Mike Meiré

Portrait
zuerst erschienen 2005 in QVEST

Um mit dem Gerede anzufangen: Mike Meiré, heute 42 Jahre alt, galt einmal als deutsches Wunderkind des Graphikdesigns. Er selbst sagt von sich, er sei mittlerweile 25 Jahre im Geschäft – verortet also den Beginn seiner Karriere im 17. Lebensjahr, zu dem Zeitpunkt, als ein Freund ihn bittet, dessen Schülerzeitung „zu überarbeiten“. Daraus entstand die Zeitschrift Apart, an die sich heute nur noch wenige erinnern können. Dagegen wirken andere Überarbeitungen und Neuschöpfungen Meirés noch immer präsent: Etwa das nach zwei Ausgaben eingestellte Wirtschaftsmagazin Econy, dessen Nachfolgerin brand eins – inzwischen ein profitables Objekt, dessen Layout und neuartige Berichterstattung mehrfach ausgezeichnet wurden. Vor allem aber sind es die Projekte des sogenannten Corporate Design, mit denen Mike Meiré Furore macht – und auf diesen Geschäftsbereich bezieht sich auch das Gerede in der Branche. Dort heißt es, Meiré verbrenne viel Geld aus den Firmenetats, um den Unternehmen selbst wenig nützliche Kunst zu machen.

Sie behaupten, Meiré halte sich selbst für einen Guru, der Unternehmern des Mittelstandes die verblasensten Marketingkonzepte einflüstern kann, die seiner Kundschaft nicht nur null einbrächten, sondern, viel mehr noch, diese geradezu auf eine Schussfahrt in den Ruin setzten.

Sein Image als Flüsterteufel rührt ursprünglich vom eigentlichen Beginn seiner Karriere als Universalgestalter her: Zu Beginn der achtziger Jahre holt der deutsche Gesundheitsschuhfabrikant Dr. Curt Baumann den damals knapp zwanzigjährigen Mike Meiré als Chefdesigner in sein Unternehmen. Bama stellt bequeme Latschen her, die sich bei Krankenschwestern und Friseuren einiger Beliebtheit erfreuen. Der Firma geht es gut, der Glamourfaktor liegt branchenüblich bei null. Curt Baumann wird als Persönlichkeit beschrieben, die dennoch nach Höherem strebt. Die beginnenden achtziger Jahre bescheren Deutschland den zweiten Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit, dieses Mal schiebt er, anders als in den vom Marshallplan befeuerten fünfziger Jahren, aber keine Fresswelle vor sich her; die deutsche Mittel- und Oberschicht entdeckt eine Lust am Luxus, an der Opulenz. Die 1986 gegründete Zeitschrift Tempo phantasierte in jeder Ausgabe von neuen Gesellschaftstrends wie den „Ultra Consumern“, „Yuppies“, „Dinks“ oder „Frumpies“ und es erschien wohl nicht nur den Lesern von Tempo so, als ob der Markt tüchtig aufschäumte – oder wie es in Tempo als das Credo der Achtziger formuliert wurde: anything goes.

Warum also sollten eigentlich nicht auch Gesundheitsschuhe hip werden können? Mike Meiré erinnert sich, von Dr. Baumann nach Portugal zu einer Produktionsstätte geflogen worden zu sein: „Der hat mit einem Gabelstapler einen riesigen Schuhberg aufhäufen lassen und gesagt: ‚Schau dir diese Scheiße an!‘ Und er hat gesagt: ‚Komm, mach es, bau mir die Firma um!‘ Und ich habe Sachen gemacht – wenn ich da heute darüber nachdenke: Das war Dada!“

Aber wohlgemerkt im perfekten Einklang mit dem Dadaismus jener Ära: Die Designkooperation mit dem damals schwer angesagten Modeschöpfer Jean Paul Gaultier lief unter dem Slogan „Bama goes Drama“, bei der zugehörigen Launch-Party in Köln drängten hunderte von nichtgeladenen Gästen in den ohnehin bereits überfüllten Saal. Meiré choreographierte 30 Mönche über einen Laufsteg, auf den  mannshohen Säulen links und rechts waren weibliche Models als living dolls postiert: „Es war so heiß, dass die Models ohnmächtig ins Publikum gefallen sind. Es war eine grandiose Party. Es war krass. Aber es war gut.“

Und dass es dabei eigentlich ja um Gesundheitsschuhe ging, geriet eventuell in Vergessenheit.

