»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

30.4.

Auf Seite 240 konnte ich es nicht mehr länger ertragen und musste die Lektüre von Jetzt Alles Sofort abbrechen. Abigail Ulman beschreibt da gerade eine Sexszene zwischen zwei australischen Teenagern, die übrigen Szenen in diesem Buch scheinen direkt von Fernsehserien übernommen, aber hier wird es, zunächst unmerklich, persönlich. Dabei ist die Szene rein technisch formuliert, aber halt nicht mehr so, wie bei meinem Generationsgenossen Bret Easton Ellis, der seine Innenräume nach Abbildungen aus Einrichtungszeitschriften gestaltet hat und die Sexszenen vom Porno abschrieb. Bei Abigail Ulman haben die Teenager die Dramaturgie und die Dialoge der Pornos verinnerlicht, sie spielen auch nichts nach, sondern halten all dies, was sie aneinander tun, für ihre Natur. Und lügen sich nicht nur hinterher gegenseitig an.

»Gefällt dir das?«, fragte Zach.

»Äh…«

»Ich tu so, als ob’s dir gefällt«, sagte er.

»Ich auch«, sagte Elise.

Sie lachten.

Ich las dann noch einige Zeilen, es wurde nur noch herzloser, und auf dem Umschlag ist ein Foto der Autorin im Sommerkleid abgebildet, die gesund und fröhlich in die Kamera schaut. Dahinter unscharfe Pflanzen.

*

Am Nachmittag ging ich dann zwei Stunden vor der Eröffnungsfeier in die Galerie Sprüth Magers, um mir die Installation von Alexandre Singh anzuschauen. Jan hatte mir geraten, dass ich mir Zeit nehmen sollte, weil es sich bei The School for Objects Criticized um ein Theaterstück handelte. Und saß dort also in einem komplett schallgedämpften, schwarz ausgeschlagenen Raum, in dessen Mitte auf unterschiedlich hohen Podesten sieben Gegenstände ausgestellt waren: ein Kassettenrekorder CAS 1500 von Califone, ein Kassettenrekorder mit Radioempfangsteil CAS 5272 des gleichen Herstellers, ein Toaster, ein origamiförmiges Kunstobjekt, eine Spiralfeder, ein Kanister mit Chlorbleiche der Marke Chlorax in der Duftnote Fresh Meadows, sowie ein ausgestopftes Stinktier. Das Stinktier tat glücklicherweise kaum etwas zur Sache, denn die darüber befestigten Scheinwerfer erteilen sozusagen den Gegenständen das Wort, und das Stinktier blieb die meiste Zeit der einstündigen Aufführung über im Dunkeln. Der Chlorbleichenkanister hingegen redete ziemlich viel, denn schon nach wenigen, für den willing suspense of disbelief-Effekt nötigen Minuten meldete das Gehirn des Betrachters, also nicht nur meins: die Clorflasche spricht. Und das natürlich »ätzend«, das gibt sie auch gleich zu Beginn dieser Party unter Dingen zu bedenken, dass dies nun einmal ihrem Naturell entspräche, ätzend zu wirken. Reinigend halt aber auch. Und so wirft dann ungefähr nach einer halben Stunde der Toaster eine existenzielle Frage in die Runde: »But I’m sorry, where do we… I mean… Where is it that us in this room… Where is it that we came from?«

Woraufhin der Scheinwerfer über der Chlorflasche angeht: »Baby, can you be that naïve [lowering his voice to an intimate leve]. Listen, when two bleach bottles love each other very much, hey go into a dark cupboard – you know, the one under the kitchen sink. They close the door behind them [speaking with increasing desire] and passionately they begin to take off each other’s labels. Caps unscrew, fluids ooze down curved flanks –«

»Please«, schreit die Spiralfeder »Can we leave your voluptuary till later? Why don’t you give me a hand taking the glasses into the kitchen?«

Ende der vierten Szene. Es waren weder Gläser noch war eine Küche zu sehen.

29.4.

Ich liebe es, wenn Anfang Mai im Unterholz die jungen Blätter schon dicht und hell entfaltet sind. Als ob eine Wolke aus grünem Licht durch das Spalier der nackten Stämme triebe.

Die Krone der Blutbuche neben dem Haus wirkt wie mit einer Folie bekleidet, das Licht erscheint rosa, ich laufe meine Treppen hinauf und lasse den Parka an und auch die Schuhe, denn es geht jetzt um Sekunden. Die Sonne, es gibt keine Halbsonne, weder zunehmend, noch abnehmend, weder z noch a, diese Sonne steht gerade noch ganz über dem dunkelblauen Streifen am anderen Ufer und quer über dem See liegt das gehämmerte Gold, ein Tamtam für Wendelin, »das Fischgericht stieg hernieder«.

Früh zu Bett.

