»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

1.6.

Sich selbst erforschen zu können – das finde ich, nach dem vielen Geld, das ich damit verdiene, doch den schönsten Aspekt dieses wunderschönen Berufes. Dass mein Gehirn sich andauernd selbst befragen und beobachten darf und ich dabei, noch nicht einmal im Traum, noch nicht einmal dann, ein schlechtes Gewissen haben muss (na ja, schon manchmal ein bisschen); dass ich die Rückmeldungen dann doch immer interessantestens finde und dabei schon wieder etwas Neues denke, mir dabei selbst auf die Schliche komme und dennoch ist es selbst nach so vielen Jahren noch immer überraschend und brandheiß, was sich da zusammenreimt. Auf einer Top-drei-Liste meiner Organe stünde mein Gehirn auf Platz eins. Unangefochten exemplarischerweise »z.B.« vor meinem sogenannten Schwanz oder meiner Leber, die, nach Alan Flusser doch eher als die »Ackergäule« meines über alles geliebten Proteinklumpens Punktpunktpunkt

Unter anderem der Grund, weshalb ich keine Haustiere halte, und selten bloß Schnittblumen: weil ich halt andauernd mit diesem Gehirn beschäftigt bin, das mich vollkommen in Atem hält – sozusagen. Neulich wieder: Wir gingen da gerade über die Brücke, die Sonne war soeben versunken und es zeigten sich matte Töne von Violett und Dunkelgrau vor einem ansonsten schön grauen Himmel, sie türmten sich auf und im Wasser, in dem sich dieses Ensemble spiegelte, schwamm eine Ente - sie war ja gar nicht klein, aber in der Relation zu dem ganzen Bild erschien sie, als ob, nun: diese Ente also, ganz schwarz aufgrund der herrschenden Lichtverhältnisse, zog dort unter der Brücke eine ihrer Verdrängung angemessene Sillage und rechts davon dümpelten die Segelboote im Hafen des Yachtclubs.

Und darüber habe ich dann original eine Stunde und noch länger nachgedacht. Mit dem größten Vergnügen. Musik angemacht und plötzlich festgestellt – genau genommen war es freilich so, dass ich das schon vorher wusste, bevor ich das Stück also ausgewählt und angemacht hatte: Interlude und danach Movement Five von Carl Craig und Moritz von Oswald. Weil das korrespondiert oder vorgibt, wie ich finde, dass ich einen Text zu schreiben hätte. Dass er dann so verläuft und erklingt.

(Und bei dem Einsatz der Bläser muss ich immer noch an Isaac Davis denken, wie er mit Tracy im Bett in seiner neuen Wohnung liegt und er die Wohngeräusche seines Nachbarn über ihnen damit beschreibt, dass der »eine Trompete zersägt«, so klingt er nämlich, der Auftakt zum Movement Five, und Tracy sagt: Fummel‘ doch lieber ein bisschen mit mir rum!, und Isaac fragt: Sag mal, wie oft kannst Du eigentlich in einer Nacht?, und Tracy sagt: A lot!, und dann holt er seinen Taucheranzug aus dem Schrank).

31.5.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieses viele Grün vor meinem Fenster in ein paar Monaten bereits wieder komplett verschwunden sein wird. Ich kann mich nur noch vage daran erinnern, wie das vor ein paar Wochen hier noch ausgesehen hat. Als ich in Peking war, ist mir erst nach ein paar Tagen aufgefallen, dass es dort in der Innenstadt keine Pflanzen gibt. Der Himmel war sowieso immer gleich, neblig grau, auch nachts, manchmal regnete es kurz. Ich wohnte da in einem Hotelzimmer, im 78. Stockwerk, vom Fenster aus blickte ich direkt auf das Rem-Koolhaas-Gebäude, das mittlerweile von Baustellen umgeben war. In den folgenden zehn Tagen wuchsen mir von dort unten neue Häuser entgegen.

30.5.

Patricia Bateman (Idee für einen Roman)

29.5.