Im Gegensatz zu den Dadakünstlern der vierziger Jahre waren Mike Meiré von Dr. Baumann üppige Mittel zur Verfügung gestellt worden: Der Etat lag bei 15 Millionen Mark, die der knapp zwanzigjährige in Renommee für die Marke verbauen durfte. „Spielgeld“, nennt Meiré heute diese enorme Summe – klar, mit 21 kommt einem das wahrscheinlich auch tatsächlich so vor. Wenn Dr. Baumann den jungen Mike Meiré nicht für ein Wunderkind gehalten hatte, was war es dann?

Dass es sich um eine homoerotische Narretei handelte, schließt Meiré heute noch aus. Die Hörigkeit Baumanns, die für sein Unternehmen in einem Desaster endete, das er höchstselbst durch einen dilettantisch versuchten Versicherungsbetrug krönt, lässt sich aus heutiger Position nicht mehr erklären.

„Nachdem ich für dieses Unternehmen wirklich alles gegeben hatte, wurde ich an meinem letzten Tag vom damaligen Prokuristen am Kragen vor die Tür geschleift – das war mein Abgang“, erinnert sich Mike. „Die hatten Werber von Rempen und Partner quasi als Controller hereingeholt. Die haben ihnen dann nachgewiesen, dass wir alles falsch gemacht hatten. Natürlich hatten wir alles falsch gemacht! Schließlich hatte ich alles zum ersten Mal gemacht. Und es hat mir PR gebracht bis zum Gehtnichtmehr. Aber es war einfach zu weit vorne.“

Von Bama spricht heute kein Mensch mehr. Mike Meiré aber ist immer noch dort: Ganz weit vorn. Nach einer Phase in den neunziger Jahren, in der er mit seiner Firma Meiré und Meiré nach eigenen Worten „AG gespielt hat“, befindet sich sein aktuelles Studio im Kölner Stadtviertel Ehrenfeld, einem architektonisch durcheinandergewürfelten Quartier aus Altbauzeilen, Mietshäusern und teilsanierten Zweckbauten. Es gibt kein auffälliges Schild, das, von der engen Lichtstraße aus, auf die im Hinterhof ansässigen Firmen hinweist. Dort hinten, unter einem Ruinendach, dessen Grundfläche zum improvisierten Parkplatz herhält, hat er vor kurzem seine Factory eröffnet. Eine Halle von 500 Quadratmetern, weiß ausgemalt, die Oberlichter mit lohfarbenen Tarnnetzen verhängt. Es ist hell, auf eine Art ist es auch freundlich – aber es ist keineswegs leer. Die Einrichtung ist mit eklektisch noch nicht hinreichend beschrieben: Die Tische bestehen aus dicken MDF-Platten, die über Böcke vom Baumarkt gelegt wurden, die Stühle stammen aus Kölner Spielhöllen und wurden mit Paketklebeband umwickelt, es gibt durch Glasfronten abgetrennte Besprechungsräume, aber auch darin findet sich kein Stück hochwertigen Mobiliars, wie es in einer Designagentur zu erwarten wäre; der graue Betonfußboden ist hier und da von beliebigen Topfpflanzen aus dem Supermarkt zugestellt. Ein Einrichtungsstil, der deutlich formuliert, was Mike Meiré mit dem schicken Wort „einer Nullmessung“ umschreibt: Der hier eintretende Kunde findet keinen Empfangstresen mit Blumen, keine imposante Kunst, kein teures Mobiliar, das ihm versichern könnte, dass sein Etat bei Mike Meiré in guten Händen ist. Er betritt ein bewusst chaotisch arrangiertes Sammelsurium in einem blendend weißen Raum, die einzige Sicherheit darin: Mike. Der dann, in einem solchen Moment des sich verschüchterten Umschauens, das tröstliche Bonmot von Friedrich Nietzsche über seine Brillengläser flimmern lässt: Man muß das Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können

Er ist gerade zum dritten Mal Vater eines Jungen geworden. Während er den Capuccino braut, erzählt er von seinen Kindern und kommt auch bald zur Frage, ob Schuluniformen vielleicht eine sinnvolle Sache sein könnten? Später im Gespräch wird er erklären, dass er sich jedes Jahr ein Stück neu erfindet. Der neue Mike ist ein Familienvater, dem, in dieser Superstudio-goes-Droog-Design-Umgebung, auch solche konservativen Überlegungen einnehmend gut stehen.

