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Remember New Journalism 3

Kolumne
alle zwei Wochen auf waahr.de
Wer ist Julia Zange? Was ist Girlie-Literatur? Über die Buchpräsentation des Jahres samt rauschender Partynacht

„Wer ist denn bloß Julia Zange?“, fragte mich mein Lektor Nico Van der Hülsen verzweifelt. Er hatte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung seinen Autor Maxim Biller gelesen, der sich über diese Kollegin – eben Julia Zange – dahingehend geäußert hatte, dass ihr neues Buch DAS ideale Weihnachtsgeschenk sei. Außerdem sei es wahnsinnig gut und poetisch. Billers Freundin Anna Prinzkau hatte es in derselben Ausgabe der F.A.S. ebenfalls als Geschenk des Himmels bezeichnet. Es käme ihr so vor, als sei Weihnachten nur für dieses wunderbare kleine Büchlein erfunden worden.

Was sollte ich dem Lektor da antworten? Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Zuviel hatte auch ich, ja gerade ich (und gewiss nicht nur ich), in den letzten Tagen mit Julia Zange erlebt. Doktor Bessing, mein Berliner Vorgesetzter und Chef des Waahr.de-Verlages, hatte mich sogar schon aufgefordert, darüber die nächste Kolumne zu schreiben. Das kam nun am wenigsten in Frage, wollte ich mich doch nicht über Freunde und Bekannte äußern, noch dazu in aller Öffentlichkeit. Ich sagte also: „Nico, das ist ein weites Feld. Das kann man nicht in einem Satz beantworten.“ – „Aber Biller schreibt, jeder Satz der Autorin sei wie ein Schaben der Rasierklinge über die eigenen Pulsadern! Was meint er damit? Er ist mein wichtigster Autor!“

Natürlich hatte ich eine Geschichte mit Julia Zange, wie jeder andere in Berlin auch, also jeder aus der einschlägigen Literaturszene. Aber in mir sträubte sich etwas, davon anzufangen. Es war so unbedeutend und unöffentlich. Oder eben gerade öffentlich und damit unliterarisch.

„Ich weiß nicht, Nico. Ich mag das ganz gern, was sie schreibt, also wirklich gern. Es ist halt die Art von Literatur, die ich immer wollte und auch selbst geschrieben habe.“

„Ja, ja! Na bitte! Und? Weiter!“

„Aber das habe ich übrigens auch geschrieben.“

„Natürlich! Deswegen frage ich dich ja!“

„Es widerstrebt mir einfach, etwas Negatives über so etwas, so ein… hm, Mädchen, in die Welt zu setzen.“

„Wieso jetzt was Negatives? Ich denke, sie ist SUPER! Die Ronja von Rönne des 21. Jahrhunderts! Oder nicht jetzt?“

„Nee, niemals. Ronja ist dagegen… also, das ist wirklich eine ganz andere Dimension.“

„Fuck! Du mochtest doch Ronja! Ich kenn’ mich gar nicht mehr aus!“

„Nein, Ronja ist mehrere Dimensionen besser, wollte ich damit sagen.“

NOCH besser?!“

„Verdammt Nico, nerv’ mich nicht… Mich hat schon Joachim Bessing bestürmt mit dem Thema. Der will, dass ich eine ganze Folge ‚Remember New Journalism‘ dazu verfasse.“

„Das ist doch gut! Klar, das ist New Journalism! Brandauer, der Wannsee… Julia Zange! Das sieht man übrigens auch im Verlag so. Der Helge erhöht dir bestimmt die Weihnachts-Gratifikation…“

Es ging nicht anders – ich musste ihm die ganze Geschichte erzählen. Hier ist sie:

