»The Life Ghanatic«

»The Life
Ghanatic«
Tagebuch

11.12.

Die Meninghitis an der Kumasi Academy war die Schweinegrippe und ist angeblich unter Kontrolle. Ich beschließe, in die Stadt zu fahren, wo seit Tagen die Beerdigungsrituale für die verstorbene Queen Mother der Ashanti andauern. Nana Afia Kobi Serwaa Ampem II war seit 1977 Asantehemaa, also als Mitglied der Ashanti-Königsfamilie eine enge politische Beraterin des jeweils amtierenden Königs. Letztes Jahr im November verstarb sie 111-jährig (ihr Alter schwankt in jedem Zeitungsartikel, den ich dazu lese, aber sie war ururalt – zweimal die ghanaische Lebenserwartung –, soviel steht fest.) Nach einem Jahr finden nun die Festivitäten statt. Gestern wurde ihre Nachfolgerin installiert, es herrschte in der gesamten Stadt Ausgehverbot, alle zwei Millionen Einwohner Kumasis waren angehalten, von  21 bis 2 Uhr nachts ihre Häuser nicht zu verlassen, alle Geschäfte hatten geschlossen. Schwer vorstellbar, wo doch fast das gesamte Leben auf der Straße stattfindet, aber war wohl so.

Die Reise von 270 Kilometern wird sechseinhalb Stunden dauern, zwei brauche ich allein für die ersten drei Kilometer zum Bahnhof. Es ist Sonntag und alle in der Kirche, es dauert dementsprechend lange, bis die Fahrzeuge voll sind. Ehe der Reisebus losfährt, ist es kurz vor 9 Uhr.

Am Ortseingang nach Kumasi haben sie eine der riesigen Werbetafeln durch ein Bild der verstorbenen Queen Mother ersetzt: 1905 - 1916. You will be forever missed. Endlich angekommen, springe ich in ein Taxi und lasse mich zum Manhyia-Palast bringen. Auf den Freiflächen davor sitzen unter Sonnendächern schon Hunderte Menschen in schwarz-weiße Stoffe gehüllt, essen, trinken und warten. Ich frage einen der Herumstehenden nach Kaffee, er läuft geduldig mit mir übers Gelände, aber sowas gibt es hier heute nicht. Wie sich herausstellt, ist Adjei Mitglied der Palast-Musiktruppe, er nimmt mich mit in den Innenhof, vorbei an mit Maschinengewehren bewaffneten Uniformierten. Was ich immer für ein Glück habe. Adjei stellt mich der Band vor: vier Sängerinnen, zwei Trommler, Adjei und ein zweiter spielen jeweils ein metallenes Instrument, das Ähnlichkeit mit einem Croissant hat und mit einer Art Schraubenzieher geschlagen wird. Er erklärt mir, dass sie immer vor Ort sein müssen, wenn der Ashanti-König im Palast ist. Seit zehn Tagen sagten sie alles andere ab und seien hier. Gerade sei der König mit seiner Entourage in der Kirche, seine Ankunft wird in den nächsten Stunden erwartet.

Ich schaue einer anderen Band beim Spielen zu. Vor ihren Trommeln tanzt ein Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt: Sie trägt eine breite silberne Kette um den kleinen Kopf, ein zum Kleid gewickelten Stoff, bunte Ketten an Armen und Beinen. Sie tanzt barfuß mit kleinen Schritten kreiselnd in der Runde herum, bewegt den oberen Teil ihres Körpers unabhängig vom unteren und die Arme noch mal anders, es wirkt zugleich selbstvergessen und absolut kontrolliert, ihr Blick ist stolz, fast ein wenig verächtlich. Adjei sagt anerkennend: »Sie ist sehr gut«, ich antworte: »Sie ist unglaublich«. Ich habe so was noch nie gesehen, es ist endlos faszinierend und auch ein wenig beängstigend, ein wenig wie die geisterhaft synchron tanzenden Kinder in Pjöngjang, bei deren Anblick man gleichzeitig lachen und weinen will, weil es so unwirklich aussieht und weil man den Drill dahinter ahnt. Nur ist das hier viel schöner. Die Leute geben ihr Geld, indem sie ihr Scheine an die Stirn halten. Wer nichts zahlen kann, hält Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand über ihren Kopf, das zählt auch als Anerkennung.

