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»Zeit essen Texte auf«

100 Räume

von 
Essay
zuerst erschienen im Dezember 2018 in von hundert Nr. 32, S. 17-22
Dass dieser Text jetzt doch noch erscheint – also dass dieses Heft erscheint –, war nicht immer ganz klar. Mir kam es über lange Zeit so vor, dass sich das kleine, völlig unfinanzierte, auf freiwilliger Basis entstehende Heft „von hundert“ an dem Großthema, an dem vieles überlagernden Lebensgrundthema, über das in den letzten Monaten gefühlt nochmal extrem viel mehr diskutiert, geschrieben, demonstriert wurde, dass sich die kleine „von hundert“ an dem Immobilien-Thema verschlucken würde. Alle in unserem Umfeld, Redaktionsmitglieder, Autoren, auch wir selbst, bekräftigten immer wieder, wie gut und wichtig es ist, über die Verbindungen von Immobilien und Kunst zu recherchieren und zu schreiben, über den Ateliernotstand natürlich, aber auch über Verquickungen beider Welten miteinander, der Immobilien- und der Kunstbranche. Aber alle, auch wir selbst, hatten, sobald es darum ging, erstaunlich wenig Energie. Ist nicht alles schon gesagt und geschrieben, kann man überhaupt an den Verhältnissen noch etwas ändern? Ist das nicht zu mühsam, all die genauen Besitz- und Abhängigkeitsverhältnisse zu recherchieren? Können wir nicht nur scheitern? Ist der Lauf der Dinge, die Aufwertung der Immobilien durch Spekulation, durch Knappheit, durch hemmungsloses Abschöpfen jeglicher Gewinnmarge, nicht schon an vielen anderen Orten vorexerziert worden? Schauen wir doch nach London, Paris, New York und San Francisco – bei uns ist es doch genauso, nur noch in einem früheren Stadium. Hat unsere uns schon öfter vorgeworfene Negativität endlich ein so negatives Thema gefunden, dass es uns in unserer Depression umbringt oder in Lethargie Redaktionsschluss um Redaktionsschluss verstreichen lässt? Aber nein, wir leben. Auch wenn das Thema nur fragmentarisch bearbeitet ist und die Ausgabe, die uns anfangs vorschwebte, nie erscheinen wird – das Heft ist jetzt da. Tatsächlich ist die Raumfrage eine Lebensfrage, schließlich eine Überlebensfrage. Raum gehört zu unseren Grundbedürfnissen, wie Wasser und Luft. Wir müssen essen, trinken und schlafen, aber dafür auch wohnen und arbeiten. Im Unterschied zur Luft, die umsonst ist, oder zum Wasser, das in Berlin zumindest wieder rekommunalisiert wurde und nur einen Bruchteil unserer Lebenshaltungskosten ausmacht, bezahlen wir für unseren Raumbedarf immer mehr. Der Prozentsatz an Zeit, den wir für unsere Mieten arbeiten müssen, steigt. Das ist im Silicon Valley nicht anders als in Berlin, obwohl dort in Kalifornien für 100 Quadratmeter fünf-, sechstausend Dollar Miete aufgerufen werden, können sich das die Leute mit einem Einstiegsgehalt bei Facebook von 160.000 Dollar gerade schon so leisten (auch dort gibt es natürlich Wohnungsnotstand, eine Verdrängung der ehemaligen Anwohner und Probleme, als Berufseinsteiger was zu finden, das man sich leisten kann …), sie arbeiten aber trotzdem fast 50 Prozent ihrer Zeit für die Miete. Und damit für die Immobilienbesitzer, seien es Einzelpersonen, Unternehmen oder Fondsgesellschaften. Wir arbeiten für die Immobilienbesitzer und bekommen dafür lediglich das Recht, Räume zu nutzen. Ähnlich Sklaven, die für ihren Schlafplatz und ihre Essensration für ihre immer reicher werdende Herren arbeiten, arbeiten wir die Hälfte unserer Zeit für Menschen, die selbst nichts mehr tun müssen (außer