Einmal war ich mit dem großen Feuilletonisten Jan Küveler in der alten DDR-Teestube „Café Cinema“ am Hackeschen Markt. Es ist das einzige Café aus der ehemaligen Ostzone, das den Kapitalismus und die westdeutsche Besatzung unter Helmut Kohl (1982–1998) überlebt hat. Es gehen dort nur seltsame, schwer einordenbare Gestalten hin. Wir verstanden uns gut, der begnadete Stilist und ich, um nicht zu sagen, wir unterhielten uns königlich. Einmal kam ein zartes Mädchen in einem weißen Schleierkleid vorbei, einer Art Gardine, die es um den kleinen Leib gewunden hatte, und das war Julia Zange. Ich will gern zugeben, dass ihr Auftreten ungewöhnlich war und etwas von einer „Erscheinung“ hatte, also etwas Übernatürliches. Es war dunkel in dem Lokal, sehr DDR-haft dunkel, wie in einer mittelalterlichen katholischen Kirche, und ich konnte das Alter dieses weißen Engels nicht schätzen. Ein Christkindchen oder doch schon eine Frau? Zu meiner Verblüffung kannte sie Jan Küveler, schwebte zu unserem Tisch und begann äußerst schüchtern eine Konversation.

Mein erster Eindruck war: Hier stand ein höflicher, unsicherer, sympathischer Mensch, noch ganz dem Bereich des Erwachsenwerdens zugehörig. Es war bereits die Rede von ihrem Buch, das zu dem Zeitpunkt ja auch fertig war. Ich ahnte nicht, dass es den hässlichen Titel „Realitätsgewitter“ tragen würde, auch nicht, dass es schon das zweite Buch des vorsichtig sich in die Welt tastenden Kindes war (nach „Identitätsschwierigkeiten“ von 2007). Natürlich ahnte ich erst recht nicht, dass so viele Hardcore-Sex-Szenen darin sein würden. Womit wir auch schon beim Punkt meiner verhaltenen Kritik wären. Warum will uns ein Mädchen, das wie eine Siebzehnjährige aussieht und wie eine Elfjährige auftritt, unbedingt weismachen, sie hätte schon Legionen von kraftstrotzenden Berliner Szene-Männern im Bett gehabt? Etwa, weil es so war? Diese Erklärung ist meistens die wahrscheinlichste oder wahrste, aber sie befriedigt nicht. Denn wenn jemand so sensibel ist wie sie, die zarte Julia Zange, müsste sie doch wissen, wie dumm und kontraproduktiv das ist. Dann kann sie doch nicht darüber klagen, wie sinnlos ihr Leben verläuft.

Andererseits könnte man einwenden, dass man von jungen Autoren eben genau so etwas zwingend erwartet: Protokolle der existentiellen Sinnlosigkeit. Und wie kann man sich künstlich existentiell sinnlos fühlen? Indem man mit lauter Idioten vögelt. Ich hatte also Verständnis für alles und war dennoch weniger euphorisch als Maxim Biller.

Julia schickte mir ihr Buch zu, ich las es, zog ein paar lobende Blurbs aus dem ‚Blurbomaten‘, den Küveler, Schwilden und ich im Sommer konzipiert und gebaut hatten – das war und ist ein Apparat zur sofortigen Herstellung von überschwänglichen Klappentexten. Er wird inzwischen vor allem von Redakteuren der Zeitung DIE WELT genutzt, da Küveler ihn im Chill Room der dortigen Kulturredaktion aufgestellt hat. Die Blurbs gingen erst einmal ins Netz. Um Zange optimale Aufmerksamkeit zu sichern, betonte ich die sexuellen Elemente. Obwohl der Blurbomat mich nötigte, Julia als neue Ronja von Rönne auszurufen, verkniff ich mir das. Wahlweise wurde mir natürlich wieder „der neue Fänger im Roggen“ nahegelegt, aber ich blieb bei meinem Satz, also daß die Ich-Erzählerin sich todesmutig in die Tinder-Hölle werfen würde.

