Scheitern der Theorie – Theorie des Scheiterns

Interview
Waahr-Originaltext
Georg-Albrecht Eckle und Jan Schmidt-Garre haben sich an der Bayerischen Staatsoper kennengelernt, bei Rudolf Noeltes Inszenierung von Tschaikowskys Eugen Onegin. Eckle war damals schon seit Jahren Noeltes engster Mitarbeiter; Schmidt-Garre, der während der Proben im Sommer 1977 fünfzehn wurde, hatte von der Schule freibekommen und durfte bei der Produktion hospitieren. Ihre jahrzehntelange Freundschaft, die in München begann, war von Eckles Kampf um sein ursprünglich als Dissertation konzipiertes Hölderlin-Buch begleitet. Jetzt endlich, im Hölderlin-Jahr 2020, wird er sein Buch vollenden: in monatlichen Kapiteln auf Waahr.de.

Teil eins findet sich unter diesem Link.

Jan Schmidt-Garre: Du schreibst in deinem Vorwort, dass du seit einem dreiviertel Jahrhundert mit Hölderlin lebst. Nun bist du ja erst 74. Müssen wir uns hier ein pränatales Getroffen-Sein vorstellen?

Georg-Albrecht Eckle: Pränatal – das kann ich natürlich nicht beweisen. Aber getroffen hat mich ein ganz bestimmter erhabener Ton – man nennt das im Lateinischen das genus sublime –, was wir in der griechischen Dichtung besonders bei Pindar finden. Zu diesem hohen Ton kommt eine absolute Verknappung der Sprache, Gnomen sozusagen. Das hat mich schon als Kind getroffen, nachdem meine Mutter mir Oden vorgelesen hatte, und dieser Ton ist mir im Ohr geblieben. Hinzukommen die Gesangbuch-Verse, die ich in den Dresdner Kirchen gehört habe, und, aus meiner Zeit im Kreuzchor, die Bach-Choräle und die Musik von Heinrich Schütz. Das sind ja meist Texte aus der Lutherbibel, und das ist ein ähnlicher Ton. Das hat auch alles seine Richtigkeit, wenn man die Hölderlinsche Biografie anschaut: der Pietismus und das Gesangbuch spielen da eine ganz große Rolle. Das war so die Zeit zwischen sechs und zehn.

Als du zehn warst, ist deine Familie in Hölderlins Heimat gezogen, nach Stuttgart. Fühltest du dich ihm dort noch näher?

Auf jeden Fall. Das ist wieder ein gewisser Tonfall, der da eine Rolle spielt. Hölderlin ist auch immer ein musikalisches Phänomen für mich gewesen. Dass ich das, worüber ich bei ihm nachdenke oder schreibe, auch hören will. Viele Suevismen sind Schlüssel zur Hölderlinschen Dichtung, da ist kein Zweifel, und die sind auch wieder im Pietismus verankert.

Spielte Hölderlin damals in der Schule eine Rolle?

Nicht so sehr im Unterricht, aber einer meiner Lehrer, Götz Eberhard Hübner, einer der progressivsten Hölderlinforscher, hat meine Kompatibilität mit ihm entdeckt und mich motiviert, mit einem kleinen Kreis Lesungen zu machen. Ich kannte viele Texte, und deshalb kam es zu wirklichem Austausch, und man hat die Werke gehört. Dabei kam es zu einer Lebensfreundschaft mit einem Mitschüler, Ansgar Schmid, der später Schauspieler wurde und schon früh Hölderlin sprechen konnte wie keiner. Bis heute höre ich Hölderlin mit Ansgars Stimme. Geradezu bestimmt hat mich dann eine Schulaufführung: Oedipus griechisch und deutsch in Hölderlins Übersetzung – ich war ein Halbchorführer.

„Man sagt, ich sei gezeugt, wovon ich nicht
Gesollt, und wohne bei, wo ich nicht sollt’,
und da, wo ich es nicht gedurft, hab’ ich getödtet.“

Jetzt wusste ich, was tragisch ist! Mit siebzehn hatte ich dann das Glück, den Oedipus in Noeltes Inszenierung am Residenztheater in München zu sehen. Und was mich daran beeindruckt hat, war wieder ein Ton: nämlich dass Hölderlins hoher Ton plötzlich menschlich klang, fast normal. Und trotzdem die Kraft des Verses da war. Eine Meisterleistung.

