»2020 – Sing Blue Silver«

»2020 – Sing
Blue Silver«
Tagebuch

11.7.2020

Auf dem Heimweg sah ich am Kornmarkt einen Mann mit einem blütenweißen Akita, es war noch früh. Es näherte sich ein Rettungswagen mit Martinshorn, der Hund blieb stehen und forderte die Aufmerksamkeit seines Herren ein. Der Hund setzte sich hin und, als der Rettungswagen näher gekommen war, stimmte er ein Heulen an. Als ob er ein Instrument ab und ansetzen könnte, um diesen Ton zu produzieren, geradezu festlich.  Der Rettungswagen: sein Rudel. Das Rudel fuhr vorbei.

Ich habe hier schon viele Akita-Hunde gesehen, aber noch nie einen weißen. Bis heute dachte ich, die sind lautlos, stumm.

10.7.2020

Seit langer, langer, langer Zeit wieder ein Lexikon bestellt. Ich hatte die herrlichsten Lexika und Enzyklopädien, einst, allesamt weggeramscht, Wikipedia rules, aber halt doch nicht bis in die schattigen Nischen, in denen ich mich derzeit aufhalten will (erzählerisch). Geliefert wurde ein, wenn nicht das Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, erste Stichprobe führte ohne Umschweife nicht etwa zur Schweife, sondern zum «Stielauge»:  …Die junge, durch student. Kreise verbreitete Rda. ist nicht von den an einem Stiel sitzenden Gläsern der Lorgnette hergeleitet, sondern vom Bild der bei Überanstrengung stark hervortretenden Augen, die gleichsam an einem Stiel zu sitzen scheinen. 1190 Seiten, üppig illustriert. Was war Lutz Röhrich für ein Mensch? Ein Schwabe, selbstverständlich, ein Erzählforscher natürlich. Vom Typ her also nicht so unangenehm verbissen wie Arno Schmidt, vom Humor-Level aber dürften sich die beiden ebenbürtig gewesen sein. Erster Band von Aal bis Glied, ein Schelm!
Wobei die steigende Hitze im Süden des Landes derzeit die schönsten Blüten treibt, wie heute früh schon (technisch also gestern Nacht) im Newsletter des Splendido-Magazins, wo Juri Gottschall schreibt «Nun muss man dazu sagen, dass es ohnehin ein kulinarischer Genuss ist, im Sommer die Po-Ebene zu durchstreifen.»
Im Feuilleton unterhält sich der Opernkritiker Jan Brachmann mit Dirk Mürbe, einem Phoniater an der Charité. Es scheint mehrere davon zu geben, aber halt bloß einen, der Dirk Mürbe heißt. Wobei ja leider zu befürchten steht, dass unsere Spülmaschine demnächst ihren Geist aufgibt. Sogar die Putzfrau hat sich schon beschwert über den ungewohnten Lärm. Schriftlich (die Beschwerdeform). Ein bronchiales Rasseln und Würgen. Ein kraftloses Wühlen im Saft chemischer Reinigung (frei nach Th. Mann).

9.7.2020

Friederike ist zur Zeit auf einer Dienstreise durch die Pfalz, das habe ich gestern zum Anlass genommen, meiner Passion als Vorkoster nachzugehen. Es hat in den vergangenen Wochen etliche Neueröffnungen gegeben — vor allem indische — das Interessanteste schien mir aber eine chinesische zu sein, spezialisiert auf Nudeln. Von außen konnte ich bislang nicht recht erspähen, wie der Gastraum aufgeteilt wurde, ich war dann sehr angenehm überrascht. Man sitzt dort an einem von seinem Prinzip her endlosen Tresen, der im Viereck um ein ein leeres Zentrum herum geführt wird. Das kenne ich vor allem von Sushi-Bars, aber ein modelleisenhaftes Vorüberziehen der Speisen scheint den Chinesen fremd (habe ich zumindest auch in China selbst nirgendwo entdecken können). Man sitzt also selbst als einzelner Gast ideal, weil es im Zweifel gegenüber andere zu beobachten gibt. Außerdem hängen mehrere große Fernseher von der Decke, die Bilder wachsen einem direkt in die Augen, wo sie mühelos aufgesaugt werden können. Gezeigt wird ein Film ohne Ton, der mehr eine Szenenfolge sein will ohne Höhepunkt, in dem eine alterslose und beinahe auch geschlechtslos wirkende Gestalt diverse appetitlich wirkende Speisen herstellt — kühle und warme —, diese auf hübschen Tellern dekoriert und dann selbst aufisst. Dabei wird sie aufmerksam beobachtet von ihrer Katze, die ein vollkommen weißes Fell hat. Und blaue Augen. Allein das papierweiße — oder reisweiße? — Fell dieser Katze nährte in mir den Verdacht, es müsste sich um eine animierte Katze handeln. Und: War denn ihre ephebenhafte Herrin aus ebensolchem Material (jenem Stuff, von dem schon Shakespeare Punktpunktpunkt)?
Die Nudeln übrigens auch ganz ausgezeichnet, aber sind sie das nicht beinahe überall? Friederike wird es dort jedenfalls gefallen.