Es kam dann die Nacht der Nächte, die große Party, die Buchpräsentation. Sogar in Wien und Zürich hatte man davon gehört. Tex Rubinowitz charterte eine Maschine für interessierte Kollegen, hieß es gerüchteweise. Daran stimmte nur, dass ich Schriftsteller aus Österreich im Aufbau-Verlagshaus traf.

Für mich persönlich begann die Sause schon um 18 Uhr. Ich traf Joachim Bessing sowie die stellvertretende WAAHR.DE Geschäftsführerin Stefanie Roenneke zum Pre-Drinking im Mitte-Lokal „Lass uns Freunde bleiben“. Die Stimmung war großartig, nämlich mit genau diesem unvergleichlichen Kribbeln, das alle Beteiligten am Beginn eines historischen Party-Events immer zuverlässig haben. Ich bekam einen portugiesischen Kaffee, den der Chef aus eigener Tasche beglich. Was für ein Start in den Abend!

Mit dem Taxi ging es zum Einsatzort. Das war bekanntlich das Haus des zuletzt sehr angesehenen Aufbau-Verlages. Draußen standen die Hipster. Leute aus allen Städten der Bundesrepublik, die so taten, als müssten sie rauchen. Auch die Autorin war darunter. Sie redete kurz mit mir, beschwerte sich über den Blurb, den sie übertrieben fand, war aber – natürlich – nicht böse. Wir betraten den Innenhof, also ich und Julia Zange, die sich an meinen Arm klammerte. Auch hier erwartungsfrohe Zuschauer. Ich fühlte mich ein bißchen wie Cristiano Ronaldo, wenn er, aus den Katakomben des Stadions kommend, mit einem Fußballerkind an der Hand, ernst auf das Feld schreitet.

In der überfüllten Halle war es heiß. Julia legte die Thermojacke ab. Darunter trug sie ein ausgeklügeltes Pippi-Langstrumpf-Outfit. Das war eine eingegangene Jeans, die ihr viel zu klein war und kaum über das Knie ging, sodass man dachte, hier trägt eine Elfjährige die Hose ihrer siebenjährigen Schwester auf. Oben herum hatte sie ein Ringelpullichen aus den 50er Jahren an. Als Frisur hatte sie sich einen bauschigen Pony ausgedacht, der bis zu den Augen reichte, sowie einen neckischen Topfschnitt, mit ins Gesicht fallenden Haarbögen. Ich weiß nicht, ob man sich das jetzt vorstellen kann. Zuletzt gab es solche Kostümierung im Münchener Kinderfasching vor fünfzig Jahren. Doch nun kommt der Gipfel: Julia hatte auch noch ihren Hund dazugepackt, als Mega-Accessoire, einen „süßen“ kleinen Dackel, den sie fortan gezielt einsetzte.

Ihre Lektorin eröffnete den Abend mit einer berauschten Rede auf das Talent, ja das Genie der Autorin. Schon vor vielen Jahren, nach Erscheinen des Erstlings „Identitätsschwierigkeiten“, habe sie, die Lektorin, unbedingt ein Buch mit ihr machen wollen. Unter allen Umständen! Es sei ihr Herzenswunsch gewesen. Aber Frau Zange habe sich geziert, habe sich dagegen gewehrt, habe sie vertröstet und immer wieder hingehalten. Dann, nach Jahren, wenigstens die vage Hoffnung auf eine Kurzgeschichte. Und nun, jetzt, heute, hier, doch noch, ein ganzer, sogar großer, schwerer, tiefsinniger, umwerfender Roman!

