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»Zeit essen Texte auf«

Die Kids aus unserem Hinterhof

Reportage
zuerst erschienen im März 2015 in Mehr Berlin, Tagesspiegel am Samstag
Drei Nachbarjungs vom Kottbusser Tor in Berlin. Fünf Jahre haben Autor Nik Afanasjew und Fotograf William Veder sie begleitet. Gibt es einen Platz für sie? Wollen sie den?

Das Verrückte ist ja, dass Jamal mal ein Praktikum bei der Polizei begonnen hat. In seiner Schule wurde gefragt, wer so eine Erfahrung machen will. Jamal wollte. Er bekam einen von nur drei Plätzen. Zufall, glaubt Jamal. Vielleicht war es wirklich Zufall, vielleicht hatte auch ein Lehrer den Jungen auf den richtigen Weg bringen wollen. Den Bock zum Gärtner machen, damit er weniger bockig wiederkommt. Hat nicht so gut geklappt.

Das Praktikum war Jamals Chance, vorzustoßen nach vorne, in die Mehrheitsgesellschaft, sich festzusetzen, zu etablieren. Diese Chance lag auf einem schmalen Pfad. Abseits dieses Pfades liegt für Jungs wie Jamal auf der einen Seite der radikale Islamismus, auf der anderen das konsumorientierte Kleingangstertum und dahinter die große Kriminalität. Es war nicht die letzte Chance, aber es war eine – genutzt hat Jamal sie nicht. Das lag an einer scharfen Polizistin, glaubt er heute.

Und das kam so: Außer dieser wirklich gut gebauten Polizistin gab es auf der Wache noch diesen einen Polizisten, Typ Aktenfresser. „So einer, bei dem du denkst, der hat früher immer Schläge bekommen“, sagt Jamal. Es geschah also eines Tages, dass sich die besagte Polizistin bückte. In so einer Situation gewisse Gedanken kriegen, okay, aber nie wäre Jamal auf die Idee gekommen … da haut der Aktenfresser ihr auf den Arsch! Die Polizistin fuhr herum. „Wer zum Teufel war das?“ Der Aktenfresser zeigte auf Jamal. Die Polizistin schrie ihn an. Jamal beteuerte seine Unschuld. Niemand glaubte ihm. Er schmiss sein Praktikum. Seither ist Jamal bei Kontakten mit der Polizei wieder auf der richtigen Seite, also auf der falschen.

Jamals Freunde lachen häufig, während er erzählt, obwohl sie die Geschichte natürlich kennen. Sie erheben sich aus den Tiefen eines zu bequemen Sofas in einem abgeranzten Kreuzberger Café. Maurize zieht an seiner im Mundwinkel hängenden Zigarette, klatscht energisch links und rechts auf einen Hintern vor seinem geistigen Auge. „Es gibt aber auch korrekte Bullen“, sagt er kurz darauf, plötzlich nachdenklich. Milo nickt.

Jamal, Maurize und Milo sind kürzlich volljährig geworden. Sie heißen eigentlich anders, ihre Decknamen haben sie sich selbst ausgesucht. Jamal ist Türke, Maurize palästinensischer Libanese, Milo ein Walache aus Serbien. Sie sind Berliner mit Migrationshintergrund, geboren und aufgewachsen in Kreuzberg und Neukölln. Sie stammen nicht aus den besten Verhältnissen, aber nach dem wenigen, was sie von ihren Elternhäusern erzählen, auch nicht aus kaputten Trash-TV-Familien. Ganz normale Jungs.

Was ist schon normal am Kotti?

Aber was ist schon normal hier am Kottbusser Tor? Was ist normal daran, hier aufzuwachsen? Wir konnten das ein paar Jahre lang miterleben. 2010 tauchte ein gutes Dutzend postmigrantischer Kids am Fenster unserer Erdgeschosswohnung in Kreuzberg auf. Sie kamen von Innenhof, wo sie Fußball spielten, in Spuckweite zum Kotti. Sie fanden es cool, dass „so Deutsche“ einziehen, was viel aussagt über die Zeit und die Gegend. „Ihr seid bestimmt Studenten“, riefen die Kids. Nein, Studenten waren wir nicht, sondern ein Journalist und ein Fotograf, die sie mit der WG-Katze spielen ließen, aber sich weigerten, ihnen Zigaretten zu geben. Trotzdem kamen die Kids wieder. Einige blieben weg, neue gesellten sich hinzu, nur Maurize, der kam immer.

Und auch Jamal und Milo kamen öfter als andere. Diese drei, diesen harten Kern sahen wir in den vergangenen Jahren erwachsener werden und doch noch nicht erwachsen. Jetzt, in diesem Moment, stehen die Jungs zwischen allen Stühlen, Schule und Beruf, Träumen und Realität. Da ist auf der einen Seite die Parallelgesellschaft ihrer Eltern, die wohl so sind wie viele Ältere hier, friedfertig, aber in sich und die eigene Community gekehrt. Auf der anderen Seite ist ihre Heimat Deutschland, die immer noch nicht so recht weiß, ob sie Jungs wie diesen einen Platz anbieten soll. Sie wissen ja selbst nicht, ob sie diesen Platz wollen.

