»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

30.9.

Das Deutsche Bienen Journal aus dem Bauernverlag landet im Briefkasten. Bestellt hatte ich es nicht. Ob es sich um eine versehentliche Zustellung handelt oder um eine gezielte Wurfsendung, kann ich nicht feststellen. In der Oktoberausgabe geht es um die Vorbereitungen für den Winter. Insbesondere wie man die Bienenstöcke vor dem Eindringen von Mäusen schützen kann (durch Anbringen von breiten Plastikkämmen vor den Einflugfenstern der Bienenstöcke), aber auch um die Gefahren für die Bienengesundheit, die durch unkontrolliertes Freizeitimkern auf die Bestände der im Verband organisierten Imker drohen. Insbesondere in Berlin, wo, das stelle ich anhand der weiter hinten publizierten Geburtstagsgratulationsliste fest, erstaunlich viele Frauen und Männer diesem schönen Nebenerwerb nachzugehen scheinen. Der Vorsitzende des Berliner Imkereiverbandes Berlin, Dr. Benedikt Polaczek, schreibt:

»Liebe Imkerinnen und Imker, nach meinem Beitrag für das Septemberheft muss ich erneut auf das leidige Thema Faulbrut zurückkommen. In Steglitz-Zehlendorf wurde jetzt ein dritter Sperrbezirk eingerichtet. In diesem Bereich war die Faulbrut schon einmal – bis 2014 – nachgewiesen worden. Danach war der Bereich bis jetzt frei von dieser gefährlichen Tierseuche. Außerdem mussten die Grenzen des bereits eingerichteten Sperrbezirkes in Rudow bis in den benachbarten Stadtbezirk Treptow-Köpenick ausgeweitet werden, da noch ein weiterer Bienenstandort betroffen ist. Damit ist ein vierter Sperrbezirk entstanden.

Dies veranlasst mich, nochmals dringend an alle Berliner Imker – ob nun in Vereinen organisiert oder nicht – zu appellieren, ihre Bienenvölker bei den Veterinärämtern anzumelden. Im Falle eines Seuchenausbruchs kann das Amt dann konsequent tätig werden. Ich sehe dies als eine Verpflichtung für alle Imker an.«

So weit, so aufregend: Ein Staat im Staat, von dem ich bislang nicht einfach nur nichts wusste, sondern viel zu wenig! Die in Völkern organisierten Bienen werden wiederum von einem Verband umsorgt, der sich innerhalb des menschlichen Staates als Substruktur – Mannoman! Wie konnte ich all die Jahre, egal. Es spricht der Bienenpräsident. Es ist etwas faul in seinem Staat, drum appeliert er an die Selbstverantwortlichkeit, letztendlich auch an den Menschenverstand:

»Wer meint, beispielsweise auf seinem Balkon Bienen halten zu können, sich aber nicht um imkerliche Regeln und Pflichten schert, leistet keinen Beitrag zur Stadtnatur. Zum Imkern gehört nämlich auch Sachkunde, damit die Bienen gesund geführt werden können. Nur dann ist ein gedeihliches Nebeneinander von Mensch und Bienenvölkern in der Stadt möglich!

Alle Imker, ob organisiert oder nicht, erinnere ich erneut daran, die Völker im Frühjahr mittels einer Futterkranzprobe auf Faulbrut untersuchen zu lassen. Dies ist mit Hilfe der Imkervereine möglich.«

In seinem klassisch aufgebauten Vortrag verweist der Präsident, denn manche wollen ja nicht hören (und nicht jeder kriegt das Deutsche Bienen Journal frei Haus), auf Konsequenzen:

»Unser aller Ziel muss es sein, Berlin endlich faulbrutfrei zu bekommen. Dass daran nicht nur Berliner Imker mitarbeiten müssen, sondern auch die Wanderimker, die jedes Jahr in Scharen nach Berlin kommen, um hier ihre Bienenvölker zur Honigernte aufzustellen, liegt auf der Hand. Ohne ein aktuelles Gesundheitszeugnis darf – rechtlich gesehen – kein Volk nach Berlin kommen.«

