»2020 – Sing Blue Silver«

»2020 – Sing
Blue Silver«
Tagebuch

31.7.2020

Gestern «Der Stand der Dinge» aus dem Jahr 1982. Den Amerikanischen Freund konnte ich überspringen,den hatte ich in meiner Cineasten-Phase — die übrigens nur wenige Jahre später stattfinden sollte, aber freilich nicht das Schauen von Wenders-Filmen enthielt — schon gesehen. Wie Sebastian anmerkte (zu DAF) wirke der mittlerweile «wie ein alter Tatort». Der Stand der Dinge wie eine Dubversion von «Stardust Memories» ohne Humor. Eventuell hat der frühe Wim Wenders auch den Begriff vom Humorbefreiten erfunden wie Karl Heinz Bohrer den vom Gutmenschen und Thomas Pynchon den Shitstorm? Brach die Übertragung nach einer knappen Stunde ab, weil mich das Schauen nervös gemacht hatte. Dazu: Wackelpudding (Waldmeister) und Fröschle aus dem Kühlschrank (Haribo). Käsebrote.

Heute gibt es angeblich 36°

30.7.2020

Bei Wenders war gestern «Im Lauf der Zeit» an der Reihe, weil ich die beiden in der Chronologie nach Der Angst des Tormanns schon geschaut hatte (Falsche Bewegung und Alice in den Städten), oder aber ich den Film nicht enthalten fand im Angebot der Mediathek (Der Scharlachrote Buchstabe). Da es jetzt ein Film nicht nach dem Drehbuch von Peter Handke war wie Tormann und Falsche Bewegung fragte ich mich natürlich: Was hat Peter Handke in dieser Zeit gemacht. War er eingeschnappt wegen des Fremdgehens von Wenders für Alice? Ich griff ins Regal, aus der Vermutung heraus, dass in Handkes Tagebuch Das Gewicht der Welt jener fragliche Zeitraum abgedeckt sein müsste. Und: erstens richtig gedacht, zweitens blieb ich sogleich hängen an einem Satz aus dem Januar 1976: «Das Gefühl der Henkersmahlzeit beim Anblick von Gummipflanzen». Das ist ein Satz — und im Gewicht der Welt gibt es noch einige von dieser Güte — den ich für unverfilmbar halte, nicht in dem Sinn, dass es undenkbar bleibt, dass er in einem Dialog vorkommt. In den frühen Filmen von Wim Wenders sagen die Figuren andauernd so ähnliche Sätze, nicht bloß in denen, für die Peter Handke die Dialoge geschrieben hat, und mein Eindruck bis dato ist, dass sie diese Sätze um des Vorhandenseins dieser Sätze in der vom Film behaupteten Welt vorbringen und nicht, weil diese Sätze den Figuren entsprechen.
Unverfilmbar halte ich den Vorgang, den der Satz mit der Henkersmahlzeit und den künstlichen Pflanzen zum Ausdruck bringt — Vergleichbar mit der Szene, in der Charlie Kaufman sieht, dass der angebliche Wunderheiler, der seine letzte Hoffnung darstellt in zweierlei Hinsicht, den vorgeblichen Tumor, ein Stückchen Hühnerfleisch, in seiner hohlen Hand verborgen hält zu Beginn seines Heilungsrituals. Gut, der Satz von Handke ist damit also vielleicht doch verfilmt worden, aber halt nicht von Wenders, sondern von Miloš Forman und damit nicht in seiner Zeit.
Im Lauf der Zeit treffen sich durch Zufall zwei Männer, der eine ist blond, der andere hat dunkles Haar. Der Film ist zudem, darauf wird im Vorspann als erstes hingewiesen: in Schwarzweiß gedreht. Sie fahren in einem Möbelwagen durch Deutschland, der Blonde ist bekannt aus Falsche Bewegung und Alice, der Dunkle ist Hans Zischler, den ich schon in Summer in the City nicht mochte, weil er sich als den neuen Horst Buchholz empfindet, vor allem aber weil nach oder durch ihn tatsächlich Hannes Jänicke kommen wird. Die Frauen kommen dieses Mal nur ganz am Rande vor. Auch kommt es nicht zum Vollzug mit der schönen Kassiererin des Dorfkinos. Dafür zeigt Wenders von jedem männlichen Darsteller irgendwann in den drei Stunden eine Aufnahme, in der sein (nicht Wenders‘) Geschlechtsteil entblößt wird. Irgendwann ist nicht böse gemeint, ich hatte bloß recht langsam den Eindruck bekommen, dass Wenders eher Kameramann oder Bildereinrichter ist, als Regisseur. Seine Darsteller machen immer irgendwas. Das wirkt oft sehr künstlich, wo es wahrscheinlich sehr natürlich herüberkommen sollte. Der Blonde beispielsweise lacht dann halt ungezwungen. Hans Zischler äußert «Lust zu schwimmen». Wobei ja Luhmann festgestellt hat, dass es nichts grausameres gibt, was man zu seiner Frau sagen könnte, als «Sei doch mal natürlich!»

