Weitere Lebenszeichen aus Amerika

Essay
zuerst erschienen am 21. Februar 1981 in der Frankfurter Rundschau
S. III
Schon einmal (FR vom 15. 11. 1980) haben wir an dieser Stelle Auszüge aus Briefen des Frankfurter Malers Thomas Bayrle veröffentlicht, der mit seiner Familie für einige Monate nach San Francisco übergesiedelt ist. Bayrle hat seitdem weitergeschrieben. Ein gewisser Enthusiasmus angesichts der Lebensformen an der amerikanischen Westküste, der die früheren Briefe bestimmte, hat sich in den neueren Sendungen merklich verringert — sie kommen nun doch mehr und mehr von jenseits der Begeisterung des ersten Blicks. „Die Sehnsucht", schreibt Bayrle, „kehrt sich um.“ Der Maler, der sich in seinen Mitteilungen auch als ein sehr empfindlicher und sprachfähiger Schriftsteller erweist, erzählt im folgenden von Beobachtungen im vergangenen amerikanischen Wahlkampf, reagiert auf den Tod John Lehnons, auf das Erlebnis von Los Angeles und interpretiert die Mickey Mouse als wahrhaftigen Ausdruck einer ganzen Kultur. All das wird in Bezug gesetzt zu dem Erfahrungshintergrund des Europäers.- Ein Reiz der Briefe ist auch, wie ihre Sprache immer spürbarer unter den Druck der Wahrnehmungen gerät, sich manchmal fast auflöst, fragmentarisiert zu Wort- und Satzfetzen: Eine Welt, die taumeln macht, zieht auch die Sprache unrettbar in ihren Sog. P.I.

3. November

Manchmal kaufe ich mir „Die freie Californische Presse“, das deutschsprachige Organ hier. Wollte man das Repräsentationsvermögen der   deutschstämmigen, gegenüber dem der anderen Einwohner, an diesem Blatt messen, käme diese Postille bestimmt auf den letzten Platz.    Ungeschickter geht’s nicht, für „Die Weltoffenen“. Trotzdem übt es auf mich einen geradezu magischen Reiz aus, in dieser Umgebung in diesem treuen, deutschen, Egerländer Blatt zu lesen. - Von Ferne her, aus den zarten Wiesengründen Deutschlands, aus Jossa, aus Weilmünster, zieht der feuchte Mathias-Claudius-Nebel durch die Zeilen. - Die Berichte über die Bun
desliga sind das erste, worauf ich mich 
stürzte. „Eintracht-Sieg mit Zittern 3:2
 gegen Kaiserslautern. Die Weichen auf
 Sieg stellte der Koreaner Cha. - Echte 
deutsche Lederhose zu verkaufen. -
 Deutscher Tag im Golfen Gate Park, 
mit der Volkstanzgruppe Tamalpais

High School, Mill Vally. - Traurig’s Wool 
Quilts, handgeknüpfte Wollqualität. - Zuschauer Frau Renate Wilkie und Tochter Fiona. - Es ist tatsächlich pure Kraft, die da herausströmt. Die Glocken läuten - die 50er Jahre -, als mich ein Dosen-Etikett bei Schade „Californische Pfirsiche“ in Entzücken versetzen konnte … Sie wiegten sich im Winde, vor blauem Himmel und entfernter Bucht … die Sonne schien heiß zwischen den Regalen, ich mußte blinzeln, um die Pünktchen am Horizont erkennen zu können … ein blondes Mädchen „ging“ mit einem Ami-… sie „gingen“ nach Californien über den großen Teich…