Um 3 Uhr und 03 Minuten wache ich auf, freue mich und mache die Balkontür auf. Stunde der Nachtigall, dazu wieder einschlafen. Ohne die Kopfhörer. Es ist ja so schwer, die endlos variierte Melodie der Nachtigall zu beschreiben. Es sind ja zwei Nachtigallen. Die andere, ist es eine sie?, antwortet beständig mit fünf langgezogenen Lauten. Womöglich ist es ein und dieselbe und sie ahmt in und für sich eine ihr antwortende Nachtigall nach. In Los Angeles hatte ich einen mockingbird im Garten, den ich nie zu Gesicht bekam, der konnte den aufwippenden Sound der ferngesteuerten Türverriegelung eines BMWs nachmachen.

Am Abend des Todestages von Prince hatte Carl Craig ein Foto aus seinem Hotelzimmer gepostet, darauf waren eine Flasche Bordeaux, zwei kleine Flaschen Tequila und eine Flasche San Pellegrino zu sehen. In seiner Bildunterschrift hatte er sich beim Hotelpersonal bedankt, dass die ihm sämtliche für die Zubereitung eines Purple Rain notwendigen Zutaten aufs Zimmer gestellt haben. Ich habe viele mögliche Mischungsverhältnisse ausprobiert. Schmeckte echt grauenhaft. Dann erst gegoogelt und herausgefunden, dass es ziemlich viele Rezepte gibt, einen »Purple Rain« zuzubereiten, aber keines davon mit Mineralwasser, Rotwein und Teq.

Wie leicht es dir fällt, jemandem vertrauen zu wollen, sobald du ihn erst in dein Herz geschlossen hast.

Und wenn du ein Vöglein wärst, dann.

28.4.

Nachdem ich auf der Eröffnung des Dandy Diners aufgrund dessen Überfülltheit so gut wie nichts von der Raumgestaltung hatte erkennen können, ergab sich nun gestern Abend eine willkommene Gelegenheit. Carl Jakob Haupt empfing die geladenen Gäste in der von Henrik Vibskov entworfenen Uniform aus Schürze, Mongolenkäppi und Kurzarmhemd. Kurt Karl David Roth hingegen und sozusagen in zivil. Passend zur Farbe der Wandfliesen, laut Carl Jakob Haupt handelte es sich um den Farbton des Jahres 2016 auf der Pantoneskala, wurde eine gekühlte Limonade mit Kirschblütenaroma ausgegeben, die angeblich aus einer Berliner Limonadenfabrik stammte – extrem köstlich, war mir neu. Haupts rechter Unterarm war eng mit Frischhaltefolie umwickelt, da er sich kurz vor dem Beginn des Abends zu Ehren des Modeschöpfers Vibskov noch eine Tätowierung hatte machen lassen. Bei der Vorspeise (Salat aus Linsen) erzählte er mir, wie es zu der geborstenen Schaufensterscheibe gekommen war. Offenbar stellt die Corporate Identity des Dandy Diners – das Logo besteht aus einem zwinkernden Schweinegesicht – in der unmittelbaren Nachbarschaft des ja nicht gerade kleinen, sondern, vergleichbar mit einer innerstädtischen Filiale von Burger King oder McDonalds, schon eher auffälligen Schnellrestaurants, eine gewaltige Provokation dar. Beziehungsweise provoziert sie Gewalt. So soll, laut Haupt, ein Duo aus vollbärtigen Männern mit glattrasierter Oberlippenpartie sich neulich abend vor dem Diner aufgestellt haben, um mit »Hurensohn, Hurensohn«-Rufen ihrer Abscheu Ausdruck zu verleihen. Kurz darauf erschien eine weitere Person männlichen Geschlechts, um mit einem, wie Haupt es ausdrückte, Roundhouse Kick die Schaufensterscheibe einzutreten. Die Angestellten des Dandy Diners verließen aufgeschreckt ihre Arbeitsplätze in der zartrosa gekachelten Küche und sahen den Übeltäter gemütlich die Karl-Marx-Straße hinaufschlendern, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Reparatur der Scheibe wird weit mehr als 1000 Euro kosten. Die Versicherung hat bereits angedroht, beim dritten oder vierten Fall von Vandalismus auszusteigen. Die Polizei riet den Betreibern Carl Jakob Haupt und Kurt Karl David Roth, sich Gedanken über ein anderes Logo zu machen. Das ursprüngliche Anstreichen der Aussenfassade im Pantone-Farbton des Jahres wurde aus Sicherheitsgründen ebenso untersagt, wie das Anbringen des Schweinegesichtes aus Neon, dessen Auge blinken sollte, um ein Zwinkern zu simulieren.

Beim Risotto mit Artischocken, erst recht aber bei der Mangocreme mit Kokosflocken, dachten wir intensiv nach, mit welchem Tiergesicht die Salafisten uns denn so richtig provozieren könnten, kamen aber auf nichts.

Dann traf Mary Scherpe ein, als cum tempore war das schon lange nicht mehr zu bezeichnen, machte Snapchat an und riet mir, meinen Bart abzunehmen. Sie fand ihn »viel zu lang«.

27.4.