Und dann ist da noch die Sache mit der Religion. Es wird viel diskutiert über Islam und Islamismus gerade in westlichen Gesellschaften, über Kopftücher und Kultur, die Attentate von Paris und Kopenhagen. Es hat dabei manchmal den Anschein, dass mehr über junge Muslime gesprochen wird als mit ihnen.

MILO: „Die haben selber Schuld, die von ,Charlie Hebdo‘.“

JAMAL: „Solche Karikaturen gehören sich nicht. Warum beleidigt man den Propheten? Die ganze Situation mit dem Islam ist heiß auf der Welt. Da macht man besser Wasser rein, nicht Öl.“

MAURIZE: „Ist nicht so, dass die das verdient haben, aber …“

JAMAL: „Egal wer stirbt, er war ein Mensch, es ist immer schade. Aber wenn die so Zeichnungen machen … das ist nicht Pressefreiheit. Die haben unseren Propheten abgebildet! Wenn es gegen Juden geht, dann ist es Antisemitismus. Bei Muslimen heißt es: Pressefreiheit.“

MAURIZE: „Es muss gerecht sein. Die Welt gehört niemandem.“

Maurize und Jamal wollen es noch packen in der Schule, auch wenn sie dort viele Probleme hatten und ihre Ehrenrunden schon hinter sich. Milo nicht. Er hat die Schule ganz geschmissen, ohne Abschluss. Was er jetzt macht? Milo, der ein bisschen aussieht wie ein junger Geschäftsmann aus Südosteuropa, gegelte Haare, hartes ebenmäßiges Gesicht. Gerade macht er nichts. So ganz grundsätzlich und allgemein in seinem Leben: nichts. Neben ihm wirkt Jamal schlaksig und jung, mit seinen hohlen Wangen und den kurzen Haaren. Maurize hat Locken, „auf denen kannst du Trampolin springen“, sagt Milo. Jamal lacht.

Wie die drei da so sitzen, in diesem ranzigen Café, hektisch reden und ruhig rauchen, wirken sie reifer als sonst. Obwohl wir uns gut kennen, ist das jetzt ein richtiges Treffen zwischen Journalisten und Protagonisten, das macht erwachsen. Wie sie wirklich sind, wissen wahrscheinlich nicht einmal sie selbst. Wir kennen ohnehin nur einen Teil von ihnen gut, ihre Straßen-Ichs, machohaft, das Kindliche blitzt noch auf. Sie werden später an diesem Abend, einmal auf die Straße gelassen, wieder zum Vorschein kommen. Dann, wenn sich Sprüche und Stimmungen hochschaukeln und diese Spannung in der Luft liegt. Der Glaube daran, dass immer etwas Großes passieren kann.

Damals, 2010, schien das Größte für die Kids in unserem Hof eine Zeit lang tatsächlich das Fenster zu unserer WG zu sein. Vielleicht auch, weil es für sie ein Fenster ins andere Deutschland war, das sie umgab und ihnen dennoch fremd und spannend erschien. Wenige Tage, nachdem sie das erste Mal aufgetaucht waren, kamen sie schließlich auch in die Wohnung. Sie fragten, ob sie Videos abspielen dürfen, auf Youtube. Sie durften.

MILO: „Die Welt gehört Gott.“

MAURIZE: „Die Terroristen und IS, die haben nichts mit Gott oder Islam zu tun. Ein Terrorist hat keine Religion. Es ist scheiße, wenn der Prophet beleidigt wird. Aber der Prophet selbst würde sagen: Lasst sie reden!“

JAMAL: „Solche Zeitungen sollte man verbieten. Wenn ich jemandem auf die Nase schlage, werde ich bestraft. Warum werden die nicht bestraft? Die verletzen mich in meiner Seele.“

MAURIZE: „Nein, nicht verbieten. Lasst sie machen! Lasst sie reden!“

Es war die Zeit, als auf RTL Problemkind Felix ausrastete und auch von der Supernanny nicht von seiner Wut abzubringen war. „Wenn ich durchdrehe, klatsch‘ ich meine Mutter“, sagte Felix. „Verpiss‘ dich, alte Fresse.“ Die Kids fanden das sehr lustig. Bei ihren Eltern hätten sie sich so etwas aber nie getraut, beteuerten sie.

Bei ihren Lehrern ging da schon mehr. „Ich war gut in der Schule, so bis zur 6. Klasse“, erinnert sich Maurize heute, „dann haben so Sachen angefangen.“ Mitschüler begannen, im Unterricht Pornos abzuspielen. „Einmal hat eine Lehrerin ihren Kaffee vergessen. Da hat einer seinen Pimmel rausgeholt und … so ekelhafte Sachen eben.“ Die Jungs fingen an, sich zu prügeln. Im Winter wurden Steine in die Schneebälle gesteckt, damit es mehr wehtut. „Das hat Spaß gemacht“, sagt Maurize.