Und auch im Studium ging es dann um Hölderlin?

Ein Lehrer hatte mich auf Peter Szondis Theorie des modernen Dramas hingewiesen. Das hat mich so ungeheuer beeindruckt, dass ich nach dem Abitur nach Berlin an die FU ging, um bei Szondi zu studieren. Und die erste Vorlesung war: Hölderlins Spätwerk!

Das heißt, dein Studium war eigentlich auch die ganze Zeit eine Auseinandersetzung mit Hölderlin?

Es war immer sozusagen der Herzschlag. In einer Vorlesung von Peter Szondi lernte ich Holle Ganzer kennen, eine Kommilitonin, die sich damals ebenfalls mit Hölderlin befasste, ohne dass ich davon wusste, und sie wurde meine erste große Freundin. Sie hat ihre Doktorarbeit über die Ode Chiron geschrieben. Sie ist jung gestorben – bis heute ist sie meine Gesprächspartnerin im Blick auf Hölderlin geblieben. Nach Studien der Theologie – erst der evangelischen, dann der katholischen – und Philosophie fand ich dann in der Germanistik den Hölderlin-Forscher, der ganz nah an der Sache war, an den Handschriften: Momme Mommsen. Das ist mein Hauptlehrer geworden, bei dem ich über Hölderlins Hymne Die Titanen Magister gemacht habe – ein Schlüsselstück, nach meiner Meinung bis heute nicht wirklich interpretiert. Man braucht es auch gar nicht zu interpretieren. Man muss es nur richtig lesen.

Das heißt, du hast damals – das ist ja traurig für unsere 75-jährige Entstehungsgeschichte des Manuskripts – doch schon einen Text über Hölderlin abgeschlossen?

Nein.

Sehr gut.

Abgeschlossen kann man nicht sagen. Ich habe notdürftig eine Magisterarbeit zusammengezimmert, die so schwierig geworden war, dass ich aus der großen Titanen-Hymne nur eine Triade behandeln konnte.

War das im letzten Hölderlin-Jahr, 1970, dem 200. Geburtstag?

Ja. Es gab zum Hölderlin-Jahr eine große Tagung in Stuttgart. Martin Walser hielt einen für unser damaliges Gefühl unheimlich frechen Vortrag, der eigentlich heißen sollte Kühnheit und Befangenheit vor Hölderlin. Als er aufs Podium trat, hat er ihn spontan umbenannt in: Hölderlin zu entsprechen. Er hatte anscheinend ein ähnliches Erweckungserlebnis wie ich. Es gibt einen kleinen Essay Hölderlin auf dem Dachboden, in dem er beschreibt, wie er als Schüler, etwa in meinem Alter, auf dem Dachboden einen Hölderlin-Text entdeckte – die Elegie Heimkunft – und plötzlich für ihn die Welt verändert war. Ich glaube nicht, dass irgendjemand jemals etwas Ähnliches mit derartiger Konkretion über Hölderlin gesagt hat. Mit dieser Existenzialität, und dabei komplett einfach und verständlich und nachvollziehbar für jemanden, der getroffen war wie ich. Dieses Erlebnis, getroffen zu sein, das ist bei Walser ganz analog, und das gehört bei Hölderlin einfach dazu.

Wann entstand der Ur-Impuls für den Text, den du jetzt endlich schreiben wirst?

Für diesen Text gibt es keinen Ur-Impuls. Wenn du mich fragst, was heute der Impuls ist, dann ist es der Impuls, sich von dem zu verabschieden, was ich fünfzig Jahre lang gemacht habe.

Dann reden wir erstmal darüber.

