»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

1.7.

FULI (JULI MIT F)

Die Schnecke klebt im Mauerspalt
Lass sie halt
Die Ente schläft dort auf dem Steg
Dir im Weg
Die Wolken
Schichten
Grau auf Grau
Dahinter Sonnenschein und Blau
Rasensprenger
Warmer Kies
Dir geht’s gut

30.6.

Am frühen Abend saß ich gegenüber des Stehcafé und Bäckerei Schleckermäulchen und trank ein paar Campari mit Orangensaft. Ein kleines Mädchen ging an der Hand seiner Mutter an den Tischen vorbei, sie zeigte auf meinen Drink und rief: »That looks fancy!«. Ich sagte: »It is«.

Vor dem Platz auf der anderen Seite der Straße wiegten sich die Zweige der Lindenbäume und in deren Rocksäumen verfing sich das letzte Licht. Während des Essens sprach ich mit Alexandra über Systemprobleme des Journalismus. Beziehungsweise: Ob es ihn in fünf Jahren noch geben würde. Sie meinte: nein.

Nach dem Essen traf ich dort vor dem Lokal noch zufällig auf Oliver, der mich überredete, kurz bei der Party des Zeitmagazins vorbeizuschauen. Zuvor sprachen wir über die Systemprobleme des Fotojournalismus und der Werbefotografie. Beziehungsweise: Ob es sie in fünf Jahren noch geben würde. Er meinte: nein.

Die Party des Zeitmagazins fand praktischerweise gleich um die Ecke statt, in einem noch nicht oder noch nicht offiziell eröffneten Steak-Restaurant. Wir arbeiteten uns durch hundert Menschen bis in den Innenhof durch, wo es aber noch hundertmal voller war als in den Räumen zuvor. Die Getränke wurden in sehr bauchigen Kupfertässchen ausgegeben, was kurios aussah. In einer Nische fiel ich beinahe (nur mit einem Bein) in ein metertiefes Loch, das es dort im Boden gab. Einfach so.

29.6.

Zunächst hatte ich es für einen Druckfehler gehalten: Auf dem Foto vom Gartenspaziergang einiger Außenminister der Europäischen Union, das in der Sonntagszeitung auf deren zweiter Seite abgebildet war, ragte dem Luxemburger Jean Asselborn eine dünne grüne Linie schräg aus den Lippen hervor. Nach unten hin weisend, wo am Bildrand aus dem Vordergrund des Motives, brennweitenbedingt, unscharf die Büschel kniehoher Gräser ins Sonnenlicht strebten.

Aber konnte das sein? Selbst unter dem Fadenzähler, durch dessen Linse betrachtet sich die Fotos in Zeitungen zu reizvollen Mustern aus identisch großen Punkten pudriger Farben auflösen, schien diese grüne Linie noch immer als ein graphisches Element, ein rayon vert (nach Jules Verne).

Am darauf folgenden Morgen aber erhielt ich mit der Montagsausgabe den Beweis. Ein anderes Motiv von dem Spaziergang war dort veröffentlicht worden, und tatsächlich: Jean Asselborn hielt zweifellos einen Halm zwischen den Zähnen — unter Hasen gesprochen mümmelte er daran.

Dieses Wissen: Jean Asselborn benutzt einen Grashalm während schwerwiegender Dienstgespräche, um sich mit dessen Hilfe gleichsam konzentrieren wie auch zerstreuen zu können, ließ mir diesen bis zu jenem Sonntag unbekannten homo politicus aufgrund seiner Hasenhaftigkeit megaliebenswert werden. Dazu die sog. soft facts: dienstältester Außenminister in der EU, seit nunmehr 36 Jahren mit seiner Frau verheiratet.

In dem Roman Le Rayon Vert, dem einzigen nicht spektakulären Roman von Jules Verne, geht es bekanntlich um eine Frau, die sich erst dann heiraten lassen will, wenn sie in Schottland das Naturphänomen des grünen Strahls, einem Wetterleuchten über der See kurz vor Sonnenuntergang, bezeugt haben wird. Der grüne Strahl, so die Legende, beweist demjenigen, der ihn schaut, dass die sogenannte Liebe wahrhaftig existiert. Und möglich ist.

Interessant in dem Zusammenhang ist die anhaltende, momentan freilich unterrepräsentierte Diskussion um die Verwechselbarkeit der Luxemburgischen Nationalflagge mit jener des Beneluxpartners Niederlanden. Beide scheinen zwar vom grafischen Prinzip her gleich aufgebaut, doch ist der blaue Streifen in Luxemburg als ein Himmelblau festgelegt, während die Niederlanden ihr Blau als ultramarin codieren. Mein Vorschlag: Für Luxemburg einen Hasenmund in stilisierter Form mittig in das Streifenmotiv fügen (Mercedes-Zeichen, bzw. Peace-Logo; letzteres mit einem in grün dargestellten Mittelstrich).

