»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

30.4.

Der Nachtigallenhahn ist zurück. Heute früh, als wir heimkamen, war es lang nach Mitternacht, drang aus dem Inneren des dunklen Baumes sein langes Lied, das ich vergessen hatte. Und ich erkannte es sofort wieder.

Vor dem kleinen Hotel gegenüber standen die Mannschaftswagen der Polizei aufgereiht und an einem Rettungswagen, der auf dem menschenleeren Vorplatz parkte, waren die Blaulichter angestellt. Ein mystisches Bild. Die Polizisten waren schon morgens eingetroffen, sie sind zum Schutz des Hotels während der Maikrawalle abgestellt. Die finden zwar traditionell in Kreuzberg zwischen Mariannenplatz und Kottbusser Damm statt, aber man weiß ja nie. In letzter Zeit waren auch hier draußen an den Wochenenden Flugblätter verteilt worden, auf denen zum Boykott des kleinen Hotels aufgerufen wurde. Grund freilich: Alexander Gauland. Beziehungsweise, dass er alle paar Wochen seine AfD-Ortsgruppe zum Treffen in dieses Hotel einlädt. Seine Gründe wiederum sind leicht nachvollziehbar: das Hotel liegt extrem verkehrsgünstig. Es gibt Parkplätze vor der Tür (die mittlerweile allerdings von den Mannschaftswagen in Beschlag genommen werden). Die Mahlzeiten sind bodenständig. Es gibt beispielsweise ein annehmbares Truckersteak XXL. Die Matjes (Hausfrauenart) sind delikat. Das liegt unter anderem daran, weil der Wirt, ein Balte, eine Connection zu Ostseefischern hat. Generell sind deshalb die Fischgerichte dort den Fleischgerichten vorzuziehen. Das gilt auch für die Desserts. Aber eigentlich laufen die Geschäfte nicht gut genug, trotz der Nähe zum Strandbad, dem Biergarten und den Ablegestellen der Ausflugsschiffe und der Fußläufigkeit zum Haus von Max Beckmann und dem benachbarten Haus der Wannseekonferenz. Das Hotel steht schließlich direkt an den Gleisen der S-Bahn und ist sogar im Gebäude des Bahnhofes untergebracht, weshalb der Wirt auch keine Saalbuchungsanfragen ablehnen kann. Schon gar keine regelmäßigen. So sind nun mal die Sachzwänge, so sieht es faktisch aus mit sozialer Marktwirtschaft. Das hatte bereits im vergangenen Sommer zu einer Protestaktion der Antifa geführt, die dem Hotelbesitzer ihre schwarze Flagge auf die Blumenkübel und auch an die Fassade gesprüht hatten. Seitdem finden die Zusammenkünfte unter dichtem Polizeischutz statt. Die Beamten gehen in riot gear eingepackt vor dem Hotel auf und ab, oder halten sich im Inneren ihrer Mannschaftswagen bereit. Es passiert natürlich nichts. Aber man weiß ja nie. Die Versammlungsfreiheit wird als Grundrecht garantiert und ich frage mich, was wäre, wenn der Staat auch sämtliche Veranstaltungen der FDP mit Polizeischutz absichern müsste. Oder die der SPD.

Ich fragte mich aber auch, womit das Nachtigallenhuhn beschäftigt ist, bevor es sich vom Gesang des Nachtigallenhahns anlocken lässt. Welchen Geschäften sie sozusagen eigentlich nachgeht. Im vergangenen Jahr sang er bis weit in den Juni hinein, hatte also wahrscheinlich keine Partnerin überzeugen können, denn sobald ihn eine Nachtigall erhört hat, stellt er das schöne Singen ein. Auch wenn es für ihn selbst und den Fortbestand seiner Art unschön wäre, wünsche ich mir, dass der kleine Sänger auch in diesem Jahr wieder zu kurz kommt – und einsam bleibt. Dann treibt ihn vielleicht ja der Leidensdruck dazu, noch bis zu seinem Abflug nach Afrika im Herbst durchzuflöten. Immerhin sang er heute kurz vor Mittags schon eine Stunde lang tagsüber. Es scheint ihm also wirklich dringend zu sein.

