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»Zeit essen Texte auf«

Draußen vor der Tür

Reportage
zuerst erschienen 2016 in Dummy Nr. 53
30 Euro für Blasen, 40 für Ficken, 50 für beides. Oder alles noch billiger. Huren aus Osteuropa, Freier von der Uni, ein guter Bulle und zwei 15-Jährige im Gebüsch. Eine Nacht auf dem Straßenstrich an der Berliner Kurfürstenstraße

Es regnet, und plötzlich steht sie da. Ihre Augen sind so schwarz geschminkt, dass kaum auszumachen ist, wie blutunterlaufen sie sind. Ihr Akzent sagt: Süden. Ihr Teint: Tabak. Ihr Haar: nass. An ihrer Nase eitert eine gerötete Wunde. Sie grinst. Und greift unten zu.
„Ficken? Komm, eh?! Zwanzig Euro! Ich hab auch Kokain. Ist gutes Kokain!“
„Hey, nicht anfassen.“ Sie lässt los. Und grinst weiter, aber nur mit ihren Mundwinkeln. Ihre Nase läuft.
„Lass deine Hände bei dir, okay?“ Sie nickt. Nickt und greift wieder zu.
„Komm, eh?!“ Sie deutet hinter sich, auf das LSD. Erotik-Kaufhaus. Love. Sex. Dreams. Die Regentropfen auf dem Asphalt glänzen mit der Neonreklame lila.
„Kabine nur fünf Euro!“
„Willst du mich so mitschleppen?“ Sie schmeißt ihre Hände in die Höhe. Geht einen Schritt zurück. Sie lacht, wie verschämt, und für einen Augenblick wirkt sie, die bestimmt 40 ist, die bestimmt ihr Geld in dieser Regennacht nicht zusammenbekommen hat, die sich bestimmt etwas anderes vorgestellt hat, so insgesamt wie ein nettes Mädchen von nebenan. Sie wartet und wartet, nichts passiert. Mit jeder Sekunde verfinstert sich ihre Miene. Vielleicht versteht sie, dass es alles nichts bringen wird. Sie spuckt neben sich aus. Dann hebt sie einen Arm – echt jetzt, noch mal?! – und … setzt einen Hieb sich selbst zwischen die Beine.
„Geh dich selber ficken! Hast du keinen Schwanz, eh! Du Arschloch, du!“ Sie dreht sich um und geht. So plötzlich, wie sie da war, ist sie weg.

Es bleibt kaum ein Geräusch zurück, außer Regen. Niemand ist zu sehen. Es ist hier sonst nie leer und niemals still, wie die Mädels vom Bordstein gewöhnlich auch nicht mit südeuropäischem Akzent reden, sondern mit einem ostigen. Irgendwas ist heute. Diese Nacht hat sie geschafft, die Kurfürstenstraße. Allein in dieser Nacht hatte eine lockige Dame Oralverkehr lauthals als „little blasen!“ angeboten, jagte ein Passant im Vollsprint einen Dieb, der einer der Huren ihre Handtasche geklaut hat, schwankte die alte Inge im Café Froben so stark, dass sie rausflog mit den Worten: „Inge, es raaaicht!“, torkelte Inge dann irritiert vor dem Café herum und wusste sichtlich nicht, wohin, lief ein Pärchen in identischen Jogginganzügen unbeteiligt an alldem vorbei, nahm ein Typ mit seidenem Schal um den Hals in einem 1er BMW eine Frau mit mehr Zahnlücken als Zähnen mit, wurde wieder gefickt, gesaugt, gekaut und gespuckt, fuhren Typen mit zu breiten Schultern auffällig oft die Straße auf und ab, zogen arabische Jugendliche in kleinen Gruppen umher und begannen jeden Satz mit „Wallah!“, fuhr die Polizei vorbei, noch mal und wieder, sagte ein Passant: „So wie die bei der Kälte mit den Zähnen klappert, würde ich mir das mit dem ‚little blasen‘ gut überlegen!“, lachte dieser Typ dämlich auf und zog weiter, nahm ein müde dreinblickender Schwarzer eine Rumänin von der Bülow in einer der Kabinen im LSD von hinten, was jeder deshalb wissen durfte, weil sie seinen Wunsch noch in der Eingangstür laut mit „Okay, yes, from behind“ bestätigte, flanierten Männer eine Etage darüber an Versaute-Omas-Pornos, One-Way-Travel-Pussys und Riesendildos vorbei, nur um mal zu gucken, lief eine Frau mit langen roten Haaren an der Kreuzung Froben/Kurfürsten wie eine Tigerin im Käfig auf und ab, hing an einer Brandmauer über ihr Werbung: „Studiere Zukunft!“, passierten so manche Begegnungen ohne lyrisches Potenzial, fuhren so viele vorbei, ohne anzuhalten.