Und es braucht tatsächlich nur diese wenigen Minuten, die paar Sätze mit seiner sanften Stimme gesprochen, um am eigenen Leibe zu erfahren, was Dr. Baumann derart beeindruckt haben muss: Meiré hat die seltene Fähigkeit zu beeinflussen. Egal, was er erzählt, es entspricht auf beruhigende Weise dem eigenen Denken, transzendiert es gewissermaßen. Dabei spricht er sehr schnell, während des Zuhörens erscheint sein Wortfluss von betörender Klarheit und durchsetzt von Perlen der Weisheit. Beim Abhören des Bandes ist davon kaum noch etwas übrig – an den Worten allein kann es also nicht liegen. Die Magie entsteht offenbar durch seine Präsenz. Verlässt man den Raum, bleiben einem nur noch Begriffe wie Brand Coding oder Liquid Identity, die man, alleingelassen, nur schwer noch mit dem eben noch seligmachenden Sinn zu erfüllen schafft.

Der vielfach ausgezeichnete Typograph und Buchgestalter Friedrich Forssman schätzt Mike Meiré wegen dessen „gradlinigen, sauber gedachten und gestalteten Arbeiten wie brand eins“, betrachtet ihn aber insgesamt als „zwiespältig“ - eine Kritik, die sich vor allem auf Meirés Tätigkeit für den Sanitärhersteller Dornbracht beziehen muss. Aus heutiger Sicht findet Meiré, dass seine Arbeit für Bama „der Blueprint für Dornbracht“ war. Andreas Dornbracht, den Chef des mittelständischen Armaturenherstellers aus Iserlohn, lernt er 1992 durch Vermittlung dessen Produktdesigners kennen. Dornbracht leitete das Familienunternehmen in dritter Generation, die Erfindung des Firmengründers Aloys - ein ausziehbarer Wasserhahn – hatte dem Unternehmen eine stabile Marktposition bereitet. Das Design der Armaturen wurde konstant verbessert, nun sah man es an der Zeit, diese Designkompetenz auch angemessen zu vermitteln: „Es hatte sich langsam abgezeichnet, dass es im spießigen Sanitärfachmarkt erste Tendenzen gab, die ein langsames Aufbrechen signalisierten - da konnte man mit Design noch wirklich was rocken!“

Kommunikation ist ein Zauberwort, Botho Strauß sähe es am liebsten aus dem gesellschaftlichen Vokabular verbannt. Der erste Aktion, an den Mike Meiré sich erinnern kann, betraf ein Heiligtum jedes Unternehmens, das Logo: „Ich habe ja dann auch zuerst einmal das Dornbracht-Logo durchgeschnitten. Der Schriftzug war ja relativ lang, da dachte ich: Das geht ja gar nicht, wenn da am Ende der Manufaktur ein kleiner goldener Hammer sein soll, der das Logo auf die Armaturen prägt.“ Diesen goldenen Hammer gab es zu der Zeit in Iserlohn natürlich ebenso wenig wie eine Manufaktur. Aber Mike „dachte sofort an Manufaktur und Siegel. Und als ich merkte, dass Andreas Dornbracht bereit war mitzugehen - das war ja das Schlachten der heiligen Kuh - das Firmenlogo sitzt ja ganz nahe bei der eigenen Identität, fand ich das toll.“ Denn was nun kommen sollte, war weitaus mehr als Gesundheitsschuhe styled by Jean Paul Gaultier: 1996 schlägt Dornbracht einen bescheidenen Werbeetat frei. Er bietet Meiré an, damit eine Kampagne für die Wasserhähne zu finanzieren – oder aber etwas anderes. Selbstverständlich entscheidet sich Meiré für das andere. Bei Nick Knight, Jürgen Teller und Daniel Josefsohn gibt er Fotokunst in Auftrag, die sich nicht zwangsläufig mit den Dornbracht-Armaturen, doch aber auf irgendeine Weise mit den Vorgängen in Badezimmern beschäftigen sollten. Josefsohn zeigt Szenen aus dem Waschraum eines Nachtclubs in Los Angeles, Nick Knight ästhetisiert das Händewaschen, Jürgen Teller nimmt Annie Morton in einer lichtdurchfluteten Badewanne beim Spiel mit der Handbrause auf.

„Wunderbar“, habe Andrea Dornbracht diese Fotos gefunden, erinnert sich Mike Meiré: ‚Traumhaft!‘, hat er gesagt – können wir aber leider nicht drucken.“ Wieder liegt Meiré eine Spur zu weit vorne im Rennen um Aufmerksamkeit und, wie er es nennt: Brand Shaping. Die Publikation, die später Statements heißen wird, war ja eigentlich als Publikumszeitschrift für eine Messe des Sanitärfachhandels gedacht. Aber Mike lässt sich nicht aufhalten: „Dann haben wir diskutiert. Auf der Messe habe ich es dann so gelöst, dass ich einen temporären Galeriestand aufgebaut habe, ein Freund von mir hat sich einen schönen Anzug angezogen und den Kunstvermittler gespielt.“ Auch rückt Meiré von seinem ursprünglichen Plan ab, die erste Ausgabe der Statements in Buchform zu verteilen: Die Fotos von Teller, Josefsohn und Knight erscheinen in einer sauber gedruckten Zeitung, „weil man die auch leichten Herzens wieder wegschmeißen kann, wenn sie einem nicht gefällt.“

