The Life Ghanatic II

von 
Tagebuch
Waahr-Originaltext
Anne Waak verbrachte Ende 2017 ein paar Monate in Ghana. Für Waahr schrieb sie ein Tagebuch über den westafrikanischen Alltag.

November

1.11.

Endlich die daumenlange tote Kakerlake weggekehrt, die seit drei Tagen vor dem Kleiderschrank lag und mich jedes Mal wieder erschreckt hat, wenn sie sich in mein Blickfeld schob.

Das zweite Biest, das unter dem Badregal verendet ist, räumt Esther mit ihren eiskalten vier Jahren weg, indem sie es am Fühler packt und in den Müll wirft. Dann fragt sie, ob sie das kleine Vogelei mit der marmornen Schale, das wir ohne eine Spur des dazugehörigen Nestes im Hof gefunden haben, kaputtmachen darf. Ich rufe »Non!«, sie holt mit geballter Faust aus und eine rotbraune Flüssigkeit rinnt ihr durch die Finger.

Seit kurzem ist klar, was der dreistöckige Rohbau gegenüber wird, durch den jetzt noch die untergehende Sonne auf den Hof fällt: eine Kirche. Eine Überraschung ist das nicht gerade. Geil aber auch nicht. Goil heißt übrigens das staatliche Ölunternehmen mit den hübsch modernistischen, orangefarbenen Tankstellen. Ich muss dabei immer an süddeutsche Teenager denken: »Goil, Oider!«

Dann fällt zum zweiten Mal am selben Tag der Strom aus. Vor zwei Jahren noch ging der Rhythmus, der sicherstellen sollte, dass die nicht in ausreichender Menge produzierte Energie länger reicht, so: 24 Stunden Strom, dann 12 Stunden kein Strom, dann 12 Stunden Strom, dann 24 Stunden kein Strom. Als das Licht nach einer halben Minute wieder angeht, kann man ein paar Kinder jubeln hören.

2.11.

»Hate late

»West Africa? Best Africa

»December to Remember

3.11.

Aino antwortet auf meine Mail vom Vorabend, in der ich fragte, ob ich einfach so im Operndorf auftauchen könne. Sie sitze gerade zufällig im Flugzeug von Berlin nach Ouagadougou, ich könne sie dort treffen – nein, müsse!

Den Abend verbringe ich mit der Recherche. Auf dem Landweg würde ich in Burkina Faso eintreffen, wenn sie schon wieder zurück in Berlin wäre, ich buche also für den nächsten Morgen einen sehr günstigen Flug nach Tamale im Norden Ghanas. Weitere drei bis vier Stunden mit verschiedenen Verkehrsmitteln bis an die Grenze, dort kann man hinüberlaufen. Noch mal 160 Kilometer mit dem Trotro, das dort taxi-brousse heißt, dann umsteigen und weitere 20 Kilometer und dann bin ich schon da.

In der Halle von Terminal 1 vom Flughafen in Accra, von wo die inländischen Flüge gehen, reihen sich drei mannshohe sogenannten Aufsteller auf. Der erste wirbt mit einer lachenden Dame in ihren 50ern für die China European Business School: »Made to Fit a Busy Woman’s Schedule«, der zweite für allerlei Vorsichtsmaßnahmen gegen Ebola, beim dritten handelt es sich um eine sich an französischsprachige Nicht-Ghanaer richtende Warnung des Ministery for Natural Ressources davor, sich Verbrechen gegen einheimische Minenarbeiter zuschulden kommen zu lassen.

Der Security-Mann am Check-in fragt mich, ob ich Flüssigkeiten außer Kosmetik bei mir habe. Ich sage nein, was in etwa stimmt, er glaubt mir, ohne nachzuschauen. Ein Schild weist auf die neuen restriktiven Bestimmungen zur Mitnahme von Flüssigkeiten im Flugzeug hin, drei Unzen pro Produkt und die in einer durchsichtigen Ein-Liter-Plastiktüte, aber das scheint ein bisschen egal zu sein. Meine Halbliterflaschen Moskito-Haut- und -Kleidungssprays habe ich lose in die karierte Plastiktragetasche geworfen, die bei uns Türkentasche oder Polenkoffer heißt. In Nigeria nennt man sie Ghana must go, weil die eine Million illegale ghanaischen Immigranten, die während des Öl-Booms ins Land gekommen waren, darin alles transportierten, was sie tragen konnten, nachdem die nigerianische Regierung sie 1983 auf einen Schlag ausgewiesen hatte, weil sie nach dem Crash nicht mehr geduldet wurden. Wie die Tasche hier in Ghana heißt, weiß ich gar nicht.

Die ganzen Flüssigkeiten stören die Durchleuchter nicht, aber meine Linkshänder-Haarschere. Wobei ich mir sicher bin, dass ich mit dem giftigen DEET in meiner Tasche schneller jemanden verletzten könnte als mit einer Schere, die ich außerdem niemals für etwas anderes benutzen würde, als um mir den Pony abzusäbeln. Alles andere macht die doch stumpf. Jedenfalls muss ich die Tasche doch einchecken.

Mein Sitznachbar in der 30-sitzigen Propellermaschine ist ein junger Typ mit einer Frisur, die in Richtung Basquiat verweist. An drei Fingern der rechten Hand trägt er Ringe, zwei davon mit blauen und weißen Strasssteinen. Aus irgendeinem Grund schafft er es trotzdem, nicht wie ein Arschloch auszusehen. Er hilft mir beim Ausklappen meines Tisches, als ich von der Bordtoilette zurückkomme, räumt alles aus dem Weg, was mir der Stewart in der Zwischenzeit an eingeschweißten Kuchen und eine Flasche Wasser und ein Päckchen Ananassaft hingestellt hat, sodass ich mich wieder setzen kann. Er stellt sich als Halid vor. Auf mein: »Ein muslimischer Name«, sagt er: »Eigentlich Isaac Halid. Ja, mein Vater war Moslem, meine Mutter Christin«. Seinen dritten Namen, den der den Wochentag anzeigt, an dem er zur Welt gekommen ist, weiß er nicht, seine Mutter sei nach dem Tod seines Vaters zu beschäftigt gewesen, als dass sie ihm das habe sagen können. Er habe in Accra seine Onkel und Tanten besucht, in Tamale studiere er an einer Computer-Schule. Am Ende des kurzen Fluges sagt er, er werde sicherstellen, dass ich schnell und sicher an mein Ziel komme. Wir tauschen Nummern, er speichert mich unter Anne ab, Nachname: Friend. Als wir die Maschine verlassen, gibt er einem offenbar mit ihm bekannten Security-Mitarbeiter mit Springerstiefeln unsere Boardingkarten, anderthalb Minuten später kommt der mit den Taschen um die Ecke. Auf dem Vorplatz wartet ein anderer Freund mit Halids Motorrad. Wir steigen auf. Wie der Freund nach Hause kommt, ist mir nicht klar. Meine Tasche zwischen uns, fährt er die 20 schnurgeraden Kilometer ins Zentrum Tamales, extra behutsam, wie mir scheint. Tamale ist ganz anders als Accra: Auf einmal gibt es runde Lehmhütten mit Strohdach, statt Kirchen kleine Moscheen in den schönsten Farben. Rosa, Rost und Vanille ist eine irre gute Mischung. Sehr viele enorm luftig designte Tankstellen, schmales pastellfarbenes Dach auf hohen Säulen, viele davon nicht mehr in Betrieb. Die Töne alles übrigen sind wie von der Sonne ausgeblichen: die Mauern, das Gras, die Laubbäume. Nur die Kleider der Frauen glitzern. Sie sind aus einfarbigem Stoff, körpernah und knöchellang, und überall sind kleine Spiegel oder Glanzfäden eingenäht. Die Kombination Kleid und Wollmütze ist das Allercoolste. In Accra hat es eine Woche gedauert, bis ich darauf kam, warum mir auch viele nicht-traditionell gekleidete Männer so überdurchschnittlich gut angezogen vorkamen: Statt Jeans tragen die meisten Stoffhosen, dazu zu spitze Lederschuhe.

Die Tops und Meerjungfrauen-Kleider aus knallbunt bedruckten Stoffen, Waxprints, sind sowieso toll, aber in Accra waren die Männer die mit den liebevollsten Outfits: der rundgesichtige Teenager, der im weißen Hemd, breiten Hosenträgern und weiter Kreidestreifenhose aussah wie ein als Mafioso verkleideter Notorious B.I.G. Der im mauvefarbenen Hemd, lange Ärmel und bis oben hin zugeknöpft, schmale graue Hose zu Monkstraps mit kleinem Absatz. Ich meine: Monkstraps! Hatte ich außerhalb Italiens und der GQ noch nicht gesehen. Der Kokosnussverkäufer mit dem Afro, in dem ein türkisfarbenener Plastikkamm steckte.

Ich quieke auf, als ich die Motorradfahrerinnen bemerke. Im Süden gibt es nicht einmal Frauen auf Fahrädern, dort fahren sie alle Auto. Hier heizen sie mit Sonnenbrillen zu bunten Kopftüchern und ihren Babys auf dem Rücken umher, no fucks given.

Ein kurzer Abstecher in Halids kleines Häuschen mit der weißen kunstledernen, von rotem Staub bedeckten Couchgarnitur und der Palmentapete und einer gerahmten Bleistiftzeichnung von Bob Marley unter der Decke. Ich ziehe mich um. Die Hitze hier oben ist anders: heißer und trockener. Die geringe Wasser in der Luft macht die 37 Grad bizarrerweise so viel angenehmer als die feuchtigkeitsschwangeren 32 Grad in Accra. Weiter zum Busbahnhof. Er findet mir das richtige Trotro, bezahlt es, sagt »relax«, als ich protestiere, quetscht meine Tasche unter die Sitzbank, bittet mich, ihn anzurufen, wenn ich in Bolgatanga ankomme und verschwindet. Als das Trotro losruckelt, fallen die Babys auf den Schößen ihrer Mütter in einen tiefen Schlaf, das kleinste, ein Mädchen, noch mit der Brust seiner Mutter im Mund. Die ist ebenfalls eingenickt. So kann ich ihr Gesicht betrachten, das mit feinen geraden Schmucknarben überzogen ist, in die man schwarze Farbe gerieben hat. Das regelmäßige Muster sieht aus wie die Adern eines Birkenblattes. Nach zweieinhalb Stunden kommen wir in Bolgatanga an, Halid meldet sich: Er habe mir einen Taxifahrer besorgt, der mich vom Bus zu seinem Auto und damit nach Paga bringe.

Als hätte ich das nicht selbst gekonnt. Ich weiß nicht, warum das so ist. Weil Gäste nun mal umsorgt werden oder weil ich eine einzelne Frau bin. Oder weil ich mich mitten in einem Seminar des Fachs befinde, das René mal in Bezug Togo, das Heimatland seines Vaters, »angewandte Weißseinsforschung« nannte.

Der Fahrer steht schon an der Tür des Buses, als ich aussteige und sich fünf Männer gleichzeitig um meine riesige, unterm Sitz eingeklemmte Tasche kümmern. Die 90-Minuten-Fahrt schafft Salomon in einer Stunde. Auf dem Armaturenbrett laufen auf einem kleinen Bildschirm die größten Afrobeats-Hits, Davido ist der Star, Tekno der nigerianische Produzent der Stunde, die Videos sehr gut.

Es geht scheinbar immer um Liebe zu Frauen, die Ähnlichkeit mit Rihanna haben. Ich esse Reis mit Scharf aus einer Plastiktüte, die es in der Bahnhofskantine gab, es ist ganz köstlich. Einmal läuft uns ein Schwein gerade so nicht vors Auto. Die Glühsonne fällt in einem unglaublichen Tempo vom Himmel, und als es gerade dunkel geworden ist, erreichen wir Paga. Ich melde Halid meine erfolgreiche Ankunft und danke ihm. Der vom einzigen Hotel des Ortes sagt, er habe ein Zimmer für umgerechnet 8 Euro, aber das habe kein Wasser, deshalb vergäßen wir das besser schnell wieder. Das für 10 Euro habe einen Fernseher, aber kein eigenes Bad. »Dann nehme ich das für 12«. Dazu überreicht er mir eine einzeln verpackte Rolle Klopapier und ein großes Stück Seife. Als ich darum bitte, bekomme ich auch ein staubiges Handtuch, das weder frisch gewaschen noch gebraucht riecht. Das Neue Testament auf Deutsch, Englisch und Französisch liegt dagegen schon auf dem Zimmer bereit, gleich neben der in eine Plastiktüte verschnürten Fernbedienung. Frühstück gäbe es bei den Händlern auf der anderen Straßenseite.

Ein Muezzin ruft, 500 Meter von hier fängt Burkina Faso an. 830 Kilometer von Süd nach Nord in 9 Stunden und 11 Minuten. Speedy Tours Ghana.

4.11.

Der Muezzinwecker hebt um 5:10 Uhr zu seinem Lied an. Es gibt ja wenig, was ich lieber höre. Vor ein paar Jahren verstieg ich mich mal zu der Behauptung, der minutenlang leiernde Gesang erinnere mich an den Probealarm zum Test der Sirenen in der DDR, das war jeden Mittwoch um dieselbe Zeit – ein regelmäßiges und irgendwie heimeliges Geräusch. Wobei der Muezzin sehr viel schöner klingt.

Eine Stunde später wage ich es, auf die Suche nach Kaffee zu gehen. An der Hauptstraße Pagas reihen sich kilometerweit Trucks in Richtung Grenze auf, sie haben, soweit ich das erkennen kann, Orangen, Wassermelonen und Benzin geladen. Ich gehe erst in die eine Richtung, kaufe bei einer Frau einen dieser faustgroßen Teigbälle, den sie aus dem Frittieröl hebt und mir in einer Plastiktüte überreicht. Irgendwann wechsle ich die Richtung, frage ein paar staubige, auf einem Teppich sitzende Jungen nach Kaffee, sie antworten auf Französisch und schicken mich in die andere Richtung. Tatsächlich kocht da jemand auf einem Holzkohlefeuer Wasser in einem Blechkessel. Ich bestelle einen doppelten, er wäscht eine rosa Plastiktasse in einem Eimer ab, schüttet zwei Tütchen Instant-Pulver hinein und gießt es auf. Dazu Kondensmilch aus der Dose. Néstle ist ein unmenschliches Unternehmen, das schreckliche Dinge tut, und wo es geht boykottiert gehört, aber ich bin jeden Tag sehr dankbar für seinen Kaffee.

Als ich auf der Bank hinter dem Wasserkessel sitze, streicht mir eine papierdünne Katze um die Beine. Ich streichle sie und beobachte dabei einen der Fahrer. Die meisten schlafen nachts auf Euro-Paletten, die mit Seilen an der Unterseite ihrer LKW hängen. Der hier aber hat eine Art Zelt: eine Metallkonstruktion auf Beinen, über die eine Zelthaut und ein extra Regenplane gehüllt wird. Daraus holt er jetzt nacheinander eine Decke, ein Moskitonetz und eine Kindermatratze mit Micky-Maus-Motiv, faltet alles sorgfältig zusammen, verschnürt es zu Päckchen und verstaut alles in seinem Fahrerhäuschen.

Der Weg über die Grenze ist dann wieder so: Bevor ich mich fragen kann, was als nächstes zu tun sei, passiert es schon. Ich muss nur nicken und ab und zu einen Schein herausholen. Ich laufe durch die erste Absperrung, da kommt einer im gelben Fußballshirt auf mich zu. Ob ich Westafrikanische Franc bräuchte. Brauche ich tatsächlich. Er führt mich unter ein Sonnendach, unter dem eine Gruppe von Männern sitzt und ein Fleischer halbe, an Haken in der Luft baumelnde Rinder anbietet. Die Wechselstube ist einer mit kleinen Tätowierungen neben beiden Augen, der vor einem Tischchen sitzt, darauf eine auf den Börsenseiten aufgeschlagene Zeitung (welche Zeitung ist das, welche Börsenkurse?), darauf ein paar Scheine und ein Handy. Ich frage ihn, wieviel Francs ich für 100 Ghana-Cedis bekomme. Er sagt 12.000, was 1000 weniger ist, als ich mir ausgerechnet habe. »Ist das dein letzter Preis?« frage ich. »Ja«. Als ich wissen will, ob es günstiger wird, wenn ich mehr Geld tausche, lächelt er und sagt: »Der Preis bleibt gleich. Wir handeln nicht, wir kaufen die Währung ja auch nur«. Ich tausche 200 Cedis, das sollte mich bis Ouagadougou bringen, und mir ein Foto von ihm erkaufen. »Klar kannst du mich fotografieren, du darfst alles hier fotografieren. Und er hier«, er zeigt auf den im gelben Trikot, »wird dich auf seinem Motorrad bis über die Grenze bringen«. Dann wie immer: Der Gelbe sagt einen Preis, ich sage einen, der ein Drittel darunter liegt, und wir einigen uns in der Mitte.