Beim absichtslosen Herumsurfen auf der Website der Deutschen Post entdeckte ich dort das Angebot, Telegramme zu versenden – dass es die immer noch geben darf! Ich probierte es sofort aus und tatsächlich, das funktioniert! Die Deutsche Post ist ja an sich schon ein zauberhaftes Unternehmen, das haben die Jungs von Vetements goldrichtig erkannt. Ich kenne kein Land, in dem es so preiswert ist, eine Postkarte zu verschicken, vor allem kommen sie in Deutschland nicht nur tatsächlich, sondern auch unverzüglich und unbeschädigt an. Da, wie Jörg Splett sagt, Dankbarkeit eines Adressaten bedarf, schrieb ich eine E-Mail zur Sache an Frau Manteufel aus dem Team Unternehmenskommunikation der DPDHL, wie der mit dem Vetements-Kollektiv fusionierte Konzern mittlerweile heißt. Die Antworten stammen vom Pressesprecher der DPDHL, Alexander Edenhofer.

Sehr geehrte Frau Manteufel, liebes Team,

Beim absichslosen Herumsurfen auf ihrer Seite stieß ich auf das Angebot, Telegramme zu verschicken. Ich habe es sofort ausprobiert — und tatsächlich! Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich fand und finde Telegramme wunderschön. Aber seit sich E-Mail etabliert hat: Wer nutzt Telegramme?

Von daher meine Fragen:

1 Wer nutzt ihrer Erfahrung nach noch Telegramme?

Das können wir so nicht sagen, da wir ja nicht wissen (können), wer jeweils Telegramme aufgibt. Neben Privatkunden, die das Telegramm z.B. für Anlässe wie Geburtstage oder Goldene Hochzeit nutzen, gibt es auch viele Unternehmen, die dieses Produkt aufgrund seines Aufmerksamkeitswertes nutzen, z.B. bei Firmenjubiläen, als Einladungen oder auch Mahnungen.

2 Worin besteht deren Vorteil? Nostalgie?

Der Vorteil besteht darin, dass das Telegramm ein hochwertiges Traditionsprodukt und besonders aufmerksamkeitsstark ist. Beim Empfänger wird es – je nach Inhalt – als besonders wertschätzend und persönlich wahrgenommen. Es hat einen hohen Erinnerungswert und hebt sich von der sonstigen Post – allein schon durch die persönliche Übergabe durch den Zusteller – positiv ab.

3 Wie wird ein Telegramm heute übertragen, wer trägt es aus?

Siehe hier: https://www.deutschepost.de/de/t/telegramm/haeufige-fragen.html

4 Wozu dient die Zeichenbeschränkung auf 160 Anschläge?

Der Preis des Telegramms richtet sich nach der Anzahl der Zeichen. Angelehnt an die Historie wird mit einem Telegramm etwas Wichtiges, Besonderes verbunden und der Absender konzentriert sich auf eine kurze Botschaft, z B. einen Glückwunsch oder ein Dankeschön. Mit unserem Mini-/Maxitelegramm sowie den Zusatzzeichen ist es jedoch ebenso möglich, das DIN A4-Blatt statt mit einer Kurzmitteilung mit langen Nachrichten zu füllen. 

5 Weshalb keine Emojis?

Hier lehnen wir uns noch immer ein bisschen an das Aussehen des Traditionsproduktes an: klassisch und hochwertig. Da das Produkt aufgrund seines Produktionsprozesses auch nur in schwarz/weiß ausgedruckt werden kann, kämen die Emojis sowieso nicht richtig zur Geltung. Ein Smiley im Format „ :-D “ kann jedoch mit jeder Tastatur in den Text eingefügt werden.

6 Warum steht zwischen den Sätzen der Mitteilung nicht mehr das schöne +Stop+?

Da das Telegramm vermehrt auch von Geschäftskunden genutzt wird und hier der Kunde seine Texte komplett eigenständig formulieren möchte, haben wir von der „Zwangsvorgabe“ dieses Wortes bzw. der Reglementierung abgesehen. Es steht jedoch jedem frei, in seinen Text „+Stop+“ einzubauen, wenn er damit seinem Telegramm einen historischen Charakter verleihen möchte.

7 Warum bewirbt der Konzern diese herrliche Kommunikationsoption nicht offensiv?

Wir haben erst im letzten August eine Pressemitteilung zur Neuerung herausgegeben, dass Telegramme von da an mit Wunschtermin und taggleicher Zustellung (bei Beauftragung zwischen 0:00 und 3:00 Uhr nachts) angeboten werden (Abb. Hyperlink zur Pressemitteilung der DPDHL). Wir hatten zudem eine Weihnachts- und eine Osteraktion, sogar mit saisonalem Schmuckblatt, bei der das Telegramm zu einem Sonderpreis beauftragt werden konnte. Im Übrigen bewerben wir das Telegramm immer wieder mal auf unserer Website www.deutschepost.de und auch bei Facebook.

8 Geht es in den Telegrammen heute mehrheitlich um Liebesdinge, wird die Telegrammfunktion überwiegend von Liebenden benutzt?