Der Hof füllt sich derweil mit Gästen, die an Tischen unter weißen Sonnendächern Platz nehmen. Die Feier ist öffentlich, der Dresscode, das war zuvor auf der königlichen Website zu lesen gewesen, lautet: schwarz-weißer Adinkra. Es wurde extra ein Stoff mit dem Bild und den Lebensdaten der Queen Mother gedruckt, den man auch vor Ort kaufen kann. Die Frauen tragen eng anliegende Kleider und Kopfputz, bedruckt mit den Akan-Symbolen für Glauben, Wahrheit und das Königshaus, die Männer Togen aus denselben langen Stoffbahnen, die ihnen von der Schulter rutschen, was später das Tanzen erschweren wird. Eine Gruppe von Männern hat Schwerter bei sich und kleine Kappen in Leopardenmuster auf dem Kopf, ihren Stoff tragen sie als eine Art Wickelkleid unter der Brust. Auf den ersten Blick sehen gleich aus, auf den zweiten alle verschieden voneinander. Viele Chanel-Sonnenbrillen, Moschino-Taschen, dicke goldene Uhren, sehr hohe Stilettos, aufwendige Frisuren, Make-up, großes Hallo, ein einziges Fest. Wen auch immer ich frage, ob ich sie oder ihn fotografieren darf, wirft sich bereitwillig in Pose.

Die wichtigen Leute laufen ein, erkennbar an Alter, Körperumfang und daran, dass sie unter seidenen Sonnenschirmen laufen, die jemand anders für sie hält. Dann rollt die Entourage des Königs heran. Zuerst Motorräder mit Blaulicht, die Fahrer machen mehrmals die Runde durch den Hof und vollführen dabei Stunts: stehen auf den Sitzen, fahren Schlängellinien, heben beide Hände in die Luft. Die Leute stehen Spalier und lachen sich kaputt. Dann kommen mehrere Range Rover mit verspiegelten Scheiben, das Volk winkt, dann geht die Party weiter. Offene Bar, offenes Buffet, an Alkohol nur der ganz harte Stoff: Adonko Bitter – sehr beliebt mit 42 Prozent; Schnapps, Whiskey aus Viereinhalb-Liter-Flaschen. Zum Essen Reis, Hühnchen, Fisch. Die Leute stehen geduldig an, tanzend, nur hier und da kommt es zu kleinen Drängeleien, die einer derer mit Schwert schlichtet.

Der Platz, auf dem Adjeis Band spielt, wird zur Tanzfläche: Den Anfang machen ältere Frauen, nach und nach kommen immer mehr Leute dazu. Das Zentrum des Geschehens ist eine beleibte Dame, vielleicht 60, die irgendwann einen Stapel Ein-Dollar-Noten auf die Band regnen lässt, als sei das hier ein Stripclub. Ein junger Typ in seinen Zwanzigern tanzt sie an und zusammen vollführen sie eine lustig grimassierende Choreografie, die um sie herum heben ihre Zeige- und Mittelfinger.

Ich stehe neben dem Boxenturm, schon halb taub, tanze ein bisschen, bekomme ein paar Zeige- und Mittelfinger, und als es dunkel geworden ist und der Whiskey längst alle, verabschiede ich mich und fahre in mein Hotel mit dem sleazy Namen Daddy’s Lodge, das ansonsten aber ganz okay ist. Mir klingeln die Ohren.

9.12.

Der falsche Ehering übrigens: schöne Idee, aber meist sinnlos.