Diese Nacht dauert für den Kiez schon 100 Jahre. Oder 250. Wer auch immer antwortet, wie lange das alles schon so ist, liefert eine andere Zahl. Und erklärt, dass es früher anders war. Sie endet hinter dem LSD, an der Hintertür der Träume. Dort ist ein kleiner Parkplatz, wo früher vollzogen wurde, viel zu viel vollzogen, er ist von drei Seiten eingemauert und so unnatürlich grell ausgeleuchtet, als wäre er das Bernsteinzimmer der Straßenprostitution. So hell ist es, dass der Blick von selbst nach unten wandert, auf den Asphalt. Dort liegen, in den vielen Pfützen, gebrauchte Taschentücher, aufgedunsen wie Wasserleichen.

Und dann geht die Sonne auf, und Tagmenschen übernehmen. Helfende Hände spannen ein Netz, das manche auffängt. Der Frauentreff Olga gibt Essen und Kondome, berät und erklärt, lässt die Frauen zur Ruhe kommen – und während seiner Öffnungszeiten keine Männer rein. Broschüren in den relevanten Sprachen liegen aus.
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Eine Blasenentzündung erkennt der Arzt durch eine Harnprobe.
Teamleiterin Monika Nürnberger trägt Schwarz, hat rosa-pinke Haare und redet so ruhig, als wäre ihr Ton eine direkte Antwort auf das Straßengeschrei. Sie sagt: „Die Vollzugsorte werden abgeschafft. Das führt zur Eskalation.“ Und: „Die richtig harten Straftaten passieren überwiegend in den Wohnungen.“ Auch: „Etwa 20 Prozent der Frauen hier sind drogenabhängig.“

Nürnberger arbeitet seit zehn Jahren bei Olga, lebt seit 30 Jahren im Kiez, und je länger sie spricht, desto mehr kommt ihr Feind heraus: die Bigotterie der anderen. „Die Leute meckern, dass alles schlimmer wird, aber stellen einen Zaun auf. Es ist verlogen zu sagen: Ich gehe gegen die Frauen vor, um sie zu schützen.“ Nürnberger spricht wie eine, die alle Argumente zu oft gehört hat, aber darüber nicht taub geworden ist. Am Ende sagt sie: „Wenn manche nach den guten alten Zeiten rufen, ist da viel Rassismus dabei. Den Ernas und Mechthilds ging es früher auch dreckig.“
Seit der EU-Osterweiterung Mitte der Nullerjahre haben die Ivankas und Amandas übernommen. An der Kurfürstenstraße dominiert Ungarn, an der Bülow Rumänien, an der Genthiner Bulgarien. Es ist eine Art Berliner Europa-Park Rust, und um und in allem ist das reiche Deutschland, das andere moralisch führen will, aber selbst nicht so genau weiß, wo lang.

Operation „Good Neighbourhood“

Die schwierige Gegenwart der Kurfürstenstraße wird im Quartiersmanagement Tiergarten-Süd protokolliert. Ein großer Raum, fünf Menschen an fünf Computern, an der Wand hängen riesige Karten der nahen Straßenzüge. Die Kommandozentrale der Operation „Good Neighbourhood“. General Jörg Krohmer ist 58, hat weiße Haare, trägt Hornbrille, und – nicht unerheblich – er kapituliert. „Wir können nichts tun“, erklärt Krohmer. „Früher haben die Anwohner die Damen schon mal gebeten, auf ihre Kinder aufzupassen. Inzwischen ist es unerträglich.“ Aggressives Ansprechen, Anfassen, Anrempeln. Dabei gebe es den Straßenstrich bereits „seit 250 Jahren“. Krohmer guckt verzweifelt. Er redet von „Menschenhandel“, von „zentimeterdicken Kondomschichten“ und davon, dass runde Tische mit Anwohnern keinen Sinn machen würden, nicht mehr. „Es geht hier um schnellen, billigen Zzex“, sagt Krohmer. Er spricht das S so aus, wie eine Fliege summt, mit zzzzz, Zzzex, und wer hier wie und wann aus der Zeit gefallen ist, ist auch nicht ganz unerheblich.
Nicht nur Krohmer, viele erzählen, dass seit der Osterweiterung 2004 und der Fußball-WM 2006 alles so geworden ist, wie es niemals hätte werden sollen. Zur WM schafften es Bulgarien, Rumänien und Ungarn übrigens nicht. Sie kamen später zur Party.