28.6.

Durch die Überhäufung mit Kohlenhydraten, Industriezucker und Protein hatte ich leider auch das Geburtstagsgeschenk verschlafen, das ich mir selbst schenken wollte. Ich lag noch, als ich durch die geöffneten Fenster den Pfiff zur Abfahrt der MS Heiterkeit vernahm – jenem Signal zum Verstreichen der letzten Chance in diesem Jahr 2016 noch die neunstündige Fahrt über »die vielfältige Seenlandschaft Brandenburgs« antreten zu dürfen. Das Schiff, eben jenes verheißungsvoll auf Heiterkeit getaufte, macht diese Tour nämlich nur zweimal im Jahr.

Ich fühlte mich trotzdem im Zustand der Gnade und grämte mich nicht. Und tatsächlich: Nachdem ich mir nach alter Sitte zur Strafe einen Vormittag lang des Aufräumens und Sortierens und Abheftens auferlegt hatte, genehmigte ich mir nach 14 Uhr den Spaziergang zum Restaurant Seehaase, wo ich an der kleinen Marina so gerne sitze. Der Himmel zeigte sich weit, obwohl von vielen Wolken bedeckt, aber die eben in interessanten Formen, und an den Kanten lösten sich – dies beobachtete ich durch mein Fernrohr in achtfacher Vergrößerung – wie scheinbar durch die Sonnenhitze abgeschmolzen, die kuriosesten fraktalen Formen ab.

Das Instrument absetzend fiel mein Blick auf die im Becken zu meinen Füßen versammelten Tretboote. Und als eines davon losgelöst wurde, fragte ich Tim, der hier aufgewachsen ist und in seiner gesamten Abercrombie-&-Fitchhaftigkeit zu einem ultimativen Verführer gereift, gebräunter noch als ich!, für wieviel er mir denn eines dieser Boote verkaufen würde. Der Preis war bestimmt nicht überzogen, blieb dennoch unerschwinglich. Ein Tretboot kostet demnach gebraucht noch immer 1500. Ich hatte aufgrund der Spielzeughaftigkeit freilich an einen weitaus niedrigeren Preis geglaubt (so um die 300 max).

»Aber ich habe was für dich, das dir gefallen könnte«, schob Tim nach, um mir daraufhin eine wahre Beauty zu zeigen: klein, Fiberglas, mit zwei Bänken aus dunklem Holz, Außenborder von Yamaha, im exakt richtigen Lodengrün. Und das für 800.

Auf dem Heimweg ging mir das Boot nicht mehr aus dem Sinn: Bestünde darin nicht erst die Eröffnung der Welt, wenn ich, morgens zum Beispiel, kurz mal nach der Küste der Pfaueninsel fahren könnte. Vor allem im Herbst, wenn graue Nebel würden wallen, stellte ich mir das derart romantisch und nahrhaft für meine Seele vor. Ich träumte bereits von den Nachtfahrten, die mir damit möglich würden. Ich träumte von einem neuen Glück. Und es ist ja so einfach, wenn man erst erwachsen ist: Man darf essen was man will und wann man das will; man darf so lange im Bett bleiben wie man will, ohne dass einen jemanden kommentiert; und man darf sich kaufen (und aber auch sausenlassen), was man will.

27.6.

Gestern aß ich den lieben langen Tag lang (Rührei, Schaumgummi, Salami, Snackteller, Ente, Bathura, Reis), bis ich nicht mehr konnte. Offenbar schläft man dadurch nicht nur ungewöhnlich lange, man träumt auch ungewöhnliches Zeug. Ich war selbst von mir überrascht, aber: ein Wettkampf im Schreibmaschinenweitwurf. Ausschließlich weibliche Teilnehmer. Fand in einem ausverkauften Stadion statt. Tolle Kamerafahrten, wenn ich mich recht entsinne sogar mit Sound. 

26.6.

Es war zu heiß zum Blutspenden. Der Truck des Deutschen Roten Kreuzes stand von daher wie schmollend (oder wie man in meiner Herkunftssphäre sagt »zum Bossen«) auf dem Vorplatz des Bahnhofsgebäudes herum. Die wenigen Passanten oder Umsteiger ließen das Erdbeerhäuschen ebenfalls links liegen. Darin saß ein mir unbekannter Mann, der mir auf den ersten Blick als sympathisch erschienen war, weil er mich an Gert Fröbe erinnerte. Und an den »Durstigen Mann« auf den Dosen von Tuborg. Aber das lag höchstwahrscheinlich am Wetter und war eine Fatamorgana. Ich schaute mir lange, sehr lange das ergreifende Bild von David Cameron und von seiner Frau an, die versucht hatte, seine Hand zu halten. Dann las ich die traurigen Texte zur traurigen Nachricht. Dann ging ich hinüber zum Erdbeerhäuschen, grüßte, entsicherte die Olympus und sprach den Mann an.