Als ich neulich aus der Gallery 1957 kam und auf der Suche nach einen Taxi die Gamel Abdul Nasser Avenue hinunter lief, sprach mich ein blau uniformierter Security-Typ der UN an, der vor dem Gebäude Wache hatte. Die ersten fünf Sekunden des Smalltalks reichen normalerweise für die Frage nach Namen, Ehestand und Telefonnummer. Aus Recherchegründen und mit dem erneuten Hinweis auf meinen Ehering gab ich sie ihm. Nur selten ruft dann auch wirklich jemand an. Es ist, glaube ich, eher die Idee, dass man es könnte, die zählt. Andere Möglichkeit: Jemand, mit dem man eine Weile verbracht hat oder ein Stück zusammen gereist ist, erkundigt sich Tage oder Wochen später nach dem Befinden: »Hallo, wie geht’s dir?« - »Danke, sehr gut. Und dir?« - »Okay, gut! Mir auch. Hab noch einen schönen Tag!« - »Bye!«

UN-Joseph aber schickt eine SMS:

»Hi, My Beautiful Queen. How We Doing? I Miss U To The Bone. I’m Sitting Here Lonely Thinking About You My Good Friend

Dass man recht schnell Freunde ist oder sisters, wenn es sich um Frauen handelt, meinetwegen. Aber der Quatsch mit der Königin geht zu weit. Außerdem liest sich das mit den ganzen Versalien wie irgendwo herauskopiert. Also bitte.

»LOL. Does this normally work for you? I really hope so. As for me: I’m no queen, and certainly not yours. I am not even your good friend – not in my world. And what exactly are you thinking about after having talked for 10 seconds? Let me know, please!«

Er ruft dann noch einmal an. Aber da habe ich die Forschungen zum Thema Dating and Mating einstweilen eingestellt. Wegen unüberbrückbarer Differenzen. So komme ich da nicht weiter.

Ich schreibe Naa, einer politisch aktiven Unternehmerin und zweifachen Mutter, der ich seit geraumer Zeit auf Facebook folge. Ob ich sie mal zum Thema Genderfragen und Feminismus befragen dürfe? Sie antwortet: »Sure. Anything to support women’s research and women in research.« 

8.12.

Third-World Problems:

Die Fenster sind wie überall mit diesen Glasjalousien ausgestattt, deren milchige Lamellen jeweils so breit sind, dass im waagerecht gestellten Zustand eine Katze darauf Platz hat. Der angenehme Wind, der vom Atlantik her durch die vor den Jalousien fest installierten Insektennetze ins Haus hineinweht, bläst beim Kochen ständig die Gasflamme aus. 

Die Moskitos (ich nenne sie jetzt nur noch Dirty Needles), die es trotz allem ins Haus schaffen, hören einfach nicht auf zu stechen. Von wegen Trockenzeit. Mit aller Macht klammern sie sich ans Leben und meine Adern, die Arschgeigen. 

Der Bauarbeiter, der die Wohnung in der zweiten Etage renoviert, hört den ganzen Tag Bob Marley. Wenn er Feierabend hat, übernimmt jemand draußen auf der Straße den Reggae-Dienst und macht einfach weiter mit der Beschallung. Ich meine: Wie oft am Tag kann man Buffalo Soldier und diese andern drei Lieder hintereinander spielen? 

Um dem Sound zu entkommen (und weil ich prokrastiniere), verbringe ich ein paar Stunden bei Photo Club. Dort machen sie Passbilder und Porträts und verkaufen die passenden dunklen Holzrahmen dazu. Ob ich gern ein afrikanisches Porträt hätte, fragt die Angestellte mit der kinnlangen Lockenperrücke. Sie zeigt auf ein gerahmtes Bild einer Frau im Ashanti-Outfit. »Na ja, wenn ich schon mal da bin.« Sie klatscht vor Freude in die Hände und nimmt mich mit in den Hinterraum des Studios, der Verkleidekammer. Aus einem pinken Plastikkoffer holt sie drei unterschiedlich breite, gewebte Stoffbahnen, das geometrische, gelb-grün-blau-orange Muster heißt kente, und hält sie mir nacheinander hin. »Den schlingst du dir als Rock um die Hüften. Den bindest du dir um die Brüste. Und daraus mache ich dir ein Kopftuch.« Dazu neun Holzperlenketten für Arme, Füße und um den Hals, goldene Sandalen und als Accessoire einen dieser Pferdehaarpuschel aus dem Fetischpriesterbedarf. Roter Lippenstift. Als sie fertig ist, ruft sie angesichts ihres Werks mehrmals »My friend! So beautiful!«. (Ich verzichte darauf, mir vorzustellen, was das ganze Szenario umgedreht wäre: Sie in Deutschland in einem traditionellen Outfit.) 

