August von Goethe

Rezension
zuerst erschienen 2003 in Kid's Wear Magazine

Als August von Goethe im März des Jahres 1830 nach Italien reist, um aus dieser Fahrt ein Tagebuch zu gewinnen, ist die Erwartung an sein schriftstellerisches Vermögen bereits mächtig. Und das, obwohl er noch kein Buch veröffentlicht hatte. Sein Vater ist Johann Wolfgang von Goethe - der Dichterfürst dieser Zeit.

Schon der Vater des Vaters hatte 1740 eine Italienreise unternommen und darüber einen Briefroman geschrieben; die mitgebrachten Kupferstiche von Petersdom, Colosseum und Piazza Popolo waren in Goethes Elternhaus am großen Hirschgraben in Frankfurt aufgehängt und hielten in seinem Sohn Johann Wolfgang die Italiensehnsucht wach. Sechsundvierzig Jahre nach dem Vater brach auch Johann Wolfgang von Goethe nach Italien auf. Seine Reise dauerte zwei Jahre und anders als der Vater beschäftigte er sich nicht damit, die Inschriften der Häuser und Markierungen der Wege zu katalogisieren. Er drang tiefer ein und verarbeitete seine Einsichten über die kommenden vierzig Jahre in Texten, die vornehmlich ihn selbst als Figur der Geschichte, als einen Klassiker herausarbeiteten.    

Als schließlich mit August der dritte Goethe in der Generationenfolge zu seiner Reise aufbricht, ist es für einen Italienbericht eigentlich zu spät. Das literarische Interesse hatte sich inzwischen auf Frankreich konzentriert. Nicht allein aus diesem Grund, der primär von schriftstellerischem Interesse ist, scheint August von einem anderen Vorhaben getrieben als der Niederschrift eines Reisetagebuchs. Er reist aus persönlichen Gründen. Die Familientradition kaschiert hier mehr, als daß sie bedingt.

Es ist also nicht Italien, dem Augusts Vorhaben gilt, es ist der Vater. Eine Reise durch Italien enthält für August lediglich den Vorteil, daß er, soweit es den Informationsgehalt seiner Mitteilungen betrifft, auf das lesende Interesse des Vaters hoffen darf. Die Eindrücke aus dem geliebten Land stellen seinem Schreiben das Material zur Verfügung, von dem er glaubt, es könnte ihm einen Zugang zum Vater erschließen.

Was er eigentlich vorhat, das entnehmen wir seinem Gedicht, das vor Reisebeginn in der von seiner Frau Ottilie herausgegebenen Zeitschrift Chaos erscheint:

Ich will nicht mehr am Gängelbande

Wie sonst geleitet seyn

Und lieber an des Abgrunds Rande

Von jeder Fessel mich befreien 

Und ist auch sichrer Sturz bereitet

Ich weiche nicht vom schmalsten Pfad

Um Rechtthun mancher wird beneidet

Und wohl ist diese schönste Tat

Zerrissnes Herz ist nimmer herzustellen

Sein Untergang ist sichres Loos

Es gleicht vom Sturm gepeitschten Wellen

Und sinkt zuletzt in Thetis Schooß

D’rum stürme fort in deinem Schlagen

Bis auch der letzte Schlag verschwand

Ich geh’ entgegen bess’ren Tagen

Gelös’t ist hier nun jedes Band!

Thetis, in deren Schoß sich der Untergehende wünscht, war die Mutter des Achill, vor der Zeus zurückschreckte, als er erfuhr, daß sie ansonsten einen Sohn zur Welt bringen würde, der seinem Vater überlegen sei.

August, der sich nach Befreiung sehnt, handelt dem Gedicht entsprechend mit dem Mut zu Verzweiflung. Sein Tagebuch entsteht aus den Briefen die er einmal täglich an den Vater verfasst und sendet. Die ersten Briefe unterschreibt er noch zutraulich mit „Ihr treuer Sohn A. von Goethe“. Nach dem dritten läßt er die Abkürzung seines Vornamens ganz weg und schließt mit „Ihr treuer Sohn v. Goethe“. Doch die Rücknahme allzu großer Vertraulichkeit scheint den Vater noch nicht zu befriedigen. August muß zwei Monate abwarten, bis ihn die erste Antwort seines Vaters erreicht. Da hatte August ihm bereits an die siebzig Briefe geschrieben. Gemessen an der dem Vater offenbarten Fülle an Eindrücken und teilweise minutiös wiedergegeben Erlebnissen geht dieser nur unbefriedigend auf die Texte seines Sohnes ein: Er vermeldet zunächst, daß er die Schreiben erhalten habe, beschreibt dann kurz die Wetterlage über Weimar, um dann mit den Wünschen betreffs seiner Münzsammlung herauszurücken. Über die Schriftstellerei seines Augusts verliert Goethe kein einziges Wort.

