Fluten oder verfremden?

Reportage
zuerst erschienen am 3. Juli 1996 in Süddeutsche Zeitung, S. 8

An der Bernauer Straße liegt das Finanzamt von Oranienburg. Zum ersten Stock führt eine Treppe mit einem seltsamen Muster im Geländer. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, daß aus dem Geländer etwas abgesägt wurde. Früher waren da Hakenkreuze drin. Die Bernauer Straße hieß damals Adolf-Hitler-Wall, und im Finanzamt wurde gefoltert, es war die Zentrale des SS-Staates. Das von hier aus geleitete KZ Sachsenhausen war das erste „moderne und neuzeitliche KZ“ (Heinrich Himmler). Mit Sachsenhausen wurde das KZ zum System. Hier begann die Einmaligkeit des Verbrechens. Das Lager selbst, die heutige Gedenkstätte, ist dreieckig. Das war praktisch, weil man mit einem Maschinengewehr jeden Punkt beschießen kann, aber auch unpraktisch, weil man Dreiecke schwer vergrößern kann. Ein KZ bestand nicht nur aus dem Lager, sondern auch aus Verwaltung, Anfahrtswegen und Kasernen für die Wachmannschaft.

In einem Eichenwald am Rande des Geländes liegt eine Villa. Dort wohnte der Lagerkommandant Eicke. Sie zerfällt langsam, aus den Mauern wachsen junge Birken. Unter den Bäumen ist eine Betonbank mit Muscheln drin. Villa und Betonbank wurden wie auch die SS-Kasernen von den KZ-Gefangenen gebaut, nach der Devise „Vernichtung durch Arbeit“.

Vor der Wende war die Nationale Volksarmee auf dem ehemaligen SS-Gelände. Jetzt wird der westliche Teil vom Polizeipräsidium genutzt. Das imposante Trafohaus wird gerade renoviert. Genau nach historischem Vorbild werden die Dachtraufen geziegelt und der Mörtel verputzt. Nur ein rollstuhlgerechter Aufgang wird noch draufgebaut. Es hat schon etwas Surreales, wie ein etwas zu bombastisch geratenes Stromhäuschen der SS mit dieser Auffahrt zur denkmalgeschützten Kantine umgerüstet wird.

Die massigen Kasernen im östlichen Teil stehen leer, zerfallen und riechen muffig nach aufgequollenem Holz und gewellten Blümchen-Tapeten. Seit fünf Jahren geschieht nichts mehr, ein schönes Biotop entsteht. Sehr böse sieht es hier nicht aus. Ist das nun die zum Allgemeinplatz gewordene Banalität des Bösen, oder verlangen diese Kasernen ein anstrengenderes Nachdenken, so wie Zen-Buddhisten über das Nichts philosophieren?

Was soll man mit diesen Resten anfangen? Vor drei Jahren gab es einen Architektur-Wettbewerb, Wohnungen sollten entstehen. Einer der Architekten war Daniel Libeskind, der wurde allerdings disqualifiziert, weil er sich nicht an die Ausschreibung gehalten hatte und keine Wohnanlage liefern wollte. Dann gab es lange Diskussionen, und man kam zu dem Schluß, daß man hier nicht einfach Wohnblocks errichten kann. Libeskind bekam den Auftrag, den Architekten künstlerisch zu beraten. Zuerst wollte er die SS-Architektur verfallen lassen und teilweise unter Wasser setzen. Aber da gab es sofort Contra: Der Gedenkstellenleiter Günter Morsch will die Bauten erhalten und unter Ensemble-Schutz stellen: „Die Täterstrukturen sollen sichtbar bleiben. Durch das Abreißen wurden diese Strukturen ausgelöscht, der Holocaust unerklärlich gemacht. Und wenn man die Gebäude erhalten will, muß man sie nutzen. Man kann an der Architektur von Sachsenhausen die Machtsymbolik erleben, exemplarisch und einmalig. Hier war das Zentrum des Terrors.“

Günter Morsch ist ein heftiger Redner, wenn er einmal loslegt, hört er vor einer Stunde nicht mehr auf. Er ist fasziniert von dem Gelände, manchmal stoppt er sich plötzlich in seiner Begeisterung und erinnert an den Zweck des Geländes. Er hat Recht: Deutschland war ein Land der Opfer ohne Täter. Die braunen Spuren werden weggeputzt, um die Gräber kann sich ja Ignatz Bubis kümmern, und einmal im Jahr legt Rita Süssmuth einen Kranz nieder.

Seit drei Jahren geht der Streit schon um Denkmalschutz oder architektonische Interpretation, am Anfang war er heftiger und gegensätzlicher, aber er wird immer konstruktiver. Alle Seiten, Gedenkstätte, Architekten, Stadtplanung, Denkmalschutzbehörde und Bürgermeister bestätigen sich gegenseitig großen Ernst. Das Problem ist, auch Libeskind hat Recht: „Was will man denn machen? Mit Millionenaufwand Nazi-Architektur wiederaufbauen? Und was hat man dann? Nette Bauten. Aber das sind keine netten Gebäude, die wurden mit Sklavenarbeit erbaut. Ja, man muß sich mit diesem Gelände auseinandersetzen, aber nicht einfach renovieren.“

Libeskind will etwa 30 Prozent der Bausubstanz erhalten, die Mittelachse mit einer Diagonale kreuzen und sie so ihrem Zweck entfremden. Eine künstlerische Interpretation? „Nein, das ist eine politische Interpretation!“ Die Anlage soll urbanisiert werden, Anschluß an die Stadt bekommen. Die Neubauten sollen ein Ausdruck der Hoffnung sein und ‚normal’ genutzt werden. Normal, geht das denn? „Ja, natürlich. Alles ist möglich.“ Auch eine Diskothek oder ein Supermarkt? „Das nicht,“ sagt Libeskind. Hier ist sie wieder, die surreale Situation: Sind Tischler im ehemaligen SS-Gelände okay, ein Fitnesstudio aber nicht? Oder ein Friseur? Ein Tante-Emma-Laden ja, ein Supermarkt nicht? Wo will man die Linie ziehen? „Es kommt darauf an, daß man sich mit der Geschichte auseinandersetzt. Die Geschichte hört aber nicht auf. Man muß die Kontinuität der Zeit aufzeigen, nicht des Ortes.“

Daniel Libeskind ist ganz bei der Sache, die ersten drei Jahre hat er auf eigenes Risiko an dem Projekt gearbeitet. Wie der Gedenkstättenleiter Günter Morsch versucht auch er zu überzeugen, so, als ob auch er sich selber noch einmal überzeugen will, wie man mit diesem mächtigen Koloß von Geschichte umgehen soll.

Irgendwann werden sie zu einem Ergebnis kommen. Finanzplanung, Erhaltbarkeit der Bauten, Interessen der Nutzer werden wohl den Rahmen abstecken, in dem dann 30 oder eben hundert Prozent der baufälligen Gebäude erhalten, renoviert oder einem kalkulierten Verfall preisgegeben werden.