Menschwerdung

Gute-Nacht-Geschichte
zuerst erschienen 2004 in Kid's Wear Magazine

Die Frauen saßen auf Hockern in einer zu drei Vierteln geschlossenen Runde, nichts lag in ihrer Mitte außer dem Sand oder auch nur Staub, der hier überall den Boden bedeckte, es war eine karge, eine schon immer zu allem zu trockene Gegend.

Ihre Unterhaltung lief ab wie immer, wie jeden Tag, nachmittags meistens: eine aus der Runde monologisierte – wie es aber nur schien, vor sich hin, das übrigens wirklich genau so: sie, die Sprechende ließ dazu den Kopf sinken und sprach mit ihrem Kinn aufs Brustbein gepreßt, wie um ihr Gerippe als Resonanzkörper mitzubenutzen.

Anders also im Sinne von neu war nur sie, die unschlüssig im Hintergrund, an den Rücken der Runde Vorbeigehende, die sich beim Zuhören wie um Aufmerksamkeit darzustellen den Zeigefinger an die Lippen legte, ihre Wange in die Faust stützte oder, eine sich Meldende gebend, wild zu schnipsen begann, um sich darauf wieder hinzukauern, hinter eine der schweigend Sitzenden, als werde hier gleich weiter Plumpsack gespielt.

Später benutzte sie eine Pause, die zwischen den Monologen der Frauen entstanden war und trat auf den Zehenspitzen wippend ein in deren Kreis, breitete, als weiter nichts geschah, keine von denen etwas gegen sie unternahm, sie herauszudrängen versuchte, ihre Arme aus und drehte sich um sich selbst in langsamer Pirouette; und als zöge sie damit eine unter dem Sand verwehte Schraube an, als drehe sie am Generalgelenk der schweigenden Runde, hoben alle auf den Hockern Sitzenden langsam, sehr langsam ihr Köpfe. Und starrten sie an. 

So, sich unaufhörlich um sich selbst drehend, bekam sie nicht mehr mit, wer von den Sitzenden zu reden begonnen hatte. Es war auch nicht so, daß sich die Rednerinnen in ihren ersten Sätzen vorgestellt hatten. Sie sagten nicht „Mein Name ist Elena, ich bin 72 Jahre alt und früher arbeitete ich auf den Feldern“ aber auch nicht „Mein Name tut nichts zur Sache. Ich bin älter als du, um so vieles älter und ich spreche jetzt zu dir in der Funktion einer dich Ermahnenden“.

Ein Raubvogel hatte seine Schwingen geöffnet und kreiste über der Tanzenden in der ihrem Tanz entgegengesetzten Richtung. Sein Schatten wischte über die Gesichter der Sitzenden, nahm ihnen das Sonnenlicht aber gab es ihnen auch wieder. Und so, wie ein- und wieder ausgeschaltet, redeten sie nacheinander zur jungen Frau in ihrer Mitte:

„Grausame Erinnerung an einen jungen Mann, kann auch eine junge Frau gewesen sein, allein auf einer Verkehrsinsel in der Stadt. Sie oder er rief einem sich durch den Stau Schlängelnden hinterher: Bleib stehen! Bleib stehen! Bleib stehen! Die Stimme wurde immer leiser, gegen den bei grün wieder anfahrenden Verkehr. Wurde zum eigenen Echo. Unerhört.“

„Den ganzen Abend einfach nur gesessen, nichts angehabt, keine Platte, kein Film. Das Buch zugeklappt in den Händen im Schoß und einfach nur geschaut: an die Decke, an die Wand, zu den Fenstern und zurück. Das Geräusch des Heimbohrers von nebenan. Bilder vielleicht oder ein kompliziertes Regal. Ein Aufstöhnen, danach lange nichts. Früh ins Bett.“

„Versuch, meine Straße zu vergessen, meine Hausnummer, Stockwerk, wo ich wohne. Ich habe es mir nicht leicht gemacht, bin Umwege gegangen und habe mich zusätzlich noch durch Selbstzweifel verwirrt. Trotzdem total erschöpft aufgegeben. Beim Aufschließen der Wohnungstür geflucht. Enttäuscht.“

„Ich hatte auf einmal, morgens, keine Lust mehr zu sprechen. Das ging noch ein paar Jahre lang so. Und?“

„Während einer Landpartie versucht, in einem  Gebüsch zu Pinkeln. Den Halt verloren und rückwärts eine Böschung hinuntergerollt. Im seichten Wasser des Seeufers liegengeblieben. Scham.“

„Mir dann öfter mal, wenn ich mich danach fühlte, extreme Mengen warmen Essens kommen lassen. Restaurant oder Bringdienste – mir wars egal! Ich habe dann manchmal noch versucht, es mir nett zu machen, bin aber meistens nur über das Zeug hergefallen. Gnadenlos!“

„Schon wieder hündisch!, sagte ich mehrfach täglich zu ihm. Schau mich doch bitte nicht so an wie ein Hund! Und geh mir auch bitte nicht so hinterher wie einer! Schau doch den an, oder den! Kuck dir mal an, wie der dahergeht: Ganz anders als du! Stolz.“

„Immer wieder durfte ich feststellen, daß ich besser ankomme, wenn ich traurig bin. Daß man sich dann gerne um mich kümmert und vor allem: freiwillig. Ich sehe es auch selbst im Spiegel, daß mein Blick dann diese Tiefe bekommt. Mein Gesicht wirkt abgründiger, aber auf eine ungefährliche, eine gute Art. Enthemmt.“

„Ich schaffe gern. Ich schöpfe aus mir und merke: Da kommt noch unendlich viel nach. Viel von was? Unendlich viel von etwas Unbekanntem – das ist doch fürchterlich. Da kriege ich Angst! Da will ich – Schürferin meiner eigenen Mine, die ich bin – doch die hinteren Winkel in mir ausleuchten und schauen, was da ist. Keine Ungewißheiten in mir auf Halde, nichts! Ich will mich doch kennen; gerade Inwendig!“ 

