Und ich tippe es in mein iPhone

von 
Kurzgeschichte
zuerst erschienen am 10. August 2015 auf Zeit Online
Auf dem Handy guckt man Hai-Videos. Im Kanal schwimmen tote Fische. Zum Decaf-Latte sinniert man über unendlichen Sex im endlichen Universum. So ist der Sommer in Berlin.

Der Wecker klingelt neben einem Brief, den ich am Abend zuvor mit einem hellvioletten Filzstift an mich selbst geschrieben habe. Darauf steht, dass ich mich mag, auf den Tag freue und alles gut wird. Eine Idee meines neuen Verhaltenstherapeuten. Ich drücke den Wecker mit verklebten Augen aus, sehe keinen Brief und sinke automatisch zurück ins Bett.
Um halb zwölf schaffe ich es für einen Moment, wach zu bleiben, öffne auf meinem iPhone die Facebook-App und schaue mir ein Video an, in dem ein Mann einem gestrandeten Hai mit einem Messer den Bauch aufschlitzt. Die Überschrift lautet: „Amazing! Man gives life to three unborn shark babies!“
Er schneidet ziemlich ungeschickt in dem festen, weißen, ledrigen Haifischfleisch herum, dann erkennt man unter einer schleimigen Membran Bewegungen. Er schnippelt vorsichtig weiter und zieht mit der bloßen Hand nacheinander drei Haibabys heraus, die er, als wären sie gefährlich, sofort von sich schleudert, ins Meer hinein. Die Kamera schwenkt kurz auf die Füße seiner Kumpanen und einen Cavalier Kings Charles Spaniel, der ungläubig die Szene betrachtet, aber keine Anstalten macht, den blutenden Fisch probieren zu wollen. Nachdem ich nacheinander gecheckt habe, ob es neue Likes auf Instagram gibt (gibt es
nicht, stellt das meine künstlerische Qualität infrage oder lediglich meine soziale?), mein E-Mail-Postfach geöffnet (keiner der Ex-Freunde hat geantwortet), einmal den Facebook-Stream von oben nach unten durchscrolle, bis mein rechter Daumen verkrampft, stehe ich endlich auf.
Meine Mitbewohnerin trägt heute eine transparente Nhu-Duong-Hose, kocht Buchweizenbrei in der Küche und bereitet sich auf ein diskursives Event über Butoh-Tänze und Hypnose vor.