Verwalten und Dealen, aber das machen wohl vor allem ihre Angestellten) und dafür oft noch das Recht haben, uns auf die Straße zu setzen, sollten wir ihren Forderungen nicht nachkommen. Es passt ins Bild, dass mit Donald Trump ein Immobilientycoon der zweiten Generation der mächtigste Mann der Welt wurde. Dass man zahlen muss, war immer bis zu einem gewissen Maße okay. Räume kosten im Unterhalt, Häuser müssen gebaut und renoviert werden. Aber jeder Immobilienbesitzer in Berlin weiß, wie viel Geld er verdient, auch wenn er den Profit gegenüber anderen immer klein rechnet. Selbst bei Mieten um die acht Euro kalt machen Immobilienbesitzer, inklusive der zu erwartenden Wertsteigerung, Renditen von mehr als 20 Prozent jährlich. Die Grundstücksfrage ist dann wieder eine andere, denn die explodierenden Grundstückspreise sind auch ein Grund für die steigenden Raumkosten. Aber warum gehören die Flächen überhaupt jemandem? Warum verkauften die Kommunen Land, anstatt es auf lange Zeit zu verpachten? Warum kassierten sie irgendwann einmal eine Summe, die weit unter der Summe liegt, die sie als dauerhafte Einnahme erzielen hätten können? Und warum verkaufen die Kommunen trotz dieses Wissens immer noch ihr Restland? Immobilie und Kunst, zwei Felder, die auf den ersten Blick nur bedingt miteinander zu tun haben – klar, Kunst wird für Räume gemacht, in Räumen gezeigt, alle Stararchitekten haben ein Museum im Portfolio, auch brauchen Künstler Räume zum Arbeiten. Was mich aber zudem interessiert, ist die ähnliche Dynamik beider Märkte. Diese Dynamik hat in Zeiten eines immer schneller galoppierenden Kapitalismus und immer größer werdender, frei flottierender Mengen an Kapital, das dieses System selbst generiert und sich wieder einverleibt, um noch mehr Kapital zu erzeugen, in erschreckender Weise zugenommen. Es ist die Dynamik der Spekulation, die in beiden Bereichen zunimmt. Viel von diesem Kapital wird auch von sogenannten Start-ups generiert. Auch hier herrscht die Logik der Spekulation, enorme Mengen an Geld werden auf einzelne Ideen gesetzt – in der Hoffnung, das eigene Kapital zu vervielfachen. Die, die diese Ideen vermeintlich haben, schwimmen erstmal in Geld, können sich jede beliebige Miete leisten und machen die der anderen unbezahlbar. Zwanzig bis dreißig Euro pro Quadratmeter können sich nur die wenigsten Künstler leisten, genauso wenig Honorararbeiter mit einem normalen Stundenlohn. Als freiberuflicher Kataloggestalter verdiene ich vielleicht 2500 Euro brutto im Monat und kann mir meinen 320 Euro teuren Arbeitsplatz im Gemeinschaftsbüro gerade so leisten, und hier zahlen wir 10 Euro nettokalt. Dabei gelten wir als Designer und Ladenbürositzer schon als Gentrifizierer, wenn wir nachts um 22 Uhr noch für alle sichtbar im Schein unserer Rechner arbeiten, dabei sind wir nur die Handwerker von heute. Die von damals sind schon lange weg, die Schreiner, die Schuster, die Schneider. Aber auch der Getränke-Hoffmann schließt und selbst der Eisverkäufer mit 500 Kugeln Eis pro heißem Sommertag kann sich die 1600 Euro Miete für 50 Quadratmeter nicht mehr leisten. Die erfolgreichen Start-up-Unternehmer dagegen kaufen sich dann gleich die ganzen Häuser, Zalando in der Tucholskystraße (ein Haus, das in den Neunzigern besetzt wurde, mit dem Café Zosch), die Rocket-Brüder Samwer die Uferhallen im Wedding und fischen dann mit, im großen Immobilienteich, in dem sich schon diverse undurchschaubare Immobilien­Firmennetze