Die ghanaischen Grenzbeamten, zwei Frauen und eine Handvoll Männer, tragen kleinteiligen grünen Flecktarn, der aussieht wie Leopardenmuster. Sie sind sehr gut drauf, einer telefoniert die ganze Zeit und lacht immer wieder laut auf. Die von Burkina Faso tragen hellgrau und sitzen an einem kleinen Tisch unter einem Sonnendach. Ich laufe auf sie zu, grüße und will dem meinen Pass geben, der am wichtigsten aussieht. Der zeigt mit der Hand auf den, der am zweitwichtigsten aussieht. Der nimmt meinen Pass und reicht ihn an den Ersten weiter. Aha. Alle anderen schauen auch noch rein, ich muss viel erzählen, unter anderem mal wieder, ob ich verheiratet bin, dann aber: »Bonne Arrivée!«.

Wieder aufs Motorrad. Während wir weitertuckern, besorgt mir der Gelbe rufend einen Platz im Gruppentaxi. Als ich sage, ich bräuchte aber noch eine SIM-Karte für Burkina, hält er an einem SIM-Kartenstand. Als die Karte nicht in mein Telefon passt, geht der SIM-Karten-Verkäufer los, um sie zurechtschneiden zu lassen. Der Motorradfahrer beschwichtigt derweil die im Auto brütenden vier Männer, meine Mitfahrer. Als die Karte passt, bezahle ich den Gelben, er sagt: »Gott schütze dich« und ich werfe mich auf den letzten freien Sitz.

5.11.

La Vie Burkinabè

Ouagadougou ist gemächlicher, aufgeräumter, sichtbar ärmer auch, weiter, sechziger- und siebzigerjahrehafter als Accra – eindeutig schöner. Ich mag es sofort. Der Verkehr, der sich weniger aus Autos, denn aus Fahrrädern und Mopeds konstituiert, fließt dahin, niemand hupt. Überall stehen spektakuläre Gebäude herum, eines hübscher als das andere – oder irrer. Ich gehe kurz vor Sonnenaufgang los, um in der Gegend um den Markt herum ein paar Bilder zu machen, bevor die Leute ihre Stände aufbauen. Die Banque Commercial du Burkina wirkt, als hätte ein Kind aus Pappkartons, Rasierklingen und Klopapierrollen einen Roboter gebaut. Beides – die Institution der Bank und den Bau selbst – hat das Land angeblich Muammar al-Gaddafi zu verdanken. Es gibt eine Place des Cineastes mit einer grün-weißen Kreisverkehrskulptur, ein Viertel heißt Petit Paris, ein anderes, ganz neues: Ouaga 2000.

Sévérin sammelt mich an der Tankstelle am Boulevard Charles De Gaulle ein. Er ist ein schmaler, sanfter Ivore, dessen elegantes Deutsch den Effekt hat, dass man sich sofort gewählter ausdrückt. Im Germanistik-Studium hat er zu Brechts Der gute Mensch von Sezuan und dessen Religions- und Kapitalismuskritik gearbeitet. Christoph Schlingensief hat er durch ein Praktikum am Goethe-Institut kennengelernt, heute ist er Projektleiter im Operndorf. In Deutschland war er noch nie.

Als wir 35 Kilometer von Ouagadougou entfernt von der Straße abbiegen, sehe ich lange nur gelbes Gras und Steine. Dann taucht eine Reihe bunter Container auf, schmale lehmbacksteinrote Häuschen mit silbern darüber schwebenden Wellblechdächern, ein paar Bäume, roter Staub. Den bringt der Harmattan, der aus der Sahara wehende heiße Wind.

Über dem Operndorf liegt die Wochenendruhe, außer den deutschen und afrikanischen Residenzkünstlern sind nur ein paar der Angestellten da und deren Kinder, statt der 270, die hier wochentags zur Schule gehen. »Es sind mal mehr, mal weniger«, sagt Aino. »Manche verlieren wir, meist an die Malaria.« Die Krankenstation liegt ein kleines Stück den Hang hinunter. Es ist da, wie auch in den Häusern, auch jetzt zur Mittagszeit unwahrscheinlich kühl. Francis Kéré, seinerseits das erste Kind seines Dorfes, das eine Schule besuchte, hat natürliche Ventilations- und Beleuchtungslösungen eingebaut, brutal lokal würde man wohl sagen. Durch die quadratischen Fensteröffnungen weht der Wind herein, die Dachvorsprünge werfen Schatten, ist luftig und, was die Anmutung der Materialien angeht, warm. Kein Desinfektionsmittelgeruch, nirgends. Es handelt sich ziemlich sicher um das schönste Krankenhaus der Welt. Die Innenhöfe sind als Aufenthaltsräume für die üblicherweise mit anreisenden Familien gedacht.

Wir verbringen den Rest des Tages damit, im offenen Küchenbereich eines der Häuser zu sitzen, auf die sich im Licht verändernde Savanne zu schauen und nach sauberen Gläsern zu suchen. Das Wasser geht gerade nicht, das wackelige Internet auch nicht. Jeannette arbeitet mit einer Handvoll Kindern an einem Theaterstück, Claus baut im Zentrum der Schnecke, die das Operndorf aus der Luft betrachtet beschreibt, eine Bar, die er mit mehr als tausend im nächsten Dorf hergestellten Fliesen kacheln wird. Dann leben hier gerade noch der Maler und Bildhauer Mouhamadou Moustapha Diop und Issa, der Mann, den es nicht gibt. Er ist Senegalese, schneidet gerade seinen hier entstandenen Film. Er beginnt irgendwann zu kochen und stellt immer neue Portionen frittierter Kartoffel- und Kochbanananscheiben auf den Tisch. Aino erzählt Anekdoten von Christoph. Wie er auch in der größten Hitze voller Enthusiasmus über das Gelände jagte, in seinem Windschatten fielen erschöpfte Besucher in Ohnmacht. Wie er das Anti-Moskito-Spray namens Nobite konsequent Nobité aussprach – französisch eben –, was in der Apotheke niemand verstand. Wie er und die Häuptlinge der Stämme aus den umliegenden Dörfern sich verständigten, ohne dieselbe Sprache zu sprechen. Wie die Häuptlinge nach seinem Tod die Ahnen fragten, ob Aino die neue Direktorin des Dorfes werden solle. Sie sollte.

7.11.

La Vie Burkinabè II

Manche Leute in Burkina glauben, das zurückliegende Jahr sei deshalb ein so trockenes gewesen, weil sie Thomas Sankara exhumiert haben. Sankara war von 1983 bis zu seiner Ermordung 1987 Präsident, eine Art Che-Guevara-Figur und ist bis heute ein Volksheld. Er hat, erzählt Aino, zum Beispiel einen Frauentag eingeführt, an dem beide Geschlechter Kleidung aus denselben Stoffen tragen und die Männer alle Aufgaben der Frauen übernehmen sollten.

Man hat ihn also neulich exhumiert, um den Umständen seines Todes auf die Spur zu kommen. Aber man darf Tote nicht aus der Erde holen, das verärgert die Welt der Geister und Ahnen. Deshalb das Unglück mit dem wenigen Regen, der schlechten Ernte.

Mein Vergehen war, glaube ich, dass ich mich über das Gebäude der Banque Commercial du Burkina in Ouaga lustig gemacht habe. Also eigentlich habe ich ihm ein Kompliment gemacht, aber uneigentliches Sprechen ist bekanntlich schwer zu vermitteln. Als ich nach drei Tagen im Hôtel Les Palmiers auschecken will, ist meine Kreditkarte nicht mehr da. Mir bricht der Schweiß aus, aber weit kann sie nicht sein, ich trage die wichtigsten Dinge ja immer nah bei mir. Die Kreditkarte ist hier sowieso ziemlich wertlos, außer zum Geldholen und Bezahlen der teureren Hotels. Aber auch Bargeld ist kompliziert. Die Angestellten im Hotel haben Probleme, einen 5000-Franc-Schein im Gegenwert von nicht mal 10 Euro zu wechseln, selbst 2000 sind manchmal schwierig. Bei den Straßenhändlern und im Taxi kommt man am besten mit noch kleineren Scheinen zurecht, wenn nicht mit Münzen. Das Internet hat sich auch noch nicht flächendeckend durchgesetzt.

Meine Sorge darüber, dass jemand mit meiner Karte Quatsch kauft, ist also begrenzt, zumal ich Profi darin bin, sie in ausländischen Automaten zu vergessen. Das wäre das dritte Mal. Ich lasse mein Gepäck an der Rezeption und trete vom Hotelgarten auf die Straße hinaus. Oumar hatte gesagt, er sei immer da, und wenn nicht, sei er nicht weit, und tatsächlich steht er mit dem Torwächter unter dem Baum. Er hatte mich am ersten Tag angesprochen, mir seine Lizenz zum Touristenführer und sein Moped gezeigt und gesagt: »Ich heiße Oumar, aber alle nennen mich Jordan, wie der Basketballer«, was mir unmittelbar einleuchtete. Er ist wirklich sehr groß. Als er mich am Vortag in die abgelegeneren Viertel der Stadt fuhr, zum Denkmal für die 46 Märtyrer der Revolution 2014 und des Putsches im Jahr darauf, hatte er mir erzählt, dass er früher mal auf einer Kaffeeplantage gearbeitet habe und eine zeitlang mit Kunsthandwerk. Seit 2000 sei er Führer, aber die Geschäfte liefen nicht gut. Es kämen nicht viele Touristen derzeit.

Er trabt auf mich zu, den Kopf gesenkt, wie hochgewachsene Menschen das oft tun, »Guten Morgen, ça va? «. Ich schildere ihm die Situation und frage ihn, ob er mich zur Bank fahren kann, wo ich gestern um dieselbe Uhrzeit Geld gezogen habe, er erinnere sich sicher? Klar tut er das. Sein Moped sei gerade zur Reparatur, ich solle kurz warten. Er fragt den Typen, der im Schatten der Hotelmauer jeden Morgen seinen Kunsthandwerksstand aufbaut nach seinem Moped, damit fahren wir zur Bank. Er besteht darauf, mit reinzukommen und ich verstehe schnell, warum. Er besitzt Autorität und er spricht Moré, von dem ich nichts verstehe, außer »danke«. Ich schildere dem Mann von der Bankverwaltung auf Französisch die Situation, Oumar sagt dasselbe noch mal, mit ein paar zusätzlichen Worten in Moré. Der Mann von der Verwaltung hört zu.

Dann passiert, was oft passiert: Sein Blick schweift in die Ferne oder nach innen, das kann man schwer sagen. Es dauert ein paar lange Sekunden, dann lässt er sich von seinem neben ihm sitzenden Kollegen den Telefonhörer reichen und eine Nummer wählen. Und dieses burkinabische Phlegma bringt mich selbst auch runter. Ich zwinge mich dazu, nur an den jeweils nächsten Schritt zu denken und nicht: »Wie komme ich hier weg, wenn ich kein Geld mehr habe. Wie nach Accra, oder wie, l’horreur, vorzeitig zurück nach Berlin.« Die Karte ist ja da, im Automaten. Weil das Geld zuerst aus dem Schlitz kam, habe ich vergessen, sie rauszunehmen. Es dauert etwas, dann erscheinen zwei Damen im afrikanischen Dress. Sie gehen gemeinsam zum Automat und schauen nach, wir dürfen nicht mit. Als sie zurückkommen, sprechen sie mit Oumar. Ich stehe neben ihm, ich habe bewiesen, dass ich einigermaßen Französisch spreche, es geht um meine Kreditkarte. Aber sie sprechen mit Oumar, der zuhört und sich dann mir zuwendet, um mir zu sagen, was ich schon weiß: keine Karte.

Der nächste Schritt: Das ghanaische Geld, das ich noch besitze, muss gewechselt werden. Die Bank kann das nicht. Euro oder Dollar könnten sie, Ghana-Cedis: nein. Oumar sagt, er kenne einen Ort. Die Wechselstube ist ein Stand mit sehr schönen Halsketten aus bunten Perlen, die man wie einen Latz trägt. Der Schmuckhändler ist auch der Geldwechsler. Damit es die Umstehenden und -liegenden Männer nicht hören. sage ich leise zum Geldmann, ich bräuchte ungefähr 165.000 Franc, er tippt die Rate in einen großen, staubigen Taschenrechner. Ich rechne zwei Mal nach, aber ich habe auch keine rechte Wahl. Dann zähle ich halb versteckt hinter seinem Stand 30 der 35 Scheine aus meiner Plastiktüte ab. Das ist alles Geld, was ich noch habe. Er hält sich diskret im Hintergrund. Als ich sage, ich sei fertig, kommt er mit seiner Plastiktüte und zählt für mich ab. Ich halte ein paar seiner Scheine ins Licht, sie sehen sehr echt aus. Er spürt meine Nervosität und reicht mir seine Visitenkarte, sie ist laminiert, darauf sein Name, das Logo von Western Union, der Name eines teuren Hotels, das Wort »officiel«. Viel mehr Vertrauen flößt mir ein, dass er so ruhig ist und still. Er scheint das öfter zu machen: Mit einer Plastiktüte voller Scheine im Wert zweier ortsüblicher Monatsgehälter an einer Straßenecke stehen. Als ich ihn bitte, mir einen der 10.000er-Scheine kleinzumachen, tut er auch das.

Oumar fährt mich zurück zum Hotel, ich steige vom Moped, danke und sage, es täte mir leid, aber ich könne ihm oder dem Besitzer des Mopeds gerade nichts zahlen. Er winkt ab. »Y’a pas de problème«. Das ist auch, was die Hotelangestellten mir sagen und der Torwächter, als ich endlich mit der Kreditkartenfirma telefoniert, die Karte hab sperren und mir eine Notfallkarte auf den Weg bringen lassen: »Y’a pas de problème«. Ich rufe Jeannette an, um ihr den Stand der Dinge durchzugeben. Sie sagt: »Ich sitze im Auto und werde eben von der Polizei angehalten, weil ich telefoniert habe. Ich muss denen jetzt auf die Gendarmerie folgen.« Kein so guter Tag heute. Sie wird ihre Papiere gegen die Zahlung von 10.000 Francs zurückbekommen. »Du wirst sehen, deine Karte ist bald hier. Mach dir nur keine Sorgen«, sagt der Wächter. Der Hotelbesitzer jedoch, ein Franzose mit nikotinschwarzen Zähnen, jault auf. »Das ist Afrika hier. Das kann Monate dauern!« Ich glaube ihm kein Wort.

8.11.

La Vie Burkinabé III

Zurück im Operndorf. Hier kann ich bleiben, bis ich wieder an Geld komme. Was für ein Glück.

Abdoulaye, einer der Wächter, führt mich zu Ainos kleinem Haus auf dem Hügel und gibt mir seine drei Telefonnummern, eine funktioniere immer. Er und sein Kollege bewachen das Gelände rund um die Uhr. Tagsüber sitzen sie in der Mitte des Dorfes auf zwei Plastikstühlen unter einem Baum. Wenn man an ihnen vorbeiläuft, legen sie die Hände ineinander und senken grüßend den Kopf. Sie werden natürlich bezahlt, aber Issa hat beobachtet, dass sie sich nichts zu essen kaufen, sondern das Geld sparen. Deshalb bringen die Residenzkünstler ihnen oft ihr übriggebliebenes Abendessen vorbei. Allen ist klar, wie problematisch das ist. Aber unproblematisch ist in dieser Gegend nicht zu haben.