Das saß. Denn freilich hatte ich seit der Lektüre des Buches von Sue Hubbell nicht einen Tag lang nicht daran gedacht, ob nicht vielleicht im nächsten Frühjahr Punktpunktpunkt. Am Bienenbesitz lockt mich ja so ziemlich alles. Vom Honig einmal abgesehen, ist es vor allem der geile Schutzanzug, aber auch ohne – in Sue Hubbells Buch gibt es die Episode, da bekommt sie Besuch von ihrem Neffen für ein paar Wochen und der will ihr bei der anstehenden Ausschleuderung des Honigs aus den Waben helfen. Zuvor muss er aber noch gegen das Bienengift immunisiert werden (bei größeren Attacken wird man wohl von derart vielen Bienen gleichzeitig gestochen, dass auch der Schutzanzug nichts mehr hilft; er wird sozusagen stellenweise, in seinem Fall am Po, perforiert), und das geht angeblich so vor sich, dass man sich zwei Wochen lang an jedem Tag von einer allmählich gesteigerten Anzahl von Bienen stechen lässt. Nach zwei, drei Wochen und etwa einhundert Stichen ist man dann unempfindlich geworden und die Bienen können einen stechen, so oft und auch wohin sie wollen. Soll extrem gesund sein!

Außerdem gefällt mir auch die gesamte Ästhetik des Drumherums: die Boxen, in denen die Völker leben, die Zentrifuge, die Waben und, im Bienenjournal war ein herrliches Exemplar abgebildet, die »große Schwester« der ApiMATIC 1000 namens ApiMATIC 3000: eine Abfüllmaschine von der Wabe aufs Glas. Gläser übrigens viel preiswerter als jemals gedacht, bei Bestellung eines Gebindes des Einheitsglases des Deutschen Imker Bundes für 500 Gramm kostet mich jedes Glas inklusive Deckel gerade mal 35 Cent. Das Gebinde umfasst 6336 Stück. Das scheint insgesamt die Downside der schönen Beschäftigung mit den Bienenvölkern: Die produzieren halt echt viel. Auf den social pages des Deutschen Bienen Journals stand die Geschichte einer jungen Frau, die von ihrer imkernden Großmutter ein Volk zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Gleich in ihrem ersten Jahr betrug ihre Ernte 15 Kilogramm Honig. Das ist unheimlich viel! Möglichweise könnte ich es innerhalb eines Jahres gar nicht schaffen, derart viel Honig aufzuessen. Eventuell könnte ich mein Volk durch auswendigen Vortrag des Lorscher Bienensegens zur Mäßigung mahnen. Oder ich spielte ihnen jeden Morgen das schöne Album White 2 von Sunnn O))) vor – könnte wiederum Ärger mit den Nachbarn geben. Ziemlich wahrscheinlich sogar.

Schade, aber toll, wie Rocko Schamoni zu sagen pflegte. Muss ich meinen Bienenfetisch halt weiterhin kalt ausleben. Als Trost bleibt mir die bienenhaft schwarz-gelbe Gestaltung von waahr. Denn in puncto Produktivität, das wusste schon Arno Schmidt (und es waren ja auch seine letzten Worte; jedenfalls von denen, die schriftlich erhalten sind (sie stehen am Ende des Fragmentes Julia, oder die Gemälde)): da sind sich Schreibende und Bienen ähnlich. Es quillt und quillt und hört einfach nicht auf.

Sieht der Präsident des Berliner Verbandes übrigens in etwa auch so: »Jetzt ist die Möglichkeit, für möglichst starke Bienenvölker zu sorgen: also am besten schwächere Völker vereinen. Bei aggressiven Völkern sollte man eine neue Königin einsetzen. Ich wünsche uns allen einen farbenfrohen, schönen Oktober.«

29.9

Sansculotten des Vendémiaire, vorgezogenerweise, es naht der Brumaire, gefolgt vom Frimaire, wenn der Nebel gefriert. Von Christiano lasse ich mir jetzt morgens eine halbe Zitrone in meinen Orangensaft pressen. Auf gar keinen Fall will ich noch einmal einen so fürchterlichen Schnupfen bekommen, wie im Winter dieses Jahres, als ich noch in der Innenstadt wohnte. In Kleidungsstücken gesprochen, schleicht sich Schicht für Schicht, es fing an mit den Socken, die Kälte in die Woche. Bei meiner Inventur blauer Pullover musste ich einen als fehlend verzeichnen. Entweder also mal wieder verloren, oder – ob es das gibt, also Mottenartige, die Pullover komplett aufessen?

