»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

21.12.

Das Seifenorakel sagt, das Jahr ist bald zu Ende. Heute früh lag sie schön leicht und dünn wie ein Tintenfischteen in meiner Hand. Lautlos schäumend.

Ich denke an die vielen Menschen, die ich aus den Augen verloren habe. Und an die wenigen, die neu hinzugetreten sind. Es stimmt ja gerade überhaupt gar nicht, ist also falsch, nicht korrekt, dass jeder zu ersetzen ist. Die Welt der Arbeit hat mit der Welt der Gefühle nichts zu tun zu haben.

17.12.

Ich denke, es war im September, da wir uns bei einer Gartenparty meiner Nachbarn zuletzt begegnet waren. Jan hatte mir zuvor schon berichtet, dass es sich bei seinem nächsten Album um ein Meisterwerk handeln könnte. Ich weiß nicht warum, aber ich habe Malakoff Kowalski am vergangenen Dienstag eine SMS geschrieben, um nachzufragen, ob ich denn nun etwas davon zu hören bekommen könnte. Dabei stellte sich heraus, dass diese Textnachricht just in dem Moment bei ihm eingetroffen war, da er die abgemischten (fürchterliches Wort!) Bänder oder vielmehr Tonspuren empfangen hatte.

Große Freude beiderseits.

Seitdem lebe ich mit diesem Stream. Und habe es, obschon generell schwierig, noch niemals zuvor als derart schwer empfinden können, mein Gefühl für diese Musik in Worte zu fassen. Das Album My First Piano enthält die Musik meines Lebens. Enthoben von Zeit, sie behauptet ihren Raum und ich empfinde mich beim Hören als noch immer noch nicht demütig genug, um überhaupt würdigen zu können, was Musik kann (vermag). Er beschäftigt mich (und ich bin gerne dabei, mitzugehen). Ich denke dabei an mein Erlebnis mit einem knapp dreijährigen Kind, dem ich die Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven vorgespielt habe, und das Kind fing an zu weinen. Und ohne, dass ich etwas gesagt hätte, fragte das Kind: »Was ist das?«.

Und ich antwortete: »Das ist Musik.« Das Kind sagte: »Ja, aber was ist da drin?«

Als Spezialproblem stellt sich für mich heraus, dass ich genau so etwas schreiben möchte, was er eingespielt hat. Sodass kein Leser wüsste, woher ich komme, wie alt ich bin, welches Jahr wir schreiben. Unaufhörlichkeit.

Keinerlei Neid. Bloße Bewunderung.

»Es besteht die Gefahr, die Musik mit einer Tastatur gleichzusetzen und die Seele für ein bloßes receptaculum, einen Sammelkasten der hereinströmenden Eindrücke zu halten. Es bedarf eines vinteuil, den Tasten die petite phrase zu entlocken und dadurch zu zeigen, mit welchem inneren Reichtum wir gesegnet sind.«*

*Franz Michael Maier

16.12.

In der Vormittagsvorführung gewesen und Phantom Thread angeschaut. Ein elegischer Film, aber ärgerlicherweise nicht langweilig genug, dass ich dabei einschlafen konnte. Auch und vor allem weil darin andauernd Darsteller in sich zusammenbrechend gezeigt wurden (weil ihnen das Korsett zu eng geschnürt war, weil sie sich durch das Verspeisen eines Pilzgerichtes vergiftet hatten et cetera). Ich musste wieder an den Greis denken. Und wünschte mich fort an meinen Platz am Fenster, dort den Vögeln zuschauen zu dürfen.

In der Hackordnung steht das Rotkehlchen, wie es scheint, an unterster Stelle. Dabei sind sie genau gleich groß und auch so geformt wie Blaumeisen. Von ihrem Charakter her aber anscheinend scheu. Der Gedanke, dass die Schönheit der Vögel auch wirklich da sein könnte, ohne einen menschlichen Beobachter, ist schwindelerregend. Auch dass ihnen nur ein, zwei Jahre bleiben, um zu leben. Sie haben wohl kein Bewusstsein ihrer Existenz über die Zeit hinweg.

Seit mein Kaiser‘s zu einem Edeka geworden ist (das ehemalige Logo mit der schmunzelnden Teekanne lugt zu beiden Seiten als Schatten auf dem Holz der Supermarktsfassade hervor unter dem neuen, gelben und blauen Leuchtkasten), gibt es dort kein Silberputzmittel mehr, dafür immerzu frisch aufgetauten Octopus. Ich versuche, diese Botschaft zu verstehen.