„Wir waren so Schwänzer innerhalb der Schule“

„Ich hatte schon Bock auf Schule, aber ich konnte mich nicht konzentrieren“, erzählt Jamal. Er und Maurize stachelten sich gegenseitig an. „Wir haben noch nie erlebt, dass jemand sagt: Ihr seid ein gutes Team, da greifen so Rädchen ineinander.“ Im Gegenteil: Wenn sie mal im Unterricht anwesend waren, mussten sie sich auseinandersetzen. Meistens waren sie aber eh nicht im Unterricht. „Wir waren so Schwänzer innerhalb der Schule“, erklärt Maurize. „Wir waren da, aber auf dem Schulhof. Oder im Unterricht, aber dicht, also nicht so richtig im Unterricht.“

Milo schwänzte da schon routiniert die Schule, manchmal monatelang. Irgendwann sollte seine Familie 2500 Euro Strafe bezahlen, doch sie zahlte nicht. Die Schule gab es auf, gab ihn auf, sagt er. „Sie wussten, sie kriegen das Geld eh nicht“, sagt Milo. Er bekam später noch eine „Zweite Chance“, so hieß das Projekt für chronische Schulverweigerer wie ihn. Er nutzte sie nicht. „Ich habe zu Hause geschlafen, gekifft, in Internetcafés abgehangen.“

Eine Schule, die mit Jungs wie Milo überfordert ist, ist das eine – aber warum hat Milos Familie ihn nicht auf den geraden Pfad getrieben? Was haben seine Eltern gemacht? „Die haben gesagt: Nicht gut. Geh zur Schule“, erzählt er. Und als er trotzdem nicht hinging? „Nichts haben sie gemacht.“ Bei Maurize und Jamal klingt das ähnlich, wenn sie erzählen, was ihre Eltern zu ihrem Abdriften ins Kiffer-Leben sagten. Begeistert waren sie nicht, aber ernsthaft etwas dagegen unternommen haben sie auch nicht.

Wir, die großen Kumpels aus der WG, haben uns später manchmal gefragt, warum wir beide nicht mehr unternommen haben, um die Jungs zur Vernunft zu bringen. Wir sagten ihnen in dieser Zeit ständig: „Geht hin. Macht etwas.“ Wir halfen ihnen auch bei Hausaufgaben, bei Referaten, über Klaus Wowereit und die DDR. Irgendwie halfen wir damit auch uns selbst, vielleicht halfen sogar sie uns ein bisschen, denn auch wir waren mal in diesem Alter, in dem Mist bauen alles und die Schule nichts ist. Indem wir den Kids halfen, indem wir versuchten, Vorbilder zu sein, ließen wir es endgültig hinter uns.

Und vielleicht wollten wir dabei nicht zu sehr wie ihre Eltern klingen, die wir nicht kennen und von denen wir annahmen, dass sie die Jungs ständig ermahnten. Wir waren die älteren Freunde, die mehr hätten tun können, wie im Nachhinein scheint. Wir haben ihnen nur klargemacht: Schule ist wichtig, aber etwas zu finden, woran das Herz hängt, ihr Ding eben, ist noch wichtiger. Leider wurde für eine gewisse Zeit das Kiffen zu ihrem Ding. So meinten wir das ganz bestimmt nicht.

Die Jungs fingen damals an, Rap zu hören und sich bei uns die Videos anzusehen. Es war die Zeit von Gangster-Rapper DJ AK. „Die erste Kugel ist gratis“, ließ er alle wissen. Deutscher Sprechgesang eines wütenden Jungen, der sehr schnell spricht und meistens davon, Mädchen ins horizontale Gewerbe zu zwingen, damit er Kohle scheffelt für seinen vertikalen Aufstieg aus dem Ghetto zur Skyline. Dollar, Dollar, Bling-Bling.

JAMAL: „Ich habe früher viel Taschengeld bekommen, manchmal 50 Euro, einfach so.“

MILO: „Ich habe zehn bekommen, jeden Tag.“

MAURIZE: „Wir kriegen Geld, wenn wir fragen, die deutschen Kinder bekommen einmal im Monat, und das war’s dann.“

JAMAL: „Ich habe nie kein Geld bekommen wegen schlechter Noten oder so.“

MAURIZE: „Aber auch wenn wir kein Geld hatten, wir haben immer Gras bekommen. Wir kannten die Verkäufer.“

JAMAL: „Heute ist alles anders geworden. Die Leute sind egoistisch.“

MAURIZE: „Wir haben überall Kings in Kreuzberg. Jeder macht auf dicke Hose.“

MILO: „Die Menschen haben vergessen, wie man teilt.“

JAMAL: „Heute sagen alle, sie gehen nach Hause und dann gehen sie alleine essen, nur um nichts abzugeben.“

MAURIZE: „Wenn wir nichts hatten … wir haben uns sogar eine Salzstange geteilt!“

Die guten alten Zeiten. Es klingt seltsam, wenn 18-Jährige von ihnen schwärmen. Dosen im Ein-Euro-Shop klauen, schwänzen, kiffen – und alles von Bedeutung noch so weit weg. Aus dieser Perspektive heraus erscheint die schiefe Bahn wie eine gerade Straße ins Kleingangster-Glück. Wir kannten das Gefühl der Jungs. Auch wenn wir nie so rabiat waren, wie sie dann wurden.