Mit einem Gefühl, das sich nur als das Gegenteil von diebisch beschreiben lässt, stellte ich bei langsamer Vorbeifahrt fest, dass die hier und da in den Gärten zur Seeseite beschäftigten Gärtner trotz ihres Gehörschutzes den Laubsauger kurz hochnahmen, um ihn auf eine Fehlfunktion hin zu überprüfen. Bis sie dann zunächst mit Erleichterung, dann staunend feststellen konnten, dass es der Motor meines Bootes war, der diesen unsäglichen, tatsächlich nämlich sägenhaften Motorenlärm verursachte. Da kommt bei mir schon Besitzerstolz auf, und ich winkte, wie es sich hier auf dem Wasser, insbesondere beim Vorbeifahren an den noblen Segeljachten, gehört.

Seit dem großen Feuerwerk, von dem ich zwei gelungene Aufnahmen besitze, die ich mir immer wieder gerne anschaue, ist das Strandbad geschlossen. Gestern wurden dort die letzten Strandkörbe auf den Anhänger eines Traktors gestapelt. Leer und schön, weil ohne Menschen, ockerfarben liegt der Sand jetzt da. Einsam windet sich die die dicke Spirale der Rutschbahn aus dem kalten Wasser. Ein Lebensretter in Segelpullover und kurzen weißen Hosen steht am Ende des Steges und angelt. Die Wand aus Flechtwerk, die den Nacktbadestrand vom Normalbadestrand abteilte, ist in den Keller geräumt. Auf der Aussichtsterrasse des Restaurants auf dem Hügel, pikanterweise oberhalb des Nacktbadestrandes gelegen, sind die Sonnenschirme in roten Schutzhüllen verpackt. Weiter hinten auf dem Gelände, wo es auch ein Freiluftschachfeld gibt, dessen Figuren jetzt bestimmt bei den Strandkörben, den Aufblastieren und der Trennwand gelandet sind, steht die erste Litfasssäule Berlins. Sie hat den Krieg unbeschadet überstanden (wie überhaupt das Strandbad keinen Treffer abgekriegt (sic) hat). Damals wurde auf die Säulen noch keine Plakate geklebt, sie wurden bemalt. Auf dieser wird für die Mittagsausgabe einer Zeitung geworben, die es längst nicht mehr gibt.

28.9.

Ein Satz aus der Zeitung, eine Überschrift, begleitet mich bei meiner Fahrt durch die Stadt: »In den Türmen herrscht Kopfzerbrechen, wie man sich frisches Kapital besorgt«. Auf der Choriner Straße, linke Seite, fällt mir ein aufrecht hingestellter, in einer durchsichtigen Platiktüte verpackter Stapel Postkarten auf. Es sind 59 Stück, so gut wie neu. Die Rückseite gibt als Hersteller den VEB Bild und Heimat, Reichenbach im Vogtland an. Bis auf wenige Doubletten sind die Motive unterschiedlich und zeigen jeweils Paare, überwiegend aus Männern und Frauen, die in einer für die jeweilige Epoche typischen Mode gekleidet sind. Der Reigen beginnt mit dem dreizehnten Jahrhundert, »Gotik, Zeit der Ritter und Troubadoure«, und endet naturgemäß mit dem Ende des VEB Bild und Heimat im zwanzigsten. Dort aber, so jedenfalls die Auswahl, im Jahr 1928: »Entwicklung des Sports nimmt Einfluß auf die Mode«. Abgebildet sind zwei lange, schlanke Frauen in enganliegenden Schluppenblusen und engen, am Saum auffächernden Röcken, die eine blond, ganz in Orange mit weißen Punkten, die andere braunhaarig, in Türkis mit königsblauen Handschuhen und passendem Hut mit schmaler Krempe. Bei tragen ihr Haar in Pagenkopffrisuren. Die Blonde trägt zitronengelbe Handschuhe, die lange Fingerspitzen machen, und hält in ihrer Rechten einen Windhund an der Leine, mit der Linken hält sie ein Portemonnaie fest. Die Illustration wurde von Gisela Röder aus Berlin angefertigt. Die anderen stammen überwiegend von Maria Orłowska-Gabryś. Sie pflegte einen dokumentarisch genaueren Stil. Weniger unterhaltend. Die Gesichter, die sie zeigt, wirken ernst, beinahe freudlos auf mich, so als sollten die gezeichneten Dressmen und Mannequins die Probleme ihrer Zeit (Kindersterblichkeit, Krankheiten, Kriege) zum Ausdruck bringen, um die Buntheit der Stoffe, die teils bizarren Schnitte, Kopfbedeckungs- und Schuhmoden zu konterkarieren. Bei Gisela Röder leben die Zeichnungen von einem abstrahierenden Schwung, der die Proportionen idealisiert, um die Eleganz der Mode zum Vorschein zu bringen. Eigentlich kann, geht man von ihrem Stil aus, der ja bis heute die Modezeichnungen bestimmt, erst seit dem 20. Jahrhundert von Mode die Rede sein.

