»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

Journal

Die 21. Ausgabe der Metamorphosen beschäftigt sich mit dem Tagebuchschreiben. Liest sich ausgezeichnet, wünschte, all diese Autoren würden auch weiterhin öffentlich schreiben. Marc Degens beispielsweise ißt Tortellinisalat? Da hätte ich gerne das Rezept. David Wagner erwähnt ein Telefonat mit seinem Verleger, da geht es um ein von dem offenbar ins Wagnersche Manuskript hineinfantasierte Geschlechtsorgan mit teleskopischer Funktionsweise. René Kemp: Wir können die Tiere im Zoo nicht befragen, wer von den Tierpflegern gute Arbeit macht.

Worldwide Tagebuch: einfach das Interessanteste, das es gibt.

Lob des Schattens

Oasisch temperiert soll es in diesem islamischen Paradies sein, zu sarazenisch- seldschukischer Stimmungsmusik weht ein allenfalls lindes Lüftchen, kühlende Getränke werden gereicht und eine stattliche Anzahl Jungfrauen steht allzeit bereit. ( Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 29.09.2001)

Ursprünglich hatte ich nachschauen wollen, ob es oasisch heißen müsste oder oatisch. Die Dienstfertigkeit von Google hat natürlich, wie sämtliche Dienstfertigkeit, etwas verführerisches. Ob man dies nun klein zu schreiben hat, oder doch groß, um überhaupt verstanden werden zu können—und schon befinde ich mich im schönst denkbaren Wissensstrudel. Wie gestern, als ich, ursprünglich meiner Entspannung dienend, auf dem Bett lag und mit einem Mal brummte es weiter hinten im Raum. Eine Hornisse war durch die geöffneten Fenster hereingeschwebt und fand den Weg nicht mehr nach Draußen. Wohin sie, das Insekt, der Ordnung der Dinge gemäß hingehört. Anstatt mit dem iPad nach der Hornisse zu schlagen, wie es sich gehört nach alter Väter Sitte, schaute ich durch das iPad nach, was es zu Hornissen an sich zu lernen gibt.

Mittlerweile hasse ich das iPad ein bißchen. Würde viel lieber mit der Schreibmaschine ins Internet.

Denke aufgrund des Wetters wie ein Fotograf wohl denkt: Das Licht ist zu direkt. Grell. Es leiden die Farben. Unter Markisen sitzend stimmt mein Bild. Bierkutscher, die Ureinwohner Berlins, schuften. Sie rollen die Fässer von ihren Lastwägen herunter. Im Trottoir öffnen sich eisern beschlagene Klappen zu den Bierkellern. Diese Klappen und die von dort aus in die Unterkellerungen führenden Schächte gab, es gibt sie sogar heute noch, vor den Lokalen in New York.

Herr Mohn

Ursprünglich wollte ich nur diese eine Stelle wiederfinden, aber dann las ich mich gestern wie es heißt fest in Abfall Für Alle, und nachdem ich bemerkt hatte, das so schon einige Stunden an mir vorübergezogen waren, gab ich mich dem Werk hin und las es also gestern noch einmal komplett. Mit Gewinn, weil man ja jetzt bequem alle im Text erwähnten Namen und Fremdtexte googeln kann. Das vertieft die Lektüre oder erweitert sie (je nachdem, wie man als Leser den hinter den Seiten gelegenen Textraum sich vorstellt.) Fraglich, ob Rainald Goetz heute diesbezüglich Verknüpfungen einsetzen würde an solchen Stellen. Das wäre, auch das dokumentiert sein Text ja ausführlich, im Jahr 1998 aufgrund der technischen Entwicklung noch kaum möglich gewesen.  Und gestern saß ich unter dem Kastanienbaum und googelte ohne Snafu oder Modem und Kabel, einfach so, im Hypertextuellen Raum herum. Der freilich zu Teilen auch ein paratextueller war.

