Durch die Nacht in b-Moll

von 
Reportage
zuerst erschienen am 2. August 2015 in Welt am Sonntag, S. 48
Neu durchgesehene Fassung der Autorin
Eine kleine Insel der Melancholie: Der christliche Sender Radio Paradiso liefert den Soundtrack einsamer Großstadtnächte. Die Autorin hat gemeinsam mit dem Fotografen Christian Werner in der Radioredaktion und im Taxifahrermilieu recherchiert

Nächte, deren Stunden in irgendeiner Bar vorbeifliegen, zunehmend betrunken natürlich und wirrer auch, können im Grunde nur in zwei Gefühlen münden: Euphorie oder Weinerlichkeit. Deutlich besser enden sie in jedem Fall, wenn man schließlich auf die Rückbank eines Taxis fällt und dort, als hätte irgendein allwissender, gütig über einen wachender DJ seine Finger im Spiel, die passende Musik läuft. 

Wenn dann, in einer Nacht der aufgekratzteren, glücklicheren Sorte, „Don’t Stop Me Now“ von Queen gespielt wird. Man den Taxifahrer bittet, lauter zu machen, das Fenster runterfährt und die Lichter vorbeirauschen lässt. Oder wenn in einer nicht so guten Nacht mit fiesen männerverschlingenden Frauen „Man Eater“ läuft oder, wenn es ganz sentimentale wurde, Elton Johns „I Guess That’s Why They Call it The Blues“. Oder zum tausendsten Mal „American Pie“ und man sich wieder fragt, was zur Hölle das eigentlich bedeuten soll: „Drove my Chevy to the levee, but the levee was dry“.

Am Ende ist es auch ein Taxifahrer, der die Sache auf den Punkt bringt: „Die spielen viel Musik, nicht so viel Gequatsche. Die erzählen zwar ab und zu mal, Jesus hat dieses und jenes gesagt, aber man weiß ja, dass das nur erfunden ist.“ Und das ist genau das, was Radio Paradiso charakterisiert, Deutschlands einzigen privaten christlichen Radiosender. Mit diesem Ansatz scheint man bei Paradiso vieles richtig zu machen. Der Sender ist der Liebling der Berliner Taxifahrer und ihrer Fahrgäste. Wie aber kann es sein, dass ein so aus der Zeit gefallenes Ding wie Paradiso den Soundtrack einsamer Nächte liefert?

Alles beginnt im Februar 1997, als Paradiso die UKW-Frequenz 98,2 in Betrieb nimmt, mit einem Gebet und Glockengeläut. Gegründet auf Initiative des Evangelischen Presseverbandes Nord, bis heute der Paradiso-Hauptgesellschafter. Der Sender soll von seinen idyllisch gelegenen Räumen am Kleinen Wannsee im Gewölbe der Immanuel-Diakonie und unter Protest christlicher Bildungsbürger „auf unkonventionellem Wege die Menschen wieder oder zum ersten Mal mit dem Christsein konfrontieren“.

Kein einfaches Unterfangen. Berlin gehört mit 36 Sendern, darunter 22 privaten, zu den am härtesten umkämpften Radiomärkten Europas. Während der Anteil der Christen im gesamten Land bei etwa 62 Prozent liegt, beläuft er sich in dem von Einwanderern und durch den konfessionslosen Osten geprägten Berlin auf gerade mal 27 Prozent. Daher war immer klar: Paradiso kann kein Radiosender der Kirche sein, sondern lediglich einer mit christlicher Grundausrichtung. Das heißt: keine Kirchenmusik, dafür aber den Morgensegen, eine sonntägliche Andacht, das Vaterunser, mehrmals stündlich die „Gedanken zum Auftanken“, eine Art „Besinnlichkeitssnack“ für zwischendurch. Früher gab es auch Brandreden gegen die Scheidung. Diese sind genauso wie die Andachten mittlerweile abgeschafft. „Man kann ja Werte statt kirchlich auch ethisch-moralisch interpretieren“, sagt Joachim Radünz. Der ausgebildete Hörfunkjournalist und ehemalige Afrika-Korrespondent, bei dem Musik noch „Mucke“ heißt, ist seit einem Jahr Paradisos Programmdirektor und arbeitet mit einer Redaktion von 12 Mitarbeitern daran, es zu einem weltoffenen Sender mit humanen Werten zu machen. So gibt es heute die „Großen Worte der Menschheitsgeschichte“, die von John F. Kennedy oder Richard Weizsäcker stammen können und auch den atheistischen Hörer nicht verschrecken. Jeden Abend läuft eine Spezialsendung wie die Kolumne „Mehr als Ja und Amen“. Den Sendernamen sagt mehrmals stündlich die angesexte Synchronstimme von Julia Roberts an.