Die gleiche Sehnsucht kehrt sich um. Sehr viele Menschen sind schlecht oder gar nicht „angewachsen“. Manchmal - an trüben Tagen - erscheint die Stadt als gigantisches Flüchtlingslager, ohne Vergangenheit, 200 Jahre?, vollgestopft mit allen Völkern. Heimatlose. Geschiedene, oft verhärmte Menschen. - Eilig hingebaute Provisorien - Messestände. Das Heimweh ist real. Kuckucksuhren, Immortellenkränzchen oder diese Zeitung stellen in dieser Situation die Verbindung her zu „einem Bach im Spessart“, zu „dem schwarzen Grund im Schwarzwald“, zum „blonden Haar im Östseewind“. Das Wettermännlein führt ins Riesengebirge zu Rübezahl und den Märchen der Kindheit … Es verschwindet im Strudel der Waschmaschine, in die sie hineinstarren. Wasch-Salons - Wash and Dry - Coin Operated - sind die Meditationsräume der Einsamen. 24 Stunden offen, hellgelb - hellgrün, sind sie mit Stühlen, Illustrierten, ja oft sogar mit einer Trockenhaube ausgestattet. In 30 - 40 Bullaugen läuft das Weltgeschehen wie im Fernsehen -, Vorwäsche - Hauptwäsche - Trocknen - Schleudern. Man kann träumen, von Deutschland - Rußland -Lettland.

Im Summton der Maschinen entsteht entfernt … die Blasmusik der Dorfkirchweih …

7. November

Irgendwann hatte der Konsum-Organismus beschlossen, sich zu offenbaren. Es wurde eine halbe Milliarde Dollar bereitgestellt, und Ronald Reagan „war gewählt“. - Trotzdem hatte der anschließende Wahlkampf noch eine gewisse Spannung. Ein Linienflugzeug könnte ja auch mal abstürzen. Auf kleinen Bildstreifen im Saveway gab’s Ausschnitte aus Reagan-Filmen mit John Wayne, für die Kinder … regelmäßig erschien John Anderson vor seiner Bücherwand, für die Intellektuellen … Abernathy sprach sich plötzlich für Reagan aus … ein schwarzer Schuhputzer aus Oakland erklärte, Republikaner ließen sich öfters die Schuhe putzen als Demokraten …. und am Wahltag wurde bereits ab 14 Uhr pausenlos verkündet, daß Ronald Reagan gewonnen habe, obwohl die Wahllokale erst um 20 Uhr schlössen. Es gab keine Aussage. Die Kampagne war sich selbst Material. Durch sie wurde der Kandidat „erzeugt“.

Plakatwerbung spielt im Wahlkampf hier so gut wie keine Rolle. Auf kleinen Leuchtstreifen stehen einfach Namen. For Senator, For Supervisor, For People steht manchmal dabei. Kein Foto. Der Kandidat wird in diesem Medium nicht erwähnt. Zeitungen und gedruckte Presse dienen als Reflektoren des Fernsehens, veröffentlichen Polls oder machen Analysen. Das einzig entscheidende Medium ist das Fernsehen. Hier passiert alles. - Der Apparat, in dem der Kandidat „gemacht wird“, besteht aus einem Netz von Basen, die im Raster das ganze Land überziehen. Wie ein Tennisball im Turnier jettet die Führungsgruppe im Lande herum. Sie besteht aus ca. 30 Spezialisten, Managern und Pressepulk. Sie kann ad hoc auf 100 - 200 Mann aufgestockt und wieder abgebaut werden. Je nach Unternehmen. Das Flugzeug jagt von einem Circus zum anderen. Oft kommen sie nicht weiter als bis zum Flughafen. Dort halten sie schnell ihre Reden, ohne die Städte überhaupt zu betreten. Täglich wird festgelegt, „welches die wichtigste Aussage für den Tag war“. Präzise ist - der Themenkreis vorbestimmt. Es darf kein Fehler passieren. Die Berichterstattung konzentriert sich ausschließlich darauf, „wie die Kampagne läuft”.