28.4.

Gerade kurz bevor am Himmel sich die Wolken rosa einzufärben begonnen hatten, es war kurz nach halb sieben, hatten wir in der Galerie Sprüth Magers einen abgedunkelten Raum betreten, in dem Leuchtobjekte von Otto Piene versammelt waren. Ich hatte ihn, den greisen Künstler, ja noch selbst erlebt, vor ein paar Jahren, als in der Nationalgalerie eine Retrospektive gezeigt wurde. Herr Piene trat an diesem Abend nicht zu spät ans Mikrofon und bedankte sich bei allen, also nicht nur bei denen, die anwesend waren. Am übernächsten Morgen las ich in der Zeitung, dass er auf der Heimfahrt von der Nationalgalerie auf der Rückbank eines Taxis gestorben war.

Ich fühle mich versucht, »dann« zu schreiben (»dann greift das Leben auf die tiefe Saite um« oder ähnliches), aber das wäre ein Trick, oder das Gegenteil davon, eine Nachlässigkeit, denn öfter als dies eine Mal habe ich es selbst noch nicht erlebt. Also gibt es für mich kein »dann« vor dem Satz mit dem glücklichen Tod, genauso wie es den glücklichen Tod nicht gibt, auch diese Formulierung ist ein Trick: Es will doch niemand sterben, jeder will nur einmal noch die sich rosa einfärbenden Wolken sehen dürfen. Und dann halt leider noch ein Mal.

Erstaunlich, denn in diesem Raum kommt man an die Objekte nah heran (in der Nationalgalerie hingen sie weit oben, und sie leuchteten auch nicht von selbst, sondern es wurde auf sie projiziert), wie die Geräte, die hängende Kugel, die aufgestellte Kugel, die Säule, der Wandschirm und die Sonderform gemacht wurden. Ausgehend von der hängenden Kugel, die er 1971 gemacht hat, und die noch aus zwei Aluminiumhalbschalen besteht, in die das Lochmuster gefräst worden war, geraten die Objekte mehr und mehr modellhaft. Der Künstler verwendet bald nur noch Pappe, um seine Idee darzustellen. An der Säule, sie stammt wie der Wandschirm aus dem 21. Jahrhundert, war zu sehen, dass er die Löcher längst nicht mehr regelmäßig haben wollte, sondern in das Material mit der Ahle einstach und perforierte, um der Lichtquelle aus dem Inneren heraus interessantere Wege zu erschließen. Gekrümmte, jedenfalls nicht gerade beschaffene; die mit den ausgefranstesten Rändern, die zum Teil noch von Pappresten bedeckten, gaben den interessantesten Widerschein an der Wand (nämlich muschelförmig: Muscheln, die aufblühen konnten, sein und vergehen.)

Claudius Seidl – wir sind zusammen älter geworden, so lange kennen wir uns jetzt schon – hatte sich in einem anderen Raum vor einer blauen Leuchte aufgestellt. Man durfte nicht zu lange hinsehen, sonst machte das blaue Licht einen schwindelig und zumindest ich hatte plötzlich zwischendurch auch einmal kurz Angst, es könnte mir heute noch ergehen wie dem Maler so beinahe am Schluss bei Proust, der sich die angeblich so schön gemalte Fassade in einem Bild von Jan Vermeer nur einmal noch genauer ansehen will, und dann denkt er, es läge an den Fritten, die er kurz zuvor zu Mittag hatte. Aber es ist halt nicht sein Magen, der rumort, es wird das Herz gewesen sein. Dann setzt er sich und dann ist er auch schon tot, beziehungsweise er verschwindet aus der Geschichte und kommt fortan, bis die Geschichte zuende erzählt wurde, dort nur noch in den Erzählungen der ausgedachten Personen vor. Aber was heißt nur noch? Wie wir alle. Hoffentlich.