spannen, die Wohnungen und Häuser in Hundertereinheiten bündeln, kaufen und verkaufen. Der größte Hai, die Deutsche Wohnen, will sich aktuell ein Filetstück mit 700 Wohnungen in der Karl-Marx-Allee einverleiben. Alle Wohnungen sind schon vom Vorbesitzer in Eigentumswohnungen vorumgewandelt – inklusive Mietern, die drinnen sitzen und nun bangen. Unten in den Erdgeschossen sitzen die Gewerbe mit noch weniger Sicherheiten. In diesem Fall auch der Kunstbuchverlag Sternberg Press oder die Galerie Peres Projects. Ersterer verdient sicher nicht genug, um für die großzügig bemessenen Räume eine größere Mieterhöhung zu stemmen. Javier Peres, der als Galerist im heiß gehandelten, aber auch spekulativsten Segment der bildenden Kunst agiert und Künstler wie Alex Israel oder David Ostrowski in das Hochpreissegment gejagt und dann an Gagosion oder Sprüth Magers verloren hat, kann über hohe Mieten vielleicht nur lächeln, ist er doch in Kalifornien (siehe oben) sozialisiert, „Berlin is still so cheap“. Der Kunstmarkt steckt jedoch, so hörte ich kürzlich, derzeit wieder in einer Krise. Das mittlere Preissegment, von dem viele Galerien abhängig sind (also alles zwischen 10.000 und 50.000 Euro), bricht weg. Das heißt, dass das Geld bei den Sammlern nicht mehr so locker sitzt, sie mehr Angst und es haben und verstärkt auf Wiederverkaufbarkeit achten. Man könnte daraus ableiten, dass die Geldmenge, die in den Umlauf gepumpt wird, abnimmt (und dann eben nicht mehr bei den Anwälten, Bankern, Start-up-Unternehmner usw. landet, die dann Kunst kaufen sollen). Sichere Geldanlagen sind dann eher die teuren Blue-Chip-Bilder, lieber eine Alice Neel oder ein Neo Rauch für eine Million – oder eben gleich Betongold. Statt das teure Bild an der Wand wird oft doch lieber wieder die Wand selbst gekauft. Statt an seiner Kunstsammlung, arbeitet man eben wieder mehr an seinem Immobilien-Portfolio. Und vergrößert in diesem Markt nur die Knappheit, die dort eh schon herrscht. Die Wohnung kann man dann ja an seinen Lieblingskünstler vermieten. Was tun? Seine eigenen Schäfchen ins Trockene bringen? Sein Westerbe in eine eigene Wohnung umtauschen? Also das Einfamilienhaus in der Provinz in eine Berliner Zweizimmer-Butze? Demonstrieren, Farbbeutel werfen oder Reifen aufstechen? Ins Umland abwandern und in der Brandenburger Scheune arbeiten, deren Feldsteine man wieder mühsam aufeinandergelegt hat? Besetzen? Aktiv in die Stadtpolitik einsteigen oder sich bei Vorzeigeprojekten wie dem Haus der Statistik engagieren, um ein Eckchen vom letzten Rest nutzen zu können? Sich mit seinen Mitmietern solidarisieren? Zur Mieterberatung gehen? Eine Baugruppe initiieren und sich hoch verschulden? Dokumentarfilme drehen, investigativen Journalismus betreiben? Selbst schauen, dass man die Spirale nicht weiterdreht und an Immobilien verdient, sei es als Weitervermieter oder Besitzer? Im Laden unten an der Ecke einkaufen und nicht bei Amazon? Als Einzelner ist man dem System gegenüber ohnmächtig und gerade in der Raumfrage ist es schwer, eine Gemeinschaft zu bilden, zu sehr hat jeder seine eigenen Interessen. Aber wenn wir eine lebenswerte Stadt behalten wollen, sollte es das ureigenste Interesse sein, soviel wie möglich dafür zu tun und eben an einigen Stellen nicht zu tun. Wir bilden die Stadtgemeinschaft und mit unserem täglichen Umgang schaffen wir unser eigenes Klima. Also: No profit! Lang lebe von hundert! Lang lebe Berlin! Lang leben wir! In Berlin!