Aino, Claus und Diop sind abgereist, Jeannette und Issa bleiben noch ein paar Wochen. Ich wache um drei Uhr morgens auf und kann nicht mehr einschlafen. Das ist der Wein, an den ich nicht mehr gewöhnt bin, und der in meiner Leber wütet. Aber der Hund, der hinterm Haus sitzt (ich nehme an, es ist ein Hund), und dabei Geräusche macht wie eine Motorsäge, die nicht anspringen will, hilft auch nicht. Im Bad keckert der Gecko. Nach ein paar schlaflosen Stunden öffne ich die Tür, Abdoulaye schaut mit seiner Taschenlampe vorbei. Er sagt: »In 16 Minuten geht die Sonne auf, da hinten über den Hügeln«. Das tut sie allerdings, in Bildschirmschoner-Qualität. Um kurz vor sechs Uhr ist der Lärmpegel der Vögel und Grillen und Frösche am höchsten, es kommen die ersten Patienten auf dem Moped an, dann die Schulkinder. Sie tragen Daunenjacken, während ich mich über den vergleichsweise kühlen Morgen freue. Gerade ist mit höchstens 38 Grad die angenehmste Zeit des Jahres, im April muss es unerträglich sein.

Wir verbringen den Tag auf der Küchenterrasse unterm Wellblechdach, warten darauf, dass Internet angeweht wird. Issa schneidet seinen Film, Jeannette versucht zwischendrin, den roten Staub aus ihrem Haus zu vertreiben, ich telefoniere mit der Kreditkartenfirma und lese ein Buch über Thomas Sankara. Die Luft ist so trocken, dass einem die Schleimhäute austrocknen, die Haut spannt, die Lippen sich schuppen. Vorteil: Man kann eine offene Packung Cracker über Nacht liegenlassen und sie schmecken am nächsten Morgen immer noch gut. Issa kocht uns ein Mittagessen aus Sardinen und Tomaten, macht mir Liebeserklärungen, ich lache mich tot. Jedes Mal, wenn ich abwaschen will, nimmt mir der afrikanische Casanova, wie Jeannette ihn nennt, den Stapel Teller aus der Hand und sagt: »Ich mache das«. Wir sprechen über Geister. Issa ist Moslem, aber er sagt, alle Afrikaner seien auch Animisten. Er jedenfalls habe Zeit seines Lebens einen bestimmten Geruch in der Nase gehabt, bevor jemand, der ihm nah war, starb. Das sei in letzter Zeit weniger geworden, aber dennoch.

Denise schaut vorbei, die Köchin in der Schulkantine. Wenn Abdoulaye die Treppe hinaufkommt, macht er immer zwei kurze Entengeräusche, um sich anzukündigen. Der Handwerker Ambrose, der Claus‘ Bar baut, klatscht in die Hände. Denise kommt immer einfach so vorbei. Sie trägt ein Kleid und ein Kopftuch aus einem mit Madonnenbildern bedruckten hellblauen Stoff. »Bete für uns« steht darauf. Sie bittet um ein Bier, Issa teilt sich eines mit ihr. Ich frage Denise, ob ich ein Foto von ihr machen darf, sie willigt ein und posiert sehr gekonnt.

Um 16 Uhr beginnt Jeannettes Theaterklasse. Wir beide sitzen im Schatten der Kantine, als zehn staubige Zehnjährige angerannt kommen, fünf Mädchen und fünf Jungen. Aino hat bei den Häuptlingen zur Bedingung gemacht, dass im Dorf genauso viele Jungen wie Mädchen zur Schule gehen dürfen. Wenn die Mädchen hierher kommen, fehlen sie ihren Eltern aber als Arbeitskräfte auf dem Feld, deswegen überlegt sie, wie sie Landwirtschaft ins Operndorf integieren kann, damit beides geht: satt sein und lernen.

Die erste Aufgabe von Amandine, Nestor, Samira, Moussa, Elise, Mohazi (der Kleinste und Schmalste mit dem Erwachsenengesicht unter der Pulloverkapuze, den ich gleich am liebsten mag) und den anderen besteht heute darin, zu erzählen, was sie am Wochenende gemacht haben. »Ich habe Ball gespielt«, sagen die Jungen. »Ich habe Geschirr abgewaschen« und »Ich habe Kleider gewaschen« die Mädchen. Was machst du am allerliebsten? »Ich liebe es, Reis zu essen«, »Ich liebe es, mich zu waschen«. »Ich liebe es, meine Eltern zu respektieren«. Am Ende der Stunde teilt Jeannette Haribos aus. Für jedes Kind gibt es ein Gummitier. Sie erklärt, dass man es, anders als die Kaugummis vom letzten Mal, runterschlucken darf. Statt sich die Süßigkeit wie ich sofort in den Mund zu stopfen, halten die Kinder ihre alle noch für einen Moment in den Händen.

Dann ist die Schule vorbei und alle Kinder versammeln sich in ordentlichen Reihen am Fahnenmast. Während die Sonne untergeht und ein kleiner Junge ganz langsam die Flagge einholt, singen sie die Nationalhymne, Musik und Text: Thomas Sankara.

L’amour et l’honneur en partage avec l’humanité / Le peuple du Burkina chante un hymne à la victoire / A la gloire du travail libérateur, émancipateur / A bas l’exploitation de l’homme par l’homme!

9.11.

Ich liebe ja Routinen – also die schönen. Jeannettes und meine ist es, jeden Morgen gemeinsam in die nächste kleine Stadt zu fahren und dort zwei Baguettes zu kaufen. Wir springen in den Pick-up, den die Residenzkünstler benutzen, drehen die Scheiben runter und rollen das kurze Stück nach Ziniaré. Auf dem Weg ist immer viel Winken, von Kindern auf Fahrrädern meistens. Es sind diese Eselskarren unterwegs, die aussehen wie große rostige Schubkarren, die Leute sitzen an der vordersten Kante und baumeln mit den Beinen. Immer wieder ein spektakulärer Anblick: schwarz-vollverschleierte Frauen auf Mopeds, manchmal sieht man nicht mal ihre Augen. Issa will seinen nächsten Film über sie machen, seit eine von ihnen für ihn ihren Schleier gelüftet hat, als er ihr 2000 Francs bot. »Wenn jemand sowas macht, trägt sie den Schleier nicht aus tief empfundenen religiösen Glauben«, sagt er und hat wohl recht.

Vor der Boulangerie Wend Konta springe ich aus dem Wagen. Hinter einem langen gefließten Tresen steht ein großes Metallregal, in dem meist nichts liegt, die Brote werden von den in weiße Kittel gekleideten Mitarbeitern aus dem Backraum geholt. Verkauft werden nur Baguettes, danken und bitten ist bei so kleinen Alltagsgeschäften unter Einheimischen nicht üblich, das war mir in Ghana auch aufgefallen. Es würde also ausreichen, »deux« zu sagen und 400 Francs hinzulegen, die sie in eine Holzschublade werfen, aber »s’il-te plaît« kann ich mir nicht abgewöhnen. Man duzt sich meistens. Die Baguettes sind hervorragend und meistens noch warm.

An der Tankstelle gibt es schlechten importierten Rosé-Schaumi, der mit ausreichend Eiswürfeln und ein, zwei Stücken Wassermelone serviert aber einen ganz okayen Aperitif gibt. Davon kaufen wir ein paar Flaschen für den Abend, dazu Zigaretten ich nehme noch eine Tüte der scharfen Heuschrecken aus Niger mit.

Beim Frühstück sagen wir dann meistens so was wie »Es war nicht alles schlecht am Kolonialismus« oder dass die Burkinaben und Senegalesen es mit den Franzosen besser getroffen haben als die Ghanaer mit den Briten, also essensmäßig. Da muss sogar der Senegalese ein bisschen kichern.

Normalerweise lässt Jeannette den Motor laufen, aus irgendeinem Grund hat sie ihn heute ausgemacht. Als ich wieder neben ihr sitze, und sie den Schlüssel dreht, passiert nichts. Muss die Batterie oder die Lichtmaschine sein. Wir bleiben ein wenig sitzen, aus Unentschlossenheit ob wir gleich einen Mechaniker rufen oder doch lieber jemanden aus dem Operndorf informieren sollen, Motandi zum Beispiel. Wir entscheiden uns zu letzterem, Motandi mit seiner weichen, tiefen Stimme sagt, er kümmere sich später um das Auto.

Wir steigen aus und gehen zur nächsten Kreuzung, wo ein paar Männer hinter einem Tischkicker auf einer schattigen Bank sitzen. Ein Taxi gebe es in Ziniaré nicht, sagen sie, aber es fände sich bestimmt jemand, der uns ins Dorf fahren könne. Bis der auftaucht, spielen Jeannette und ich eine Runde Kicker. Das heißt hier Baby-Foot, das Gerät ist aus grobem Holz gezimmert und bunt angemalt. Als Jeannette 5:4 gewonnen hat, hat sich um uns eine Traube aus Passanten gebildet. Baby-Foot ist wohl ein Männerspiel. Der Mann mit dem Auto, der uns dann fährt, heißt Idrissa und ist zufällig Mechaniker.

Am Nachmittag heißt es, Ich könne mir mein Notfallgeld bei Western Union abholen. Ich bitte Issa, mich mit dem Moped zu fahren. Auf dem Markt müssen wir auch noch, ich bin am Abend mit Kochen dran. Western Union wird von der örtlichen Ecobank mitbedient (Motto: »Die Zukunft liegt im Panafrikanismus«). Wir passieren die Sicherheitskontrolle am Eingang und setzen uns in den klimatisierten Warteraum. Die Leute vor uns werden einer nach dem anderen am Sicherheitsmann mit Springerstiefeln und Maschinengewehr vorbei reingerufen und kommen wieder heraus. Als ich dran bin, sagt die Madame, das Internet gehe gerade nicht, aber ich könne meinen Pass und den Code dalassen, sie rufe mich dann wieder rein. Am Schalter nebenan stapelt ein Mann 100-Francs-Stücke aus einer kleinen Plastiktüte zu 10er-Haufen auf. Wahrscheinlich ein Busfahrer oder so, der den Tagesverdienst einzahlt.

Als ich mich neben Issa fallen lasse und sage, das Internet sei kaputt, regt der sich auf. Das sei Afrika, einfach nichts funktioniere. »Was hast du. Wir sitzen im Kühlen, das Internet geht gleich wieder, wir haben keine Termine außer unser Abendessen. Alles ist gut. Und ganz viele Sachen funktionieren hier viel besser als woanders, das weißt du auch«. »Du meinst das Miteinander der Leute?« - »Sicher.« - »Aber das verschafft ihnen keine Infrastruktur, keine funktionierenden Verkehrsmittel, kein stabiles Internet. Du fährst nach ein paar Monaten wieder nach Berlin, ich kann nach Paris, wenn ich genug von Dakar habe. Aber die Leute hier, die können das halt nicht. Das ist deren Leben, in denen sie nicht vorankommen. Mir als Afrikaner tut das weh.«

Auf dem Markt starrt mich ein kleiner Junge an, bevor er in Tränen ausbricht und in Panik davonrennt. Mein Bräunegrad scheint noch nicht ausreichend zu sein. Issa lacht. Ich finde es schlimm, für eine wandelnde Tote gehalten zu werden. Der arme Kleine. Ich sage zu Issa, dass wir für das Pesto Nüsse brauchen. »Kokosnüsse?«, fragt er. »Nein, kleine Nüsse, ich weiß nicht, wie die auf Französisch heißen. Die Sorte, die aussieht wie ein kleines Gehirn.« Er schaut mich verständnislos an.

Als wir wieder zurück sind, zeige ich ihm die Walnüsse aus dem Herrenmenschensupermarkt in Ouaga, wie Jeannette ihn nennt, weil er von alten weißen Männern mit ihren sehr viel jüngeren, schönen burkinabischen Frauen frequentiert wird. Issa nimmt die Packung in die Hand und schüttelt den Kopf. Habe er noch nie gesehen, geschweige denn gegessen. Als er sich später eine süße Pampe aus Milchpulver, Kondensmilch, Zucker und Sorgho zusammenrührt, die mir das Wörterbuch mit Mohrenhirse übersetzt, was wiederum dazu führt, dass ich ihm das Wort Mohr erkläre, koste ich und wiege den Kopf. So war das wohl gedacht mit dem Kulturaustausch im Operndorf.

Mein Walnuss-Limonen-Pesto isst er dann begeisterter als ich die Mohrenhirsepampe. Was wir nicht schaffen, bringe ich runter zu Abdoulaye, der heute Nachtwache hat. Jeannette sagt, dass er am liebsten mit einem Löffel isst. Spaghetti? Ich nehme vorsichtshalber eine Gabel mit, aber er greift tatsächlich nach dem Löffel. Als er fertig gegessen hat, macht Abdoulaye auf der Treppe sein Entenquaken. Er bringt das ausgespülte Geschirr hoch und bittet um eine Zigarette.

Visa, deren hübsche Warteschleifenmusik, es ist eine Flötenweise, ich inzwischen mitpfeifen kann, ruft mal wieder an. Meine Karte wird für den 15. November in Ouagadougou erwartet. Das ist noch fast eine Woche. Wie schön. Mir ist unsere kleine WG hier sehr ans Herz gewachsen.

Als ich gestern mit Janne mailte, schrieb ich, dass ich am liebsten einfach hierbleiben würde, statt das Land zu bereisen oder nach Ghana zurückzukehren. Dann fiel mir ein, dass ich ja erwachsen bin und machen kann, was ich will.

12.11.

Am Abend muss ich nach Ouaga: Irgendwo stand, dass in der großen Kathedrale jeden Morgen um 5.45 Uhr eine Messe stattfindet; die will ich mir anschauen. In die kleinen Vereinsheim-Kirchen in Ghana habe ich mich bislang nicht getraut, aber in einer Kathedrale, denke ich, falle ich ein bisschen weniger auf. Außerdem zeigt sich der oberste Mossi-Häuptling Burkinas einmal wöchentlich um 8 Uhr morgens vor seinem Palast und vollführt eine Zeremonie, bei der man zuschauen darf. Am Abend dann wird im Nationalmuseum eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst eröffnet – praktisch ein Pflichttermin.

Issa hat auch irgendetwas zu erledigen und so steigen wir zusammen aufs Moped in Richtung Stadt. Die Sonne tut, was sie am schönsten kann: Statt heiß zu brennen, taucht sie alles in dieses Licht, das es nur hier gibt. Wir nennen es die blaue Stunde, dabei ist sie das ganze Gegenteil.

Als wir die schnurgerade Straße entlangfahren, die der Reiseführer als die beste des Landes würdigt (»Sogar mit weißen Streifen!«), frage ich Issa, ob er hier wirklich nichts mag, nichts schön findet.

»Was ist mit dem Taxifahrer, wegen dem Jeannette neulich zu spät kam, weil der auf dem Weg zu ihrem Ziel noch seine vier Kinder von der Schule abholen wollte.«

»Was ist mit dem Mädchen auf dem Moped, das mit den Zöpfen, wie sie Beyoncé im Formation-Video trägt, und dem Bayern-München-Trikot mit der Nummer 10, wie Arjen Robben, dazu der Mundschutz, der aussieht wie eine Schlafmaske.«

»Was ist mit dem alten Mann neulich in der Bank, der einen Tweedanzug trug bei 37 Grad, der an manchen Stellen zu kurz war und an anderen zu weit, aber der einen Tweedanzug trug, weil man Bankgeschäfte nun mal nicht im T-Shirt tätigt.«

»Was mit der Melonenverkäuferin am Straßenrand mit den sorgfältig manikürten Fingern mit dem bunten Blütenmuster darauf, für das sie sicher ziemlich viele Melonen verkaufen muss, aber die sie sich eben doch machen lässt.«

»Was ist mit der Bar, die La Consolatrice heißt, die Tröstende, und vor der vor die Barleute am Abend ihre Tischchen aufstellen und jeweils zwei Plastikstühle, beide so ausgerichtet, dass man zur Straße hinschauen und das Schauspiel dort beobachten kann, genau wie in Paris. Und daneben halten zwei, drei Reihen Männer auf Teppichen still und in einer perfekt synchronen Bewegung ihr Freitagsgebet ab, auf die Knie, den Kopf auf den Boden, aufstehen, dann wieder von vorn. Und dann trinken da also manche und andere beten und keinen stört es, weil es schließlich heißt: Burkina – La Tolérance. L’Unité. La Paix

»Was ist mit dem Herrenfriseur, der Obamacare heißt und mit einem lachenden Obama wirbt – hast du jemals einen genialeren Friseurnamen gehört? Komm, den musst du mir zugestehen!«

Er schüttelt den Kopf, schüttelt den Kopf, schüttelt den Kopf. Und sagt:

»Die Landschaft hier draußen. Die finde ich schön.« Ich schaue mich um und sehe nur Büsche mit harten grünen Blättern, vertrocknetes Gras, rote Erde, Steine. Ab und zu eine versprengte Herde magerer Zebus mit ihren leeren Wasserhöckern auf den Rücken und ihren großen Hörnern. Jemand hat mir erzählt, dass die Rinder aus Mali stammen und nach Süden durch Burkina getrieben werden, mit dem Ziel Ghana, weil es da Tierärzte gibt. Oder sie landen auf dem Rindermarkt in Ouaga, wo sie für 400.000 Francs das Stück verkauft werden, als Festessen für Geburten und Beerdigungen.

