»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

31.10.

Vermutlich war es der letzte schöne Tag im Jahr, den ich komplett am Schreibtisch sitzend zu verbringen hatte. Schließlich hatte ich ein Vermögen für die Bildbiographie Arno Schmidts ausgegeben. Der Buchhändler am Nikolassee hatte mich auf meinen Wunsch hin, mir das Buch, von dem er nur ein einziges Exemplar bestellt hatte, einmal ansehen zu dürfen, aufgefordert, auf dem in eines seiner Regale eingebauten Sofa Platz zu nehmen, bevor er es mir überreichte: vierhundert Seiten Din A4, ein wahrlich fesselnder Genuss. Im Bett lesen lässt es sich nicht; mitnehmen, etwa in ein Café, um es dort im Schein der Herbstsonne zu studieren, ist ebenfalls schlecht möglich. Das Buch erzwingt die sitzende Haltung an einem Tisch, auf dem es aufgeklappt liegen kann.

Draußen vor den Fenstern, ein Werbefilm für daylight saving time, war über viele Stunden lang die knalligste Fototapete mit dem deutschen Herbst zu bestaunen: goldfarbenes Laub vor blauem Himmel, darin gerade mal Strähnen vom Wolkenweiß (heißt es deswegen Föhn?). Hätte ich das Vermögen nicht ausgegeben, hätte Jan Philipp Reemtsma nicht die Arno Schmidt-Stiftung gegründet, ja: wäre Arno Schmidt nicht gestorben, dann hätte ich gestern einen Spaziergang durch die herrliche Welt hinter der Tapetentür machen können, wäre etwa den schönen Weg, der teilweise bergab auf der derselben Spur mit den bergab rauschenden Radfahrern geteilt werden musste – viele Greise darunter, in eingefetteten Perlonhöschen von Campagnolo auf ihren Carbonmaschinen mit zusammengebissenen dritten Zähnen über Leichen zu radeln bereit –, dann bei der historischen Telefonzelle in die Gasse, die hinter dem Klärwerk auf die Fußgängerbrücke über die Autobahn führt, eingebogen, um gegenüber von Burger King und Lastkrafttankstelle dem Wirt des Easy Rider einen Besuch abzustatten. Er wäre dann überraschend aus seinem Urlaub auf Spiekeroog zurückgekehrt – aus Heimweh, wie er es immer wieder wiederholt haben würde: aus Heimweh nach seinen Stammgästen und nach dem Grill. Auf Nachfrage, und davon hätte es bei diesem unwiederbringlich herrlichen Herbstsonnenscheinwetter freilich Dutzende gegeben, hätte er immer und immer wieder den eigens hierfür, eventuell schon auf der Fahrt nach Spiekeroog ersonnenen Herrenwitz zum sprichwörtlich Besten gegeben. Zwischendurch, aber eben nicht zur Abwechslung, auch mal über sein Megaphon. Preislich: heute alles für die Hälfte. Und das hätten sich insbesondere die hartgesottensten seiner Gäste, die Veteranen des Chapters Wannsee nicht zweimal sagen lassen. Wenn einer von ihnen mal im Gebüsch verschwand, legte er vorher noch seine Zahnprothese in den Bierbecher, um dem Fremdschlürfen in seiner Abwesenheit einen Riegel vorzuschieben. Laubstudien hätte ich anstellen können. Vogelstimmen herauslauschen und notieren. Aber es stand ja auch noch ein Paket mit einer Warensendung der Firma Haribo, das Etikett des Deutschen Paketdienstes gab das Gewicht seines Inhaltes mit 4,6 Kilogramm an, auf dem Fußboden, wo es der Bote vor vier Tagen abgesetzt hatte. Und dies Paket harrte noch immer nicht von mir auch nur angetastet seiner Bestimmung. Denn: Ja, ich bin zäh. Und was Geduld und eiserne Disziplin betrifft, kenne ich nichts.

