»2020 – Sing Blue Silver«

»2020 – Sing
Blue Silver«
Tagebuch

21.9.2020

Gestern vier Stunden lang in den Wäldern hinter Dreieich spazieren gewesen. Eine Gegend für die Freunde des Pferdesports: überall Koppeln, auf denen die Staksigen herumstehen und vor sich hinschauen. Ins Leere? Kühe jedenfalls schauen anders drein. Kühe schauen mich an. Zudem hatte man den meisten Pferden, auf denen man uns begegnete, Säcke über den Kopf gezogen aus einem beinahe blickdichten, dunklen Material. Vermutlich, um die schimmernde Augenoberfläche der Tiere vor den Mücken zu schützen. Dachte an Sparklehorse, der seinem Pferdekopf gleich Glühbirnen eingeschraubt hatte. Und an dieses Gerücht, es gäbe, als es den Tape Club noch gab, diesen Abend namens «Horse Meat Disco», dessen Jünger sich an einem geheimen Ort versammelt hätten, nicht um Eulen anzuzünden, aber um dort on bare back mit anderen nackten Männern zu verkehren, deren Köpfe von farbig gekennzeichneten Rupfensäcken verhüllt waren. Rupfenfarbener Sack bedeutete negativ. Die anderen hatten rote.
Pünktlich zur Mittagszeit erreichten wir die Lichtung mit einer langgezogenen Streuobstwiese. Gewürzluike, Blutstreifling und sogar Goldparmäne: Von sämtlichen alten Sorten aus meiner Kindheit war hier zumindest noch ein altes Exemplar erhalten. Wir entnahmen viele Proben. Speyerlinge ließen wir links liegen.

19.9.2020

Die Postkarte von der Raststätte Im Hegau ist tatsächlich angekommen. Ich hatte sie dort in einem Abteil des Restaurants gekauft, es gab sogar Briefmarken und als ich fragte, ob es auch einen Briefkasten gibt, sagte mir die Verkäuferin «Ja, aber einen inoffiziellen.» Das war für mich der Reiz, inoffizielle Briefkästen eines inoffiziellen Postsystems kannte ich bislang lediglich aus der Versteigerung von No. 49, ich war also dementsprechend gespannt. Der inoffizielle Briefkasten des inoffiziellen Postsystems in meiner Realität war dann aber kein Mülleimer, auf dem W.A.S.T.E. geschrieben steht, es handelte sich um einen Würfel aus Plexiglas mit einem Schlitz, wie man sie als Sammelbehälter für Fremdwährungen kennt. Ein unauffälliges Schild wies auf die Funktion des transparenten Würfels hin. Die Karte zeigt Impressionen von der Raststätte selbst, allerdings aus den Jahren vor der Errichtung der Autobahnkapelle. Die Karte soll recht selten sein, meinte jedenfalls ihre Verkäuferin. Es gab wohl bloß noch drei Stück.

Am Nachmittag rief eine Freundin an und erzählte mir, sie stehe im Verdacht sich mit Covid-19 angesteckt zu haben. Sie hatte gestern den Test gemacht, nachdem sie enormes Fieber bekommen hatte und einen Schüttelfrost, dass sie schon geglaubt hatte, dass es mir ihr zu Ende geht. Der Arzt meinte zu ihr, es könnte auch eine Grippe sein. Sie war ein paar Tage zuvor auf einer kleinen Vernissage, Freiluft, kaum mehr als 80 Leute, sagt sie. Sie trug eine Maske und hat niemanden umarmt, sagt sie. Von den Leuten, die mit ihr dort waren, sind mittlerweile alle acht positiv getestet worden, sagt sie. Nach der Vernissage waren sie noch zusammen essen, auch dort waren die Fenster auf.

Das Gespräch hat mich ziemlich mitgenommen. Auf dem Weg zum Tel-Aviv-Platz kam ich an dem italienischen Restaurant dort vorbei. Eine Großfamilie feierte Kommunion. «Tanti Auguri» stand auf der Schiefertafel. Drinnen saßen 50 Menschen oder mehr, viele Greise, alle dicht gedrängt. Die Mädchen mit weißen Schleiern und Kerzen. Ich sage alles ab.