Der letzte Abschnitt der Strecke in die Innenstadt besteht aus einer noch unbefestigten Straße. Ein breiter Streifen aus festgetrampelter roter Erde, über die sich Trucks, Mopeds und Fahrräder quälen, wenn man Glück hat, fährt man hinter dem mutmaßlich von der Stadt abgestellten Transporter mit dem Wassertank her, aus dem es beständig rinnt und der den Staub ein wenig festhält, solange bis das Ganze wieder trocken ist. Ich muss an die Szene in Blade Runner 2049 denken, in der Ryan Gosling durch diese flammend leuchtende Mondlandschaft geht, nur ist sie hier voller Menschen und Plastikrauchschwaden. Als wir nach einer Stunde am Ziel angekommen sind, ist es dunkel, Issas Afro rot und ich sehe aus, als hätte ich mir eine Packung Terrakottapuder ins Gesicht geschmiert.

Am nächsten Nachmittag fahren wir zurück ins Dorf. Auf dem Weg aus der Stadt flattern auf einmal Zettel am Ampelmast: »Wählen Sie das Geschlecht ihres Kindes! Rufen Sie diese Nummer an!«. Was, wie? Warum will ich gar nicht mehr wissen. An der nächsten Ampel sitzt ein junger Typ auf dem Boden, mit einem Fuß wie der Deformierte aus The Elephant Man. Das ist sein Job: dasitzen. Dafür wird er bezahlt, wenn er Glück hat. Auf einmal meine ich zu verstehen, was der Issa gesagt hat. Die Landschaft ist unschuldig, sie tut nichts weiter. Oder lässt irgendetwas sein.

Das Operndorf empfängt uns mit Stille. Als ich uns etwas zu Trinken machen will, kommt Abdoulaye leise quakend die Treppe hinauf, drei Eier in der Hand. Gleichzeitig ruft Issa von unten und deutet mir, den Eierkarton noch in der Hand, mit Gesten an, dass Abdoulaye heute noch nichts gegessen hat und ich ihm bitte ein Omelette machen solle. Ich kann kein Omelette, aber Rührei mit Tomate und Gurke. »Ich habe dir ein deutsches Omelette gemacht«, sage ich, als ich Abdoulaye den Teller bringe, »dazu trinkt man am besten Bier. Voilà.« Er lächelt ein bisschen. Als ich wieder in der Küche stehe und aufräume, muss ich heulen. Es hat lange gedauert, aber jetzt ist das alles hier doch in mich hineingekrochen.

14.11.

Die Messe (meine erste) und das Mossi-König-Ritual (auch mein erstes), für die ich mich ja von unserem kleinen Zauberberg hier in die große Stadt bewegt hatte, waren dann gleichermaßen interessant.

In der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis, ein neo-romanischer Lehmziegelbau mit zwei wie abgebrochen wirkenden Türmen, herrscht geordnetes Chaos: Staub an den unebenen weißen Wänden, an den Säulen nachträglich angebrachte Ventilatoren, herumstehende Stühle, die wichtigen mit Plastikhauben geschützt. Die Holzbänke sind um Punkt 5.45 Uhr vollbesetzt,: ein paar hundert vor allem ältere Frauen und Männer, ein paar unbeaufsichtigte stille Teenager auch, ein Dutzend Nonnen, ganz in weiß und mit Kreuzketten um die Hälse. Bevor sie sich hinsetzen, wischen sie mit kleinen Lappen den Staub von den schmalen Bänken.

Ich nehme eine der Sitzgelegenheiten im Seitenschiff, um mich herum Betende, die nur kurz aufschauen, als ich mich setze. Ein älterer kleiner Mann mit kurzen grauen Haaren kommt herein, er trägt ein buntes Hemd, das die Stallszene zeigt. Maria, Josef und der Babyjesus sind weiß, ich finde das nach wie vor sehr irritierend, darüber steht in gut gelaunter Schrift: Joyeux Noël. Ein Weihnachtshemd. Stimmt, ist ja bald soweit. Der Mann setzt sich neben mich, dreht sich zu seinem Nachbarn und schüttelt ihm die Hand, dann zu mir. Er hält meine Hand und sagt leise etwas, ich antworte versuchsweise mit »Bonjour«. Noch nie im Leben habe ich so vielen Menschen in so kurzer Zeit die Hand geschüttelt wie hier. Im Operndorf, auf dem Markt, unterwegs auf dem Land, bei den Frauen, die das Hirse-Bier brauen und verkaufen. Händeschütteln ist sehr wichtig, es ist der erste Kontakt, den man miteinander hat. Ich wurde auch noch nie so oft zum Essen eingeladen, wenn auch nur als Geste: »You are invited«, sagen die Ghanaer, »Tu es invité«, sagen die Burnikaben, wenn man sie beim Essen antrifft, und wenn es sich nur um einen Teller des süßen, flüssigen Porrigdes mit Chili und Erdnüssen handelt, das man hier zu Frühstück isst. Nie habe ich öfter gehört: »Bonne arrivée!« - Willkommen.

Von der Predigt, den Gebeten und Gesängen in der Kathedrale verstehe ich so gut wie nichts, außer ein paar Stichworten. Einmal wird gelacht, der Pastor hat wohl etwas Lustiges gesagt. Das Vaterunser erkenne ich viel eher am Takt denn am Text. Afrikanisches Französisch hört sich ja ganz anders an als französisches Französisch, wie könnte es nicht. Innerlich lege ich schon seit Tagen ein kleines Aussprachewörterbuch an:

demain - demä

aujourd’hui - ausourd’hui

ici - ichi

tension - tenchion

Als die Messe nach fast einer Stunde aus ist (auf die Hostie habe ich verzichtet) und sich die Leute nach viel fröhlicher Händeschüttelei in Richtung ihres Tagwerks zerstreut haben, führe ich einen blinden Mann über die Straße – kein Witz (also vielleicht einer von einem der Götter, die sie hier anbeten), der Mann stand da vor der Kathedrale mit seinem abgebrochenen Besenstiel und wirkte, als könne er Hilfe brauchen, was sich dann als richtig herausstellte – und mache mich auf den Weg zum Königspalast. Es handelt sich um ein inmitten des umwerfenden Stadtbildes Ouagadougous (kann übrigens bitte mal eine Fachperson einen Architekturführer erstellen oder noch besser einen Pracht-Fotoband? Ich würde es ja tun, aus reinem Eigeninteresse, aber ich verstehe leider so wenig von Baustilen und -techniken) kaum auffälliges Lehmgebäude mit einem Zaun drumherum, nur die »Fotografieren verboten«-Schilder weisen es als etwas Wichtiges und Heiliges aus. Ich frage zwei Männer, die im Schatten einer Wüstendattel sitzen, wo die Zeremonie stattfinde. Sie weisen hinter sich, und sagen, ich sei zu früh. Der Häuptling habe das Ganze von 7 auf 8 Uhr verlegt.

Gut, dann gehe ich kurz zurück ins Hotel, zum Frühstücken. Als ich wieder herauskomme, wartet vor dem Tor schon der liebe Oumar und sagt, er gehe da auch immer gern hin und könne mich gleich auf seinem Moped mitnehmen. Was sich schon wieder als Glücksfall erweist, weil er mir übersetzt, was da auf dem Platz hinter dem Palast vor sich geht. Mehrere Reihen von stehenden und sitzenden Menschen sind schon da, manche in traditionellen Kleidern, manche mit Bürokostüm und Handtasche, ich ärgere mich ein weiteres Mal, dass ich meinen Feldstecher zu Hause gelassen habe. »Da im Schatten der Mauer sitzt der König, der in Rot mit dem Stab, siehst du ihn. Die Reiter bringen das Pferd und da unter dem Dach steht der Trommler und trommelt. Die zwölf, die da in einer langen Reihe vor ihm im Staub sitzen, sind die Minister, die Häuptlinge aus den umliegenden Dörfern.« - »Was machen die für Bewegungen? Es sieht aus, als würden sie mit angewinkelten Armen und zu Schaufeln gemachten Händen unsichtbares Wasser hinter sich werfen.« - »Sie bitten um Vergebung.« Gerade als ich mir das aufschreibe und fragen will, was sie denn getan haben, knallt eine Kanone, ich lasse vor Schreck fast meinen Stift fallen.

Der Häuptling ist im Rauch verschwunden, das Pferd wird weggeführt, es ist wie bei einer Zaubershow. Dann taucht der König wieder auf, ich erkenne ihn nur nicht sofort, weil er sich umgezogen hat. Statt Rot trägt er jetzt etwas blau-weiß Gestreiftes. Es passiert noch etwas, das mir aber entgeht, weil ich damit beschäftigt bin, die Häuptlinge endgültig zu denen mit den allerbesten Outfits zu erklären. Sie tragen ziemlich viel: Jeweils ein langärmliges hochgeschlossenes, knielanges Hemd in verschiedenen Streifenmustern, eine dazu passende lange Pluderhose, darüber eine Art wadenlangen Poncho aus einem großen rechteckigen Stück Webstoff, das nur am unteren Fünftel zusammengenäht ist. Jeder von ihnen hat einen Holzstab in der Hand, eine Art Zepter. Auf dem Kopf tragen sie eine Kappe in leuchtendem Orange, Grün und Gelb, wie ich sie auf dem großen Markt gesehen habe. Als die Zeremonie vorbei ist, steigen manche von ihnen mitsamt ihrer Entourage in ihre dicken Autos, der Großteil des Publikums aber geht weiter in den Palast hinein. Wir dürfen nicht, sagt Oumar, wir haben keine Audienz. Aber wenn ich möchte, bittet er für mich um eine. Zum Abschied legen wir wieder vier Mal die Schläfen aneinander. Wie ich mittlerweile gelernt habe, ist diese Geste nichts Traditionelles, sondern eine Abwandlung der französischen Küsschen-Begrüßung.

Für F.

15.11.

Wie immer wache ich auf, als es noch dunkel ist. Da draußen gibt es ein neues Geräusch, wie das Piepen eines Autotürschlosses, das man mit der Fernbedienung bedient. Ein Vogel vielleicht. Es gibt diese umwerfende Arbeit von Kader Attia, Mimesis as Resistance. Sie besteht aus einen Ausschnitt aus einer Tierdokumentation über den Prachtleierschwanz, der mit seinem kleinen Schnabel Umgebungsgeräusche perfekt imitieren kann. Dringen Menschen in seinen kleiner werdenden Lebensraum ein, macht er Fotoauslöser-, Motorsägen- oder eben Autotürschlossverschließgeräusche. Issa hat von dem Bar-Restaurant erzählt, das Kader Attia in Paris betreibt, La Colonie, im Logo ist der Name durchgestrichen. Ein Ort gegen alles, was falsch läuft in der Welt. Ich glaube, ich würde Kader Attia gern mal kennenlernen.

Ich gehe von meinem Häuschen hinüber zur Küchenterrasse. Vor dem Karton, in den wir unsere Abfälle werfen, liegt die zerfetzte Plastiktüte, in der die Schafsfleischwürstchen waren, die wir zum Abendessen hatten. Der Beutel mit den Baguettes von gestern ist offen, der Inhalt dezimiert und vertrocknet, unterm Tisch liegen Krümel. Die mageren Katzen, die immer mit vor Schreck geweiteten Augen vor mir wegjagen, können das nicht gewesen sein, ebenso wenig die Hunde, die Ziegen, die Hühner oder irgendwelche anderen schlauen Vögel. Jeannette ist überzeugt, dass es hier Affen gibt, nur haben wir sie noch nie gesehen.

Der Lehrerin der ganz Kleinen, Edwige, die alle nur die Katholikin nennen, hat mich in ihren Unterricht eingeladen. Sie hat bemerkt, wie ich sie und ihre Klasse aus der Ferne beobachtete, beim morgendlichen Durchzählen und Ins-Klassenzimmer-Laufen. Als ich mir am Abend zum wiederholten Mal das Flagge-Einholen ansah, weil ich nicht genug bekommen kann von singenden Kindern, sagte sie: »Komm doch mal vorbei. Wir fangen um 7.30 Uhr an.«

Also stehe ich am nächsten Tag vor dem Häuschen. Die Kinder, es sind zwanzig Fünf- bis Siebenjährige, drei von ihnen fegen den Klassenraum mit Reisigbesen, wie jeden Morgen, sind erst schüchtern (außer Aziz in seinem Angry-Birds-Sweater, er tanzt lachend vor mir herum, bis ich und ein paar andere mitwackeln), aber als ich sage, ich würde gern ein Foto von ihnen machen, rasten sie regelrecht aus und drängeln sich kreischend aufs Bild. Noch lustiger wird es, als ich ihnen das Bild zeige. Dann kommt Edwige auf ihrem Moped angefahren, in einem leuchtend pinken Wollpullover und einem Wickelrock, und sofort zieht Disziplin ein. Sie gilt als die netteste der Lehrerinnen und Lehrer hier. Sie gibt mir einen Platz auf einer der hintersten Bänke und nach ein paar Minuten Unterricht, die Ruhe nur gestört von ein paar krächzenden Hustern und dem Kratzen der kleinen Plastikbadelatschen auf dem Boden, dreht sich dann kaum noch jemand nach mir um. Die erste Lektion heute ist Lesen und Aussprache. Die Schüler sprechen zu Hause Moré, Französisch lernen sie erst hier. An der Tafel steht eine lange Reihe von Buchstaben, die von jedem Kind (mit Ausnahme des Sohnes der Operndorf-Krankenschwester, der Trisomie hat, und einem zu kleinen Jungen) der Reihe nach mit dem Zeigestock an der Tafel stehend vorgelesen werden:

e e e e e e e e

è è è è è è è è

ê ê ê ê ê ê ê ê

é e é é é é é é

Schon das ist ein Psychogramm des jeweiligen Kindes, denke ich beim leise Mitmurmeln. Wie fest die Stimme ist, wie genau die Aussprache, wie schnell, wie hastig das Lesen, wie laut die anderen dazwischenquaken, wenn ein Fehler passiert. La Maîtresse Edwige sagt nach jedem Mal entweder: »Das war gut«, »Das war ziemlich gut« oder »Das war sehr gut. Applaudieren wir ihr!« und dann wird geklatscht.

Als die erste Stunde vorbei ist und alle zum Trinken an den Brunnen oder zum Pinkeln laufen, steige ich wieder die Treppe zur Küche hinauf. Als ich in mein trockenes Baguette beißen will, und in die Ferne in die Landschaft rausschaue, blinkt auf einmal der Himmel. Wie eine Diskolampe ist er in einem Moment bläulich, dann wieder gelb. Ich frage Jeannette, ob sie LSD ins Kaffeewasser gemischt hat, aber sie verneint das. Wir gehen kurz alle möglichen Krankheiten durch, aber ich habe alle Impfungen brav absolviert, Malaria fühlt sich anders an. Issa sagt, das sei die Überanstrengung, worauf ich lache und sage, dass ich hier ja nichts täte außer schauen und schreiben. Er erinnert mich an seine Krankheit, er war erschöpft vom Filmen und Schneiden und hatte über Tage zu wenig getrunken und gegessen. »Und dann kamen nacheinander alle im Operndorf zum Krankenbesuch vorbei, besonders häufig waren die Lehrerinnen an deinem Bett«, sagt Jeannette und zwinkert. Issa schaut unverständig. Das sei ganz normal. Wenn jemand krank sei, kämen in Afrika alle zu Besuch und erkundigten sich nach dem Wohlergehen der oder des Kranken. »Auch bei ansteckenden Krankheiten?«, will ich wissen. »Auch dann.« Ich entscheide, dass ich an kalorischer Unterversorgung leide und lege mir extraviel Käse aufs Brot. Aber es ist nunmal schwer, gut und viel zu essen, wenn man weiß, dass viele um einen herum das nicht können.