Remise

H. studierte in den Neunziger Jahren Kunst und arbeitete nebenbei noch mit ein paar befreundeten Grafikern zusammen an bezahlten Aufträgen. Seine neue Freundin jedoch war einige Jahre älter, kam aus dem Ostteil der Stadt und war, wie viele der damals um die Dreißigjährigen, eine Wendeverliererin, ihr Studium de facto nichts mehr wert. Für eine Existenzgründung samt Druckwerkstatt und Ausstellungsraum fand man bei der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) eine Remise mit drei Räumen, je um die 30 Quadratmeter groß. Sie zahlten 10 DM kalt pro Quadratmeter, das war 1996 normal für Gewerbe, aber schon nicht billig. Schon zwei Jahre später stand ein Mieter aus dem Vorderhaus vor der Remise und klopfte: „Willst du nicht mitmachen. Die WBM verkauft das ganze Haus an die jeweiligen Mieter. Sie muss einen Teil ihres Besitzes privatisieren, das ist ein Vorzeigeprojekt hier.“ H. war eigentlich gerne Mieter, Eigentum war ihm zu bindend. Er war ja erst Ende Zwanzig.

Doch bevor er einen anderen Vermieter bekam, kaufte er lieber mit. 1000 Mark pro Quadratmeter war der Kaufpreis, 800 musste er noch in einen Sanierungstopf zahlen. Dafür wurden die notwendigsten Dinge gemacht, Dächer, Stränge, Heizung. Selbst seine Remise bekam ein neues Dach und die provisorischen Dachfenster wurden ersetzt. H. finanzierte alles über einen Kredit, der auf das Haus seiner Mutter lief. Er ließ sich sogar für die fortlaufende Existenzgründung 10.000 Mark mehr ausbezahlen als notwendig. Die anfänglichen Zinsen waren um die 6 Prozent. Diese entsprachen exakt den zehn Mark Miete zuvor, dazu kamen noch Eigentümerkosten, das sogenannte Wohngeld. Die Rückzahlungsraten setzte er bewusst niedrig an. Lieber jetzt das Geld in der Tasche als in 30 Jahren. Wer weiß, was dann ist. 20 Jahre später hatte er erst ein Drittel des Kredits zurückbezahlt. Die Zinsen waren auf 1,3 Prozent gefallen und er zahlt dafür lediglich 90 Euro monatlich.

Längst arbeitete er mit den gleichen Grafikern von früher an einem anderen Ort und zahlt dort zehn Euro Miete kalt, dafür beste Lage im Scheunenviertel.

Bei der Remise erhöhte er erst kürzlich seinen Mietern (auch sie in der Grafikdesignbranche) die Miete auf 8,50 und rechtfertigte dies mit seinem eigenen gestiegenen Mietdruck. Den Netto-Gewinn von knapp 500 Euro monatlich benutzt er nun teilweise auch zur Rückzahlung des Kredits, man weiß ja nie. Außerdem ist die Remise wohl einiges wert. 90 Quadratmeter in Mittemitte werden auch gerne für 4000 Euro pro Quadratmeter gehandelt.

Da es sich um Gewerbe handelt, zählt hier allerdings nicht die Klausel, dass man nach zehn Jahren Eigennutzung das Plus steuerfrei einstreichen kann. Im Falle eines Verkaufes müsste H. wohl fast die Hälfte des Gewinns an den Staat abgeben. H. findet das in Ordnung. Er hat für dieses Geld ja auch nicht gearbeitet. Spenden tut er den Gewinn aber auch nicht, außerdem plant er gar nicht zu verkaufen.

Baugruppe

C. und D. lernten sich in einer europäischen Hauptstadt kennen. Beide hatten gute Jobs und verdienten gut. Als sie Ende der Neunziger in Berlin waren, fanden sie die Preise für Wohnungen im Vergleich zu ihrem Arbeitsort spottbillig. Sie kauften Anfang der Nuller Jahre günstig eine Wohnung und vermieteten sie.

Ein gutes Jahrzehnt später zogen sie schließlich mit ihren zwei Kindern selbst nach Berlin. Sie fanden eine ordentliche 100-Quadratmeter-Wohnung für etwas mehr als 1000 Euro warm in einem gutbürgerlichen Viertel. Dann beteiligten sie sich an einer Baugruppe, die Mietwohnung erschien ihnen auf Dauer zu klein und zu unsicher. Irgendwann, während der Bauphase, trennte sich das Paar. Für einen alleine war die Baugruppenwohnung zu groß und die Zinsen zu teuer. Deshalb zog einer der beiden in die Wohnung, die sie damals kauften und die fast abbezahlt war. Der andere blieb in der Charlottenburger Wohnung. Stattdessen wird nun die Baugruppenwohnung vermietet. Als Immobilien-GbR sind die beiden noch zusammen.