Die mögliche Zukunft der Kurfürstenstraße wird im Sales-Office an der Genthiner Straße ausgestellt. All die neuen teuren Wohnungen, die bald den Kiez verändern könnten. Ein übertrieben großer Raum, gut für Handball, oder in diesem Fall eher für Polo, in dem ein einzelner Mann in einem unverschämt modischen Jackett empfängt. Er verriegelt jedes Mal die Tür, wenn jemand geht, sicher ist sicher. Sein Haar ist nicht grau, sondern silver. Und dann schaut er aus irgendeinem Grund so traurig wie vorhin der Krohmer und sagt: „Wir haben kein Influence. Aber fast 500 Wohnungen. 900 Menschen. Das sind 700 Autos. Es wird sich verändern.“
Auf gedämpfter Sohle geht er um eine Ledercouch, sucht Hochglanzprospekte. Er nennt weitere Zahlen, sie sind zu hoch, um sie sich zu merken. Als er die Prospekte reicht, zeigt er auf einen sehr nackten Hintern vor der Scheibe. „I have no judgement. Es ist, was es ist. Berlin.“

Ja, die Kurfürstenstraße ist Berlin. Aber sie ist vor allem: Westberlin. Das alte Westberlin, mit Christiane F. und der Großdiskothek Sound in der Genthiner. Überhaupt das Berlin jener Zeit, in der Worte wie Großdiskothek benutzt wurden, in der Heroin ging, aber ohne Chic. Es ist schon eine Ironie mit der Wiedervereinigung: Ostberlin hat die Partymeute aus Spanien, Italien und England abbekommen, aus dem Westen. Westberlin bekam Huren aus dem Osten.

Es ist wieder Nacht, wieder und weiter, und ein Audi A8 mit ungarischen Kennzeichen parkt unweit der Kreuzung Froben/Kurfürsten. Die Fenster sind auf. Eine Frau lacht laut. Der Fahrer schlägt gegen das Lenkrad, und die Frau lacht noch lauter, sie klatscht in die Hände. Vom Rücksitz pfeift eine andere Frau. Dann schlägt der Bass ein.
Take me down / to the paradise city / where the grass is green / and the girls are pretty / Oh, won’t you please take me home
Gesungen vom jungen Axl Rose, dem Rock-ist-Schwanz-Rose, mit den langen platten Haaren und diesem Fuck-you-all-Gesichtsausdruck.
Eine Tür des A8 geht auf, eine Frau steigt aus, sie lacht weiter, sie raucht, sie trägt einen Parka mit Fellkapuze und viel orangefarbenen Lippenstift. Sie schaut sich um, sie sagt: „Hascht du Lust?“
„Nee.“
„Warum niiicht?“
„Kein Geld. Aber sag mal: Seid ihr gerade den ganzen Weg aus Ungarn gefahren?“
„Aber jaaaa!“
„Wieso bist du so gut gelaunt?“
„Bin isch immer gut gelaunt!“
„Nach so einer langen Fahrt?“
„Aber jaaaa! Berlin, Hamburg, Amsterdam. Isch liiiebe Amsterdam! Hat er überall Kontakte!“ Sie zeigt zum Auto, aus dem ein junger Muskelprotz mit quadratischem Gesicht und wachen Augen steigt. Ein Mann in Jogginghose, ein Mann mit Kontakten, ein Mann von Welt. Er kommt und sagt ihr etwas auf Ungarisch, das nur bedeuten kann, dass sie zu viel redet. Sie versucht seinen Einwand wegzulachen, er greift ihr in die Seite, nicht böse, eher zupackend, bei ihr ist auch viel zum Zupacken da.