S.o.: Es gibt viele Anlässe für das Telegramm: Geburtstag, Hochzeiten, Schulanfang, Goldene Hochzeit, Muttertagsgrüße aber auch Firmenjubiläen, Einladung zu besonderen Firmenveranstaltungen oder Mahnungen. Was die Absender jedoch im Detail in das Telegramm schreiben, wissen wir nicht, denn das unterliegt selbstverständlich dem Briefgeheimnis.

9 Ist der Telegrammdienst ein Zuschussgeschäft des Konzerns, ein Prestigeobjekt, oder wirft er gar Gewinne ab?

Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu finanziellen Kennzahlen einzelner Produkte grundsätzlich nicht äußern.

26.4.

Neulich, als die Aufnahmen von den Privaträumen Donald Trumps gepostet wurden, lag dort, auf dem größten Sofatisch der Welt natürlich der größte Bildband aller Zeiten (bei Büchern mit Text drin ist diese Kategorie schwer zu fassen, weil sich die Größe des Inhalts ja erst im Bewusstsein und danach in der Erinnerung seiner Leser dimensioniert; das größte Textbuch aller Zeiten kann also fallweise auch von seinen physischen Abmessungen her zunächst wie für die Winzlinge gemacht scheinen – aber dann): das über den Berufsboxer Muhammed Ali.

Das nahm ich hin wie selbstverständlich: Also dass ein Proll auf goldene Gardinen besteht und auf Auslegeware von Donatella Versace ist doch bekannt und sozusagen Usus. Ebenso, dass solche Leute aus eher einfachen Verhältnissen entweder ganze Bibliotheken mit Schweinsledernem kaufen (Dieter Bohlen) oder nur ein einziges Buch zum Vorzeigen besitzen, dafür gibt es ja schließlich den Taschen-Verlag. Den Rest besorgt dann im Falle Trump der Ausblick durch vergoldete Fensterrahmen: umgeben von den Häuserspitzen der teuersten Stadt der Welt, Hauptstadt der Juden. Im Vergleich dazu hat Adolf Hitler auf dem Obersalzberg ja eher bescheiden gelebt (die Interior-Strecke gibt es bekanntlich auch). Aber das war eben eine andere Zeit.

Im kleinsten Buch aller Zeiten, jedenfalls all derer, die jemals im Taschen-Verlag erschienen sind, und dort auch im schönsten, das dieses Verlagshaus jemals publiziert hat, fand ich nun die Anekdote, dass Albert Speer, der bezeugt hatte und niedergeschrieben, was an den Abenden auf dem Obersalzberg so gemacht wurde unter dem damals noch nicht existenten Hashtag workhardplayhard, wie es nun scheint, wohl ein Riesenfan gewesen war von Je t’aime…moi non plus, also diesem ultraguten Lied, dessen Dimension derart ausgreifend sich in, wie ich annehmen will, jedermanns Bewusstsein saharahaft breit gemacht hat, so dass es in Wirklichkeit niemand mehr hören will. Wie Andrew Birkin sich in dem quadratischen Begleitheft zu seinem poesiealbengroßen Bildband über die Liebe seiner Schwester Jane zu Serge Gainsbourg erinnert, konfrontierte Albert Speer nach seinen Jahrzehnten in der Spandauer Haftanstalt aber Serge Gainsbourg mit dem Wunsch, sich eine Vinylsingle von Je t’aime…moi non plus signieren zu lassen. Zum Anlass schweigt die Erinnerung, leider, aber man trifft ja heute gerade auf Partys die unterschiedlichsten Menschen unterschiedlichster Neigungen und Milieus (*Scherz, aber es war halt eine andere Zeit).

Hat also, dies nur als Fantasie, Albert Speer womöglich in den Jahren nach seiner Entlassung aus seiner Spandauer Zelle Je t’aime obsessiv gehört? Also nicht in einem Guantanamo-Sinn, unter Zwangsbeschallung, sondern ex negativo als ein Verdrängungslied seines Schuldbewusstseins? Und warum, wenn dem so gewesen sein sollte – seine Erinnerungen schweigen davon, ich habe eben noch einmal nachgesehen – ließ er sich dann den Datenträger dieses seines Schuldbewusstseinsauslöschungssoundtracks von Serge Gainsbourg, der Jude war, signieren?

Der hat ihm, auch davon zeugt dieses wunderschöne, für Taschen-Verhältnisse winzigkleine, dabei aber riesengroße Buch Jane and Serge, diesen letzten Gefallen übrigens getan. Und ich nehme mal an, also, ich will es hoffen: Donald Trump hört permanent Nina Simone.

25.4.

Hayden Christensen, zusammengesunken, sein Gesicht oberhalb hängender Schultern, in einem kirschblütenfarbenen Hemd, das ihm aufgrund seiner Haltung zu groß erscheint. Die beiden obersten Knöpfe sind geöffnet, aus den Schatten dahinter tritt sein Adamsapfel scharfkantig hervor. Die Farbe seiner Lippen: vier Nuancen dunkler als der Kirschblütenton des Hemdenstoffes. Ratloser Blick. Eine Träne ist bis auf zwei Zentimeter vor seinem linken Mundwinkel herabgerollt. Die Lider sind angeschwollen. Im unteren Drittel des Hintergrundes ist der gewellte Bezugsstoff eines weißen Sofas zu sehen. Der dahinter beginnende Hintergrund des Raumes erscheint einfarbig in einem warmen Graubraun.