Nach dem Mittagessen sagt man in Burkina übrigens »Bonsoir«, also gern ab halb zwei Uhr. Das dehnbare Konzept von Zeit: unendlich interessant.

16.11.

Es ist Issas letzter Abend, bevor er zurück nach Hause fliegt. Den Abschied feiern wir leider nicht vor der Kneipe mit dem schönen Namen Bar contact aux amis, sondern vor der anderen, die keinen Namen hat, nur eine große Bierwerbung an der Ecke. Sie liegt an einer Kreuzung, wird flankiert von mehreren Grills, auf denen kleine Fleischspieße garen. Ganzen Fisch gibt es auch, aber wie Jeannette immer zitiert: »Die Kühlkette, die Kühlkette!«. Burkina hat bekanntlich kein Meer, nur einen von Seerosen befallenen See inmitten Ouagadougous, aus dem sie Fisch ziehen. Und sich Bilharziose, im Zweifel.

Wir bestellen Dutzende Lammfleischspießchen, dazu gibt es Baguette. Die Bar hat nur Bier und Limo, aber man kann auch nur Gläser mit Eiswürfeln bestellen und sich eigene Getränke mitbringen. Der Weinladen schräg gegenüber führt eine kleine Auswahl, wie üblich und mir unbegreiflich alle rot, aber es ist auch ein halbtrockener Rosé dabei. Unter normalen Umständen nicht genießbar, aber hier schmeckt er irgendwie. Im Regal stehen auch drei Flaschen Moët & Chandon, gar nicht mal so teuer. Also für unsere Verhältnisse.

Issa hat sich schick gemacht und seinen weißen, am Kragen bestickten Kaftan angezogen, darunter die passende Hose. I am a sucker for Männer in nachthemdenähnlichen Gewändern, es ist einfach so. Wir entscheiden uns für einen Tisch und drei Plastikstühle am Rand der nach allen Seiten offenen Bar, Blick Richtung Straße. Es läuft erst dieser alte Riesenhit von Akon, Issa und ich fiepen mit und wiegen unsere Oberkörper hin und her: »I am lonely/So lonely«, dann kommt fiebrige polyrhythmische Trommelmusik, aber auf der weiß gekachelten, leicht erhöhten Tanzfläche ist leider trotzdem nichts los. Alle Gäste – Frauengruppen, Männergruppen, gemischte Gruppen, Familien mit müden Kindern – sitzen und saugen an ihren Getränken, essen. Die Hijabs und Burkas, die das Straßenbild tagsüber bestimmen, sind Push-ups und Minikleidern gewichen. Die gut gelaunte Kellnerin mit den kurzen Haaren tanzt mit angewinkelten Armen und geballten Fäusten wie eine Dampflok durch die Reihen und nimmt Bestellungen auf, zwischendurch setzt sie sich immer wieder an verschiedene Tische und quackelt mit Gästen. Eine Papaya-Verkäuferin kommt vorbei, sie beleuchtet die Ware auf dem Tablett mit der Taschenlampe in ihrem Telefon, wir kaufen eine Frucht als Dessert. Ein super Ort ist das hier.

Wir sprechen über Träume. Ich erzähle von dem einzigen aus meiner Kindheit, an den ich mich noch erinnere: Ich schaute aus meinem Zimmerfenster auf den Hof hinaus und im Gebüsch stand ein riesiger weißer Bär aus Plüsch (das war noch, bevor wir in Disneyland waren) mit einer Steckdosennase und winkte weder freundlich noch bedrohlich. Janne schrieb neulich, sie hätte geträumt, dass der kleine Vampir seine ersten Worte gesagt hätte: den vollen Namen von F. Meine zwei wichtigsten Menschen, durch die Worte eines Babys vereint in einem Traum, der nicht meiner ist: Wo ist die Deutungshotline, die ich anrufen kann und die mir das mal bitte aufschlüsselt.

Issa sagt, er träume hier so gut wie nichts. Jeannette versucht den Kindern ihrer Theaterklasse deren Träume zu entlocken, aber nur ein Mädchen versteht, was Jeannette meint, wenn sie nach den Bildern fragt, die die Kleinen nachts sehen. Das Mädchen, Nafissa, träumt von einem Geburtstagskuchen. Edwige, die Katholikin, sagte eines Abends, als sie sich nach dem Schultag auf dem Weg nach Hause machte und wir ihr schöne Träume wünschten: »Ich bin Burkinabin, wir träumen nicht«, und wir rätselten noch etwas, wie genau sie das meinte.

17.11.

Geschäftsideen für den Fall, dass ich einfach hierbleibe:

Die Früchte der Wüstendattel, die die Kinder jeden Tag von den Bäumen schütteln und deren weniges bittersüßes Fruchtfleisch sie essen, als neues Superfood vermarkten. Das Öl hilft laut der hiesigen traditionellen Medizin bei Hautproblemen, die Kerne bei Verdauungsschwierigkeiten, der Saft bei der Produktion von Muttermilch. Die Stengel dienen als Zahnbürsten, aus der Schale kann man Seife machen. Millenial-Mütter: Bitte schon mal aufgeregt werden.

Design-Beratung für westliche Modelabels. Für Marni und Prada habe ich diverse Musterideen, für Ermenegildo Zegna das Leitmotiv für die kommende Sommerkollektion: Motandi lief hier heute in einem Anzug-Ensemble auf, das die Welt der Herrenmode revolutionieren könnte (wovon ich so träume): einen hellgrauen Anzug, der aus einer weiten Hose mit Aufschlag und Bügelfalte bestand und einem kurzärmligen Sakko mit vier Knöpfen, aufgesetzten Taschen und weichen Schulterpolstern, das er geschlossen trug und somit als Hemd behandelte. Mood: halb Armani, halb Safari. Dazu schwarze Stiefel. Irre gut sah das aus.

Ich gebe, so werde ich das nennen, Native Meditationskurse für europäische High-Potentials mit Stressproblemen, bei denen sie einfache burkinabische Alltagsaufgaben bewältigen müssen: bei der Bank Geld holen, zum Beispiel, wenn da mal wieder das Internet kaputt ist. Nervös werden bringt gar nichts, brüllen nicht, fluchen oder drohen, jemanden feuern zu lassen: rien.

Visa hat die Ersatz-Karte geschickt, sie sieht aus wie eine Chinakopie einer echten Kreditkarte, mit verschwommen aufgedrucktem Logo, ohne Chip, keine dazugehörige PIN. Geld bekomme ich damit hier keines, an keinem Automaten oder Schalter des Landes. Bezahlen kann ich damit – das kann man sich im Visa-Headquarter in Miami nicht vorstellen – ausschließlich in den drei Luxushotels Burkinas, die sich alle in der Hauptstadt befinden. Das rechteckige Stück Plastik ist in dieser Ecke der Welt nicht mehr als genau das und absolut wertlos.

Meine Mutter hat mir also über Western Union eine größere Summe gekabelt. Aber die Dame bei der Ecobank, wo ich die Security-Männer mittlerweile mit »Ich bin’s!« begrüße, schickte mich nach einer ersten Konsultation zurück in den Vorraum, wo ich ihrem Kollegen bei der Arbeit zuschaute, der der erste Mensch hier war, den man einen schwulen Habitus unterstellen könnte - die Art, wie er sich bewegt etc. Anders als in Ghana ist Homosexualität in Burkina nicht illegal, in Ouaga soll es sogar einen verdeckten Schwulenclub geben, er heißt Matata. Nach einer dreiviertel Stunde werde ich wieder reingerufen und weggeschickt. Keine Verbindung zum Computer möglich. Tja, ja. Y’a pas de problème. Dann versuche ich es morgen wieder. Schönes Detail allerdings: Im Wartebereich saß einer in einem grünen Poloshirt des Heimat- und Kirmesvereins Niederreißen, »Die Scheune rockt«.

Derweil verrohen auf unserer Küchenterrasse die Sitten: Issa ist mittags zum Flughafen gefahren, meiner Ansicht nach viel zu spät, um seinen Flug nach Dakar noch zu erwischen, aber offenbar haben sie ihn mitgenommen. Zum Abendessen teilen Jeannette und ich uns eine Packung Chips.

19.11.

Der Tag hier hat verlässlich zwölf helle Stunden, für mich meist noch ein paar dunkle mehr, weil ich einfach nicht länger als 4.30 Uhr schlafen kann. Aber trotzdem komme ich gerade so dazu, die allerwichtigsten Dinge zu erledigen: den Sonnenaufgang würdigen, die drei T-Shirts im Waschbecken waschen, die ich im Wechsel anziehe (das Trocknen dauert eine Stunde, waschen geht also immer). 97 Mails löschen, drei beantworten (wenn Netz da ist) oder die Beantwortung zumindest in Erwägung ziehen (drei der wichtigeren Tasten meines Rechners sind kaputtgegangen, wahrscheinlich durch den Saharastaub. Ich muss das Eszett, das Fragezeichen und das Umlaut-U per copy/paste schreiben, sonst ergibt nichts mehr Sinn. Oder soll ich etwa alle Fragezeichen durch Ausrufezeichen ersetzen! Das sieht doch nicht aus, das ruiniert mir doch den Ruf), ein paar Notizen machen, was Kleines schreiben, den Sonnenuntergang würdigen. Der Rest des Tages geht mit dem Planen, Einkaufen, Kochen und Verzehren von Mahlzeiten drauf. Und während man das alles erledigt, passieren die ganzen unvorhergesehenen Dinge.

Zum Beispiel: Ich sitze am Tisch, die Sonne wärmt langsam, und versuche, eine Mail zu schicken, bevor das Internet um 7.30 Uhr nicht mehr geht. Da kommt Abdoulaye die Treppe hinauf, in Begleitung einer jungen Frau mit Hijab. Er stellt uns vor, sie ist sehr schüchtern, er übersetzt mein Französisch in Moré. Ich verstehe nur überhaupt nicht, warum er die Dame hinaufgeführt hat und was ich für sie tun kann. Es geht hin und her, er versucht es noch mal zu erklären, gibt schließlich auf. Ich hole Denise aus der Kantine, sie soll übersetzen. Was ich meine, verstanden zu haben: Die Frau kam auf dem Weg aus einem anderen Ort in den nächsten im Operndorf vorbei oder zu Besuch. Und weil man aber nicht einfach durch einen Ort geht oder fährt, ohne sich vorzustellen (man dringt bei uns ja auch nicht in eine Wohnung ein, ohne Hallo zu sagen), aber noch niemand von der Schulverwaltung da war und Jeannette, die älter ist und damit mehr Autorität hat, noch schlief, wandte sich Abdoulaye an mich als die Verantwortliche.

Neulich auch morgens kam ein alter Mann mit weißer Häkelmütze vorbei, den ich am Vortag beim Baguetteholen kennengelernt hatte. Also: Ich sagte Bonjour, er fragte, wie es gehe, wir schüttelten Hände, dann hielten wir Hände, bis die Unterhaltung vorbei war und währenddessen hatte ich ihn ganz offenbar eingeladen, bei uns vorbeizuschauen oder er sich selbst, wer weiß das hinterher schon so genau. Er stand also in der Küche, ich hatte noch nicht gefrühstückt, weil das Internet so gut war, ich war unterzuckert und schon ganz fahrig, und sah mich leider außerstande, ihm eine halbstündige Tour durchs Dorf zu geben, wie das sonst für Spontanbesucher gemacht wird, die hier verlässlich auftauchen. Mein schlechtes Gewissen plagt mich jetzt noch. Der weite Weg, der arme Mann.

Oder: Wir sind in Ziniaré, Eier kaufen oder so. Jeannette möchte noch bei einer – nein: der Wäscherei vorbeifahren. Da steht eine stolze Frontlader-Waschmachine sehr prominent im Laden, ziemlich sicher die einzige von hier bis Ouaga. Jeannette gibt etwas ehemals Weißes zum Waschen und Bügeln ab, fragt bei der Gelegenheit nach einer Schneiderei. Gleich nebenan ist eine, aber die Frau dort kann nur Tops und Röcke, nicht aber Hosen. Das Mädchen von der Wäscherei, Elisabeth, steigt mit uns ins Auto und zeigt uns, wo der Schneider seinen Laden hat, der Hosen nähen kann (am Karitébaum nämlich. C. fragte neulich, wie meine Adresse lautete, er wolle mir was schicken. Ich schrieb: »Ganz komplizierte Frage, praktisch nicht zu beantworten – zumal ich nur noch anderthalb Monate in Afrika sein werde.« Orte werden anhand von Gebäuden, Märkten oder eben Bäumen beschrieben: »Gelegen an der großen Moschee gegenüber des Supermarktes«, »Am großen Markt unter der Treppe der UBA-Bank«. Post transportiert man am besten per Buschtaxi oder Moped und per mündlicher Absprache. Der Empfänger oder ein Abgesandter wartet an einem Haltepunkt und nimmt das Dokument oder die Fracht in Empfang. Ich frage mich: Wie haben das die Leute vor der Erfindung von Handys gemacht). Der Schneider jedenfalls kann uns beiden aus unerfindlichen Gründen nicht in die Augen schauen, aber er kann sehr gut nähen, davon kann man sich mit einem Blick in die Fotoalben auf dem kleinen Tischchen überzeugen. Dort, eines der Cover zeigt Rihanna ca. 2006, hat er entwickelte Bilder seiner Kreationen einsortiert, die Köpfe der Models sorgsam abgeschnitten oder -geklebt. Ich entdecke ein buntes Ensemble aus Kaftan und Hose, dessen Schnitt mir gefällt. Ich frage, wo ich Stoff herbekommen kann, der Schneider deutet nach nebenan. Da ist ein Stand mit einfarbigen Wollstoffen. Ich kaufe drei Meter von dem schweren, schwarzen Tuch, zahle (ohne das eigentlich obligatorische Handeln) sehr wenig Geld, aber immer noch mehr, als ich für die Näharbeiten bezahlen werde, bringe den Stoff zum Schneider, der vermisst mich, ich sage, was mir wichtig wäre, zwei Tage später bin ich, ich wollte eigentlich nur Eier kaufen, Besitzerin eines mit antiker Singer-Maschine genähten Gewands, dessen Stil F., nachdem ich ihm ein Bild geschickt habe, mit »African Goth« treffend beschreibt.

Oder: Ich setze mich kurz auf die Treppe, bevor ich anfangen will zu arbeiten. Gerade ist große Pause, in der die Kinder zu Mittag essen und spielen. Denise kommt aus der Kantine, ruft »La Anne!« sie setzt sich neben mich und fängt an, mit ihren Fingern meine vor Trockenheit schnittlauchigen Haare zu kämmen - gleichzeitig eine mütterliche und neugierige Geste. Wir sprechen über den Zustand von Nafissa, die Malaria hat, aber auf dem Weg der Besserung ist. Sie haben ihr Paracetamol gegeben, die Standardbehandlung, Montag sei sie wieder in der Schule. Edwige kommt dazu. Wir sprechen über dieses Gewürz, das ich einer zahnlosen Frau auf dem Markt abgekauft habe, das aussieht wie zu Bällen geformte Ziegenköttel und so ähnlich riecht, am Ende lädt Denise uns für einen der kommenden Abende zum Essen in ihr Zuhause im nächsten Dorf ein. Als geklärt ist, wie wir dahin kommen (»Wir laufen, es ist nicht weit« – ein Satz, der vielleicht mit Vorsicht genossen werden sollte), fragt Edwige, wann ich mal wieder in den Unterricht käme, die Kinder hätten nach mir gefragt.

