»2020 – Sing Blue Silver«

»2020 – Sing
Blue Silver«
Tagebuch

4.8.2020

Mittlerweile bin ich in jenem Zustand angekommen, den Adorno als dicht und konzentrisch beschrieben hat, als Spinnennetz, das alles in sich hineinzieht, was da kreucht und fleucht. Heute früh kam mir auf dem Weg zum Postamt ein Mann entgegen, auf seinem T-Shirt stand in Großbuchstaben «Latin Lover», aber er schaute drein, als ob ihm das gleichgültig sein dürfte, was dort geschrieben stand.

Das war in jener Intensität meiner Empfindung gleichermaßen irritierend wie tröstlich zu erleben, wobei es dann noch immer genausogut sein kann, dass meine Arbeit als misslungen befunden wird. Nichts von dem herüberkommt, was ich mir vorgestellt habe.

Marko aus Zagreb schreibt an Nick Cave, was zu tun sei «when the lyrics just aren’t coming?», Nick Cave schreibt zurück an Marko, aber gleichsam auch an alle: «Meiner Erfahrung nach kommen die Texte so gut wie nie einfach so.» 

Was wird Marko damit machen?

3.8.2020

Gestern, als wir draußen saßen und Gazpacho aus den tiefen Tellern löffelten, landete eine der Wespen in Friederikes Suppe und begann sogleich, auf wirrer Fahrt herumzuschwimmen. Kurz diskutierten wir, ob die versuchte, die Insel Guarnición zu erreichen, beschlossen aber dann, dass ich sie herausholte. Abgesetzt auf dem Festland in einem Blumentopf, kletterte sie dort herum, noch beinahe vollständig vom Gazpacho überzogen, um dann mit einem Mal zur Seite umzufallen und liegenzubleiben wie sterbend. Dem war der Fall. Schon als Friederike um den Tisch herum gekommen war, um durch die Makrolinse nachzuschauen, war die Wespe tot. Wir fragten uns, welcher Bestandteil in der Suppe für Wespen giftig sein mochte. Vielleicht hatte sie auch eine Allergie? Im Stillen befürchtete ich selbst, die Suppe könnte vergiftet sein. Dies allerdings bloß kurz. Ich fragte mich aber schon: Woher nehmen wir unsere Zuversicht?

2.8.2020

Palmolive und Gerolsteiner haben das Erscheinungsbild ihrer Flaschen verändert. Bei Gerolsteiner betrifft das Redesign sogar die Flaschenform! Ich finde die neue sehr schön, werde aber die alte vermissen. Bei Palmolive kann ich es kaum in Worte fassen vor Zorn, wie unnötig ich das Gepfriemel an einem derart makellosen Etikett empfinde! Wahrscheinlich war diese Person zuvor beim sogenannten Bauer-Verlag für Titelblätter zuständig, die bersten auch schier vor lauter Features. Kurz vor dem Ausrasten wuchs mir aber die Rettung noch zu in Gestalt einer Idee: Umfüllen! Frisches Palmolive in die gewohnte Flasche, neue Flasche in den Müll. Dein Grün aber sollst Du behalten.
Die Aufheiterung brachte ein Newsletter, natürlich einer, dem ich schon seit neun Jahren oder noch länger die Treue halte. Maya Decipherment erscheint in loser Folge, insofern findet man mich immerzu überrascht. Gestern ging es um Miniaturen. Beziehungsweise stellten sich die beteiligten Ethnologen angesichts einiger Fundstücke die Frage, warum die einst in ihrer sehr kleinen Form hergestellt worden waren und nicht etwa größer. Als Hintergrund wurde der Diskurs um die Größe von solchen Kunstwerken zusammengefasst, dabei ein Argument von Claude Lévi-Strauss, der geschrieben hat, dass uns das Kleine, das wir in der Hand halten können, Vergnügen bereitet, während man vor dem Großen andere Gefühle bekommt. Illustriert war das mit einem winzigen Gemälde von Sarah Goodridge aus dem frühen 19. Jahrhundert, ihrem Geliebten zugeeignet  — I could relate to that. Weil Friederike seit neuestem diese wunderbaren Zeichnungen macht, die etwas kleiner als eine Postkarte sind, aber — wie Betlehem: so groß. Ich kann mich gar nicht erinnern, ob ich jemals zuvor dabei war, als sich ein künstlerisches Talent entfaltet hat before my very eyes?
Im Abendlicht dann wieder Teilentkräftung von Levi-Strauss, aber lustvoll, denn die Wirkung der Wolken hatte ich ja ganz vergessen (tags waren sie von der Hitze aufgelöst): Ein langgezogenes, dabei flaches, auch flunderförmiges Modul mit leuchtenden Kanten stand da ruhig atmend, ohne zu zittern am Firmament. Wenig später war davon bloß ein Zerrbild einstiger Größe geblieben, sein Schatten wohl, ziemlich ewig dort noch tintig liegend in Milch und Curaçao.
Wahrscheinlich bringt es Wenders mehr, wenn ich viel über Ausreden nachdenke, seine Filme nicht anzuschauen, als sie tatsächlich anzuschauen.

