angeblich viele Kilometer hoch. So hoch jedenfalls, dass sie ihr eigenes Wetter erzeugt. Vögel fallen tot vom Himmel.

Ich stelle mir vor, bloss eines der Hochhäuser draussen wäre aus solchem Feuer. Und das dann noch um ein vielfaches höher — nein, ich kann es mir nicht vorstellen. Bis zu dem kleinen Flugzeug und seinem Kondensstreifen hinauf. Bleibt man dann stehen «wie gelähmt»? Wie der Hase im Auge der Schlange. Im Angesicht der Feuersäule. Fällt man tot um, bevor man an der Säule verbrennt?

Wie irritierend ein Kunstwerk wirken kann: Im Laumers pflegen sie die Unsitte, ausgewählten Künstlern das Ausstellen ihrer Gemälde in den Gasträumen zu gewähren. Da hing, seitdem ich dort hingehe, noch nie auch nur ein einziges auch nur erträgliches Bild. Die aktuelle Hängung ist aber pervers. Gezeigt werden die Leinwände eines Kubaners. Er arbeitet auf weissem Grund, und setzt darauf dann realistische Formen aus detailliert mit dem Kamelhaarpinsel gemalten, winzigen Baumkronen in leuchtenden Grüntönen zusammen — also beispielsweise die Konturen des Gesichtes von Marylin Monroe. Oder die Silhouette der Frankfurter Skyline, die, auf einem Silbertablett stehend, von einem schnaubenden Bullen durch die Wolken getragen wird. Ein Bild hat den Titel Die Schuhe von Adam und Eva.

Lässt sich nicht ignorieren. Einfach zu schlecht.

31.12.2019

Als letzte Post des Jahres (und des Jahrzents!) trifft endlich das Jamaica-Buch von Fleming ein. Darin der ersehnte Aufsatz über Dialect, Magic And Religion, von dem ich mir Grundlegendes zum Verständnis des Inselvolkes versprochen hatte (in zwei Wochen brechen wir auf). Enttäuschenderweise hat die Forschung zum Zeitpunkt der Drucklegung, 1965, noch kaum etwas zur Inselsprache Patois herausbringen können. Auch der Rastafari-Kult ist da noch eher Randerscheinung, Reggae unbekannt. Interessant jedoch der Verweis auf die afrikanische Sprache Akan aus Ghana, auf die sich zahlreiche der auf Jamaica verwendeten Begriffe zurückführen liessen. So gibt es im Akan das System eines Geburtstagsnamens, der auf den jeweiligen Wochentag hinweist, an dem man zur Welt gekommen ist. Das scheint in dieser Kultur von erheblicher Bedeutung. Ausserdem werden diese den Wochentagen zugeordneten Namen in für Mädchen und Jungen eignenden Formen verliehen, damit auch in der Zugehörigkeit zum jeweiligen Geschlecht Eindeutigkeit herrscht, beziehungsweise: man weiss, mit wem man es zu tun hat, wenn man über jemand anderen spricht. Unter den Sprechern von Akan und auf dem alten Jamaica stünde Ludwig van Beethoven namensmässig eher halbseiden da — ein Freitagsmann? Oder doch eher ein klassischer Mittwoch? Hegel hingegen, im selben Jahr an einem Montag geboren, dürfte dort zusätzlich zu Georg, Wilhelm und Friedrich «Cudjoe» heissen. Und sein Jahreskollege Hölderlin als Dienstagssohn: Cubbena.

30.12.2019

Der Mond hauchdünn, ein wahrer Silberling, ein Fingernagel, und die Venus ihm in spannungsvoller Ferne beigesellt (im Tierreich könnte ich von ihrer Warndistanz sprechen): am Samstag, kurz nach Sonnenuntergang, und gestern dann gleich wieder zeigte sich die schöne Konstellation am Himmel, der gestern dann auch noch wie zur Feier grünlich farbte (mit rostig roten Schlieren).

Vom Balkon aus betrachtet, war weit darunter noch ein Leuchtkörper aufgegangen. Wie an jedem anderen Abend im Jahr. Das seit Jahrzehnten. Er hat, in Weiss auf Blau, die Zeichnung des Lesers, der, wie Pegasus, halb Mensch, halb Zeitung ist. Eben dort, in dieser Zeitung war ich am Freitag schon auf dies Sternenbild von Mond und Venus hingewiesen worden. Zum ersten Mal, seitdem ich die Kolumne Der Sternenhimmel im jeweiligen Monat lese, verfasst nicht mehr von Harald Marx, sondern von einem neuen Mann. Marx, ein Württemberger, ist in Pension gegangen. Es fehlt mir nicht nur seine spezielle Poesie, es fehlen nicht vor allem, sondern, wie es bei einem Paar halt ist: auch die Zeichnungen des jeweiligen Sternenhimmels von Leni Marx fehlen. Das Paar hatte sich in der Schwäbischen Sternwarte von Stuttgart kennengelernt.

In die Prosa des Neuen, Jan Hattenbach, muss ich mich erst eingewöhnen. Die Kolumne wird jetzt mit einer Computergrafik illustriert.

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