Wobei auf der Karte »Burgundische Mode um 1460 – Steigerung der gotischen Mode«, ebenfalls von Gisela Röder, ein Paar mit swag zu sehen ist: Sie in einem mehrfach auf dem gedachten Boden aufwallenden Kleid in gemustertem Gold, aus dem ein saphirfarben gerahmtes Dekolleté extrem herausragt (um den Hals ein Choker aus goldenen Ringen). Ihr Gesicht im Profil, sie schaut einen Falken an, der auf seinem rechten Unterarm Platz genommen hat. Von ihrem Haar fällt nur eine einzelne Locke dicken braunen Haares aus ihrer Kopfbedeckung, die in Dimension und Form exakt einer handelsüblichen Schultüte entspricht und von deren Spitze ein Schleier herabweht, dessen Ende ihr noch gut einen halben Meter lang über den Unterarm reicht, also in etwa bis an ihre Knie. Auf ihren Wangenknochen zeigt sich ein kreisrunder Rouge-Fleck. Wohingegen er sein Gesicht abgewandt hält, der Betrachter schaut auf seinen Hinterkopf, der unter einer roten Mütze mit aufragendem Bug von ebenfalls braunem Haar bedeckt ist, das ihm über den Nacken fällt. Ein mit Kellerfalten reichlich gerafftes und extrem tailliertes marineblaues Oberteil, das nach der Taillierung noch einmal sehr kurz, aber dafür umso heftiger auskragt nach allen Seiten. Darunter eine eng anliegende rote Hose, eine Art frühe Legging, die in schwarzen, extrem langen Schnabelschuhen wahrlich mündet. Sein einziges Accessoire ist der Falke. Schaut man ganz genau hin, lässt sich am Kragen, unterhalb des langen Nackenhaars, ein dreieckiges Stückchen Stoff in einem dunkleren Blau entdecken, das über den Rand des Kragens lappt und so an eine  frühe Form des Hoodies sozusagen gemahnt.

Klar nehme ich die mit. So ist es ja schließlich gedacht, dieses System, nachdem die Anwohner etwas in ihre Hauseingänge hier legen oder stellen, auch werfen, wenn sie es nicht mehr behalten wollen, aber die Gegenstände und Dinge ihnen noch zu gut erscheinen, um sie wegzuschmeißen. Aber ausgerechnet Postkarten. Und dann sämtliche noch wie neu, keine davon beschrieben. Ob das ein Zeichen ist? Soll ich 59 Postkarten schreiben?

Das Buch von Thomas Melle, das merke ich noch mehrfach an diesem Tag, hat eine lebensverändernde Wirkung. Nicht drastisch, aber vor allem durch eine minimale Verschiebung der gewohnten Wahrnehmungs- und Reflexionsmuster, durch eine winzige Verschiebung des Partikulars, wirkt es so stark. Beispielsweise wenn es um die Selbstwahrnehmung geht, ums magische Denken, das einem bis dahin eher unterlaufen war oder zugefallen, passiert.

Abends schaute ich mir die Dokumentation von Stephen Fry an, »The Secret Life of the Manic Depressive«. Medium interessant, aber dann stellenweise wieder überhaupt nicht. Film halt. Ich bleibe beim Buch.

27.9.