Bei Einbruch der Dunkelheit war ich immerhin schon auf jener Seite angelangt, auf der Arno Schmidts Mutter ihrem Sohn brieflich rät, doch endlich die Schreiberei an den Nagel zu hängen, denn nach ihrer Analyse sei er nun mal einfach kein Dichter und sie rate ihm zum Berufswechsel. Sehr besorgt!

Tja. »Eins geht nur« (wie meine Exfrau zu sagen pflegte).

30.10.

Schnecken sind also sehr wohl auch nachtaktiv. Meine zumindest, wie ich heute früh herausfinden durfte, denn als ich um die übliche Zeit meine Augen aufschlug, war es für diese sinnloserweise noch stockdunkel. Die Schnecken aber, noch immer habe ich an die ehemaligen Liebespartner des bis dato immer noch kinderlosen Paares keine Namen verteilt, klebten hoch droben in der gläsernen Kuppel ihres Behälters, wie ich im schwachen Gegenlicht der fernen Straßenlaterne erkennen konnte. Seitdem ich sie bei ihrem Geschlechtsakt auf dem Mauersims am Nymphenufer gestört, unterbrochen und dann eingesammelt hatte, zeigen sie kaum noch Interesse aneinander. Die angeblichen Hochzeitsvorbereitungen vor einiger Zeit führten dann doch zu nichts. Dafür widmen sie sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit ihrer Ernährung, der aktuelle Verbrauch liegt bei sechs Blättern Löwenzahn, vier Zuckerschoten, einer halben Salatgurke und zwei Möhren pro Woche. Dazu kommen noch die heilen Schalenhälften zweier Frühstückseier, die für die Kalkaufnahme inwändig abgeraspelt werden. Im Gegenlicht läßt sich das sehr schön erkennen, weil dann nach einer Woche die ohnehin zarte Schale eines Hühnereies von dicht an dicht gelegten Leiterbahnen ziseliert wurde, sodass dies Muster auf der Eiinnenseite an ein sorbisches Osterkunstwerk erinnert (allerdings unter Einwirkung einer psychoaktiven Droge ausgeführt). Aber außer Nahrungsaufnahme und Schlafen haben sie weiter nichts im Sinn, wie es scheint. Von daher könnte ich sie, wenn ich Namen für Haustiere nicht so doof fände, Martina und Moritz nennen – nach meinem Lieblingsmoderatorenpärchen im Westdeutschen Rundfunk. Die sind angeblich auch privat ein Liebespaar, aber sie werden immer nur in ihrer Küche gezeigt, die furchtbar vollgestopft ist mit den neuesten Geräten (gestern führte Moritz dort seinen Kontaktgrill vor). Die Sendung geht auch immer nur eine halbe Stunde lang, und in dieser knapp bemessenen Zeit führen die beiden dann die Zubereitung mindestens vier unterschiedlicher Gerichte vor. Durchaus schneckenhaft also, denn auch bei meinen Schnecken, wenn sie denn mal wach sind, geht es ja emsig und betriebsnudelig zu. Dass Schnecken langsam sein sollen, diese irrtümliche, dafür kulturhistorisch eingefleischte Behauptung hat mit dem Referenzrahmen des Betrachters zu tun: Wenn ich der Schnecke beim Befahren eines zwei Meter langen Mauersimses zugucke, kommt sie mir freilich lahm vor; in einer auf den Grundkreis einer Kuchenplatte beschränkten Welt pfurrt sie bloß so herum. Und in der ziemlich engen Studioküche von Martina und Moritz geht es aus ähnlichen Gründen auch ziemlich hektisch zu. Dabei passiert ja, objektiv betrachtet, also wenn man jetzt die beiden mitsamt ihrer vielen Messer und speziellen Brettchen in die Küche einer Unimensa verpflanzen würde: nicht wirklich viel. Um die knappe Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, zu vervielfältigen, unterbrechen sie sich auch noch ständig. Und zwar, wie es dem ungeübten Beobachter erscheinen wird, wahllos. So wird dann, auf der Tonspur, aus den Anleitungen für zwei Mal zwei Gerichten ein Zopf geflochten, der dem Betrachter Schwindelgefühle verursacht. Probiert wird dann ja auch noch, allerdings sozusagen on the fly und mit nur äußerst unschneckenhaftem Abreißen einzelner Bissen, dazu erfolgt noch hastiges Hineinschlucken der von, selbstverständlich: Moritz eingeschenkten Begleitungsweine, während Martina bereits die nächste Pfanne mit etwas Neuem belädt. Gemütlich ist das nicht, aber gemütlich sollen ja die Betrachter daheim werden. Das Markenzeichen von Moritz ist eine Brille mit rotem Gestell, Martina, die Moritz ansonsten auf frappierende Weise ähnlich geworden ist (die Sendung existiert angeblich seit 1988), trägt ein mit auf pinkem Grund in Schockfarben gesprenkeltes Modell. Im Grunde ist es die letzte Sendung eines Typus, der in den achtziger Jahren noch zahlreich in den Dritten Programmen vertreten war: Ob Skigymnastik oder Aerobic – man war immer  vom bloßen Zuschauen erledigt und froh, dass die Folge zu Ende war.

