Revolution des Geistes

Essay
Originaltext
Fassung des Autors
Hölderlin – Hegel – Beethoven

1770 – 2020

Die „Momente poetischer Erkenntnis, gewonnen aus Hölderlins Spätwerk“, wie Georg-Albrecht Eckles Studie im Untertitel heißt, entstehen im Hölderlin-Jahr 2020 und erscheinen in monatlichen Folgen im Hölderlin-Jahr 2020 auf Waahr.de.

Zur Publikation auf waahr.de

Der Begriff „Literarischer Journalismus“ als Form kommt – jenseits seiner möglichen Depravation – dem Prozess der poetischen Erkenntnis, um die es hier in Sachen Hölderlin, Hegel, Beethoven gehen soll, entgegen. Sie verpflichtet nicht zum Diskurs. Und sie ermöglicht freie Folge je nach Erkenntnisstand. Der Denkprozess und seine Fixation als Moment ist ein Zeichensetzen. Diese Arbeit kann man von Hölderlin lernen. Sie dekonstruiert den Diskurs mit dem poetischen Sprachzeichen, im Falle Beethovens durch Klangzeichen, die das Diskursive hinterfragen; bei Hegel durch das Verbergen des poetischen Zeichens im diskursiven Kontext, den die philosophische Tradition als Lehre fordert, ehe sie andere Erkenntnisformen anzieht als die klassischen. Zudem gibt diese Plattform die Möglichkeit, den Erkenntnisprozess fallweise kritisch zu kommunizieren, durchaus persönlich – was das Interview eingangs zeigt, das als Gesprächsform erhalten bleiben soll. Hölderlin:

Gut ist es, an andern sich
Zu halten. Denn keiner trägt das Leben allein.

(„Die Titanen“ StA.2,1.S.218)

Schönes Beispiel: auf waahr.de lese ich Thomas Lindemanns Text aus dem Jahr 2008: „Was von Niklas Luhmann bleibt“. Eine konzise, die Person Luhmanns einbeziehende Darstellung seines Ansatzes – darin folgender Passus: „Über dessen (Luhmanns) Privatleben ist fast nichts bekannt. Niemals soll er ein Feierabendbier mit Kollegen genommen haben. Seine berühmte Ausrede: „Ich lese Hölderlin.“ … Einem Interviewer sagte er lapidar: „Meine Frau ist gestorben, mein bester Freund ist gestorben.“ Zweimal nur scheint er sich auf das Prinzip Freundschaft eingelassen zu haben.

Das traf in die Mitte dessen, was mich bewegt im Blick auf Hölderlin und die Trias.

Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.

(„Friedensfeier“ ed. Binder und Kelletat, Tübingen 1959)

Wort vorab

„Geheim Gefäss! Orakelsprüche spendend,
Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten?“

(Goethe, „Bei der Betrachtung von Schillers Schädel”)

Antwort: Die Legitimation besteht im Getroffensein. Von Hölderlin getroffen zu sein, ist für uns wie für ihn „von Apoll geschlagen“. Hier wird versucht, Spuren davon zu zeigen: wie der Getroffene Hölderlins Zeichen liest. Was er wie liest. Und was für ihn anders ist als bei jedem anderen Text, der Dichtung heißt. Warum man, wie in unserem Falle, beinahe ein dreiviertel Jahrhundert mit diesen Versen wie mit Schlägen lebt, sich verwundet fühlt und im selben Zuge geheilt, damit privilegiert. Das Getroffensein geht aufs Frühkindliche zurück, weil Sprachzeichen in dir nachwirken, die dich treffen, weil du nicht aufhörst, sie zu deuten durch alle Lebenslagen hindurch. Mit Hölderlin gehörst du als sein Hörer, Leser zu den Gezeichneten. Er nennt das „himmlische Gefangenschaft“ des Geschlagenen. Von einer solchen ist hier die Rede. Von einem Wie des Umgangs mit Hölderlins Dichtung, das ein Leben zumindest mitbestimmt hat. Und wie dabei gegen die Fracht der Rezeption anzulesen, anzuleben war, gegen dieses enorme Wissen, das Wissenschaft aller Art aufgehäuft hat, wenn sie diese Dichtung zu ihrem Stoff machte, Erleuchtung erreichte in ihren großen Momenten oder in Instrumentalisierung umschlug und sich bis zum Missbrauch an ihr verging.