Ihre Kollegin hinter der Kamera ist nicht ganz so enthusiastisch. »Du hast deine Tasche auf den Boden gelegt«, stellt sie ganz richtig fest. Als ich den rechten Arm in die Hüfte stütze, um irgendwie Beyoncé-mäßig stolz auszusehen, fragt sie mich ohne eine Spur von Boshaftigkeit in der Stimme, ob ich Rückenschmerzen habe. Ich frage zurück, was sie denn an meiner Stelle mit dem freien Arm machen wurde. Sie nimmt ihn, legt ihn in Position und sagt: »Du schwitzt«. Auch damit hat sie recht. »Immer«, sage ich. »Für euch ist bei 30 Grad kühl, aber für mich ist es immer noch heiß.« Irgendwann findet sie dann doch Gefallen an der Sache. Mit Blick auf meinen falschen Ehering sagt sie: »Your hubby is going to love this!«. 

Die Retusche betreibt sie sehr gewissenhaft. Während sie sehr lange mit dem Mauszeiger auf dem Bildschirm herumwischt, schaue ich mir die ausgestellten Fotos des winkenden Präsidenten in der Kente-Toga an, und die Aufnahmen, für die sich Pärchen als Chief und Queen Mother verkleidet und nebeneinander gesetzt haben. Am Ende fragt mich Dorcas, wie sie sich jetzt vorstellt, ob sie das Foto bei sich im Laden ausstellen dürften. »Klar«, sage ich. Mir gefällt die Idee, dass ich in ein paar Jahren nach Accra zurückkomme, und dieses ein wenig lächerliche Bild dann immer noch hier hängt. 

7.12.

Am Morgen sitze ich mit meinem Vermieter Toufic herum und befrage ihn zum Forschungsprojekt Die Länder Westafrikas und ihr Ruf unter Ghanaern. Toufic hat schlechte Erfahrungen mit den Grenzbeamten in Togo gemacht, die ihn von oben herab und wie einen Bittsteller behandelten. Er bringt es auf folgende Formel: »Die Engländer haben drei Dinge nach Ghana gebracht: schlechtes Essen, Bürokratie und Höflichkeit. Die Franzosen nach Togo: gutes Essen, guten Wein und fragwürdiges Benehmen«. Die schlechte Reputation Nigerias unter Ghanaer erklärt er sich damit, dass viele Nigerianer ambitioniert und erfolgshungrig seien, was manche Ghanaer als egoistisch und hochmütig interpretierten. Nigerianer würden für ihre Meinung einstehen, hier dagegen gelte es als respektlos, wenn zum Beispiel ein Schüler mit einem Lehrer diskutiert.

Am Nachmittag schaue ich mir die aktuelle Ausstellung in der Gallery 1957 an, die trotz (oder gerade wegen) ihrer Lage in der zum Kempinski-Hotel gehörenden Mall die beste der drei Galerien Accras ist. Peter, der dort als Assistent arbeitet, hat im Februar den Studentenpreis des panafrikanischen Filmfestivals in Ouagadougou gewonnen, Preisgeld: zwei Millionen CFA. Davon könnte er sich in Burkina drei Monate lang Breitband-Internet leisten. Er hat Verwandtschaft in Aachen, aber seine Tante hat ihn mit den Worten »Deutschland ist ein Dorf, fahr’ lieber dahin, wo du was erlebst« bislang von einem Besuch abgehalten. Er war dann in Nigeria und hat es geliebt. Weil alle dort wüssten, dass Ghanaer eher »langsame Lerner« seien (seine Worte) seien alle extra-entspannt mit ihm umgegangen. »Wir sind die Goldkinder Westafrikas« sagt er und dass Ghanas erster Präsident nach der Unabhängigkeit, Kwame Nkrumah, viel für die anderen Länder getan habe. Das hätten diese nicht vergessen.

