»2018 – Barthel und Most«

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Tagebuch

Negus

Ingo schreibt, dass ich mich irrte. Und zwar war es wohl das ebenfalls unverkäuflich gebliebene Manuskript zu dem Buch mit dem Titel Unwirtlichkeit: Zur Situation des Journalismus in den deutschen Städten, an dem wir in teils monatelangen Abständen seit dem Jahr 2000 geschrieben hatten, dessentwegen wir ein eigenes Verlagshaus im Internet gründen wollten. Kann auch sein. Manchmal glaube ich, dass ich die Perspektive des unzuverlässigen Erzählers verinnerlicht haben muss. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir uns irgendwann zuvor mit Tom Lamberty im Restaurant Diener in Charlottenburg getroffen hatten, um ihm dieses Manuskript dem Merve-Verlag anzubieten. Allerdings war der, Lamberty, damals gerade etwas frustriert von der für ihn enttäuschend verlaufenden Zusammenarbeit mit Ulf Poschardt, dessen mit Spannung erwartetes Werk mit dem Tite Der Geschmacksbürger einfach nicht in die sogenannten Gänge gekommen war. Und das, wo Ulf doch anlässlich seines ebenfalls bei Merve verlegten Sportwagenbuches dem damals noch bei der taz beschäftigten Cornelius Tittel in den Block diktiert hatte, dass es sich beim Merve-Verlag, unter Discjockeys gesprochen, um „das Äquivalent zum House-Music-Label Strictly Rythm“ handelte. Wobei ich auch sagen muss, dass die Konditionen, zu denen im Hause Merve die Manuskripte angekauft werden, nicht eben ideal waren. Tom Lamberty, da waren wir schon beim Du, offerierte uns Freixemplare in beliebiger Zahl. Und damit hatte es sich.

In der für ein Start-up alles entscheidenden Phase, jenem Moment, in dem die ausgearbeitete Website für die User freigeschaltet wird, war ich abwesend. Bald nach den Tagen in Ivo Wessels Garage und dort auch in dem Eiscafé gegenüber, war ich nach Äthiopien umgezogen, in das Hotel am Ende des Universums. Dem Kalender nach war es August, doch in der subsaharischen Zone hatte die Regenzeit angefangen. Es regnete Tag und Nacht. Da die Leitungen für Strom und Telefon, somit auch die Verbindungen zum Internet, wie beispielsweise auch in Indien üblich, frei und in losen Bündeln quer durch die Lüfte baumelnd verlegt waren, richtete die extrem gestiegene Luftfeuchtigkeit in der Regenzeit landesweit Schädliches an. Wenige Tage nach meiner Ankunft in der hoch in einem Gebirge gelegenen Hauptstadt starb dann auch noch der Ministerpräsident, der Äthiopien mehr als dreißig Jahre lang regiert hatte. Es wurde sofort Staatstrauer verhängt dergestalt, dass, wenn einmal Strom da war, dieser in dem Hotel ausschließlich dazu benutzt wurde, den einzigen Fernsehapparat, der würfelförmig war, anzuwerfen, um den einzigen Sender empfangen zu können, der dann in Standbildern an Momente im Leben des verstorbenen Ministerpräsidenten erinnerte. Dazu lief eine elegische Flötenmelodie. Man saß dann bei Kerzenlicht, probierte von den über der Kerosinflamme erwärmten Speisen der traditionellen Küche und nippte am äthiopischen Bier, das allerdings sehr gut schmeckte, weil noch zu Kaiserzeiten eine in Deutschland gefertigte Brauereianlage nach Addis Abeba geliefert worden war.

Den Kontakt zu Anne und Ingo konnte ich auch in den Wochen nach dem Ende der Regenzeit, der Jahresbeginn wird am 11. September mit dem Meskalfest gefeiert, kaum aufrecht halten. Das hoteleigene WLAN war hauchzart und es genügte das Flügelschlagen eines der zahlreich im Gemüsegarten umher flatternden Vögel, um eine minutenlang aufgebaute Verbindung zu verwehen. Ingo, der mich nach einigen Wochen besuchte, bekam eines Nachts beim Versuch, eine Skype-Verbindung aufzubauen, einen gewaltigen Wutanfall und versuchte es danach nie mehr.

