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Remember New Journalism 3

Kolumne
alle zwei Wochen auf waahr.de
Am Vorabend der „Machtergreifung“: Kurz vor der Wahl verbrachte ich mit Norbert Hofer, dem Beinahe-Bundespräsidenten von Österreich, einen Abend in Wien zu Ehren von H.C. Strache, dem Führer der Rechtspopulisten. Die düstere Stimmung ist nun schon Geschichte, denn die Wahl ging verloren

Gäbe es ein Adjektiv, das die feierlich Versammelten am liebsten auf sich beziehen würden, so hieße es wohl österreichisch, und in der Tat mutet einiges so an, ein bisschen. So findet man zum Beispiel den alten, anderswo seit Generationen ausgestorbenen Typ ‚Feschak‘ zuhauf und in Reinkultur hier unter den Gästen, freilich im denkbar unangenehmsten Sinne: schwarzer Kellner-Anzug, Lackschuhe, pomadisiertes, zurückgekämmtes Haar, ein serviles Lächeln im bleichen, übernächtigten Bubengesicht und ein heimtückisches Blinzeln aus den Augenwinkeln. Wer da immer noch mit Inbrunst die Parteihymne ‚Immer, immer wieder Österreich schmettern mag, hat wohl zu wenig Feinde im Leben. Glaubt er.

Bei den „Damen“ überwiegt die Winifred-Wagner-Gewichtsklasse. Lebenslange Ehefrauen, verbraucht und tot, Ruinen der Herzlosigkeit, aber immer noch voller Kraft und destruktiver Energie. Vielleicht waren sie einmal gute Mütter, wer weiß. So vollkommen kalt wie ihre Männer sehen sie dann doch nicht aus.

Es ist wahrlich ein großer, bedeutender, aufwühlender Herdenauftrieb. Die Parias sind im Zentrum der Macht angekommen, im Allerheiligsten, im ehrwürdigen Parlament; mehr noch, sie sind nun fast schon willkommen hier, fast schon wohlgelitten und gleichberechtigt. Man reckt und streckt sich zwischen Marmor, Holztäfelung, Gold und tausend Kerzen. Es ist viel Stimmung im Saal, Dialektfetzen hier und dort, aufplatzendes Lachen, kernige Rufe, die Cowboys füllen den Saloon nach langem, aufreibendem Vieh-Trail. Das Vieh waren wohl die Wähler in diesem Vergleich.

In der Mitte der ersten Reihe nimmt die neue, junge Frau von H.C. Strache Platz. Eine eigentlich recht sympathische Person, sehr blond, sehr fesch, sehr österreichisch. Sie hat einen großen, frechen Daisy-Duck-Mund und auch eine Daisy-Duck-Figur, irgendwie. Ein richtiges, hundertprozentiges Sex-Objekt ist sie nicht, eher jemand zum Spaß haben, und das ist ja auch viel besser. Aber passt das zum humorlosen Strache? Vielleicht gerade deshalb.

Die Streicher proben unablässig. Die Parteibonzen haben sich noch viel zu erzählen, bevor die Festtagsreden anheben. Langweilig wird es noch früh genug. Die Moderatorin des Abends ist ein restlos begeistertes, bebrilltes Kind, den Namen findet man auf keiner Einladungskarte, aber die Strachefans kennen sie schon gut. Sie kündigt die Parteigrößen auf derlei Veranstaltungen schon lange an und ist jedesmal aufs Neue fast sprachlos vor Entzücken. Sie scheint nicht älter als zehn zu sein und kam beim Casting der neuen Strache-Braut daher nicht infrage, trotz ihrer bemerkenswerten Natalie-Portman-Schönheit. Verdeckt oder fast versteckt in der vierten Reihe außen kauert mit Herbert Krickl die dunkle, graue Macht der Finsternis. Alles an ihm ist grau, die schütteren kurzen Haare, das picklige Gesicht, die Zähne, der Fünf-Tage-Bart, die Kassenbrille, der Anzug. Schwer atmend verfolgt er als Regisseur die Aufführung. Es macht ihm sichtlich keinen Spaß, diesen Job zu tun, aber einer muss es halt machen.