8.7.2020

Alleine im Museum, jetzt ist es möglich. Gestern war ich in der Ausstellung des Lebenswerks von Frank Walter. Ich war der einzige Besucher des Museums für Moderne Kunst an diesem Nachmittag, vielleicht sogar der erste an diesem Tag. Auf jeden Fall überraschte ich einen der Wächter, der auf seinem Stühlchen ein Schläfchen gehalten hatte. Im Halbschlaf zig er sich rasch die Maske hoch bis über die Nasenspitze, dann erst stand er auf, um mich wortlos zu grüßen. Durch die Maskenatmung fühlte ich mich bei der Begehung an die berühmte Szene aus der Odysee im Weltraum erinnert, als der Astronaut auf Gott trifft. In der Straßenbahn hege ich diese erhebenden Gefühle nicht. Es muß also an den schönen, großen, lichten Räumlichkeiten im Museum liegen. An der Gegenwart der Kunst. Wobei ich mich derzeit deutlich mehr für die Rahmungen interessiere als für das Gerahmte. Die Malereien von Frank Walter sind durchweg sehr hübsch gerahmt.

Eigentlich hatte ich mich nur nach dem Wohlergehen der Pflanzen erkundigen wollen. Kurz vor dem Lockdown war ich ja zufällig in die Szene geraten, als vor dem Zollamt, einer Nebenspielstätte des MMK, eine Lastwagenladung schnell wachsender Pflanzen abgeladen wurde, offenbar als Material für eine Installation. Man hat sie dann während des Lockdowns wieder nach Holland zurücktransportieren lassen, weil die Künstlerin aus den Vereinigten Staaten stammt und von daher gar nicht erst anreisen konnte. Noch immer nicht kann. Falls, so erzählte mir das die Empfangsdame des MMK, die dort auch für den Katalogverkauf zuständig ist und für die Postkarten, die Künstlerin aber eines Tages wieder aus den USA ausreisen dürfte, würden man in diesem Zuge auch die Pflanzen wieder ankarren lassen. Das wären dann freilich nicht mehr dieselben Pflanzen. Also nicht identisch mit denen, die vor dem Lockdown geliefert worden waren. Aber gleich aussehende. Zum Verwechseln ähnlich.

Am Römer lag ein Haufen Bücher «zu verschenken». Nahm einen Merkur mit vom Juli 1986. Ich weiß noch genau, was ich in jenem Sommer (weil ich gerade erst davon erzählt). Katharina Rutschky, Hubert Fichte. Zwischen den Seiten: Zwei Aufkleber «Atomkraft Nein Danke!» Dead stock from the eighties. Zustand: Mint / VG+

7.7.2020

Im Feuilleton der F.A.Z. stellt Thomas Thiel vor dem Hintergrund der Überlegungen in der britischen Gesetzgebung, die Geschlechtsidentitätswechsel per Sprechakt zuzulassen, die mit Sicherheit zulässige Frage, ob dann künftig auch ein Wechsel der Hautfarbe durch einen Sprechakt beantragt werden kann.

6.7.2020

Sonntagnachmittag aus dem Bilderbuch bei Peter und Tobias in Wilhelmsbad. Ein gewaltiger Grünspecht flatterte kreischend umher und ich begriff durch reine Anschauung, wozu er diese Färbung hat: Vor den bemoosten Stämmen, im sommerlich lichtdurchfluteten Laub geht er beinahe unter. Wohin mit ihm dann, wenn der Winter kommt? Der Garten ging in seinem hinteren Teil über in ein Gräsermeer, ist dessen Bucht und Gestade. Dort auch unter anderem auch die Ruine des persischen Teppichhändlers und der Schneckenberg, auf den man einen spiralig geführten Weg begeht. Oben wächst wilder Oregano in Massen und schaut jetzt wie ein Vogel auf die kleine Insel mit der Pyramide aus Tuffstein. Darin begraben liegt das Herz in einer mundgeblas’nen Vase, mit Blei verplombt. Drüben das erste Karussel in Europa. Betagt zwar, aber es dreht sich noch.

Im Garten saßen wir im Annex unserer Tage zu dieser arkadischen Landschaft. Manche Fantasien haben Bestand. Kurz vor Sonnenuntergang war den eisernen Wölkchen eine fragonardhafte Spitze aus Rosenquarz gewachsen. Und ein Regenbogen ohne Regen. Peter erzählte vom alten Apfelweinbaron, wie der nach dem Krieg den Engländern die U-Boote abgekauft hatte, um in den abgerüsteten Stahltanks fortan seinen Most zu brauen. Oder war das Tobias?

