Stoffhase

Mahnung
zuerst erschienen 2005 in Kid's Wear Magazine
Fassung des Autors

Meine Ohren sind sehr empfindlich. Damit meine ich nicht schmerzempfindlich. Man kann mit dem Fön ganz dicht herangehen, auf oberster Stufe, ich fühle nichts. Nie. Aber ein kleiner Finger kann sich in die Futterseide meines Ohrlöffels bohren und dann, unten, wo der Stoff mit feinen Nähten in einem Spitztütenwinkel zusammengefaßt ist, hineindrücken und wenn dann nichts passiert, der Futterstoff nicht weiter nachgibt, als es die Füllmaterialien darunter erlauben, dann trotzdem unnachgiebig weiterbohren. Wie eine Schraube. Der stumpf federnde Druck auf den Spitz- oder Schultütenwinkel läßt manchmal erst dann nach, unterbleibt plötzlich, wenn die unter dem Schub der führenden Hand durchgebogene Fingerspitze die Nähte des Seidenwinkels zum Platzen gebracht hat. Im Moment des Durchbrechens, wenn die Nähte der Bohrfingerspitze nicht mehr standhalten können und der Faden aus der Seide fetzt, schießt der Vorschub des Fingers durch die aufgetrennten Stoffteile weiter hindurch „ins Leere“. Er drängt sich in meinen mit Füllmaterial ausgestopften Kopf. Das Herumstochern des Fingers im Füllmaterial meines Kopfes befriedigt nicht lange. Auch das Herumkreiseln oder –eiern mit dem durchgestreckten Finger, das Umrühren meiner Kopffüllung mit dem durch das Loch im Ohrfutter gesteckten Finger wird rasch wieder abgebrochen. Ein-, höchstens zweimal wird danach der sich noch im Kopf befindliche Finger zum Angelhaken gekrümmt, um damit den Füllstoff aus meinem Kopf zu holen. Das gelingt aber nur mit folgender, stets im Anschluß daran erprobten Technik: Zusätzlich zum Bohrfinger wird ein zweiter, zwar kürzerer aber auch kräftigerer Finger durch das Loch in meinen Kopf gezwängt. Die bereits geöffneten Nähte werden dabei zum  erforderlichen Durchlaß erweitert. Mit der Technik der zwei zupackenden Finger wird umständliches Vorarbeiten überflüssig. Die Fingerzange packt beim erstbesten Zipfel des Füllmaterials zu. Die Füllung besteht aus komprimiertem Haar und läßt sich durch die kleinsten Öffnungen meines Körpers leicht herauszerren.

Das Ersetzen meines Füllmaterials durch zum Beispiel Knetgummi liefert kein gutes Ergebnis. Auch ein Auffüllen des Körpersacks mit Murmeln oder Rollsplit stellt meine ursprüngliche Form nicht wieder her. Bei anderen Stoffhasen sind Kopf und Körper eigenständige Einheiten und durch Abnäher voneinander getrennt. Bei manchen sind sogar  die Ohren noch einmal separat ausgestopft, was trotzdem gut aussehen kann. Die Unterteilung des Stoffhasen in einzelne voneinander abgetrennt gestopfte Einheiten hat den Vorteil, daß nicht das gesamte Füllmaterial entfernt werden muß, um mit Ersatzfüllungen experimentieren zu können. Ersatzfüllungen sind nämlich nicht ungefährlich, teilweise bedrohen sie sogar den Fortbestand des Körpersacks. Vor allem Honig, dessen Eßbarkeit und Herstellungsweise vorgaukelt, es handele sich dabei um einen verträglichen oder umgänglichen Stoff. Wird der Körpersack jedoch mit einer größeren Menge davon befüllt, und der inwändig verschmierte Körpersack eine Zeitlang vergessen, was oft passiert, denn der Reiz am Auffüllen des Körpersacks mit Honig scheint sich vollkommen im Moment der Befüllung zu erschöpfen, dann ist der nach dieser Zeit wiedergefundene Körpersackklumpen bereits vollends ausgehärtet. Der Anreiz, nach langen, behutsamen Einweich- und Auswaschprozeduren mit nichts weiter als lauwarmem Wasser und weicher Bürste einen fast immer wiederhergestellten und nach der Trocknung auch „wie neu“ ausstopfbaren Körpersack zurückerhalten zu können, ist oft nicht stark genug; dieser Aufwand wird gescheut. Und spontan wird die Sanierung verworfen, wenn versucht wurde, den Körpersack nicht mit dem Honigspender, sondern direkt aus Glas oder Eimer zu befüllen. Die Hände – egal wie viele sich daran beteiligen - sind immer zu klein oder ungeübt, um das Glas, oder erst recht den Eimer!, so ruhig zu halten, daß nichts „daneben geht“. Daneben heißt: über das Einfülloch hinaus auf das Fell. Ein Stoffhase mit von Honig oder Pappmaché verklebtem Fell wird aber eigentlich immer abgeschrieben. „Der ist hin!“.