Claudius jedenfalls hatte viel zu erzählen zu Jonathan Demme. Auch einiges, das nun, da Herr Demme tot war, kostbar geworden schien. Aber den Nachruf würde er nicht schreiben können, da er eine anderweitige Verpflichtung eingegangen war. Und so leben wir im Hinblick auf eine Spitze hin, und es bleibt uns halt doch nur ein einziger Wurf. Wenn wir Pech haben, schaut ausgerechnet dann gerade keiner hin, oder zumindest nicht die entscheidenden, oder die mussten aufs Klo, irgendwas ist nämlich eigentlich immer et cetera et cetera.

Dann gingen wir essen. Die Wolken färbten sich rosa, wie gesagt, und es wurde ein sehr schöner Abend. Also noch schöner als der gestern. Aber nicht so schön wie der heute. Und der morgen erst. Hoffentlich.

25.4.

Gemeinsam verbrachte Zeit: wie eine ganz kleine, sehr feine* Chipstüte, in die beide mit mühsam gezügeltem Appetit hineingreifen, um die delikat gewürzten Kartoffelflocken gemeinsam und doch jeder für sich genießen zu können, die Tüte auszukosten bis zur Neige, wenn beider Fingerspitzen dort am silbernen Grund — Tage wie delikat gewürzte Kartoffelflocken, Roman.

Am Abend quollen dort, wo einst Kladow war, die Wolken aus dem Horizont. Dicht beieinander, sie bilden ein Massiv. Darüber alles wolkenfrei, so sieht es wie ein Gebirge aus. Von links und rechts ragen die Zweige von Forsythien ins Bild, in langen Bögen, dicht an dicht mit den gelben Blüten besteckt. Das schneebedeckte Gebirge und die Forsythienwälder am See finden sich wo genau? In Berlin.

Greisenhafte Gefühle, aber eben nicht Wutgreis, sondern Lars-Gustafsson-Style: Es soll ein Tag sein wie dieser, als die Wolken von Schnee bedeckt lagen.

Wie Mythischer Bahnhof neulich auf Twitter schrieb, schneide man bei Vertilgung der Tage die Tüte irgendwann ab, »um besser greifen zu können«. Die von uns halbierte Tüte ist die Nacht.

Am Morgen, kurz nach sechs: ein Spalt im Vorhang lässt das Licht durch. Es enthält sämtliche Informationen. Und tatsächlich, als ich später die Vorhänge aufziehe: adriatischer Tag. Himmel und See erwidern sich blau.

*Boutique

24.4.

Die Sonne scheint, der ewige Kalender meldet, dass heute der Tag des Versuchstiers ist und ich hätte große Lust, jetzt gleich zum Frühstück in ein Hasencafé zu gehen. Seit über einem Jahr schon frage ich mich, warum ausgerechnet hier in Berlin noch keiner dieses sehr schöne und nebenbei auch sehr innovative Konzept, wie es heißt, umgesetzt hat. Auf Twitter folge ich einem Hasencafé im Großraum Tokio (aber die in Nagoya sind bestimmt mindestens genauso schön, wenn nicht sogar schöner, weil etwas naturbelassener, traditionsbewusster, rauher), die posten ständig Fotos, Serien von Fotos, kleine Szenarien, die an kawaïness nicht zu überbieten sind. Von Friederike, die im Gegensatz zu mir schon einmal im Land der aufgehenden Sonne war, weiß ich, dass man in einem Hasencafé eine Stallgebühr bezahlt – dazu kommen freilich noch Verzehrkosten für die Dauer des Stallaufenthaltes, aber damit erhält der Besucher des Hasencafés dann auch das uneingeschränkte Recht, mit einer wasserabweisenden Schürze angetan (die geht aufs Haus), sich eine halbe Stunde lang in dem von einer in etwa kniehohen Trennwand vom hasenfreien Cafébetrieb geschiedenen Hasenspielparadiesgärtleins zu ergehen. Mit den dort eingepferchten Hasen. Und kaum, so Friederike, man in der Schürze die Hasenmauer überschritten hat, werfen sich die Hasen des Hasencafés auch schon auf ihre zweibeinigen Besucher. Zum einen wollen sie etwas vom am Tresen des Hasencafés erstandenen Kraftfutters erheischen, viel dringlicher aber ist ihnen das Anliegen, möglichst viel von ihren Hasencaféurin abzuschleudern. Dafür ist die Schürze da, beziehungsweise, wie es in Hamburgs Elendsviertel Mümmelmannsberg beim Anblick eines mümmelnden Hasen noch heute und ganz richtig heißt: »Da sei mîn Schürze vor!«