In Berlin hat man ja früher gern den Taxifahrer gefragt, wenn man etwas wissen wollte über das alltägliche Leben. Mittlerweile sind für mich Spätibetreiber die bessere Adresse. Haben sie doch, wie der Maler Jörg Immendorf das für sich einfordern wollte »Stets die volle Palette des Lebens vor sich.« Zumindest größtenteils. Und, das ist ja das schönste, auf gar keinen Fall repräsentativ. Ich frage mich immer, warum die keine einzige der Zeitungen lesen, die sie im Ständer feilbieten. Den ganzen Tag wird geskyped oder Serien auf dem Telefon angeguckt. Als ich heute früh hereinkam, sagte der Mann in Moabit, dessen Namen ich nicht weiß »Du Armer!« zu mir, damit bezog er sich auf mein T-Shirt, das mit dem Zeitungskopf der Frankfurter Allgemeinen bedruckt ist. 

Ich fragte, warum. Er sagte: »Mußt Du Geschenke anziehen.« 

Ich erklärte ihm, dass es sich mitnichten um ein Werbegeschenk handelte, sondern um ein von mir eigens in Auftrag gegebenes T-Shirt. Weil ich ein Fanboy dieser Zeitung bin. 

Verstand er nicht. Kann ich verstehen.

Reishase

Im Weltspiegel wurde über den Stand der feministischen Bewegung im Reich der Mitte berichtet: der Slogan Me Too ist dort natürlich per Dekret verboten. Wer ihn hinschreibt oder eintippt, kommt in Haft. Aussprechen aber ist erlaubt, deshalb lautet der Slogan unter Chinesen jetzt halt »Reishase«, weil das Wort für Reis wohl wie me klingt und das für Hase wie too. Aufmalen darf man den Slogan auch, es waren Bilder zu sehen von einer Schüssel Reis und einem miffyhaften Hasen daneben. Selbstverständlich vor rosafarbenem Hintergrund. Signalfarbe der Aufständischinnen weltweit.

In seinem Eintrag zum 6. Juli 1998 schreibt Rainald Goetz: »Neulich waren in der E-Mail folgende zwei Zeilen:

Du: ich werde ein Kind von dir bekommen.

felicitatis

Danke. Das ist eine Frau aus Frankfurt, mit der ich dreimal telefoniert habe, weil sie eine Radiosendung mit mir machen wollte, und ich sagte, okay, einmal im Jahr mache ich eine Radiosendung mit Text und Musik, wieso nicht mit ihr. Gut. Dann rief die mich in der Praxiszeit an und steuerte auf so komische Themen hin, mit Traum, Bett, hoppla. Und ich sofort: entschuldigung, wir kennen uns doch gar nicht, das ist mir unangenehm, wiedersehen. Nach der letzten Praxis-Veranstaltung kam sie zu mir her, hallo, ich bin Felicitas, und ich dachte gleich, alles klar. Vier Sekunden, fertig. Jetzt kriegt sie ein Kind von mir. Und daran soll man sich dann wohl erfreuen und erheitern und das lustig finden. Super Witz. Ich glaube, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in beide Richtungen komplett gerecht verteilt vorkommt. Und dass es alles auch viel weniger schlimm ist, als dauernd behauptet wird. Au, da gibts jetzt Aufschreie, bei sexuell TÄTLICH belästigten Frauen. Wenn ich sage, dass so eine Mail für mich schlimmer ist, als wenn mich jemand REAL sittlich und intim berührt, das gilt nicht. Das IST aber so.«

Sonntag

Nebelkrähen nehmen ein Sonnenbad. Dazu legen sie sich auf einer Lichtung flach hin wie Hühner und breiten die Flügel über den Rasen. Der Schnabel sperrt. Vermutlich dient das der Kühlung.

Im Supermarkt ein neues Fabrikat von Hühnereiern entdeckt: Der Anbieter Spitz & Bube verspricht »Von Legehennen ohne gekürzten Schnabel/ Aufzucht der männlichen Küken/ nur echt mit cremefarbener Schale.« Die Eierschalen sind tatsächlich ecru, was in dem puderblauen, in ein mauve tendierenden Karton schön zur Geltung kommt. Auf dem Etikett des Kartons wird behauptet, die Schalenfarbe wird von den Hühnern der Rasse Sandy erzeugt »Unsere Sandys sind besonders robust und vital und neigen weniger zu Verhaltensauffälligkeiten wie z.B. dem gegenseitigen Bepicken.«

