»2020 – Sing Blue Silver«

»2020 – Sing
Blue Silver«
Tagebuch

18.9.2020

Die Amseln sind zurück aus ihren Waldferien. Neulich, bei den Eltern hat mich schon eine Henne aus ihrem Versteck im Lorbeergebüsch sanft geschimpft, vermutlich weil ich mich zu lange in der Nähe ihrer Wohnung im Kornelkirschenstrauch aufhielt. Sehen ließ sie sich dabei nie über die Tage. Aber heute früh sprang hier ein Hahn auf unseren Weg. Ganz makellos geschwärzt nach der Mauser. Auf Glanz poliert. Der Schnabel makellos, blitzsauber orange, wie ich es mir als Bild in Erinnerung behalten hatte.
Wir kamen vom Frühstück. Endlich war Gelegenheit, Friederike den Tel-Aviv-Platz zu zeigen. Dass sie in schaute. In all seiner Pracht. Ich spürte eine kleine Nervenanspannung, gerade so, als müsste ich ihr etwas von höherer Bedeutung präsentieren und sie wäre darin befugt, mich durch diese Präsentation zu beurteilen. Eine Frau, von Kopf bis zu den Füßen in schwarzen Ciffon gehüllt, auch das gesamte Gesicht, schob einen Kinderwagen vorüber. Eine derart komplette Verschleierung der Person hatte ich zuvor noch nicht einmal in Zürich gesehen. Eine Frau wie ein Schatten. Wie die Seelenesser in einer Rowling-Verfilmung.
Und daraufhin, später: die Amsel. Anmutig. Alle Vögel sind kostbar, aber dieser ist mir am kostbarsten.

16.9.2020

Wieder einmal finde ich es nur anregend und auch gesund, wie unterschiedlich wir etwas wahrnehmen, das wir gemeinsam erlebt haben. Neulich abends zum Beispiel, wir waren eingeladen und saßen unter einem großen, dunklen Kastanienbaum. Friederike, erfahre ich hinterher, hatte sich an ein Stück von Yasmina Reza erinnert gefühlt, ich an eins von Milo Rau. Ein und derselbe Abend! So bin ich halt, so ist sie, und so sind wir.
Aus dem nachtschwarzen Himmel kracht eine Kastanienkugel in das zum Prost erhobene Glas: alles Splitter.
Der Osterhammel ist eingetroffen — mein lieber Schwan.

15.9.2020

Den letzten Nachmittag im Fructidor verbrachte ich abermals auf der Place Tel Aviv. Dort wehte ein sanfte Brise, ich las in einem Stück von Pierre-Sylvain Maréchal. Bald nahm neben mir jene Frau Platz, die ich noch aus der Zeit vor der Entfernung des Zaunes kannte. Sie tauchte dort, am Rande des umzäunten Platzes unregelmäßig, doch stets in wechselnder Begleitung auf. Offenbar befand sie sich auf der Suche nach einem Mann. Oftmals bekam ich etwas mit von den daraufhin stattfindenden Bewerbungsgesprächen. Der Kandidat heute sprach bezeichnenderweise mit schwäbischem Zungenschlag. Auch peinlicherweise, für mich, denn es handelte sich um einen extrem ungepflegten Mann, kaum noch Vorderzähne, Lederhut, grauer Zwergenbart. Liechtenstein nach dem Säureregen. Was sie sagte, davon verstand er bloß die Hälfte. Aber das war auch schon bei vielen anderen ihrer Kandidaten der Fall gewesen. Dafür redete er umso mehr. «Im Grunde genommen sind wir keine Rassisten».
Ein friedlicher Ort.

14.9.2020

Monatelang, beinahe ein halbes Jahr lang hatte ich mich gefragt, wie wohl die Eröffnungsfeierlichkeit für den Tel-Aviv-Platz gehalten sein würde. Heute kam ich in der (für mich) typischen Mischung aus zufälligerweise und absichtsvoll dort vorbei und bekam gerade noch mit, wie ein Duo Bauarbeiter den letzten Bestandteil der Umzäunung auf ihren Anhänger scheppern ließ, um kurz darauf abzudampfen — Bye bye …

Durch diese Umzäunung hatte ich die Fertigstellung des Platzes in den vergangenen Monaten gut beobachten können. Ich hatte bald schon ein stimmiges Bild vor Augen, wie der Platz einst werden würde. Jetzt, da er vom Zaun befreit für fertig erklärt wurde, übertrifft er meine Vorstellung trotzdem. Kurioserweise! Auch wie schnell es ging, dass das öffentliche Leben aus Fußgängern, Radlern und Elektrorollerfahrern nicht mehr auf dem gewohnten Pfad ringsum des Platzes strömt, sondern sich überallhin ergießt. Der Platz, so, glaube ich zumindest, heißt es unter Stadtplanern: wird gut angenommen.

Nicht von jedem natürlich. Eine Frau beispielsweise deutete mit einer Handbewegung, so vage wie bei Fellini, über die helle Steinfläche, die den Platz definiert und äußerte starken Unmut über die Gestaltung. Allerdings eher guttural und schlecht formuliert — obwohl sie Deutsche war. Ich stelle häufig fest, dass die Leute sich offenbar aufgefordert fühlen, auch alles außerhalb ihrer Displays konstant mit null bis fünf Sternen zu bewerten und ihre sogenannten Kommentare zu hinterlassen; aber in der Luft bleibt halt nichts hängen — anders als im Film! Wahrscheinlich, dachte ich mir, mit unverstelltem Blick auf den sanft geschwungenen, sandfarbenen Tel-Aviv-Platz, würden die Leute auch noch ihr eigenes Lebensende bewerten und kommentieren wollen. Und als ich heimkam, war genau das eine Humorgeschichte im neuen New Yorker: «One-Star Yelp Reviews of Heaven».