Das Versprechen der Internetkultur, nämlich von überall aus arbeiten zu können, über Kontinente und Zeitzonen hinweg an ein und derselben Arbeitsstätte – dem Internet, auf einem und demselben Marktplatz – dem Internet, erfüllte sich für mich in diesem Jahr beinahe kaum bis gar nicht, weil ich hinter den äthiopischen Bergen wie abgeschnitten vom Internet allein unter Vögeln lebte. Als ich nach dem Meskalfest des darauf folgenden Jahres nach Deutschland zurückkehrte, schaute ich waahr und was daraus geworden war, wie zum ersten Mal.

Zeit essen Texte auf

Stefanie soll am 10. Februar in Münster einen Vortrag halten über waahr.de. Sie fragt, wie es zur Gründung kam. Enstehungsgeschichten sind natürlich interessant. Die Genese der Welt aus einem Wort im Dunkeln, die Genese der Frau als Gehilfen des Menschen aus einer seiner Rippen, die Genese Manhattans aus einem Beutel voller gläserner Perlen, die Genese des Lapsang Souchong aus hastig über qualmendem Pinienholz getrockneten Teeblättern, die Genese des Personal Computers in einer Garage. Der Betriebswissenschaftler Lars Vollmer hat mir einmal erzählt, dass sich sehr große Firmen mittlwerweile eine Garage einbauen lassen in ihre Gebäude, in denen sich dann die leitenden Mitarbeiter versammeln können, um sich im Inneren der Garage vom Spirit der Garage zu neuen Ideen inspirieren zu lassen.

Waahr.de war ursprünglich ein Start-up. Ingo hatte bis zu diesem Sommer des Jahres 2012 viele Jahre lang an einem Roman geschrieben, der sich dann als noch schwerer zu lesen herausgestellt hatte als sein vor vielen Jahren erschienener Roman Der Effekt. Der war ja immerhin noch von einem Verlag gedruckt worden. Der neue, mit dem Arbeitstitel Da wurde überall abgelehnt. Wir beschlossen, einen eigenen Verlag zu gründen, um diesen Roman zu veröffentlichen. Aus Kostengründen im Internet. Beim Pizzaessen in einer Pizzeria am Saum des Volkspark Friedrichshain lernten wir, während sich unser Gastgeber Holm Friebe lautstark mit seiner Mutter um die Begleichung der Rechnung stritt, einen dubiosen Kunstsammler kennen, der uns zu verstehen gab, dass er Apps programmieren konnte. Vor allem gab er uns zu verstehen, dass Apps das neue Ding waren. Und da wir ihm nicht so recht glaubten (weder, dass er programmieren konnte, noch das mit den Apps), vor allem auch deswegen, weil Ingo noch nicht einmal ein Smartphone besaß, lud uns dieser Mann mit dem wie schlecht ausgedacht klingenden Namen Ivo Wessel für den nächsten Mittag zu sich nach Hause sein. Er sprach dabei von seiner Garage. Wir dachten, es sei ein Labor. Und gingen, auch das war ein Faktor, davon aus, dass Ivo Wessel uns dort ein Arbeitsfrühstück servieren würde, dass Ingo sich als nahrhaft ausmalte und ich mir als köstlich.

Doch leider war es keines von beiden, denn es gab dort nichts. Vor Wessels Garage parkte allerdings sein Sportwagen, ein Lotus, der wie eine geschmolzene Badewanne geformt war mit zwei Froschaugen vorne, und das in gelb. Auch Ivo Wessel selbst ging stets, das war auch am Pizzaabend der Fall gewesen, ganz in Gelb gekleidet. Außer Haus setzte er sich mit einem lilafarbenen Hut aus Filz das i-Tüpfelchen auf. Seine Räumlichkeiten, es war nur ein einziger, dafür sehr großer Raum in einer ehemaligen Fabrik, wiesen zwar eine beeindruckend langgestreckte Küchenzeile auf, aber die diente ja leider nur zu Dekorationszwecken. Ansonsten gab es noch elend viele Industrieregale, in denen Bücher gelagert wurden. Der Fußboden war bedeckt mit installativer Kunst und Skulpturalem. Wenn man nicht genug von junger Kunst versteht, derjenigen mit dem Fachbegriff wet paint, schaut das ja schnell mal nach Gebasteltem oder kaputt Gegangenem aus. Zumindest bleibt es schwer abzustauben.