Die Macauly Library, das angeblich weltgrößte Onlinearchiv für Vogelstimmen, wurde neu organisiert und bietet jetzt noch detaillierteren Zugriff auf historisch wertvolle Aufnahmen. Endlich steht also eine Aufnahme (Archivnummer ML 16236) des männlichen Seidenlaubenvogels (Ptilonorhynchus violaceus) zur Verfügung, aufgenommen südwestlich der australischen Hauptstadt. Die Aufnahme ist zwei (!) Minuten lang und von kristallklarer Qualität. Leider, wie ich beinahe feststellen muss, denn mir ist es jetzt kristallklar, weshalb sich der Seidenlaubenvogel auf den Bau seiner herrlichen Lauben spezialisiert hat: Sein sogenannter Gesang klingt, als ob Martina und Moritz mit feuchten Laubsägen ein Menü ganz aus Hartschaumstoff zusägten. Ganz hinten kommt dann noch eine Art Pralltriller in dieser Machart. Als ob ein sich einwählendes Tonwahlmodem in einem Eimer voller Ayran versinkt.

29.10.

Zum ersten Mal richtige Herbststürme, mit an die Scheiben brandendem Regen und dem einen langen Zweig des Kirschbaums, der mit prasselndem Geräusch dagegen gepresst wird. Wie durch und durch scheußlich doch unser Leben wäre, wenn Wasser nicht trocknen würde: ein Satz fürs Leben von Justin Andre.

Auf dem Heimweg kehrte ich nach beinahe über einem Jahr der Abwesenheit wieder im Souterrain IV ein. Es war kurz nach 17 Uhr, außer mir saß dort nur noch ein weiterer Gast an dem runden Tisch für vier neben dem Tresen, las im Tagesspiegel und hatte vor sich ein Glas Bier und daneben ein kleineres, bereits ausgetrunken, für Schnaps. Die Wirtin erkannte mich wieder und brachte ein Glas Tegernseer an den sehr kleinen Tisch gegenüber. Es hatte sich wahrscheinlich überhaupt nichts verändert. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite leuchteten in unterschiedlichen Farben die Ladenschilder von Antik & Moderne, Fidelio, Schuhversteher – Schöne Schuhe auf guten Wegen und dem Haus der guten Blume der Jaqueline Fürschke.

