Sarah Connor

Ode
zuerst erschienen 2005 in der Welt am Sonntag

Wer sich bei dieser Serie langweilt, der hat auch sonst nicht viel zu lachen. „Sarah und Marc in Love“ - der Titel täuscht hier etwas an und dabei geht es um noch so viel mehr: Der Weg eines jungen Paares in die Ehe liegt als Idee zugrunde – keine schlechte Idee übrigens -, doch geht es en passant vor alledem um ganz andere Probleme, die – derart verfeinert – im Fernsehen sonst nie vorgebracht werden. Der Kritiker dieser Serie muß – ganz im Sinne Pierre Bourdieus – bereit sein, die feinen Unterscheidungen treffen zu können. Mit schlichtem „langweilig“ oder „toll“ kommt er bei „S&M in Love“ nicht weit.  

Denn natürlich zeugt es von exzentrischen Sitten, wenn Sarahs Mutter Soraya Connor bei einem sommerlichen Abendessen Rindsrouladen mit Salzkartoffeln und Rotkohl servieren läßt. Es läßt sich darüber streiten, ob ein Fischgericht nicht angemessener gewesen wäre – aber was für ein unterhaltsamer Streit ist dies!

Klar, es war peinlich, daß Sarah bei der Eröffnung der Bayernarena den Text der Deutschen Nationalhymne entstellt hatte. Auch läßt sich darüber diskutieren, weshalb ihr amerikanischer Verlobter seine Hymne auf einer Mauer sitzend ganz fehlerfrei und mit Inbrunst vorbringen kann; aus dem Stegreif sogar, während Sarah unter anderem bei dem Einräumen der Spülmaschine den Text ihrer Nationalhymne büffeln mußte – aber was für eine tiefgreifende Diskussion entsteht hierdurch!

Und es gibt während dieser Dokumentations-Serie andauernd diese Momente, in denen es dem Zuschauer anscheinend ganz klar gemacht werden soll, daß es sich bei den gezeigten Szenen um geprobte Einstellungen handelt; daß Sarah und Marc verabredete Dialoge vortragen und eben nichts so ist wie es scheint – wer aber bringt es überhaupt fertig, sich solche Drehbücher auszudenken?

Wer beispielsweise hat die Figur des dubiosen Wedding-Planners „Frank Matthée“ erfunden, der zu Besuch kommt in das Riesenhaus bei Delmenhorst, um dem jungen Paar seine Ideen für die anstehende Hochzeitsfeier vorzutragen? Mitten in dessen hitzigem Vortrag nämlich klingelt auch noch sein Telefon und Frank Matthée  unterhält sich ausgerechnet auf französisch mit einer „Madame Duval“ - wahrscheinlich also der Mutter einer Mademoiselle Duval, deren Hochzeit Frank Matthée zu planen hat.

Das schlichtweg atemberaubende an „Sarah und Marc in Love“ ist: Das ist alles wirklich so! Den Wedding-Planner gibt es ebenso wie die Rindsrouladen und Soraya. Ein Anruf gegen zwanzig Uhr auf Frank Matthées Mobiltelefon verbindet sogar prompt in die Küche der Sarah Connor, wo sie gerade mit Frank Matthée eine Drehpause abwartet. Matthée gibt übrigens gleich zu, daß er den Anruf der Madame Duval fingiert hatte, um den Zuschauern seine internationalen Geschäftsverbindungen darzustellen. In einer der nächsten Folgen plant er selbst sogar ein T-Shirt zu tragen, auf dem „Madame Duval“ zu lesen stehen wird. Und wo er schon in Plauderlaune ist: Ob das Haus echt sei? Ja selbstverständlich ist das Haus echt.

Auch Madame, respektive Mademoiselle Duval übrigens: Am nächsten Mittag meldet sich überraschend der Wedding-Planner. Er hat sich gestern abend missverständlich ausgedrückt. Madame Duval gibt es, sie heißt nur anders – Bovary, möglicherweise? Ihre Hochzeit jedenfalls wird in echt und Cannes gefeiert. 

Es ist bei und um Sarah herum nämlich alles echt. Der weiße Teppich, das ständige Staubsaugen, Soraya, die Spülmaschine, die Nationalhymnenpanne sowieso und wahrscheinlich sogar diese unfassbare Szene, in der Sarah – nach dem Verzehr der Rouladen – sich bei Soraya über ein gewisses Unwohlsein beklagt. Darauf Soraya: „Mach doch einfach einen Test!“ und Sarah: „Meinst Du jetzt einen Schwangerschaftstest?“

Das ist natürlich ein extrem verfeinerter Humor. Und wer darüber nicht lachen kann, der ist eventuell noch etwas verroht.