Ein optimiertes Legehuhn also, duldsam. Ob ihm der Farbton für seine Eierschalen gleichsam mit programmiert wurde? Frank Schirrmacher hat mir im Herbst 2001 am sogenannten Rande der Frankfurter Buchmesse erklärt, wie ich mir, gentechnologisch gesehen, die Zukunft vorstellen muß: Seiner Meinung nach würde es bald eine Art Schreibmaschine geben, auf der die Eltern die Charaktereigenschaften ihrer künftigen Kinder eintippen könnten. Da ist ihm vielleicht die Fantasie durchgegangen, oder er hat etwas aus seiner beruflichen Erfahrungswelt auf die Wunschliste für wissenschaftliche Durchbrüche projiziert. Andererseits, im Angesicht der mit genetischem Warenzeichen verfärbten Eierschalen der Sandys: Vielleicht lassen sich bald auch schon Bratwürste aus fair produziertem Fleisch dadurch kenntlich machen, dass diese Würste lavendelgrau schimmern. Weil die Schweinerasse, aus der diese Würste hergestellt wurden, ein blaßlila Fleisch haben wird. Blut muß ja nicht zwangsläufig rot sein. Das weiß man von den Käfern.

Weniger angetan, direkt schnöd fand ich die neueste Errungenschaft der Lebensmittelchemie. Im selben Markt wurde nämlich Ahoj Brause in Dosen feilgeboten. Meine freilich durch Katharina Thalbach induzierte Vorfreude wurde durch das Tasting fundamental enttäuscht. Der Waldmeistergeschmack, eine beim zugrundeliegenden Original durch sämtliche Darreichungsformen—Pulver, Brocken, Stäbchen—erfrischende Köstlichkeit, schmeckt plump und zäh. Dazu kommt, dass die angebliche Brause nicht sprudelt, sondern blubbert.

Wie es unter Wienern hieße: ungustiös. 

The Joy of Text

Vor dem Sonnenuntergang, ich saß unter einem Kastanienbaum, da fühlte ich schlagartig ein juckendes Zappeln an meinem Hals. Wischte das weg—und auf der grau lackierten Tischplatte lag gelandet eine grasgrüne Raupe. Ganz klein. Durch den blinden Handschlag, den meiner Hand, schien der eine Teil ihres wursthaften Körpers gelähmt. Ich schob ihr die Stiftspitze hin, dass sie da draufkrabbeln sollte. Das gelang ihr aber nicht. Sie würmelte hilflos in Halbkreisen über den Tisch.

Das tat mir leid. Ich wußte nun nicht: soll ich das zur Lebensunfähigkeit verletzte Tier zerquetschen? War das meine Pflicht, da ich es aus Unachtsamkeit erst in diese scheußliche Lage gebracht hatte. Ein Dilemma für Buddhisten.

Die Spatzen hier sind ja auf Croissantkrümel spezialisiert.

In einem Artikel über Froschzüchter hatte ich gelesen vom großen Aufbruch in den den Vereinigten Staaten im Umkreis des Schwarzen Freitags, als der Verzehr von Froschschenkeln noch etwas Gewöhnliches war. Fleisch war Fleisch, ein Proteinlieferant. Als das zentrale Problem für die durch die Annoncen eines Betriebes für Froschfleisch in Dosen rekrutierten Froschbauern sollte sich dann erweisen, dass Frösche ausschließlich lebendiges Futter zu sich nehmen. Was in der Folge bedeutete, dass die Froschmäster vor allem mit der Herstellung lebendiger Maden und Würmer et cetera beschäftigt waren. Zusätzlichzu den sich andauern vermehrenden Fröschen auf ihrer Farm. Die Ratio von Futtermenge zu Frosch lag hierbei übrigens bei 3:1, da ein Frosch in etwa drei Jahre lang genährt werden mußte, bis er die erforderliche Schlachtreife erreicht hatte. Es gibt historische Aufnahmen, da sieht man in weiß gekleidete Frauen mit weißen Häubchen auf an langen Rinnen stehen in einer Froschschenkelverarbeitungshalle; abgetrennte Froschschenkel in Dosen sortierend.

Alles kann zur Szene werden, wenn man ein paar mal hintereinander im Theater war. Vergleichbar mit andauerndem Lesen, dann schaue ich mir manchmal auch dabei zu, dass ich beim Gang durch die Straßen eine Speisekarte redigiere, einen Schreibfehler auf einem Firmenschild korrigiere. Ich bin dann noch ganz in der Schrift.