Ich mache also zwei Stunden Lala-, Lolo- und Lalé-Schreiben auf den kleinen Kreidetäfelchen mit (einer der Kleinsten bemalt mit der weißen Kreide lieber seine nackten Beine, unbemerkt von der Lehrerin, das sieht zugegeben auch sehr viel schöner aus), schaue mir die Zeichnungen von Mangos, Bananen und Plastikeimern an, die Edwige mit Punkten von 1 bis 10 bewertet hat (ich muss dabei an die Bienchenstempel im sogenannten Muttiheft meiner Post-DDR-Grundschule denken), und versuche mir dabei die jeweils vorn ins Heft geschriebenen Namen zu merken: Aboubacar, Casimir, Sosthène, Moussa Joachim Olivier, Guémilatou, Epiphanie, Aminata, Mariata, Sidiki. Als die Schule aus ist, nimmt mich Edwige auf ihrem Moped mit zum Gebet in einer Ecke des Kirchenhofs, fünfzig Leute auf gemauerten Sitzreihen im Schein von Neonlicht, die zu behutsamen Trommelklängen mit Kopfstimme Lieder für Maria singen, manche auf Knien, die Kinder haben ihre eigenen Reihen und Zeilen und klatschen Triolen auf jeden Schlag der Erwachsenen. Ich habe ihr erzählt, ich sei Protestantin, deshalb müsse sie mir alles zeigen. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihr die schreckliche Nachricht von meiner Gottlosigkeit zu überbringen. Außerdem habe ich ein bisschen Angst, dass sie mich dann missionieren wollen könnte. Sie stellt mir dem Pfarrer vor, abgesehen vom Mossi-König und den Chiefs der erste dicke Mann seit Wochen. Edwige stellt mich als deutsche Protestantin vor, er sagt: »Ach, ist doch alles das Gleiche!« und erzählt von seinen zwei Jahren Deutschunterricht. Auf dem Rückweg fahren wir noch bei ihrer Tante vorbei, der Edwige eine Anderthalbliterflasche Dolo bringt, selbstgebrautes Hirsebier. Zum Abschied kauft mir die Katholikin, ich kann nicht schnell genug protestieren, eine Wassermelone und acht Eier.

Oder: Ich will den Ausflug in den Südosten nach Tiebelé machen, von dem ich seit Tagen spreche. Ich packe ein paar Sachen zusammen, organisiere ein Busticket für die vier Stunden Fahrt und eine Übernachtung in einer traditionellen Rundhütte mit der Option, auf dem Dach zu schlafen, Jeannette fährt mich am frühen Morgen nach Ouaga, verschiedenes Nervenaufreibendes passiert, ich entscheide, dass es den Aufwand nicht wert ist – was ist schon ein königlicher Hof mit 450 Bewohnern. Am Ende sind wir zum späten Mittagessen zurück im Dorf, komplett erschöpft, erhitzt und ausgetrocknet. Um mich endlich aus dem Nest zu schubsen, buche ich ein Zimmer im größten Nationalpark Ghanas, der mit den Elefanten und Leoparden. Ich habe jetzt noch genau sechs Tage, um ihn zu erreichen.

Zwischendrin rasen pro Minute drei Dutzend Bilder vorbei: In der Toilettenkabine des Herrenmenschensupermarktes, wo es sogar Klopapier gibt, klebt ein Schild: »PISSEZ A L’INTERIEUR SVP«, ich finde die Aussage (Bitte drinnen pissen! Wo denn sonst, vor die Tür?) verwirrend, aber die Kombination von »PISSEN« und »Wären Sie so freundlich« schön. Ein Mann auf dem Moped, der zwischen seinen Beinen und halb auf seinem Schoß drei ausgewachsene Schweine transportiert, das Blut rinnt ihnen aus den offenen Schnauzen. Die Decke auf dem Markt, auf der ein sehr alter, klappriger Mann mit einem dieser spitz zulaufenden Strohhüte auf dem Kopf seinen Zauberbedarf ausgebreitet hat: Affenköpfe, getrocknete Chamäleons, Pfoten, von denen ich hoffe, dass sie nicht Leoparden gehörten. Fotografieren ist strengstens verboten, wegen der Magie. (Als ich neulich die Henne mit ihren neun frisch geschlüpften Küken fotografierte, wies mich die Besitzerin darauf hin, dass ich vorher hätte fragen sollen. Niemals die Beseeltheit der Lebewesen und Dinge vergessen.) Auf der Straße nach Ouaga steht auf einmal einer dieser schönen blauen Vögel mit dem weißen Schweif mitten auf der Fahrbahn, wir rasen im Pick-up auf ihn zu, er dreht sein Köpfchen, schaut uns mit seinen Knopfaugen an, ich schreie, aber er fliegt nicht weg, als ich mich umdrehe, stieben Federn auf, das Köpfchen ist abgerissen. Eindeutig Selbstmord. Oder das Vögelchen war sehr verträumt.

Auf dem Markt in Ouaga, wo sie das Gemüse so schön aufstapeln und wir vor lauter Freude über Blumenkohl, Radieschen und Sellerie viel mehr kaufen, als wir essen können (also Jeannette kauft. Ich sage zu den sich um uns drängenden Händlerinnen immer nur: »Maman macht das, ich stehe hier nur«, sie lassen dann schnell von mir ab). Eine im Schatten vor ihrer Auslage sitzende Frauengruppe mit schönen, bunten Kleidern und aufwendigen Frisuren ruft mich zu sich, sie hätten ein Geschenk. Die in der Mitte hält mir ihr Baby hin, vielleicht fünf Monate alt. Der Junge hat ganz helle und glatte Haut, wie eine frisch aus der Schale gefallene Kastanie (»Er war noch nicht mal oxydiert«, sage ich später zu Jeannette, das Kind möge mir verzeihen), und ist klein genug, um keine Angst vor mir zu haben. Er sitzt auf meinem Arm, sieht mich unverwandt an und zieht ein bisschen an meinen Haaren. »Nimm ihn mit nach Deutschland, ich brauche ihn nicht«, sagt die Mutter und lächelt nicht dabei.

»Das ist doch nicht normal«, hat Issa bei all solchen Gelegenheiten immer gesagt. »Ich glaube, hier schon«, habe ich geantwortet.

20.11.

Es fängt damit an, dass ich den Geruch des italienischen Sonnenöls aus dem Herrenmenschensupermarkt (LSF 50, ich war so glücklich, das gefunden zu haben) widerlich finde und mich frage, wie ich das kaufen konnte. Mir ist schlecht und mich dürstet nach dem Essig-Wasser aus dem Cornichons-Gläschen. Ich gieße es ab, lasse einen Eiswürfel reinfallen und trinke es in kleinen Schlucken. Die Lammwürstchen, die in der Pfanne brutzeln, riechen, als hätten sie zu lange in der Sonne gelegen. Der Gedanke an Essen, Wein oder Zigaretten: unerträglich. Meine Knochen schmerzen.

Als ich unter dem Moskitonetz im Bett liege, kommt mir das Zimmer ungewöhnlich heiß vor. Auf meiner Stirn steht der kalte Schweiß. Hatte ich gar nicht bemerkt. Immer, wenn ich nachts aufwache, trinke ich etwas Wasser; es schmeckt komisch süß. Neue Erkenntnis: Um ein Uhr morgens ist der einzige Zeitpunkt, zu dem kein Tier da draußen irgendein Geräusch macht.

Jetzt, wo ich ein paar Kinder kennengelernt habe, die nächstes Jahr vielleicht einfach nicht mehr auf der Welt sind, ist mir unbegreiflich, warum jemand, der es sich leisten kann, freiwillig auf Malaria-Prophylaxe-Tabletten verzichtet. Michael Glawogger konnte seinen letzten Film nicht fertigmachen, weil ihn ein Tier zu viel gestochen hat oder das falsche.

Als ich Joachim 2013 in Äthiopien besuchte, nahm ich keine Prophylaxe – Addis Adeba liegt zu hoch für Moskitos. Als ich dann für ein paar Tage in die Ebene fuhr, nach Harar, lag ich umschwärmt von Viechern auf meinem Herbergsbett – kein Netz dabei, kein Spray, keine dieser Insekten-Spiralen – und dachte: Aha, so sterbe ich also. Na ja, ich war grundsätzlich in einer etwas überdramatischen Stimmung zu der Zeit.

Am Morgen geht es mir besser, ich wache auf und habe Hunger. Vielleicht war es die Anstrengung, vielleicht der Schlafmangel, vielleicht die kleinen, frittierten Teigbällchen vom Straßen-Imbiß. Vielleicht alles ein bisschen. Der Gedanke, dass das nächste Krankenhaus nur ein paar Schritte entfernt ist, hat geholfen. Das Sonnenöl riecht leider immer noch billig.

Sonntags wird saubergemacht. Die Krankenschwester hat alle zwölf Paar Schuhe der Familie in Seifenlauge eingeweicht und sie zum Trocknen auf den trockenen Brunnen gestellt. Der Teenie-Sohn der Katholikin wäscht in zwei einem Plastiktrögen Wäsche. Was dann doch irgendwie ein guter Anblick ist; Haushalt ist normalerweise Mädchen- und Frauenarbeit.

21.11.

Abschied und Abreise. Ich werde dann drei Wochen in Burkina gewesen sein. So lange hat es gedauert, um die Feinheiten wahrzunehmen: Dieses Geräusch, das manche Leute im Gespräch machen, das klingt, als würden sie bei geschlossenen Mund einen kleinen Stein in der Kehle bewegen. Es hat Ähnlichkeit mit dem Keckern der beiden Geckos, die immer an der Decke meines Badezimmmers sitzen, und bedeutet Wohlgefallen oder Zustimmung. Das Abstützen des rechten Arms mit der linken Hand auf Höhe des Ellenbogens, beim Überreichen einer Sache oder beim Händeschütteln: Ausdruck besonderer Höflichkeit. Dass man unverpackte Lebensmittel wie Kochbananen, Gewürze und Lammspieße auf der Straße nicht nach der Anzahl kauft (nach Gewicht sowieso nicht), sondern indem man sagt, wieviel man bezahlen will und die Händlerin oder der Händler weiß, wie viel man an diesem Tag dafür bekommt. Und vielleicht noch was extra. Viele Burkinaben lieben es, zu handeln, aber Geschenke machen lieben sie auch. Beim Essen in Denises Hof, wo sie mit einem ihrer Söhne und all ihren Tieren lebt, gestern Abend gelernt: Ziegen können sich erkälten und dann husten sie. Ich dachte mehrmals, da säße ein Mensch im kleinen Stall. Etonnant.

Was nicht fehlt:

Die Laufschuhe und -klamotten, die unangetastet in meinem vollen Koffer in Accra liegen. Was habe ich mir dabei gedacht? Dass ich um 5 Uhr, wenn die Temperaturen mal kurz angenehm sind, zum Schwitzen gehe? Andererseits fand Ende Oktober der Accra-Marathon statt, zu dem nicht wenige Europäer angereist sind. Warum nur, warum?

Bücher. Von dem Dutzend, das ich mitgebracht habe, bislang genau eins gelesen. Keine Zeit, kein Bedarf. Ich stellte mich auf Einsamkeit und Langeweile ein, hatte ich Nina vor meiner Abreise erzählt. Ich hatte ja keine Ahnung.

Die Hälfte meiner mitgebrachten Klamotten: entweder zu schick oder zu zerlöchert (abgerissene Klamotten sind genau wie abgelatschte Schuhe ein Armutszeichen, warum sollte man so etwas freiwillig tragen), zu warm oder vom Material her zu empfindlich. Nie den Staub unterschätzen und seine Färbekraft. Fürs nächste Mal: Fünf T-Shirts reichen, wirklich. Handwäsche ist sehr erfrischend. Jeans: nicht mal daran denken.

Was fehlt:

Ein paar Kenntnisse heimischer Sprachen. Und eine unkorrumpierbare Instanz, die man bei moralischen Fragen die eigenen Privilegien betreffend konsultieren kann. Zum Beispiel: Ob man die verschimmelte Marmelade wegwirft, auf die Gefahr hin, dass jemand anders sie findet und isst, oder ob man den Schimmel entfernt und sie doch lieber selbst aufbraucht. Oder ob man den Schimmel entfernt, bevor man die Marmelade wegwirft. Wie reagieren, wenn einem zum wiederholten Mal im Scherz der halbwüchsige Sohn als Reisebegleiter und -beschützer angeboten wird, zum Mitnehmen bis nach Deutschland.

22.11.

Als mich Oumar am Busbahnhof in Ouaga absetzt, trifft er da auf einen alten Bekannten: Jean-Luc, der hat das gleiche Ziel wie ich: Bobo-Dioulasso.

Jean-Luc ist ein Silver-Ager, von dem die Werbeindustrie träumt: Ausgestattet mit seinem iPad, Moleskin-Notizbuch und ins kurze weiße Haar geschobener Wayfarer reist er durch die Welt, noch ausgedehnter und unbesorgter, seit er 160 Chemotherapiesitzungen hinter sich und seinen Ingenieursposten aufgegeben hat. Gegen die verbleibenden Schmerzen, und weil es ihn so viel fitter macht als er jemals war, nimmt er Fentanyl. Seine Frau, mit der er in Mailand lebt (die Italiener hätten so viel mehr Geschmack und die bessere Esskultur als die Franzosen), reist nicht gern, sondern arbeitet lieber in ihrem Job, nachdem sie so viele Jahre Hausfrau und Mutter war. Dank Spotify ist Jean-Luc Experte für afrikanische Musik. Er quackelt fast die gesamten, von lautem Highlife aus dem Autoradio untermalten fünf Stunden bis Bobo-Dioulasso. Die schlaglochfreie neue Straße dahin wurde mit Geldern der Europäischen Union gebaut, herzlichen Dank dafür. Als Jean-Luc kurz eingeschlafen ist, sehe ich meine ersten Baumwollfelder, gerade ist Erntezeit und die erste kleine Lehmmoschee in Termitenhügelform, dann kommt uns eine Kolonne Armeefahrzeuge entgegen, darin – und das ist kurz beunruhigend – uniformierte und bis an die Zähne vermummte Weiße. Wer sind die und in wessen Auftrag sind die hier?

In der kurzen Pause auf der Hälfte der Strecke teilen wir uns ein gebratenes Hähnchen und eine Packung Sesamkekse. Jean-Luc erzählt mir, wo das feste braune Papier herkommt, mit dem die Händler immer das Fleisch einpacken: Es sind Zementtüten, die Schichten, die nicht mit dem Staub in Berührung gekommen sind. Wenn, wäre das wohl auch nicht so schlimm. Auf dem Markt verkaufen sie kleine Zementstücke an schwangere Frauen, die diese wegen des Kalziumgehaltes essen. (Neue Geschäftsidee für Berlin: Brutalismus-Nahrungsergänzungsmittel. Burkinabische Zementpillen könnten gut bei Architekten und Healthgoths ankommen. 032C als Kooperationspartner gewinnen.) Am Montag kommt Emmanuel Macron auf Staatsbesuch nach Ouagadougou, Jean-Luc will schauen, ob er ihn live sehen kann. So lange besucht er eine Freundin in Bobo-Dioulasso.

Bobo ist die zweigrößte Stadt Burkinas, aber selbst das Zentrum wirkt winzig. Es ist noch ein bisschen roter und staubiger als Ouaga, mit nicht ganz so viel schöner Architektur. Der Taxifahrer seufzt, dass es keine Arbeit gäbe. Was komisch ist: Wenn in Berlin oder Paris ein Attentat verübt wird, wo es schon unter normalen Umständen so viel unsicherer ist als hier, fahren die Leute in der Woche darauf wieder hin, genau wie das von Freiheitsverteidigern richtigerweise gefordert wird. Hier legt sowas den Tourismus lahm, und zwar auf Jahre. Und es macht die schöne Statistik kaputt, nach der in Burkina die wenigsten Gewaltverbrechen verübt werden – weltweit. Glaube ich sofort. Die Leute sind einfach zu freundlich für sowas.

Weil im Bois d’Ebène, in dem es unter der Woche Live-Musik geben soll, nichts los ist, treffen wir uns zum späten Essen auf einer sehr belebten Straße. Die Minikleid-Frauen vor der Kneipe mit den uralten Flipperautomaten sehen gleichzeitig hochtoupiert und ein wenig abgerissen aus. Jean-Lucs ivorische Freundin Amandine ist sehr jung und sehr schön, außerdem besitzt sie ein humoristisch-schauspielerisches Talent, das sie allein in ihrem Gesicht und mit der Zahnlücke zwischen ihren Vorderzähnen zur Aufführung bringen kann. Sie schaut in ihrem Plastikstuhl zur Musik tanzend zu Jean-Luc, schürzt die Lippen, dann wendet sie mit dem Kopf wackelnd den Blick ab, zugleich arrogant, verführerisch und ironisch.

Wir essen gebratenes Hähnchen (den Kopf gibt es mit dazu) und Nierchen mit Zwiebeln. Dazu gibt es lasche Pommes, die der Junge direkt neben mir sorgfältig von Hand in eine mit Wasser gefüllte Blechschüssel geschnitzt hat, und Brakina-Bier. Den Weg zurück in mein Hotel findet der Taxifahrer anhand von zwei Telefonaten mit ortskundigeren Freunden. Ich finde mich auch nicht mehr so gut zurecht, man unterschätzt, wie fremd eine größtenteils unbeleuchtete Stadt nachts aussieht.