Sie nimmt an der Kreuzung ihre Position ein. Aus dem A8 steigt eine zweite Frau, sie trägt einen zu kurzen Rock, stellt sich dazu. Männer gehen an den beiden Frauen vorbei, diese reden laut miteinander und lachen dann wieder so aufgesetzt wie Schulhoffreundinnen. Der Typ im A8 lacht jetzt auch, aber nicht aufgesetzt, sondern ehrlich. Mit dieser leicht überheblichen Ruhe eines Typen, der Oberarme hat wie andere Oberschenkel. Er erzählt dann noch etwas, nicht viel, aber mehr, als andere aus seinem Berufsstand in diesem Herbst erzählen. Die drei stammen aus einem Dorf. Sie sind auf „Tour“, fahren durch Europa, von Strich zu Strich. Wenn er genug Geld zusammenhat, geht es zurück. Seine Frauen, sagt er, seien echte Ungarinnen, nicht wie die anderen, keine „Zigani“.
Später in dieser Nacht sitzt Lydia auf der Motorhaube des A8. So stellt sie sich vor, die Frau im Parka, die Frau von vorhin. Sie sieht jetzt müde aus, hat die Kapuze ihres Parkas auf dem Kopf. Fragen mag sie keine beantworten. Sie holt ein Tütchen raus, mit Pulver, und bietet etwas an. „Kannscht du eine so haben.“
„Was ist das?“
„Speed.“
Das Pulver ist dunkel und grobkörnig und erinnert eher an das Zeug, das aus der Wand kommt, wenn man ein Bild aufhängt. „Das sieht nicht aus wie Speed.“
„Wenn du nischt willst, dann geh doch!“

Gehen, ja, klar, nur wohin? Vielleicht ins Steinmetz-Eck, ein Stundenhotel an der Bülow. Wer nichts zusätzlich ausgeben will, landet im Gebüsch. Wer einen Fünfer extra hat, in einer der Kabinen im LSD. Und wer gar einen Zehner mehr aufbringen kann, bumst im Steinmetz. Von der hinteren Wand blickt schön gerahmt Marilyn Monroe in Schwarz-Weiß zur Theke. Marlene Dietrich und Sophia Loren sind auch da, sie gucken so 20er-Jahre-verrucht, so schmachtend bis züchtig, mit Aussicht auf Augenaufschlag. Ein kleines Bier kostet drei Euro. Die resolute Barfrau begrüßt ankommende Hure-Freier-Pärchen statt mit Hallo mit: „Halbe Stunde!“ Und zwar nicht mit Fragezeichen, sondern mit Ausrufezeichen, obschon auch eine Stunde möglich ist, kostet dann doppelt, also 20 Euro. Und dann sagt sie, nach einem Atemzug: „Zeit läuft!“

Es kommen viele Leute über viele Stunden, Huren und Freier, es ist ein stetiger Fluss. Es kommen irgendwann: Typ gestresster Familienvater mit einer sehr dürren Blonden in gelben Hotpants. Er bucht eine halbe Stunde, sie kommen wieder nach neun Minuten. Dann Typ netter Student mit einer kleinen Schwarzhaarigen, beide rauchen, nehmen eine Stunde. Typ südosteuropäischer Geschäftsmann mit einer Daunenjackenträgerin, bestellen eine halbe Stunde. Der Student und die Schwarzhaarige kommen wieder, nach elf Minuten. Draußen läuft sie sofort weiter. Auf Fragen hat er keine Lust. Nee, echt nicht. Okay, ja, ganz kurz, aber ohne Namen und alles.
„Stimmt, ich studiere. Nichts Technisches oder so.“ – „Ich mache das hin und wieder, wenn sonst nichts geht.“ – „Viele meiner Freunde sind bei Tinder. Aber ich habe keine Lust drauf. Da schreibst du nur ewig hin und her, und es geht dann doch nichts.“ – „Ja, den Frauen geht es schon nicht toll. Aber es ändert nichts, ob ich hingehe oder nicht.“ – „Eigentlich finde ich das alles nicht so gut. Die Frauen sind immer so beschäftigt. Das ist so ein Abfertigen.“ – „Ich muss jetzt echt weiter.“