Davon abgesehen, und es gibt halt auch keine schlechten Hasen, sondern nur zu kurze Schürzen, gibt es kaum denkbare Orte auf der Welt – von Menschen erschaffen, von Menschen gemacht – die noch angenehmer sein dürften als ein Hasencafé. Oder, um es mit den Worten des leider früh verstorbenen Helmut Dietl zu sagen: »Den gesunden Menschen, der nicht mit einer Schürze sich von Hasen vollpinkeln lassen will, den gibt es nicht.« Und, so denke ich, als Schürzenfreund und Entrepreneur nun mal: Der Haustiergedanke ist halt doch noch stark dem 20. Jahrhundert verhaftet. Darin überwintert ein Relikt des kleinbäuerlichen Lebensstiles, der mit der flächendeckenden Versorgung durch Bio-Supermärkte obsolet geworden ist. Wie Car2Go und ähnliche Sharingkonzepte erfolgreich gezeigt haben, ist mieten zu recht beliebter als besitzen. Denn Besitz besitzt. Mieten macht mobil und (sorgen-)frei. Das willige Nuttenauto schlägt den pflichtschuldigen Hausfrauenporsche. Hier liegt der Hase auf der Straße, beziehungsweise: das Geld. Haustiere, die in einer gastronomisch angenehm gestalteten Umgebung (Stichwort creature comfort) gegen eine geringe Sharinggebühr gestreichelt werden können, wann auch immer der Hasenuser das will. Und nicht etwa umgekehrt, also streicheln, wann immer der Hase will, selbst wenn der User dazu gar keine Lust verspürt, wie das im Haustiermindset Usus war.

Das Hasencafé, von dem ich heute noch träume, auch jetzt gerade, das es aber übermorgen in Berlin schon geben wird, hätte 24/7 geöffnet. Den Hasen wäre das nur recht, denn sie haben rund um die Uhr Appetit. Und sind von Natur aus ohnehin nachtaktiv.

22.4.

Wie eine Dame, die obenrum Bikini trägt und ab den Hüften einen Flokati umgewickelt hat, zeigt sich dieser Tag mit blauem Himmel und einem aufgewühlten See, der mit seinen Wellen eine Menge Schaum in die Bucht getrieben hat. Die Zweige biegen sich, die Weide wallt. Die Mahonien blühen in dichten gelben Trauben und wenn der Wind richtig steht, weht er den Honigduft der vielen Blüten bis zu mir heran. Am Strandbad stehen die weiß lackierten Standkörbe dicht an dicht und in den Nachrichten hieß es, dass sich in einem Freibad in der Pfalz eine Frau umgebracht hat. Angeblich befanden sich zum Zeitpunkt des Selbstmordes 25 Personen in ihrer nächsten Nähe. Die Zahl wird exakt gemeldet, aber nicht wie, auf welche Weise die weibliche Person vor den 25 Augen-, vielleicht ja teilweise auch nur Ohrenzeugen darunter, sich selbst ermordet hat. Das soll, klar, geheim bleiben, um niemanden auf falsche Gedanken zu bringen. So als gäbe es Geheimrezepte, die wie Anleitungen zum Bombenbauen oder Drogenkochen sind, und wenn die erst in Umlauf gerieten, dann brächten sich bald viel zu viele weibliche Personen um.