Nach einem Initiativvortrag Wessels mussten wir uns stärken. Es gab, gleich gegenüber auf der anderen Seite der Straße, ein Eiscafé, das, denn damals ernährte ich mich einer mir selbst auferlegten und vor allem selbst konzipierten Diät zufolge ausschließlich von Spaghetti mit Tomatensauce, auch kleine Gerichte auf der Karte hatte. Während des Essens, Wessel war drüben an seinem imposant über der Kunstsammlung thronenden Schreibtischsessel verblieben, um seine Abrechnungen mit dem iTunes-Store abzuheften, entwickelten wir die Idee für die App. Da der Roman mit dem Titel Da angeblich unlesbar, also zumindest mühselig zu lesen war, sollte unsere App das Herunterladen des Textes ins Bewusstsein des Users erleichtern. Ingo erinnerte an eine kleine Reportage, die ich vor vielen Jahren für die Berliner Seiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verfasst hatte. Darin war ich anlässlich einer Übernachtung im ersten Hostel für Rucksacktouristen einem dort lebenden Mann begegnet, der einem anderen von einem genialen Trick berichtet hatte. Und zwar hatte er, weil er des Nachts im Bette liegend noch dem Fernsehen frönte, seinen Fernsehapparat auf dessen schmale Kante hochkant aufgestellt, um, selbst dabei auf der Seite liegend, das Bild aus seiner bevorzugten Liegeposition heraus sozusagen verzerrungsfrei und mühelos einschlürfen zu können. Heute würde man das als Lifehack bezeichnen. Damals, als ich den Text verfasste, gab es dieses Wort noch nicht.

Ungefähr so also, zumindest so ähnlich, sollte unsere App funktionieren. Ich war satt. Wessel schlug das Prinzip des Teleprompters vor. Wir kauften im Internet eine interessant aussehende Schrifttype, die außer uns niemand anders verwenden wollte bislang, weil sie nicht nur von polnischen Typographen entwickelt worden war, sondern auch noch so ähnlich hieß. Als Farbe für das App-Symbol wählten wir des Wessels Farbtick wegen Gelb. Judith Banham, unsere Creative Directorin in Detroit, gestaltete aus der Polenschrift und der Farbe eine wunderhübsche Corporate Identity. Bis dahin hieß unsere App noch Lorem, später dann waahr. Mit zwei aa, weil wir Annes Nachnamen so interessant fanden und sie die dritte im Bunde werden würde. Was wiederum Judith dazu inspirierte ihre Schwurhand auf den Scanner zu legen et voilá.

Aus der Idee mit dem Teleprompter wurde dann vermarktungstechnisch leider nichts, weil mir schon in der Betaversion nach drei Minuten schwindlig wurde durch das Lesen im force feed modus. Ich wurde regelrecht seekrank. Also nicht vom Content, sondern vom Modus. Anscheinend will das Bewusstsein selbst bestimmen, in welcher Geschwindigkeit es sich etwas reinzieht. Experimente mit der Frontkamera, die es bald gab (wegen Selfies), also dass die kontrolliert, in welcher Geschwindigkeit die Augen über die Zeile huschen und die Abspulgeschwindigkeit der virtuellen Schriftrolle dementsprechend angeglichen werden kann, fruchteten nicht wirklich. Ein befreundeter Mitarbeiter aus der Bewusstseinsforschung am Max-Planck-Institut, Jonas Obleser (sic!), riet uns, den Plan, wie er es nannte »ad acta« zu legen. Die Kunsthaufen auf dem Boden der Wesselschen Garage schauten wir in diesem, einem für uns nicht ganz neuen Lichte.

Que faire?

Wir hatten ja noch die Domain. Keine App ohne Domain. Aber immer Domain ohne App. Alle anderen Verlagen führten Bezahlschranken ein und wollten mit alten Texten zusätzliches Geld verdienen. Aber hey, wir waren die square ones to fit in a round hole. Wir waren Start-upper, Entrepreneure, wir waren, wie es in Ingos Protokollbuch Minusvisionen so schön hieß: Unternehmer ohne Geld. Überall wo wir waren, war Garage. Also beschlossen wir das Game disruptiv aufzubohren. Und haben damit in den letzten sechs Jahren die komplette deutsche Verlagslandschaft zersägt.