15.12.

Gestern, es war um die Mittagszeit, spazierte ich mit Adson, dem Novizen, und der dubious duchess entlang der elend langen Hauptstraße, die auf vier Spuren durch Moabit führt. Wir waren auf dem Weg in die Kantine und sprachen über dies und das: Pro und Contra der Ganzjahresfütterung, den fabelhaften Film I, Tonya, Eiskunstlauf an und für sich, die taiwanesische Bananenmilch in Dosen, die keine Milch enthält, dafür aber köstlon schmeckt, da, wir hatten bei grünem Licht bereits die Kreuzung überquert, nahm ich wie aus dem Augenwinkel wahr, dass direkt vor uns ein Greis dabei war, umzukippen. Noch stand er dort, am Rand des Bürgersteigs, auf eine einzelne, billig und schadhaft wirkende Krücke gestützt, deren mit einem grünen Gummipflock bewehrtes Ende er halb suchend und halb stochernd auf die nasse Fahrbahn aufzusetzen plante. All das nahm ich, und wie es sich hinterher im Gespräch herausstellte, nahmen wir alle drei, der Novize, unsere Kollegin und ich, innert eines Augenblickes wahr; inklusive der antizipierten Folgesekunde, die sich dann aber erst und schlagartig ereignete: von einem Stöhngeräusch begleitet, sackte der Mann in sich zusammen und fiel der Länge nach hin auf die Straße. Platt auf sein Gesicht, das auf einem eisernen Gullideckel aufschlug. Es gelang mir, ihn von hinten gepackt aufzurichten, er hing schlaff und unheimlich schwer in meinen Armen. Im Verkehrstau war wie zum Glück eine Ambulanz zu sehen, deren Blaulichter die regennassen Blechdächer der vor ihm stehenden Autos überragten. Das Gesicht des Mannes war blutüberströmt, er stöhnte und sagte sonst nichts. Der Novize versuchte, an seinem Telefon eine Verbindung zur Notrufzentrale aufzubauen. Unsere Kollegin winkte die Ambulanz heran mit dieser Geste, mit der man in Filmen ein gelbes Taxi in New York zu sich heranwinkt She hailed down an ambulance. Bis die Sanitäter die Trage aufgebaut hatten, war mir der Mann in meinen Armen so schwer geworden, dass ich fürchtete, ihn nicht mehr halten zu können. Als man ihn mir endlich abgenommen hatte, sah ich zum ersten Mal auf sein Gesicht, das ich bislang nur als Quelle des großen Blutströmens hatte wahrnehmen können. Die Nase war zur Hälfte eingerissen, der Knochensteg des Nasenrückens verlief krumm; man schaut da kurz hin und weiß: gebrochen. Die Sanitäter bemühten sich sehr, ihn auf eine Fahrt ins Krankenhaus einzustimmen. Der Greis versuchte sich mit allen Kräften zu wehren.

»Ich will nicht ins Krankenhaus.« Immer wieder musste ich an seinen einzigen Satz denken, den er wiederholte, während man ihn auf der Trage liegend und blutüberströmt in das Innere des Wagens schob. Eine Passantin stand ratlos herum mit seiner klapprigen Krücke in der Hand.

Wie blitzartig schnell das alles geht. Ich weiß es ja selbst nur zu gut. Wie man eben noch den Prometheus zitieren kann und dann wacht man auf, Stunden später. Aber es war kein Traum, das war das Leben. Und jetzt ist es noch immer das Leben, aber es ist ein anderes, es wird niemals wieder so sein wie zuvor.

Dazwischen ist blankes Nichts. Das Nichts ist groß und dehnt sich aus.

14.12.

Heute früh an der Futtersäule: der Kleiber, die Blaumeise, zwei aufgeplusterte Amselhennen, die geschäftig auf dem Balkonboden herumpicken, was von den hoch über ihnen agierenden Artisten für sie abfällt. Der Kleiber, Vogel des Jahres 2006, mit seinem eleganten Kajalstrich fliegt die Vertikale einer Brüstungsstrebe von seinem Platz im Kirschbaum im Sturzflug an, klammert sich daran fest und langt mit dem Pinzettenschnabel in die Öffnung der daneben pendelnd aufgehängten Säule, um sich die dort vereinzelt zwischen den Sonnenblumenkernen gestauten Erdnussbohnen herauszuziehen. Das spritzt, die Sonnenblumensaat landet bei den Hennen. Ob er weiß, wie schön er ist? Wie mutig? Der Vogelkörper ist von der Schnabelspitze bis zum Ansatz des Schwanzgefieders vielleicht fünf Zentimeter lang. Wenn ich mir das auf das menschliche Maß übertragen vorstelle, hängt er beinahe kopfüber in acht Metern Höhe an einem Maibaum, um aus einer knapp zwei Meter entfernten Apparatur aus Federn und Horn sich Basketbälle herauszufischen.