Am Abend schickte die Freundin mit eine SMS: «Positiv.» Anbei ein Screenshot von der Seite, über die ihr das Testergebnis mitgeteilt wurde. «Sieht aus, als hätte man etwas gewonnen», schreibt sie.

18.9.2020

Die Amseln sind zurück aus ihren Waldferien. Neulich, bei den Eltern hat mich schon eine Henne aus ihrem Versteck im Lorbeergebüsch sanft geschimpft, vermutlich weil ich mich zu lange in der Nähe ihrer Wohnung im Kornelkirschenstrauch aufhielt. Sehen ließ sie sich dabei nie über die Tage. Aber heute früh sprang hier ein Hahn auf unseren Weg. Ganz makellos geschwärzt nach der Mauser. Auf Glanz poliert. Der Schnabel makellos, blitzsauber orange, wie ich es mir als Bild in Erinnerung behalten hatte.
Wir kamen vom Frühstück. Endlich war Gelegenheit, Friederike den Tel-Aviv-Platz zu zeigen. Dass sie in schaute. In all seiner Pracht. Ich spürte eine kleine Nervenanspannung, gerade so, als müsste ich ihr etwas von höherer Bedeutung präsentieren und sie wäre darin befugt, mich durch diese Präsentation zu beurteilen. Eine Frau, von Kopf bis zu den Füßen in schwarzen Ciffon gehüllt, auch das gesamte Gesicht, schob einen Kinderwagen vorüber. Eine derart komplette Verschleierung der Person hatte ich zuvor noch nicht einmal in Zürich gesehen. Eine Frau wie ein Schatten. Wie die Seelenesser in einer Rowling-Verfilmung.
Und daraufhin, später: die Amsel. Anmutig. Alle Vögel sind kostbar, aber dieser ist mir am kostbarsten.

16.9.2020

Wieder einmal finde ich es nur anregend und auch gesund, wie unterschiedlich wir etwas wahrnehmen, das wir gemeinsam erlebt haben. Neulich abends zum Beispiel, wir waren eingeladen und saßen unter einem großen, dunklen Kastanienbaum. Friederike, erfahre ich hinterher, hatte sich an ein Stück von Yasmina Reza erinnert gefühlt, ich an eins von Milo Rau. Ein und derselbe Abend! So bin ich halt, so ist sie, und so sind wir.
Aus dem nachtschwarzen Himmel kracht eine Kastanienkugel in das zum Prost erhobene Glas: alles Splitter.
Der Osterhammel ist eingetroffen — mein lieber Schwan.

15.9.2020

Den letzten Nachmittag im Fructidor verbrachte ich abermals auf der Place Tel Aviv. Dort wehte ein sanfte Brise, ich las in einem Stück von Pierre-Sylvain Maréchal. Bald nahm neben mir jene Frau Platz, die ich noch aus der Zeit vor der Entfernung des Zaunes kannte. Sie tauchte dort, am Rande des umzäunten Platzes unregelmäßig, doch stets in wechselnder Begleitung auf. Offenbar befand sie sich auf der Suche nach einem Mann. Oftmals bekam ich etwas mit von den daraufhin stattfindenden Bewerbungsgesprächen. Der Kandidat heute sprach bezeichnenderweise mit schwäbischem Zungenschlag. Auch peinlicherweise, für mich, denn es handelte sich um einen extrem ungepflegten Mann, kaum noch Vorderzähne, Lederhut, grauer Zwergenbart. Liechtenstein nach dem Säureregen. Was sie sagte, davon verstand er bloß die Hälfte. Aber das war auch schon bei vielen anderen ihrer Kandidaten der Fall gewesen. Dafür redete er umso mehr. «Im Grunde genommen sind wir keine Rassisten».
Ein friedlicher Ort.