Ed Harris in einem dunkelgrauen Einreiher aus Flanell, darunter ein dunkler Pullover mit Rundhalsauschnitt. Der Sessel, aus dem heraus er sich in den Vordergrund beugt, steht direkt neben einem Fenster. Durch die Gardine aus hellem Stoff fällt das Licht des frühen Morgens. Es sind keine Tränen zu sehen in seinem Gesicht, aber dafür sein Blick, den er zu Boden, und dort auf einen Punkt weit außerhalb des Bildrandes gerichtet, hält; da sind die zusammengezogenen Brauen, die Falten auf seiner Stirn, sowie, es ist im Anschnitt zu erkennen, die Haltung seiner Hände, die er bei auf die Lehnen des Sessels gelegten Unterarme mit den Fingerknöcheln aneinandergelegt hält. Der Hintergrund ist unscharf und dunkel, bis auf den kleinen Schnipsel der Glasfüllung einer in den Nebenraum führenden Tür.

Dustin Hoffman, nackt, seine Haut erscheint in dem ihn umgebenden Raum, in dem alles von strahlendem Weiß ist, auf unnatürliche Weise gebräunt. Das Haar ist kurz geschnitten und jungenhaft verstrubbelt. Im Gegensatz dazu wirken seine Oberarme plump, schlaff. Sein Blick ist nicht zu erkennen, er hält die Augen geschlossen. Alles leicht unscharf, so als ob er den Raum zum Schluchzen gebracht hat. Einige Kosmetikprodukte von Elizabeth Arden. Durch die geschlossenen Jalousien vor dem Fenster am rechten Bildrand dringt kalifornisches Licht.

Forest Whitaker in einem magentafarbenen Guayabera, dahinter entsteht scheinbar aus dem Verlauf seiner Silhouette die Lehne eines Sofas oder Sessels aus rostrotem Korbgeflecht. Seine rechte Hand unterstützt den Ellbogen des linken Unterarmes, den er, die Finger bleiben unscharf in einer abwehrenden Haltung, vor sein Gesicht zu schwenken versucht. Sein Blick geht zur Seite, der Mund steht offen, die obere Zahnreihe sticht weiß hervor. Darüber ein schmaler Oberlippenbart. Die Gesichtszüge sind verzerrt, die Stirn liegt in Falten, alles glänzt. Im Hintergrund des Sitzmöbels ist eine Stehlampe aus Bronze nach dem Entwurf Frank Lloyd Wrights zu sehen.

Jude Law in weiten Jeans und einem ecrufarbenen Hemd von Tom Ford, in einer Zimmerecke auf dem Fußboden. Die Füße leicht angehoben, schwarze Brogues, Schatten an der Wand. Sein Gesicht verbirgt er zur Hälfte hinter dem linken Unterarm, der bei geöffneten Manschetten nackt und mit angespannten Sehnen wie ein Fremdkörper aus dem Ärmel hervorzustoßen scheint. Die Augen sind geschlossen. Die Brauen so weit zusammengezogen, dass eine tiefe Falte von der Nasenwurzel bis in den Haaransatz hinein entstanden ist. Mit seiner Nasenspitze berührt er beinahe die Haut des davorliegenden Unterarmes. So als wischte er darüber (hin und her).

Gabriel Byrne in einem himmelblauen Hemd aus ägyptischer Baumwolle, es steht sehr weit offen, slack pants in grauem Beige. Das linke Knie angezogen, das rechte Bein von sich gestreckt, hält er seine Hände übereinandergeschlagen auf dem linken Knie. Um das rechte Handgelenk, es liegt zuoberst, führt das silberne Band einer Panzerkette. Am Ringfinger der zugehörigen Hand steckt ein silberner Siegelring. Die Manschetten des Hemdes sind beidseitig aufgekrempelt. Am Rücken der linken Hand, mit der er den beginnenden Unterschenkel seines linken Beines umfasst hält, treten die Adern hervor. Der linke Zeigefinger macht eine unzusammenhängende Geste. Der Blick geht nach links unten zu Boden, die Haut des Gesichtes erscheint insgesamt gerötet. Auf den Lidrändern und in den Wimpern glänzt Tränenflüssigkeit. Der Hintergrund, ein Fenster, wird von einem Vorhang aus papierweißer Gaze verhüllt. Es ist hellichter Tag.