Sanierungsgebiet 1

F. wohnt in der Spandauer Vorstadt, in einer der kleinen Querstraßen zwischen Alter Schönhauser Straße und Rosenthaler. Er mietet im gleichen Haus das Souterrain und gibt dort Klavierunterricht. Die Spandauer Vorstadt war ab Mitte der Neunziger Jahre ausgewiesenes Sanierungsgebiet. Die Eigentümer bekamen Unterstützung in Form von Abschreibungen, wenn sie die Häuser renovierten. Das hieß, dass sie binnen zehn Jahren die gesamten Kosten in Form von Steuerersparnissen wiedererstattet bekamen. Dafür mussten sie mietpreisgebundene Verträge auf zwanzig Jahre Laufzeit garantieren. Die Modernisierung wurde also nicht auf die Mieter abgewälzt, wie sonst üblich, sondern auf die Gemeinschaft, die Hausbesitzer waren jedenfalls fein raus. F. wurde nun aber vom Eigentümer der Gewerbemietvertrag gekündigt, er könne jedoch noch vier Jahre weiter mieten, nur unter der Bedingung, dass er dann auch die Wohnung aufgäbe, drei Jahre vor Ablauf der zwanzig Jahre. F. ließ sich nicht erpressen. Stattdessen suchte er sich einen anderen Raum zum Arbeiten und zeigte den Fall bei der IBB an, jener Förderbank, die die Sanierung der Häuser über günstige Darlehen finanzierte. Der Eigentümer hatte nämlich schon alle anderen Wohnungen unbemerkt der zwanzigjährigen Mietpreisbindung entzogen, die Verträge also gebrochen.

Der Bumerangeffekt für F. war jedoch, dass der Eigentümer die hohen Straf- und Rückzahlungen tätigte, dadurch der Schutz (der auch die Möglichkeit durch Eigennutzung den Mieter rauszuklagen beinhaltet) wegfiel und dann die Eigenbedarfsklage durchzog. Der Gewinn an Wert und die möglichen Mieten um bis zu zwanzig Euro in diesem Viertel machten die Strafzahlungen rentabel. F. zieht jetzt erst mal nach Potsdam. In der Innenstadt fand er, trotz vieler Kontakte zu Wohnungsbesitzern, keine Wohnung mehr.

Kommune

H. wohnt seit über 14 Jahren in einer Art Kommune. Das Haus wurde in den frühen Neunzigern besetzt. Durch glückliche Umstände konnten die Besetzer das Haus gemeinsam mit einer Stiftung kaufen und in Selbsthilfe so sanieren und umbauen, wie es ihren Bedürfnissen entsprach oder wie sie sich diese in Zukunft vorstellten. Es gibt ein Vorderhaus, einen Seitenflügel und ein Hinterhaus zum Wohnen, sowie noch weitere Hintergebäude für Werkstätten oder Körperarbeit.

Es gibt nur eine große Küche (neben einer Volksküche zum Hof, die mittlerweile aber eher Speisekammer ist), dazu noch einen Essraum mit einer langen Tafel. Jede Etage hat ein kleines Duschbad mit Klo, dafür gibt es ein großes Bad mit je zwei Wannen und Duschen. Jeder hat ein Zimmer, Kinder teilen sich meist eins, zusätzlich gibt es größere Gemeinschaftszimmer auf den Stockwerken.

Ungefähr alle drei Jahre wird rotiert, das heißt, die Zimmer werden getauscht, da sich die Bedürfnisse womöglich geändert haben, Kinder größer wurden, Mitbewohner auszogen, neue Animositäten entstanden. Die Miete wird pro Kopf berechnet und nicht pro Fläche.

Wichtig für H. ist auch die Ernährungssituation. Es gibt ein Essensgeldkonto, auf das jeder 60 Euro im Monat überweist. Dafür werden alle Grundnahrungsmittel gekauft, Brot, Milch, Käse, Aufstriche, Bohnen, Haferflocken etH. Einmal unter der Woche muss jeder kochen. Es gibt für jeden Wochentag eine Kochgruppe, bestehend aus drei bis vier Leuten, die dann für alle ein Abendessen kocht. Halb sieben abends steht dann ein warmes Buffet bereit und es ist meist auch noch genug für H. übrig, der oft später nach Hause kommt. Plenum ist immer dienstags, dort wird das Zusammenleben besprochen und organisiert. Wenn man nicht immer kommt, ist es auch nicht ganz schlimm.