H.C. Strache kommt, setzt sich neben seine Frau. Seit der Hochzeit ist er in rasend schneller Zeit immer dicker geworden. Kein Anzug passt ihm noch. Andererseits hat er gerade noch rechtzeitig geheiratet. Das war wirklich fünf vor zwölf. All die Ehrungen, Festakte, Staatsbesuche als künftiger Kanzler OHNE Frau, ohne Damenprogramm, immer nur als seltsamer Single unter all den Kameraden: undenkbar, ganz und gar unösterreichisch. Aber er wirkt inzwischen weniger glücklich als sie. Sie heißt übrigens Philippa. Und Philippa ist gewiss viel lockerer, volkstümlich-gemütlicher und sogar selbstsicherer als der große Parteiführer; irgendwie wie eine Frau, die ihren etwas lächerlichen Mann gutmütig anblinzelt, mit dem sie schon seit zwanzig Jahren verheiratet ist und den sie seit neunzehn Jahren durchschaut. Er dagegen ist nun immer leicht erkältet, blass, konzentriert und ungesund unter Strom. Seine Frau sieht er nur selten an.

Die langatmigen Begrüßungsreden ziehen sich durch die nächsten Viertelstunden, es wird anstrengend, doch zum Glück erweist sich ein Vorredner namens Herbert Nemeth als guter Rhetoriker.

Auf ihn folgt Ingenieur Norbert Hofer, der Bundespräsidenten-Anwärter. Er fällt deutlich ab, es ist, als würde ein Zug mitten auf der Strecke anhalten. Hofers Stimme scheint immer langsamer zu werden. Was ist das nur für ein unscheinbares Bübchen? Warum verlässt ihn so sehr der Mut? Die Menschen beginnen zu gähnen. Erst im letzten Viertel seiner Rede kriegt er die Kurve, wird sentimental und überzeugt die Leute dann doch noch. Was keiner zu diesem Zeitpunkt ahnt: der Jubilar, also H.C. Strache, gedenkt sehr wohl, auch noch eine eigene Rede zu halten, nach Stunden, die die Menge schon auf den Stühlen verbracht hat. Seit exakt zehn Jahren ist er ‚Clubobmann’, zu Deutsch Parteichef der Rechtspopulisten. Darum geht es ja.

Und seine Rede wird deutlich länger als alle vorangehenden zusammengenommen. Und monotoner. Je länger er spricht, desto monotoner wird er. Es könnte peinlich sein, doch haben große Führer immer schon zu lange gesprochen. Leonid Breschnew war bis zuletzt für seine fünf-Stunden-Sermone berüchtigt, Erich Honecker soll sich sogar im chilenischen Exil noch ausführlicher geäußert haben als Strache in diesem Jubiläumsgrußwort. Es gehört wohl einfach dazu. Dumm nur, daß niemand an die neue Frau Strache gedacht hat. Sie, Philippa, bekommt allmählich keine Luft mehr, als einzige Frau unter schier unendlich vielen dumpfen, altgewordenen, transpirierenden Männerkörpern. Und als Dr. Hofer im schmierigen, peinlich-persönlichen Teil seiner Rede so mitfühlend wie ahnungslos sagt, H.C. Strache würde nichts anderes tun, als unermüdlich für die Partei arbeiten, und seine Nächte seien kurz, sehr kurz, zu kurz… und alle Augen natürlich zu Philippa wandern, bekommt diese einen Hustenanfall. Es ist, wie sich bald herausstellt, mehr als das. Das arme Mädchen beruhigt sich nicht mehr. Sie würgt, hustet, weint, schnappt nach Luft, als hätte sie eine halbe Wurstsemmel in die Luftröhre gekriegt, wirkt völlig verängstigt - und das eine Ewigkeit von zehn Minuten lang! Während dieser Zeit redet der Anwärter auf das Amt des Bundespräsidenten ungerührt weiter, und genau dieser Grad der Ungerührtheit ist es, der ihn, Dr. Norbert Hofer, für immer entlarvt - jedenfalls in meinen Augen. Denn der Mann kriegt ja genau mit, was sich unmittelbar vor ihm abspielt.