Lila

Die Antwort Julia Kristevas auf meine Frage trifft am Nachmittag ein. Ihre E-Mail-Adresse besteht aus einer Kombination von Buchstaben und Ziffern @aol.com. Hatte ich auch mal vor 25 Jahren. Und davor nur Zahlen @compuserve – ich weiß schon nicht mehr, ob .de oder .com. Sie schreibt ein Englisch, das es eigentlich gar nicht mehr gibt. Mit Anrede und Entschuldigung, Oxford-Komma und Ausblick in eine mögliche Zukunft vor der Verabschiedung. Die Schrift ist auf circa 6 Punkt voreingestellt. Ich muss dem Display sehr nahe kommen und dazu die Brille absetzen, um ihre Zeilen entziffern zu können. Ich werde alt.

Sie ist noch älter. Ihre Sprache ist so wundersam, es braucht eine Weile, bis ich verstehe, woran das liegt; wie sie das macht: sie drückt sich aus. Es ist eine E-Mail ohne Rücksicht auf das Medium. Sie schreibt eine E-Mail wie einen Brief. Mit der Hand. Klar, aber halt so, als ob sie einen Stift führt. Dass es Tasten sind, die sie bedient, dass ihre Zeilen elektronisch übermittelt werden, die Übertragung nichts kostet, die Verwechslungsgefahr mit sogenanntem Spam (doppelt so gefährlich mit einer solchen Adresse), das Immaterielle und Formlose der E-Mail ist ihrem Schreiben nicht anzumerken. Es liest sich wie Handschrift mit Tinte ausgestreckt auf einem Bett aus Papier.

Ins Ohr flüstern geht nicht, aufgrund von Trennscheibe

Am 24. Mai feiern die Bulgaren alljährlich den Tag zu Ehren der Mönche Method und Kyrill. Sie feiern ihr Alphabet. Julia Kristeva erinnert sich, dass in ihren Kinderjahren dort die Lehrer und Schüler auf den Straßen umhergingen, nicht paradierten, und ein jeder hatte sich einen Buchstaben an die Brust gesteckt. Sie schreibt, das bulgarische Wort für Alphabet lässt sich nicht mit ABC erklären, es bedeutet »Mein Buch«. Es ist der Setzkasten, aus dem man sich bedienen darf. Und für Kristeva, die sich seit ihrer Emigration im ABC bedient, hat dieses frühe Bild, der mit Buchstaben besteckten Fußgänger in den Straßen Sofias, dann noch einmal eine andere Bedeutung bekommen. Sie sieht dort die Lettern frei umhergehend, einander grüßend, wie um sich anzubieten, dass aus ihnen der Text eines weiteren Jahres entsteht.

Seitdem ich das gelesen habe, am 23. Januar, dem Tag des Schneeglöckchens im republikanischen Kalender, denke ich darüber nach, wie wohl Analphabeten sich etwas notieren. Entsteht da jeweils ein eigenes Zeichensystem? Und wenn, dann kann ich es mir nicht anders als hieroglyphenhaft vorstellen. Kleine Ketten aus lauter Zeichnungen auf Spickzetteln, die man nach dem Gebrauch vernichtet.

Am Nachmittag musste ich mir eine Serie von Fotos anschauen, die waren draußen aufgenommen worden, an einem Abend im Sommer in einer südlichen Stadt. Die Bäume waren grün und so dicht und rundherum belaubt, dass man den Himmel nur als schmalen Streifen sehen konnte gleich über der Allee. Die Lampen, die an einem langen Kabel längs dieses Streifens hingen, waren angeschaltet und zwischen Himmel und Asphalt stand ein gelbes Licht. Zwei Menschen in Sommerkleidung ohne Mäntel oder Jacken, die Frau in offenen Schuhen, gingen auf einen Kiosk zu, aus dem auch noch Licht drang, ein anderes Gelb. Ich wurde sehr traurig. Mir war eingefallen, wie anders still es abends ist, spät in der Nacht im Sommer. Wieviel mehr Zeit man plötzlich hat, über die Straße zu gehen im Sommer. Dass man sogar auch einfach mal so, bloß so auf die Straße geht im Sommer, ohne dass man was zu besorgen hat.

Im Sommer war der Nachthimmel blau.