Das war reine Philologie. Das war der Versuch, eine wirklich philologische Arbeit mit den philosophischen Kontexten zu leisten. Das war meine Zeit in der Hölderlin-Gesellschaft. Dann kam der große Input von Dietrich Sattler, der unbedingt eine neue Hölderlin-Gesamtausgabe machen wollte. Wir haben viel zusammengearbeitet, beflügelt von dem unglaublichen Enthusiasmus, den Sattler, der nicht aus der Philologie kam, in die Sache eingebracht hat. Aber er hat sich dann doch selbst verwirklichen wollen, anstatt das zu tun, was für Hölderlin das Notwendige gewesen wäre. Das musste keine Gesamtausgabe sein, das war nicht mein Motiv. Deshalb habe ich mich mit meiner Arbeit zurückgezogen und gedacht, die Zeit wird kommen, wo ich meinen Ansatz dartun kann. Dann kam die Phase der politischen Instrumentalisierung, die mir nicht sinnvoll erschien. Alles um Bertaux: Hölderlin als Jakobiner usw. – Dinge, die uns eher Zeit gekostet haben. Ruhen lassen fand ich damals das Beste.

Du hast die Arbeit abgebrochen?

Ich habe für mich weitergeschrieben und immer mehr Texte aus dem Hamburger Folio-Heft bearbeitet. Dann kam ein wunderbares Erlebnis: Ich war mit meiner Arbeit auf einer Reise, und in Italien auf einem Parkplatz wurde mir der Koffer geklaut. Damals war man technisch noch nicht so gesichert; man hatte halt, was man hatte, bei sich, und eine Kopie war noch eine Aktion. Das waren vielleicht hundert Seiten, und die waren einfach weg. Tja. Die Rekonstruktion dieser hundert Seiten war das Beste, was mir passiert ist. Sie hat nämlich Spreu vom Weizen getrennt.

Das empfindest du jetzt so, aber damals war es doch eine absolute Katastrophe. Etwas Schlimmeres kann nicht passieren.

Einerseits ja. Andererseits ist es heute ein Glück für mich.

Wenn du zurückdenkst an die Zeit vor dem Diebstahl: Was wäre das für ein Buch geworden?

Ein philologisch ganz handfestes mit früher Erkenntnis der kritischen Dimensionen, nämlich der Grenzen der Philologie im Blick auf Hölderlin.

Wie umfangreich?

Vielleicht zweihundert Seiten. Mit Apparat. Keine Riesensache.

Und das wäre deine Dissertation gewesen?

Wäre, ja. Aber ich habe eine ganz andere Entscheidung getroffen. Ich bin nach Zürich gegangen und habe auf Anraten von Mommsen bei Emil Staiger und Wolfgang Binder weiterstudiert. Binder, damals der Hölderlin-Forscher schlechthin, war der seriöseste, Staiger der inspirierendste und Mommsen der mit dem tiefsten Blick.

Das gestohlene Manuskript, waren das Schreibmaschinen-Seiten?

Ja, und vor allem Fotos der Handschriften und deren Umschriften. Die nochmal herzustellen, war für mich zu schwer. Aber ich habe gelernt, dass es auch nicht unbedingt notwendig war. Aber dazu brauchte ich zehn Jahre.

In denen du versucht hast, das Alte zu rekonstruieren?

Nein, ich habe in den Jahren versucht, das Alte als alt zu qualifizieren und zu erkennen, warum das passiert ist. Das hat mich einigermaßen hellsichtig gemacht im Blick auf mich selber. Ich war noch gar nicht weit genug weg von den Kategorien, in die die Wissenschaft Hölderlin gepresst hatte. Einem Gespräch mit Sattler verdanke ich eines der wichtigsten Notate Hölderlins: „verlorene Liebe, Wissenschaft“. Bis heute ist die verlorene Liebe der Leitgedanke. Das heißt nicht, dass es sich um eine primitive Abqualifizierung der Wissenschaft handelt. Verlorene Liebe bleibt immerhin: Liebe. Der Schritt, den ich danach gemacht habe, ist der, zu erkennen, dass die Strukturen des Hölderlinschen Denkens genauso konsequent bei Hegel vorkommen, nur nicht mit dem Mut zur Poesie. Wobei die Poesie eigentlich in einen philosophischen Diskurs integriert wird. Weil poetische Einsicht dann doch die einzige treffende – da kommt wieder dieses Wort – Erkenntnismöglichkeit zu sein scheint.

Und wann kam Beethoven mit ins Spiel?

