»2020 – Sing Blue Silver«

»2020 – Sing
Blue Silver«
Tagebuch

9.8.2020

Als die Reifen unseres Gefährtes, irgendein Ford, die ersten Meter Autobahn befahren hatten, kamen wir beide zugleich in den Genuss eines längst vermissten Wohlgefühls: der Freude am Fahren. Zum Teil gewiss davon erzeugt, dass damit die Erinnerung an Ferienfahrten mit der Familie wachgerufen wurden; doch war da sicherlich auch ein Gefühl von weiter her, eine kollektiv erzeugtes Wohlgefühl vom Fahren auf der Autobahn.
Auch erlebt man dabei stets sehenden Auges viel und anderes und bleibt doch die ganze Zeit über bei sich. Urplötzlich platterte beispielsweise einmal der Regen auf unsere Windschutzscheibe. Aus heiterem Himmel. Wenige Augenblicke danach, war alles wie von der magischen Tafel fort gewischt.
Als wir die unsichtbare Grenze zur Zone überquert hatten, tauchte bald ein Tunnel auf, der «Tunnel der Wiedervereinigung». Er war ziemlich lang, wir fuhren darin etwa zwei Minuten lang, auf der anderen Seite war das Tageslicht merklich verändert — grau, dabei hell, irgendwie eintönig. Die Landschaft wirkte viel weniger sommerlich in diesem Licht. Wir beschlossen, im nächsten Dorf kehrt zu machen. Das war am Fuß eines Hügels, auf dem eine riesige Skulptur aus Naturstein mit dem Titel «Tor zur Freiheit» in den farblosen Himmel ragte. Noch einmal fuhren wir durch den Tunnel der Wiedervereinigung, aber dieses Mal wieder zurück in den Westen. Nach weiteren zwei Minuten fuhren wir dort ein ins strahlende, sommerlich blühende Licht über den Kasseler Auen. Aber es nutzte ja nichts, wir wurden auf der anderen Seite erwartet.

8.8.2020

Heute Tag der Katze (Luftdruck 1018 Hektopascal)

Lese V von Thomas Pynchon, der schönen Afrika-Szenen wegen. Besitze es jetzt wieder (oder erneut?) in dieser schönen Taschenbuchausgabe von Rowohlt mit dem schrillen Trauerrand, in der ich es vor ungefähr 30 Jahren schon einmal gelesen hatte. So gut wie alles vergessen, bis auf den Judasbaum. Verstehe jetzt allerdings besser, warum ich es damals als so schwer lesbar empfunden hatte: Die Übersetzung ist nicht gut, keinesfalls angemessen. Gerade bei der literarischen Übersetzung besteht das Komitee oftmals bloß aus einem einzigen Stimmberechtigten. Und trotzdem kommt dann nicht wie gewünscht ein Pferd, sondern ein Kamel dabei heraus.

6.8.2020

Noch immer kommen die besten Nachrichten mit der Post. Heute mittag zum Beispiel ein Päckchen aus Bad Canstatt, Absender ist die Metzgerei Luz in der Seelbergstraße. Inhalt war die aktuelle Lieferung meines Wurst-Abonnements, das mir Friederike zum Geburtstag geschenkt hat. Die Zusammenstellung variiert jeden Monat, heute waren sogar Saitenwürscht dabei — himmlisch! Dazu eine weiche Rotwurst und ein Sortiment Salamis, für die die Metzgerei gerühmt wird; unter anderem müsste es richtig heißen. Unter sehr vielem anderem, denn bislang war alles von erster Qualität! Das Familienunternehmen Luz  besteht in der fünften Generation seit 1911, gut möglich also, dass schon Hermann Lenz dort seine Saiten holte. Wahrscheinlich sogar, ich meine mich erinnern zu können, dass er des öfteren Ausflüge nach Canstatt unternommen hat.

Desweiteren in der Post: «Die Chefin» unseres Getränkelieferanten schickt mir eine CD mit ihrer Warteschleifenmusik, dem Schluckspecht-Lied (ich hatte dort darum gebeten, weil ich den Text so herrlich fand). Stellt sich heraus, so schreibt sie mir in ihrem Brief, dass Sie selbst «die Chefin» diese Firmenhymne eingesungen hat. Es sind auch noch Weihnachtslieder drauf. Bald, schreibt die Chefin, ist es ja wieder soweit.

Morgen wieder 34°C, am Samstag 37 Grad. Sonntags fahren wir fort.

4.8.2020

Mittlerweile bin ich in jenem Zustand angekommen, den Adorno als dicht und konzentrisch beschrieben hat, als Spinnennetz, das alles in sich hineinzieht, was da kreucht und fleucht. Heute früh kam mir auf dem Weg zum Postamt ein Mann entgegen, auf seinem T-Shirt stand in Großbuchstaben «Latin Lover», aber er schaute drein, als ob ihm das gleichgültig sein dürfte, was dort geschrieben stand.

Das war in jener Intensität meiner Empfindung gleichermaßen irritierend wie tröstlich zu erleben, wobei es dann noch immer genausogut sein kann, dass meine Arbeit als misslungen befunden wird. Nichts von dem herüberkommt, was ich mir vorgestellt habe.

Marko aus Zagreb schreibt an Nick Cave, was zu tun sei «when the lyrics just aren’t coming?», Nick Cave schreibt zurück an Marko, aber gleichsam auch an alle: «Meiner Erfahrung nach kommen die Texte so gut wie nie einfach so.» 