Zum Abendessen kehre ich bei Master’s Fast Food auf der Lokko Street ein, eine Hütte mit vier Tischen, in der die Hitze des Tages gespeichert ist. Es gibt zwei Gerichte: Jollof-Reis oder gebratenen Reis. Was sie nie dazu sagen, ist, dass der Reis nicht trocken kommt, sondern es Fleisch dazu gibt, in diesem Fall einen gebratenen Hühnerschenkel, außerdem Krautsalat und scharfe Sauce. Ich bleibe der einziger Gast und schaue die Nachrichten, die auf einem kleinen Fernseher unter der Decke laufen, Bild und Ton heillos asynchron.

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An der Akademie von Kumasi ist am Dienstag eine junge Frau gestorben, der elfte Todesfall dort seit März. Noch haben sie keine Ursache ausfindig machen können, jetzt werden alle Studenten gegen Meningokokken geimpft.

Es ist Tag sechs von 15 im finalen Beerdigungsritus für die Queen Mother der Ashanti in Kumasi, Asantehemaa Afia Kobi Ampem II, die letztes (!) Jahr im November 109-jährig verstarb, nach fast vier Jahrzehnten der Regentschaft.

Der anlässlich des National Farmer’s Day zum erfolgreichsten Bauern des Jahres ernannte 50-jährige Aweku Agyman erhält 100.000 Dollar Preisgeld. (Der rundgesichtige Präsident will den Berufstand, der für nur noch 22 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verantwortlich ist, wieder für die Jugend attraktiv machen.)

Der Häuptling von Tamale hat die Marktfrauen zur Ordnung gerufen. Sie sollen sich nicht mehr gegenseitig mit Flüchen belegen.

In den Dörfern Gomoa und Odembo gibt es ein Müllproblem, erste Fälle von Typhus werden gemeldet.

Dutzende erzürnte Kunden haben das Kundencenter einer staatlichen Prepaid-Kreditkarten-Firma gestürmt, nachdem das Aufladen der Karten nicht funktioniert hatte.

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Auf dem Heimweg kaufe ich in der Bude gegenüber ein 15-Liter-Pack Wasser und transportiere es auf dem Kopf nach Hause, wie ein Profi. (Ich habe den Männern übrigens Unrecht getan: Lange dachte ich, sie könnten abgesehen von ein paar Bahnen Stoff und anderer leichter Fracht nichts auf dem Kopf transportieren. Bis mir gestern einer mit einer Nähmaschine entgegenkam – ein Schneider, der die Straße auf der Suche nach Aufträgen hinunterging und mit zwei Stücken Metall klapperte, um auf sich aufmerksam zu machen; das schwarze, eiserne Gerät trug er auf einem Kissen gebettet auf dem Haupt, freihändig.)

Mittwoch ist der kleine Freitag. Die Kirchen versorgen das Viertel stundenlang mit Gospelgesang und frenetischem Jubel. Für alle, die nicht beten, dröhnt auf der Straße Musik aus den Boxen.

6.12.

Neulich am Pool eines der teureren Hotels im Umland: Zwei junge Ehepaare mit je einem Kind im Vorschulalter. Eine der Frauen mit Kopftuch, die andere trägt die langen Haare offen, die Männer in bunten Polohemden. Sie sprechen Arabisch und Französisch miteinander, mit den Kindern reden sie zusätzlich Englisch. Libanesen, vermute ich; die machen die größte Gruppe von ghanaischen Immigranten aus. Mit dabei hatten sie zwei einheimische Nannies, die, während sich die Ausflügler auf den Liegestühlen einrichten und die Frauen die Kinder in Badehosen stecken, wortlos daneben stehen. Die Mütter sprechen meist nur indirekt zu den Nannies, durch die Kinder. Dann übergibt man die Kleinen den Aufpasserinnen, die mit ihnen Planschen gehen sollen. Schwarze Frauen: überall auf der Welt die Hilfsarbeiterinnen wohlhabenderer Familien (also: wenn gerade keine Philippinas zu haben sind).