Aufgeregt piepsend, pflaumenklein, hüpft der Zaunkönig mehrere hundert Meter weiter unten im Tal vor seinem Versteck in der Steilwand herum.

13.12.

Und nur ein einziges unangenehmes Erlebnis an einem von all diesen Orten, die wir dort besucht haben. Das war in Ludwigsburg, auf dem von niedrigen Barockbauten umstandenen Marktplatz. Eine Gruppe von Wachleuten in gelbleuchtenden Westen hatte eine kleine Meute Halbstarker am Wickel, um ihnen das Weihnachtsmarktverbot, einen Weihnachtsmarktsverweis auszusprechen. Die hatten sich unziemlich mit Glühwein betrunken und waren, um Spliff zu zitieren: Lull und lall. Das hat der von Spliff besungene Amaretto mit dem Ludwigsburger Glühwein gemein: Er duftet so scharf wie auch anheimelnd, aber überschätzen sollte man ihn nicht. Zwar versuchte sich einer der Festgenommenen trotz seines angeschlagenen Zustandes mit Argumenten zu verteidigen, doch war sein Process schon im Gang. Mein Vater und ich waren in einigem Abstand innegehalten, da der Angeklagte vorbrachte, er kenne seine Rechte ziemlich gut. Wir waren gespannt. Auch weil wir uns selbst in dem Moment nicht vorstellen konnten, welche Rechte damit gemeint waren. Beziehungsweise gegen welches bestehende Recht der Glühweinjünger verstoßen haben konnte dergestalt, dass ihm nun ein Platzverweis erteilt werden sollte. Barockes Marktrecht zu Ludwigsburg? Neueres Weihnachtsmarktrecht zu Baden-Württemberg? Einfaches et cetera.

Doch dazu kam es nicht. Also weder Urteilsverkündung noch Richterspruch, nicht einmal Plädoyer. Denn es drehte sich der uns nächsten mit dem Rücken zu uns Postierte unter den Westenträgern um, bereit, das war ihm vom Gesichte abzulesen, den nächsten Händel gleich mit uns dort anzufangen: »Ich kann es nicht leiden, wenn man hinter mir steht – geht weiter!«

Das hatte er gespürt, dass wir hinter ihm standen. Durch erhöhte Wachsamkeit sensibilisiert. Ich spüre es ja auch, wenn mir jemand von hinten in die Zeitung starrt. Die bohrenden Blicke, direkt physisch, wie gläserne Stangen, wenn jemand versucht bei mir mitzulesen. In meinen Zeilen!

Mein Vater erzählte von einer Prüfung bei der Bundeswehr, wo sich der Kommandant hinter einen Soldaten stellte, und der hatte das auszuhalten, über eine lange Zeit. Die Anwesenheit des anderen und dessen Blick, die sich ihm in den Hinterkopf bohrten.

Diese seltsame Gabe oder Fähigkeit von Mensch und Tier, die auratische Wahrnehmung der Vorgänge jenseits des eigenen Gesichtskreises, wurde übrigens in meinem neuen Telefon eingebaut. Liegt es irgendwo herum im sogenannten stand by (analog zum »Rührt Euch!« beim Militär) und ich nähere mich mit meiner Hand, leuchtet es auf und signalisiert damit Bereitschaft (analog zum »Stillgestanden!«, oder zum »Achtung!«, je nachdem, was mir meine Phantasie eingibt; was mein Telefon angeblich tut oder ob es gar träumt, wenn es im stand by »vor sich hin liegt«.)

Weil ich nur Menschliches kenne (durch meine Erfahrungen mit mir und aus der Beziehung zu anderen) und Tiere (aus der Forschung und der Beobachtung), vom geheimen Leben der Geräte aber so gut wie gar nichts weiß, scheint mir mein Telefon durch seine Wachsamkeit sensibilisiert.

12.12.