Sam Shepard in einem dunklen Pullover (die Aufnahme ist schwarz-weiß). Er stützt das Gesicht in die Handschale der Linken. Der kleine Finger berührt den Lidrand, es wirkt so, als ob er ihn damit stützt. Der Blick geht zu Boden, die Stirn liegt in Falten. Der linke Mundwinkel wird von der Handfläche verdeckt, auf dem Handrücken ist ein kleiner Leberfleck zu sehen. Der rechte Mundwinkel hängt herab und das umgebende Gewebe hat sich zu einem dreieckigen Polster geballt. Sein Haar ist dunkel, sehr kurz geschnitten und die Struktur der Haare scheint so fein, dass im Gegenlicht jedes einzelne von ihnen wie mit einem Druckbleistift technischen Härtegrades illustriert worden erscheint.

Woody Harrelson in einem dunklen Flanellhemd, die obersten drei Knöpfe gelöst, darunter ein dunkles T-Shirt, darüber eine Windjacke mit grobem Reißverschluss, der offen steht. Sonnenlicht fällt auf die obere Hälfte seines Gesichtes, im Hintergrund sind unscharf drei Bäume zu sehen. Sein Blick geht nach rechts unten zu Boden, darüber helle Wimpern. Im Kinnbereich wirkt er unrasiert. Zwischen den zusammengezogenen Brauen ist eine Furche entstanden, die bis zur Mitte seiner Stirn reicht. Die Spuren seiner Stirnfalten sind zu erkennen, aber dennoch wirkt die Haut über seiner Stirn glatt und entspannt.

Ryan Gosling in einem grauen Anzug, in Glencheck gemustert, weiße Manschetten, die Manschettenknöpfe in Form zweier Knebel, vermutlich Koralle, wahrscheinlich Secondhand. Er hockt auf einem Heizkörper, die Abdeckung ist weiß lackiert, allem Anschein nach im Brown’s Hotel (London). In seiner rechten Hand hält er zwischen Daumen, Zeige- und Ringfinger eine bis auf den Filter heruntergerauchte Zigarette. In die Handschale der Linken stützt er sein Gesicht. Am Ringfinger der linken Hand steckt ein schmaler Reif aus Silber. Seine Nasenspitze wird gegen den kleinen Finger der Linken gepresst, sodass sich der Nasenflügel verformt. Die Aufnahme ist unscharf, die Augen wirken geschlossen, drei Falten reichen quer über die Stirn.

Tim Roth in einem schwarzen Pullover, die Ärmel bis an die Ellenbogen hochgeschoben. Die Hände vor den Lippen aneinandergelegt. Am Ringfinger der rechten steckt ein breiter, goldener Ehering. Sommersprossen auf den Handrücken. Ein rötlicher Schnurrbart, getrimmt, die Lider sind rot und stark angeschwollen. Tränen glänzen in den Augen, die Farbe der Iris ist nicht zu erkennen. Im Hintergrund, unscharf: Sonnenlicht und Vegetation.

Willem Dafoe in einem roten Hemd mit kurzen Ärmeln, weit aufgeknöpft, darunter ein weißes T-Shirt von Zimmerli. Mit dem Rücken der linken Hand wischt er sich den Winkel des linken Auges, das durch die Geste zur Hälfte verdeckt wird. Die Lider des rechten sind weit aufgerissen, der Blick geht zur Seite, nach links. Im Hintergrund ist ein ungemachtes Bett zu sehen, sowie, an der Wand montiert: das Steuerungselement einer Klimaanlage.

Kris Kristofferson in einem schwarzen Hemd, bis obenhin geschlossen. Die Mittelknöchel seiner Finger an der rechten Hand stützen den Kopf an der rechten Schläfe. Ein graumelierter, kurzer Bart umgibt die fest geschlossenen Lippen, deren Oberfläche gefurcht ist und von einem hellen Rosa im Kontrast zu seiner ansonsten sonnengebräunten Gesichtshaut. Viele Runzeln und Falten. Kaum Augenbrauen. Toter, nach innen gewendeter Blick. Unter dem rechten Auge haftet eine Träne, wie dort erstarrt.

Paul Newman, in Schwarz-weiß aufgenommen, er trägt ein weißes Polohemd von Sulka, den Kragen aufgestellt. Drei Finger seiner rechten Hand sind auf die rechte Gesichtshälfte aufgelegt; der Ringfinger verdeckt gänzlich das rechte Auge. An diesem Ringfinger: ein klobiger Siegelring, darin eingelegt ein dunkler Stein, darauf, in Silber eine arabische Zahl (1). Kaum Lippen, darüber und darunter tiefe, senkrechte Falten. Das linke Auge schaut unter der weißen Augenbraue drein. In seiner Iris spiegelt sich etwas vom Raum.

Daniel Craig in einem anthrazit und dunkelgrau gestreiften Hemd, darüber einen ausgewaschenen Pullover aus schwarzer Merinowolle, Jeans. Das Sonnenlicht brennt auf seiner Stirn ein Quadrat aus, der Rest des Gesichtes liegt im Schatten. Das Weiß in seinen Augen ist wie auch die Lidränder gerötet. Unter den wulstigen Tränensäcken glänzen Tränen. Mit dem Rücken der rechten Hand, deren Fingerspitzen in seinen Schoß weisen, wischt er seine Nasenspitze. Am Ringfinger steckt ein zwei Zentimeter breiter Hopi-Ring. Die Linke hängt in verquerer Haltung, am Unterarm auf den linken Oberschenkel gestützt, vor seinem Schoß. Die Finger dabei eingerollt, wie der Trieb eines Farns.