Auf dem Weg zurück nach Accra wird das vollbesetzte Trotro von der Highway Patrol angehalten. Alle zwei Dutzend Fahrgäste müssen aussteigen, aber nur zwei Typen in ihren Zwanzigern ihre Taschen durchsuchen lassen. »Wir tun das nicht, weil wir euch verdächtigen«, sagt der eine Polizist und bleibt die Antwort auf die Fragen nach dem Warum dannschuldig. Junge, melaninbegünstigte Männer: überall auf der Welt ständig unter Verdacht. 

Davon unabhängig das bestimmende Gefühl des Tages: nichts als kalter Hass für Trump. 

4.12.

Überhaupt: Nigeria. Das steht ganz oben auf der Liste. Die Ghanaer sind, vorsichtig formuliert, unentschieden, was den Liebreiz des Landes und der Leute angeht. Die einen halten alle Nigerianer für Kriminelle (besonders die, die nach Ghana emmigriert sind. Diese spezielle Xenophobie muss mit Ghana Must Go zu tun haben), die anderen empfehlen enthusiastisch einen Besuch und lachen, wenn ich sage, dass es in Lagos schon gefährlicher sei als hier - eine Stadt, die fast so viele Millionen Einwohner hat wie ganz Ghana. Als wir auf der Kommandobrücke standen, sagte Eric: »Ich will dich nicht beeinflussen. Fahr hin und schau es dir an. Ich bin gespannt, was du denkst«. Benin, kaum 300 Kilometer östlich von hier, ist eine andere Idee. 

Aber jetzt erst mal wieder Accra. Ich hatte mir das Zurückkommen in die feuchtheiße, hektische Stadt unschön vorgestellt, aber einmal am Tema-Busbahnhof angekommen, freue ich mich. Ich finde mich ohne Google Maps zurecht, weiß, wie man mit den mates im Trotro reden muss, wenn sie vergessen, einem das Wechselgeld zurückzugeben (was so gut wie nie passiert), der chaotische Markt um den Bahnhof herum ist Ghana in einer Nussschale: Es gibt Damenperücken, grellpinke Kola-Nüsse (ich habe es mehrmals versucht mit ihnen, als ich sehr müde war. Sie sind so bitter, dass ich sie keine zwei Sekunden, geschweige denn eine Stunde kauen kann), Modeplakate mit den neuesten Entwürfen, alles von »Gucci«, eine Handy-Ladehütte für diejenigen, die keine Powerbank dabei haben, diese grobmaschigen, bunten Peeling-Netze, die alle beim Duschen benutzen und manche als Halstuch tragen, Stoffe natürlich, Garden Eggs (ein Gemüse, das aussieht wie eine geschrumpfte Aubergine, aber in hellbeige), Yams, Eiskaffee. Alles eben. Von hier aus fahren allerdings auch Trotros zu den 6000-Dollar-Wohnungen nach Airport Hills und nach Agbogbloshie, wo Kinder auf der größten Müllhalde der Welt für 20 Dollar im Monat aus Europa da hingekippte Rechner und Handys auseinandernehmen.