Wichtig für H. war, dass er mit seiner Kleinfamilie (zwei Kindern, seine Frau lernte er dort kennen) in einer größeren Gemeinschaft leben konnte und so etwas von dem alltäglich existierenden Druck ableiten konnte. Wer kocht, was gibt es, wer putzt, wer kauft ein, sind keine Fragen mehr. H. kocht immer montags.

Jedoch fühlte sich seine Frau als die Kinder größer wurden nicht mehr wohl in der Kommune, immerhin wohnte sie dort schon um einiges länger als H. Sie verspürte den Wunsch nach einer eigenen Wohnung. Da sich H. wiederum nicht vorstellen konnte, all die Vorteile des Kommunenlebens aufzugeben, handelten sie einen Kompromiss aus. Sie fanden einen kleine Wohnung in der Nähe, das war von nun an das Reich seiner Frau. H. und die Kinder pendeln und bleiben die Hälfte der Woche in der Kommune. Sie bleiben ein Paar und eine Familie, leben aber an zwei Wohnorten. Auch das vermindert den Kleinfamiliendruck, finden beide, und genießen ihre familienfreien Abende und Morgen.

WBM

G. arbeitete in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern bei der WBM. Irgendwie hatte er auch mit der Rückgabe von im Nationalsozialismus enteigneten Häusern und Grundstücken an die jüdischen Nachfahren zu tun. So kam er auch an die Adressen etlicher Erbengemeinschaften, die verstreut in den USA lebten und machte diesen dann eigenhändig Angebote zum sofortigen Wiederverkauf, dieses Mal an ihn selbst. So kam er zu zwei, drei Mehrfamilienhäusern in Mitte, die er dann sanierte und ordentlich vermietete. G. arbeitet seitdem, außer dass er sich um seine Häuser kümmert, nicht mehr. Man spürt, dass ihm oft langweilig ist. Er engagiert sich finanziell für die AfD. Damit, dass er ohne den Nationalsozialismus und den Holocaust niemals zu dem Geld gekommen wäre, das er jetzt den Rechten spendet, hat er kein Problem. Er hatte halt den richtigen Riecher zur richtigen Zeit.

Eigentum 1

A. wohnt auf 65 Quadratmeter mit Frau und zwei Kindern. Die Wohnung kaufte er in den frühen Nuller Jahren recht günstig, so dass sie zwar beengt, aber auch mietfrei wohnen. Da er insgesamt mit seinem Kleinstgewerbe nicht genug verdient, renoviert er eine zweite Wohnung, die er ebenfalls damals kaufte, um sie etwas besser vermieten zu können. Dadurch hofft er den Versorgungsdruck, der auf ihm als Alleinverdiener der Familie lastet, etwas zu senken.

Sanierungsgebiet 2

B. wohnte Ende der Neunziger in einer WBM-Wohnung in Mitte im Sanierungsgebiet Spandauer Vorstadt. Im Zuge der damaligen Altschuldenargumentation sollten die Wohnungsbaugesellschaften größere Teile ihres Bestandes verkaufen, auch wurden ganze landeseigenen Gesellschaften wie die GeHag privatisiert (siehe auch Remise). So wurde auch das Haus, in dem B. wohnte, um das Jahr 2000 herum an einen recht berühmten Künstler verkauft, der es auch mit Hilfe der Förderungsmöglichkeiten des Sanierungsgebiets sanierte. B. bekam eine Umsetzwohnung, in der er wiederum einen auf 20 Jahre mietpreisgebundenen Vertrag erhielt. Hier zahlt er 700 Euro Warmmiete für 80 Quadratmeter. Das Haus gehörte damals schon einem Münchner Investor, der es kürzlich mit 300-prozentigen Gewinn an zwei Bewohner verkaufte. Diese erweitern nun das Haus. Ihr Geld verdienen sie ansonsten mit Immobilien für Senioren. B. kann vorerst bleiben, ab 2020 muss er allerdings mit 15-prozentigen Mieterhöhungen rechnen.