1.8.2020

Gestern kam — heiß ersehnt natürlich: die Markise. Zwei Männer, wie Kurt Kusenberg sie sich in seinen Möbelpackerszenen auch nicht besser ausdenken konnte, schraubten das Ungetüm mir nichts, dir nichts an die Wand, als hätten sie ein Leben lang nichts anderes gemacht. Hatten sie wahrscheinlich auch nicht. Die Handwerker sprechen hier oft noch ein sehr schönes Hessisch, wie man es sonst nirgendwo mehr hört in der Stadt. Die Markise hat grüne Streifen und seitdem ist unser Licht wie verzaubert. Sogar die Wespen sind ganz sanft, wenn sie in den Schutzraum einfliegen. Lange Zeit hatten wir annehmen müssen, wir wären mit diesem Montageauftrag einem Rodomonteur aufgesessen, doch am Ende hat es sich gefügt. An «Paris Texas» war da freilich nicht mehr zu denken — zu sandig! Den kannte ich zwar schon, wollte ihn aber unbedingt noch einmal schauen, wegen der Szene im Flauschpullover — once more with feeling, wie es heißt. Heute wird es ja auch wieder Abend werden.

Als Belohnung ihrer Sanftheit haben wir den Wespen ein Bad eingerichtet in einer chinesischen Schüssel, in der Mitte liegt ein Stein als Badeinsel. Wird angenommen! Ob freudig, bleibt fraglich, die tragen ja von Haus aus eine Art Sonnenbrillen.

31.7.2020

Gestern «Der Stand der Dinge» aus dem Jahr 1982. Den Amerikanischen Freund konnte ich überspringen,den hatte ich in meiner Cineasten-Phase — die übrigens nur wenige Jahre später stattfinden sollte, aber freilich nicht das Schauen von Wenders-Filmen enthielt — schon gesehen. Wie Sebastian anmerkte (zu DAF) wirke der mittlerweile «wie ein alter Tatort». Der Stand der Dinge wie eine Dubversion von «Stardust Memories» ohne Humor. Eventuell hat der frühe Wim Wenders auch den Begriff vom Humorbefreiten erfunden wie Karl Heinz Bohrer den vom Gutmenschen und Thomas Pynchon den Shitstorm? Brach die Übertragung nach einer knappen Stunde ab, weil mich das Schauen nervös gemacht hatte. Dazu: Wackelpudding (Waldmeister) und Fröschle aus dem Kühlschrank (Haribo). Käsebrote.