Ganz in Gelb, zumindest obenrum, und wenn sie ihr Haar nach vorne über die Schultern fallen ließe, erinnerte sie an eine zeitgenössische Gioconda: Pinar Atalay moderiert die Tagesthemen hinter einem von zwei biomorph geformten Pulten stehend, die palettenhaft geschnittene Tischplatte leuchtet blau. Im Hintergrund ist eingeblendet die vergrößerte Aufnahme einer Hecke zu sehen, deren Sträucher zur Seite gebogen erstarrt sind wie auf einem Gemälde von Vincent van Gogh. Auf einem kahlen Stamm steht in weißer Handschrift die Zahl 10. Das ist die Kulisse. So sieht das Bühnenbild aus in dem Frau Atalay erscheint, um über den Hintergrund des Bombenanschlages auf den Mannschaftsbus des Dortmunder Ballspielvereins Borrussia zu berichten.

Aber ist es denn wirklich eine so unfassbare Tat? Ist es denn tatsächlich so unbegreiflich, dass eine Person, um an Geld zu kommen, andere Menschen, die sie gar nicht persönlich kennt, ermorden will? Und diese Methode mit der Kursmanipulation, die als besonders perfide beurteilt wird – perfider als Kindesentführung, perfider als Schokoladenhasen vergiften und den Discounter erpressen, perfider als Banküberfall eventuell – hat nicht schon Gert Fröbe als Goldfinger mit dem Geschwader von Pussy Galore versucht, den Staatsschatz von Fort Knox mit einer Kobaltbombe zu verseuchen, um dann vom manipulierten Goldpreis profitieren zu können? Ging es im Reich der Fiktion nicht überhaupt schon ziemlich oft um böse Personen, sogenannte Bösewichte, die andere Menschen, die sie gar nicht persönlich kannten, ermorden wollten, um an viel Geld zu kommen? Ich wusste bis dahin gar nicht, dass ein Fußballverein Aktien ausgibt. Ich wusste auch nicht, dass man bei der Comdirect Bank, die andauernd vertrauensvoll Werbemails an potenzielle Kunden, die man bei Comdirect gar nicht persönlich kennen kann, verschickt, ohne selbst Geld zu haben, auf Kredit übers Internet Anteile an Unternehmen kaufen kann, deren Unternehmer man gar nicht persönlich kennt. Und ich wusste auch nicht so ganz genau, dass es Unternehmer gibt, denen es gleichgültig ist, wer sich eventuell kreditfinanziert Anteile an ihrem Unternehmen kauft, und ob das Geld, mit denen diese Anteile an ihrem Unternehmen gekauft wird, diesen wildfremden Anteilseignern in spe gehört, oder nicht. Wo es herkommt. Wodurch es erzeugt wurde. Womit.

21.4.

Am Nachmittag trafen die Handtaschen ein in einem Karton, in dem man auch einen Kühlschrank mit drei Gefrierschubladen hätte verschicken können, ein leis‘ sprechender und bedächtig formulierender Slowake in der braunen Uniform des United Parcel Service (UPS) hielt mir den elektronischen Quittungsblock hin, aber als ich unterschreiben wollte, rupfte ich, weil ich gedanklich schon einen nur sogenannten Schritt weiter, nämlich beim Auspacken der Handtaschen war, heftig an dem mit einem zu kurz bemessenen Spiralkäbelchen mit dem Gerät verbundenen elektronischen Stift, sodass der mir aus dem Griff flog und an seinem Spiralkabel pendelnd auf- und ab hüpfend zwischen uns hing. Der Bote, vermutlich halt doch ein Bulgare, sagte: »Oh«.