Atelier 1

I. hat schon vor Jahren im Wedding ein Atelierhaus gebaut. Zu einer Zeit, in der man wahrscheinlich gesagt hätte, warum machst du das eigentlich dort und nicht in Mitte. Es war wohl einfach günstiger. Heute würde man so eine Frage nicht mehr stellen. Der Anbau an den dreistöckigen Ursprungsbau folgte dann einige Jahre später, um die Nutzfläche auf ca. 400 Quadratmeter auszubauen, obwohl er eigentlich so gut wie keine nennenswerten Ausstellungen mehr zu bestücken hatte, aber im Staatsdienst gut verdiente und keine Familie zu versorgen hatte. Alles Geld floss in die Immobilie. Vor Kurzem folgte dann die erneute Vision einer Erweiterung mit der Bebauung und Nutzung eines weiteren angrenzenden Grundstücks. Neuer Zielpunkt: 550 Quadratmeter. Wenn man von I. im Gespräch erfahren wollte, was er mit dem ganzen Platz alleine anstellen wolle, verstand I. die Frage nicht.

Baugruppe 2

Im Baugruppen-Projekt Robin Hood hatte sich J. eine Wohnung unter dem Dach gesichert. Das war vor sieben Jahren. Endlich ist das Robin-Hood-Project, das auch unter sozialen Prämissen ein Filet-Grundstück sichern konnte, bezugsfertig. Ökonomisch dachte sich J., noch eine gewerbliche Einheit dazuzukaufen, sicherte das doch die ohnehin schwache Rente. Diese sollte nun auch die Grundlage der Schuldentilgung übernehmen, indem J. versuchte, die Einheit zu marktüblich überhitzten Preisen an suchende Künstler zu vermieten, Keller und Stellplatz inklusive. J. schaltete eine Anzeige.

Keiner der befreundeten Künstler wollte sich jedoch dem Wucher-Preisdruck unterwerfen, so dass die Einheit an ein Handy-App-Start-up vermietet wurde, die das Paket gerne bezahlte.

Trennung 1

M. hat zwei Kinder. Nach der Trennung von ihrem Partner brauchte sie dringend eine Wohnung mit genügend Platz. Sie fand eine unsanierte Wohnung in Prenzlauer Berg, jedoch mit Gas-Etagen-Heizung (also Standard Mitte Neunziger) für 1000 Euro warm (dies eher Standard 2018). Die Wohnung im relativ heruntergekommenen Haus gefiel ihr nicht und sie fand um die Ecke eine schönere, allerdings für 1400 Euro.

Trotz immer noch geringer Einnahmen fühle sich das einfach besser an. Bei längeren Abwesenheiten wird sie nun airbnb-ähnliche Untervermietungen machen, dies sei bei der Wohnung zuvor, wegen des Zustandes des ­Hauses, schwer machbar gewesen. Außerdem könnten höhere Kosten auch ein Ansporn sein, mehr zu verdienen.

Ein-Raum-Wohnung

H. kam in den frühen Neunzigern zum Studieren nach Berlin. Nachdem er ein halbes Jahr zur Untermiete bei einer winterflüchtigen Künstlerin in Schöneberg wohnte und die Wohnung dort etwas zu sehr nach seinem Geschmack renovierte, behielt die im Frühjahr zurückkehrende Hauptmieterin die Kaution ein, um den alten Zustand wieder herzustellen. Dann wieder Untermiete, diesmal bei einer Ostberlinerin, die praktisch bei ihrem holländischen Freund wohnte und ihre Ein-Raum-Wohnung daher nicht benötigte. 32 Quadratmeter für 180 Mark warm, nicht sonderlich billig damals 1993, aber zentral gelegen. Die Beziehung der Ostberlinerin zu dem Holländer ging zwei Jahre später in die Brüche und H. bangte um seine Wohnung. Er besorgte sich einen Wohnberechtigungsschein für eine Zwei-Raum-Wohnung (dafür überzeugte er seinen in Westdeutschland lebenden Bruder, seinen Zweiwohnsitz in Berlin). Er fand damit eine Wohnung im nördlichen Prenzlauer Berg, fast Pankow. Zu nördlich für ihn, wie er damals meinte und schlug seiner Übermieterin einen Tausch vor. Sie sollte die Zwei-Raum-Wohnung bekommen, dafür er, als offizieller Hauptmieter, dort bleiben dürfen, wo er war. Die WiP machte mit, fragte auch nicht nach dem Verbleib des Bruders. 5,50 Mark Kaltmiete pro Quadratmeter, die ortsübliche Miete.