Heute gibt es angeblich 36°

30.7.2020

Bei Wenders war gestern «Im Lauf der Zeit» an der Reihe, weil ich die beiden in der Chronologie nach Der Angst des Tormanns schon geschaut hatte (Falsche Bewegung und Alice in den Städten), oder aber ich den Film nicht enthalten fand im Angebot der Mediathek (Der Scharlachrote Buchstabe). Da es jetzt ein Film nicht nach dem Drehbuch von Peter Handke war wie Tormann und Falsche Bewegung fragte ich mich natürlich: Was hat Peter Handke in dieser Zeit gemacht. War er eingeschnappt wegen des Fremdgehens von Wenders für Alice? Ich griff ins Regal, aus der Vermutung heraus, dass in Handkes Tagebuch Das Gewicht der Welt jener fragliche Zeitraum abgedeckt sein müsste. Und: erstens richtig gedacht, zweitens blieb ich sogleich hängen an einem Satz aus dem Januar 1976: «Das Gefühl der Henkersmahlzeit beim Anblick von Gummipflanzen». Das ist ein Satz — und im Gewicht der Welt gibt es noch einige von dieser Güte — den ich für unverfilmbar halte, nicht in dem Sinn, dass es undenkbar bleibt, dass er in einem Dialog vorkommt. In den frühen Filmen von Wim Wenders sagen die Figuren andauernd so ähnliche Sätze, nicht bloß in denen, für die Peter Handke die Dialoge geschrieben hat, und mein Eindruck bis dato ist, dass sie diese Sätze um des Vorhandenseins dieser Sätze in der vom Film behaupteten Welt vorbringen und nicht, weil diese Sätze den Figuren entsprechen.
Unverfilmbar halte ich den Vorgang, den der Satz mit der Henkersmahlzeit und den künstlichen Pflanzen zum Ausdruck bringt — Vergleichbar mit der Szene, in der Charlie Kaufman sieht, dass der angebliche Wunderheiler, der seine letzte Hoffnung darstellt in zweierlei Hinsicht, den vorgeblichen Tumor, ein Stückchen Hühnerfleisch, in seiner hohlen Hand verborgen hält zu Beginn seines Heilungsrituals. Gut, der Satz von Handke ist damit also vielleicht doch verfilmt worden, aber halt nicht von Wenders, sondern von Miloš Forman und damit nicht in seiner Zeit.
Im Lauf der Zeit treffen sich durch Zufall zwei Männer, der eine ist blond, der andere hat dunkles Haar. Der Film ist zudem, darauf wird im Vorspann als erstes hingewiesen: in Schwarzweiß gedreht. Sie fahren in einem Möbelwagen durch Deutschland, der Blonde ist bekannt aus Falsche Bewegung und Alice, der Dunkle ist Hans Zischler, den ich schon in Summer in the City nicht mochte, weil er sich als den neuen Horst Buchholz empfindet, vor allem aber weil nach oder durch ihn tatsächlich Hannes Jänicke kommen wird. Die Frauen kommen dieses Mal nur ganz am Rande vor. Auch kommt es nicht zum Vollzug mit der schönen Kassiererin des Dorfkinos. Dafür zeigt Wenders von jedem männlichen Darsteller irgendwann in den drei Stunden eine Aufnahme, in der sein (nicht Wenders‘) Geschlechtsteil entblößt wird. Irgendwann ist nicht böse gemeint, ich hatte bloß recht langsam den Eindruck bekommen, dass Wenders eher Kameramann oder Bildereinrichter ist, als Regisseur. Seine Darsteller machen immer irgendwas. Das wirkt oft sehr künstlich, wo es wahrscheinlich sehr natürlich herüberkommen sollte. Der Blonde beispielsweise lacht dann halt ungezwungen. Hans Zischler äußert «Lust zu schwimmen». Wobei ja Luhmann festgestellt hat, dass es nichts grausameres gibt, was man zu seiner Frau sagen könnte, als «Sei doch mal natürlich!»