Sie fingen damals an, Leute anzumachen, „ansaugen“ nennen sie das, grundlos, aus Spaß. Nur dass nicht alle mitlachen können. Zwei erwachsene Männer fanden die Bengel mal gar nicht lustig, „das waren so Araber“ – sie prügelten sich richtig, wie Erwachsene. Maurize schlug mit seiner Gürtelschnalle auf einen der beiden ein. „Ich habe den Gürtel immer noch zu Hause, den kann man nicht mehr anziehen, das Blut geht nicht weg.“

Milo ging in diesen Tagen einmal das Geld aus, er zog mit anderen Kids los, klauen, am Ku’damm. Sie nahmen nichts, was sie wirklich gebrauchen konnten, eher das, was sie in die Finger bekamen. „Torte haben wir geklaut und dann einen Feuerlöscher.“ Die Polizei kam, alle flüchteten, Milo stolperte. „Die Polizisten haben mich noch getreten, als ich am Boden lag“, sagt er und bewegt seinen Kiefer. Es knackt. „Das habe ich davon.“

Festnahmen waren in diesen Tagen keine Seltenheit. Ein Polizist habe Maurize gesagt: „Du stinkst.“ Maurize pöbelte zurück. „Warum bist du nicht in deinem Scheiß-Land geblieben? Wo ist dein geklautes Handy, du Kanake?“ sagte der Polizist zu ihm. Maurize regt sich jedes Mal wieder auf, wenn er von diesem Vorfall erzählt, er wird laut, hebt seine Hände. „Ich habe gesagt: ,Ich liege doch schon am Boden. Hör auf!‘ Da hat er seinen Handschuh ausgezogen und mir damit in die Fresse geschlagen.“

MILO: „Früher waren die Polizisten aber noch schlimmer.“

MAURIZE: „Die sind heute genauso.“

JAMAL: „Nee, früher waren die schlimmer.“

MILO: „Trotzdem werde ich kontrolliert, wenn ich nur den Müll rausbringe.“

JAMAL: „Wer ist denn die größte Mafia der Welt? Die Bullen!“

MAURIZE: „Aber die deutschen Bullen sind okay. Im Libanon verprügeln sie die Leute noch mehr.“

Einmal wäre das alles allerdings fast schiefgegangen, so schief, dass kein progressiver Sozialarbeiter es hätte geradebiegen können. Die Jungs kamen nicht in einen Club rein, unweit der Jannowitzbrücke, „obwohl es keinen Grund gab, uns nicht reinzulassen“, sagt Jamal. Sie kletterten über den Zaun, tanzten, klauten Drinks, bekamen Ärger mit anderen Gästen. Maurize spricht nicht gerne über diese Nacht, leise sagt er: „Ich wollte so einen Typ abstechen. War mir damals scheißegal.“ Er zückte sein Messer und stach zu, die schwere Lederjacke seines Gegners verhinderte Schlimmeres, er kam ohne schwere Verletzung davon. Die Jungs flüchteten. Am Alex wurden sie später festgenommen.

Maurize, Jamal und Milo erzählten von ihren Erlebnissen schon damals ganz aufgeregt, sofort nachdem all das passiert war, wenn sie zum Fenster der WG kamen und mittlerweile einfach ihre eigenen Zigaretten mitbrachten. Wir ahnten, dass sie hier und da ein bisschen oder auch ein bisschen mehr übertrieben. Aber so emotional geladen, wie sie erzählten, so gut wie die Geschichten zu ihnen passten, wussten wir auch, dass wirklich etwas vorgefallen sein musste. Wir versuchten, sie weder zu ermutigen noch zu sehr zu verurteilen. Wir waren die positiv gestimmten Begleiter der Jungs, für mehr fühlten wir uns nicht zuständig. Es war ihre Zeit des Kleingangstertums. Und auf Youtube lief „Komm Komm“ von Teroa Team, mit einer flimmernden Abfolge von Sonnenbrillen, verschränkten Armen, Muskeln, Muschis und Maseratis. Musikclips als Gehirnwäsche.

Die Autodidakten erklären den Islam

Doch gleichzeitig, parallel und schleichend, wurde es auch die Zeit von Männern wie Ibn Yakub. Während die biodeutsche Mehrheitsgesellschaft noch über Lehrstühle für Islamwissenschaftler stritt, waren die Autodidakten schon längst da, und Kids wie Maurize sahen auf Youtube ihre Videos. „Das Kalifat – eine Diktatur?“, fragte Yakub seine „lieben Geschwister im Islam“. Yakub ist ein sichtlich erregter junger Mann mit nicht allzu langem Bart, der selten direkt in die Kamera guckt und Sätze sagt wie: „Es gibt so viele schöne Beispiele, wie wir zeigen können, dass unsere Herrschaftsform, das Kalifat, der Demokratie gegenüber erhaben ist.“ Es ist eine Art aufgeklärter Radikalismus, den er predigt. Für Frauen sieht diese Lehre ein Leben am Herd vor.