Zwischen Autowerbung und Geiseldramen schlingert die Kampagne dahin. Hunderte Werbespots über Inflation, die Filmkarriere, die Volksnähe etc. sind verschärftes Material. Es facettiert sich vor den Fernsehaugen zu einem noch vagen Staatsmännbild. Dieses Bild wird in der Folge über Monate zum selbständigen Organismus weiter entwickelt. Es gewinnt an Plastizität. Zieht Formen an. Stößt Formen ab. Speist sich selbst. Gestaltet sich roboterartig. Zerstört hinderliche Vorstellungen. Wandelt „Inhalte“ in reine Energie um. Ein frei verfügbarer, unbesetzter Raster entsteht, in den die gesamten kulturellen Erscheinungsformen, ihrer Machtlage entsprechend, eingepreßt werden. Hier entsteht die Figur des Kandidaten, auf die alles summiert wird. Eine reine Kunstfigur. Die Höchstleistung dieses Apparates wird dann, etwa eine Woche vor dem Wahltermin, fällig. Beide Kandidaten lösen sich aus ihren Retorten heraus und werden einander frei gegenübergestellt. Vor Millionen Augen wird hier entschieden, wer gewinnt. Die strengste Gestaltung, ein psychologisch aufs feinste berechnetes Feld, erreicht es, daß die Figuren 3-Dimensional „glaubhaft“ werden. Der Zuschauer „macht die Figur für sich“.

Die Kamera fährt langsam über den Körper auf den Kopf zu. Das Gesicht wird zum Magnet. Zum Bild der Verhältnisse selbst. Vor einem gewählten Publikum, welches verpflichtet wurde, sich jeglicher Gefühlsbewegung zu enthalten, stehen die Kandidaten im Abstand von 10 m dem Publikum zugewandt an Pulten. Vier ausgewählte Journalisten fragen. Die Fragen sind „unbekannt“. Die Zeit für die Antworten ist festgelegt. Der Vergleich - guter Körperbau - volles Haar - offene Gesten in den Raum hinein - kameragewohnt - absolutes Feeling für öffentliches Auftreten. Das Make-up vermag es, die Falten im breiten Gesicht sympathisch zusammenzuziehen. Die Frage kommt „Was ist mit den Geiseln?“ Die Antwort, „I sit and pray to God“. Barbara Walters fragt nach dem nuklearen Potential. Er lächelt; Er spricht sie überraschend warm an: Well, my dear Barbara … Er gewinnt. Präsident Carter hat Angst. In sich zusammengezogen, hat er nur zweimal gelächelt. Sein Haar wirkt verklebt. Sein Gesicht zerfurcht. Seine Schultern hängen (er müßte unbedingt Schulterpolster tragen, bemerkt später ein Psychologe). Nervös antwortet er auf die Frage nach dem nuklearen Poteritial: „Neulich habe ich mich mit meiner Tochter Amy über Sprengköpfe unterhalten…“ Er verliert.

24. November

Die Amerikaner, unsere ausgewanderten Großväter - weggejagte Intellektuelle aus aller Welt und weggejagte Landstreicher aus aller Welt -, wollen nie mehr ins Dunkle. Denken, wenn sie ins Licht fliegen, wie die Motten, seien sie weniger blind. Haben wohl panische Angst vorm Dunklen? Vor den Indianern? Den Verbündeten der Nacht? Die kommen nachts … tip… tap … tip … tap … als Mexikaner verkleidet. Mit schwarzen Lippen, Haarnetzen und Spraydosen, in schwarzen Jacken von Sears, in die Districte. - Licht an! Milliarden Lampen an! - Kalte Lichter. Eisige Lichtraster, eisig, wie die Punkte am Himmel. Zu denen sie fliegen.