Prostitution ist in Deutschland legal. Das ist in vielen Ländern nicht so. In manchen werden sogar die Freier bestraft, das heißt „Schwedisches Modell“. Auf der Kurfürstenstraße ist es mehr ein Balaton-Bordell. Die häufigste genannte Nationalität ist Ungarisch. Nur die wenigsten Frauen sind Deutsche, und kaum eine darf ohne Zuhälter arbeiten, weil sie zu alt ist oder zu verbraucht, um richtig Profit zu erwirtschaften.
So wie Moni, die natürlich nicht Moni heißt. „Wenn ich viel anhabe, dann will keiner. Wenn ich nichts anhabe, werde ich krank und kann nicht arbeiten“, sagt Moni. Sie trägt einen Kapuzenpulli über einer Bluse über einem T-Shirt und eine Hose unter einem Rock. Sie ist gebürtige Berlinerin. Sie muss etwa 40 sein. „Ich brauche drei oder vier Rationen am Tag, eine kostet 30 Euro. Kokain. Früher war ich auf Heroin, das macht dich noch mehr kaputt.“

Moni sitzt an einem Plastiktisch an einem Imbiss in der Potsdamer Straße. Der Wind ist eisig. Sie dreht sich eine Zigarette aus aufgesammelten Kippenstummeln. Ihre Fingerkuppen sind schwarz.
„Wenn ich nur nach meinem ersten Kind nicht so abgerutscht wäre, in den Drogensumpf … Ich habe eine Ausbildung. Als Krankenschwester.“
Sie hat auch blaue Ränder unter den Augen, ihr Gesicht ist aufgeschwemmt. Sie erzählt viel und lange, nicht alles ist verständlich. Sie erklärt, dass Oralverkehr 20 kostet, Blasen und Ficken zusammen 30, manchmal deutlicher weniger, je nach Mann, je nach Tag. „Es gibt’s oft, dass einer nicht zahlen will. Letztens kam einer mit zwei Euro an und wollte halt …“ Moni erklärt auf Nachfrage, dass sie das nicht gemacht habe. Zwei Euro, nein, das gehe wirklich nicht. Sie erklärt auf weitere Nachfrage, dass sie keineswegs 40 sei. Sondern 28.
Dann muss sie los. Sie biegt ab, in die Kurfürstenstraße. Das ist so ein Moment in diesem Herbst, als Zigarettenqualm im Hals stecken bleibt.

Viel zu viel netter, verstörend netter wirkt der Männerstrich in der Fuggerstraße. Viel kleiner auch, fast schon behaglich. Es ist nur ein Kilometer, der beide Szenen trennt. Es sind Welten. „Komm, wir gehen einen trinken“, sagt der Typ und zeigt auf eine passiv beleuchtete Bar. Drei-Tage-Bart, schelmisches Grinsen, Parfüm. Er trägt einen guten Mantel und lächelt wie ein Tauchlehrer in der Südsee. Nur der Preis ist der gleiche: 30 Euro. Wofür? „Das hängt ganz von dir ab. Worauf du stehst, Süßer.“

Zurück. Hinein. Kurfürstenstraße.

Die Werbung sagt: Ab Berlin warten 47 spannende Ziele auf dich! Lachender Bärtiger. Generation Easyjet. An der Ampel startet ein Porsche Cayenne mit Kickstart, ein Passant sagt: „Solche Araber müsste jemand abschlachten.“ Und unweit der Kirche, wo jeden Mittwoch die Ärmsten ihre Suppe kriegen, an einer Baustelle, steht ein drei Meter hoher Aufsteller des neuen Luxuswohnturms Carré Voltaire, außen weiß, innen teuer. Die schöne neue Welt. Davor läuft eine Prostituierte auf und ab, sie trägt untenrum nur einen pinkfarbenen Tanga. Außentemperatur: fünf Grad. Sie hüpft auf und ab. Es ist die deutsche Version der aus Brasilien oder Südafrika bekannten Fotos, auf denen im Vordergrund Wellblechhütten zu sehen sind und dahinter Wolkenkratzer aus Glas und Stahl.