Die aus mir unbekannten Gründen verursachte Stauung im Auslieferungszentrum Berlin hatte sich offenbar mit einem Mal, und dies wohl in der Nacht von Sonntag auf Montag, gelöst, und so trafen über eineinhalb Stunden des Vormittages verteilt sämtliche von mir in der letzten Woche bestellten Waren kurz nacheinander ein: der Badezusatz, die Kuchenform und mein neues Bett. Nun stand ich vor einem veritablen Entsorgungsproblem, denn allein der Karton, in dem mir der Badezusatz von Amazon verpackt worden war, bestand auch im zersägten und gefalteten Zustand noch aus derart viel Pappe, dass die soeben erst geleerte Papiermülltonne bereits wieder zur Hälfte gefüllt war. Von der Verpackung des Bettes ganz zu schweigen.

N’importe quoi, selbst den Boten der DHL, mit deren Mitarbeitern in diversen Callcentern ich mir in den letzten Tagen einige ziemlich verschärfte Auseinandersetzungen geliefert hatte, hätte ich am liebsten umarmt und auf einen Kuchen aus der neuen Form hereingebeten (wenn er denn erst fertig war, die Zutaten standen dort schon seit dem Wochenende bereit); dem der Dynamic Parcel Distribution machte ich tief empfundene Komplimente für seine tiefrote Uniform mit perfektem Sitz. Überwältigende Freude, später vor allem Erleichterung, als ich endlich, wieder allein, aber dafür umringt von meinen vermissten Waren, zur Ruhe kam.

Zustände, wie sie Thomas Melle in seinem Die Welt im Rücken beschreibt. Hatte ich anfänglich während seiner Einleitung noch die Befürchtung, der Text könnte sich in eine Art kommentiertes Protokoll einer seelischen Erkrankung entwickeln, wurde ich vom Gegenkonzept überrascht. So etwas hatte ich bislang nur bei Unica Zürn gelesen. Ja, ich glaube, es gibt nur einen einzigen Text, der es mit Die Welt im Rücken aufnehmen kann, im Sinn einer formalen und inhaltlichen Vergleichbarkeit, und das ist Der Mann im Jasmin. Was mich dort schon fasziniert hatte, wiederholt sich bei Thomas Melle auf krasseste Weise: die Art der Beschreibung, die Schönheit der Sprache, die Begebenheiten sind wie funkelnd, sie locken, und gleichzeitig stoßen sie ab, wirken fürchterlich, aber der Text lässt mich nicht los. Andauernd, immer wieder, aber mit einem überraschenden Rhythmus, gibt es Stellen, die mich kurz an das eigene Empfinden denken lassen; Stellen wie »Am Tag, nachdem ich mich aus der Klinik entlassen hatte, sprang ich um vier Uhr morgens aus dem Bett, war sofort knallwach und begab mich noch in der Dunkelheit, gespreizterweise Novalis‘ ›Hymnen an die Nacht‹ im Kopf zitierend, auf meine fieberhafte Wanderung durch die Stadt in Richtung Steglitz, landete um acht bei Magda und ihrer Schwester am Frühstückstisch, der schon wieder aufgeräumt werden musste, da die Leute im Gegensatz zu mir noch immer normal studierten. Und stampfte also weiter bis an die Stadtgrenzen und fragte mich, nun wenigstens körperlich müde, was um alles in der Welt eigentlich in die Welt gefahren war. Es fühlte sich allerdings auch gut an, ihr meine überschüssige Energie, die sich jahrelang aufgeladen hatte, verschwenderisch zurückzugeben.«

Kenne ich, hab ich ab und an auch mal. Aber halt nicht andauernd und rund um die Uhr, und das auch nicht noch über viele Monate lang. Es ist schwer vorstellbar, wie ein Mensch das auszuhalten schafft. Also auch schon rein körperlich. Brisanterweise spart Thomas Melle in seinem Text die Beschreibung dieser Erschöpfungszustände nahezu aus. Der Text rast, singt, jubelt in einer Beschreibung zweifelhafter Höhenflüge; die Außenperspektive, herangeweht durch Passanten, Premierengäste, Freunde und immer wieder zwischendurch auch seitens der Ärzte diverser Notaufnahmen der Psychiatrie, erscheint schemenhaft, vorbeiziehend, wie durch ein schlieriges Fenster betrachtet bei ungebremst rasender Fahrt. Sämtliche bereits erschienene Bücher des Schriftstellers treten ebenso auf, seine Theaterstücke, ein Versuch, William T. Vollmann zu übersetzen, der scheitert, ein anderer, der gelingt, etliche Preise, für die Thomas Melle nominiert war, eine Reise zum Dichterwettbewerb: alles mehr oder weniger under the influence.