1. Dezember

Nach Reno in Nevada bin ich gefahren. Der Stadt meiner Träume. Ins „Heiratsparadies - Scheidungsparadies“ der 50er Jahre … so ein Schwimmbadrand mit einer Palme und einem geflochtenen Plastikstuhl mit der durchgebrannten 16jährigen und dem Millionär in dem Buick vor Harrah’s Casino … durch die grüne Panoramascheibe - weiße Wirbel ins Blau gebläht. - Teller - Tassen - am Himmel. Die Landmasse. Grauer Leib aus grauer Vorzeit. Bestürzend einfach. Schwarze Pünktchen auf Kegeln. Vieh, winzig scharf - wie Larven. Erstarrte Lava - gebauchte Flächen - gestülpte Räume. Winziges Flugzeug. Raum im Take Off Winkel. Dünner Süberstreif im Bogen der Hochdruckblase. Schnurgerade Doppelspur. Cremefarbige Autos - ab und zu.

Es ist nicht möglich, diesen Raum zu „erobern“. Die Indianer wußten das wohl… Keine Wurzel. Kein Keller. Glatte Scheibe. Läßt sich nichts abzwingen, abbetteln, abflehen. Es bewegt sich nichts. - Unsere Wut - Verhöhnt !!! - eine Schabe verhöhnt den Elefanten… er wird sich sehr aufregen … Wir mächen Schilder. Wir spielen Bingo. Wir machen Circus Circus. - Wir machen Steine. Wir machen Bänder. Wir machen Gitter. Wir machen Licht. Wir rasseln mit Geld. - Wir machen alles groß. Wir machen alles einfach. Wir schreiben Zahlen. Wir klappern mit Münzen. Wir machen Rot-Gelb. Wir machen glatt. Wir machen bunt. Wir machen das Gegenteil. Unbedingt! Wir spielen Bingo. Wir spielen immer. Tag und Nacht. Immer! Immer! Wir hören nie auf. - Hoffentlich kommt kein Schwamm und wischt uns weg, wie die Indianer … Weggewischt. Einfach weggeputzt von der Platte.

Die Stadt ist eine Kapsel. Baumholder und New York zugleich. Reine - Durchrase. Stop für Stunden. In der Wüste „gelandet“ - Fiction -. Ich war schon zweimal da. Ich krieg‘ den Hals nicht voll: Mozarts Gourmet Büffet Breakfast $ 1.49 - Modelleisenbahn - Katalog - echt - in Wirklichkeit - Great. Der Tod wird
verhöhnt. Überwunden durch Bingo.
 Die Sprache wird verständlich - Ge
schlinge, Gewurstel - aus Ländern,
 Hohlräumen, Biegungen, Kurven. 8 m 
Magen, 15 m Herz, 17 m Masern, 86 m
 Blutkreislauf, 300 m Lungenbläschen.
 Einer hat 3 Fischfilets gegessen! Und 4
Gourmet-Lunchs! Einer hat 11 Fischfi
lets gegessen! 11 Stück! Und einer, Ihr
 werdet’s nicht glauben, Mr. Dutch, hat 
17 Fischfilets gegessen!!! So gut war
 das! - So gut!

Im Rückspiegel seh‘ ich, wie es kleiner wird. Reno kleiner. Zum grauen Pünktchen wird es. Reno gibt’s gar nicht.

10. Dezember

Ich mochte die Beatles nie so besonders. Das hoch Künstlerische, Intelligente, Aquarellhafte - die Poesie -, es hat mich nicht so angezogen. - Wie die Stones z. B. -