Neben der besagten Magie seiner Präsenz, dieser schamanenhaften Qualität, ist es die Wendigkeit seiner Konzepte, die Mike Meirés Erfolg maßgeblich bestimmen. Man könnte das auch als die Unerschöpflichkeit seiner Ideen bezeichnen: „Mir geht es nicht darum, etwas, das ich geschaffen habe, durchzudrücken. Im Gespräch kann ich auch zugeben: ‚Stimmt, das müssen wir anders machen‘. Dann bin ich der erste, der umschwenkt. Ich habe kein Problem damit, etwas anzunehmen.“

„Passiert das denn oft?“

„Nein.“

Nach dem holprigen Start der Statements-Reihe kann Mike Meiré unter der Marke Dornbracht zunehmend frei verfahren. Die nächsten Ausgaben erscheinen hochwertig in Buchform, die Themenschwerpunkte haben nur noch sehr frei assoziiert etwas mit dem Komplex Badezimmer und Armaturen zu tun. Der vorerst letzte Band No VII enthält unter anderem die Dokumentation einer riesigen Orchidee aus geschweißtem und farbig emailliertem Stahl, die der Bildhauer Marc Quinn zur 50. Biennale nach Venedig transportieren ließ, wo sie am Canale Grande vor dem Guggenheim Museum aufgerichtet wurde.

Den ersten Moment des Kennenlernens zwischen Andreas Dornbracht und ihm beschreibt Mike Meiré heute als entscheidend: „Es gibt da so einen gewissen Unternehmertypus - die Augen entscheiden. Für mich sind sie das Fenster zur Seele. Und wenn Du denen etwas zeigst, gibt es so eine kindhafte Euphorie. Bei Andreas wusste ich sofort: Das wird funktionieren“.

Dornbracht wiederum erklärt, dass die langjährige Zusammenarbeit mit Mike Meiré auf Vertrauen aufbaut. „Resultierend aus seiner kreativen Qualität und seiner Kontinuität“. Und so bleibt es dem Sanitärfachhandel überlassen, zu beurteilen, ob sich durch die Dornbracht Culture Projects tatsächlich der Absatz  von Armaturen der Marke Dornbracht steigern lässt. Zweifellos aber hat sich die Aura der Marke seit Beginn der Zusammenarbeit mit Mike Meiré dergestalt verändert, dass Dornbracht in der Kunstszene mittlerweile zunächst als Mäzen wahrgenommen wird – was angesichts der allgemeinen Begeisterung für Gegenwartskunst gewiss nicht schädlich sein kann.

Auch persönlich, so sieht es jedenfalls Mike Meiré hat Andreas Dornbracht seit dem ersten Kennenlernen dadurch profitiert: „Er hat sich ja bestimmt immer irgendwie für Kultur interessiert, aber ich glaube, er war noch nicht so fokussiert auf Kunst, wie er das heute ist. Das war schön zu erkennen, das man einen Weg gemeinsam gegangen ist. Das war ein spielerischer Prozess: Der Mann ist Unternehmer, er hatte ein super Produktdesign, er hatte einen Markt vor sich, den er aufbereiten konnte, er war hungrig. Wir hatten gute Vibes, es ging ganz gut zusammen. Im Prozess selber haben wir gemerkt, wie schön es ist, sich im Prozess zu befinden. Und die Dinge, die Du machst, auch permanent in Frage zu stellen. Im Nachhinein kannst Du es ja immer philosophisch aufpacken. Tatsache ist: Es wurden die Ärmel hochgekrempelt und man war plötzlich offen – für Neues klingt immer so blöd!“ Trotzdem schafft es Mike Meiré eine solche Floskel auszusprechen, augenblicklich zu bereuen und sein Gesprächspartner fühlt sich ebenso augenblicklich bemüßigt, ihn zu bestärken: Nein, Mike, das klingt vielleicht blöd – aber du hast doch einfach recht!“