#Lifehack: Die Kanne Kaffee für den nächsten Morgen schon am Abend aufs Zimmer bringen lassen. Kalter Kaffee ist besser, als bis 7 Uhr auf Kaffee zu warten.

23.11.

Beim Frühstück ruft Edwige an. Sie hält das Telefon in den Klassenraum und die Kinder rufen im Chor: »Bonjour, Anne!«. Es ist kaum auszuhalten.

Meine Herberge in Bobo verfügt zwar nicht über das angekündigte Internet, dafür leiht man mir ein Moped mit weißem Rosenkranz am Lenker. Das hier tatsächlich wie ein Fahrrad behandelt wird: Ich bekomme den Schlüssel ausgehändigt und kurz erklärt, wie das Gefährt funktioniert, das war’s. Für langweilige Dinge wie Fahrkenntnisse, Anzahlung, Papiere oder Versicherung interessiert man sich nicht. Die Helmpflicht wird sowieso mit einer Konsequenz ignoriert, die mir gefällt. Dafür fahren alle unter größter Rcksichtnahme und in gemächlichem Tempo.

Dann also: die große Freiheit. Ich kurve den halben Tag in der Stadt herum, die klar an Paris orientierten Magistralen entlang, von der Place des Femmes auf die Avenue Charles des Gaulle, runter zur Place de la Nation, an der alten Lehmmoschee vorbei, vor der Tuareg sitzen, durch das Labyrinth des Marktes, zum sehr schönen, sehr unbenutzten Bahnhof. Halb sudanesische Banco-Architektur, halb Kolonialstil gleißt sie wie eine Fata Morgana, auf den Treppenstufen hocken Menschen, davor befindet sich ein kleiner Markt. Züge sind hier nie so richtig gefahren. Der Zweite Weltkrieg hat das unter Zwangsarbeit umgesetzte Kolonial-Großprojekt Eisenbauhnstrecke von der Elfenbeinküste bis nach Niger gestoppt.

Eine Stunde dauert es, bis ich den Busbahnhof der Rakieta-Gesellschaft finde, weil drei Leute an drei unterschiedlichen Punkten sagen: »Du fährst über die drei nächsten Kreuzungen, dann links«. Aber ich lasse mich auch gern ablenken von wie aus der Zeit gefallen wirkenden Gebäuden, staubigen Schildern und schönen Leuten.

Beim Froschschenkel-Mittagessen im Restaurant Eau Vive, das abgesehen vom Porträt des Papstes an der Wand eingerichtet ist wie ein evangelisches Seniorenheim, aber in gut, erzählt mir die dort arbeitende Nonne, sie ist Vietnamesin, von der Mission ihrer Schwestern. Seit fünf Jahren sei sie hier, ihr erster Posten seit der sechsjährigen Ausbildung. »Jedes Land hat seine Reichtümer«, flötet sie und wie die Asiaten immer versuchten, ein besseres Leben für sich zu erarbeiten. Als ich mein Karité-Eis löffle, donnert eine Taube an die Fensterscheibe und verendet mit gebrochenem Hals in einer kleinen Blutlache auf den Fliesen. An der Scheibe hat sie einen weißen Fleck in hinterlassen, die Taubenversion des Turiner Grabtuchs.

Von Wetter kann ja hier nicht richtig die Rede sein, nur das Klima ändert sich über die Monate. Aber das Wetter ist heute trotzdem schon den zweiten Tag anders als sonst: diesig, man könnte die Staubschleier in der Luft mit Nebel verwechseln, der vor der Sonne hängt und macht, dass man reinschauen kann. Das muss nun wirklich der Harmattan sein.

Im Bus nach Banfora steigt eine Frau zu, groß und hager, und setzt sich neben mich und reicht mir die Hand. Sie spricht kein Französisch, hat also höchstwahrscheinlich nie eine Schule besucht. Während der Fahrt beobachtet sie mich und legt irgendwann ihre schmale Hand auf meine. Sie streicht über meine Haut, dann betrachtet sie ihre, die faltig ist und trocken.

Wir passieren ein Dorf, das offenbar von der Lehmziegelproduktion lebt. Die Hütten gruppieren sich um eine wässrige rote Grube herum, in der Menschen mit dem Abbau von Lehm beschäftigt sind, darunter auch Kinder. In Berlin in der Ed-Atkins-Ausstellung gibt es eine Arbeit, die aus einem CGI-Video und einem Text besteht. Atkins spricht da in der zweiten Person Singular von (oder zu) einem Mann im Mittelalter, der es Zeit seines Lebens nicht leichter haben wird als alle seine Vorfahren. Kein Weg hinaus. Daran muss ich hier manchmal denken.

Draußen wird es mit jedem Kilometer grüner, fast dschungelhaft. Das ist der Landstrich mit den wenigen Prozent des burkinabischen Bodens, der fruchtbar ist. Zebu-Herden, Bananenplantagen, Palmenplantagen, Zuckerrohr-Plantagen mit drei Meter hohen Pflanzen. Weite, grüne Felder, in denen kleine Gruppen von Frauen Reis dreschen.

Was wohl geworden wäre aus Burkina, wenn sie Thomas Sankara nicht nach ein paar Jahren Präsidentschaft verraten und umgebracht hätten. Er war radikal und eben auch radikaler Feminist, der den Anteil von weiblichen Ministern im Handstreich auf ein Drittel festlegte und überhaupt: die Frauen befreien wollte. Neulich sah ich eine in einem Kleid aus gemusterten Stoff, auf dem stand: »08. März. Im Kampf gegen die Zwangsehe«.

Für Jonas

26.11.

Wie um mir meine Frage vom Vortag zu beantworten, setzt mir der Geist Thomas Sankaras Pélagie vor die Nase – oder auf den freien Platz neben meinem im Bus. Sie ist vielleicht Mitte, Ende Dreißig, trägt eng am Kopf geflochtene Zöpfe mit Schmuckperlen an den frei baumelnden Enden, dem Schoß hat sie eine an Hermès angelehnte Handtasche aus lila Lack sitzen, während sie Nachrichten in ihr Smartphone tippt. Ihr Kleid ist aus einem Stoff mit bräunlich-grünem Psychedelic-Muster gemacht, in dazwischen gestreuten Textfeldern steht: »Die Gleichberechtigung der Frauen bedeutet den Fortschritt aller«. Ich beschließe, sie zu zwei meiner Forschungsgebiete auszufragen: einheimische Mode und Frauenleben.

Sie habe es sich das Ensemble vor zwei Jahren anlässlich des Frauentages von ihrer Schneiderin in Ouaga anfertigen lassen, erzählt Pélagie. Sie arbeite für eine mehlherstellende Firma und sei gerade auf Geschäftsreise in Banfora gewesen. Weil ich so viel darüber gelesen habe, welche Verheiratungs-Maßnahmen ergriffen werden, um jede Frau und jeden Mann mit Kindern auszustatten, weil ein Leben ohne Kinder ein nicht gelebtes ist, schlechterdings undenkbar, und ich immer nur gerade so als jung genug durchgehe (Denise nannte mich immer nur »das Baby«), dass ich sagen kann: »Noch keine«, frage ich Pélagie: Wie viele Kinder hast du? Und sie antwortet: »Keine. Meine Gesundheit lässt es mehr nicht zu«, – womit sie wohl sagen will, dass sie zu alt ist –, »Ich habe keine Kinder und bin nicht verheiratet. Dafür habe ich meinen Job und mein gutes Gehalt. Mein Vater hat kein Problem mit meiner Entscheidung. Er sagt, ich solle tun, was ich für richtig halte.« Ich beglückwünsche sie zu ihrer Selbstbestimmtheit. Wie hat Christoph Schlingensief noch gern gesagt, wenn was zu seiner Zufriedenheit war? »Na also, geht doch!«

Der Claim von Rakieta lautet zwar »Modernität – Pünktlichkeit - Komfort« und der Bus fuhr auch auf die Minute ab, aber er ist alt und die Klimaanlage funktioniert schon lange nicht mehr. Es ist trotz der zu den Fenstern hereinwehenden Luft ultraheiß, aber wie immer traue ich mich nur ganz wenig Wasser zu trinken. Die Fahrt an die burkinabisch-ghanaische Grenze wird acht Stunden dauern, der Bus wird zwar fünf Stopps an Distriktgrenzen und Zollpunkten machen, wo jedes Mal wieder alle aussteigen und den Polizisten ihre Ausweise zeigen müssen (wenn sie sehr nett sein wollen, sagen die Gendarmen »Willkommen!« zu mir, auf Deutsch) aber zum Pinkeln ist meist keine Zeit oder es gibt keine Klos. Ich leide lieber Durst als unter geplatzter Blase. Nur einmal hält der Fahrer lange genug an einem Bahnhof, damit die Moslems unter den Fahrgästen beten können, immerhin ist Freitag. Ich steige aus und kaufe mir bei den verlässlich angelaufen kommenden Frauen mit den Blechschüsseln auf den Köpfen mein Mormonenessen: ein halbes Baguette, das die Händlerin aufschneidet und mit Fischragout aus einem kleinen Topf bestreicht, dazu zwei Spieße aus einer Art gebratenem Tofu mit scharfer Soße, und zwei Päckchen eiskaltes Wasser. Gesamtpreis: ein bisschen mehr als 50 Cent.

Pélagie und ich unterhalten uns noch ein wenig über die politische Situation in Togo und in Zimbabwe, den Rest der Zeit schaue ich raus in die Landschaft, deren Grün sich wieder in Savanne verwandelt. Als es dunkel wird, ist es gleich stockdunkel. Man sieht nur noch einzelne Neonröhren-Beleuchtung, irrlichternde Handytaschenlampen in den Dörfern, und immer wieder Buschfeuer - so nah an der Straße, dass die Hitze im Bus zu spüren ist. Es sind zu viele, um nicht absichtlich gelegt worden zu sein.

In Hamile angekommen, quackelt mich ein angeblicher Guide zu, ohne mir auf meine Frage nach der nächsten Unterkunft zu antworten. Da kommt einer auf dem Moped an und kuckt als wäre er interessiert daran, mir zu helfen. Ich wuchte meine Tasche auf den Platz zwischen seinen Füßen, steige hinter ihm auf und sage, er solle mich bitte zum Hotel auf der hiesigen Seite bringen. Noch kann ich mich nicht trennen. »Was war das Beste, das dir in Ghana zugestoßen ist?« - »Burkina Faso.«

27.11.

Im Gegensatz zu den Einwohnern Burkinas kommen mir die Ghanaer laut, unelegant und frostig vor. Aber das ist nichts gegen, urgh, white people. Das einzige Wort, an das ich beim Anblick der herumhängenden Jungmenschen im Motel des Mole-Nationalpark denken kann, ist sluggish. (L’avoir l’oeuf coloniale sagen die Burkinaben für Dicksein: ein koloniales Ei mit sich herumtragen.)

Außerdem sind sie abstoßend geizig. Kurz nachdem die Morgensafari vorübergegangen ist, ohne dass Elefanten gesehen wurden, bricht auf der Pool-Terrasse mit Blick auf die Ebene auf einmal Aufregung aus. Am Wasserloch steht eine Antilope und trinkt, aus Richtung des dichten Waldes hat sich ein Elefant genähert. Er erscheint hinter den Baumwipfeln, alle schreien und halten ihre Handys drauf, dann bewegt er sich ein paar Meter. Die Antilope ist weggehüpft, der Elefant verschwindet im Grünen. Zwei der jungen Ranger beschließen, dem Tier nachzustellen. Ein Dutzend Leute folgt den zwei Uniformierten und mit Gewehr Bewaffneten den Hang hinunter. Nach ein paar Ermahnungen haben auch die Letzten verstanden, dass ihr Geplapper den Elefanten vertreibt und sind endlich ruhig. Eine halbe Stunde laufen wir in der Mittagshitze durch die Savanne, trockene Zweige knacken, Geier kreisen und Ibus schreien, ab und zu stoppen uns die Ranger, um zu horchen und sich stumm mit Handzeichen zu verständigen.

Auf einmal nähert sich aus Richtung des Motels eine einheimische Schulklasse, erkennbar an den grasgrün-pinken Uniformen. Sie rufen und kreischen und als sie uns eingeholt haben, ist der Elefant wohl endgültig in den Tiefen des Waldes verschwunden. Die Safari wird abgebrochen, eines der deutschen Volunteer-Mädchen in Jeans-Hotpants (sie tragen in diesem Alter immer Jeans-Hotpants, diese Mode hält sich schon seit Jahren, es ist ein Phänomen. Ich wette, sie waren auch so die alte Moschee im Ort anschauen. Obwohl, davor haben sie Angst oder schlimmer: Es interessiert sie nicht) sagt zum anderen: »Da bezahle ich jetzt nicht für. Da waren ja noch ganz viele andere, die nicht zahlen, und gesehen haben wir auch nichts.« Ich würde sie gern fragen, ob sie noch alle hat. Die Safari zu Fuß kostet 2 Euro pro Stunde pro Person, davon leben die Ranger, und von den ghanaischen Kindern können sich die Reise hierhin die wenigsten jemals leisten. Die meisten sehen in ihrem Leben keinen Elefanten, auch nicht im Zoo. Volunteer, hm, also hier, um den Leuten zu helfen, ja? Fucking hell. Aber ich bin nicht deren Erziehungsberechtigte und sage nichts. Die Ranger trösten die Gruppe damit, dass der Elefant aus einer weit entfernten Ecke des Parks kam, sie selbst hätten ihn noch nie gesehen (für ein paar der 600 Tiere, die ihnen bekannt sind, haben sie Namen: Old Man oder People’s Friend), und er weder die Stimmen noch den Geruch von Menschen gewohnt sei. Die Chancen, ihn aus der Nähe zu Gesicht zu bekommen, waren von Anfang an gering. Keiner der Jungmenschen gibt den schwitzenden Rangern auch nur ein Trinkgeld. Leute können so scheiße sein.

Als die Volunteers abgereist sind, wird es schöner im Motel. Der Pool ist leer, die Terrasse verlassen. Ich unternehme noch eine Nachtsafari, auf der zwar auch keine Elefanten oder Hyänen auftauchen, Leoparden oder Löwen sowieso nicht, die wurden zum letzten Mal vergangenes Jahr gesichtet. Aber Buschböcke, Wasserböcke und Kobs, eine weitere Antilopen-Art, ein Nil-Krokodil, Husarenaffen, Paviane und Grünmeerkatzen, Warzenschweine, Geier, die fischfressenden Ibus, Perlhühner, Buschbabys, eine Igelmutter und zwei ihrer Jungen, jede Menge Eidechsen, Schmetterlinge in allen möglichen Größen und eine Katze namens Serval. Das geheime Leben der Urwald-Tiere.

Ich habe die mir aus der Geldsendung meiner Mutter verbleibenden Euros an einem Telefonkartenstand auf der Hauptstraße des nächstgrößeren Ortes Damongo in Ghana-Cedis tauschen lassen (zu einem grottigen Kurs, aber die Bank konnte mir nicht helfen, etwas auszahlen konnte sie mir erst recht nicht. Bargeld bleibt weiterhin ein Problem) und weiter geht es. Nahziel ist die Hafenstadt Yeji am Volta-See. Einmal pro Woche fährt eine Fähre den größten See Afrikas hinauf und wieder hinunter, das dauert mal anderthalb, mal eher drei Tage – je nachdem, was auf dem Weg passiert. Für Passagiere gibt es neben der Holzklasse zwei Erste-Klasse-Kabinen und notfalls eine des Personals.

Ingo und ich sind 2010 in Mali mal mit einer Piroge den Niger hinaufgefahren, von Mopti bis nach Timbuktu am Rand der Sahara. Das war bevor Islamisten in Timbuktu alles kurz und klein schlugen und aus dem kleinen Hotel mit den Lacoste-Handtüchern ein Scharia-Gericht machten. Die dreitägige Fahrt auf dem Niger jedenfalls, vorbei an Zebuherden, winkenden Dorfbewohnern und Nilpferden, die stille Gleichförmigkeit nur unterbrochen von Landgängen, auf denen der Koch von Fliegen umschwirrtes Fleisch kaufte, das er uns sowie dem Steuermann auf dem Boot zubereitete, gehören zum Schönsten, was mir je widerfuhr.