Sie haben immer mehr gehämmert, maschinenmäßiger reingedroschen; Mick Jagger ist einfach „primitiver“, als es John Lennon war. Mich hat auch immer geärgert, wie schlau so viele die Schwarze Musik „bestohlen“ haben. Das Entscheidenste, die Körperdimension Rhythm and Blues, haben sie von ihr. Rhythm and Blues ist so alt wie die Erde, Ebbe und Flut, einatmen - ausatmen. Jockeln, trampeln, tanzen, bumsen - aus dem King Kong Kongo in den Stereo Autokarosserie Sound - jockeln, trampeln, tanzen, bumsen - stellen für Millionen Menschen die gefühlsmäßige Verbindung zum „Wesen“ der Maschinen her. Dinosaurier-Gorilla-Dampfmaschine-Jet-Computer-Ding-Dong-Tick-Tack-Pip-Pip. Ohne Rhythm and Blues wäre das Leben unerträglich „unverträglich“. Es gibt keine Kunstform, die derart integrierend die Körperseelenmaschinen Verschmelzung schafft. Gleich einer Kupplung verschiedene Takte zur Deckung bringt. Das bringt „Befreiung“ und Kraft. Es schwemmt über alle Grenzen, alle Sprachbarrieren, alle Ideologieverschachtelungen. Es kommt durch den „Äther“ überall hin. Muß nicht „hingehängt“ werden, „erklärt“ werden. Ist direkt. Musik ist absolute psychische Notwendigkeit. Wie essen, trinken, schlafen.

Jetzt ist er tot. Auf einem kahlen Berg in South San Francisco steht: Lennon. Die Menschen sind traurig - über sich selbst - wie immer beim Tod von Angehörigen.

20. Dezember

Morgens läuft es langsam an. - Einsam, in sich zusammengezogen, warten 2 Russen an der Haltestelle gegenüber. Ein Elektrobus schleicht leise, jammernd heran und holt sie ab. Die Oberleitungen körperhaft, verstrickt über der Straße, und verirren sich in den endlosen Häuserreihen. Ein Ölfleck ab und zu - Papierschnipsel kraulen sich mit Blättern. Kühle luft [sic] - vermischt mit feinem DieseL Entfernt hupen Schiffe - ein Staubsauger heult auf - ein steigendes Flugzeug weit weg - bohrender, sich in die Atmosphäre schraubender Ton. - Es steht eigentlich alles still. Es passiert nichts. So viel von immer dem Gleichen.

Seit Wochen ist’s Vorweihnachten - das „Fertigste“ überhaupt. Abgemagerte Männer klopfen auf Glöckchen. Rentner spielen Nikolaus, wie überall. Aus ihren Manteltaschen quäkt das Wort Gottes. Alle betteln - die Lungen-Association - die Herz-Association usw., alle Organe - hilflose Klumpen stehen in Geschäften herum. Ihr Fleisch, müde Zellhaufen, schwabbelt, baumelt zwischen den Regalen. Eingeschlossen in Warenwände, hängen sie ihre Membranen raus, damit sie „was“ finden. The More You Buy - The More You Save, die Warenwelt frißt sich wie Salzsäure in die Human-Beings. Oh, dieser Kapitalismus ist so entsetzlich einfach, so gnadenlos simpel. In solchen Kreisen, Ovalen und Quadraten tobt er sich weiter aus. Mit knisternder, krumpelnder Sympathie kriecht er durch die Poren. Knusper - Knusper - Knäuschen - hackt er in mein Häuschen, hackt mir in die Birne - sämtliche Gestirne …

29. Dezember

Wir sind dann auch nach L.A. gefahren. - Im Nebel. Stundenlang sind wir herumgeirrt. Die roten Lichter vor uns - die unsichtbaren Schilder über uns - Tasten von Karosserien - verzweifeltes Buchen nach Nummern - anderen Freeways - Fahren - Spur - Fahren. Das Auto orientiert sich. Schemenhaft sitzt die Familie im Dunkeln. Der beruhigende Körper um uns herum fährt in Ahnungen - im Negativ - RRRRRWWWWWAAAAAOOOOOO - Durch Rohre - durch Geschlinge - an huschenden, weißen Lichtern - Blitzen vorbei - RRRRWWWWAAAAOOOO. Wir sind still in der Kapsel. Wir starren auf die Benzinuhr. Er soll alle Unterstützung haben - damit er weiterfährt - sich seinen Weg sucht - er hat gute Reifen (außen) - bloß nicht stehen bleibt - liegenbleibt - das Schlimmste.