Denn bei allem Unbehagen, mit dem die gespenstisch anmutende Freiheit, die Mike Meiré von seinen Auftraggebern eingeräumt bekommt, beäugt wird, muss man ihm vor allem lassen, dass er keinerlei Scheu kennt, mit den Quellen seiner Inspiration offensiv umzugehen. Anderen wäre es sicherlich und auch zu Recht peinlich zuzugeben, dass sie sich von dem ehemaligen Manager-Guru Gerd Gerken beraten ließen. Zwar liegt das schon einige Jahre zurück, aber Meiré spricht ganz klar davon, dass er sich bei Gerken ein Brainwashing geholt habe. Gerken, der heute als Erfinder einer New-Age-Kosmetiklinie, sogenannten Alchemetics, firmiert, erweist sich in seinen Traktaten als sonderbarer Verkünder einer Heilslehre, die sich in der schillernden Schnittmenge aus Rudolf Steiner, Bachblütentherapie und Max Lüschers Farbenpsychologie positioniert. Von Gerken hat Mike Meiré ersichtlich große Mengen eines schwer verortbaren Vokabulars übernommen, das, gekreuzt mit seiner sanften Stimme und dem spürbar vorhandenen Knowhow aus 20 bis 25 Jahren Karriere am Kunden für jenen magischen Tranceeffekt sorgt, der scheinbar echtes Suchtpotential birgt.

Neulich, bei der Eröffnung der von Dornbracht präsentierten Ausstellung „Into me/Out of me“ im PS-1 in New York kam es zu einer, wie er es selbst empfinden musste, „prekären Szene“. Diese Ausstellung wurde von Klaus Biesenbach kuratiert und die Idee dazu war nach einem Mittagessen mit Susan Sonntag entstanden: Performance-Videos, die sich allesamt mit dem Kosmos Körperöffnungen-Ernährung-Ausscheidungen beschäftigten. Als Biesenbach dieses Projekt Mike Meiré vorstellte, war dieser sofort der Ansicht: „perfekt!“. In Badezimmern geht es ja ebenfalls vorrangig um solche Vorgänge. Klar, das Dornbracht hier einsteigen musste. Bei der Eröffnung fand sich Andreas Dornbracht in Begleitung seiner Frau und einiger Geschäftspartner zusammen mit Biesenbach und Meiré im sogenannten „Sex Room“, der düsteren Kellerfiliale des MoMa, wieder – „vor einer Fisting-Szene mit zwei Unterarmen in einem Anus! Ich könnte mir keinen Kunden vorstellen, der das goutiert hätte. Aber Andreas Dornbracht ist ein wunderbarer Geist. Einer der aufgeschlossensten Zeitgenossen. Ich finde ihn inzwischen so eloquent. Ich glaube, er partizipiert tatsächlich, empfindet unsere Zusammenarbeit als bereichernd. Hinterher saßen wir dann bei einem Essen und auf einmal sagte Klaus Biesenbach: Ich möchte Dank sagen an Mike Meiré – denn ohne ihn wären wir heute nicht hier. Ich war in diesem Moment echt gerührt. Es war mir auch unangenehm vor dem Kunden. Klaus Biesenbach hatte es nämlich erkannt: wenn ich nicht gewesen wäre, dann wäre das nicht möglich gewesen.“

Es kommt nun darauf an, welchen Standpunkt man einnehmen will. Der Sanitärfachhandel wird sich fragen, ob das Geld für solche Ausstellung bei Dornbracht nicht besser in die Produktentwicklung, oder noch besser in eine Senkung des Produktpreises investiert wäre. Die Kunstwelt wiederum ist dankbar, dass Dornbracht mit Mike Meiré einen Berater gefunden hat, dessen Fantasie sehr viel weiter geht. Hier liegt der Grund, weshalb Meiré von konservativ argumentierenden Mitgliedern der Branche als zwiespältig empfunden wird: Die einen sagen „Toll, wie verrückt“, die anderen „Irre, der muss wahnsinnig sein“.

Mike Meiré interessiert beiderlei nicht. Und Zwiespältigkeit bedeutet für ihn keine Abwertung, er sieht sie als seine große Stärke: “Ich habe eine sehr hohe Credibility bei Künstlern, bei Kunstsammlern und Galeristen, bin aber auch sehr eloquent bei Kunden aus der Industrie. Ich kann beide Seiten verbinden. Weil ich beide Seiten auch schon immer in mir trage. Ich bin immer wieder versucht, selbst reine Kunst zu machen. Merke dann aber wieder, dass ich mir ein System geschaffen habe, wo Kunden sofort fasziniert sind von der Reinheit meiner Idee. Wenn Künstler ansonsten in Galerien ausstellen, dann stelle ich meine Ideen im öffentlichen Raum aus – durch die öffentlichen Kanäle. Ich benutze nicht den White Cube, ich benutze die Medien. Econy hat etwas bewegt. Brand eins hat etwas bewegt. Dornbracht bewegt etwas. Dornbracht ist eine Case Study für diese Idee von Brand Coding und Liquid Identity, die ich einmal hatte.“

Er wird nicht näher ausführen, was es mit dieser Idee eigentlich auf sich hatte. Es ist auch egal, sie ist von ihm abgefallen bei einer seiner jährlichen Häutungen, die er selbst, nach Gerd Gerken „Entkonditionierungen“ nennt. Gerken selbst spielt mittlerweile wahrscheinlich auch keine große Rolle mehr. Was hilfreich war aus dessen Jargon, hat Eingang gefunden in Mikes Vokabular, aber darin finden sich ja auch Zitate von Jiddu Krishnamurti und Joseph Beuys.