Diesen Schritt verdanke ich der Begegnung mit Peter Gülke. Er ist es gewesen, der mich durch seine Arbeiten und vor allem durch die Gespräche gezwungen hat, konsequent zu sein und in mein Denken Beethoven radikal einzubeziehen, also zwischen Sprache und Musik keinen kategorialen Unterschied mehr zu machen.

Das klingt alles ganz linear, nach einem immer tieferen Nachdenken und Forschen, aber du hast ja nicht nur das gemacht; du hattest ein Berufsleben, hast am Theater gearbeitet –

– ein bisschen Intendant gemacht, sieben Jahre lang…

Wie muss man sich das vorstellen? Morgens oder abends tauchte Hölderlin wieder auf und hat um deine Zeit gebuhlt?

Ich habe versucht, mich – gegen meinen Alltag – in Notaten immer wieder auf dem Laufenden zu halten. Ich habe natürlich regelmäßig Forschungsliteratur gelesen. Aber Zeit, wieder wirklich intensiv Text zu schreiben, gab es wenige.

Das waren handschriftliche Notizen in Notizbüchern?

Teilweise, aber auch Texte am Computer –

Nicht so schnell, erst kam 1977 die Kugelkopfschreibmaschine von IBM, die hat mich sehr beeindruckt!

Oh ja, die habe ich fast vergessen. Da gab es ein Korrekturband, und das war natürlich ein großartiges Mittel, vorwärts zu kommen.

Wie hast du dich vor einem neuerlichen Verlust dieser Unikate geschützt?

Gar nicht. Ich habe gedacht: Schicksal. So weit war ich dann. Ich hatte ja auch nicht mehr so viel zu verlieren. Sattlers Ausgabe und die Konkurrenz-Versuche hatten das Handschriften-Problem im Wesentlichen einsichtig gemacht. Ganz egal, ob man mit der Text-Herstellung konform geht oder nicht, aber man kann die Handschriften im Foto sehen. Und das ist zumindest eine Basis.

Diesen Forschungsaspekt musstest du nicht mehr leisten.

Trotzdem: die wenigen Texte, die ich noch benutzen werde, werde ich alle selber noch einmal umschreiben. Das ist aber nicht viel. Man wird aus der Struktur der Arbeit sehen, dass es auch nur bedingt notwendig ist, weil es nicht mehr um große Text-Zusammenhänge geht. Es geht im Wesentlichen um das Spätwerk, aber auch um dessen Herleitung.

Dann gab es ja immer wieder Anläufe, die Arbeit zur Hauptsache zu machen.

Es gab im Grunde jeden Tag einen Anlauf, und du kannst in etwa ausrechnen, wie viele das waren. Das sind tägliche kleine Verzweiflungsstöße gewesen darüber, dass es mir nicht möglich war, das einfach konsequent fortzusetzen. Als Hauptberuf.

Du hast dann ja auch Kinder gehabt.

Ja, Vieles kam dazu. In jedem Lebensabschnitt habe ich einen neuen Ansatz gemacht. Ich habe neulich nochmal die Dinge gelesen, die ich da geschrieben habe. Das Interessanteste war, sich auch von denen zu distanzieren.

Lass uns die doch noch einmal rekapitulieren. Wir sind jetzt in den 80er Jahren, und da gab es doch wieder einen massiven Neuansatz.

Damals habe ich mich intensiv mit Brechts Lyrik beschäftigt, die mir einige Lichter aufgesetzt hat. Dann kam eine Phase der Auseinandersetzung mit Kafka. Noch etwas später eine schon in meinem ersten Studienjahr angefangene Auseinandersetzung mit der Sprache Nietzsches.

Du hast wichtige intellektuelle Begegnungen wie mit Nietzsche, Kafka oder Brecht immer im Lichte Hölderlins gesehen?

Er war sozusagen ein Alter Ego. Da musste ich nichts dazutun. Wie eine Wunde, die sich nicht schließt und die man auch nicht schließen will. Hölderlin nennt das „selbgeschlagene Wunde“.

Mitte der 80er Jahre habe ich dir gezeigt, dass es Computer und Textverarbeitung gibt. Was hatte das für einen Einfluss auf deine Arbeit?