Auch in den nächsten und übernächsten Briefen des Vaters – August erhält insgesamt zehn innerhalb des Zeitraumes von einem halben Jahr – geht der Vater nicht auf das schriftstellerische Vorhaben des Sohnes ein. Stattdessen berichtet er von eigenen Arbeiten, die gut vorankämen, läßt seinem Sekretär Eckermann grüßen, der August auf den ersten beiden Etappen begleitet und beauftragt den Sohn mit dem Erwerb einer fortschrittlichen Tinte, die es in Rom zu kaufen gibt. Von ihr verspricht er sich eine Beschleunigung bei der Vervielfältigung seiner Manuskripte. Ein beiläufig eingestreuter, wenn auch vage gehaltener Rat des Vaters erweist sich für August als verhängnisvoll: „Ich wünsche nur daß dein leiblicher und geistiger Magen sie verdauen lerne, alle geistigen und leiblichen Genüsse sind heilsam wenn man sie zu verarbeiten weiß“.

Möglicherweise schrieb der Vater diesen Wunsch ganz im Hinblick auf das Schriftstellertum seines Sohnes bezogen; bei August landete der einsam auf seine Person bezogene Satz im sogenannten falschen Hals. Sein Pensum war bereits enorm. Die Tagebucheinträge hatten an Länge zugelegt und nicht selten (so etwa in jedem zweiten) enthalten sie ausführliche Passagen, die von der mühsamen Arbeit an den Texten selbst berichten müssen. Seinen geistigen Magen betrachtet August offensichtlich als ein Gefäß von unendlicher Expansionsfähigkeit. Insofern hofft er wohl bereits, sich auf diesem Feld mit seinem wie wild schreibenden Vater geschlagen zu haben. Sein leiblicher Magen allerdings steht kurz vor der Kapitulation. August von Goethe ist vierzig, sein Vater bereits doppelt so alt. Trotzdem trinkt dieser mehrere Flaschen Frankenwein am Tag und hält sich auch beim Essen nie zurück. Er steht so dermaßen voll im Saft, daß ein auch noch so junger Held dagegen alt aussieht. Aus August aber wird kein Held, sein Trinken und Stopfen nimmt in Italien tragische Formen an, selbst Tischgenossen ziehen sich von ihm zurück. Schon bei Antritt der Reise wird er von Durchblutungsstörungen geplagt, die er für hämorrhoidale Beschwerden hält. Mit schließlich sieben Litern Wein untertags versucht er die Kur.

Angesichts dieses Alkoholpensums ist es allerdings erstaunlich, was August noch alles zu Papier kriegt. Tapfer besucht er die von Vater und Großvater bereits abgegrasten Landschaften, in der ständigen Hoffnung auf das noch Unentdeckte, eigentlich Neue. Sein Appetit scheint gargantualisch: Stolz berichtet er dem Vater von einem Mittagessen, bei dem er es fertiggebracht hatte, dreißig Austern zu schlucken. Der Vater nimmt dies zerstreut zur Kenntnis und rät seinem August – warum auch immer – bei nächster Gelegenheit die doppelte Anzahl zu versuchen.

Der in Augusts Gedicht formulierte Wunsch, er wolle „jedes Band“ gelöst wissen, um besseren Tagen entgegen gehen zu können, geht kurz darauf in Erfüllung. Rom war der angezielte Höhepunkt seiner Reise, kaum hat er die Stadt erreicht, bricht er zusammen. Noch auf dem Krankenlager verlangt er nach Wein und trinkt die Flasche, woran ihn niemand hindern wollte, aus. Ein Hirnschlag ist die Folge, in damaliger Zeit „Schlagfluß“ genannt. Die Autopsie fördert zutage, was August, dem Sohn den Garaus gemacht hatte. Seine Leber ist um ein vielfaches geschwollen, sie ist größer als sein Kopf und scheint pechschwarz zu sein vor lauter schmutzigem Blut. Es ist, als habe sich der Sohn von Goethe an Italien vergiftet. Dementsprechend verhalten fallen die Trauerbezeugungen aus. Johann Wolfgang von Goethe läßt seinen Sohn August direkt in Rom beerdigen. Seine Wahl fällt auf den Friedhof für Nichtkatholiken an der Porta San Paolo. Dort, unter der Pyramide des Cestius, wollte Johann Wolfgang von Goethe dereinst selbst liegen; eine Tuschezeichnung seines geplanten Grabmales hatte er bereits angefertigt. Für den Sohn reichte ein schlichterer Stein, darauf eine noch schlichtere Inschrift: 

„Goethe Filius Patri antevertens obiit annor XL“ - Goethe der Sohn, seinem Vater vorangehend, starb vierzigjährig. Die Weglassung seines Vornamens, auch des Initials, nur noch Sohn von Goethe zu heißen, das hatte August in seinen Briefen selbst vorweggenommen. Wenigstens diese Schriftstellerische Leistung schien bei seinem Vater Eindruck hinterlassen zu haben.

Am 23. Februar 1831, vier Monate nach dem Tod des Sohnes und ein Jahr vor seinem eigenen verfasste Johann Wolfgang von Goethe eine Kurzkritik des Reisetagebuches: „Vielleicht gibt es Gelegenheit in künftigen Tagen, aus seinen Reiseblättern, das Gedächtnis dieses eignen jungen Manns Freunden und Wohlwollenden, aufzufrischen und zu empfehlen. Und so, über Gräber, vorwärts!“.