Orte haben Schicksale, und das Schicksal der Kurfürstenstraße ist es, zwischen den Fronten zu liegen. Zwischen verruchter Vergangenheit und luxuriöser Zukunft. Zwischen der Aufregung darüber, wie kaputt alles ist, und der Erkenntnis, dass kaputt in Berlin Standortfaktor ist. Zwischen den Machtansprüchen osteuropäischer Zuhälter und denen der arabischen Clans, deren Namen jeder kennt, aber nicht hinschreibt, weil sie sofort klagen und die besten Anwälte haben. Zwischen scheinheiliger Verdammung durch Bürgerliche und romantischer Verklärung durch Linke. Und sogar zwischen Mitte und Tempelhof-Schöneberg – die Kurfürstenstraße ist Bezirksgrenze.

Zwischenräume können besetzt werden, zwischenzeitlich. Bis Ende des Jahres steht an der Kreuzung Kurfürsten- und Frobenstraße ein auf rostig machender Überseecontainer mit weiten Glasfronten. Er ist weiträumig eingezäunt. Ab 2017 wird gebaut, aber bis dahin hat Notker Schweikhardt hier sein Abgeordnetenbüro. Schweikhardt ist 55, er sitzt für die Grünen im Abgeordnetenhaus, seit fünf Jahren ist er in der Politik. Schweikhardt ist ein Mann des Theaters. Er empfängt an einem grauen Nachmittag. Zum Glück ist es im Container schön bunt, grün der Boden, von der Wand grüßt die schwarz-pinke Nina Hagen. „Wir wollten es verhindern“, sagt Schweikhardt, angegraute Haare, wohltemperierte Stimme, und bietet nebenbei Tee an, „aber jetzt wird hoch und teuer gebaut.“ Er erzählt, dass er extra hierher gegangen sei. „Hier ist Reibung!“ Seit 130 Jahren sei das alles so, wenn nicht länger. Der Kontakt zum Bürger funktioniere, erklärt Schweikhardt. Auch wenn schon Leute geklopft und gesagt hätten: „Ihr Grünen habt doch die Prostitution erfunden!“ Als Experte für das Thema bezeichnet er sich nicht, wobei: „Wir haben beim Einzug anderthalb Tonnen Müll per Hand aufgesammelt. Ich kenne sämtliche Verwesungszustände von Kondomen.“ Sechs Einbrüche habe es ins Bürgerbüro gegeben. Zwei Bienenstöcke habe er aufgestellt. Einmal habe er ein Pärchen hinterm Container beim Vögeln erwischt. So sei das alles. Also: „Ob ein Sperrbezirk oder die Abschaffung der Straßenprostitution helfen könnte, sollte ergebnisoffen diskutiert werden.“

Hinaus, an die Kreuzung, zum Asphalt. Dort läuft wieder die Frau mit den langen roten Haaren auf und ab, in ihrem imaginären Käfig. Die Tigerin. Kaum eine ist so oft da wie sie. Sie will nicht reden. Sie sagt: „Nur Sex.“

Zwischenräume können besetzt werden, zwischenzeitlich. Aber diese Zwischenzeit kann lang sein. Fünf Jahre wollen die Künstler bleiben, die kürzlich ins Erdgeschoss des hässlichsten Gebäudes Berlins eingezogen sind. Es liegt dem Überseecontainer gegenüber, auf der anderen Seite der Kreuzung Kurfürsten und Froben, im Revier der Tigerin.