Bei Unica Zürn gibt es eine Szene, da ist sie am Flughafen und fühlt sich von einem Garderobenständer verlockt, er scheint zu ihr zu sprechen und bittet sie, sich in sein Gestell hineinzuflechten. Sie gehorcht, das Gelingen des Hineinflechtens ihres Körpers in diesen Garderobenständer beschert ihr unsagbare Glücksgefühle. Dass sie von Sicherheitsbeamten herausgeflochten wird, um abgeführt zu werden, bekommt sie nur am Rande mit. Ich weiß noch, wie ich diese Beschreibung wieder und wieder gelesen habe, weil sie so gut war. Und es gab noch einige mehr davon im Mann im Jasmin. Bei Thomas Melle besteht der gesamte Text aus solchen Beschreibungen von zweifelhaftem Reiz. Ich kann mir sogar vorstellen, dass es Leser gibt, die das Buch entkräftet zur Seite legen werden, weil sie es einfach nicht hinkriegen, physisch, noch eine weitere Seite umzublättern. Aus Mitleid vielleicht, oder aus Furcht. Wann aber gibt es schon ein Buch, dass eine solche, vom Gefühl her moralische Entscheidung für oder gegen sich selbst, für oder gegen den Text aufwerfen kann?

Es stimmt schon, was ich gestern geschrieben habe: Man sollte vorsichtig sein, womit man sich füttert. Ein nicht zu unterschätzender Einfluss geht von Die Welt im Rücken aus, es strahlt sozusagen. Zumindest geht es mir so. Euphorie, Begeisterung beispielsweise beim Hören eines seltenen Vogelgeräusches, dort oben in einem schönen Winkel der Baumkrone, gerade jetzt, wo doch die Sonne, die eben noch, im Moment, als sie aufging, mit diesen langen, wie mit dem Brotmesser gerissenen Streifen am Himmel – zumindest noch während ich dieses Buch lese, und ich habe, zum Glück!!!, noch mehr als einhundert Seiten vor mir, nehme ich das Gute in meinem Gefühlsleben auch gleichzeitig als eine Warnung zur Kenntnis. Das Rauschhafte, so schön es sich liest: Was wäre, wenn es für immer so bliebe?

Ein Jahr war ich noch glücklich und gleichzeitig auch immer ein wenig traurig, weil nach der Stunde zwischen Frau und Gitarre anscheinend so rein gar nichts mehr nachzukommen schien. Und jetzt, knapp ein Jahr später ist die Traurigkeit vorbei und es gibt, nun tatsächlich schon, wieder ein solches grandioses Buch, das ich wahrscheinlich gleich noch einmal von vorne lesen werde, wenn ich, meinen Berechnungen zufolge, heute Abend an seinem Ende angelangt sein werde. Die Welt im Rücken ist Die Stunde zwischen Frau und Gitarre 2016 für mich.

26.9.

Nach zwei Tagen auf dem See ist der innere Wellenschlag nicht mehr kaputt zu kriegen – bleibt das jetzt so? Wäre ja lustig. Ich bin gespannt, ob ich mich daran gewöhnen kann. Am Ende bekomme ich noch einen, wie es in den achtziger Jahren hieß: Matrosengang!

Einschlafen und träumen wird mit diesem Körpergefühl – einer Halluzination, die durch anhaltende Irritation des Gleichgewichtssinnes entsteht, wie ich annehme – zu einer neuartigen Erfahrung. Ich sehe beispielsweise eine Reihe von Bäumen, wie durch das Fenster eines vorüberfahrenden Zuges betrachtet, aber dieser Zug, so sagt es mir mein Gefühl, fährt über das Wasser, er gleitet durch Wellen hinab und empor, während die Bäume, die draußen in der Traumlandschaft zu sehen sind, einem festen Grund entspringen. Dazu hörte ich, ich habe keine Ahnung, woher das nun wieder kam, den MDMA-Bowlen-Klassiker von Richard Strauß zum Text eines Gedichtes von John Henry Mackay: »Auf, hebe die funkelnde Schale empor«.