Doch er redet launig weiter, mit dieser harmlosen Heinz-Rühmann-Haftigkeit in Sprache und Bewegung. Vor ihm krepiert fast die Frau von Strache, und er leiert artig seine witzigseinsollenden Bemerkungen, Anekdötchen und Alltagsweisheiten herunter, ohne auch nur ein einziges Mal, wie man hier einmal im Wortsinne sagen könnte, mit der Wimper zu zucken. Und sein großer Freund H.C. schneidet auch nicht wiel besser ab. Anstatt sich um sein Girl zu kümmern, bleibt er stocksteif neben der sich am Boden Windenden sitzen und tut nichts. War es für ihn ein Schock, dass sich seine „Schönheitskönigin“ bei dem Gedanken an die gemeinsamen Nächte fast übergeben musste? Das Albtraumhafte der Szene wird leider auch dann nicht gemildert, wenn man glaubt - was ich durchaus tue - dass die beiden sich aufrichtig lieben, der alte Hagestolz und die junge Frau, der besessene Parteiführer und die Unschuld vom Lande. Am Ende kommt ihr die einzige andere junge Frau im Saal zu Hilfe, das schon erwähnte bebrillte Moderatoren-Mädchen, und führt sie nach draußen. Tatsächlich kriegen wohl die meisten der vielen hundert dröhnenden, unsensiblen Parteifunktionäre den Eklat nicht mit, und die Presse schreibt danach auch nicht darüber. Am nächsten Tag liest man allenthalben von einer „gelungenen und erhabenen Feier“.

Doch weiter mit Hofer und seiner Rede. Er nuschelt, er spricht nicht gut, wie gesagt, und in diesen letzten Tagen und Stunden vor der Wahl achtet man doch sehr darauf, wie sich das womögliche neue Staatsoberhaupt so macht. Er hat kein Feuer. Kann man sich aber vielleicht trotzdem mit seiner Art anfreunden? Könnte man sie als „besonnen“ und „bedächtig“ auslegen? Auf ganz lange Sicht sogar als „liebenswürdig“? Das ist die große Frage. Wie schnell verbraucht sich dieses Phänomen, ab wann könnte der Mann richtig nerven, vor allem uns Intellektuelle? Könnte er eines Tages gar als Heimsuchung wahrgenommen werden wie einst Vorgänger Kurt Waldheim? Hofer versucht immer wieder, „charmant“ zu sein, aber bis jetzt gelingt es ihm - noch - nicht.

Das muss nicht so bleiben. Meine Aufmerksamkeit wird nun zunehmend von den Fotografen abgezogen - wohl weil ich mich so langweile - jenen hässlichen Vögeln, die bei allen politischen Terminen wie Horrorclowns herumschleichen und die Konzentration des Publikums stören. Warum sind Pressefotografen die hässlichsten Menschen der Welt? Oft habe ich darüber nachgedacht. Es gibt darauf keine vernünftige Antwort, man kann die Erscheinung nur beschreiben. Die Leute selbst begreifen sich womöglich als „bunten“ Kontrast zu den frostigen Charaktermasken der FPÖ-Funktionäre, jenen bulligen, hartherzigen Krawattenträgern der Generation Sechzig Plus. Auf mich wirken aber die langhaarigen Zausel mit den Kamera-Ungetümen vor der hängenden Wampe irgendwie genauso abstoßend - und genauso alt - eben wie zwei Seiten derselben schäbigen Medaille. So wie diese rechten Würdenträger im Oberkellner-Frack nie wirklich fein aussehen, so sehen die „unkonventionellen“ Fotokünstler nie heiter aus, sondern, eben wie die Horrorclowns, unendlich deprimierend.

Irgendwann also nur noch Strache, Stunde um Stunde eifernd und redend und sich wiederholend. Er lobt ein ums andere Mal die hervorragende Arbeit des Organisierens. Das scheint eine Art Fetisch zu sein, dieses Lob auf die Organisation, dieses Denkmuster vom guten Organisieren. Auch die anderen Redner waren darauf zu sprechen gekommen. Unsere Organisation! Die harte Alltagsarbeit des unermüdlichen Organisierens! Bravo! Wundervoll! Zehn Jahre lang! Nie nachgelassen im taperen Organisieren? Aber wozu? Das scheint unwichtig zu sein.