„Aber Inhalte hin oder her: 80 Prozent unserer Hörer schalten uns wegen der Musik ein“, sagt Radünz. Und da liegt das Geheimnis von Paradisos Erfolg: in den „Soft Hits“. „Unsere Leute wollen entspannte Musik haben“, erklärt Radünz. Musik, die „eingängig ist, ohne dödelig zu sein“. Musik in getragenem Tempo, ohne Beat. Kein Dance, kein Hip-Hop, Kuschelrock aber schon. Ein Raster, durch das Pharrell Williams’ „Happy“ nur aufgrund seiner Bekanntheit nicht gefallen ist. Denn Teil des Konzepts ist auch das, was der Schriftsteller Max Goldt folgendermaßen beschreibt: „Das Publikum klatscht doch nicht, weil ein Lied besonders gut ist, sondern weil es ein Lied bereits kennt. Es beklatscht sein eigenes Gedächtnis.“ Es beklatscht „The Most Beautiful Girl in the World“ von Prince, „My Girl“ der Temptations und alles von a-ha. „Words Don’t Come Easy“ von F.R. David oder Roxy Musics „Love Is the Drug“. Seit Radünz am Ruder sitzt, laufen auch die dunkel verhallten Depeche Mode.

Paradiso erzählt von einer Zeit, die weniger schnell und anstrengend gewesen zu sein scheint, weniger digital. Als mehr soziale Marktwirtschaft war und vermeintlich mehr Wärme. Als Pop noch Leben retten konnte und Phil Collins’ „Follow You, Follow Me“ noch nicht mit Twitter oder Instagram assoziiert wurde. Das Durchschnittshöreralter liegt heute bei 49 Jahren, mit vielen um die 60-Jährigen. Aber ein Sechstel der Hörer ist zwischen 20 und 25 Jahren alt. Die große Zeit des Senders bricht um 21 Uhr an – Samstags schon eine Stunde früher – wenn die Moderatoren nach Hause gehen, die Wortbeiträge wegfallen und Paradiso ausschließlich Musik spielt. Dafür wurde Radio erfunden.

Alle Lebensbereiche von der Schallplattensammlung über die Garderobe, den Instagram-Account und die Freundeskreise sind ja inzwischen sorgfältig durchkuratiert. Da befreit einen das Einschalten eines Radiosenders vom Lifestylestress, der mit eben diesem ständigen Auswahlprozess verbunden ist. Radio streichelt die Seele des erschöpften Geschmacksmenschen. Statt der eklektisch durchgeplanten Playlist liefert Paradiso eine Zusammenstellung guter Musik; und das seltsam stilsicher. Heimeligkeit, die frei Haus kommt. Oder wie es ein Taxifahrer formuliert: „Das ist wie Klassikradio, nur mit Pop.“

So gut sah es aber lange nicht aus. Nachdem im Jahr 2008 der Konkurs der Betriebsgesellschaft nur dank Kapitalaufstockung und neuen freikirchlichen Investoren abgewendet werden konnte, wurde das Paradies zwei Jahre später erneut bedroht. Laut Radünz hatte ein missgünstiger Mitbewerber den Sender bei der zuständigen Medienanstalt Berlin-Brandenburg angezeigt. Paradisos Lizenz beruht darauf, dass der Sender einen Wortanteil von 27 Prozent garantiert. Der Beschwerdeführer hatte wochenlang Buch geführt und kam auf eine Quote von 25 Prozent. Die Lizenz wurde an den Oldie-Sender B2 vergeben. Radio Paradiso klagte und bekam zwei Jahre später vom Verwaltungsgericht recht. Radünz misst den Wortanteil jetzt mit der Stoppuhr.

Aber der interessiert sowieso nur die wenigsten (oder nur insofern, als dass die Paradiso-Moderationen es schaffen, nicht durch komplette Hirnrissigkeit zu nerven), geschweige denn die christliche Ausrichtung des Senders, die von den meisten mit der gleichen weltanschaulichen Lässigkeit hingenommen wird, die sie sich selbst angedeihen lassen. Um es mit den Worten eines weiteren Taxifahrers und Paradiso-Hörers zu sagen: „Ich bin Moslem. Aber ich habe gerade eine Krakauer gegessen. Die wird ja bekanntlich auch nicht aus Hühnchen gemacht.“

Mit dem Konzept, ausschließlich getragen-eingängige Musik zu spielen, ohne Beat, war Paradiso seiner Zeit zufällig ziemlich voraus. Der Sound von Adele über James Blunt bis zur Triviallyrik der Deutschpopper bestimmt seit ein paar Jahren das Radiogeschäft. „Die Soft-Hit-Nummer ist das, was gerade alle haben wollen, auch die Hitradios“, sagt Radünz. Der Sender bewirbt sich mittlerweile deutschlandweit um Lizenzen.

Als Nächstes will Radünz den Morgen umgestalten, denn „wer morgens seine Reichweite nicht holt, hat sie auch am Tag nicht.“ Aber er versichert, dass Radio Paradiso trotz einiger sanfter Eingriffe auch in Zukunft Radio Paradiso bleibt. Neben dem dynamischeren Frühprogramm wird er vor allem eine Änderung vornehmen und den Grundton der etwas in die Jahre gekommenen Radiojingles dem Musikprogramm anpassen. Der Jingle-Komponist stellte fest, dass 80 Prozent der Songs, die auf Paradiso laufen, in b-Moll gehalten sind - der dunkelromantischen Tonart, der Stimmung von U2s „Sunday, Bloody Sunday“, Lou Reeds „Perfect Day“ und „Hotel California“.

Da liegt nämlich das wahre Geheimnis von Radio Paradiso: In einer Zeit der allseits verordneten guten Laune schafft es kleine Inseln der Melancholie.