Es gibt da kein Zeremoniell. Aber: Jeff Koons, der Meister. Es steht einfach fest. Drei Handtaschen hat er für Louis Vuitton geschaffen, so standen sie vor mir: Wie Jeff Koons sie gedacht hatte, waren sie gemacht worden. Mithin als schönster Beweis, dass Abbildungen nur einen schwachen Eindruck vermitteln können, lediglich Gedächtnisstützen sind. Wobei ich selbst beispielsweise, als ich diese Handtaschen auf Abbildungen sah, zunächst insgeheim dachte, es könnte sie unmöglich in Wirklichkeit geben. Geben dürfen! Aber gut, es sind nun halt solche Zeiten, in denen nichts mehr als gesichert gilt. Abends nach dem Unboxing sah ich einen Bericht über die Weinbauern in Rheingau und Pfalz, die zwischen ihren Reben kleine Eimer mit Brennpaste aufstellen, um die Stöcke über Nacht zu wärmen bei den unüblichen Minustemperaturen. Was übrigens, wenn es nicht so dramatisch um die vom Ausfall bedrohte Weinernte stünde, sehr hübsch aussieht, wenn einen nächtlichen Weinberg hinauf diese Gassen aus bläulichen Flämmchen reichen (oder hinunter, ganz wie man es betrachten will, aber die Kamera schaute in diesem Bericht zum Gipfel hinauf); andernorts, da ging es um Äpfel, ließen die Obstbauern zwei Hubschrauber über ihrer Plantage kreisen, damit die Rotoren die warme Luft aus den höheren Schichten zu den Pflanzen am Boden wirbelten. Ein Maschineneinsatz, der sich als vergeblich erwies, leider. Im Verlauf der betreffenden Nacht wurde es einfach zu kalt. Braunfleckigkeit an den Fruchtknoten der Apfelblüten: 90 Prozent Ernteausfall.

Und was macht Jeff Koons? Er lässt das Leder der Handtasche mit der Mona Lisa bedrucken (die Martin Mosebach jetzt korrekt mit La Gioconda bezeichnen würd‘, aber Martin Mosebach hat, wie ich in der Zeitung las, noch nicht einmal ein Handy, auch lehnt er die Häresie sozialer Netzwerke ab und wird es von daher auch nie erfahren, dass ich gar nicht weiß, wie man Mona Lisa richtig schreibt), also Vollgas Pop, und dazu kleben (eventuell sind sie genietet) goldene Buchstaben drauf, die zusammengenommen bedeuten: DA VINCI. Dazu kommt noch ein Layer ultraplastischer Metallic-Aufdrucke, die das legendäre Logo von Louis Vuitton – in China bekannter als das Hakenkreuz – zeugen und wenn man genau hinschaut, was ich freilich getan habe, denn ich konnte es ja kaum fassen, was dort aus dem Großkarton gehoben ward, entdeckt man auch noch als Dreingabe die erste Umschrift in der Geschichte des Hauses: Jeff Koons hat nämlich auf dieser Handtasche von Louis Vuitton auch noch deren Logo appropriiert und mit seinen Initialen überschrieben. Aus LV wurde JK. Kann gut sein, dass all dies in China und Nigeria, für diese Absatzmärkte scheint die Neverfull Da Vinci konzipiert, noch einmal ganz anders gelesen wird. Kann aber auch genau so gut nicht sein. Man kennt ja kaum noch Chinesen und noch weniger Nigerianer, mit denen man sich über Jeff Koons oder Handtaschen austauscht, wie es so schön heißt.

Der Kirschbaum hat die kälteste Nacht gut überstanden. Die Forsythien blühen 1a und auch in den tieferen Schichten, wo abwechselnd Walderdbeeren und Waldmeister (a hell of a combination) knospen, sieht es vielversprechend aus.

20.4.

