»The Life Ghanatic«

»The Life
Ghanatic«
Tagebuch

17.10.

Was überall gleich ist:

Beschwerden über Benzinpreise (auch in einem Ölland wie Ghana, wo der Liter umgerechnet keine 70 Cent kostet)

Beschwerden von Expats über Einheimische (»Der Ghanaer an sich ist rassistisch«, sagt U. Dass das eine rassistische Aussage ist, bleibt von ihr selbst unbemerkt.)

Beyoncé

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Während ein Pfau ja schreit wie ein Frau, die man an ein Bahngleis gekettet hat, klingen Ziegen einfach nur wie Menschen, die sich über Ziegen lustig machen.

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Marcel Odenbach und Carsten Höller erzählten mal, dass es in ihrem Cliffhanger-Betonhaus in Biriwa unmöglich sei, Bücher aufzubewahren, weil der Schimmel innerhalb kürzester Zeit alles befiele. Meinen Büchern geht es hervorragend, aber alle zwei Tage vergammelt mir ein Brot. Auch schlimm.

16.10.

Den halben Tag mit Naomi Uno gespielt, Memory und Scrabble. Abends schauen wir ihren Lieblingsfilm, eine aktualisierte Version von Bodyguard. Als ich dann einen aussuchen soll, stelle ich fest, dass meine beiden Lieblingsfilme eher schwer vermittelbar sind: Badlands: zu gewalttätig. Paul und Paula: zu fremd. Vor gut einem Jahr hatte ich F. Paul und Paula gezeigt und damals noch einmal ganz anders gesehen, durch seine Augen, die in dem Film, den ich so liebe, wiederum mich sahen und die Welt, in der ich aufwuchs.

Wir schauen dann Pretty in Pink und ich versuche mich zu erinnern, wie ich als Zwölf-, fast Dreizehnjährige war. Was ich noch genau weiß, ist, dass ich das, was die Erwachsenen über die Pubertät erzählten, für eine fiese Verleumdungskampagne gegenüber Jugendlichen hielt. Da war doch nichts. Aber ich fand ja auch, dass dieses knallsüße Vanille-Deo, mit dem wir uns einsprühten, gut roch.

Es war die Zeit des Spiels, das wir Wegdrücken nannten. Der Werken-Raum im Keller der Schule war unübersichtlich und der Lehrer beschäftigt genug, dass drei Mädchen wir für eine Weile unbeobachtet in irgendeiner Ecke verschwinden konnten. Es brauchte drei: eine, die erst ein paar sehr tiefe Atemzüge nahn, sich dann aufrecht mit dem Rücken an eine Wand stellte und die Augen schloss. Eine andere, die der ersten mit ineinander verschränkten Händen entschieden auf den Brustkorb drückte, und diese in eine kitzelnde Ohnmacht fiel. Damit die Ohnmächtige eben nicht fiel, sondern gestützt werden konnte, sollte sie wegrutschen, brauchte es die Dritte. Das Ganze dauerte immer nur ein paar Sekunden, es war immer herrlich. Legal Highs.

Ich wüsste gern, woher das Spiel damals kam. Eben nicht aus dem Internet, soviel ist sicher. Aus einem Buch doch aber auch nicht. Als ich es einmal gegenüber Trevor erwähnte, sagte er, in Kanada hätten sie es damals auch gespielt. Bei ihnen hieß es The Choking Game. Seitdem stelle ich mir vor, dass es sich unter Dreizehnjährigen weiterverbreitete wie ein geflüstertes Wort bei Stille Post.

14.10.

Um 5.20 Uhr vom inbrünstigen Morgengesang der Catholic Jubilee Boys School geweckt worden, fast geheult.