Ihr blieb die Spucke weg. Alle im Saal waren beeindruckt. Und ich am meisten! Ich sah nämlich, dass die Lektorin das Zeug hatte, einmal Christine Westermann im Literarischen Quartett zu ersetzen. Ich wäre bereit, darauf jeden Betrag zu wetten. Denn die Frau war zweifellos mit gleich mehreren Talenten gesegnet, die in dieser Kombination kein zweites Mal vorkommen, nämlich, in dieser Reihenfolge, mit Lebenslust, Karrierestreben, Intelligenz, Eloquenz, Literaturwissen, Haltung und Leidenschaft. Wäre meine eigene Haltung zufällig dieselbe wie ihre, wäre ich schon jetzt – mit ihrer Hilfe – so erfolgreich wie Elfriede Jelinek. Leider ist meine Haltung die von Michel Houellebecq, also genau die gegenteilige.

Nachdem nun also alle dachten, gleich würde die Wunder-Autorin die Menschen blenden mit ihrem phantastischen neuen ‚Romanwerk‘, wurden sie von der jetzt einsetzenden Pieps-Stimme Julia Zanges schockiert. Die in Wirklichkeit über 30-jährige Frau sah nicht nur wie 17 aus, und sie bewegte sich nicht nur wie eine Elfjährige, sondern sie setzte auch noch künstlich die Stimme einer Fünfjährigen ein. Und wieder bleibt als Entschuldigung – und keinesfalls ironisch gemeint – dass es vielleicht wirklich ihre Stimme ist, die wahre.

Selbst die entsetzlichste Stimme, wenn es denn die wahre ist, hört sich ja besser und angenehmer an als eine perfekte falsche. Und so folgte ich der Lesung mit zunehmender Dauer erfreut. Die beschriebenen Erlebnisse sind glaubwürdig, gut, adäquat, durchaus poetisch – wie Maxim Biller ja sich traute zu sagen – und im besten Sinne popliterarisch aufgeschrieben. Ich würde den schmalen Band gern den Kindern meiner Frau schenken, wenn sie denn welche hätte. Ich würde es auch toll finden, wenn es Wolfgang Hermsdorfs „Tschik“ im Deutschunterricht der Mittelstufe ersetzte.

Aber ist der Inhalt nicht doch „zu doof“, um es einmal undramatisch zu sagen? Ich weiß, nun kommt das Fänger-im-Roggen-Argument. Der dortige Held Holden Caulfield wirft ja auch nicht gerade mit Weisheiten um sich. Kein literarischer Held muß das. Die Weltliteratur ist voll mit Schwachköpfen, und je schwachsinniger sie sind, desto höher ist meist die Qualität des Romans. So gesehen wäre es gut zu wissen, ob die Autorin selbst so ein Vollpfosten ist wie ihre kindliche Ich-Erzählerin im Text. Ich nahm mir also nach der Lesung zwei Gläser Rotwein und bat um ein Gespräch. Es wurde mir gewährt.

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Julia Zange sieht keinen wesentlichen Unterschied zwischen sich und dem Mädchen im Buch. Dem ist in jedem zweiten Absatz schlecht, in jedem dritten wird ihm schwindelig, auf nahezu jeder Seite muss es einmal weinen, meistens, weil der anonyme Beischlaf mit einem uninteressanten Mainstream-Macker via ‚Tinder‘ so herzlich wenig gebracht hat. Kann man, äh, kann frau so blöd sein? Oder, noch einmal anders herum: Kann es sich womöglich trotzdem, oder gerade DESHALB, um geniales Schreiben handeln? Schrieben nicht auch Baudelaire, Mallarme und dergleichen wie geistig Behinderte?

Taten sie nicht. Leider. Und natürlich ist Zanges Prosa zwar gut, oft sogar sehr gut, aber doch limitiert. Man lese einmal parallel dazu die ersten fünfzig Seiten von „Alles Lüge“. Das ist ein Unterschied wie Lieder auf der Wandergitarre zu Wagners Tannhäuser im Großen Haus in Bayreuth. Es ist einfach unendlich viel mehr und unendlich viel größer als das kraftlose Jammern eines offenbar hässlichen Entleins, das es nötig hat, sich Sex übers Netz heranzuschaffen. Und das diesen Zustand auch noch als existentiell missversteht.

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