Zehn Jahre später kaufte dann ein Berliner Kleinunternehmer das Haus und setzte eine Modernisierungsvereinbarung durch. Nach etlichen Verhandlungen wurde die Miete „nur“ etwas mehr als verdoppelt, von 2,95 Euro auf 6,50 Euro den Quadratmeter. Dafür gab es neue Fenster, Heizung, einen Balkon, neuen Linoleumboden und ein funktionierendes Bad. Kann man unterschreiben, dachte sich H. Die Wohnung war auch wirklich doppelt so gut. Alleine die nun fehlende Kohlenschlepperei in den vierten Stock war ihm 20 Euro wert. So romantisch das noch Mitte der Neunziger war, H. war froh, dass er noch nicht an einer Kohlenmonoxidvergiftung verstorben war.

Der neue Vermieter ließ aber in den darauffolgenden Jahren nicht locker und es folgten sukzessive Mieterhöhungen auf sieben, dann auf zehn, schließlich auf zwölf Euro pro Quadratmeter, also eine erneute Verdopplung binnen zwölf Jahren oder fünf Prozent jährlich. H. ließ das mit sich geschehen, da er die Wohnung, ähnlich seiner Ostberliner Vormieterin, zum selben Preis untervermietete und der Vermieter ihn das nur machen ließ, wenn er seine Mietvorstellungen durchsetzen konnte. Der Hinweis seitens H., dass der Vermieter seit Kauf des Hauses, je nach Finanzierung der Anfangskosten zwischen 100 und 200.000 jährlich Profit machte, spornte diesen eher noch an, das Maximum rauszuholen.

Mittlerweile wohnt P. in der Wohnung, die aufgrund ihres geringen Einkommens keine Wohnung mehr in Berlin fand. 32 Quadratmeter für nun 500 Euro warm. Dies entspricht einer Mietsteigerung von 5,8 Prozent jährlich seit 1993. Die Wohnung ist so auch für 2018 in Berlin nicht sonderlich billig, aber man bedenke die Lage.

350 Quadratmeter

S. und R. sind beide leitende Mediziner und wohnten zur Miete in Kreuzberg. Dann kam ein Kaufangebot für eine Summe im siebenstelligen Bereich, das zu verlockend klang. Eine 350 Quadratmeter-Wohnung in Grunewald auf einer Etage, quasi das ganze Erdgeschoss einer Villa. Natürlich können sie den Platz nicht ganz nutzen und sind wegen der vielen Arbeit auch selten zu Hause. Selbst die großen Feste, die sie manchmal feiern, sehen etwas leer aus. Aber was soll’s, das Geld ist jedenfalls okay angelegt.

Eigentum 2

L. wohnt seit 2003 in Berlin. Nach dem Tod seiner Großmutter erbte er etwas mehr als 120.000 Euro und kaufte sich davon 2007 eine kleine, neusanierte Zweizimmerwohnung in Mitte, in der er auch zuerst wohnte. Nach der Geburt seines ersten Kindes zog er mit der Familie in eine größere Wohnung zur Miete. Die Eigentumswohnung vermietete er. Da er als Künstler zu wenig verdiente, um seinen Lebensstandard zu halten und eine Familie zu ernähren, musste er die Wohnung 2014 für etwa doppelt soviel wieder verkaufen. Mittlerweile ist jedoch auch dieses Geld aufgebraucht.

Atelier 2

K. hat sein 120-Quadratmeter-Atelier bereits 1982 bezogen und besitzt einen uralten Mietvertrag, der unbefristet ist. Da es in der gesamten Zeit so gut wie keine signifikanten Mieterhöhungen gab, behält K. das Atelier auch, obwohl er schon seit Jahren gar nicht mehr als Künstler arbeitet. Ab und an schaut er nach dem Rechten und sortiert alte Arbeiten. Dabei schaut er häufig aus dem Fenster in den Hof, in dem sich auf der gegenüberliegenden Seite ein weiteres Gebäude befindet, in dem ebenfalls Künstlerateliers sind, und in denen sich zu K.s Verwunderung auf relativ engem Raum mehrere junge Künstlerinnen und Künstler ein Atelier teilen. Wenn man K. dann darauf hinweist, dass es dafür einen guten Grund gibt und er sein ungenutztes Atelier möglicherweise auch mit anderen teilen oder sogar aufgeben könnte, empfindet er das als eine Einmischung in seine Angelegenheiten und wird unfreundlich.

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