Erik rief an, da lag ich gerade auf dem Steg rum, um zu fragen, ob die Inkubation nun abgeschlossen wäre. Ich sagte »Noch nicht ganz.« Abends fuhr ich dann bei bestem, lindem Frühlingswetter in die Stadt und vor der Betonkirche St. Agnes saßen artig aufgereiht eins, zwei, drei, vieleviele Blogger aus Japan mit ihren Kameras und warteten.

Fünfzehn Jahre 032c – eine Zeitschrift aus Berlin, bekannt vor allem außerhalb Deutschlands, weil sich Jörg Koch von Anfang an dafür entschieden hatte, in englischer Sprache zu publizieren. Wahrscheinlich wirkte das gestern nur so stark auf mich, weil ich ja gerade auf dem Rittergut Schnellroda gewesen war, und Götz Kubitschek vergleichbar lange schon als Kleinverleger aktiv ist.

Jörg Koch und sein »Manual for Freedom, Research and Creativity«: krasser Gegenentwurf zu Götz Kubitschek und seiner »Sezession – Right Is Right and Left Is Wrong«. Vor allem ist 032c halt wirklich radikal. Dazu sieht 032c halt auch ultra aus.

Im Eingangsbereich wurden in der Konstantin-Grcic-Vitrine die Standbilder aus Ralf Schmerbergs ultimativen Berlin Film ausgestellt, die, natürlich, überhaupt gar nicht in Berlin entstanden sind, sondern in Chandigarh und sonstwo noch. Im Heft selbst sind das dann 70 Seiten, gedruckt nach allerneuesten Methoden auf dem allerbesten Papier, das Heft selbst, am Anfang noch auf Zeitungspapier und ohne Fotos, mittlerweile seit mehr als zehn Jahren in Basler Bindung, Art Directed by Mike Meiré. Alles an 032c, um 032c und um 032c herum ist, wie Martin Fry es einst sang, »So hip, it hurts« – gewiss, aber mach das erst mal selbst, fünfzehn Jahre lang.

Und zwischen der Vitrine und dem roten Block aus Heften, der bis ins erste Stockwerk hinauf sich türmt, stand das Kind hinter der Popcornmaschine und siezte die Gäste und freute sich an seiner Aufgabe im Familienunternehmen. Während oben auf der Terrasse mit Aussicht auf den Betonkirchenturm sich die Gäste vor allem darüber unterhielten, dass es hier endlich mal andere Gäste gäbe: »anders als sonst«. Und dann ging die Sonne unter. Und der Beamer ging an. Und man schaute gemeinsam, auf den breiten Turm der Betonkirche projeziert, den Film über ein mögliches Berlin in naher Zukunft an. Textbuch: Helene Hegemann.

28.5.

Der Process des Inkubierens, wie Carl Gustav Jung ihn benannte, ist das Fürchterlichste am Schreiben. Vielleicht nur für mich (und ein paar andere, die ich nicht kennengelernt habe). Ein innerer Vorgang, darüber gibt es nichts zu vermitteln, er macht stumm und blöd auch, wie ich finde, auf jeden Fall aber einsam. Das Material liegt vor, es ist viel zu viel geworden, das Sortieren erscheint unmöglich. Wegwerfen aus Angst, ansonst gar nichts mehr daraus machen zu können. Objektvermeidung, Michael Balint beschreibt den unbehaglichen Zustand als das Dämmern eines Matrosen im Hafen, solange er nicht in See stechen kann, als das Dämmern eines Astronauten vor dem Countdown, als das Dämmern eines Abfahrtsweltmeisters in der Talstation.

Selbst nach vielen Jahren, und auch nach tausend Seiten und mehr, gibt es kein Gefühl dafür, wann das Inkubieren sich dem Ende zuneigen wird; wann das Belastende, das Verstopfte, mein Gefühl des vom Material überhäuften, einmünden wird in die Lösung. In meinem Falle war das bisher immer der erste Satz. Ein Einstieg, dann die Luft lange anhalten und dorthin, wo eines das andere ergibt. Das ist eine geliehene Vorstellung, das ist mir schon klar, sie stammt aus einem Film, bei dem jemand durch ein Loch unter die Eisdecke eines Sees bricht und zurückwill an die Luft und ans Licht. Und aus Race for Your Life, Charlie Brown (die Szene mit dem Wasserbett).