Später erlaubte ich mir den Besuch eines Teils meines Viertels, den ich mir bislang aufgespart hatte, weil ich ja auch auf den Tellern zuerst das aufesse, was ich am wenigsten mag. Dort sah ich ein Haus, an dem standen die Fenster des ersten Stockwerks geöffnet und dort, auf der Beletage hingen an der Wand viele Bilder in weißen Passepartouts. Eines davon aber schief und ich läutete, in der Absicht zu fragen, ob ich es geraderücken dürfte, aber man machte mir nicht auf.

Im Schatten der anderen Seite der Straße schnuffelte ein Basset an den herabgefallenen Lindenblüten. Seine Fellfärbung war ungewöhnlich. Persönlich bin ich nur mit einer einzigen Hündin dieser Rasse vertraut, es ist Grenadine, die in Cagnes-sur-Mer lebt, und die ist, wie man es von den Gemälden her kennt, braun, weiß und schwarz gescheckt. Dieser Basset hier, ein Rüde, war hell und die Flecken im Fell allenfalls Ginger, rötlich, aber nicht Auburn wie das Haar Patricia Reichhardts.

Also sprach ich seine Besitzerin / seine Begleiterin an: ob es sich hierbei um einen Albino handele?

Aber nein – diese Fleckung würde unter den britischen Züchtern als Honeywhite beschrieben.

Honeywhite – sollte ich einmal eine Tochter zeugen können, wäre dies ein möglicher Name für sie.

Die Dame, die mir diese Inspiration geschenkt hatte, erinnerte mich in allem an meine Nachbarin aus Kindertagen (ich weiß, in solchem Zusammenhang schreibt man üblicherweise »unsere Nachbarin«, aber dem ist halt bei mir nicht so). Selma Besserer, so hieß sie (also die Nachbarin, die längst schon verstorben ist), war Biologin, promoviert, sie arbeitete als Lehrerin am humanistisch ausgerichteten Heidehofgymnasium. Sie lebte allein in einem extrem großen Haus, das ein Schwimmbad hatte (weil sie gerne schwamm und es in dem Dorf, in dem wir lebten, keines gab – wozu auch; unter Pietisten gilt Schwimmen, wie alles, was nichts einbringt, als Zeitvertreib und der ist freilich gottlos). Wie auch Frauen, die ohne Familien lebten – mit denen stimmte etwas nicht, die waren noch weniger als einfach bloß gottlos, bei denen handelte es sich angeblich um schadhafte Exemplare, und das on dit über Selma Besserer und ihre Haushaltshilfe Melitta war dementsprechend übergriffig und gleichsam borniert.

Sie hatte mich oft rübergerufen und dann durfte ich in ihrer Bibliothek, die neben dem Schwimmbad über zwei Stockwerke sich erstreckte, in den Büchern lesen und blättern, die es bei meinen Eltern nicht gab (und das waren ziemlich viele). Vor allem illustrierte Bände über Pflanzen und Tiere. Frau Dr. Besserer hatte so eine Art, die mir angenehm war und die sich wie Zärtlichkeit anfühlte, denn sie korrigierte mich selten und nahm beinahe alles, was ich über das Leben herausgefunden zu haben glaubte, ernst.

Mahonienbüsche umgrenzten ihr Grundstück. Der Rest war Rasen, immer korrekt kurzgehalten. Als einziger Baum stand darin eine Trauerweide – im Garten einer Biologin, so denkt man, ginge es eigentlich doch natürlicher zu.

Die Rückwand des Schwimmbades bestand aus Kirchenglas und zeigte bunt und streng gefügt eine Szene aus dem Leben des Franz von Assisi mit den Vögeln. Dahinter verbarg sich die Aussicht auf ein Panorama, von der ich jahrelang angenommen hatte, das es ihretwegen so war, dass wir dort allesamt an diesem nämlich auch in Wahrheit weltfremden Ort siedelten: Kornfelder, der Waldrand von den orangefarbenen Stämmen der Kiefern gesäumt und dahinter: die Friedenshöhe, wo sich durch aufragenden Wachholder, heidehafte Wiesen und Solitäre auf hügeligem Grund ein toskanisches Bild ergab.