Bei so einem Rückblick - es geht ja um „Zehn Jahre Strache“ - hat man naturgemäß immer wieder nostalgische Töne. Alle Redner haben von der rührenden Kampfzeit gesprochen, sinngemäß, also von den Anfängen dieser zehn Jahre, als alles noch klein, unvollendet, voller Not und Verzagtheit war. Die Partei hatte nur zwei Abgeordnete und drei Prozent Wählerzustimmung, bevor H.C. Strache auf den Plan trat. Mit fester Hand und unbeugsamen Glauben an sich und die Vorsehung hat er die Truppe wieder aufgerichtet. Diese Heldengeschichte wird nun nicht nur einmal, sondern monomanisch und fast wie ein Mantra den ganzen Abend wiederholt. Aber, wie gesagt, es war ja auch eine Feierstunde, ein Jubiläum, eine Messe für den geliebten Parteiführer. Im normalen politischen Kundgebungen der Rechtspopulisten dürfte es anders zugehen.

Strache ist nun 46 Jahre alt und somit immer noch 13 Jahre jünger als sein charismatischer Vorgänger Jörg Haider in dessen Todesjahr. Er ist also immer noch jung für einen Spitzenpolitiker. Kanzler wird man in Deutschland im Schnitt mit Mitte 50. Brandt war bei Amtsantritt 54, Schmidt ebenfalls, Merkel 53. Adolf Hitler wurde es mit knapp 44. Für diesen härtesten Posten einer mitteleuropäischen Republik sollte man schon etwas abgeschliffen und, nun ja, beruhigt sein. Deshalb können sich viele H.C. Strache noch immer nicht als Kanzler vorstellen, obwohl inzwischen alle davon ausgehen, dass er es nächstes Jahr wird. Denn Strache glüht immer noch wie ein gerade erst Erweckter. Wie ein Schüler, der zum ersten Mal das kommunistische Manifest gelesen und für sich entdeckt hat, oder, um aktueller zu sein, das Grundsatzprogramm der P.E.T. Tierschutzbewegung. Genau das, dieses Glühen, begreifen und erkennen aber seine Gegner nicht. Es ist sein heimliches Erfolgsgeheimnis. Strache ist kein Zyniker, kein böser Mensch, kein menschenfeindlicher Haudegen. Nicht das Hetzen gegen andere hat ihn - obwohl er es unermüdlich zehn Jahre lang betrieben hat - bis ganz nach oben gespült, sondern sein schier unerklärlicher Idealismus. Und auch heute redet er nicht etwa deshalb so nervtötend lang, weil er sich gern reden hört, sondern weil er wähnt, damit noch irgendeinen letzten Unentschlossenen von seiner Mission überzeugen zu können. Und so wird es auch sein. So wird es immer gewesen sein. Hofer erzählt launig in seinen Kampfzeit-Stories, wie er mit dem damals noch blutjungen Strache über die Dörfer gezogen war. Die Veranstaltungen waren für maximal drei Stunden angesetzt. Aber Strache saß nach acht Stunden immer noch im Wirtshaus, so lange, bis er wirklich mit JEDEM gesprochen hatte.

Auch Hofer war damals so jung, und alle heutigen Führer waren es, auch Nemeth, Krickl, Fichtenbauer und noch zwei, drei andere, denn sie waren die Bande, die damals die ruinierte Partei übernahm, eben die Strache-Bande, illuminiert und angetrieben von diesem H.C., den man sich wohl als forschen, schmissetragenden Korpsstudenten vorstellen mag, schnell aufbrausend und von Großdeutschland träumend. Also vom Typ her, sozusagen im Film. Bei aller Phantasie, es gelingt trotzdem nicht, daraus einen Faden bis zum Bundeskanzleramt zu spinnen. Aber es war so, und es passierte eben in Österreich. Da gehen die Uhren bekanntlich anders.