29.7.2020

Als Diether Diehm vom weichen Wasser sang, gab es noch keine Online–Community. Der fibröse Haufen wurde damals vor allem von Niklas Luhmann vorausgesehen; und eher als Albtraum einer Gesellschaft, die nur in Kommunikation besteht. Jetzt hat Nick Cave vorgestern in seinem wöchentlichen Newsletter die Frage eines Fans nach dem Hersteller eines bestimmten Konzertflügels beantwortet, den er für die Aufzeichnung seines Online-Konzertes «Idiot Prayer» von einem Verleiher bekommen hatte. Die Reaktion auf diesen Newsletter hat heute die Versendung eines zweiten Teiles notwendig gemacht; nummeriert wurde dieses Postscriptum mit #107 pt. 2 — einmalig in der besagte 107 Briefe umfassenden Geschichte der Red Hand Files. In seinem Brief #107 hatte Nick Cave von diesem Flügel des bis dahin ihm noch nicht bekannten Herstellers geschwärmt, dieses Schwärmen auch ironisch übertrieben und eine kleine Geschichte hinzugedichtet, die sich — für den erfahrenen Leser erkennbar — auf ebenso ironische Weise mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass es zwar Musiker gibt, denen Zimbeln für ihre Schlagzeugbatterien oder die Saiten für ihre elektrische Gitarren gesponsert werden, aber für Konzertflügel gibt es diese Freigiebigkeit wohl nicht. Das war lustig zu lesen und auch für nicht Klavierspielende unterhaltsam (ich denke da konkret an mich). Trotzdem wurde der Text zwar nicht millionenfach, aber doch so sehr und wie für unsere Zeit typisch: heftig mißverstanden, dass besagter Hersteller mit EMail bombardiert wurde, mit der  ihm ein Angebot gemacht werden sollte, dass er nicht mehr lange ablehnen können würde. In seinem Postscriptum #107 pt. 2 bittet Nick Cave deshalb seine Leute, die er kaum kennen wird, darum, ihr Candy Storming einzustellen. Er tut das mit den wohlüberlegten Worten «The tsunami of mail has left our friends at Fazioli a little shaken, so while I love you all — no more mails to Fazioli please! They are wonderful people.»
Der letzte Satz scheint mir wesentlich. Ich kann mir vorstellen, was los wäre, wenn dort auch nur durch leiseste Gesellschaftskritik noch Raum zum anonymen Moralisieren gegeben würde.
Luhmann, 1989: «Wir müssen viele Entscheidungen aus dem Themenbereich der Moral herausziehen. Das hängt mit der Struktur der modernen Gesellschaft zusammen. Mit ihrer Komplexität, mit der Vielseitigkeit von Leidunterscheidungen — in der Wirtschaft, im Recht, in der Politik, in der Religion, im Sport, im Krankenwesen und so weiter. Immer können diese Grundunterscheidungen — gesund / krank, Regierung / Regierte oder Regierung und Opposition — nicht in ein Moralschema gepresst werden. Sodass Moralisieren eigentlich nur eine Hilfstechnik ist, gleichsam eine fieberhafte Immunreaktion der Gesellschaft auf Probleme hin, die sie anders nicht lösen kann. Und wie die Mediziner dann wissen: Fieber ist nicht ungefährlich.»
Was mir beinahe überall fehlt, ausgenommen daheim, ist Humor. Oder wie Luhmann auf die Frage nach den Kritikern, die er am meisten fürchtet, geantwortet hat: «Die dummen».

Abends Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Der erste Farbfilm von Wim Wenders. Nach der Vorlage des einzigen Buches von Peter Handke, das ich nie gelesen habe. Auch im Jahr meiner Geburt wurden die Frühstückseier noch mit dem Messer aufgeschnitten. In einer Supermarktszene erkenne ich die Waschmittel-«Trommeln» wieder: Dash, Ariel — wie tote Verwandte auf einem Familienbild. Und dass es damals diese sehr dünnen, sehr biegsamen Strohhalme aus Plastik gab, die hellblau waren und in der Limonade obenauf trieben. Der Film spielt in Österreich, aber Waschmittel und Halme gab es so auch bei uns. Die Dialoge sind so, dass klar wird: Die Menschen reden aneinander vorbei, sie reden bloß aus Aggressivität miteinander. Die Gesellschaft existiert nicht, weil es keine Kommunikation gibt. Luhmann und Handke haben sich nicht gekannt.