Time is fleeting, wie es in der Rocky Horror Picture Show heißt. Ich wünschte, es wäre dem nicht so, aber die Dame mit dem Basset sagte dann plötzlich ganz fürcherliche Dinge hinsichtlich des Brexit. Ganz anders, als ich es innerlich selbst erlebt hatte, ist diese Nachricht für sie ein Grund, um sich zu freuen. Endlich geht es rückwärts! Hinsichtlich: Endlich wird Deutschland gezwungen, sich »vernünftig aufzustellen«. Und sie wird AfD wählen.

Man kann sich ja selbst schlecht gratulieren, wenn man, wie ich, keine zwei linken Hände besitzt. Von daher danke ich Timothy Taylor, der mir gestern das zweitschönste Geschenk gemacht hat, indem er mir meinen verloren geglaubten Füller aufbewahrt, den ich anscheinend auf dem Cafétisch hatte liegen lassen. Werde ich jetzt etwa vergesslich? Ich werde es erleben.

25.6.

Es wurde so heiß wie versprochen. Um mich herum fielen die Silver Birds wie die Fliegen um und mussten per 112 ins nahegelegene Klinikum abgefahren werden, das sich auf Arthrose und Rheuma spezialisiert hat (kaum jemand könnte da fehlerfrei per SMS einchecken).

In der ersten Hälfte des Morgens war in dem Erdbeerhäuschen aber noch immer nicht die vermutete Amerikanerin eingestellt, sondern eine deutsche Frau, die, so nahm ich es an, schon seit Jahren für diesen Verkäuferinnenjob bezahlt wurde.

Das äußerte sich unter anderem in ihrem abgeklärten Verhältnis zu den Erdbeeren an sich. Das Verkaufspersonal in den Erdbeerhäuschen trägt ja vorschriftsmäßig über der Zvilkleidung eine Schürze, die in Sachen Motto derer aus dem Dandy Diner in nichts nachsteht: stielgrün, und an der rechten Seite ist dort eine erdbeerförmige und auch ansonsten erdbeerhafte Einstecktasche aufgenäht. Der Gegensatz besteht nun bekanntlich darin, dass meinen Jungs vom Dandy Diner mit unschöner Regelmäßigkeit die Scheiben eingetreten werden, weil sich die Neuköllner Nachbarschaft nicht abzufinden können scheint mit dem sie provozierenden Schweinekopf-Symbol, während die Erdbeere – nun, man wird sehen, wann es bald eine Gruppierung geben wird, die sich gegen Früchte wendet oder Obst (ehrlich gesagt, weiß ich den Unterschied nicht). Sie aber trug diese Schürze mit Stolz. Im Erdbeerhäuschen herrscht ja aufgrund seiner Beschaffenheit ein Reizklima – am frühen Morgen ist es da drinnen kühl, heizt sich aber der Himmel erst auf, wird das Ding zu einem Backofen.

In den Zeitschriften für Frauen geht es seit Jahrzehnten um die gefürchtete »Übergangszeit«, während derer man als Frau so gar nicht weiß, was man anziehen sollte, weil es beispielsweise abends zu kühl ist und morgends zu warm (oder umgekehrt). Im Erbeerhäuschen, so meine Beobachtung: herrscht diese Übergangszeit immer; von daher trat unsere Verkäufern ihren Dienst im bodenlangen Mantel an und mit einer gelockerten Haarfrisur, während sie dann, als gegen elf Uhr die Strahlen so richtig zu stechen begannen, sich bis auf ein Schwingkleid in A-Form entkleidete, um darin den Rest ihrer Schicht, die bei solchen Temperaturen in einem erdbeerfömigen Inkubator durchaus als Fron bezeichnet werden dürfte, zu leisten.

Von Natur aus scheu (ungünstige Voraussetzung, wenn man ein Leben als Reporter bestreiten will), wagte ich es nicht, sie nun auf ihren, mir als demütigend erscheinenden Job hin zu befragen. Ein kurzer Check übers Display der Olympussy: Okay, die Batterien würden auch noch bis morgen durchhalten.

Und hörte dort natürlich von den Nebentischen her den für diese Gegend (und nicht nur für diese) klassischen Talk à la »Möchtest Du eine Apfelschorle, Mantje?« Then the Weissbier hits. And suddenly he seems to have a lot of ideas. A plethora. Und sie wünscht sich insgeheim, dass es derer mehr wären, auch untertags, auch wenn sie mal nicht dabei säße. Von daher, unter dem Schirm ihrer unterdrückten Wünsche, blieb sie still. Und er redete und redete. Wer zahlt, der mahlt. Schließlich.

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