Maurize war in dieser Phase häufig zu Gesprächen über Religion aufgelegt. Seine Ansichten wurden nicht radikal, er fing nur an, sich über die Doppelmoral des Westens aufzuregen. Wir diskutierten viel mit ihm, über Recht und Unrecht und über Gewalt, warum sie abzulehnen ist. Für Milo hat der Glaube nie eine große Rolle gespielt, für Jamal eher in seiner Kindheit, als er bei Besuchen in der Türkei vor der Großfamilie laut auf Arabisch im Koran las, weil seine Mutter sich darüber freute. Er verlernte es später. Wir wussten nicht wirklich, wie religiös seine Familie ist. Von seinen Berichten her hörte es sich mehr nach einer Mutter an, die sich freut, wenn die Familie versammelt ist. Milo, Jamal und Maurize waren für uns die Jungs am Fenster, in ihre familiäre Welt hatten wir keinen Zugang. Es erschien uns immer so, dass wir und ihre Familien zwei Welten waren, die sie gerne trennten, weil sie ihnen nicht vereinbar schienen. Vielleicht sind sie das auch nicht.

Maurize begann sich in einem Alter mit der Religion zu beschäftigen, das typisch für die Suche nach Orientierung ist. Er erklärte plötzlich im Sommer 2014, da war er 17, dass er nicht mehr trinken und kiffen würde. Teilweise wegen der Lehren des Islam, aber auch einfach, um nicht erneut sitzenzubleiben. Für einen Dauerkiffer war das ein großen Versprechen. Jamal machte bei Maurize’ neuem nüchternen Leben mit. Aus den gleichen Motiven – und aus Solidarität.

JAMAL: „Wenn ich 30 bin, will ich ein Haus haben und Kinder. Zehn Kinder.“

MAURIZE: „Was, zehn Kinder? Dann musst du jetzt schon anfangen.“

JAMAL: „Ach, hör auf, Alter.“

MAURIZE: „Ich hatte einmal ein deutsches Mädchen. Ihr Vater ist Architekt, so richtig reich. Ich habe sie auf seinem Bett gebumst.“

MILO: „Deutsche Frauen sind okay, aber es muss ein gutes Mädchen sein. Keine Schlampe.“

MAURIZE: „Ein Frau muss gut kochen können.“

MILO: „Sie muss Respekt haben.“

JAMAL: „Hauptsache, sie kann die Kinder gut erziehen.“

MILO: „Ja, Hauptsache die Kinder. Ich muss meine Frau nicht lieben. Liebe kannst du auch draußen kriegen.“

MAURIZE: „Männer sind wie Ton: Je älter, desto schöner. Frauen sind wie Blumen. Je älter …“

MILO: „Seine eigene Frau darf man nicht blasen lassen.“

MAURIZE: „Auf keinen Fall!“

JAMAL: „Man kann sie doch blasen lassen und später Kinder mit ihr kriegen.“

MILO: „Die küsst danach deine Kinder. Ist doch ekelhaft!“

Es ist in etwa diese Stelle, an der sich in dem abgeranzten Kreuzberger Café das ernste Gespräch über Vergangenheit und Zukunft erst einmal erledigt hat. Der aufkommende Übermut der Jungs lässt in diesem Augenblick einfach keinen Platz mehr für etwas anderes als das Jetzt. Milos Whiskey-Cola ist leer, Jamals und Maurize’ Cola ohne Whiskey auch. Die beiden halten sich tatsächlich an ihr Gelübde zur Nüchternheit. Doch auch dieses Gelübde macht sie nicht ruhig. Jungs wie die drei sind immer in Bewegung, Zappelphilippe des 21. Jahrhunderts.

Es geht hinaus, auf die Straße, in die anbrechende Nacht. Die Jungs tragen alle Jeans und schwarze Lederjacken. Vor ihnen liegt der wie immer unfeine Kotti. Ein wenig erinnert der Platz rund um Station und U-Bahn-Viadukt an die Türkei der 90er Jahre, wo Hausbauer wegen der Hyperinflation immer dann eine neue Wand errichteten, wenn genug Geld vorhanden war, weshalb unfertige Hausgerippe Fernstraßen säumten. Der Bezirk ließ den Kotti aufbuddeln, stellte dann fest, dass kein Geld mehr da ist, das Baustellenband flatterte monatelang im Wind, es ging weiter, aber nicht zu Ende, nie zu Ende.