28.7.2020

Gestern abend also Summer In The City aus dem Jahr, bevor ich geboren wurde: Dass Hans Zischler einen darstellt, der aus dem Gefängnis entlassen wurde, habe ich erst sehr spät begriffen (der Film geht über zwei Stunden), als er einer seiner Gastgeberinnen vom Leben aus dem Knast erzählt. Das hat mich irritiert, später habe ich es dann nachgelesen (Summer In The City hat, wie jeder Spielfilm von Wim Wenders, einen eigenen Wikipedia-Eintrag). Die Handlung des Filmes spielt in Westberlin, davor in München. Wenders selbst kommnt auch darin vor, er spielt Billard mit seinem Hauptdarsteller (im Schellingsalon). Davor geht er ans Telefon (Wenders), und lässt sich dorthin einladen. Zischlers Satz aus dem Drehbuch für die Einladung lautet: «Ich habe Lust Billiard zu spielen. Vielleicht im Schellingsalon.» Er ruft von einer Telefonzelle aus an. Wenders hebt den Hörer in einem Raum einer Privatwohnung ab. Sein Telefonapparat steht auf einem Tisch. Möglicherweise ein Schreibtisch. Zischler muss Münzen in den öffentlichen Fernsprecher einwerfen, um telefonieren zu können, Wenders hingegen muss das nicht, um das Gespräch anzunehmen. Und so weiter. So entwickelt sich der Film, der im Grunde keine Handlung hat, wenn man anfänglich verpasst, dass der Mann aus dem Gefängnis frei gekommen war.
Zwischendrin, bevor er nach Berlin abreist, musste ich den Stream anhalten und ich ging duschen. Es war ja noch immer sehr heiß um diese Stunde nach dem Sonnenuntergang. Summer In The City spielt übrigens im Winter. Dazu ist er auf Schwarzweiß gedreht, aber er kühlt nicht. Diesbezüglich habe ich in einer ebenfalls sehr heißen Sommernacht in Berlin einmal sehr gute Erfahrungen mit La dolce vita gemacht (von Fellini). Die Graustufen in diesem Film konnte ich als eiskühlend empfangen. Bei Summer In The City ist das Granulat wie verwaschen, mich erinnerte er nie an Eis, immer an Schneematsch. Das liegt aber nicht an Wenders oder am Material, sondern am deutschen Licht. Aber erstaunlich, dass der Kurfürstendamm, von dem eine längere Kamerafahrt handelt, 1970 schon genau so aussah von den Ladenfenstern her und ihren Neonschriftzügen, wie ich es am Ende der neunziger Jahre dort noch vorgefunden hatte.
Die Frauen in diesem Film, die den Protagonisten auf seiner Reisen in den Nordosten der Republik und dann weiter nach Holland beherbergen müssen, sie sehen sich allesamt ähnlich, haben langes, dunkles Haar und schauen verdrieslich. In Hamburg hieße man dieses Verhalten «mucksch». Er aber gibt ihnen gegenüber den Macho und behandelt sie sehr herablassend und schlecht. Ich dachte kurz, er behandelt sie wie Mütter, aber das wollte ich zurückziehen — doch die alte Skatregel tönt unerbittlich watt lumens, lumens! — seine Mutter wird er wohl besser behandelt haben. Zumindest im Leben. Falls nicht, dann hat er es falsch schon vom Vater gelernt.
Frühstückseier wurden in den siebziger Jahren noch mit dem Messer aufgeschnitten.

27.7.2020

Gestern abend dachte ich, dass meine Herangehensweise an die Wenders-Retrospektive grundfalsch sein dürfte — vom Prinzip her; ich hatte keines. Mir war der Abend am Lagerfeuer eingefallen — zwei Jahre war das nun schon her, vielleicht drei? — da hatte mir Claudius erklärt, dass ich mir einen Überblick der Filmgeschichte nicht über das Werk von Regisseuren anzueignen versuchen sollte; ich sollte nach den Studios vorgehen. Studio für Studio. Daraus ließen sich dann wiederum interessante Rückschlüsse auf die einzelnen Arbeiten von Regisseuren ziehen, die für unterschiedliche Studios gearbeitet hatten. Von daher lag ich dann, nachdem ich Falsche Bewegung angeschaut hatte, noch eine Weile wach im Dunkeln. Das Fenster stand weit geöffnet und von der Straße her war nahtlos, mit dem Verlöschen meines Bildschirmes, ein Gespräch zweier Männer laut geworden. Aber nicht zu laut. Mir war es gerade recht. Ich fand mich nach dem Einsaugen der Filmgespräche und der Aufnahme des Straßendialoges allmählich mit Vorfreude angefüllt auf das Geschehen in meinem Traum. So schlief ich ein.