Kommt man mit seinen Anhängern ins Gespräch, was nicht schwer ist bei so einer parteiinternen Sause, wo jeder ohnehin für einen Fan gehalten wird, ist manchmal von diesem magischen ersten Augenkontakt die Rede. Man sei ja eigentlich skeptisch gewesen, schon ein bisschen rechts und österreichtreu gesinnt, aber kein Anhänger, und dann hatte es einen Händedruck gegeben, einen direkten Blick, ein Gespräch. Einen Blick direkt ins Herz sozusagen. Und ein Gespräch, bei dem man wirklich gemeint war. Das habe dann alles geändert.

Straches Blick. Ich wäre kein Reporter und schon gar kein Schriftsteller, wenn ich das nicht an mir ausprobieren würde. Es war aber nicht so leicht, das inmitten des Menschenauflaufs, der gerade stattfand, durchzuführen. Es gelang mir zunächst nur, Strache die Hand zu geben. Ich sah, wie er nach Ende der Reden in meine Richtung eilte, auf dem Weg zu den Räumen des Parlaments-Präsidenten, wo ein Buffet aufgebaut war und die Gäste zum lockeren Beisammenstehen eingeladen waren. Ich stellte mich rasch in den Weg und ergriff seine Hand. Strache griff zwar beherzt zu, doch zum magischen Augenkontakt kam es noch nicht. Er sah ins Leere, das Gesicht zu einem übertriebenen Grinsen verzogen, und rannte weiter.

Ich konnte mir gut denken, dass er seine blonde Prinzessin suchte, seine Philippa, die Süße, die übrigens wirklich - erwähnte ich es schon? - einmal Schönheitskönigin gewesen ist, in Tirol oder so. Ich hoffte, er würde sie nun endlich in den Arm nehmen und so behandeln, wie er es während der Reden nicht gekonnt hatte.

Langsam, aber nicht zu langsam, folgte ich ihm. Das Parlament in Wien ist überaus groß, und man verläuft sich ohne Führer (sic!) innerhalb kürzester Zeit. Der Prunk, den ich jetzt sah, übertraf alles bisher Gesehene.

Schwere Kronleuchter, braungetäfelte alte Holzwände und neobarocke, mittelalterlich anmutende, mit Gold ausgeschlagene Kassettendecken, ein Zittern, ein Flüstern, der Atem der Macht: ein letzter schlauchartiger Gang führte verwinkelt zum Raum, in dem Strache und Hofer empfingen.

Die Situation ist nun eine andere, wie bei einem Stück im gegenüberliegenden Burgtheater, wenn die Drehbühne in wenigen Momenten die Lage verändert hat. Strache steht, Hofer sitzt auf einem halbhohen Schemel - eine ungünstige Haltung. Strache wirkt größer, vitaler, besser gelaunt und mächtiger als Hofer. Das Defilee ist ganz auf die modernen Zeiten des Internets zugeschnitten, denn man hat einen Mitarbeiter abgestellt, der die Handys der Gäste in die Hand nimmt, um damit das obligatorische Selfie mit dem möglichen Bundespräsidenten herzustellen.

Um nicht solchermaßen routiniert abgespeist zu werden, spiele ich den Hilflosen. Ich will wissen, wer hier das Handyfoto für mich macht. Strache springt vor, nimmt mein Handy, gibt es dem Mitarbeiter. Ich wende mich an den unter mir kauernden Hofer und gebe ihm die Hand. Der Händedruck ist deutlich druckloser als der von Strache. Die Augen wirken interesselos und tot. Klar - Hofer hat nicht die lebenslange Übung darin, die Strache hat. Hofer steckt, anders als Strache, in einem Trachtenanzug, was mir erst jetzt richtig bewusst wird, also in einer Art Kostüm, was im Wortsinne nicht passt: der Bauch spannt, Weste und Oberteil sind zu klein geraten, oder der Träger hat ein paar Pfunde zugelegt seit der letzten Anprobe. Fesch ist es nicht. Fesch ist Strache, der weder solche Verkleidungen braucht noch die viel zu modischen Kinderanzüge, die Christian Kern trägt. H.C. erstrahlt in dieser Medici-Kulisse in Dunkelblau.

Von Hofer also nur ein dünnes Lächeln. Man kennt es von tausenden von Plakaten. Nicht vorstellbar, dass er diesen Ansturm der Massen alleine verkraftet hätte, ohne den jovialen Staubsaugervertreter an seiner Seite, den schützenden FPÖ-Vorsitzenden. Man fotografiert mich mit Strache und Hofer, minutenlang.