Friederike fordert Tote

Das Gewaltmonopol liegt beim Staat, aber gegen die Naturgewalt hat der Staat keine Chance.

Aristoteles glaubte, in Ermangelung einer alternativen Ansichtsweise, dass er in der Natur so lesen könnte wie in einer Schrift; wie in einem von wem auch immer verfassten Text in einem Buch. Gefragt, wohin der Ortolan denn schwönde in den Jahreszeiten vom Oktober bishin zum April, gab er seine Lektüre des großen Textes um ihn herum – er selbst schließlich nichts weiter als darin eine Fußnote, ein Fussel auf dem Scanner – damit weiter, dass die über die Winterszeit aus dem Landschaftsbild vermissten Vögel, sich wohl eingerollt haben müssten im Uferschlamm der heimischen Seen. Um dann, so malte er es sich aus, bei steigenden Temperaturen wieder herauszubrechen wie das Licht aus einer Faust, um aufzufliegen zur Sonne.

Plotin, der selbst nichts schreiben konnte, aber diktieren, nahm diese Theorie gerne auf. Und entwickelte daraufhin seine Theorie von der Seele dahingehend, um die Seelen der Menschen mit der Wesentheit von Vögeln wie dem Ortolan vergleichen zu können, die »zuviel von der Erde aufgenommen haben, worauf sie nicht hoch genug fliegen können«.

Ludwig van Beethoven, da war er noch nicht ertaubt, vernahm den Paarungsruf des Ortolan und es heißt, dass es diese Kadenz war, die ihn inspirierte zur 5. Symphonie:

Dà‘ dà‘ dà‘ Dah—

There is beauty in repetition (wie auch immer das im Lateinischen heißt.)

Sie haben ein Sturmtief nach dir benannt

Die Futtermischung nach der Rezeptur meines Vaters zieht bislang fern gebliebene Gäste an: Heute früh stärkte sich zum ersten Mal an der Säule ein Gimpel. Da hege ich freilich Hoffnung, dass es mir durch ganzjährige Fütterung gelingen wird, nicht bloß die Nachtigall aus dem vergangenen Frühling bei mir als Gast begrüßen zu können (und so manchen Amselhahn in den Pause zwischen zwei Gesangsproben), aber halt bitte auch den Ortolan.

Die Chancen stehen, ich habe mich umgehört, gar nicht schlecht. Zubereitung und Verzehr des Ortolan sind in Frankreich weiterhin nicht unter Strafe gestellt, der Handel mit Ortolanen auch nicht etwa verboten, weil der Vogel, im Umgangsfranzösisch süßerweise als Gärtnerin bezeichnet, vom Aussterben bedroht ist, sondern weil die Art und Weise des klassischen Ortolan-Verzehrs, ähnlich wie der von Schweinefleisch im Islam, tabuisiert wurde (daher auch die Serviette über dem Kopf der Esser). Wie Magnus Nilsson erzählt, gibt es bei ihm dort oben in Lappland Hunderte von Ortolanen in jedem Sommer und dann auch wieder fünf Monate später, wenn sie aus Nordafrika zurück sind. Für Herrn Nilsson war das Ortolanverbot der Franzosen auch ein ausschlaggebender Grund dafür, den französischen Restaurants von Paris, in denen er in seinen Lehr- und Wanderjahren als Sommelier gearbeitet hatte, den Rücken zu kehren, und in Lappland in der ehemaligen Molkereiakademie von Fåviken sein Ristorante come me zu eröffnen: mit radikal-saisonalem Speiseplan. Im Sommer gibt es dort auch Ortolan – freilich exklusiv als Personalessen.

Der Ortolangenuss dürfte noch im späten 19. Jahrhundert beinahe alltäglich gewesen sein im französischen Bürgertum, der republikanische Kalender hat ja so ziemlich jedem Volkstier, jedem Volkskraut, jedem Mineral und Zeugs bishin zum Quecksilber (heute) einen Tag zugeordnet – aber der Kalender schweigt vom Ortolan. Bei Marcel Proust hingegen ist nur an einer Stelle in der Recherche vom Ortolan die Rede, und zwar als Wiedergabe einer solchen. Im Grunde ist es ein Scherz, denn er behauptet, dass auf einer Abendfeier bei den Guérmantes ein Chinareisender erzählt habe, dass die sagenhaften Hundertjährigen Eier der Chinesen aus den Eiern der Gärtnerin bereitet würden.