14.9.2020

Monatelang, beinahe ein halbes Jahr lang hatte ich mich gefragt, wie wohl die Eröffnungsfeierlichkeit für den Tel-Aviv-Platz gehalten sein würde. Heute kam ich in der (für mich) typischen Mischung aus zufälligerweise und absichtsvoll dort vorbei und bekam gerade noch mit, wie ein Duo Bauarbeiter den letzten Bestandteil der Umzäunung auf ihren Anhänger scheppern ließ, um kurz darauf abzudampfen — Bye bye …

Durch diese Umzäunung hatte ich die Fertigstellung des Platzes in den vergangenen Monaten gut beobachten können. Ich hatte bald schon ein stimmiges Bild vor Augen, wie der Platz einst werden würde. Jetzt, da er vom Zaun befreit für fertig erklärt wurde, übertrifft er meine Vorstellung trotzdem. Kurioserweise! Auch wie schnell es ging, dass das öffentliche Leben aus Fußgängern, Radlern und Elektrorollerfahrern nicht mehr auf dem gewohnten Pfad ringsum des Platzes strömt, sondern sich überallhin ergießt. Der Platz, so, glaube ich zumindest, heißt es unter Stadtplanern: wird gut angenommen.

Nicht von jedem natürlich. Eine Frau beispielsweise deutete mit einer Handbewegung, so vage wie bei Fellini, über die helle Steinfläche, die den Platz definiert und äußerte starken Unmut über die Gestaltung. Allerdings eher guttural und schlecht formuliert — obwohl sie Deutsche war. Ich stelle häufig fest, dass die Leute sich offenbar aufgefordert fühlen, auch alles außerhalb ihrer Displays konstant mit null bis fünf Sternen zu bewerten und ihre sogenannten Kommentare zu hinterlassen; aber in der Luft bleibt halt nichts hängen — anders als im Film! Wahrscheinlich, dachte ich mir, mit unverstelltem Blick auf den sanft geschwungenen, sandfarbenen Tel-Aviv-Platz, würden die Leute auch noch ihr eigenes Lebensende bewerten und kommentieren wollen. Und als ich heimkam, war genau das eine Humorgeschichte im neuen New Yorker: «One-Star Yelp Reviews of Heaven».

Duh.

13.8.2020

Die seltsame Anziehungskraft durch die Gemälde in seinem Rücken einerseits, aber manchmal auch direkt das, was er von sich gab — beispielsweise als er auf Ernährungsweisen zu sprechen kam — faszinierte mich, und ich hörte dem weisen Naturstoffkundler zu. Er selbst empfahl vor allem das sogenannte Habermus, das unter Bauern der Schwäbischen Alb vor Jahrhunderten die Hauptmahlzeit war; in jener Zeit hat man sich überhaupt noch hauptsächlich von Brei und Mus ernährt — Hirse, d’Spys, Eibisch. Ich habe gar nicht erst nachgefragt, aus was man das Habermus macht. Ob die Vorfahren des Philosophen Habermas einst als Muslieferanten bekannt  gewesen waren?

Musste mir dann draußen vor der Tür bald eine Rote einverleiben (auf der gegenüber gelegenen Hälfte der Raststelle im Hegau). Auch dass ich Tag zuvor zum Mittagessen in der Wielandshöhe eingekehrt war, fiel mir wärmend ein (abends ebenfalls schon Rote vom Grill …) Es ist egal, obwohl es natürlich ins Gewicht fällt.

Gibt es eine noch schönere Frucht als die Zwetschge, bevor man ihre Anmut durch Menschenhand zerstört? Die taubenblasse, wie mit Kalk grundierte Hülle, darauf gerade mal das ganz zarte, spärlich darauf hingezitterte Kürzel von Cy Twomblys letzter Hand. Spuren der Grashalme in Wirklichkeit, von deren Spitzen. Die Wärme meiner Handfläche legt die darunter liegende Pflaumenpolitur erst frei. Wie den Hauch von einer Scheibe.

Zum Abschied heute Spanferkel im Patio vor dem Sängerheim. Der «halbe Ort» war zusammengekommen. Wie in den ganz, ganz, ganz, ganz alten Zeiten.

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