In dem ausgezeichneten Buch von Thomas Melle, in dem ich den Nachmittag über gelesen hatte, kommt dieses Gedicht bislang nicht vor. Dafür die Affäre um den gehackten Zugang zu Sven Lagers Blog »Ampool«, an die ich mich noch lebhaft erinnern kann. Dass die Affäre für Melles Leben solche Konsequenzen hatte, war mir bislang nicht klar gewesen.

Man muss sehr vorsichtig sein, womit man sich füttert.

25.9.

Ganz schön viele Dinge kann die Kamera nicht erfassen. In einem Interview hat Wolfgang Tillmans von einer Begegnung mit einem Gehirnforscher erzählt, den er gefragt hatte, weshalb auf seinen Aufnahmen nicht das abgebildet würde, was er im Moment vor dem Auslösen der Kamera in dem Motiv gesehen hatte; und er hatte dem Forscher gegenüber seinen Wunsch erklärt, einmal das sehen zu dürfen, was sein Gehirn tatsächlich wahrnimmt – an optischen Reizen, bar der seelischen Interpretation. Der Gehirnforscher vermutete: »Das wollten Sie nicht wirklich«.

Vor Sonnenaufgang, heute früh, kurz vor sechs, lag der See unbefahren und glatt, das Boot schnitt in den Spiegel hinein und teilte vom Bug an drei bis vier Wellen ab, die sich bald schon wieder legten. Handelte es sich im Falle Ilses nicht um das lauteste Boot aller Zeiten, ergäbe sich von schräg oben hinten betrachtet ein friedliches Bild. Die Enten, die sich um diese Zeit noch reglos auf der Mitte des Wassers treiben lassen wie schlafend, ließen sich nichts anmerken. Das Phänomen wolkigen Dunstes, für das es das unschöne Wort Wrasen gibt, schwebte über der Wasseroberfläche. Hinter der Brücke trieben zig weiße Luftballons auf dem Abschnitt, der als Kleiner Wannsee kartografiert wird. Anscheinend Überbleibsel einer gestrigen Feier im Haus des Ruderclubs, an dessen First eine Lüftelmalerei in Fraktur meldet: »Vom Wasser haben wir das Wandern gelernt«. Auf den Luftballons ist jeweils die Strichzeichnung eines Brautpaares aufgedruckt, über denen immer drei rote Herzchen entschweben.

Die ideale Stelle befindet sich in einem Delta aus der Fahrspur des Roland von Berlin, dem Hafen am Stölpchensee und seiner Einmündung in den Teltowkanal. Ein Kreuz aus zwei Kondensstreifen begann dort zu leuchten, zwirbelnder Herbstgesang aus den Weiden am Ufer, durch die sich lösenden Wrasen drang flach das orangefarbene Licht der Sonne (das Boot ist zwar laut, kommt aber trotzdem nicht schnell voran). Mein bester Wurm, über Nacht quicklebendig geworden in seiner Mischung aus gekochten Kartoffeln und Ufersand, vemochte erfolgreich zu locken. Allerdings konnte ich schon beim Anschlagen spüren, dass es sich um einen Barsch von weniger als einem Pfund Lebendgewicht handeln würde. Es war sogar weit weniger. Leider aber hatte er den Haken derart tief hineingeschlungen (von einem in sich Hinunter kann bei Fischen ja nicht die Rede sein, es handelt sich um horizontal organisierte Formen des Lebens), dass nur noch die Notschlachtung sozusagen half. Mehr war dann auch nicht. Ein Experiment mit Muschel, die werden hier ja handtellergroß, schmecken aber beim Drüberlecken eher abturnend neutral, wollte nicht fruchten. Dafür halt der Anblick der erwachenden Seelandschaft, in die über die ersten zwei Stunden kontinuierlich Bewegung kommt mit Geräuschen, so als sei über Nacht alles hier tiefgefroren und würde dann Stück für Stück aus der Starre gelöst von der Wärme des Sonnenscheins. Beinahe schade dann, wenn ich den Motor wieder anreißen muss, um heimzufahren, aber nur beinahe. Kalt war es immer noch. Kalt wie, bald schon, im Oktober am Nachmittag. Und noch keine Regenwolke in Sicht. Das wird sich ändern. Vermutlich.