Allmählich schraubt sich aus der Fahrbahn ein gelbes Hinweisschild in die Höhe. Die Landschaft hinter Erfurt ist weit und leer. Es ist dort nicht einmal ein einziges Fahrzeug unterwegs, dessen Lenker sich für die auf dem Schild gezeigten Wege interessieren können würde. Die wahre Welt, so scheint es mir, das Lebendige beginnt erst ab dem Horizont, wo Wolken sich in dunklen und in den beliebten hellen Farben stauen und stapeln.  

Es gibt nicht viel zu sehen auf dieser Fahrt aber doch so viel, dass ich es lange nicht fertig bringe, mit dem Schreiben anzufangen. In dem Film mit Peter Handke, den wir abend noch angeschaut haben, sieht man ihn beim Zuputzen eines enormen Steinpilzes und er erzählt, dass ihn diese, wie er es nennt, Beschäftigung mit einer kleinteiligen Welt immerdann besänftigt oder einholt und rettet, wenn er sich bei einem Flug im Flugzeug schon beinahe zu Tode gelangweilt hat. Kurz braust er auf und spricht von einer blöden, durchkalkulierten Welt. Wendet sich dann wieder seinem Pilz zu, und erfreut sich an dem Geräusch, wenn die Klinge seines Messers eine Scheibe aus dem halbierten Pilzfuß schneidet; von der Tonspur hört es sich ähnlich an wie das Zerteilen eines Apfels und dann doch noch einmal anders. Und wer weiß wie live?

Ich fahre ungern zurück nach Berlin. Die schönen Tage im Schwäbischen hätten von mir aus noch um einiges länger sich hinziehen dürfen. Zwar ist man dort wie auch in Berlin viel unterwegs, aber, und das macht für mich den Unterschied: unterwegs von einem Hort der Heimeligkeit zum anderen. Stuttgart, Maulbronn, Ludwigsburg und Esslingen. Als Fixpunkt dieser Sternfahrten natürlich stets Heimerdingen, mein Heimatort, der mystischerweise das Wörtchen Heim in seinem Namen führt (in der Ortsmitte vor dem Gasthof »Zum Ochsen« gibt ein Stein das Jahr der Ortsgründung im achten Jahrhundert an. Ich will es glauben). Auch das weiß ich von Handke, auch darüber spricht er in dem Film: dass es manchmal 50 Jahre lang dauern kann, bis ihm das Erlebte als bildsam erscheint und er es an einem anderen Ort als dort, wo es ihm widerfahren ist, in eine Erzählung einbringen kann. 

In 50 Jahren also, wenn ich schon bald hundert bin, aber auch schon heute ist mir bildsam geworden der Sonntag, als es auf der Fahrt ins Kloster Maulbronn zu schneien angefangen hatte. Die Flocken fielen mehr als dass sie schwebten; ein nasser Schnee, es war nicht kalt, und gegenüber des Klosters gibt es ein Café, auf dessen langem Schild über der Eingangstür steht der lange Name des Cafés, der lautet »Treffpunkt aller Kaffeefreunde«. Das ist dann einerseits schon durchkalkuliert, aber dann ist durch das viele Kalkül das Kundenfanggewebe fadenscheinig geworden und was hindurch scheint, regt meine Fantasie an, so dass ich dem Schilderausdenker wie dem Schilderbezahler dankbar bin dafür. Idealerweise sind sie ja ein und dieselbe Person. Wünsche ich mir jedenfalls im Sinne der Bildsamkeit.

Und genau gegenüber des Treffpunkts, die daran vorbeiführende Hauptstraße, die heute Stuttgarter Straße heißt, hat zu Zeiten der Klosterbewohnung maximal zwei aneinanderschrammenden Ochsenkarren den Platz dafür geboten, gingen wir durch das Tor aus über fünfhundert Jahre alten Balken in den Hof des Klosters hinein, es schneite noch immer und wenn es dort schneit, dann wirkt der Maulbrunner Zauber auf mich; wenn die Sonne scheint, wenn ein Flugzeug am Himmel erscheint, oder wenn ich Vogelgeräusche höre, zerstiebt die Illusion. Dann kann ich mir die Mönche dort nicht mehr vorstellen, wie sie mit Fußlappen und in ihren Kutten über den weiten Hof gehen. Dazu muß Schnee fallen, damit ich das vor mir sehen kann. Und hinter diesen Mauern war einst eine wilde und blöde, eine brutale und kaum noch berechenbare Welt.

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