„Sie haben es dann eine Weile lang ausprobiert, ob es ihr besser geht, wenn sie ihm alles nur noch hinknallt, also das Essen vielleicht nach der Zubereitung püriert und dann in einen Napf umfüllt, den sie ihm mit voller Wucht vor die Nase knallen kann. Oder daß er meinetwegen Durst bekommen hat und das ihr auch sehr artig sagt, sie ihn aber kommentarlos im Nacken packt und förmlich in die nächste Toilette schleift, sein Gesicht in die Schüssel stößt, unten hält und dann erst antwortet: Dann trink doch was. Geschlafen hat er nur noch auf dem Holzboden, im Winter lag außerdem ein Stoß Zeitungen bereit, den er aber, wie sie behauptet, nie angerührt habe. Das echte, das innerste Problem ihrer Partnerschaft, so sagte sie, sei aber durch diesen Umgang mit ihm erst entstanden, oder zu Tage gefördert worden: Er habe Aggressionsmangelerscheinungen. Bei ihm rege sich von alleine nichts, während sie ihm ja bereits im Schlaf die Kehle aufbeißen könnte.“

„Gestern war mein Schlaf bereits so tief, daß ich mich morgens aus sechs, sieben Schichten Schwarz hochtauchen fühlte.“

„Ich habe Appetit und weiß nicht auf was.“

„Mode. Macht mich im Grunde bloß verrückt. Macht mich nicht glücklich, Mode. Null. Ich gehe gern in die Geschäfte, kucke gern, was es so gibt. Was sie haben, wie es daliegt. Ausgesprochen gern sogar. Auch was es kostet. Sehr gern sogar. Ich möchte sagen: Der Preis ist bei mir schon der halbe Effekt. Fast schon gekauft. Gekauft!, rufe ich, Gekauft!, Gekauft! – wie zur Antwort auf die Freundlichkeit der Verkäuferin, ihre Bemühungen. Wie zum Dank für das Licht im Geschäft, der Dekoration seiner Schaufenster und Puppen. Gekauft! Gekauft!  Gekauft! Aber ich kaufe so ungern. Was heißt ungern, es macht mich kaputt! Nicht, weil ich es mir nicht leisten kann. Ich kann mir alles leisten. Gerade Mode. Gerade die.“

„Sie kam herein wie jeden Mittag, ich sagte: Setz dich!, aber sie bleib einfach stehen. Im Türrahmen, wie bestellt und nicht abgeholt. Blieb ich eben auch sitzen wo ich war. Am Tisch. Meinen Teller vor mir, ihren mir gegenüber, Löffel undsoweiter wie immer. Nach einer Weile fragte ich: Willst du dich nicht setzen? Ich habe sie dabei, glaube ich, mit Namen angeredet. Sie: Nichts. Nicht einmal gestisch, Kopfschütteln, Flunschen, nichts. Ich auch wieder stumm, wie um mich anzugleichen, heranzukommen an sie und ihre neueste Verstocktheit. Nach Sonnenuntergang bin ich kurz schwach geworden, habe zum Lichtschalter gelinst und dann zu ihr – keine Regung, nichts. Ich war dann kurz eingenickt, mit dem Gesicht in die Suppe geditscht, es war kurz nach Mitternacht – sie immer noch unverändert. Unverändert verstockt. Da bin ich hoch, der Stuhl fiel dabei um, ein Höllenlärm, wie es uns beiden schien – oder zumindest mir, sie sagte ja nichts. Ich bin dann langsam auf sie zu – kein Lidflattern. Hab ihr vor den Augen rumgewischt mit beiden Händen: Nichts. Ich: Bist du hier festgewachsen, oder was? Richtig angebrüllt habe ich sie. Aber nichts. Gekillert habe ich sie, richtig schön von unten nach oben: Nichts! Dann Wasser ins Gesicht, mit dem Feuerzeug an die Haare: Nichts. Geschubst, gekickt, Ohrfeigen. Nichts. Einfach nichts mehr. Einfach so.“

„Alles habe ich festhalten wollen. Bei jedem Zeichen ihrer Veränderung, ihres Erwachsenwerdens habe ich nächtelang geheult, tagelang kaum etwas gegessen, statt mit ihr zu reden oder ihr bei den Schulaufgaben zu helfen habe ich ihr sooft wie nur möglich - und so lange auch - tief in die Augen geschaut und mußte dann gleich wieder laut losheulen, wir haben uns stundenlang, nachmittagelang stumm in den Armen gelegen, ich heulend, sie mich tröstend. Nachts bin ich zu ihr gekrochen, ins Bettchen, habe mich an sie gedrückt und sie festgehalten. Ich hatte damals Angst, sie würde mir davonwachsen, entgleiten, irgendwas.“

Und die Tänzerin in der Mitte der Frauen schlug ihre Augen auf und ihre Drehungen verlangsamten sich zu einem Eiern, bis sie dann ganz aufhörten, sie zum Stillstand kam. Ihre Arme sanken herab. Und mit ihnen auch die vom Mondlicht abwechselnd erleuchteten Gesichter der Frauen rings um sie herum. Denn der anfangs noch zu drei Vierteln geschlossene Kreis ihrer Runde hatte sich inzwischen vollendet – die Hocker waren bis zum letzten besetzt. Und über ihnen: Mond und die Sterne. Raschelnd landete der Raubvogel auf der Schulter der Tänzerin. Und ohne ein Wort verließ sie mit ihm den Kreis der Erzählerinnen. Und nach einer weiteren Weile gingen auch die.