Im Café will ich die Tasse zwischen den Handflächen halten, bis auf die Knochen ist kein Spruch. Jetzt wäre es schön, wenn mir jemand die Zeitung umblätterte. Gerade mal 9 Uhr 30, und ich habe eigentlich schon genug gesehen.

24.9.

Abends vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr im Garten des Grünen Baum gesessen und die Käsespätzle mit grünem Salat bestellt. Nur wenige Tische waren besetzt, es wird nun aber auch mit dem Sonnenuntergang empfindlich kühl. Man spürt die Kälte am Hals. Zur vollen Stunde schlägt vom Turm der benachbarten Kirche ein Läutwerk Geh aus, mein Herz, und suche Freud, danach kehrte Stille ein. Enttäuschend, denn neben den ausgezeichneten Käsespätzle, die dort serviert werden, bietet sich der Grüne Baum vor allem als Belauschhimmel an. Die schönsten Gespräche habe ich dort schon serviert bekommen. Aber gestern, leider: unergiebig, so gut wie nichts. Dabei hatten sich um den Nebentisch fünf Frauen und ein einzelner Mann versammelt. Anscheinend handelte es sich um den längst erwachsenen Sohn jener einen, die als einzige mit dem Rücken zu mir saß. Ab und zu machte eine der Frauen eine knappe Bemerkung hinsichtlich des einsamen Mannes, die von dessen Mutter sogleich abgewiegelt wurde.

Irgendeine aus der Runde fragte dann schließlich nach den Fernsehgewohnheiten ihres Sohnes, des einzigen Mannes, der als einziger aus der Runde noch einen Kaffee trank. Das war der Türöffner, hierzu hatte die Mutter, um sie handelte es sich tatsächlich, so einiges anzumerken. Leider interessieren wiederum mich die Fernsehgewohnheiten anderer überhaupt nicht. Ich konzentrierte mich auf die Spätzle. Das Gespräch am Nebentisch kam währenddessen richtig in Fahrt. Offensichtlich handelt es sich bei Fernsehkritik um ein Feld mit niedriger Hemmschwelle. Jeder kann etwas dazu sagen. So ging es vor allem um die letzte Sendung Zimmer Frei, die von allen Frauen am Tisch gnadenlos verrissen wurde. Götz Alsmann: ein eitler, sich spreizender Geck, dessen Klavierspiel nicht nur als aufdringlich, sondern auch als dilettantisch bewertet wurde. Noch schlimmer traf es Christine Westermann. Die nämlich sei »einfach alt«. Und das aus dem Munde dieser Damen, die alle so um die siebzig Jahre alt waren. Als ob es damit noch nicht genug war, führte eine von ihnen noch Details zur Trutschigkeit Christine Westermanns aus. Ihre Auftritte im Literarischen Quartett wurden indes nicht durchgesprochen. Gut möglich, dass ihnen auch Maxim Biller gar kein Begriff war. Wohingegen die Sondersendung Mann TV, die in der letzten Woche überraschend auf dem Programmplatz von Frau TV ausgestrahlt worden war, als eine tolle Idee beurteilt wurde. Und zwar einstimmig, bis auf jene des Mannes, der eine Zigarette rauchte, und gar nichts mehr sagte. Was auch daran liegen mochte, dass ihm all diese Sendungen nichts sagten, da er, wie seine Mutter erklärte »ausschließlich Ami-Schrott« anzugucken pflegte. Manchmal komme sie morgens eigens dafür in sein Zimmer, um den Fernseher auszuschalten, vor dem er schlafend liege.

Ob der dann »noch oder schon wieder« liefe, sei dann die Frage, warf eine ihrer Freundinnen ein.

»Noch«, sagte der Mann »Schon noch. Doch doch.« Und ließ es damit auch bewenden, bis alle gezahlt hatten. Noch im Hinausgehen wurde über den Auftritt von Thomas Gottschalk bei Zimmer Frei diskutiert. Und wie scheußlich der sich wieder aufgeführt habe. Die Westermann hingegen, aber

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