Der Postbote klingelt und bringt eine Daunenjacke von eBay. Ich wundere mich, wie eine ganze Daunenjacke in so ein kleines Paket passen kann und hole schließlich eine 300 Euro teure stinkige Plastiktüte ohne ersichtliche Daunen und ohne Rückgaberecht hervor. Ich beginne zu zweifeln. Wer könnte daran schuld sein, außer mir selbst? Einfacher wäre es, die Dinge auf die Sterne zu schieben. Venus in Retrograde.
Ich sollte das Haus verlassen.
„Ich geh mal da rüber zum Wasser“, sagt der eine Penner. Der andere verzieht das Gesicht. „Ach, die Suppe mit dem toten Fisch …“
Unschlüssig bleiben sie auf der anderen Seite des Paul-Lincke-Ufers stehen. Seit Tagen schon riecht es nach Verwesung, und auf der Wasseroberfläche des
Landwehrkanals treiben nicht nur einsame Plastikflaschen, sondern auch dicke Fische mit weißen Bäuchen nach oben.
„Das hab ich noch nie gesehen … Kommt bestimmt von dem Brot, was die Touristen den Enten füttern.“ Ich halte die Luft an und schiebe mich an den beiden vorbei. Das Kanalwasser wird eigentlich jede Nacht von einem Schiff gereinigt, welches frischen Sauerstoff ins Wasser pumpt.
Obwohl ich um 13 Uhr zum Kaffee mit einem Personal-Fitness-Trainer verabredet bin, gehe ich vorher in ein anderes Café, um mich mit der Welt zu verbinden. Ich bestelle einen Decaf-Latte mit Soja zum Mitnehmen. Das italienische Cappuccino-Mädchen lächelt mich an. „Hast du deine Haare geschnitten?“ Ich nicke und atme einmal tief aus. Ich bin da. Sie hat mich erkannt.
Am Tresen stehen Mike und Nathan und essen Zimtschnecken. Mike arbeitet für Soundcloud. Nathan, der ungefähr doppelt so groß ist wie Mike, hat schon mehrere
Unternehmen aufgebaut und wieder verkauft und arbeitet derzeit für einen Start-up-Inkubator. Er ist 31 Jahre alt. Ich stelle mich kurz zu ihnen. Nathan sinniert in den Milchschaum: „Ich denke, dass Architekten die besten Menschen sind. Sie sind halb kreativ, halb konstruktiv, etwas intellektuell, aber auch pragmatisch. Meine Mutter hat Architektur studiert und mein Onkel hat mal einen Fotopreis gewonnen, der ihm von Kofi Annan überreicht wurde. Ich werde mir meine zukünftige Frau sehr genau aussuchen!
Ich würde mir auch auf jeden Fall eine Gen-Analyse vorher machen lassen. Ich meine, es gibt ja keine natürliche Selektion unter den Menschen mehr. Warum sollte ich mich nicht genetisch beraten lassen bezüglich der Weitergabe meines Erbgutes?“
Mike wiegt den Kopf hin und her. „Ach, Sex … ist im besten Falle die Feier dessen, was man im anderen zu sehen glaubt.“
„Nice one! Ja, das schreibe ich mir gleich mal auf.“ Nathan tippt in sein iPhone. „Ich habe so eine Angst, dass ich irgendwann mit 90 mal nicht mehr zeugungsfähig bin … Aber ich denke, Meditation und positive thinking haben gute Auswirkungen. Ich hab letztens von so ‚ner Zen-Sekte in den USA gehört, wo der Guru mit über 90 noch seine Jünger vergewaltigt hat. Äh, und ich dachte, dass sei ein beruhigendes Zeichen. Also, natürlich
nicht die Vergewaltigung, sondern die Fähigkeit des Mannes, und der Zusammenhang zwischen Sex und Meditation. Wir sind eben nicht unserem Schicksal überlassen… Und dann gibt es diesen extrem ekligen, gesalzenen Fisch, den man nur unter Wasser aus der Packung holen darf, weil er so stinkt, aber der ist so probiotisch. Der kuriert dein System mit einem Schlag … Ich hab den mal gegessen auf einer Party in Stockholm, wo alle auf MDMA waren …“
Ich unterbreche ihn. „Ich denke, Sex ist mit steigendem Alter eh nicht so wichtig. In ein paar Jahrzehnten wirst du das wahnsinnig langweilig finden.“
Nathan schaut mich mitleidig an. „Ich werde dieses Penthouse mit der Glaskuppel kaufen. Und wenn sie es nicht verkaufen, werde ich es 1:1 nachbauen lassen.“
Mike sagt: „Man sollte einfach jeden Tag von jeder Farbe etwas auf seinem Teller haben.“ „Nice one, Mike.“ Nathan tippt wieder in sein Telefon. „Da machen wir ein Meme draus.“
Der Cappuccino ist beige und die Zimtschnecke auch.
Ich laufe Richtung Kottbusser Tor, stelle den Kaffee unter den Tisch des nächsten Cafés und bestelle einen Ingwertee. Tim erscheint pünktlich und in Badeschlappen. In der Hand hält er eine riesige Glasflasche mit Leitungswasser.
„Ich bin so krank. Irgendeine Magen-Darm-Geschichte und Probleme an einer bestimmten Stelle des Körpers.“ Ich will unbedingt wissen, an welcher Stelle. „Eine Anal-Fissur. Ich habe keine Ahnung, woher die kommt.“