Angeblich, so erzählt man sich, gab es in den neunziger Jahren eine Krise, ausgelöst durch eine sprunghafte Mieterhöhung, die beinahe schon das Ende des Souterrains bedeutet hatte, wenn nicht der Schöneberger Bürgermeister selbst – und zuvor hatte es wohl schon ein Angebot aus New York gegeben, das gesamte Interieur des Lokals dorthin verschiffen zu lassen, um es in Sicherheit zu bringen und dann dort wieder in einen ähnlich dimensionierten Raum einzubauen. In den Handlauf der niedrigen Treppe, die in das Hinterzimmer führt, sind untereinander fünf Röhren eingelassen, in denen die zusammengerollten Zeitungen für die Gäste bereit gehalten werden. Den dazugehörigen Messingschildern zufolge sind das außer dem Tagesspiegel noch Süddeutsche, Zeit, Morgenpost und Taz. Vor einem Jahr stand auf einer Konsole im Hinterzimmer noch das Modell einer Zahnarztpraxis im Maßstab 1:15. Es war sogar beleuchtbar gewesen. Als ich bei meinem ersten Besuch dort – ich hatte das Souterrain an einem Sommerabend im Vorbeigehen entdeckt und aufgrund des attraktiven Neonschriftzuges an der extrem schmalen Fassade betreten – fragte ich die Wirtin, was es mit dem Modell auf sich habe. Damals hatte sie mir zugerufen, es war sehr voll gewesen an jenem Abend, dass ein Architekt es dort vergessen habe, es würde aber bald abgeholt. Was dann in einem halben Jahr und länger nicht passiert war. Nun war es fort. Der Zahnarzt selbst sei vor ein paar Monaten aufgetaucht, und habe es an sich genommen, sagte die Wirtin. Es stünde nun im Schaufenster seiner Praxis, die sich nicht weit von hier befände. Sie selbst habe das überprüft.

Dann las ich den Aufsatz von Wilhem Schmid in der Zeit über die heilsame Kraft des Geschlechtsverkehrs, der mit extrem hübschen Zeichnungen verliebter Seesterne aufgemacht war. Der Seestern erfährt derzeit ohnehin ein Revival – oder kommt nur mir das so vor? Als ich aufsah, hatte sich das Lokal gefüllt. Es sah nun um mich herum genau so aus, wie ich es in Erinnerung behalten hatte. Ich erkannte niemanden konkret wieder, aber die Gesamtheit der Gesichter dann halt schon. Zwei Briten, die an dem runden Tisch mitten im Raum plaziert worden waren, hielten einander fest, um auf ihrem gemeinsamen Weg auf die Herrentoilette nicht zu Boden zu gehen. Wie es schien, hatten sie andernorts, und das vermutlich schon seit dem frühen Nachmittag, getrunken. Während ihrer Abwesenheit wurde von der Wirtin bereits ihre Rechnung geschrieben. Nach geraumer Zeit wickelten sie sich umständlich aus dem Filzvorhang, hinter dem sich die Toilettentüre befindet. Beim Versuch, Platz zu nehmen, gingen ihre Gläser zu Bruch. Sie verabschiedeten sich mit kaltem, feuchtem Händedruck von jedem einzelnen Gast, der in dem schmalen Gang vor dem Tresen auf einen frei werdenden Tisch wartete.

28.10.

Wir saßen, wie so oft in letzter Zeit, zu Mittag im Mainhattan, einer gutbürgerlichen, zudem preiswerten Stube, die in der Hessischen Landesvertretung am Potsdamer Platz eröffnet hatte. Wir, das waren Heinrich Holzberger – genannt Heiko –, Erik Niedling und ich, sowie gestern zum ersten, aber wohl nicht letzten Male noch der, wie es heißt, frisch gebackene Direktor des Landesfunkhauses Thüringen, Boris Lochthofen, Sohn des einzigen über die Landsgrenzen Thüringens hinaus bekannten Schriftstellers Sergej Lochthofen.

Unseren ansonsten für brisante Unterredungen dieser Art üblich gewordenen Treffpunkt, das Birdhouse in der Heidestrasse nahe dem Studio Niedlings, hatte Lochthofen aus nachvollziehbaren Gründen abgelehnt: Dort wurden einem Thüringer als zu farblos erscheinende Würste Berliner Machart aufgebraten. Im Mainhattan hingegen – it was the time of the season, wie The Zombies es schon zu singen wussten – gab es herrlichste Wörscht.