Am nächsten Tag ist’s strahlender, heißer Dunst. Flirrend zittern helle Linien aus der bräunlieh grauen Dichte - kommen langsam heran - werden Hochhäuser, lösen sich lange, dünne Stiche mit Wuschein am Ende aus rötlichem Gewirr - Palmenalleen -, flimmern, blitzen Millionen Striche und Punkte aus grauer Schemendichte auf - Lampenraster. Fahren - immer Fahren - verschoben werden - über graue Massen - in feststehenden Konstellationen - in festen Abständen - in nicht feststellbaren Ovalen - mit Brillen - Schlafend - essend - mit Hunden - Kindern - Kegeln - fahrend - zoomend - in Schemen - in Vorstellungen - auf Pünktchen zu - auf Punkte zu - auf Kreise zu - in Kreise rein - in Bögen rein - auf Spuren hoch - auf Brücken hoch - Segmente hoch - ins Fällen rein - ins Stoßen rein - in Erde rein - ins Dunkel rein - ins Helle raus - auf Flächen raus - aus Nummern raus - in Nummern rein - von Nummern weg - von Flächen weg - von Kreisen weg - von Punkten weg - von Pünktchen weg - RRRRRWWWWWAAAAAAOOOOOO - Gummi-Noppen - Doppen - RRRRRWWWWWAAAAAAOOOOOO.

Wir sind dann auch nach Watts gefah
ren - durch Lähmung - ins Lauern -
 vorbei an zertrümmerten Autos - gel
ben Hosen - Liquor Stores - zugespray
ten Schulen - verdreckten Plätzen -
 rausgerissenen Bahngeleisen. Herge
schleppt - hergeprügelt - hergerudert -
 haben „sie sich selbst“ - aus Afrika -
vor 300 Jahren - zum Schuften - um die 
Besinnung zu verlieren - zum rosa Bla
sen machen - zum Verbrennen - zum 
Warten - da - in einer toten Ecke - im
spitzen Winkel einer Sackgasse, hinter
 Gittern (wegen Renovierung), rankt 
eine starke Hoffnung - The Watts To
wers of Simon Rodia -. Man kann sie
 schon von weit her sehen - merkwürdig 
in der Trostlosigkeit. - Ich habe wenig
 Kunst in Amerika gesehen, die mich 
„berührt“ - leergewaschene Bilder von 
Zeitgenossen an vielen Orten - im hiesi
gen Museum wirkt ein Meidner auf mich 
- er hat das Blau dieser Gegend mit 
Neonkontur um seine Gestalt in Darm
stadt gemalt, war nie hier, ein Rothko glüht, einige Fotos ziehen mich an - viel mehr nicht. 33 Jahre lang hat der Italie
ner Rodia seinem Winkel gearbeitet.
 Eisenstangen mit Beton überzogen,
 verzweigt, verstrickt, verwoben. Scher
ben und Muscheln gesammelt und eingebaut. Pflanzenartig hochgedreht, versehraubt, verschachtelt zu Blätter-Blüten-Skeletten, Organen, nach unten und oben ausgetrieben - als Dolden nach oben gedrückt, verstrebt, geflochten bis in Blüten - alleine später dann -noch eine Dolde - einen Turm - und noch einen Turm - und noch einen Turm - ausgetrieben, abgestützt, nach allen
 Seiten ausgeschlagen - durch Wurzelmauergebilde in die Erde zurück, Meta
stasen pflanzend - und hoch - hoch in
 den „Himmel“ - ein Gehirn gestülpt, 
schirmartig gebläht - sichtbar gemacht - was Kunst machen kann. Dornröschen - Rankwerk an einer Ecke - im Dreck der Stadt. - Und als er es fertig hatte, ist er darin verschwunden … -

