»2020 – Sing Blue Silver«

»2020 – Sing
Blue Silver«
Tagebuch

24.11.2020

Beinahe fünf Stunden lang waren die Kunden von Vodafone gestern von der Außenwelt abgeschnitten. Auch ich gehörte zum Kreis der Betroffenen, allerdings bemerkte ich den Ausfall des Mobilfunknetzes erst spät, kurz vor dem Abendbrot. Niemand wollte  mich erreichen. Und mein Telefon benutze ich selbst überwiegend zum fotografieren und zahlen — Das fiel mir am Abend noch ein, als ich vor dem Einschlafen noch in einem Buch las und beim Umblättern auf der übernächsten Seite gelandet war. So energisch ich hin und her blätterte, die Seite mit der folgenden Zahl ließ sich nicht auffalten. Ich war an einer Stelle angelangt, wo ich unbedingt erfahren wollte, wie der Gedanke nun weitergehen würde; ich hatte in dem Moment das Gefühl, dass ich es wissen müsste. Dass, wenn diese Seite — aus welchem Versehen des Buchbinders auch immer — nun fehlte, es mir ähnlich schlimm ergehen könnte, als wenn mir ein Wort auf der Zunge liegt (und dort kleben bleibt). Aber so war es nicht, endlich löste sich die verborgene Seite und mit ihr auch der gedankenauflösende Satz.

Die Zeit vergeht halb so langsam derzeit. Es ist aber nicht so, dass ich deswegen doppelt soviel davon hätte. Die paradoxe Zeit vergeht in mir. Ich merke es daran, dass ich jedes Mal erstaunt bin, dass ich etwas essen will — «schon wieder».

22.11.2020

Im großen Christstollentest der Sonntagszeitung gewinnt der aus dem Café Schafheutle in Heidelberg. Ein Café also, das ich bis heute bloß aus Büchern kannte. Hermann Lenz schreibt, dass er dort als Student der Kunstgeschichte Zeit verbracht hat. Im Buch selbst allerdings erfährt das sein Leser nicht direkt, sondern über den Umweg einer Schwester, die davon wiederum in einem unveröffentlichten Manuskript liest. Eventuell gab es dieses Manuskript sogar, dann war es wahrscheinlich das Manuskript zu jenem Buch, Andere Tage, in dem die Schwester Margret als in einem unveröffentlichten Manuskript ihres Bruders Eugen Rapp lesend beschrieben wird. Auch nicht unwahrscheinlich, dass die Figur der Schwester nicht vollständig fiktiv ist, der Blick in ihr lesendes Bewußtsein ist es allerdings. Das Café Schafheutle hingegen, das ich bis heute für einen Einfall des Autoren gehalten hatte — zumindest den Namen dieses Cafés —, gibt es also wirklich. Noch immer. Das Café hat eine Website, auf der auch besagter Christstollen abgebildet ist, der übrigens vom Patissieur des Hotel Adlon mit einer glatten Eins ausgezeichnet wurde. Ein Käpsele von einem Stollen. Davon steht auf im Webshop des Café Schafheutle natürlich nichts. Hinfahren lohnt sich für mich auch nicht, obwohl Heidelberg nah wäre. Eine Scheibe vom Stollen bestellen, im Café Schafheutle den Sonntag verträumen, das wäre jetzt ganz nach meinem Geschmack.

20.11.2020

Gestern die Rückkehr, die eine wirkliche Heimkehr war. Große, beinahe totale Erschöpfung, die sich mir lastend auf die Lider legte in dem Moment, da ich daheim durch die Türe trat. Hier wurde ich müd‘, hier darf ich’s sein. Friederike überrascht mich mit einem Kopfkissenbezug, der mit altertümlichen Käferdarstellungen bestickt ist. Sie hat ihn ersteigert; gut möglich, dass er einst Ernst Jünger gehört hatte. Jedenfalls schlief ich darauf sehr gut.
Heute mal frei. Im Bett liegen mit meinem Kissenbezug und erfreulich sandigen Fenchelkeksen. Im Stream läuft die Bundesdeligiertenkonferenz: my kind of fun.