Extrem wird es in einer Überkreuzung von beidem, wenn ich, wie derzeit, ein Buch lese, in dem es um theaterhaftes im Leben aus einer anderen Zeit geht, ich dazu aber auch obendrein noch ins Theater gehe. Ian Buruma beschreibt seine Eindrücke aus den Pornokinos im Tokio der siebziger Jahre, wie er dort verkleidete Männer trifft mit verschmiertem Lippenstift quer übers Gesicht, die ihn ehrfürchtig grüßen.

Dann sitze ich am Mittag, vermeintlich aus einer Laune heraus, in einem dubiosen Lokal, das von glänzend frisierten Malayen betrieben wird, die mir eine krude Kost aus warmgemachten Sushi in viel Sauce mit Stücken von Bananen und Litchi servieren. Beim Bezahlen hält einer von ihnen, es gab keine anderen Gäste außer mir, ein kupferfarbenes Funkmikrophon in der Hand und fängt, noch während ich mit ihm rede, an, zu einem Karaoke-Track aus seiner Herkunftskultur zu singen. Ordentlich Hall auf der Stimme. Und die anderen schauen mich an, sagen »He is a superstar!«

Später, da war der Eintrag schon beinahe geschrieben, schwebte die Raupe, von der Tischkante an einem seidenen Faden herabhängend im Sonnenlicht. Wie Leonard Cohen geschrieben hat: Your body is a golden chain, my body is hanging from.

Fifty Shades of Greis

Am Sonntagmittag erschienen weiße Tüpfel am Blau, flüchtig, mit langgezogenen Schlieren dazwischen, als müssten sie gleich wieder los. Im Wald ging ein schöner Wind, der Sandweg warm, eine Kiefer quietschte wie eine Schloßtür auf einer meiner Märchenplatten.

Im Gastgarten des Ausflugslokals wurde schon gegessen, der Wind fuhr dort durch die Hecke und ich fühlte mich sanft geschaukelt. Am Nebentisch ging es um den neuen Pfarrer, er spricht undeutlich. Und die Speisekarte wirft eine Frage auf: Was denn ein Ofenschlupfer sei? Erklärte ich freilich gerne. Es gab eine neue Kellnerin, die hat eine Stimme wie Kimmy Robertson. Die, nach ihrer Rolle als Polizeireviersrezeptionistin in Twin Peaks, später noch einen Staubwedel in einem Film von Walt Disney sprechen sollte. Das war also ein erstes Zeichen. Dann aber brachte sie mir die Käsespätzle, die ich dort immer bestellte, und ich fand die mißraten. Die obere Schicht eingetrocknet, wie unter dem Salamander verpennt. Darunter ganz lustlos. Offenbar hat dort also auch noch der Koch gewechselt. Wieder ein Schneckenhaus mehr, in das der falsche Krebs eingeschlüpft ist. Und ich fragte mich, ob der innere Qualitätssturz meines ehemaligen Lieblingslokals damit zusammenhängen könnte, dass ich den Grünen Baum einst meinem Nachbarn für einen Ausflug anempfohlen hatte — wider meines Empfindens hatte ich mich dazu hinreissen lassen! Denn wo dessen Saum das Land bloß streift, vergeht bald alles Leben.

Aber das Sitzen unter den Greisen dort tat mir gut. Ausgerechnet dort sollte ich erste Lieferungen erhalten. Mir fielen die ersten Sätze ein für den Roman. Das hat ja leider wieder ewig und drei Tage gedauert. Als ob ich es nicht besser wüßte. Weiß ich doch, aber trotzdem ist die Wartezeit sogenannter Inkubation eine Quälerei. Die sollte nun zumindest gemildert werden. Und vom Kirchturm kam um zwei das Glockenspiel »Geh aus mein Herz und suche Freud.«

Kaufte dann auf dem Nachhauseweg der Mutter Fourage vier hängende Geranien ab, rote. Ihrer Ansicht nach die einzigen Gewächse, die auf meinem Balkon gedeihen könnten. Dort geht, was wohl am Wind vom See her liegt, sonst alles ein: sogar Lavendel. Auch Rosmarin. Hatte freilich auch in dem Fall den Nachbarn verdächtigt. Bislang aber blühen die Pflanzen fleißig auf seit ihrer Ankunft in der windigen Bucht.

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