Als eine Assistentin einen Keksteller auf dem provisorischen Tisch platziert, befinden sich darauf dem neuen Ambiente angemessene Weihnachtsplätzchen, die sie anscheinend selbst gebacken hat. Der Teller, darauf weist Meiré extra noch hin, ist „eben nicht von Allessi“ - wie in einer üblichen Agentur, sondern ein wulstig jägergrün gemustertes Auslaufmodell von Wedgewood. Er kommt immer wieder auf das Interieur seiner Factory zurück. Für ihn ist das aufregend, ein Akt nahe der Subversion, dass er seine Kunden von nun an nicht mehr in einem gediegenen Penthouse in der Innenstadt empfängt. Er zeigt Fotos, auf denen die dortigen Flächen in Szene gesetzt sind: Schreibtische von Jean Prouvé, schwarzgepolsterte Executive Chairs von den Eames – in etwa also der Einrichtungsstil, der anderen Agenturbetreibern nun gerade als Gipfel der Zeitgenossenschaft vorschwebt. Aber Mike ist bereits weitergezogen. Weihnachtsplätzchen, Spielhöllenstühle, silberne Rettungsplanen als Wandschmuck: ziemlich weit vorn – und wie die anderen sagen werden: unten.

MM: „Status ist das, was du zum Status erklärst. Dieser Stuhl hier ist vielleicht viel mehr wert, als wenn ich jetzt ein tolles Designmöbel hierher stelle. Ich liebe die Arbeit von Konstantin Grcic. Und von Alfredo Haeberli. Es gibt ein paar Leute, die machen tolle Sachen. Aber warum soll ich die hier aufstellen? Dann habe ich doch wieder einen fremden Geist hier drin. Das ist mein Raum. Das ist virgin-like space. Und ich mag es, die Leute hier reinzuholen, dann können sie projizieren. Ein Andreas Dornbracht ist natürlich angenehm irritiert, wenn er hier auf die Toiletten geht. Die sind nämlich alles andere als designt. Die Armaturen sind auch nicht von Dornbracht, sondern ganz normal Ideal Standard. Das ist toll!“

Zu den – Vorbildern träfe es nicht recht – Einflüssen, die Mike Meiré auf seine gestalerische Vision wahrnimmt, zählen nicht allein Theosophen wie Krishanmurti oder Künstler wie Andy Warhol oder Joseph Beuys, dessen Begriff der „Sozialen Plastik“ Mike als Erklärmodell für seine unüblichen Arbeitsmethoden zitiert.

Der britische Graphikdesigner Peter Saville gilt für Popbegeisterte aus der Generation Mike Meirés als legendäre Figur. Saville war nicht nur der Gestalter der Albencover von zunächst Joy Division, später New Order, auch Suede und Pulp; allein das Nummerierungssystem der von ihm gestalterisch betreuten Plattenfirma Factory Records, das nicht nur die dort veröffentlichten Tonträger erfasste, sondern auch den hauseigenen Nachtclub Haçienda (FAC 51), die Bürokatze (FAC 191) oder eine Rolle Klebeband (FAC 136). Saville lernt Mike Meiré 1994 in Köln auf Vermittlung einer gemeinsamen Freundin kennen, mit der Peter zu jener Zeit eine Affäre hat. Auch Bazon Brock, Ästhetikprofessor in Wuppertal, empfiehlt Saville einen Ausflug nach Königsdorf bei Köln, wo sich die Firma Meiré und Meiré in einem ehemaligen Kloster eingerichtet hatte. Peter Saville war vom ersten Augenblick an von dem jungen Kollegen beeindruckt. „Die Agentur hat mir schwer imponiert. Und Mike war wie ich: enthusiastisch und leidenschaftlich. Außerdem war da sein instinktives Verstehen der kulturellen Sparten: Er interessiert sich für Musik, für Design, für Kunst, für Mode, für Architektur, Produkte – er kennt sich aus, er hat einen ganzheitlichen Begriff davon, bei ihm ist das mehr als ein Gespür. Ich habe mit Leuten aus der Musikindustrie zu tun, aber die interessieren sich für kaum etwas anderes als Musik. Ich arbeite für Modefirmen, da ist es dasselbe. Genauso im Graphikdesign. Ich war immer schon anders, ich war immer schon wie Mike. Er hatte, genau wie ich, erkannt, dass all diese Sparten in Signalen kommunizieren, die sie untereinander kombinierbar machen – was sich in dem sogenannten Zeitgeist zeigt. Es war wirklich nötig, das wir einander vorgestellt worden waren.“