New West Berlin heißt seine Galerie, also Eventfläche, also „die Plattform, um Intelligenz zu teilen“, erklärt Patrice Lux, 55, der Mann hinter diesem Kunstding, der Bühnenbildner, der Künstler. „Muss der Reporter das wissen, das mit den fünf Jahren?“, fragt ihn Marcus Tiede, halb so alt, er betreibt das Sound Laboratorium Berlin. „Ja, schon“, sagt Lux. So ein Nachmittag im New West Berlin, Menschen gehen ein und aus, mit Bärten und Boxen, mit Hallo oder ohne alles, und irgendwann ruft einer begeistert in sein Handy: „He is a populist, he is a pianist, he is a sound design maker!“
Der Raum ist ein auf die Erde gesunkenes Loft, weitläufig, skurrile Gegenstände überall. In der Mitte ein Sponnagel-Flügel, schwarz, alt, Patina mit Flügel dran. An den Fensterfronten Lichtinstallationen, blaues Neonlicht schießt hinter einer ausgewachsenen Rakete hervor, die von der Decke hängt wie ein Blindgänger, der keinen Weltkrieg braucht. Draußen laufen die Mädels auf und ab, und keine läuft so viel wie die Tigerin.
„Die ersten Tage hier war alles superspannend“, erklärt Lux, kurze Haare, rauchige Stimme, nach einem tiefen Zug aus seiner Künstlerzigarette. „Danach kehrte Ernüchterung ein. Dann eine Abneigung gegen das Milieu. Jetzt Respekt. Ich bin respektvoll dem Mut der Frauen gegenüber.“
Tiede trägt eine Jeansjacke und sein Hemd so weit aufgeknöpft wie die Ladys draußen ihre Blusen. Er schüttelt seinen Kopf. „Das ist unter aller Menschenwürde. Billigste Prostitution. High-End-Kapitalismus.“
Die Künstler sind hier, weil die 3.000 Quadratmeter zuvor jahrelang leer standen, weil niemand in das kaputteste Haus an der kaputtesten Ecke der kaputtesten Szene Berlins will. Im normalen Verdrängungsfahrplan kommen zuerst die Kreativen, machen eine Gegend locker, bis die Reichen nachrücken. In der Kurfürstenstraße kommen die Bagger für die Yuppiehäuser zeitgleich mit den Künstlern. Gentrifizierung im Zeitraffer.

Der Einzug, vor wenigen Wochen, er war nicht leicht. „Ich habe auf dem Dach des Hauses eine Frau gefunden, die hatte einen Klumpfuß …“, sagt Lux. „Das hier ist kälter, als jede Liebe sein kann.“
Sie wissen schon, dass sie die Gegend mitverändern, mit allem, was hier einziehen soll: Galerie, Konzerte, ein Pop-up-Restaurant, Probenräume … Tiede sagt: „Wir wollen Liebe verbreiten.“

Es lässt sich wunderbar reden mit den beiden, über alles, was war und was wird, über die Zukunft der Kurfürstenstraße. Stehen irgendwann Roboter in der Straße und bieten ihre mechanisch-liebevollen Dienste an … Vielleicht, ja, vielleicht. Denen würde auch diese Kälte nichts ausmachen. Und die Zuhälter sind gemeine kleine Drohnen.

Später in der Nacht die eine, die immer „Bitteeee!“ sagt. Die gar nicht so jung sein will. Die kein Deutsch spricht, nur das Nötige für die Straße, Bumsdeutsch. Sie ist aus Ungarn, so viel ist rauszukriegen. Sie hat dunkle, fettige Haare, auch einen dunklen Teint, sie trägt eine Regenjacke. Ihr Gesicht sieht aus wie 15, gebrauchte 15 zwar, aber 15. Mit ihrem „Bitteeee!“ wirkt sie gleich noch zwei Jahre jünger. Sie steht direkt vor dem Loch an dem abgezäunten Parkplatz von Möbel Hübner. Dort, wo demnächst die meisten Luxuswohnungen entstehen. Dort, wo früher vollzogen wurde, bis der Zaun kam. Jetzt hat der Zaun ein Loch. „Aber bitteeeee! Zwanzig, komm. Zwanzig für alles. Bitteeeee!“
Noch später in der Nacht verschwindet sie mit einem Jungen im Zaunloch. Eine Straßenlaterne wirft seitlich ein Licht auf das Gesicht des Jungen. Auch er sieht aus wie 15. Wie unverbrauchte 15. Er ist zuvor mit Freunden die Straße rauf und runter gegangen. Wallah. Wallah. Wallah. Ein Schritt hinein, noch ein paar Schritte. Nach zwei, drei Minuten raschelt es in der Hecke. Für zwei, drei Minuten. Das Becken des Jungen bewegt sich vor und zurück. Kurfürstenstraße ist auch, wenn Kinder für Geld Kinder ficken. Das ist so ein anderer Moment in diesem Herbst, als Zigarettenqualm im Hals stecken bleibt. Diesmal so richtig.