Am Morgen zuvor hatte ich am Markt einer der klapprigen Fords bestiegen und die halbe Stunde, bis er voll war und abfuhr, den umherlaufenden Händlern zugeschaut: dem mit den Parfüm-Flakons, dem mit den Fake-Fur-Badelatschen, dem mit den Schmerztabletten, die Ibuglo heißen; dem mit den Taschenbüchern von Donald Trump und Ben Carson; dem, der eine zugeknöpfte und umgedrehte Jeansjacke zur Tasche gemacht hat, aus der heraus er Jeansjacken verkauft; der Frau, die zwei Dutzend rosafarbene Styroporbehälter mit Mittagessen auf dem Kopf trägt; der Frau, die eine Pyramide aus Eiern mit Salzkruste auf dem Kopf trägt. Kauft man eins, pellt sie es und gibt scharfe Soße und ein wenig kleingeschnittene Zwiebel darauf. Dass Eier sich hervorragend als Wegzehrung eignen, weiß man ja aus den Zügen der Deutschen Bahn. Einer mit einem antik aussehenden Buch hält die rechte Hand eines zweiten, Mannes. Der erste betet eine Zeile hinuntern, der zweite spricht sie mit geschlossenen Augen leise lächelnd nach.

Hat man den urban sprawl Accras einmal hinter sich gelassen, ist es vor allem grün: Bananen, Bambus, Palmen. Dazwischen Dörfer, darin: Penecostal Church, Seven Day Adventists, New Apostolic Church, Muslim Mosque, Mega Church, Presbyterian Church, Methodist Church, Anglican Church. Der Mann neben mir auf der hintersten Bank hat abwechselnd mit seinen beiden Handys (und auf einem davon whatsappend mit seiner Geliebten, Irene) zu tun und mit einem Stapel Geschäftsbücher, auf deren oberen Schnitt er mit blauem Marker NIXON schreibt. Das Radio spielt gefällige Uptempo-Nummern, ich verstehe nur »Jesus«, »Lord« und »Africa«. Ist mir lieber als Reggae, der hier auch viel läuft. Ingo wollte immer nach Jamaica, aber ich konnte nicht, wegen Reggae.

Cape Coast war mal Hauptstadt und steht voller von der Salzluft angefressener viktorianischer Wohnhäuser mit fleckigen pastellfarbenen Fassaden. Einer der Steinlöwen vor dem Kumasi House ist umgekippt. Im Mighty Victory Hotel mit seinen blassgelb und altrosa lackierten Wänden, dem Neonlicht und den eiernden Deckenventilatoren muss es in den Siebzigern exakt so ausgesehen haben wie heute. Bis auf das staubige Office-97-Handbuch unter dem Fernseher in der Lobby, auf dem außer einem Lokalsender nichts läuft. Ein älteres Paar verlässt sein Zimmer, grüßt sehr freundlich. Sie trägt ein enges buntes Kleid, er ein flatterndes schwarzes Stehkragenhemd, eine Hose aus demselben Stoff, auf dem Kopf eine Samt-Kufi, in die kleine Spiegel eingenäht sind. In der Hand einen massiven geschnitzten Stab aus Ebenholz.

Vom Hotelbesitzer erfahre ich, dass das, was ich für eine ausgelassene Feier mit lautem Gesang gehalten habe, der Abend-Gottesdienst ist.

13.10.

Was überall gleich ist:

Der warme, saubere Geruch eines Schreibwarengeschäfts
Der leichte Grusel, den die eckensteherischen Zeugen Jehovas verströmen
Despacito 

11.10.

Bei Chez Clarisse sitzen ein paar sogenannte Twens – zwei Frauen und drei Männer – unter der dunkelgrünen Markise, nagen an Hühnchenschenkeln und diskutieren Fragen des Datens, der Beziehungsführung und des Schwangerschaftsabbruchs.

Drei Afro-Amerikanerinnen, erkennbar an ihrem Englisch und der Art, wie sie den Raum einnehmen, betreten den Hof des Restaurants. Die Tischgesellschaft verstummt und mustert die Frauen unverhohlen, um dann leiser in einer anderen ghanaischen Sprache über sie zu reden. Die Amerikanerinnen, ob sie das bemerkt haben oder nicht, entscheiden sich sowieso, woanders zu essen und treten hinaus in die Frühabendsonne.  

Am Straßenrand werben Plakate für Kräutermittel alle denkbaren Probleme den Penis betreffend. Und zwar – schöne Grüße an das Kreativteam, das die deprimiernden stumpfen europäischen Zigarettenwarnbildchen ersinnt – nicht mit in Embryonalhaltung verzweifelt auf leeren Betten zusammengerollten Männern, sondern mit dem an den Servicegeist appellierenden Argument: »Make her feel better«.

10.10.