Auf meine Forschung hatte es keinen Einfluss, aber auf den Mut zum Schreiben einen gewaltigen. Und zwar die Tatsache, dass das Schreiben schneller ging. Zweitens dass die Korrektur kein Problem mehr war. Drittens dass die Überformung – Wolfgang Schadewaldt bei dem ich noch während meiner Schulzeit eine ganze Menge Vorlesungen in Tübingen gehört habe, sagte immer: „Schreiben ist Umschreiben.“ Die Überformung, die Fähigkeit, einen Text prozessual zu halten, hat der Computer ungeheuer befördert.

Hast du es geschafft, die Texte aus dieser Zeit zu bewahren?

Soweit sie ausgedruckt vorlagen. Die habe ich gesammelt und deren Konzentrate dann wiederum in den Computer geschickt.

Da spielt nun deine damalige Partnerin eine wichtige Rolle.

Inwieweit sie eine wichtige Phase des Projekts ist, weiß ich nicht rückwirkend.

Ich kann dir erzählen, wie ich das damals erlebt habe, in den 90er Jahren. Du warst wiedermal sehr verzweifelt, nicht die Zeit oder die Konzentration zu finden, um die Arbeit zu schreiben. Und da sagte sie: „Der wird damit nie fertig, ich nehme das jetzt in die Hand. Als erstes schreibe ich die alten Notizen ab.“

Als meine Theaterkarriere in der Schweiz zusammenbrach, hat sie mich aufgefangen und mir klargemacht, dass damit nicht alles vorbei war. Und sie hat gedacht, man könne aus einer solchen Arbeit eine Lebensform machen. Das geht natürlich nicht.

Eine Lebensform auch für eure Partnerschaft?

Ja.

Da denke ich an Brecht und Ruth Berlau.

Sie war nicht Ruth Berlau, sie hat das unter einem sehr praktizistischen Gesichtspunkt gesehen. Was völlig richtig war und sicher auch ein Überlebensmoment. Aber es hat mich nicht in die Konsequenz des Neuansatzes gebracht. Ich habe es versucht, und es gibt auch Textteile davon. Auch in der Nähe des Hölderlin-Archivs zu leben, direkt über die Straße, das war schon etwas.

Was hat sie denn gemacht?

Sie hat mir sozusagen einen Alltag aufgebaut. Konsequent nach ihrem eigenen Modell, nämlich dass sie eine Routine braucht. Sie wollte mir eine Routine beibringen, und das war als Idee sehr schön. Aber schließlich und endlich nicht praktikabel. Vor allem nicht so, dass man das, was ihre Idee war, auch wirtschaftlich umsetzen und zu einer Existenz machen konnte.

Das kann ich mir allerdings auch schlecht ausmalen, wie das hätte aussehen können.

Sie hat das mit großer Vehemenz und Vitalität betrieben aber schließlich wohl auch gesehen, dass es mit mir keine Chance hatte. Es ist immer wieder mein Problem gewesen, um das ganz aufrichtig zu sagen, dass ich meine Inhalte schwer den Menschen vermitteln konnte, die neben mir oder mit mir lebten, und das ist auch nicht übel zu nehmen. Im Grunde habe ich meine Arbeit immer verteidigen müssen, in allen Lebenskonstellationen – irgendwie hat man’s geachtet, aber ich fühlte mich doch immer ein bisschen so, als sei ich der Faulenzer, der nicht ins Büro geht und dessen Inhalte nicht konkret genug sind. Das hat eine für mich heute interessante Rückseite. Mein biographischer Kontext hängt in seiner Schwierigkeit auch damit zusammen, dass meine ganze Arbeit ein Denken befördert, das den Diskurs bezweifelt. Das parataktische Moment – Gruß an Adorno –, ob bei Hegel, bei Beethoven oder bei Hölderlin ist eben doch Schlüssel meines Denkens. Und für das parataktische muss man treffbar sein. Ich kann nicht von Frauen, die das Leben bewältigen müssen, verlangen, dass sie parataktisch denken. Deshalb bin ich immer ein bisschen derjenige geblieben – was ich überhaupt nicht verüble und in keiner Weise kritisiere, nur einfach verstehe –, der kein konsequentes Zielbewusstsein hat.