Was wird Marko damit machen?

3.8.2020

Gestern, als wir draußen saßen und Gazpacho aus den tiefen Tellern löffelten, landete eine der Wespen in Friederikes Suppe und begann sogleich, auf wirrer Fahrt herumzuschwimmen. Kurz diskutierten wir, ob die versuchte, die Insel Guarnición zu erreichen, beschlossen aber dann, dass ich sie herausholte. Abgesetzt auf dem Festland in einem Blumentopf, kletterte sie dort herum, noch beinahe vollständig vom Gazpacho überzogen, um dann mit einem Mal zur Seite umzufallen und liegenzubleiben wie sterbend. Dem war der Fall. Schon als Friederike um den Tisch herum gekommen war, um durch die Makrolinse nachzuschauen, war die Wespe tot. Wir fragten uns, welcher Bestandteil in der Suppe für Wespen giftig sein mochte. Vielleicht hatte sie auch eine Allergie? Im Stillen befürchtete ich selbst, die Suppe könnte vergiftet sein. Dies allerdings bloß kurz. Ich fragte mich aber schon: Woher nehmen wir unsere Zuversicht?

2.8.2020

Palmolive und Gerolsteiner haben das Erscheinungsbild ihrer Flaschen verändert. Bei Gerolsteiner betrifft das Redesign sogar die Flaschenform! Ich finde die neue sehr schön, werde aber die alte vermissen. Bei Palmolive kann ich es kaum in Worte fassen vor Zorn, wie unnötig ich das Gepfriemel an einem derart makellosen Etikett empfinde! Wahrscheinlich war diese Person zuvor beim sogenannten Bauer-Verlag für Titelblätter zuständig, die bersten auch schier vor lauter Features. Kurz vor dem Ausrasten wuchs mir aber die Rettung noch zu in Gestalt einer Idee: Umfüllen! Frisches Palmolive in die gewohnte Flasche, neue Flasche in den Müll. Dein Grün aber sollst Du behalten.
Die Aufheiterung brachte ein Newsletter, natürlich einer, dem ich schon seit neun Jahren oder noch länger die Treue halte. Maya Decipherment erscheint in loser Folge, insofern findet man mich immerzu überrascht. Gestern ging es um Miniaturen. Beziehungsweise stellten sich die beteiligten Ethnologen angesichts einiger Fundstücke die Frage, warum die einst in ihrer sehr kleinen Form hergestellt worden waren und nicht etwa größer. Als Hintergrund wurde der Diskurs um die Größe von solchen Kunstwerken zusammengefasst, dabei ein Argument von Claude Lévi-Strauss, der geschrieben hat, dass uns das Kleine, das wir in der Hand halten können, Vergnügen bereitet, während man vor dem Großen andere Gefühle bekommt. Illustriert war das mit einem winzigen Gemälde von Sarah Goodridge aus dem frühen 19. Jahrhundert, ihrem Geliebten zugeeignet  — I could relate to that. Weil Friederike seit neuestem diese wunderbaren Zeichnungen macht, die etwas kleiner als eine Postkarte sind, aber — wie Betlehem: so groß. Ich kann mich gar nicht erinnern, ob ich jemals zuvor dabei war, als sich ein künstlerisches Talent entfaltet hat before my very eyes?
Im Abendlicht dann wieder Teilentkräftung von Levi-Strauss, aber lustvoll, denn die Wirkung der Wolken hatte ich ja ganz vergessen (tags waren sie von der Hitze aufgelöst): Ein langgezogenes, dabei flaches, auch flunderförmiges Modul mit leuchtenden Kanten stand da ruhig atmend, ohne zu zittern am Firmament. Wenig später war davon bloß ein Zerrbild einstiger Größe geblieben, sein Schatten wohl, ziemlich ewig dort noch tintig liegend in Milch und Curaçao.
Wahrscheinlich bringt es Wenders mehr, wenn ich viel über Ausreden nachdenke, seine Filme nicht anzuschauen, als sie tatsächlich anzuschauen.

1.8.2020

Gestern kam — heiß ersehnt natürlich: die Markise. Zwei Männer, wie Kurt Kusenberg sie sich in seinen Möbelpackerszenen auch nicht besser ausdenken konnte, schraubten das Ungetüm mir nichts, dir nichts an die Wand, als hätten sie ein Leben lang nichts anderes gemacht. Hatten sie wahrscheinlich auch nicht. Die Handwerker sprechen hier oft noch ein sehr schönes Hessisch, wie man es sonst nirgendwo mehr hört in der Stadt. Die Markise hat grüne Streifen und seitdem ist unser Licht wie verzaubert. Sogar die Wespen sind ganz sanft, wenn sie in den Schutzraum einfliegen. Lange Zeit hatten wir annehmen müssen, wir wären mit diesem Montageauftrag einem Rodomonteur aufgesessen, doch am Ende hat es sich gefügt. An «Paris Texas» war da freilich nicht mehr zu denken — zu sandig! Den kannte ich zwar schon, wollte ihn aber unbedingt noch einmal schauen, wegen der Szene im Flauschpullover — once more with feeling, wie es heißt. Heute wird es ja auch wieder Abend werden.

Als Belohnung ihrer Sanftheit haben wir den Wespen ein Bad eingerichtet in einer chinesischen Schüssel, in der Mitte liegt ein Stein als Badeinsel. Wird angenommen! Ob freudig, bleibt fraglich, die tragen ja von Haus aus eine Art Sonnenbrillen.

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