Das Zusammentreffen mit Peter Saville führt zum ersten Mal auf Mike Meirés Weg zu einer Form der Zusammenarbeit, die er heute mit dem Begriff Beuys’ als „Soziale Skulptur“ beschreibt.

In den kommenden Monaten fliegt Mike regelmäßig nach London, um in der White Cube Gallery Kunst zu kaufen. Peter Saville, nach einer Auszeit in Los Angeles mittlerweile wieder in der Stadt, hat sich ohne genauen Zukunftsplan in einem Zweitwohnsitz in Soho niedergelassen.

„Als Mike zum ersten Mal in diese teure, aber sehr bescheidene Behausung kam, sagte er ‚Peter, I am not impressed! Du bist Peter Saville, die Legende. Du kannst doch nicht so hausen!‘ Ich sagte: ‚Stimmt, Mike, das geht eigentlich auch nicht – lass‘ uns darüber sprechen.‘ Wir gingen dann zum Essen in den Groucho Club und dort entstand die etwas exzentrische, romantische Idee zu The Apartment.“

Mike Meiré gründet ohne genaue Idee wozu, eine Firma mit Saville, die in einer mittlerweile ebenso legendären Altbauwohnung in Mayfair angesiedelt wurde. Mit dieser Wohnung, seit den siebziger Jahren im Besitz eines indischen Millionärs, hatte Saville schon geliebäugelt, seit er sie auf dem Aushang eines Maklers entdeckt hatte. Die 200 Quadratmeter in bester Lage, teilweise noch mit original Verner-Panton-Mobiliar ausgestattet wurden vom Millionärssohn als Partywohnung genutzt. Das Interieur ist vollkommen heruntergefeiert. Mike Meiré investiert eine erhebliche Summe in den Umbau, der von Ben Kelly, dem Innenarchitekten der Haçienda konzipiert wird. So entsteht eine Kombination aus Wohn- und Arbeitsraum für Mike Meiré und Peter Saville, die allen Ansprüchen an das Legendäre beider Persönlichkeiten standhalten konnte. Zwar bringt die Londoner Filiale kaum nennenswerte Erträge ein – die Gewinne reichten, nach Savilles Erinnerung, noch nicht einmal, um die Wochenmiete von 550 Pfund aufzuwiegen – doch als Ort der Begegnung dieser von beiden als fruchtbar erlebten Freundschaft rentiert sich die Investition allemal. „Das einzige Problem, das Mike und ich regelmäßig bekamen, war, ins Bett zu finden. Wir redeten immer bis drei, vier, fünf Uhr in der Frühe“, sagt Saville. The Apartment war auch nie als Filiale von Meiré und Meiré in London gedacht gewesen. Wie Saville sich erinnert, schwebte beiden viel eher ein Thinktank vor.

Und hier, bei der Idee des Thinktanks, scheint Mike Meiré inzwischen solo wieder angekommen zu sein. Die Halle namens Factory reflektiert am ehesten dieses Konzept. Er selbst erklärt, dass er nun, auch als Vater dreier Kinder, die nötige Basis unter sich spüren könne. Er braucht keine repräsentativen Räumlichkeiten mehr. Mike Meiré bringt sich nun allein und selbst zur Geltung. Saville meint: „Nach all den Jahren in den Neunzigern, die Mike damit verbracht hat, den Kunden die besten Ideen aus Kunst, Design und Pop zu verkaufen, ist er im 21. Jahrhundert zu sich selbst gekommen. Mit brand eins, und zuvor Econy hat Mike etwas geschafft, das wirklich einzigartig und monumental über allem übrigen besteht. Brand eins ist heute eines der besten Magazine der Welt. Man muss sich doch die anderen Wirtschaftsmagazine nur anschauen: Lieblos, langweilig, an ein Fachpublikum gerichtet. Mike hat es geschafft, dass man ein Interview mit einem Ingenieur aus Stuttgart aufblättert und glaubt, man habe es hier mit einem Künstler zu tun.“

Was ihm von seinen Kritikern angekreidet wird, nämlich dass er aus einem Sanitärhersteller einen Galeristen macht – also völlig überzogen an Sinn und Zweck des Marketings vorbeikonzipiert – im Falle brand eins, Mini-Magazin, Kid’s Wear und aktuell Elle Décoration führt dieser ganzheitlich kulturfreundliche Ansatz allerdings zu einer erstaunlichen Verbesserung des inhaltlichen Kapitales der Publikationen.