Nun bist du aber auch sehr störanfällig.

Absolut.

Du bist nicht Max Reger, der sich in eine Kneipe setzt und bei lauter Jahrmarktsmusik dreistimmige Fugen komponiert.

Nicht nur dreistimmige, das sind lässliche Sünden bei ihm. Es müssen schon achstimmige Doppelfugen sein!

Sondern du sagst, auch wenn die Lebensumstände schon günstig sind, dass du jetzt noch ein spezielles Zimmer brauchst und einen bestimmten Tisch für Arbeitsmaterialien, die über Nacht dort liegenbleiben können. Das sind natürlich auch Methoden, sich vor der Arbeit zu drücken.

Aber das hat sich sehr eingegrenzt. Zurzeit ist es so, dass ich mehrstimmig arbeite. Was ich bis jetzt gemacht habe, ist ja auch unter ungewöhnlichen Bedingungen entstanden. Trotzdem hast du recht: ich bin ausgesprochen störanfällig. Jede Möglichkeit der Störung ist auch –

– willkommen.

Nein, nicht willkommen, ich bin verzweifelt darüber, verbinde aber mit der Verzweiflung ein neues Erkenntnismoment. Genau wie ich sage, „gut, dass meine Arbeit geklaut wurde“, sage ich, „wie gut, dass ich gestört worden bin.“ Um das so zu sehen, braucht man Zeit – im jeweiligen Moment hat man ein gewisses Verzweiflungsritual. Insofern hast du natürlich den Nerv getroffen.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielleicht zwanzig Jahren zu dir gesagt habe: „Mein Gott, schreib jeden Tag eine Stunde, und dann kriegst es auch in einem Jahr fertig“.

Ja, das hast du gesagt.

(Lange Pause)

Und das habe ich auch tief im Herzen hin und her bewegt. Es gab auch manche Tage, an denen das so war. Alles, was ich bis jetzt geschrieben habe, ist ja an solchen Tagen entstanden. Nur waren sie nie eine Kontinuität.

Bevor wir jetzt ganz in die Gegenwart kommen, nochmal zurück. Es gab noch weitere Anläufe, glaube ich.

Die Tatsache, dass ich sehr viele Texte über Musik geschrieben habe, hat mir beigebracht, kurz zu schreiben und trotzdem eine gewisse Wissenschaftlichkeit als Basis zu benutzen, die nicht als solche verkauft wurde. Alles, was ich vorher geschrieben hatte, war relativ lang und von philologischer Ausführlichkeit. Was mir immer im Wege war. Mit dem, was ich philologisch hätte vorlegen können, wäre ich heute verzweifelt. Es ist bis zu einem gewissen Grade eine Theorie des Scheiterns, die dahintersteht. Und vielleicht ist das Scheitern auch ein Weg, an das Treffende von Hölderlin heranzukommen.

Wann hast du festgestellt, dass du auf die Standards einer wissenschaftlichen Arbeit, die auch eine Dissertation erfüllen muss, verzichten willst oder musst?

Gut, dass du sagst musst. Ich fand die Philologie eigentlich ganz gemütlich. Und das hat mich mit der Zeit furchtbar irritiert. Ich hatte Angst vor dem Punkt, an dem ich damit fertig bin. Was mache ich denn dann?

Dann hättest du alles Unwesentliche zu Papier gebracht?

Nein, das wäre gemein gegen die Philologie, überhaupt nicht. Ich hätte den Hölderlin dann abgeschlossen, und davor hatte ich Todesangst.

Ich habe auch zwei Ängste. Die eine Angst ist, dass, wenn du das Buch jetzt im Hölderlin-Jahr abschließt, du danach stirbst –

– ja, gute Idee.

Und die andere ist, dass du es noch weiter aufschiebst, bis das Konzentrat so klein geworden ist, dass auch der kundigste Leser es nicht mehr verstehen wird, weil es vielleicht nur noch aus einem Wort besteht.

Ein Wort ist ein bisschen wenig, aber ich weiß, was du meinst. So wie ein Celan-Gedicht.

Also gut, fünfzehn Worte. Aber noch weißt du nicht, welche diese fünfzehn Worte sein könnten?