Und ja, hip ist die Gegend geworden, sie hat sich gewandelt seit der Zeit, als die Jungs zum ersten Mal vor unserem Fenster standen. Sie gehören nicht zu denen, die diesen Wandel vorantreiben, sie begleiten ihn beiläufig, solange die Eltern hier weiter wohnen dürfen, sie passen sich an, sind noch zu jung, um zu fordern, dass alles gleich zu bleiben hat. Es ist immer noch ihr Kotti, laut und schmutzig, aber heute ist es auch die Kotti d’Azur der Weltjugend, der Schönen und Verrückten von überall, durch die die Jungs im Normalfall, in dem sie weder Stress noch Unterhaltung suchen, hindurchsehen, grad so, wie sie selbst von denen durchblickt, aber nicht durchschaut werden. Parallelgesellschaft, ganz praktisch erlebt.

Die internationale Feierelite kommt nach Kreuzberg

Touristenströme fließen auch an diesem Abend unter dem Hochhausungetüm des Neuen Kreuzberger Zentrums (NKZ) vorbei in Richtung Oranienstraße, wo sich schon Pete Doherty besoff, der britische Absturzrocker, Teil der internationalen Feierelite. Die Jungs finden die Touristen nicht schlimm. „Die fragen, ob wir Gras haben. Wir sagen ja, nehmen den Zwanziger und gehen einfach“, sagt Maurize und spuckt neben sich aus. Die anderen nicken. Also, früher hätten sie das so gemacht, schränkt Milo ein. Heute nur noch gelegentlich, fügt Jamal hinzu.

Wer am Kotti mit Anwohnern spricht, wird die überall diskutierten sozialen Fronten vorfinden, doch weisen sie eine seltsame Krümmung auf, die Kotti-Krümmung sozusagen. Das zentrale gesellschaftspolitische Thema der Hauptstadt, die Gentrifizierung, ist rund um die Skalitzer Straße allgegenwärtig, Mieten steigen, Altmieter werden verdrängt. Doch im Gespräch mit türkischen Alteingesessenen kommt heraus, dass viele überzeugt sind, die Mieten würden am Kotti mit Absicht von einer unklaren bösen Macht hochgetrieben, um die Türken zu verdrängen. Die große Debatte um das Recht auf Stadt erfährt hier, wo die postmigrantische Gesellschaft eine besonders lange Tradition des Unter-sich-Bleibens im Zentrum der Stadt hat, eine spezifische Einfärbung.

Von dieser Färbung können die Jungs wenig berichten, sie erfahren die Veränderungen aus ihrer persönlichen Sicht, nicht aus einer übergeordneten, sind so unpolitisch, wie man eben ist, wenn man jung ist und genug mit sich selbst zu tun hat. Die übergeordnete Perspektive, für die wir den Abend mit den dreien hier kurz unterbrechen, hat Ercan Yasaroglu zu bieten. Kaum jemand kennt die Besonderheiten der Gegend besser als er. Yasaroglu betreibt das Café Kotti im NKZ, ist seit 35 Jahren als Sozialarbeiter vor Ort und tritt häufiger als Kotti-Erklärer auf. Er floh als Linker aus der Türkei, hat teilweise ergrautes Haar, das wie ein Toupet auf seinem Kopf liegt, trägt eine Hornbrille und ist Atheist. „Natürlich verändern sich die Kids mit der Gegend. Sogar höhere Döner-Preise verändern sie“, sagt er und blickt auf die Adalbertstraße, wo zum vierten Mal in fünf Minuten Autos mit Blaulicht unter dem Gebäude hindurchrasen.

Seit die Polizei im Görli auf den mittlerweile gestutzten Busch geschlagen hat, musste Yasaroglu Sicherheitsleute engagieren, weil so viele Dealer und Konsumenten zum Café strömen. „Die Spaßgesellschaft ist hier angekommen“, sagt Yasaroglu. „Dabei ist und bleibt der Kotti auch ein Ort für die Nichtgewollten.“ Ein Problem sei, dass viele Jugendliche nun ins Drogengeschäft einsteigen würden. Sie wählten eben den Weg hin zu Knarre, Karre und Blondine auf dem Beifahrersitz. Oder das, was sie für diesen Weg halten.

Nach Paris war die Stimmung besonders gereizt

Nach den Terroranschlägen von Paris sei die Stimmung besonders gereizt gewesen, sagt Yasaroglu. Fundamentalisten seien ins Café gekommen und hätten sich mit einer Gruppe Franzosen gestritten. Yasaroglu wollte schlichten, einer der Bärtigen sagte zu ihm: „Du verdienst eine Kugel im Kopf.“ Ihm selbst habe das nicht viel ausgemacht, er kenne das, doch die Franzosen riefen die Polizei. In Sachen Islamismus kämpft Yasaroglu ohnehin schon lange einen schwierigen Kampf. „So seltsam es klingt: Der IS gibt diesen Jungs eine Perspektive. Sie fühlen sich in diesem Land nicht zugehörig“, sagt er, bestellt noch einen Kaffee und zündet noch eine Zigarette an.