Proust: sowieso der allerbeste Humor von allen. Ich habe das Bild der durch ihre Schnute laut Nudeln einschlürfenden Chinesen vor Augen und sehe dazu François Mitterand vor mir, in seinem Landhaus im Bordeaux, wie er, acht Tage vor seinem Tod, noch einmal einen Ortolan nach dem anderen ausschlürft unter seiner Serviettenhaube. Damit ihm Gott bei seiner Versündigung nicht zusehen kann.

Café Europa

Auf dem Heimweg fuhr der Zug bis nach Köln, wo wir umsteigen mussten. Die Rheinbrücke erreichten wir bei Sonnenuntergang. Zu beiden Seiten hingen in den Gittern dort die vielen tausend Liebesschlösser eingehakt. Sah aus wie Insektenbefall.

In Bielefeld zuvor bei bestem Wetter noch lange auf der Suche nach Briefmarken gewesen. Selbst in der Buchhandlung Eulenspiegel, die 1970 eröffnet wurde, wie es auf einem Fensterkleber zu lesen war, konnte man uns dabei nicht weiterhelfen. Die Begründung klang indes seltsam: »Weil das Postamt hier schon so oft umgezogen ist« wüsste man nicht zu sagen, wo es sich derzeit gerade befindet. Im mythischen Loom selbst, dem Einkaufszentrum, fragten wir bei einem in der Filiale der Buchhandlungskette Thalia als Verkäufer beschäftigten Mann, der einem Youtube-Tutoren für Age of Empires II ähnlich sah, nach. Auch er konnte uns nicht helfen. Seine Begründung lautete dabei ganz anders und doch sehr ähnlich derjenigen, die uns der alteingesessene Fachbuchhändler der Eulenspiegel gegeben hatte: »Ich bin einfach noch nicht lange genug in Bielefeld.«

Nicht lange genug, um einen Brief verschickt haben zu müssen, fragte ich mich da. Nicht lange genug, um bei dem andauernd seinen Aufstellungsort wechselnden Postamte hinter den Algorithmus zu steigen, nach welchem Muster dieses Postamt seine Positionen tauscht?

Auflösung dann an unvermuteter, weil systemfremder Stelle: Ausgerechnet am Infotresen des Loom gab uns die dort beschäftigte Frau mit dem slawisch anlautenden Namen kompetente Auskunft. Und zwar war es so, dass sich das Postamt direkt neben dem Loom befand. So wurde es klar, weshalb der Eulenspiegel-Mann es nicht wissen wollen konnte: weil Loom quasi Systemfeind, und der Thaliafridolin es niemals finden würde: Loom erhielt ihn, es gab für ihn keine Welt mehr außerhalb des Loom.

Kaum eine Nebenstraße weiter, in unmittelbarer Nähe zum Café Europa betraten wir, durch einen Rockabillymodeladen angelockt, eine komplett entleerte Ladenpassage, die sich wie eine architektonische Version eines Holzwurmes tief in einen Gebäudekomplex aus den achtziger Jahren gefressen hatte. Die komplett weiß gefliesten Ladenflächen mit ihren weißen Einbauten und den weiß tapezierten Wänden; die weiß lackierten Geländer und Laternen, die mit hellem Marmor belegten Treppenstufen der zahlreichen Auf- und Abgänge der mehrgeschossigen Anlage: Alles stand leer und schwieg. Bis auf besagtes Modegeschäft, ein Nagelstudio und die Dependance des sinistren Uhrmachers Satu. Anfänglich noch behutsam, beinahe übervorsichtig wie aus falschem Respekt vor den hinterbliebenen Flächen (einst florierten sie noch so schön!) erforschten wir diesen Kokon des Handels, dessen Innenleben vom Loom herausgeschlürft worden war. Gut und gerne waren dies 2000 Quadratmeter, mit denen sich angeblich jede Menge anfangen lassen würde. Bloß was?

Je länger wir darüber nachdachten, desto weniger fiel uns ein. Da sagte ich: Sei nicht traurig in Anbetracht der vielen Leere. Noch im Augenblick des Abgrunds werde ich Dir eine schöne Geschichte erzählen können. Und diese handelt von dem kleinen Ortolan.

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