Er ging weg. Sein kleiner Orangenbaum hängt übervoll mit Früchten …

1. Januar

Als Picasso Anfang unseres Jahrhunderts die ersten Backenknochen in die Gesichtsmitte verschob, die ersten Augen senkrecht stellte, Köpfe und Körper wie Brotteig traktierte, begann eine von Gezanne lange vorbereitete Realität langsam nach außen zu wachsen. Durchzubrechen ins „öffentliche“. Die „Innengestalt“ rutschte aus. „Fiel nach vorne“ in die Haut, die Hülle. Das Abbild der „inneren Verfassung“ wurde als Schock sichtbar - für jedermann. Dies ist auch die Geburtsstunde der modernen Packung. Die Hülle, das Gefäß -zeigt das „Innen“ - frißt das „Innen“ - ist das „Innen“.

Etwas später stand es an, diese zu
nächst „individuell“ ausgedrückte Si
tuation in die entsprechende Reproduk
tionsebene, zu bringen. Die neue „Frat
ze“ der „Massen“ zu gestalten, zu ver
vielfachen und wieder zurückzupum
pen. Den technisch vorbereiteten
 Kreislauf, seinen Eigenschaften ent
sprechend, zu nutzen und zu beschleu
nigen. - Gummi-Plastik-Zelluloid-Bakelit-Buna-Biege-Stoffe, Stanze-Stel
le-Presse-Gieß-Spritz-Stoffe waren 
diese neuen „charakterlosen“ Stoffe.
 Sie wollten in Massen gefließt-gepreßt-
gebumst-gestubbst-gestaucht werden.
 Durch „Gummi-Ziehen“ wurden Nasen
 Flächen und Flächen Ohren und Ohren
 Vierecke und Vierecke Dreiecke. - 
Charlie Chaplin - mehr noch Walt Dis
ney - haben diese Realität erkannt. Bei
de vom Film kommend - die Witz-Tra
gödie, der Mensch ist nicht mehr so ganz
 der Mittelpunkt - wandern sie „durch 
die Modernen Zeiten“, Chaplin als 
Mensch-Individuum, Disney als Mensch-Maus-Individuum. Film, Animation, Ersatzteilsystem, Phasenzeichnen etc. waren bereits bekannt und wurden genutzt seit Ende des vorigen Jahrhunderts. Die Erfindung einer diesen Techniken wirklich entsprechenden Figur stand jedoch aus. Rigoros wie bei Picasso wurde die Maus, den psychischen und physischen Realitäten entsprechend, „erschaffen“, „erzeugt“. Allem Anekdotischen, Lokalen früherer Figuren entzogen. Produktionsformen genau entsprechend, geplant. Verteilernetzen angepaßt. Als Produkt gefühlt, beobachtet, kalt designet.