Wenige haben so oft mit jungen Männern am Kotti über Islam und Islamismus gestritten wie Yasaroglu. Er hat mit vielen Rückkehrern gesprochen, die schwer traumatisiert seien, er kannte auch den prominentesten deutschen Dschihadisten gut, Denis Cuspert, der als Deso Dogg rappend durch Berlin gezogen war, bevor er sich dem „Islamischen Staat“ anschloss. „Denis war fast ein Freund für mich. Wir haben lange diskutiert, angeschrien haben wir uns. Es hat nichts genützt. Er hat gesagt, dass er die Deutschen hasst. Er hat viele Sympathisanten unter den muslimischen Jugendlichen und …“ Der Rest von Yasaroglus Worten wird von einer Sirene verschluckt.

Auf den Sozialarbeiter angesprochen, winken die drei Jungs ab. Sie mögen ihn nicht, weil er sie mal nicht in sein Café gelassen hat. Überhaupt wollen sie jetzt endlich weiter, sie wollten schließlich noch zeigen, wo sie früher den ganzen Unsinn verzapft haben, an ihrer ehemaligen Schule. Über Deso Dogg und den IS könne dann geredet werden, sie hätten da auch noch was zu zeigen, später aber, sagt Maurize. Es geht weg vom Kotti, Richtung Admiralbrücke, nach Süden.

JAMAL: „Ich bereue nichts, aber ich finde, vieles, was wir gemacht haben, war dumm.“

MILO: „Ich will arbeiten, aber ich kann ja nichts machen. Vielleicht auf den Bau gehen, so wie mein Onkel oder mein Vater.“

JAMAL: „Mein Vater hat ein Transportunternehmen und ein paar Angestellte. Er ist immer nur unterwegs.“

MAURIZE: „Meine Eltern arbeiten schon lange nicht mehr. Sie chillen.“

JAMAL: „Ich bin ehrlich: Mir ist eigentlich egal, was ich später mache. Mich interessiert mehr das Geld.“

MAURIZE: „Maschinenbau … oder Architekt werden. Irgendwas, womit ich zurückkann in mein Land, in den Libanon, und viel Geld machen. Wisst ihr, wie viel ein Arzt im Libanon verdient? Das ist mal richtig Asche. Jetzt mache ich ja auch was für die Schule. Ich kann das schaffen.“

MILO: „Irgendwas muss man doch machen. Ich hasse mein Leben.“

Je näher die Jungs zur Carl-von-Ossietzky-Gemeinschaftsschule kommen, desto mehr verfliegen die erneut aufkommenden Gedanken an die Zukunft, die lustige Vergangenheit ist wieder so nah. Maurize schubst Jamal, der schubst zurück, die Jungs gehen schnell, sie rauchen eine Zigarette nach der anderen. Das ewig beleuchtete Chaos des Kotti ist im Rücken verschwunden, die Brücke überquert, Kreuzberg wirkt hier fast bürgerlich, die Jungs wie Fremdkörper. Erst die Urbanstraße, tristes Betonband mit Mittelinsel und schmuckloser Randbebauung, bringt das Kreuzberg der Jungs zurück. Die Schule dann: ein grauer Zweckbau hinter einem Tor aus grün lackierten Stahlstreben.

„Ich weiß, wo man hier gut rauchen kann!“, ruft Jamal, als sie das Schulgelände betreten. Und, wo? „Ja, überall halt!“ Der Schulhof liegt im Halbdunkel, um diese Uhrzeit sind dort kaum Menschen. Die Jungs packen noch mehr alte Geschichten aus. Jamal erzählt, wie er eine Lehrerin mal „richtig nett“ fand. „Du fandest die heiß“, sagt Maurize und schubst ihn. „Ich hatte auf jeden Fall einen Plan, wie ich die klarmache. Die war doch okay, oder nicht?“, fragt Jamal die anderen. „Ja, die war okay“, sagt Maurize, „die hatte nur Haare am Arsch.“ „Was? Die hatte keine Haare am Arsch“, sagt Jamal. Maurize beschwichtigt: „Okay, die war hübsch. Ein bisschen ekelhaft, aber man konnte die schon im Dunkeln … die war besser als die anderen Lehrerinnen.“

Jamal erzählt seinen Plan. Er wollte so tun, als würde er seinen Reißverschluss nicht mehr zubekommen. Dann sollte ihm die Lehrerin mit dem Reißverschluss helfen. Dabei läuft heimlich eine Videokamera mit, damit er dann ein Filmchen hat, auf dem es so aussieht, als fummele eine Lehrerin einem Schüler im Schritt herum. Und dieses Video behält er natürlich für sich, wenn sie ihm dafür wirklich einmal im Schritt rumfummelt. „Du hattest einen Scheiß-Plan“, sagt Maurize.

Ossietzky leidet auch als Büste

Kurz darauf stehen die Jungs vor Carl von Ossietzky, der nun, etwa um neun Uhr am Abend, angestrahlt wird. Im Spotlight zieht der Friedensnobelpreisträger auch als Büste auf dem Schulhof eine etwas leidende Miene. Maurize rennt hin und wischt Ossietzky eine. Er lacht. Jamal lacht auch. Maurize spuckt Ossietzky an.