27.5.

Komisch, dass ich den Geflügelzüchter von Schnellroda automatisch für einen brutalen Typ hielt. Dementsprechend hatten wir uns mit gedämpften Stimmen an seinen Hof herangeschlichen, um die neben seinem Eingangstor angezweckte Liste der zum Verkauf angebotenen Arten von Enten und Hühnern abzufotografieren. Da hielt hinter uns ein silberner Geländewagen und das war der Bauer selbst, der dann ausstieg und uns freundlich »Guten Abend« sagte (es war ja schon weit nach 18 Uhr und im Gasthof, dem einzigen des Dorfes, saßen die Männer und säbelten in Spiegeleier mit Pommes frites). Ein untersetzter Mann mit breitem Lächeln, der mir gerne noch die paar Enten verkaufen wollte, nach denen ich ihn gefragt hatte, um unser Herumlungern und Plakatabfotografieren zu rechtfertigen. Fand er auch nur ein bisschen kurios, wie es schien, dass wir um diese Zeit noch nach lebenden Entenküken fragten.

»Ich glaube, die kosten drei Euro das Stück«, sagte er. Ganz hinten, am Ende des weiten Innenhofs in einer Nische saß seine Familie um einen Tisch, und er rief nach seiner Tochter, die für den Stall mit den Küken verantwortlich war. Das Mädchen kam, brachte den Schlüssel, sie begrüßte uns knapp und sperrte auf, blieb aber gleich bei der Tür stehen, während wir von einem Gehege zum anderen gingen, wo unter Wärmelampen hunderte fluffiger Küken umherwuselten. Die gedrungenen Sachsenenten, Wildenten, kleine Hühner ganz hinten, aber uns gefiel vor allen anderen die sogenannte Laufente, die ich bislang nur aus einem Buch von Wolf Erlbruch kannte – Ente, Tod und Tulpe –, und die ich, ohne jemals nachzuschlagen, für eine zeichnerische Erfindung Erlbruchs gehalten hatte. Die sind langgezogen und sehen schon im Kükenalter aus wie Flaschen für Riesling auf zwei Watschelbeine montiert. Ich würde ein Paar dieser Enten, so stellte ich es mir vor, in die Steggemeinschaft aus Blässhuhn, Schwan und Wildente eingemeinden, und könnte ihnen dann jeden Morgen und noch einmal am Nachmittag beim Aufwachsen zuschauen: »Ginge das«, fragte ich den Geflügelzüchter, »dass wir die jetzt in einen Karton mit Luftlöchern in den Kofferaum bei uns stellen und dann über Nacht drin lassen, weil wir haben hier noch ein paar Stunden was zu tun, fahren aber heute Nacht noch zurück nach Berlin – so um Mitternacht könnten wir sie dann freilassen. So eine Lampe haben wir aber dort nicht.«

Die Tochter schüttelte den Kopf. Eine Geste, die er sich mit einem Blick von ihr abholte. »Nein, das geht nicht«, sagte der Geflügelzüchter, ein unerwartet sanftmütiger Mann. »Das würden sie nicht überleben.« Aber er gibt uns eins von den Plakaten mit, das wir vorhin noch abzufotografieren versucht hatten. Unter den Laufenten steht »Gute Schneckenvernichter«. Ich kann es mir bildlich vorstellen, jetzt, wo ich sie in natura erlebt habe.

26.5.

Auf dem Grunde des jeweiligen Gefäßes angelangt, produziert die Saugpumpe freilich hässliche Geräusche. Erinnerungen an Muriel’s Wedding drängen sich da quasi automatisch auf; dort aus der Szene, in der Muriel, gespielt von Toni Colette, im Kreise ihrer vermeintlichen Freundinnen in einer Milchbar an den letzten Resten ihres Milchmischgetränkes schlürft; selbstvergessen, es wurde inzwischen still, woraufhin eine der Frauen aus der Runde alle außer Muriel angesichts der Geräusche aus Muriels Strohhalm beschwichtigt: »Lasst sie doch erst einmal in Ruhe ihren Orgasmus austrinken.«

Der Satz danach, und der Blick, gehört in die Filmgeschichte (meiner Meinung nach).

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