Nein, natürlich nicht.

Das ist gut.

Dann hat ja, für diese fünfzehn Worte zu leben, doch noch ein bisschen Sinn.

Absolut. Aber das setzt natürlich voraus, dass du das Projekt jetzt nicht wie geplant abschließt.

Ich schließe es ab, aber ich schließe es so ab, dass es nicht abgeschlossen ist. Das hätte ich philologisch nicht gekonnt, denn da steht dann ein Ergebnis da. Das Ergebnis ist aber der größte Feind eines prozessualen Denkens. Und wenn man diese Feindschaft darstellen will, dann muss man eben mit – nicht Teil-Ergebnissen –, mit Teil-Momenten leben. Es ist eine Momentaufnahme des Jahres 2020. Vielleicht fühle ich mich danach in eine andere Materie ein als Sprache. Ich weiß es nicht. Vielleicht Tanz? Sprache ohne Sprache. Ich kann mich natürlich auch wie Furtwängler entschließen zu sterben. Im Moment habe ich das aber nicht vor, weil da noch ein paar Verantwortungen sind –

– die du nicht alle im Lichte Hölderlins sehen kannst.

Doch, alle. Durchaus im Lichte Hölderlins. Aber da ist sein Hauptbegriff Liebe dazwischen. Und der stirbt nicht.

Nun wird das Buch also im Hölderlin-Jahr 2020 auf Waahr.de erscheinen. In welcher Form?

Mein Idealplan ist die Monatslieferung. Du hast ja gesagt, es soll es wie ein Fortsetzungsroman erscheinen. Wenn man die großen Fortsetzungsromane der Weltliteratur ansieht wie Die Brüder Karamasow, dann wäre das die wöchentliche Lieferung. Aber das ist ein Roman, das ist etwas völlig anderes, das ist ein konsequenter Erzähl-Diskurs. Das Epische ist aber eines der Momente, die von dem, was ich zu entwickeln habe, entscheidend kritisiert werden. Das kann man wunderbar etwa an Schiller demonstrieren. Deshalb ist ein ganz wichtiges Kapitel – was ich früher überhaupt nicht begriffen habe – Hölderlins Lösung von Schiller. Der Wortreichtum des frühen Hölderlin ist ja eine Reverenz an Schiller. Erst mein Lehrer Momme Mommsen hat in einem nie richtig beachteten Aufsatz klargemacht, dass es hier innerhalb der klassischen idealistischen Philosophie um eine Kehrtwendung des Denkens geht. Das ist alles in Jena und Weimar passiert.

Die Kapitel werden nicht diskursiv aufeinander aufbauen?

Wichtig ist, dass die Themen abgegrenzt sind bei jeder Lieferung, nur: Ihr Zusammenhang wird nicht garantiert; das Thema bleibt das Thema. Jetzt sage ich was ganz Grässliches: wie ein Fragment, wenn du es so nennen willst. Ich nenne es nicht Fragment, denn bei Hölderlin gibt es im Grunde keine Fragmente. Fragmente wären ja Sachen, die nur teilweise überliefert sind. Das ist aber nicht der Fall, sondern das, was als Notat oder Botschaft oder Zeichen dasteht – ich benutze nur den Begriff Zeichen –, ist vollständig überliefert. Genau solche Zeichen möchte ich setzen, weil das das einzige ist, was nach meiner Meinung dem Gegenstand entspricht. Deshalb will ich so minimal diskursiv sein wie irgend möglich. Und da gibt es gerade in der Philosophie neuere Anstöße, etwa Wolfram Hogrebe mit „Ahnung und Erkenntnis“.

Deswegen kommt dir diese portionsweise Lieferung sehr entgegen?

Das ist die Erleuchtung, die durch deinen Vorschlag kommt. Ich konnte mir so etwas vorher nicht vorstellen. Natürlich habe ich Blogger gelesen und so weiter. Aber die schreiben immer Tagebuch oder schreiben „Heute ist das, morgen ist das…“ – das bleibt alles in einer Schiene. Die Chance hier ist, diese Schiene zu nutzen und ebenso zu hinterfragen. Im Wortsinn: para-taktisch.http://www.waahr.de/texte/revolution-des-geistes