Michael Gambon in einem weißen Hemd (pin point quality) von Brooks Brothers, dunklem Jackett, vor einem gleißenden Hintergrund. Die rechte Hälfte seines Gesichtes liegt im Schatten. Ratloser Gesichtsausdruck. In beiden Augen glitzern Tränen. Er atmet aus.

John Leguizamo in einem bis unten hin aufgeknöpften, schwarzen Hemd von Versace. Um den Hals trägt er eine silberne Gliederkette, die Hände halten ein Stielglas, gefüllt mit Rotwein. Am rechten Handgelenk eine Armbanduhr von Omega, das Ziffernblatt zeigt zu Boden. Der Gesichtsausdruck gibt Widerwillen, beinahe Abscheu wieder. Und Abscheu vor der Abscheu, das momentan vorherrschende Gefühl nicht empfinden zu wollen. Der Blick ist nach rechts vorne gerichtet. Sonnenlicht fällt auf die linke Gesichtshälfte. Gleich daneben: ein weiß lackierter Rahmen eines Sprossenfensters, draußen: bricks. Dahinter: die Innenstadt.

Michael Pitt in einem anthrazitfarbenen T-Shirt, extrem dunkle Lichtstimmung: beide Unterarme, sowie Teile seiner rechten Gesichtshälfte treten umso deutlicher hervor. Der rechte Unterarm unterschlägt den linken innerhalb der Verschränkung. An der Daumenwurzel ist eine feingliederige, blaue Tättowierung (Striche, Ranken) zu sehen. Den rechten Unterarm umschließen zwei Bänder, zunächst eines aus semitransparentem, türkisfarbenem Kunststoff mit Snap-Back-Verschluss, dann weiter hinten ein schwarzes Gummiband, und auf dem Handgelenk klebt ein Wundpflaster, weiß, auf dessen gepolsteter Mitte ein Herz aufgemalt wurde. Die darüberhinwegverlaufenden Buchstaben (schwarze Tinte) sind nicht zu entziffern. Er hält beide Augen geschlossen. Die Wimpernbögen erscheinen gezackt. Dicke Strähnen des mittelblonden Haupthaares rahmen sein Gesicht.

Ben Stiller in einer Lederjacke (Ziege) von Tom Ford. Der Anschnitt gibt den Fahrersitz eines Sportwagens frei. Dahinter Rasen. Die rechte Hand verdeckt alles oberhalb der Nase. Die Lippen liegen gelöst aufeinander. Die Stellung der Finger erscheint spielerisch, der Zeigefinger wirkt beinahe kokett.

Ray Winstone in einem perlgrauen Hemd, die drei oberen Knöpfe geöffnet. Bartstoppeln (zwei Tage alt), die Lippen ein wenig geöffnet, dahinter ist eine Blase aus Speichel zu sehen. Seine rechte Hand hält ihm den Hinterkopf. Die Augen sind geschlossen, etwas zusammengepresst. Auf der Mitte seiner rechten Wange, inmitten der Stoppeln: eine Träne, die winzig erscheint.

Robin Williams, marineblaues T-Shirt von Prada, hellgraue slack pants, er sitzt auf den Treppenstufen im Vorgarten eines im für Los Angeles typischen Hispanostil erbauten Hauses. Von links und rechts ragen die Blattspitzen von Oleandersträuchern ins Bild. Die Unterarme von Robin Williams sind dicht und lang und dunkel behaart. Seine Hände sind zu einer einzigen Faust zusammengeballt und verschränkt, sodass sein dahinter gelegener Mund zum Verschwinden gebracht wurde. Der Blick geht nach rechts unten. Sein Haar ist in einem Seitenscheitel von links nach rechts hoch über die Stirn gekämmt. Seine Stirn liegt in drei breiten Falten, in deren Mitte sich jeweils ein parallel ausgerichtetes Gravitätszentrum zu befinden schint. Um sein linkes Handgelenk ist eine Armbanduhr von Breitling geschnallt.

Steve Buscemi in einem in stahlblau und marineblau gestreiften Hemd von Dries Van Noten, zwei Knöpfe offen und darunter ein schwarzes T-Shirt von American Apparel. Seine rechte Hand schießt aus dem Vordergrund wie ein Projektil auf sein Gesicht zu und dabei macht es den Anschein, als ob es sich bei dem angenommenen Aufprall an seiner Stirn in einen Oktopus gewandelt hätte – doch das ist seine Hand. Seine Augen sind geschlossen. Das Leberkranke, das seine Lider schon immer vermitteln konnten, es scheint hier noch einmal und dabei um das maximal mögliche verstärkt. Tiefe Furchen links und rechts seiner Lippen, denen ein Beben und Zittern tatsächlich anzumerken scheint. Von der linken Hand ist nichts zu erkennen, lediglich der Unterarm, der Rest bleibt Napoleonsgeste. Am Halsansatz sieht seine Haut aus wie mehrfach geschmolzen und daraufhin in immer anderen Zuständen erstarrt.