Hier ist der Stand der Dinge 2020 in Sachen Hölderlin aus der Perspektive eines Getroffenen verzeichnet: zweihundertfünfzig Jahre nach seiner Geburt. War es zu Beginn nur ER, der die Wunde schlug, die immer auch die „selbgeschlagene“ ist, weil du kein Remedium gegen dieselbe suchst, sondern in ihr auch das Heil, wurde durch die Zeit schrittweise klar, dass Hölderlins Kraft zu treffen eine Revolution des Geistes gegen alle und in aller Geschichte bedeutete und nicht nur in seiner Poesie, dem Material Sprache, eine neue Zeit beginnen ließ, sondern eine Weltveränderung bedeutete, die sich außen geschichtlich aussprach etwa in der französischen Revolution, jedoch das Politische als nur eine Gestalt unter anderen erkannte. Im Scheitern dessen, was man unter normalen ästhetischen Kategorien im Blick auf Kunstwerke in ihrer Vollendung kanonisiert hatte, brach Hölderlins Dichtung als Werk zusammen und ließ damit ein neues Denken, ein poetisches, geboren werden, das sich wunderbarer Weise in zwei seiner Altersgenossen frappierend ähnlich vollzog: in seinem Freund Hegel, zunächst gar im Dialog mit ihm – wobei derselbe das Scheitern eines Werkes formal nicht zulässt und den philosophischen Diskurs als Gefäß rettet. Und dann: wie sich das Scheitern in Musik ausspricht, wofür Beethoven steht und mit den beiden Schwaben eine Trias bildet, die der Bonner nur bedingt wahrnehmen konnte, in Musik jedoch mit radikalster Konsequenz vollzog, sodass diese Musik für uns noch heute „Neue Musik“ ist, die uns immer neu überholt.

Der Umgang mit Hölderlin hat durch dessen Fähigkeit zu treffen das Gebot gesetzt, ihn nicht mehr nur isoliert zu sehen, sondern auch im Kontext der Trias. Die Gewalt der Rezeption freilich hat sich damit verdreifacht, auch die Schwierigkeit, mit ihr zu leben und wiederum gegen sie anzuleben. Der dieser Trias Nächste, der vor fünfzig Jahren aus dem Leben gegangene Paul Celan, hat mit letzter Klarheit im nachgelassenen Gedicht aus dem Umkreis des Zyklus „Eingedunkelt“ Anweisung gegeben, dieser Fracht zu begegnen:

komm auf gegen
der Bedeutungen Vielfalt,

(Die Gedichte. Frankfurt 2003, S.493)

Nur ahnend war zu Hölderlins Lebzeiten erfassbar, welche Revolution sich in ihm vollzog aus den wenigen gedruckten Texten, nur schleppend ans Licht gebrachten. Einigen wenigen Helden der frühen Erkenntnis, die das Novum zumindest erahnten, haben wir hier zunächst ein Denkmal zu setzen – Dichtern zumeist, wem sonst. Sie sind durch die Arbeit der Poiesis selbst der Einsicht in den poetischen Prozess am nächsten. Sie erkennen, dass die Art der Botschaft, die der Dichter empfängt, die Gestalt seiner sprachlichen Figuration bestimmt.

Hier also Text für Text der Versuch, den Weg Hölderlins aus der materialen Dichtung in ihrer Selbstdarstellung, Stofflichkeit, narrativen Verpflichtung, Lust an Fiktion heraus zu erkennen, und zwar in seinem sogenannten Spätwerk, dem an der Kunst als Werk gescheiterten Sprachkosmos. Dieser Kosmos ist, durchaus im Ursinn des griechischen Begriffes, eine höhere Ordnung, auch wenn sie uns vordergründig als Chaos erscheint und immer wieder wie das Dokument von zerstörtem „edlem“ Geist gelesen wird, demgemäß als Trümmerfeld von Fragmenten. Klar ist: da stehen nicht mehr per se diskursive Botschaften, sondern Prozessmomente in Gestalt von Sprachzeichen. Und sie dürfen auch nicht mit diskursivem Anspruch oder Sehnsucht nach Zusammenhang rezipiert werden. Dem haben wir auch in der Reflexion zu begegnen, methodisch: indem wir kein Zwischenreich von nicht oder noch nicht seienden Konnexen zwischen den Figuren erfinden und konsequent die Wissenschaft der Konjektur nicht zu bemühen suchen. Und so könnten Kurztexte, thematisiert, gar durchnummeriert, zu Fokus-Punkten des Hölderlinschen Geschehens als einem Prozess glücken – manchmal, aus Not, schlagen sie vielleicht um in Exkurse: weil eben das Sagbare noch mehr Worte braucht …

Mit „Chiron“, Hölderlins gleichnamiger Ode, ist das Zeichen gesetzt:

Die Wahrsagung
Zerreisst nicht
(„Chiron“ StA.2,1, S.56)

Am 1. Februar folgt hier das Kapitel: Eingriff