Boris Lochthofen, dabei seine Wörscht schneidend, dass es nur so quietschte, hörte sich mein Lamento mit gemischten Gefühlen an: dass es ausgerechnet sein Vater, Sergej Lochthofen, nicht in den ohnehin zu kurz geratenen Wikipediaeintrag Schriftsteller aus Thüringen geschafft hatte – aktuell bestand der Artikel aus ca. acht Nennungen, darunter noch Doubletten und sog. Enten – schien ihm, schien auch mir das eine nur. Aber, so Lochthofen, und hierbei gab ihm Erik Niedling, derweil eine Zigarette drehend, recht: Damit nicht genug. Beziehungsweise: Von dort aus müsste es halt in Zukunft, naher Zukunft übrigens, noch sehr, sehr viel weiter gehen.

Ich sah das im Übrigen ganz genau so und sprach deshalb die Wahrheit ganz gelassen aus: »Thüringen – sowohl der Freistaat, wie auch die kulturelle Sphäre ist hiermit übrigens gemeint – hat lange, viel zu lange im Schatten Sachsens vegetieren müssen. Aber Sachsen«, und hierbei machte ich dem Bembeljung in seiner Schürz‘ ein Zeichen, uns die Gerippten noch ein weiter’s Male vollzufüllen, »Sachsen, da wirst du beipflichten müssen: Das hat sich von selbst erledigt«.

Das Wort vom failed state hing schwer im Luftraum über uns, es hing dort, aber keiner von uns (obwohl nun außer mir drei Thüringer am Tisch, die fühlten es) hatte es nötig, diese Tatsache zudem noch auszusprechen.

Boris Lochthofen nickte. Allein das war ja schon ein großartiger, ach was, es war ein dem Nobelpreis würdiger Romananfang: »Boris Lochthofen nickte« – dagegen konnte »Ilsebill salzte nach« einpacken! Und dennoch, es geschah ja wirklich, es war gar kein Roman, in dem wir als Figuren zu Papier gepresst dort sitzend uns finden mussten, im Mainhattan; wir befanden uns dort in Wirklichkeit, man schrieb den 27. Oktober 2016 und Boris Lochthofen sprach: »Ich brauche jetzt ganz schlicht und einfach deine Hilfe, Joachim«.

Wahrheitsgemäß entgegnete ich »Gern, Boris«. Schließlich hatte mich Erik, hatte mich sogar Heinrich im Vorwege zu diesem Treffen gebrieft. Ich kannte mich aus, was das Imageproblem Thüringens betraf; die Umfragen unter den Bundesdeutschen, bei denen mit unschöner Regelmäßigkeit beinahe sämtliche Befragte ausgerechnet das Bundesland Thüringen entweder nicht zu kennen vorgaben, es vergessen hatten oder sogar noch hinter das Saarland verdrängt: Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht und konnte nun sozusagen Thüringen. Von daher »ist es aus meiner Sicht doch ziemlich einfach, Boris. Zudem uns die sogenannte Zeit zuarbeitet. Es gibt ja vor allem zwei Kernkompetenzen des sympathischen Ostzwillings meiner Herkunftssphäre Baden-Württemberg: Würste und Frauen. Von daher rate ich zu einer Kampagne mit dem argumentativen Fundament Ficken und Grillen – das allerdings zunächst unausgesprochen bleibt. Es schwingt lediglich mit, bleibt subkutan, subsonisch auch. Wir wissen das. Unsere Kunden ahnen das. Aber mehr ist da nicht«.

»Sehr gut.«

»Ja. Darüber aber werden wir einen argumentativ unangreifbareren Brückenkopf errichten. Dabei geht es um all das Gute, das Wahre, kurz: um all das, wofür wir, wofür hier Erik, Heinrich, du, Boris, und schließlich auch ich das Bundesland Thüringen und seine kulturelle Sphäre lieben wollen und bereits lieben: die Zitadelle auf dem Petersberg – mitten in Erfurt! –, größer noch als die in Mainz. Überhaupt, dass man in Thüringen so gut skilaufen kann – auch wenn es häufig Nebel hat; aber gerade das, ein Langläufer nebliger Loipen! Die Nougatspezialitäten von Viba in Schmalkaden. Es ist alles da in Thüringen, sogar Weimar.«

»Tja. Aber halt auch Björn Höcke«, gab Boris Lochthofen zu bedenken.