28.11.

Und dann zeigt sich doch noch mal ein Elefant. Die Morgensafari wird verlängert, weil einer der Ranger ein Tier gesehen und seine Kollegen per Handy informiert hat. Wir laufen unserem Mann, Robert, hinterher, der sagt: »Und jetzt schnell«. Was sonst wirklich nie irgendjemand sagt. Die Dame auf der Ecobank in Ziniaré, die mich aufrief, weil die Verbindung dann endlich stand und sie mir mein Geld auszahlen konnte, meinte, als ich mit einem Satz vor ihrem Schalter stand: »Du bewegst dich so schnell«.

Wir gehen also mit großen Schritten und landen schließlich auf einer Lichtung. Da bricht ein großer Bulle ohne Stoßzähne mit dem Rüssel Zweige vom Baum. Keiner sagt ein Wort, alle schauen, machen still Bilder, eine weint ein bisschen. Dann geht der Elefant weiter und verschwindet im Wald. Show für heute beendet.

Während wir die Anhöhe zurück zum Motel steigen, befrage ich Robert zu den drei langen, senkrechten Narben auf jeder seiner Wangen. Sie weisen ihn als Angehörigen des Stammes der Gonja aus, denen ein Großteil des Bodens des Nationalparks gehört; Roberts Großvater war Gonja-Häuptling. Die Narben bekommen sie als Kinder, am siebten Tag ihres Lebens.

Ich will nur schnell meine Badesachen aus dem Zimmer holen und lasse die Tür offen stehen, während ich suche. Als ich gehen will, sitzt ein ausgewachsenes Pavianweibchen mitten im Zimmer und räumt meine Tasche aus. Es ist sitzend so groß wie ein dreijähriges Kind, aber sehr viel cleverer und schneller. Die Äffin nimmt das Gaffa-Tape in die Hand, die Hautcreme, riecht daran und schmeißt alles auf den Boden, nimmt jede einzelne der dünnen, schwarzen Plastiktüten und reißt sie auf, auf der Suche nach Essbarem. Auf dem Nachttisch liegt ein Beutelchen Milchpulver von meinem Morgenkaffee, die Pavianfrau lässt sich den Inhalt in den Mund rieseln. Sie findet burkinabische Kekse und isst die hektisch, danach die Krümel, die ihr auf den Boden gefallen sind, sie öffnet sie den Mülleimer und dreht ihn auf den Kopf, es fallen aber nur Orangenschalen heraus. Zwischendrin schaut sie immer wieder nervös zur offenen Tür, als hätte sie Angst, dass jemand anderes (ein anderer Affe?) hereinkommt. Ich klatsche in die Hände, um sie aus dem Zimmer zu treiben, es scheppert trocken, als Reaktion sie macht eine Vorwärtsbewegung, wie um mich anzugreifen. Also schaue ich zu und rede mit ihr, sage Dinge wie: »Das reicht jetzt aber!« und »Oh nein, das nicht!«. Sie springt ins Bad, wo aus unklaren Gründen ein offenes Glas Oliven herumsteht, aber die gefallen ihr offenbar nicht. Als sie zurückkommt, habe ich mir ein Handtuch gegriffen, mit dem ich nach ihr peitsche. Sie gibt schließlich auf und hüpft aus dem Zimmer. Mann! Der Ranger, der draußen mit einer Schleuder und einer Hosentasche voller kleiner Steine patroulliert, hätte mir eine Warnung sein können. Andererseits auch unterhaltsam, so ein Affenüberfall.

Durch den Vorfall mit den Kack-Volunteers bin ich auf einmal mit einem Pärchen Heilerziehungspädagogen aus dem Ruhrpott verbündet – viel reisende Menschen, die sich auch aufregten. Sie wollen auch auf die Fähre, wir schließen uns einstweilen zusammen. Die Mole-Mafia, wie wir die Motelleitung nennen, besorgt uns ein überteuertes, aber klimatisiertes, und fast fabrikneu aussehendes Auto, das uns bis zur seit Wochen kaputten, und deshalb mit dem Bus oder Auto unbefahrbaren Brücke bringen soll, die wir dann zu Fuß überqueren wollen. Nach ein paar Kilometern der sehr komfortablen Fahrt wird der Fahrer von der Mafia zurück in den Park beordert, anscheinend haben zahlungskräftigere Gäste Bedarf für das Luxusmobil angemeldet. Wir werden in eines der üblich ausgeweideten Taxis umgesetzt, irgendein Freund, der zur Stelle ist. Auch schon egal.

Unser neuer Taxifahrer, er heißt Gideon, ist vom Stamm der Sasala, die normalerweise zwei von jedem Mundwinkel ausgehende Narben tragen, eine schräg auf-, die andere absteigend. Gideon aber trägt stattdessen zwei kurze Markierungen auf den Jochbeinen, Erinnerungen an die Kinder, die seine Mutter vor seiner Geburt auf die Welt gebracht und verloren hat. Er ist sehr redefreudig, versteht, warum wir das alles wissen wollen und gibt uns auch einen Kurzlehrgang in traditioneller Medizin. Mit welcher man zum Beispiel eine Frau in sich verliebt macht, wie diese Verliebtheit aber zusammen mit der Medizin nach dem zweiten Kind den Körper wieder verlässt. Und dann hat man halt ein Problem.

Weil er aber auch ein guter Christ ist, entschuldigt er sich jedes Mal, wenn er das Wort »Penis« in den sogenannten Mund nimmt, um die Wirkungsweise eines Mittels gegen Erektionsstörungen zu beschreiben (Erektionsstörungen sind sowieso ein Riesenthema, gegen das es diverse, auch im Fernsehen beworbene Mittel gibt. Um ein Tabu handelt es sich jedenfalls nicht. Gleichzeitig existiert Männerseife, die weiche Haut machen soll, in Accra gibt es Executive Grooming Lounges für die Männer-Maniküre. Männlichkeit und Gepflegtheit schließen sich keinesfalls aus). Als ich ihn frage, was seine Kirche von seinem animistischen Glauben hält, sagt er: »Ich glaube an traditionelle Rituale, aber ich führe sie nicht aus.« So einfach. Ich habe mir eines der üblichem Zustimmungs- oder Verstehensgeräusche angewöhnt, es klingt wie »Ähä«, schnell und ein bisschen spitz.

Als wir mit unserem Gepäck beladen über den Schwarzen Volta laufen, bin ich wieder mit Ghana versöhnt. Der Fluß ist von grüner Vegetation eingefasst, am südlichen Ufer findet ein Markt statt: Es stehen Zebus zum Verkauf und mit Indigo gefärbte Gewebe, die Waren werden statt wie sonst unter Palmblattdächern unter gespannten Stoffplanen aufgereiht. Die Leute tragen Kaftane und Kappen – zöge man die Autos ab und die schlanken türkisen, den Fuß umfassenden Plastikschuhe, die besonders unter Moslems beliebt zu sein scheinen, könnte die Szenerie wahrscheinlich genau so auch vor 100 Jahren gespielt haben.

Unter denen, die uns entgegenkommen, sind Fulani-Mädchen, die als die schönsten Frauen der Gegend gelten. Sie sehen orientalisch aus mit ihrer hellen Haut und den schmalen Köpfen, die Gesichter mit Henna tätowiert. Dazu tragen sie viel Schmuck, Septum-Piercings und bunte, weite Gewänder. Fulani waren jahrhundertelang Nomaden, unter dem Einfluß des Islam wurden sie sesshaft. Gideon hat erzählt, dass sie traditionell Hirtinnen seien, gute auch. Hätte er Rinder, würde er sie in die Obhut dieser Mädchen geben. In der Kultur der Fulani steht die Kuh an erster Stelle. Dann kommt die Frau. Dahinter der Mann.

29.11.

Für manche Ghanaer ist es im Englischen schwierig, die Buchstabenfolge S-K oder T-S auszusprechen. Als der dienstälteste Ranger in Mole (sein christlicher Name war Samuel, sein afrikanischer Kakraba) erklärte, dass ursprünglich alle Tiere im Park getötet werden sollten, um die Ausbreitung der auch für den Menschen gefährlichen Tsetsefliege einzudämmen, nannte er sie Tes-tes. Was man auch oft hört ist:

moks - mosque

aks - to ask

In einer Folge im Mittelteil von Mad Men, da, wo Betty eine kurze Romanze mit einem Afroamerikaner hat, weißt sie seine Schwester rüde auf deren Aussprachefehler hin als etwas Ungebildetes, auf ihre Sklavenherkunft Verweisendes. Kurz darauf ist es auch schon vorbei mit der zarten Liebe, die Betty hätte befreien können aus ihrem Ehegefängnis. Wären es nicht die 1960er.

Toufic, von dem und dessen Frau ich mein Dezemberzimmer gemietet habe, erklärte seinem Sohn bei meinem Besichtigungsbesuch die richtige Aussprache so: Wie ein Fußballer, dessen Fuß durch die Luft rauscht und dann geräuschvoll auf den Ball trifft. Sssss - der Fuß nähert sich, K – der Fuß trifft den Ball. Für das Wort Tsetsefliege allerdings ist diese Eselsbrücke nutzlos.

30.11.

Wie genau man an die Tickets für die beiden Erste-Klasse-Kabinen auf der Yapei Queen kommt, ist das hochgehandelteste Geheimnis der Ghanareisenden. Mir erschließt es sich nicht. Als ich beim Hafenmeister von Yeji anrufe, um herauszufinden, wann die Fähre überhaupt in der Stadt erwartet wird, sagt er »heute gegen 19 oder 20 Uhr«. Er würde mich anrufen, wenn es soweit sei. Das Schiff läuft dann um kurz vor Mitternacht ein, mit einem lauten Hupen, das man bis ins Hotel Volta Lake hört. »Kommt um drei Uhr morgens zum Hafen, dann schaue ich, was ich für euch tun kann«, sagt der Hafenmeister. So lange schlafen die Heilerzieher und ich in unserem billigen Zimmer, oder versuchen es zumindest. Es ist irre heiß, der Ventilator sehr schwach auf der Brust. Die beiden haben mir das Bett überlassen, weil sie es eklig finden und den Boden bevorzugen, sitzend.

Schon eigenartig, dass Leute, die den ganzen Tag lang Gelegenheiten dafür finden, über ihre Darmaktivitäten, die Konsistenz ihres Stuhls und das Problem des Aufs-Klo-Gehens im Entwicklungsland zu diskutieren – miteinander und mit mir –, dass diese Leute sich vor einem Bett ekeln. Soll mir recht sein. F., dem ich das Phänomen schildere und frage, ob er eine Erklärung für diese Fäkalfaszination hat, antwortet: »Oller Analytikerquatsch, aber nicht falsch: Willentlicher Stuhlgang ist die erste Leistung des Menschen, um die herum er sich das ganze Subjekt aufbaut. Daher rührt die existenzielle Bedrohung, wenn das Willentliche des Vorgangs durch Verstopfung gekappt ist.« Ein Gorillaweibchen, dem man Zeichensprache beigebracht hatte, zeigte irgendwann auf sein Töpfchen und sagte: »schmutzig = gut«.

Als wir später in der Dunkelheit hinunter zum Hafen gehen, vorbei an langen LKW-Kolonnen, liegt das Wartehäuschen still da. Ich befürchte kurz, dass die Fähre ohne uns abgelegt hat. In einer Woche käme die nächste. Aber auf den hölzernen Bankreihen und dem Mäuerchen darum herum liegen schlafende Passagiere, dazwischen hat sind quaderförmige Leih-Moskitonetze gespannt. Unter ihnen schlafen auf dünnen, ebenfalls für die Nacht gemieteten Matten, Mütter und kleine Kinder. Unter dem Holzdach fiepen Fledermäuse, in der Ferne singen sich zwei Muezzine gegenseitig an, ein Baby wimmert, jemand schnarcht. Alles wirkt sehr friedlich. Das wäre vielleicht sogar die bessere Alternative für uns gewesen. Ein Netz hatte das Hotelzimmer – das beste der ganzen Stadt – natürlich nicht. Es gab ja auch kein fließend Wasser. Andererseits: Kalte Eimerduschen sind aber überhaupt nichts Schlechtes. Das Klopapier bestand aus sauber geviertelten Seiten des Corriere della Siera, classy.

Zwei Stunden dauert es noch, bevor wir aufs Schiff gehen. Einer der jungen Marine-Ingenieure, den ich nach den Kabinen frage, sagt, die seien besetzt von ein paar Spaniern. Darf nicht war sein. Ist es auch nicht, die Spanier stellen sich als zwei alternde Belgier heraus. Die zweite Kabine hat sich ein Ghanaer gesichert, der sich in einem Holzsessel auf dem Deck sitzend das zweite Bier reinstellt, die Owners Cabin ist vom Ticketverkäufer besetzt.

Bleibt die Holzklasse, der Name passt zur Abwechslung mal. Auf den Bänken und den Tischen dazwischen liegen Menschen auf, im besten Fall, nackigen Schaumstoffmatratzen, auf dem Boden auf einem Tuch eine Mutter mit ihren beiden Kindern. Hier und auf dem Deck werden wir anderthalb Tage sein (glaube ich zu diesem Zeitpunkt noch). Obwohl ich mich von Klimaanlagen fernhalte, habe ich es geschafft, mich zu erkälten. Mir tut sowieso schon alles weh. Die Toilette und die Dusche der Ersten Klasse dürfen wir als einzige neben der Crew und den Belgiern mitbenutzen, #whiteprivilege. Oder es ist wirklich so, wie mir ein Norwego-Ghanaer erklärte: Fremde sind nach ihrer Rückkehr in ihr Land Botschafter der ghanaischen Gastfreundschaft. Deshalb behandelt man sie einfach gut. Einheimische wissen um ja schon um diesen Nationalcharakerzug.

Schnell stellt sich heraus, dass sich die Abfahrt verzögert, weil es ein Problem mit dem Antrieb gibt und der Schiffsschrauben-Taucher kommen muss. Der fängt aber nicht vor 7.30 Uhr an zu arbeiten. Als das Problem behoben ist, entspinnt sich auf der Ladefläche ein Schreikonzert zwischen Dutzenden von Truckern. Jeweils zu viert tragen sie die aus Sperrholz zusammengebauten und mit Stroh ausgelegten Käfige von Schiff, in denen eigentlich große Mengen frisch geernteter Yamswurzeln über den See transportiert werden sollten. Es geht hin und her, irgendwann bricht unter den Fahrern Jubel aus. Sie haben bei der Besatzung durchgesetzt, dass nicht die Kleinhändler mit ihren Waren, sondern sie mir ihren Fahrzeugen nach Makongo gebracht werden. »Die Brücke ist kaputt. Wir müssen ihnen helfen«, sagt der Ingenieur. In der Schlange auf dem Weg zu Hafen stauen sich die LKW von vier Tagen. Der Plan sieht vor, dass die Yapei Queen zwei bis drei Mal Fahrzeuge zwischen den beiden eine Stunde voneinander entfernten Häfen hin und her fährt, und dann wie geplant die Händler aufnimmt und die lange Strecke nach Akosombo fährt. Wir dürfen an Bord bleiben, statt zurück in die heiße Stadt zu müssen. Die ganze Reise in den Süden hat sich soeben um einen ganzen Tag verzögert. So ist das halt. Während die LKW rangieren, bis der letzte Zentimeter Platz auf dem Transportdeck ausgenutzt ist, bereitet die nette Köchin in der Kombüse das Frühstück vor. Ich bestelle Reis mit scharfer Tomatensoße und einem Stück getrocknetem Fisch. Es hieß, dass auf verzögerten Fahrten manchmal das Essen ausginge, Wasser gebe es jedoch immer.

Mein Fisch kommt hier aus dem Wasser unter uns, genau wie der gesamte Strom und das Trinkwasser des Landes. Im Zuge des Dammbaus wurden in den 1960ern ganze 80.000 Menschen umgesiedelt und 700 Dörfer geflutet. Aus dem Wasser ragen immer wieder nackte Baumkronen heraus, seit Jahrzehnten tote Wälder.

Über dem Volta-See geht die neonorange Sonne auf, Libellen umkreisen das Schiff, die ersten Fischer fahren mit ihren bunten Pirogen hinaus. Übermorgen werden wir Akosombo erreichen. Wenn alles gut geht.