Es beginnt in der Dämmerung, um kurz vor 5 Uhr, mit dem Krähen der Hähne, in das sich der erst ab- und wieder aufsteigende Dreiklang der Vögel mischt. Dazu das beruhigende Gurren der Tauben. Sie sind weniger als halb so groß wie die europäischen, dafür von rötlicher Färbung. Eine Frau singt ein Lied, das sich wie ein lieblicher Klagegesang anhört, der Nachbar zur Rechten würgt etwas aus seinem Hals hervor wie eine Katze ein Fellknäuel. Dann ein Spieluhren-Gesäusel vom Band wie das des fahrerlosen Eiscremewagens bei Stephen King.

8.10.

In Kenia haben sie gerade Plastiktüten verboten, denke ich, als ich an der Kasse des Palace Hypermarket stehe und zuschaue, wie die Einpackhilfen die Einkäufe in Dutzende handliche gelbe Tüten räumen, auch die zuvor von den Abwiegehilfen in stabile Plastiktüten eingeschnürten einzelnen Äpfel, Limonen und Ananas, die Sixpacks Volvic und die Schokoriegel. Wenn ich einen Zwangsgedanken habe im Leben, dann diesen, wegen sowas: We’re fucked.

Außer ein paar auf Arabisch diskutierenden Männer sitzt im Palace-Café noch ein Pärchen. Die beiden sehen aus wie Mitte 20, ihr Baby ist vielleicht ein Jahr alt. Alle drei tragen von Kopf bis Fuß weiß: ihr Kleid, ihre Sandalen, ihre Handtasche, sein T-Shirt, seine Hose, seine Sneaker, der Body des Babys: alles weiß. Die beiden teilen sich einen Milchshake und ein massives Stück Kuchen, leuchtend roter Teig mit weißer Buttercreme, sie schauen abwechselnd einander und ihr vor guter Laune quietschendes Kind an. Ich muss mich zwingen, nicht zu starren.  

Zurück im Auto zeichnet Ursula (die nur ich so nenne, für alle anderen ist sie Mami) mir ihre eigene Landkarte der Stadt. Sie erzählt von der Explosion, die letztes Jahr die Tankstelle sprengte (»Schau, alles ausgebrannt.«), und wie einmal ein Cargo-Flugzeug über die Landbahn hinausschoß, die Mauer durchbrach und auf die Schnellstraße rutschte. (Und als hätte sie es geahnt, würde noch am selben Abend die nächste Tankstelle in die Luft gehen, an der Atomic Junction in Madina im Nordosten der Stadt.)

Neulich, in Berlin, als Bianca zu Besuch war und wir das erste Käsefondue des Jahres aßen, sprachen wir über diesen sehr langen Artikel, der im Sommer im New York Magazine erschienen war. der ihr über Tage Albträume bereitet hatte und den ich nun endlich zu Ende lese. In The Unhabitable Earth rechnet David Wallace-Wells die Folgen von zwei bis sieben Grad Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts hoch. Sein erster Satz ist: »It is, I promise, worse than you think.« Bei der Stelle, an der er beschreibt, was dauerhafte 40,5 Grad bei sich ausbreitenden tropischen 90 Prozent Luftfeuchtigkeit bewirken (»Within a few hours, a human body would be cooked to death from both inside and out«), muss ich an den sinister gestimmten Halbwüchsigen denken, der mal in der schönen Rubrik Kinder fragen, Experten antworten der Zeitschrift Nido wissen wollte: »Wenn jemand in der Sauna stirbt, wird er dann gekocht?«. Die Antwort lautete: Ja. 

Wallace-Wells lässt in seinem Artikel, dem meistgelesenen in der Geschichte des Magazins, noch eine ganze Reihe so knochentrockener Feststellungen niederregnen:

»At 11 or 12 degrees of warming, more than half the world’s population, as distributed today, would die of direct heat.«

»Every round-trip ticket on flights from New York to London, keep in mind, costs the Arctic three more square meters of ice.«

»For every half-degree of warming, societies will see between a 10 and 20 percent increase in the likelihood of armed conflict.«

»You don’t worry much about dengue or malaria if you are living in Maine or France. But as the tropics creep northward and mosquitos migrate with them, you will.« 

Plastiktüten, haha. 

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