Wir nickten. Doch auch hierfür gab es eine Lösung. Und ich malte ihm die Sächsisch-Thüringischen Befreiungskriege aus, an deren Ende der Freistaat Thüringen von der Zitadelle auf dem Petersberg aus neu ausgerufen würde. Mit Weimar als Exklave und kultureller Hauptstadt, Erfurt als faktischer Hauptstadt und dem für das nun bekannteste Bundesland von allen gültigen Slogan »Thüringen, Land der weißen Weste«. Flankierend, besonders wirksam in touristischen Belangen käme »Weite, Näher: Thüringen« zum Einsatz. Und eben dort, am Fuße des Petersbergs, den der preußische König einst als Nagel im Fleisch der Thüringer gehalten hatte, würde dann in den ehemaligen Hallen des Heizkraftwerks nach dem Vorbild des Berghain zu Berlin, das Sergej Lochthofen Zentrum für Kunst und Literatur eröffnet. Ein Konzept lag so gut wie schlüsselfertig vor.

Zu den Schwachpunkten des Mainhattan gehört die frühe Schließzeit um 15 Uhr. Wir hatten uns schließlich (!) gerade erst warm geredet. Der Bembeljung‘ aber leerte nun geräuschvoller als nötig den Wörschtkessel, außerdem wurde über Gebühr geschrubbt und gedöns‘. Wir zahlten fürs Erste und verabschiedeten uns. Kurz ging die Überlegung dahin, dass wir uns nach der Thüringer Landesvertretung vertagen sollten, aber selbst Heinrich riet dann letzten Endes davon ab, da die dortige Wurstbraterei noch früher als die Hessische schlösse. Also blieb bloß noch Dunkin‘ Donuts.

27.10.

Von Hermann Lenzens Vater wurde durch Hermann Lenz selbst dessen Begriff der Wandmüdigkeit überliefert. Ein extrem schönes Wort für jenen anders schwer zu beschreibenden Zustand, in dem ich mich seit Tagen befinde. Dass ein Leben, plötzlich, beinahe schon über Nacht, bei geschlossenen Fenstern und Türen eine derartige Veränderung in meinen Gefühlshaushalt bringen würde, hatte ich nicht erwarten können. Also begann ich eine ziellose Wanderung durch die tropfnassen Waldstücke zwischen den Häusern und erreichte nach einem Weg, der die stadteinwärts führende Schnellstraße entlang ging, das verlassene und bereits zur Hälfte vernagelte Gelände des Zollamtes Dreilinden. Man hatte hier noch zu Mauerzeiten ein Ensemble aus Gebäuden im Stile Fernand Légers errichtet. Die erdbeerfarbenen Klötze mit blassblauen Türen standen verlassen inmitten aufgerissener Parkflächen. Die sonnengelben Jalousien heruntergelassen, einige Fenster sogar eingeschmissen. Hinter den mit Natodrahtspiralen abgesicherten Zäunen war der Waldboden heftig aufgewühlt, weil das hier anscheinend zum Revier der Wildschweine geworden war. Auf dem angrenzenden Parkplatz standen einige sehr große Wohnwagen. Unter den Dächern der Vorzelte wurden Frühstückstische eingedeckt. Im Gebüsch am Wegesrand lagen etliche leere Flaschen, in denen sich vormals Babyöl von Penaten befunden hatte. Unter den Nutten des Zollamtsraststättenstrichs schien das die Marke de rigeur.