26.7.2020

Von Jan einen ganzen Tag lang durch Berlin chauffiert worden. Der Charme der Stadt erschließt sich mir auschließlich noch vom Auto aus. Und dann aussteigen und sich umsehen in einer wieder ganz anderen Welt. Jan sagt, er kann im Grunde auch nur noch im Auto sitzend telefonieren. So entstand die Idee zu einem Modul mit dem Arbeitstitel Knospe, einem fensterlosen Raum, in dem man bequem ruhen kann und in dessen schalltoten Wänden eine Lautsprecheranlage verborgen ist. Nach dem Schließen der Schleusentür zur Außenwelt verbindet man sein Telefon mit der Knospe und dann spricht man in den Raum und die Stimme des Gesprächspartners umgibt einen wie ein Klangbad. Slogan: «Führen Sie ihre Gespräche nicht, werden Sie ihr Gespräch». Nicht die erste Idee, mit der ich steinreich würde.
So fuhren wir von einem Haus zum anderen. Am Ende des Tages waren es 15 Adressen, in denen ich während meiner Zeit in Berlin von 1997 bis Ende 2019 gewohnt habe. Sämtliche Häuser gab es noch. Das war die geringste Überraschung. Berlin ist ja nicht Frankfurt, wo andauernd abgerissen wird. Manche hatten allerdings ihre Fassadenfarbe geändert. Auch hier gab es zumindest einen Trend zu beobachten: Was Anfang des Jahrtausends ein dunkel abgetönter Rotton war, ist mittlerweile ein feuchtes Grau. Auf sämtlichen Klingelschildern war mein Name überklebt oder überdeckt worden, manchmal richtiggehend ausgetauscht. Vor einer Hausnummer in Moabit, chronologisch befanden wir uns da im Jahr 2009, wurde Jan von einer mir wildfremden Frau angesprochen. Sie sprang beinahe vom fahrenden Fahrrad herunter auf ihn drauf (wie eine Tigerin bei Gerhard Nebel, bloß halt umgekehrt). Es war die einzige Mitbewohnerin, die er jemals gehabt hatte; in der einzigen Wohnung mit Mitbewohnerin in Berlin. 29 Jahre war das her.
Dementsprechend erledigt auf der Heimreise durch Deutschland. Aber auf heitere Weise.
Draußen donnert es unerlöst. Als ob wir alle verschluckt wurden über Nacht.

23.7.2020

Der nächste Halt wird Berlin Hauptbahnhof sein, in Spandau ist schon ein Bettler zugestiegen. Genau genommen: ein Blinder Passagier, der sehenden Auges durch den Waggon der Ersten Klasse geht, sein Zeitüngchen feil bietend, schwankend, das letzte Exemplar. Der Zug schwankt, der Bettler geht. Draußen vor dem Fenster fährt gleichauf eine S-Bahn ein in den Bahnhof. Die Passagiere tragen Masken.
Am Savignyplatz wirkt alles leer, wie verlassen. Die Autorenbuchhandlung verweist schriftlich auf ihren Online-Shop. Schulferien, dazu noch Corona. Der Zwiebelfisch ist ausgebrannt. In der Glastür hängt ein Zettel vor einem Hintergrund eiskalt gekachelter Leere: «Wir sind zum Betteln nicht geboren. Aber Corona und Brandstiftung ist zuviel.»
Ansonsten ist alles wie immer, überall dort, wo der Boden nicht aufgerissen war, ist er jetzt aufgerissen. Wo er einst aufgerissen war, ist er jetzt wieder zu.
In der Suarezstraße, sollte man annehmen dürfen, sitzen ja eigentlich diejenigen, die mehr gesehen haben als alle anderen. Nichts von den Zeiten, Epochen, an Stilen und Wirrungen, Verirrungen ist diesen Trödlern des Westens noch fremd. «Aber sowas: haben selbst wir noch nicht gesehen.»
Steifensandstraße, Ecke Witzleben, Roman.

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