Endlich wieder mit Socken schlafen. Es ist halt einfach das Gemütlichste auf der ganzen Welt! Und dann beim Aufwachen zwar Kälte, aber zum Ausgleich blitzblauer Himmel und gleich herrlichster Sonnenschein. Der New Yorker veröffentlicht die geheimen Tagebücher von David Sedaris. Seit vierzig Jahren schreibt er sie in von ihm selbst gemachte Ringbücher, 153 Stück gibt es mittlerweile davon, der New Yorker veröffentlicht freilich nur in Auszügen daraus. Ich las und schaute mir auch die Einbände der geheimen Tagebücher an, die, ebenfalls in Auswahl, abgebildet wurden. Das war während meiner Fahrt durch die Bilder einer Landschaft mit Schnee vor frühlingsgrünen Bäumen. Ich kann mich nicht erinnern, das schon einmal erlebt zu haben. Gar nicht sattsehen konnte ich mich daran. Die Kinzigtalsperre: en forme.  Und kurz zuvor der zweitschönste Industriekomplex aus Backstein auf dieser Strecke: die Dreiturmwerke in Steinau. Seit 1835 in Familienbesitz. Seit 1835 wird hier Seife hergestellt. 1945 wurde die Fabrik vollkommen zerstört. Seltsam eigentlich, wo die doch bloß Seife hergestellt haben. 1950 steht nicht nur alles wieder, es wird expandiert. Heute ist die Dreiturm GmbH auf die Veredelung (von Reinigungsmitteln) ausgerichtet, stellt außerdem (milde) Pharmazeutika her. Der Slogan lautet nach wie vor: »Für alles die richtige Lösung«. Platz Eins auf der Strecke behält freilich VW. Nicht allzuweit hinten dann Fulda, die siffige Rückenansicht der Papierfabrik dort. Mehr weiß ich bislang nicht, muss halt ein paar Mal noch fahren.

Ausgesucht schöner Sonnenuntergang, der in drei Phasen gezeigt wurde, weil kurz vor der Bildkante noch ein blauschwarzes Wolkenband horizontal verlief, hinter dem der Sonnenpunkt für zehn Minuten verschwand, den Untergang an sich quasi antäuschend, um dann darunter durchgeschlüpft noch einmal kurz loszustrahlen, dann Waldsaum und damit auch »Ende Gelände« wie es unter den Freunden des Endreims heißt. Die Vögel machten kundige Geräusche, so als verstünden sie nur irgendetwas davon – aber wer weiß? Evolutionspsychologisch ist es doch wahrscheinlich, dass gerade Amseln beispielsweise oder Nachtigallen, die mit ihrer Liedproduktion so ganz wesentlich mit der Tag-/Nachtscheide verbunden scheinen wie infrarotsensorgesteuerte Lichtschalter, über Tausende von Jahrhunderten eine seelische Empfänglichkeit für die Qualität dieser Licht aus-/Licht an-Momente ausgeprägt haben dürften. Just saying.

Dazu aß ich Spaghetti mit Tomatensauce nach einem alten Rezept aus den fünfziger Jahren. Seit es viel aus London zu berichten gibt, ist in der Tagesschau nun erfreulich oft auch die Großbritannien-Korrespondentin des Ersten zu sehen. Hanni Hüsch. Sie hat einen ganz eigenen Stil, sich während ihrer Kommentare in Pose zu stellen. Auch was sie dazu anzieht, bleibt bei mir haften. Seit Gabriele Krone-Schmalz ist sie die erste Kommentatorin im Deutschen Fernsehen, deren Namen ich korrekt auswendig weiß. Wobei sie eigentlich Johanna heißt. Auch das weiß ich schon. Hanni ist eine Art Künstlername. Es soll kalt bleiben, auch über das Wochenende. Na ja.

Eine Frau vom Bayerischen Rundfunk, sie trägt ein Strickkleid aus goldglitzerndem Lurex, wünscht einen angenehmen Abend. Es folgt die Dokumentation über den NSU.

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