18.11.2020

Zurück in Weilmünster. Genau ein Jahr ist seitdem vergangen. Aber wie, ist die Frage. Das iPad findet von allein ins WLAN (schreibt man jetzt so; immerhin hat sich der Code nicht geändert).
Café Möller, auf dessen Wiedersehen ich mich damals schon gefreut hatte, ist natürlich längst keine Option mehr. Immerhin anständige Sonnenuntergänge haben sie hier. Und Quitten auf den Fensterbrettern. Der Laden, in dem ich im vergangenen Jahr noch meine Postkarten gekauft habe — der mit dem Baum gegenüber — hat dichtgemacht. Bleibt das «Pizzahaus» namens Munzur. Und güldene Kondensstreifen, in Kurven und Schwüngen.
Ich bin nicht von hier.

16.11.2020

Nach drei turbulenten Tagen war heute erstmals wieder die Gelegenheit, mich in meinen Gedanken zurecht zu finden. «Man kennt sich nicht aus», heißt es im Österreichischen, wenn man etwas nicht versteht. Im eigenen Kartenmaterial von der Welt sich zuhause zu fühlen.
Später, draußen bei den Bäumen und dem Wind. Etwas ihm anheim zu flüstern «Nur Du und ich heute Nacht». Dramatisch schreien die Krähen. Darob und vergebens. Wie aufgerissen ein Nachthimmel, jetzt schon, zu dieser Tageszeit.

15.11.2020

Im Oppenheimer Park, hinter dem Denkmal des Dr. Bockenheimer jagt ein kastanienfarben dunkles Eichhörnchen hinter einem eichhörnchenfarbenen her. Beinahe kitschig, wie die beiden, über ihre unterschiedlichen Fellfarben hinweg, zusammenzuarbeiten schienen. Wobei der Kitsch hier freilich allein im Auge des Betrachters entstanden war. Im Mastjahr 2020 gibt es für Eichhörnchen außergewöhnlich viel beiseitezuschaffen und einzulagern. Ich fragte mich, ob ihnen das bewusst wird; ob ihnen diese Fülle im Vergleich mit der Menge im Vorjahr angezeigt wird.
Es war noch früh, die Sonne erst dem Main entstiegen. Die Luft war hell und still. Rotkehlchen in den arg zerfledderten Baumkronen. Zart, gläsern, unsichtbar.

12.11.2020

Der Reiseteil der F.A.Z., den ich sonst nur allzu selten mit Genugtuung lesen kann, hat einen großen Text von Bernd Eilert, der zum Besten gehört, was ich in dem Genre gelesen habe. Es geht um eine kleine Landschaft rings um einen See in Niedersachsen, an dessen Ufern links und rechts die beiden Lager protestantischem beziehungsweise katholischem Glaubens sich angesiedelt haben. Dazu kommt, dass Arno Schmidt hier einen seiner seltenen Aufenthalte zwecks Recherche (für seine Frau Alice war es ein Urlaub) verbracht hat. Die Tage in einer Pension am Ufer des Dümmer sind verwandelt in die Seelandschaft mit Pocahontas. Aber es geht auch um Brinkmann und um norddeutsche Clanstrukturen (bei Eilert).
Wohingegen sich auf einer Brache unweit vom Tel-Aviv-Platz nach nächtlichen Regenfällen eine kleinere Seenplatte ergeben hat, in deren flachem Wasser (der Dümmer ist an seiner tiefsten Stelle einen Meter tief) zwei Nilgänse standen, deren erdbraunes Gefieder die umstehenden Hügel wiederzugeben schienen und außerdem der Szenerie einen exotischen Hauch verliehen. Ringsum grasten Krähen im Schlamm, im Wasser spiegelte sich die weiße Stadt.
Und im Supermarkt waren Pois chiche im Sonderangebot. Wie sie in der Petit Bar zum Apéritiv angeboten werden. Das letzte Mal war ich mit Friederike dort. In der alten Zeit. Im Angesicht der Dose verspürte ich wehmütig die Lust, sofort nach Cagnes sur Mèr aufzubrechen. In mediterrane Gefilde. Aber abgesehen davon, dass es das Heim dort nicht mehr gibt, waren es in der vergangenen Zeit stets andere Gründe, äußere, die mich an einer Reise dorthin gehindert haben. Jetzt ist alles anders geworden. Und der Hinderungsgrund für das Reisen verläuft als Mauer durch mich.

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