5.7.2020

Die Allgegenwart des Geldes hat in Frankfurt natürlich zu deutlicheren Formen gefunden als irgendwo anders in Deutschland. Die Turmbauten der Banken im Zentrum der Stadt werden als zeichenhaft angeschaut und fotografiert, aber der Reichtum ist hier auch unterhalb des sichtbaren Bereichs überallhin gedrungen wie eine farblose Flüssigkeit. Nie weiß man mit Sicherheit zu sagen, wen man in Wahrheit vor sich hat — in der Wahrheit des Geldes. Zumindest jenseits der Goethestraße, wo die weltweit üblichen Statussymbole gezeigt werden, kann jedermann, dem man in Frankfurt begegnet, ebenso reich sein. Unheimlich. Als Chremismatiker bin ich deshalb vor allem auf der Suche nach den Orten in der Stadt, an denen sich dieser überraschende Reichtum äußern muss.
In dieser Hinsicht geradezu als Zentrum ist die Filiale der Post an der Mainzer Landstraße zu sehen. Ungefähr in dem Maße, wie die Mainzer keine Landstraße ist, handelt es sich dabei nur noch dem Namen nach um eine Post-Stelle, um eine Filiale der Post.  Ein ehemaliges Amt jedenfalls, «Aufgrund der Situation» dürfen dort derzeit wie an vielen anderen Stellen auch nur noch fünf Kunden gleichzeitig in den Schalterraum eintreten, um dort auf ihre Bedienung am Tresen zu warten. Im Vorraum stehen übrigens zwei breit gebaute Geldautomaten der Postbank, die sich bei den Gewerbetreibenden m umliegenden Viertel nicht nur großer Beliebtheit erfreuen, man darf sagen, dass diese Gewerbe ohne diese Geldautomaten überhaupt gar nicht funktionieren könnten. Jedenfalls nicht in ihrer aktuellen Form. Man kann in diese Geldautomaten nämlich Münzen einfüllen. Eimerweise. Es gibt eine trichterförmige Vorrichtung zu diesem Zweck und der Automat zählt in seinem Inneren gleichfalls das hereinrasselnde Münzgeld und schreibt es intern einem Konto bei der Postbank gut. Das auf diesen Konton lagernde Geld kann man wenige Stunden später dann am Schalter wieder abheben gegen Vorlage seiner Bankkarte. Freilich könnte man es auch am Bankautomaten selbst sich herausgeben lassen, aber dieser Service wird lediglich für Beträge bis 1000 Euro angeboten. Gestern, ich wollte Briefmarken kaufen, stand ich dort in der Post am Ende der Warteschlange. Ich war also schon vorgedrungen in den Schalterraum, mit mir die anderen vier. Da kam ein Blinder herein. Man erkannte es daran, dass dort, wo gesunde Menschen schwarze Punkte haben in ihrer Iris, bei ihm eine silbrige Farbe zu erkennen war. Wie bei den Augen von gegartem Fisch. Er schwankte unschlüssig im Raum herum, hatte sich auch schief zugeknöpft und ließ sich von den Umstehenden durch Audiobefehle steuern: «Links, jetzt geradeaus, nein! Mehr rechts —» usw. Man steuerte ihn in meine Richtung, ich gab ihm gerne den Vortritt. Eventuell war er märchenhaft reich. Die Frau am Schalter verdrehte ihre Augen hinter dem Plexiglasschutzschild — gut sichtbar für uns, ihm blieb das freilich verborgen. Wie alles vermutlich. Dabei hatte er weder Blindenabzeichen, noch Hund oder Stab. Er ließ sich, ich stand im empfohlenen Sicherheitheitsabstand direkt hinter ihm und der Kassiererin, seinen Kontostand vorlesen. Knapp über eintausend Euro. Immerhin! Währenddessen blätterte der Kassierer am benachbarten Tresenplatz unermüdlich die Scheine aus den von einer Banderole umgebenen Papierziegeln. Ich stand etwas out of earshot, von daher bekam ich die Endsumme nicht deutlich genug mit, aber es waren zwei Ziegel aus Zweihundertern und einer mit den Grünen und einer mit Braunen. Der Kunde, ein junger Mann, wie es ihn im Gallus tausendfach gibt, als würden die auf einer Plantage gezogen, steckte den Zaster in eine Laptophülle aus schwarzem Kunstleder, zog den Reißverschluss zu, verabschiedete sich und hakte sich im Hinausgehen mit seinen enorm aufgepumpten Boxerarmen bei dem Blinden unter, der sich da gerade in Richtung der Glastür zum Vorraum navigieren ließ.
«Komm schon — Komm her! Ich zeige Ihnen den Weg.»

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