Stunden später, da hatte ich bereits den mir bislang unbekannten Ortskern von Zehlendorf erkundet, dabei aber das angekündigte Museumsdorf Düppel aufgrund dichter Nebelschwaden nicht finden können, erreichte ich zwischen der U-Bahnhaltestelle Krumme Lanke und noch vor dem in Sichtweite liegenden Mexikoplatz den Garten eines hübschen Hauses, aus dessen vorgelagerter Rasenfläche ein ansprechend geformtes Leuchtschild aufragte. War aber leider bloß Kunst. Nebst einigen alten und sich unter der Last ihrer Früchte tief herabbiegenden Bäumen, deren im nassen Gras herumliegende Äpfel ich aufsammelte, standen in diesem Garten, insbesondere in dessen hinter dem Haus gelegenen Teil, noch einige Kunstwerke mehr herum. Diese qua Aufstellungsort Garten als Skulpturen ausgewiesenen Gegenstände und Zusammentstellungen von Gegenständen waren, wie in einem Witzfilm aus den achtziger Jahren, lediglich an den in einigem Abstand montierten Erklärschildchen als Kunstwerke zu identifizieren. Solchermaßen als Banause beschimpft zu werden, gefiel mir nun schon wieder gut, wann hat man das schon mal, und die Wandmüdigkeit wich nun zum ersten Mal seit vielen Tagen ein entscheidendes Stück weit aus meinem Gemüt. So musste ich beispielsweise bald laut auflachen, was den in einiger Entfernung mit Laubharken beschäftigten Gärtner kaum aus der Ruhe zu bringen schien. Vermutlich kannte er das bereits zur Genüge. Ich hatte da gerade ein Werk des Künstlers Thomas Rentmeister entdeckt. Beziehungsweise war es erst das Schild, das mich wie in einem der besagten schlechten Witzfilme darauf gebracht hatte, dass es sich bei der Ansammlung verrottender Kühlschränke unter der Kiefer tatsächlich um ein Werk eines Künstlers, eben dieses Thomas Rentmeisters handeln sollte. Dessen Werkgeschichte hatte ich mit dem Jahrtausendsprung etwas aus den Augen verloren. Damals, am Ende der neunziger Jahre, hatte ich in München noch eine Ausstellung seiner Werke besucht, da hatte er aus poliertem Kunstharz sehr dekorative Kleckse und Wülste hergestellt, die unterhaltsam waren und vor allem das Deckenlicht reflektierten. Mittlerweile aber, das stand auf dem Erklärschildchen, das aus dem geharkten Rasen ragte, hatte sich Thomas Rentmeister wohl vollkommen auf verrottende Kühlschränke verlegt und war hauptsächlich für diese Etappe seines Werkes berühmt: »Seit einigen Jahren baut Thomas Rentmeister Skulpturen aus gestapelten Kühlschränken. Er bringt Dinge des Alltags, die der Hygiene und direkt oder indirekt dem Wohl unseres Körpers dienen, zusammen. Statt wie in früheren Arbeiten die Oberflächen und Zwischenräume mit Penatencreme zu füllen« — Wahnsinn! Ich hatte anscheindend zwei ganze Stufen seiner Weiterentwicklung verpasst. Na gut, so nahm ich es tadelnd zu mir: So kann es dann halt kommen, wenn man nicht ab und an die selbstgewählte Zurückgezogenheit in der Einöde ruckhaft abzustreifen sich gewillt zeigt, um, nach einem Ausflug wieder wandlüstern geworden, mit neuartigen Eindrücken dorthin zurückzukehren, von wo aus man vor lauter Wandmüdigkeit schon beinahe wütend auf sich selbst und die selbstgeschaffenen Umstände, aufs Wetter, die Fenster, das Bild vor den Scheiben, ein paar Stunden zuvor noch aufgebrochen war.

26.10.

Aufgewacht aus einem Traum, in dem ein kleiner roter Koffer aus Hartplastik die tragende Rolle spielte. Mein träumendes Ich hielt ihn am Griff in der Hand, trug ihn. Meine Aufmerksamkeit war den Traum über auf diesen Koffer gerichtet, sodass er stets im Bild zu sehen war (von mir, der ich den Koffer ja trug). Trotzdem war mein Blick dadurch nicht an den Boden geheftet. Der Traum setzte sich im Nachhinein betrachtet aus einer Multioptik zusammen: Ich sah ja dazu noch geradeaus auf Häuser und Wege, denn es ging um eine Verfolgung, deren genauere Umstände ich mir aber nicht merken konnte. Diesen Koffer besaß ich einst wirklich. Ich weiß es, weil ich es erst vor einigen Monaten ein Polaroid in der Hand hielt, auf dem eine bewusst unscharf eingestellte Aufnahme einen Teil dieses Koffers gezeigt hatte.