29.7.2020

Als Diether Diehm vom weichen Wasser sang, gab es noch keine Online–Community. Der fibröse Haufen wurde damals vor allem von Niklas Luhmann vorausgesehen; und eher als Albtraum einer Gesellschaft, die nur in Kommunikation besteht. Jetzt hat Nick Cave vorgestern in seinem wöchentlichen Newsletter die Frage eines Fans nach dem Hersteller eines bestimmten Konzertflügels beantwortet, den er für die Aufzeichnung seines Online-Konzertes «Idiot Prayer» von einem Verleiher bekommen hatte. Die Reaktion auf diesen Newsletter hat heute die Versendung eines zweiten Teiles notwendig gemacht; nummeriert wurde dieses Postscriptum mit #107 pt. 2 — einmalig in der besagte 107 Briefe umfassenden Geschichte der Red Hand Files. In seinem Brief #107 hatte Nick Cave von diesem Flügel des bis dahin ihm noch nicht bekannten Herstellers geschwärmt, dieses Schwärmen auch ironisch übertrieben und eine kleine Geschichte hinzugedichtet, die sich — für den erfahrenen Leser erkennbar — auf ebenso ironische Weise mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass es zwar Musiker gibt, denen Zimbeln für ihre Schlagzeugbatterien oder die Saiten für ihre elektrische Gitarren gesponsert werden, aber für Konzertflügel gibt es diese Freigiebigkeit wohl nicht. Das war lustig zu lesen und auch für nicht Klavierspielende unterhaltsam (ich denke da konkret an mich). Trotzdem wurde der Text zwar nicht millionenfach, aber doch so sehr und wie für unsere Zeit typisch: heftig mißverstanden, dass besagter Hersteller mit EMail bombardiert wurde, mit der  ihm ein Angebot gemacht werden sollte, dass er nicht mehr lange ablehnen können würde. In seinem Postscriptum #107 pt. 2 bittet Nick Cave deshalb seine Leute, die er kaum kennen wird, darum, ihr Candy Storming einzustellen. Er tut das mit den wohlüberlegten Worten «The tsunami of mail has left our friends at Fazioli a little shaken, so while I love you all — no more mails to Fazioli please! They are wonderful people.»
Der letzte Satz scheint mir wesentlich. Ich kann mir vorstellen, was los wäre, wenn dort auch nur durch leiseste Gesellschaftskritik noch Raum zum anonymen Moralisieren gegeben würde.
Luhmann, 1989: «Wir müssen viele Entscheidungen aus dem Themenbereich der Moral herausziehen. Das hängt mit der Struktur der modernen Gesellschaft zusammen. Mit ihrer Komplexität, mit der Vielseitigkeit von Leidunterscheidungen — in der Wirtschaft, im Recht, in der Politik, in der Religion, im Sport, im Krankenwesen und so weiter. Immer können diese Grundunterscheidungen — gesund / krank, Regierung / Regierte oder Regierung und Opposition — nicht in ein Moralschema gepresst werden. Sodass Moralisieren eigentlich nur eine Hilfstechnik ist, gleichsam eine fieberhafte Immunreaktion der Gesellschaft auf Probleme hin, die sie anders nicht lösen kann. Und wie die Mediziner dann wissen: Fieber ist nicht ungefährlich.»
Was mir beinahe überall fehlt, ausgenommen daheim, ist Humor. Oder wie Luhmann auf die Frage nach den Kritikern, die er am meisten fürchtet, geantwortet hat: «Die dummen».

Abends Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Der erste Farbfilm von Wim Wenders. Nach der Vorlage des einzigen Buches von Peter Handke, das ich nie gelesen habe. Auch im Jahr meiner Geburt wurden die Frühstückseier noch mit dem Messer aufgeschnitten. In einer Supermarktszene erkenne ich die Waschmittel-«Trommeln» wieder: Dash, Ariel — wie tote Verwandte auf einem Familienbild. Und dass es damals diese sehr dünnen, sehr biegsamen Strohhalme aus Plastik gab, die hellblau waren und in der Limonade obenauf trieben. Der Film spielt in Österreich, aber Waschmittel und Halme gab es so auch bei uns. Die Dialoge sind so, dass klar wird: Die Menschen reden aneinander vorbei, sie reden bloß aus Aggressivität miteinander. Die Gesellschaft existiert nicht, weil es keine Kommunikation gibt. Luhmann und Handke haben sich nicht gekannt.

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