„Der Typ ist tot, schämt ihr euch nicht?“, fragt Milo jetzt und geht etwas zur Seite. „Ich hab dem in den Mund gerotzt“, sagt Maurize zufrieden, als hätte er gerade eine wichtige Arbeit vollbracht. Schließlich kommt ein Wächter aus dem Gebäude, stellt die Jungs zur Rede. Was sie hier zu suchen hätten. Maurize erfindet Ausreden, wirft mit Namen von Lehrern um sich. Sie müssen trotzdem gehen.

Auf dem Rückweg fragt Milo die beiden anderen dann, ob sie in den Puff gehen wollen. Maurize und Jamal wollen nicht.

Lieber zeigen sie später am Abend in der WG am Kotti, was gerade so auf Youtube geht. Es ist dies nun die Zeit der „Generation Islam“, einer Organisation, die auf unzählige Videos von Netzprediger Ibn Yakub verweist und von deren Kanal aus man mit einem Klick beim bekannten Salafisten Pierre Vogel ist. Ihr Video „Der neue Jude – der ewige Moslem“ ist eine aufwendige Animation, die von einer systematischen Hasskampagne gegen Moslems berichtet. „Die Medienhetze gegen den Islam und die Muslime in Deutschland erinnert sehr stark an die Anfänge der NS-Propaganda.“ Diesen und andere vergleichbare Sätze sagt eine kindliche Frauenstimme, die Stimme der Unschuld des Islam.

Hinein in die Nacht: Maurize, Milo und Jamal machen eine Raucherpause. Dann geht es weiter, zu ihrer alten Schule.

Wie nah das Engagement für Muslime in Europa an Islamismus heranrücken kann, demonstrieren nicht nur solche Videos. Maurize wollte da doch noch etwas zeigen. Er erzählt von einem ehemaligen Mitschüler, ein halbes Jahr seien sie zusammen zur Schule gegangen. „Der war so einer, der nie Angst hatte, seine Meinung zu sagen“, erzählt Maurize, sie seien auch mal zusammen beim Freitagsgebet gewesen. „Ein stabiler Typ“, sagt Milo. Dann hätte er erzählt, dass er in Urlaub fährt und war für einige Zeit verschwunden, bis Maurize Nachrichten auf sein Handy bekam.

„Oh, ihr Prediger. Keinen Wert habt ihr unter der Sonne, außer wenn ihr eure Waffen zieht und die Kuffar und die Ungerechten vernichtet.“

Mit Kuffar sind Ungläubige gemeint. Zu den Nachrichten gab es Bilder, sie zeigen einen jungen Bartträger mit der IS-Flagge, Maurize’ ehemaligen Mitschüler. Wo er sich befindet, ist nicht eindeutig festzustellen, vom Bildhintergrund her könnte es sehr wohl Syrien oder der Irak sein.

„Diejenigen, die glauben, dass Allah siegen kann ohne Dschihad, Kampf, Blut und zerfetzte Körperteile …“

„Oh ihr Muslime. Euer Schlaf ist lang geworden und die Unterdrücker haben die Kontrolle über eure Länder übernommen.“

„Oh, ihr Kinder. Seid gewöhnt an die Melodien, den Schall der Artillerie, Flugzeuge und Panzer. Der Koran ist Genuss und Gesell des Lebens.“

Deutsche Sicherheitsbehörden machen sich Sorgen wegen der IS-Propaganda im Netz. Einige erreicht sie auf sehr viel direkterem Wege: als Nachricht auf ihrem Handy.

Was die Jungs davon halten? Nicht viel, das wird aus ihren Antworten deutlich, Terror und Mord lehnen die drei ab, „auf jeden Fall“. Dennoch scheint eine gewisse Faszination vorhanden. Da ist einer, der sich mal was getraut hat! „Er ist ein stabiler Typ“, bekräftigt Milo noch einmal. „Ich verstehe nicht, wie jemand den Islam als aggressiv empfinden kann. Der Islam ist doch Frieden!“, sagt dagegen Maurize. Es ist eine seltsame Jagd des Hundes nach dem eigenen Schwanz, wenn wir uns länger mit den Jungs über ihren ehemaligen Freund und heutigen IS-Kämpfer unterhalten oder über Islamismus. Sie wollen nicht, dass jemand abgeschlachtet wird. Aber irgendwie muss der Islam ja verteidigt werden. Eine abschließende Verurteilung der Kämpfer, des ehemaligen Gefährten? Die Jungs vom Kotti tun sich da schwer.

Seit sieben Monaten leben Maurize und Jamal jetzt ohne Alkohol und Drogen. Sie fluchen immer noch, sie rauchen immer noch Kette, und sie kommen immer noch ans Fenster, wenn auch nicht mehr ganz so oft wie früher. Stolz präsentierten sie hier ihre Halbjahreszeugnisse, es sind die letzten, bevor sie in diesem Sommer die Mittlere Reife doch noch schaffen können. Sie haben zwar immer noch keine Ahnung, was sie wollen, aber ein kleiner, großer Sieg ist ihrer: Sie haben bestanden. Und das Verrückte ist ja: Maurize und Jamal sind jetzt sogar Einserschüler.

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