Mein neues Zimmer liegt mitten in Osu, Lokko Street Ecke Wentum. Alles, was ich brauche, kann ich zu Fuß besorgen. Issa mag in den Mopeds der Burkinabinnen nur Gesundheitsgefahren sehen, ich sehe vor allem Freiheit. Im Schatten der Hausmauer neben dem Lädchen, das Wasser hat und Brot, sitzt unter einer Kokospalme immer eine Reihe alter Menschen, dahinter befindet sich ein Hof, in dem ein paar Familien leben. Ich lerne eine weitere Methode kennen, wie man Geflügel transportieren kann: Zwei Männer flanieren vorbei, jeder von ihnen trägt einen Hahn, je eine Hand unter den Hühnerachseln. Die Tiere sehen aus, als würden sie abhängen und tun auch ganz entspannt. Hilft ja nichts. Gegenüber meines Balkons sägt ein Tischler. Das Geräusch einer Frau, die Fufu stampft. Ein Fernseher zeigt das Arsenal-Spiel. Irgendwo findet eine Beerdigungsparty statt oder eine Hochzeit, das klingt so ähnlich. Der Atlantik ist nur ein paar Hundert Meter entfernt, manchmal fliegen Möwen übers Viertel, manchmal Flugzeuge. Man kann das Osu Castle sehen, auch bekannt als Christiansborg, weil die Dänen es 1658 von den Schweden erobert haben, die den Boden, auf dem es steht, wiederum von den Portugiesen erobert hatten. An den Wochenend-Abenden kommt aus drei unterschiedlichen Richtungen laute Musik. Mir hilft das ja beim Einschlafen. Und sie sind schon auch sehr lustig, die Accraben: Die Möbelrestaurationswerkstatt heißt Recover Recover, die Boutique Money Money Fashion, der winzige Kiosk die Straße runter Ali-G Mini Mart

Endlich wieder frische Wäsche. Wie ich jetzt erfahre - n a c h  z w e i  M o n a t e n -, ist es üblich, seine Unterhosen selbst zu waschen. Wenn man das vergisst, sortiert die Wäscherin besagte Stücke mit spitzen Fingern aus und gibt sie einem zurück. Zum Glück war die Frau, die das Waschen hier bislang für mich erledigt hat, Ivorin. Vielleicht war sie auch nur sehr, sehr höflich. Oder es war okay, weil sie über eine Waschmaschine verfügte. 

Zurück in der Wifi-Zone. Also: theoretisch. Ich verbringe den ersten Advent (absurd weit weg. Ich erschrecke jedes Mal, wenn ich im libanesischen Supermarkt einen geschmückten Plastikbaum sehe. Es läuft Feliz Navidad in Dauerschleife, bäh) damit, Weihnachtskarten zu schreiben. Sie kommen unter Garantie nicht mehr rechtzeitig an. Im Quartz Africa Weekly Brief lese ich von einer Studie, nach der Breitband-Internet in den meisten afrikanischen Ländern immer noch zu teuer ist. Den Rekord hält ausgerechnet Burkina Faso mit 972 Dollar - im Monat. In Ghana haben die Ausländer, die wegen des Öls ins Land kamen, den Netzausbau befeuert (manche sagen: Das einzig Gute, das sie bewirkt haben). Ich habe keine Ahnung, wie das in Burkina zu bewerkstelligen sein sollte. 

Jeannette schreibt aus Düsseldorf, dass die Supermärkte dort krank seien und die Leute merkwürdig. Ich kann mir genau vorstellen, was sie meint. Kann es zum Glück aber auch sein lassen. 

3.12.

Patrick, der Seestern, gab beim Abschied von Bord noch Musiktipps. Er ist Fan von Shatta Wale, mir ist der zu wenig raffiniert. Aber die Nigerianer! Ich hege ja eine nicht so heimliche Liebe für Davido mit dem Nasenstecker, der immer so neckisch kuckt. Von seinen zwei komplett gleich klingenden Hits If und Fall hatte ich mal fünf Tage lang einen schlimmen Ohrwurm. Und  w a s  der singt:

Money fall on you
Banana fall on you
Prada fall on you, oh
Cause, I’m in love with you

Geld, Bananen, Prada - was Frauen wollen. Ich finde das unendlich lustig.

Apropos Bananen: Davidos ärgster Konkurrent in der Engführung von Sex und Romantik ist Tekno und besser als Pana wird es halt nicht: wie das produziert ist, was der trägt, wie der tanzt. Auch inhaltlich ganz, eh, groß:

They say you like cassava
I getti big cassava
Baby, Pana
My love for you will never die, will never die

Genius schreibt dazu:

Tekno bins the cliché use of Banana as a metaphor in this context, he didn’t opt for Eggplant either; he subtly referenced his dick with something bigger instead, — a Cassava. Tekno has now embedded the Cassava word in the Nigerian sexting dictionary.

(Für Simon)

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