Jeder Strich, jede Kurve, jede Farbe,
 jede Sequenz, jedes Heft, jeder Film 
genau als Massenprodukt angelegt. Als
 Fortsetzung ohne Ende, fabriziert von 
einem Team. Die Maus von Disney re
präsentiert „Überleben, anders als bis
her“ - heue Grenzen - neue Freiheiten. 
- Der Kopf, ein Stirn-Nasen-Backen-
Gegnubbel mit riesigen Flachohren, lu
stigen, großen Augen, mächt ein Drittel 
der Figur aus. Die Handschuhe weiß, 
clean, dirigierend, sind fast so groß wie 
das motorische, gedrungene Körper
chen. Verkümmerte Beinchen stecken 
in „fliegenden Pantoffeln“, riesig
geformt, wie Auto-Scooter. Relativ ge
schlechtslos, ist die Maus Vater-Mutter-
Kind zugleich, in allen Rollen, allen Be
rufen. Sie kann fliegen, autoartig brem
sen, durch Wände gehen, wenn es sein 
muß. Alle Bestandteile um die Maus 
herum gehören einer Softwelt an - alles
 Schwabbel - Wasser - Pudding - Glib
ber - Glabber - Gibber - Gabber, mit
 Wasser gefüllte Gummikörper - Gummiflächen, Gummilinien. Dazu kommt
 eine bis dahin unbekannte Bilddrama
tik, derart, daß total neue Räume erfe
dert, erflogen, erbremst werden. Bild
gründe biegen und beulen sich, schlie
ßen einander auf, fließen ineinander, 
auseinander, gleich Wasserflächen, li
quide, wabern sie im Zelluloid. Entspre
chend den Erfordernissen „im Leben“,
 machen Figuren sich flach, lösen sich in
 Punkte auf, verschwinden in Schläu
chen, werden zu Dreiecken, Tischdecken, Autos, Bäumen, egal was ansteht,
 der Ausdruck, der Eigenschaftskatalog,
 ist unermeßlich wandelbar, nie endend,
 spiralisch-philosophisch, aus jeder Packung springend, auf jedem Bleistift sin
gend, mit dem Finanzamt ringend, vom 
Film ins Leben springend, dreidimen
sional …, in die Lanes der Bahnen, in 
die Schlangen vor Kinos, überall, wo 
Menschen stehen, warten, gehen, schie
ben, Kassen-Massen-Passen-Lassen, 
eingefädelt in Bänder, gleich Wicklun
gen in Transformatoren, als Kupfer, als 
Material, ins Recycling, ins Röhrensy
stem - als Griebe in Blutwurst - als
 Paste in Tube - sich stampfend, hackend, peristaltisch vorwärtswälzend - 
in Verdauungsgründe - Fabriken - zermahlen, zerstückelt, angereichert, ver
wandelt - und wieder ausgestoßen - in 
die Märkte - als Produkt - als Bier - als 
Wir … Dideldadeldidelda fahren 
U-Boote durch Achterbahnen, dideldadeldidelda laufen Gondeln durch Kinos 
auf Schatztruhen zu, dideldadeldidelda rasen Schnellbahnen durch Wasserfälle 
in Hamburgerstationen - didel - Dorn
röschenschlösser - dadel - Prähistodidel - Spacelabdadels überfluten Efeustrudel - Holz-Gebrüche - Beton-Geflatter - Teppich-Gerassel - Dachstuhl-Geschnitzelt an Stränden in Malibudideldadeldideldu wuchern Fettpflanzen durch Autos und Lampenschirme in stacheldrahtverhauene Parkplätze …

17. Januar

1966 hatte John Coltrain [sic] „gezogen“ - Flächen verdreht Telefonleitungen entlang - geblasen - in Felder - Straßen - Wege - Rapsfelder hinein - gelbe Zacken - heiße - gebrochen durch Gestrüpp - in Sümpfe - Stümpfe - brodelndes 
Rot …

Albert Mangelsdorf hat anders in unbequeme Winkel geführt - probiert -Wänden entlang - Körper abgestrichen - abgesucht - abgesehnt - mit seiner
 Posaune Risse gespürt - nach Sprüngen 
gefahndet - sich abgespiegelt - abge
lacht - in Lustiges gezogen - ins
 Üben …

Und jetzt James Blood Ulmer. - Verprügelt die Erde - Knüppel aus dem Sack - drei Derwische im Steinhagel -„gemütlich“ Kaffee trinken - Hornbrille - Jägerhütchen - Treppauf-rette-sich-
wer-kann. Mit Schrägsägen-Sirren 
durch den Raum - Dreieckswinkel
bruch-Wirbelgewebe - Boden raus -
 Decke raus - Balken durch - Planken
rein - Fenster-Schwarzklatsch - Gum
mi-Meyer-Eier - Maiskolben senkrecht
aus Kniekehlen in Deckengerüste -
Drahtseile auf amerikanische Arsch
backen - Druckwellen auf Wände - Ma
gnetfeld - springe - singe - Jazz is the 
Teacher - Funcy is the Preacher -
UUIIAAEE - Are You glad to be in 
America - Gesims - Gebims - Zack!