Am nächsten Tag, am gleichen Tag, an allen Tagen, da ist was los. Aber hallo. Polizei, wohin das Auge blickt. Präsenz zeigen. Allgemeine Verkehrskontrolle, mit 40 oder 50 Beamten. Einmal die Szene aufscheuchen, einmal sich alle mal schütteln, bitte.
An so einem Tag ist es gut, alles aus einem Polizeiauto heraus zu verfolgen. Am Steuer sitzt Rocco Röske, Präventionsbeauftragter mit Märchenerzählerstimme und dem Drang, erst einmal die Problemlage einzugrenzen. Also fährt er einen großen Kreis, Lützowufer, Schöneberger Ufer, Flotwellstraße, Kurfürstenstraße. Dort machen manche Damen wegen der Großkontrolle Pause. Andere arbeiten unerschrocken weiter. „Im Rahmen der EU-Osterweiterung war festzustellen, dass manche Personen ihre Lebensplanung europaweit organisiert haben“, sagt Röske und biegt in die Genthiner ein. Er parkt gegenüber vom Sales-Office, der Pforte zur schönen neuen Welt. Die ankommenden Damen hätten eine „offensivere Prostitutionskultur“ mitgebracht, erläutert Röske. „Die Fluktuation bei den Frauen setzt der Nachhaltigkeit unserer Arbeit Grenzen. Die interkulturelle Unterrichtung ist ein sich wiederholender Prozess.“

Den Freiern müsste er manchmal erklären, dass eine Prostituierte hierzulande volle Bürgerrechte besitze. „Sexualität ist in ihrer gesamten Bandbreite ein lebendiges Thema. Hiernach ist und bleibt Prostitution eine ambivalente Tätigkeit.“
Wenn Röske so spricht, wirkt er manchmal mehr wie ein Erzieher als wie ein Polizist. „Die Frauen befinden sich in aller Regel in einer unkomfortablen Lebenssituation.“ Das mit der unkomfortablen Situation gilt derweil auch für zwei bullige Polen, deren Auto neben dem Fahrzeug von Röske von sieben Polizisten gefilzt wird. Er sagt: „Unkomfortable Lebenssituationen verstärken Abhängigkeitsverhältnisse. Diese müssen nicht in jedem Fall kriminell sein. Sind aber von außen relativ schwer zu durchschauen. Seit Anfang des Jahres haben wir für Tiergarten-Süd und Schöneberg-Nord insgesamt dreizehn Verdachtsfälle ermittelt und überprüfen dabei, ob es sich bei der jeweiligen Prostituierten um ein Opfer von Menschenhandel oder Zuhälterei handelt.“

Während Röske in seinem Einsatzfahrzeug nach dem Lichtschalter sucht, um etwas auf einem Zettel zu zeigen, der mit „Befugnisse der Ordnungsbehörden und der Polizei“ überschrieben ist, werden die Polen weiterhin festgehalten. Das sieht nach einer längeren Sache aus. Vielleicht sollten sie schon mal im Sales-Office nach einer Bleibe in der Gegend suchen. Röske sagt: „Die Bereitschaft der Anwohner, Reibungspunkte hinzunehmen, ist endlich. Die Akzeptanz gegenüber Prostitution hängt stark ab von ihrer konkreten Sozialverträglichkeit.“ Was der Polizist in seinem gut abgewogenen Deutsch die ganze Zeit erklärt, ist: Die Polizei macht schon alles, was geht. Und was Röske nicht sagt, was aber mitschwingt: Wer will, dass die Polizei auch macht, was nicht geht, der will ein anderes Deutschland.
Es dauert danach noch eine halbe Stunde, bis die Polen fahren dürfen.

In einer dieser Nächte, in denen etwas in der Luft liegt, in denen nach Mitternacht der Wind nachlässt und es wieder wärmer zu werden scheint, in so einer Nacht wie der ersten, mit der übergriffigen Prostituierten hinter dem LSD, in so einer Nacht also stehe ich unweit der Kreuzung Potsdamer und Kurfürsten. Viel kann da nicht mehr kommen, nichts mehr überraschen. 30 Euro für Blasen, 40 für Ficken, 50 für beides. Unkomfortable Lebensverhältnisse, Bumsdeutsch, Beamtendeutsch, es ist alles gesagt, es ist gut jetzt.

Es kommt das Unvermeidliche, also eine Unvermeidliche, eine Bordsteinschwalbe stolziert auf mich zu. Sie hat Rundungen, ihre Schminke ist überall, nur nicht da, wo sie sein sollte.
Sie zögert einen Moment und sagt: „Komm, Mann, du Mann. Gib mir Kuss.“

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