Laurence Fishburne in einem Wintermantel aus schwerem Pelz (shaved beaver) von Tom Ford. Im Hintergrund ist eine an Science-Fiction erinnernde Kulisse, vermutlich handelt es sich dabei um ein Schwimmbad, zu sehen. Ein geometrisch rasierter Bart umrahmt seine Lippen, sein Kinn. Die aus beiden Augen strömenden Tränen reflektieren den Lichtschein des Ringblitzes.

Michael Madsen, in einem weißen T-Shirt und in Jeans auf einem Fensterbrett. Im Hintergrund sind Blätter der Falschen Bananenstaude zu sehen. Eine silberne Kette pendelt um seinen Hals, die rechte Hand ist in einen Wundverband gewickelt. Am linken Handgelenk trägt er eine Rolex Oyster Royale mit goldener Lünette. Am selben Oberarm findet sich die Tättowierung eines Logos bestehend aus einem Kreis mit beidseitig angebrachten Adlersschwingen. Die verbundene Hand hält er an die Lippen geführt. Die Stirn zeigt Runzeln. Der Blick ist flehentlich, steil nach links oben gerichtet.

Chiwetel Ejiofor in einem geblümten Hemd, darüber ein dunkles Jackett mit Kreidestreifen. Seine rechte Hand liegt auf seinem Kopf auf, sein Blick scheint zweifelnd, die Stirn gerunzelt. Mit der linken Hand umklammert er ein Kissen. Die Tapete der Schlafzimmerwand ist halb glänzend, halb nicht, vertikal gestreift.

Sean Penn in einem schwarzen T-Shirt und eisblauen Jeans. Er schaut zu Boden. Auf seinem linken Unterarm ist die Tättowierung eines chinesischen Schriftzeichens zu sehen. Im Hintergrund: Die Balustrade des Bradbury Building, sowie dahinter gelegener Gebäude in Downtown Los Angeles.

Benicio del Toro in einem weißen Hemd, extrem weit geöffnet, sowie einem marineblauen Jackett (beides Brioni). Er hält beide Augen geschlossen, es wirkt mehr wie beten, denn wie weinen. Eine seiner Stirnlocken weist aus der ansonsten geschlossenen Frisur heraus nach vorne rechts und findet in einem Nagel, der aus dem Rahmen des lichten Fensters strebt, eine kuriose Entsprechung.

Philip Seymour Hoffman. Ach Mann. Ausgerechnet du. Du trägst ein in Marineblau, Bordeaux und Leinenweiß kariertes Hemd. Die Hose ist flaschengrünfarbend. Dazu keine Schuhe, deine Socken sind weiß. Der Überwurf des Bettes, auf dem du sitzt, scheint in goldenen Tönen gemustert, kann aber sein, dass es an der Wandfarbe im Hintergrund liegt: moosiges Grün. Deine Hände sind lustlos gefaltet, so als seiest du zu müde gewesen; zu müde, um schlafen zu gehen, aber auch. Keine Tränen, kein Glitzern, ich sehe es kurioserweise in deinen Haaren, in deiner Frisur, dass du weinst.

24.4.

Gestern bekam ich eine Ahnung davon, was hier bald los sein würde. Gegen Mittag war der See von Booten dicht befahren, und im kleinen Hafen schräg gegenüber trat eine Band auf, die spielten Chaka Khan. Beim Einkaufen in dem Dorf am Nachbarsee kam ich an einem Imbiss vorbei, der jetzt ein Schild angebracht hatte. Da wurde verkündet, dass dort auch Surfbretter vermietet würden. Die Surfbretter sind länger als ich. Der See ist doch gar nicht groß. Es ist aber wohl so, dass auf dem See nicht mit Segel gesurft wird, sondern im Stehen, und man treibt das Surfbrett dann mit einem langen Paddel an. Auf dem Schild des Surfbrettvermieters weist eine niedliche Ananas mit Augen auf die Surfbretter hin. Der benachbarte Supermarkt, ein Aldi, hat französische Dimensionen und es gibt darin diese Gemüsekühlschränke, aus denen permanent kühler Nebel quillt. Alles sehr aufgeräumt und sehr sauber in den breiten Gängen, und die Kassen werden von Jungs in Kurzhaarfrisuren bedient, die sich beim Kassieren gegenseitig zum Lachen bringen und eine Abercrombie-&-Fitch-Atmosphäre verbreiten. Alle, auch die Kunden, redeten davon, dass jetzt bald »die Saison« begänne. Auf der Uferseite des S-Bahnhofes: Taverne Seestern. Im Park prügelten sich zwei Obdachlose um eine Pfandflasche. Sie verfolgten sich, rennend, am Ufer entlang, über die Wiese. Seine Krücke hatte der eine längst weggeworfen.

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