Duh.

13.8.2020

Die seltsame Anziehungskraft durch die Gemälde in seinem Rücken einerseits, aber manchmal auch direkt das, was er von sich gab — beispielsweise als er auf Ernährungsweisen zu sprechen kam — faszinierte mich, und ich hörte dem weisen Naturstoffkundler zu. Er selbst empfahl vor allem das sogenannte Habermus, das unter Bauern der Schwäbischen Alb vor Jahrhunderten die Hauptmahlzeit war; in jener Zeit hat man sich überhaupt noch hauptsächlich von Brei und Mus ernährt — Hirse, d’Spys, Eibisch. Ich habe gar nicht erst nachgefragt, aus was man das Habermus macht. Ob die Vorfahren des Philosophen Habermas einst als Muslieferanten bekannt  gewesen waren?

Musste mir dann draußen vor der Tür bald eine Rote einverleiben (auf der gegenüber gelegenen Hälfte der Raststelle im Hegau). Auch dass ich Tag zuvor zum Mittagessen in der Wielandshöhe eingekehrt war, fiel mir wärmend ein (abends ebenfalls schon Rote vom Grill …) Es ist egal, obwohl es natürlich ins Gewicht fällt.

Gibt es eine noch schönere Frucht als die Zwetschge, bevor man ihre Anmut durch Menschenhand zerstört? Die taubenblasse, wie mit Kalk grundierte Hülle, darauf gerade mal das ganz zarte, spärlich darauf hingezitterte Kürzel von Cy Twomblys letzter Hand. Spuren der Grashalme in Wirklichkeit, von deren Spitzen. Die Wärme meiner Handfläche legt die darunter liegende Pflaumenpolitur erst frei. Wie den Hauch von einer Scheibe.

Zum Abschied heute Spanferkel im Patio vor dem Sängerheim. Der «halbe Ort» war zusammengekommen. Wie in den ganz, ganz, ganz, ganz alten Zeiten.

11.9.2020

Frühstück auf dem Rasthof Hegau, dem letzten vor der Schweizer Grenze. Die Brezel schmeckte mir hier so gut wie nirgendwo anders zuvor — lag wahrscheinlich am Ausblick, der ging zunächst, gesäumt von vulkanischen Spitzen, auf Ballenberg, Napoleonsberg und ein sogenanntes Franzosenwäldle; dahinter lagen die Churfirsten und die Glarner Alpen. Für mich stark fühlbar in ihrer Präsenz, obzwar verborgen im Dunst.
Später in Allensbach am Bodensee: ein längerer, auch tiefgründelnder Vortrag eines Chemikers für Naturstoffe, währenddessen er sich behend mit seinen Produkten eincremte und deren Wirksamkeit an sich selbst demonstrierte, während im darübergelegenen Stockwerk seine Frau am Flügel saß und Beethoven durch die Zimmerdecke auf uns herunter brausen ließ. Meine Augen konnte ich indes kaum abwenden von der eigenwilligen Dekoration in seiner Praxis‘ Hintergrund, wo es die seltsamsten Acrylgemälde dankbarer Patientinnen gab, die Jesus zeigten (in Schwarzweiß) , aber auch Hildegard von Bingen (dito) mit eisblauem Blick und immer wieder, ebenfalls in S/W, einen Walter-Ulbricht-artigen Greis: Wie dem ein merkwürdig leer wirkender Stein überreicht wird. Außerdem gab es noch einen ausgestopften Dachs. Der Chemiker selbst war 81 Jahre alt.
Als wir uns wiedersahen, drückte mir meine Mutter zwei Kastanien in die Hand; heimlich. Weil das Glück bringen soll.

9.9.2020

Nachts zur Unzeit geweckt durch die (brand-) neue Außenbeleuchtung des Messeturms, die durch das Fenster im Schlafzimmer hereinflutet wie falsches Mondlicht; bloß dass halt der Mond naturgegeben auf der anderen, der dem Schlafzimmer abgewandten Seite der Nacht steht. Zudem sieht diese neue, eindeutig auf den Effekt hin angebrachte Beleuchtung «nicht aus», wie es in Hamburg hieße. Die an den Kanten des bleistiftförmigen Baukörpers glatt herunter montierten Strahler brennen der Silhouette die Eleganz aus. Ich vermute, so wollen die Betreiber des Messeturms via visuellem Branding die Einmaligkeit ihres Objektes zusätzlich hervorheben aus einem künftigen Ensemble von allerlei Türmen. Nebenan erwächst unaufhaltsam die Konkurrenz: Der manilahafte Grand Tower, bald schon der in sich verzwirbelte One und darauf auch bald schon der künftig Allerhöchste der Stadt. Mitsamt seiner Antenne dann sogar höher noch als der imperiale Kolbenverbund der Commerzbank.
Anyway the wind blows. Heute Abfahrt ins Reich meiner Jugend.

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