„Ich hatte immer diesen Plan“, erklärt Mike. „L.I.F.E.: Leben. Intelligenz. Freiheit. Evolution – was vielleicht ein bisschen kitschig klingt, aber am Ende ist es das intelligent genug zu sein, um aufpassen zu können, dass Du nicht mittelmäßig wirst.

Freiheit, auch um erkennen zu können, dass du gewisse Projekte beenden musst. Freiheit meint, nicht länger Urlaub machen, sondern dass du so unabhängig bist, dass du hinkommen kannst und sagen: Ich brauche dich nicht länger, Kunde! Weil ich mich nicht länger damit identifizieren kann. Evolution.“

Und es ist nicht nur die eigene Persönlichkeit, die er nach diesem selbstgeschriebenen Programm entwickeln konnte. Wie er es heute sieht, hat er auch das Bild seines Berufes verändert. Während seine Kollegen sich weiter zunehmend den Me-too-Produkten widmen müssen, stets an den Produkten der Konkurrenz orientierte Marketingstrategien verfolgen, bei denen Gestaltung oft genug wenig neues, dafür erprobte Erfolgskonzepte kopieren sollen, sieht sich Mike Meiré inzwischen mehr als Kurator denn als Art Director. Und im Gegensatz zu seinen Kollegen kann sich Mike Meiré auch eine eigene Handschrift leisten – im Grunde ja eine Vorraussetzung, inzwischen aber eher eine Seltenheit, da dem Charakter des Produktes stets Vorrang eingeräumt wird. Meiré verwendet jedoch die immer selben drei klassischen Schriften – Times, Courier, Helvetica, seltener Sabon, Akzident Grotesk oder Baskerville. Sein Umgang mit Fotographie und Typographie ist unverwechselbar. Sein größter Erfolg besteht nun darin, dass er sich ein eigenes Universum schaffen konnte, in dem ihm das Beibehalten seiner Stilistik auch tatsächlich möglich geworden ist.

„Die Unternehmen spüren, sie brauchen kreative Konzepte – das klingt so blöd! Früher war das immer nur so vorgehalten, ein bißchen me too, nun spüren sie es aber. Ich mag den Begriff eigentlich gar nicht, aber es muss eine Spur radikaler werden. Auf der einen Seite merken die Firmen, dass sie eine Bekanntheit haben, die lässt sich natürlich auch noch stärker ausbauen, aber letztendlich geht es jetzt um ihre Relevanz. Im nächsten Jahr werde ich seit 25 Jahren in dieser Branche sein. Deshalb habe ich mich entschieden, darauf aufzupassen, dass ich nicht zu glatt werde. Das Unternehmen ist eh gebrochen in der Phase der AG, aber das war eigentlich ganz gut – im Nachhinein. Denn dadurch bleibt man auch verletzlicher. So lange man verletzlich ist, hat man einen anderen Zugang zu gewissen Marktmechanismen. Letztendlich verkaufst du denen ja auch nur die Seele.“

Wo seine Kritiker sagen, Meiré verkaufe sich mit Haut und Haar, geht es ihm um die Seele. Und trifft dabei den Punkt, den warum soll es eigentlich schlimmer sein, ausgerechnet Haut oder Haare, die sterbliche Hülle zu Markte zu tragen? Die Hülle ist wenig wert, Mike erfindet sich bekanntlich in jedem Jahr neu.

„Ich wollte selber vielleicht auch viel stärker einmal Künstler werden. Aber ich habe gemerkt, dass ich alles, was mich interessiert, so viel besser umsetzen kann. Mit der Marke, ohne egoistisch zu sein. Du bist nicht das, was da ist. Du bist das, was zwischen allem ist. Ich bin nicht der Art Director, ich bin nicht der Designer, ich bin nicht der Architekt – ich brauche das Wissen, wenn ich solche Projekte mache. Aber inzwischen bin ich der Mittler zwischen den Disziplinen. Das war lange ein Riesenproblem für mich. Weil ich nie wusste: Was bin ich denn?“

Er nimmt seine Brille ab, einen Augenblick lang wird es beinahe still. Folkmusic sirmelt von der Empore herab. „Vielleicht bin ich ja das, was alle in mir sehen.“