„Das ist ja ein großartiger Service hier“, sage ich zu Strache, den ich unbewusst sofort als Gesprächspartner wähle, nicht Gastgeber Hofer, um den es doch eigentlich gehen sollte. Strache macht launige Bemerkungen über den Laden. Er hat plötzlich eine gesunde Gesichtsfarbe, ist überhaupt nicht so bleich und humorlos-verbiestert wie eben noch auf der großen Bühne. Er sprüht geradezu vor Lebensfreude.

Man gibt mir mein Handy zurück. Ich will weitergehen und gehe auch weiter, als H.C. Strache mir plötzlich hinterherspringt und am Ärmel festhält.

„Woher kommen Sie?“, will er in bester (guter alter) Helmut-Kohl-Konversation wissen.

„Aus Hamburg“, sage ich.

Nun sprudelt es aus ihm ungebremst hervor:

„Hamburg! Wirklich Hamburg! Ich kenne es, meine jüngste Tante mütterlicherseits ist dort gewesen, also nicht immer, aber doch wichtige Jahre, und ich habe sie besucht. Sie war erst bei der ÖMV in Linz, als Praktikantin, hat dann eine Lehre in Wien bei der Turmoil gemacht und ist dann als Bürokauffrau nach Hamburg zur Dutch Shell gekommen. Ich war als Kind dort!“

„Sie waren in Hamburg, als Kind, Herr Club-Obmann?“, fragte ich.

„Ja! In Hamburg! Eine schöne Stadt!“

„Dann haben Sie den Hafen gesehen? Und die Reeperbahn?“

„Den Hafen, ja… und die Reeperbahn!“

„Da hat man Sie als Kind schon hingelassen?“

„Das ist gefährlich, ich weiß…“

„Das ist es wirklich. Das muss man sagen. Ganz schön gefährlich für Kinder.“

„Ja, gefährlich. Aber der Hafen… und die ganze Stadt, ich war mit der Tante da, wir sind mit der Hochbahn gefahren… haben alles gesehen… sehr schön.“

Ich sah kurz auf Hofer, der immer noch zusammengesunken auf seinem orthopädischen Schemel hockte, wie ein - der Gedanke war mir sofort peinlich - nasser Sack. Small Talk war nicht seine Königsdisziplin, das hatte man schon früher geahnt, nicht nur bei der Rede vorhin, auch bei diversen Wahlkampfauftritten im Fernsehen. Strache hingegen ertrug es kaum, dass Hofer so schweigsam war und lustlos. Es bewirkte bei ihm nur das Gegenteil: er wollte leutseliger denn je sein, bürgernah, menschenbeglückend. Am liebsten hätte er weiter mit mir Gemeinsamkeiten zutage gefördert und möglichst rasch Freundschaft geschlossen.

„Sind Sie verheiratet? Ist Ihre Frau auch da?“, wollte er wissen, was mich in Bedrängnis brachte. Ich durfte nicht sagen, wer meine Frau ist, und so machte ich mich bald davon. Hinzu kam, dass ich tatsächlich nicht weiter mitansehen wollte, wie der Parlaments- und möglich zukünftige Bundespräsident - eben Dr. Hofer - zur Nebenfigur degradiert wurde. Ich sagte:

„Ja, meine Frau ist da, die kämpft sich gerade durch die Menge, da muss ich jetzt auch hin!“

„So soll es sein, befreien Sie Ihre Frau, auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen, Servus! Schöne Grüße an Hamburg!“

Er hielt meine Hand fest und sah mir tief in die Augen. Der magische Moment. Ein übertrieben freundlicher Blick irgendwie, nicht gerade hypnotisch, aber konzentriert und schon recht verbindlich.

„Danke, danke! Auf Wiedersehen!“, stammelte ich. Ich bekam weiche Knie und sah zu, dass ich wegkam. Hoffentlich merkte meine Frau nichts.

Eigentlich ein netter Mensch. So rührend. Ein Spartakus, der gegen Rom kämpfte. Und natürlich verlor.

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