Ansonsten, bis auf diesen Traum, ist gestern nichts passiert.

25.10.

Seit ein paar Tagen kauft sich Daniel nun jeden Morgen die Zeitung. Er hat keine Ambitionen, Deutsch zu lernen, hat aber durch das Anschauen meiner Exemplare die Arbeit der Frankfurter Bildredaktion zu schätzen gelernt. Klar, die Bilder aus dem Sportteil funktionieren auch ohne Worte. Ihn interessiert das Foto auf der jeweiligen Titelseite. Als dort vor ein paar Tagen auf gelbem Grund ein knallroter Hahn im Schablonendruck zu sehen war, wollte er gar nicht genau wissen, um was es in den Zeilen darunter ging. Das Bild aus dem gelben Cornflakeshahn und den schwarzen Frakturbuchstaben, die den Kopf darüber bilden, wirkte auf ihn stark genug im Sinne einer Nachricht. Gestern früh war an dieser Stelle ein hässliches Nagetier abgebildet. Es stand auf seinen kurzen Hinterbeinen und hielt sich, wie es schien, an einem danebenstehenden Beil fest. Es fiel mir schwer, zu erklären, worum es in dem zugehörigen Kurztext ging. Und selbst, als ich es einigermaßen erklärt hatte, schüttelte er noch ungäubig den Kopf. Ich frage mich, welchen Eindruck er wohl von der Zeitung bekommt. Beziehungsweise: was er einst seinen Stundenten an der kalifornischen Kunsthochschule über das Leben hier erzählen wird, wenn er mit den Souvenirs seines Deutschlandaufenthaltes zurückgekehrt sein wird: dem Ring, bestehend aus in fünf Jahren übereinandergeklebten Werbeplakaten, der von einer sogenannten Litfaßsäule geschält wurde; einer Sammlung von 60, 70 Titelseiten der Frankfurter Allgemeinen mit Hahn, Marder und wer weiß, was noch alles kommen wird bis Weihnachten (er bleibt noch bis zum zweiten Advent). Wenn ich ihm etwas erzähle, macht er sich nie Notizen. Die Informationen erreichen ihn meist ohne Zusammenhang, weil ihn der auch nicht zu interessieren scheint. Er lacht viel, findet halt vieles exotisch (so ähnlich wie das absurde Wetter, wenn es, wie gestern und heute vermutlich auch wieder, einfach mal regnet von weit vor Sonnenaufgang bis in die Nacht.) Und trotzdem, ich denke, so würde ich das machen, könnte sein Studienaufenthalt zu noch krasseren Ergebnissen führen, wenn man ihm für die Dauer seines Aufenthaltes das Internet verbieten würde. Am besten ganz wegnehmen! Dass er sich vollkommen den Bildern und der ihm unverständlichen Sprache ausgeliefert fände. Er forscht ja über die RAF. Und als sich in Sachsen der Islamist in seiner Zelle an seinem T-Shirt erhängte trotz Überwachung, hat ihm das extrem fasziniert. Da ergaben sich für ihn, er war gerade von einem durch die American Academy organisierten Rundgang in Stuttgart-Stammheim zurückgekehrt, aufregendste und ergiebigste Parallelen. Und gleich am nächsten Tag studierte er das Titelbild meiner Ausgabe der Zeitung – ich habe leider vergessen, was dort zu sehen gewesen war –, um sich sozusagen ein Bild zu machen. Und wenig später kaufte er sich dann seine eigene Ausgabe, um für seinen Bedarf ausschneiden zu können. So fing das bei ihm an.

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